bezüglich der Wahrheitsliebe jemandes, der das folgende Machwerk von
Heine einem jungen Mädchen vorsagt, das im Salon sitzt und strickt.
Auf Flügeln des Gesanges,
Herzliebchen, trag' ich dich fort ...
»Herzliebchen«? Marie Ihr »Herzliebchen«? Wissen Ihre Eltern davon
und Luise Rosemeyer? Ist es wohl in der Ordnung, dies einem Kinde zu
sagen, das durch so etwas seiner Mutter doch sehr leicht ungehorsam
werden kann, indem es sich in den Kopf setzt, dass es mündig ist, da
man es »Herzliebchen« nennt? Was bedeutet das »Forttragen auf Ihren
Flügeln«? Sie haben keine Flügel und Ihr Gesang auch nicht. Probieren
Sie es mal über die Lauriergracht, die gar nicht einmal breit ist. Aber
hätten Sie auch Flügel, dürfen Sie dann wohl einem Mädchen, das noch
nicht eingesegnet ist, dergleichen Dinge vorreden? Und wenn auch
das Kind die Einsegnung schon hinter sich hätte, was bedeutet das
Anerbieten, zusammen wegfliegen zu wollen? Pfui!
Fort nach den Fluren des Ganges,
Dort weiss ich den schönsten Ort.
Gehen Sie meinetwegen allein dahin und mieten sich ein Zimmer, aber
nehmen Sie nicht ein Mädchen mit, das seiner Mutter im Haushalt
helfen muss! Aber Sie meinen das auch gar nicht so! Zunächst haben
Sie nie den Ganges gesehen und können also nicht wissen, ob da gut
leben ist. Soll ich Ihnen mal sagen, wie die Sachen stehen? Das
sind alles Lügen, die Sie nur darum erzählen, weil Sie sich bei all
dem Versezeug zum Sklaven von Mass und Reim machen. Wenn die erste
Zeile vielleicht auf Senf, Zuckerteig oder Leberthran geendigt hätte,
so hätten Sie Marie gefragt, ob Sie mitginge nach Genf, Braunschweig
oder Teheran, und so weiter. Sie sehen also, dass Ihre vorgeschlagene
Reiseroute nicht ernsthaft gemeint war, und dass alles hinausläuft auf
ein albernes Wortgeklingel ohne Sinn und Verstand. Wie wär's, wenn
Marie nun wirklich Lust kriegte, die verrückte Reise zu machen? Ich
rede nun gar nicht einmal von der unbequemen Methode, die Sie da
vorschlagen! Doch sie ist, dem Himmel sei Dank, zu verständig, um
Verlangen nach einem Lande zu haben, von dem Sie sagen:
Dort liegt ein rotblühender Garten
Im stillen Mondenschein;
Die Lotosblumen erwarten
Ihr trautes Schwesterlein.
Die Veilchen kichern und kosen,
Und schaun nach den Sternen empor;
Heimlich erzählen die Rosen
Sich duftende Märchen ins Ohr.
Was würden Sie in diesem Garten bei Mondenschein mit Marie
anstellen wollen, Stern? Ist das sittlich, ist das in der Ordnung,
ist das anständig? Wollen Sie, dass ich beschämt dastehe, so wie
Busselinck & Waterman, mit denen kein anständiges Handelshaus etwas
zu thun haben will, weil ihre Tochter weggelaufen ist, und weil es
niederträchtige Pfuscher sind? Was sollte ich wohl zur Antwort geben,
wenn man mich auf der Börse fragte, warum meine Tochter so lange in
dem roten Garten geblieben ist? Denn das begreifen Sie doch, dass
niemand mir glauben würde, wenn ich sagte, dass sie dahin müsste,
um den Lotosblumen einen Besuch abzustatten, die, wie Sie sagen,
sie schon lange erwarteten. Ebenso würde jeder verständige Mensch
mich auslachen, wenn ich so albern wäre, zu sagen: Marie ist da in
dem roten Garten--warum rot und nicht gelb oder lila?--um zu horchen
auf das Quasseln und Quatschen der Veilchen oder auf die Märchen,
die die Rosen sich heimlich ins Ohr blasen. Könnte so was auch wahr
sein, was hätte Marie davon, wenn es doch so heimlich geschähe,
dass sie nichts davon verstehen könnte? Doch Lügen sind das eben,
faule Lügen! Und hässlich sind sie auch noch dazu, denn nehmen Sie
doch mal einen Bleistift und zeichnen eine Rose mit einem Ohr, und
sehen Sie sich mal an, wie das aussieht! Und was bedeutet das, dass
diese »Märchen« so »duftend« sind? Soll ich es Ihnen mal sagen in der
Sprache, die man im gewöhnlichen Leben spricht? Das will sagen ... na,
noch gelinde gesagt ... dass ein Lüftchen von diesen albernen Märchen
ausgeht ... da haben Sie's!
Es hüpfen herbei und lauschen
Die frommen, klugen Gazell'n;
Und in der Ferne rauschen
Des heiligen Stromes Well'n.
