Über die Unsittlichkeit des Angelns. (Wer hat davon jemals gehört?)

Über die Sünden der Europäer ausserhalb Europas.

Über die Waffen der schwächeren Tierarten.

Über das 'jus talionis'. (Schon wieder ein infames Stück! Mit einem

Gedicht von einem andern, das ich gewiss für das allerschandbarste

erklärt haben würde, wenn ich es ausgelesen hätte.)

Und das war noch nicht alles! Ich fand, um von den Versen nicht

zu sprechen--es waren deren in vielerlei Sprachen--eine Anzahl von

Stücken, denen der Titel fehlte, Romanzen in malayischer Sprache,

Kriegsgesänge in Javanisch, und was nicht noch alles! Auch Briefe

fand ich, wovon viele in Sprachen, die ich nicht verstand. Einige

waren an ihn geschrieben, oder besser, es waren nur Abschriften,

doch er schien damit einen bestimmten Zweck zu verbinden, denn es

war alles von anderen Personen gezeichnet als: »gleichlautend mit dem

Original«. Dann fand ich noch Auszüge aus Tagebüchern, Aufzeichnungen

und lose Gedanken--einzelne wirklich sehr lose.

Ich hatte, wie ich bereits sagte, einige Stücke auf die Seite gelegt,

weil sie mir in mein Fach zu schlagen schienen, und für mein Fach lebe

ich. Doch ich muss zugeben, dass ich wegen des übrigen in Verlegenheit

war. Zurücksenden konnte ich das Paket nicht, denn ich wusste nicht,

wo er wohnte. Es war nun einmal offen. Ich konnte nicht leugnen,

dass ich Einblick genommen hatte, und das würde ich auch nicht gethan

haben, da es mir immer sehr um die Wahrheit zu thun ist. Auch glückte

es mir nicht, es wieder so zu schliessen, dass von dem Öffnen nichts

zu sehen war. Überdies kann ich nicht verhehlen, dass einige Stücke,

die über Kaffee nämlich, mir Interesse einflössten, und dass ich gern

davon Gebrauch gemacht hätte. Ich las täglich hier und da einige

Seiten, und ich kam je länger je mehr zu der Überzeugung, dass man

Makler in Kaffee sein muss, um so recht zu erfahren, was in der Welt

vorgeht. Ich bin überzeugt, dass die Rosemeyers, die in Zucker machen,

niemals so etwas unter die Augen bekommen haben.

Ich fürchtete nun, dass dieser Shawlmann plötzlich wieder vor mir

stehen würde und mir wieder etwas zu sagen haben möchte. Jetzt fing

es mich an zu verdriessen, dass ich an jenem Abend in den Kapelsteg

eingebogen war, und ich sah ein, dass man niemals den anständigen Weg

verlassen muss. Natürlich hätte er mich um Geld gefragt und hätte von

seinem Paket gesprochen. Ich hätte ihm vielleicht etwas gegeben, und

wenn er mir dann am folgenden Tag die Masse Schreiberei zugeschickt

hätte, so wäre es mein rechtliches Eigentum gewesen. Ich hätte dann

den Weizen von der Spreu scheiden können, ich hätte die Nummern

zurückbehalten, die ich für mein Buch nötig hatte, und den Rest

verbrannt oder in den Papierkorb geworfen, was ich nun nicht thun

kann. Denn wenn er zurückkäme, müsste ich es abliefern, und wenn er

sähe, dass ich an ein paar Stücken von seiner Hand Interesse zeigte,

würde er sicher zu viel dafür fordern. Nichts giebt dem Verkäufer

mehr Übergewicht, als die Entdeckung, dass dem Käufer an seiner Ware

gelegen ist. So eine Position wird denn auch von einem Kaufmann,

der sein Fach versteht, so viel wie möglich vermieden.