Dort wollen wir niedersinken
Unter dem Palmenbaum,
Und Lieb' und Ruhe trinken
Und träumen seligen Traum.
Können Sie nicht nach »Artis« gehen, unserm Zoologischen Garten--Sie
haben doch wohl Ihrem Vater geschrieben, dass ich Mitglied bin?--sagen
Sie, kommen Sie denn nicht mit »Artis« aus, wenn Sie denn durchaus
fremde Tiere sehen wollen? Müssen es gerade Gazellen am Ganges
sein, die doch im wilden Zustande nicht so gut zu beobachten sind,
wie hinter einem sauber geteerten Eisengitter? Warum nennen Sie
diese Tiere fromm und klug? Das letztere lasse ich ja gelten--sie
machen wenigstens solche dummen Verse nicht--aber: fromm? Was heisst
das! Ist das nicht Missbrauch getrieben mit einem heiligen Ausdruck,
der nur auf Menschen vom wahren Glauben angewendet werden sollte? Und
dann der »heilige Strom«? Thun Sie recht, Marie Dinge zu erzählen,
die sie zur Heidin zu machen geeignet sind? Dürfen Sie sie in der
Überzeugung wankend machen, dass es kein anderes heiliges Wasser
giebt denn das der Taufe, und keinen anderen heiligen Strom denn den
Jordan? Ist das nicht Untergrabung von Sittlichkeit, Tugend, Religion,
Christentum und Anstand?
Denken Sie über dies alles einmal nach, Stern! Ihr Vater ist ein sehr
achtbares Haus, und ich bin mir gewiss, dass er es gut findet, dass
ich so auf Ihr Gemüt wirke, und dass er gern mit jemandem Geschäfte
macht, der Tugend und Religion hochhält. Ja, Grundsätze sind mir
heilig, und ich scheue mich nicht, geradeaus zu sagen, was ich
meine. Machen Sie also kein Geheimnis aus dem, was ich Ihnen sage,
schreiben Sie ruhig an Ihren Vater, dass Sie hier in einer soliden
Familie sind und dass ich Sie immer so aufs Gute weise. Und fragen
Sie sich selbst einmal, was aus Ihnen geworden wäre, wenn Sie zu
Busselinck & Waterman gekommen wären! Da würden Sie auch solche Verse
aufgesagt haben, und da hätte man nicht auf Ihr Gemüt gewirkt, weil es
niederträchtige Pfuscher sind. Schreiben Sie das ruhig an Ihren Vater,
denn wenn Grundsätze in Frage stehen, schone ich niemanden. Da würden
die Mädchen mitgegangen sein mit Ihnen nach dem Ganges, und dann lägen
Sie da nun vielleicht unter dem Baum im nassen Gras, während Sie nun,
weil ich Sie so väterlich verwarnte, hier bei uns bleiben können in
einem anständigen Hause. Schreiben Sie das alles an Ihren Vater und
sagen Sie ihm, dass Sie so dankbar sind, dass Sie zu uns gekommen sind,
und dass ich so gut für Sie sorge, und dass die Tochter von Busselinck
& Waterman durchgegangen ist, und grüssen Sie ihn sehr von mir, und
schreiben Sie ihm, dass ich noch 1/16 Prozent von den Maklerspesen
unter deren Gebot heruntergehen werde, weil ich die Unterbieter nicht
ausstehen kann, die einem Konkurrenten das Brot aus dem Munde stehlen
durch günstigere Bedingungen.
Und thun Sie mir doch den Gefallen, in Ihren Vorlesungen aus Shawlmanns
Paket mehr etwas Solides zu bringen. Ich habe darin Aufstellungen
gesehen von der Kaffeeproduktion der letzten zwanzig Jahre aus allen
Residentschaften auf Java: lesen Sie doch so etwas mal vor! Sehen Sie,
dann können die Rosemeyers, die in Zucker machen, einmal zu hören
kriegen, was da vor sich geht in der Welt. Und Sie müssen auch die
Mädchen und uns alle, wie Sie das an einer Stelle des Buches thun,
nicht so als Kannibalen hinstellen, die etwas von Ihnen aufgefressen
haben ... das ist nicht in der Ordnung, mein bester Junge. Glauben
Sie doch jemandem, der weiss, was in der Welt passiert! Ich habe
Ihren Vater schon vor seiner Geburt bedient--seine Firma meine ich,
nein ... unsere Firma meine ich: Last & Co.--früher hiess sie Last &
Meyer, aber die Meyers sind schon lange raus. Sie begreifen also, dass
ich es gut mit Ihnen meine. Und spornen Sie Fritz an, dass er besser
aufpasst, und lehren Sie ihn nicht Verse machen, und thun Sie so, als
wenn Sie es nicht sehen, wenn er dem Buchhalter Gesichter schneidet
und all solche Dinge mehr. Geben Sie ihm ein gutes Beispiel, da Sie
doch so viel älter sind, und suchen Sie ein ernstes und würdevolles
Wesen in ihn zu pflanzen, denn er soll Makler werden.