Ein anderer Gedanke--ich sprach schon davon--der beweisen möge, wie

empfänglich für menschenfreundliche Anwandlungen einen das Besuchen der

Börse lassen kann, war dieser: Bastians--das ist der dritte Schreiber,

der so alt und stümperig wird--war die letzte Zeit von den dreissig

Tagen sicher keine fünfundzwanzig auf dem Kontor gewesen, und wenn

er ins Kontor kommt, macht er seine Arbeit oft noch schlecht. Als

ehrlicher Mann bin ich der Firma gegenüber--Last & Co., seit die

Meyers raus sind--verpflichtet, dafür zu sorgen, dass jeder seine

Arbeit thut, und ich darf nicht aus verkehrt angewendetem Mitleid

oder aus Überempfindlichkeit das Geld der Firma wegwerfen. So ist mein

Grundsatz. Ich gebe lieber dem Bastians aus meiner eigenen Tasche ein

Dreiguldenstück, als dass ich fortfahre, ihm die siebenhundert Gulden

auszuzahlen, die er nicht mehr verdient. Ich habe ausgerechnet, dass

der Mann seit vierunddreissig Jahren an Einkommen--sowohl von Last &

Co., wie von Last & Meyer, aber die Meyers sind raus--die Summe von

beinah fünfzehntausend Gulden genossen hat, und das ist für einen Mann

von seinem Stande ein anständiges Sümmchen. Es giebt wenige unter den

kleinen Bürgersleuten, die so viel besitzen. Recht zu klagen hat er

also nicht. Ich bin auf diese Berechnung gekommen durch Shawlmanns

Stück über die Multiplikation.

Dieser Shawlmann schreibt eine gute Hand, dachte ich. Überdies, er

sah ärmlich aus und wusste nicht, wie spät es war ... wie wär's,

dachte ich, wenn ich ihm die Stelle von Bastians gäbe? In diesem

Falle würde ich ihm sagen, dass er mich »M'nheer« nennen müsse, aber

er würde wohl selbst schon dahinterkommen, denn es geht doch nicht,

dass ein Angestellter seinen Prinzipal bei Namen anredet, und ihm wäre

vielleicht fürs Leben geholfen. Er könnte mit vier- oder fünfhundert

Gulden anfangen--unser Bastians hat auch lange gearbeitet, bis er zu

siebenhundert aufstieg--und ich hätte eine gute That gethan. Ja, mit

dreihundert Gulden würde er wohl beginnen können, denn da er niemals

vorher in einem Geschäft Stellung hatte, kann er wohl die ersten Jahre

als Lehrzeit betrachten, was nur billig wäre, denn er kann sich nicht

in einen Rang stellen mit Menschen, die viel gearbeitet haben. Ich bin

überzeugt, dass er mit zweihundert Gulden zufrieden sein würde. Aber

ich hatte noch keine Garantien wegen seines Betragens ... er hatte

einen Shawl um. Und zudem, ich wusste nicht, wo er wohnte.

Ein paar Tage darauf waren der junge Stern und Fritz zusammen im

»Wappen von Bern« auf einer Bücherauktion gewesen. Fritz hatte ich

verboten, etwas zu kaufen, doch Stern, der reichlich Taschengeld

hat, kam mit einigen Schmökern nach Haus. Das ist seine Sache. Doch

sieh, da erzählte Fritz, dass er Shawlmann gesehen hätte, der bei

dem Verschleiss angestellt schien. Er hätte die Bücher aus den

Schränken genommen und sie auf dem langen Tisch dem Auktionator

zugeschoben. Fritz sagte, dass er sehr bleich aussah, und dass ein

Herr, der da die Aufsicht zu haben schien, ihn ausgezankt hätte,

weil er ein paar Jahrgänge von der »Aglaja« hatte fallen lassen, was

ich denn auch sehr ungeschickt finde, denn das ist eine allerliebste

Sammlung von Damenhandarbeiten. Marie hält sie zusammen mit den

Rosemeyers, die in Zucker machen. Sie macht Knüpfarbeit daraus ... aus

der »Aglaja«, meine ich. Aber unter dem Zanken hatte Fritz gehört, dass

er fünfzehn Stüber den Tag verdiente. »Denken Sie, dass ich Lust habe,

fünfzehn Stüber täglich für Sie aus'm Fenster zu schmeissen?« hatte

der Herr gesagt. Ich rechnete aus, dass fünfzehn Stüber täglich--ich

denke, dass die Sonn- und Festtage nicht mitzählen, sonst hätte er ein

Monats- oder Jahresgehalt genannt--zweihundertfünfundzwanzig Gulden

im Jahr ausmachen. Ich bin schnell in meinen Entschlüssen--wenn man

so lange Geschäftsmann ist, weiss man immer sofort, was man zu thun

hat--und am andern Morgen früh war ich bei Gaafzuiger. So heisst der

Buchhändler, der die Auktion veranstaltet hatte. Ich fragte nach dem

Mann, der die »Aglaja« hätte fallen lassen.

--Der hat seinen Laufpass, sagte Gaafzuiger. Er war faul, dünkelhaft

und kränklich.

Ich kaufte ein Schächtelchen Oblaten und beschloss sogleich, es mit

unserm Bastians noch mal anzusehen. Ich konnte es nicht übers Herz

bringen, einen alten Mann so auf die Strasse zu setzen. Strenge,

doch, wo es sein kann, milde und gütig, das ist immer mein Grundsatz

gewesen. Ich versäume aber niemals, mich über etwas zu unterrichten,

was dem Geschäfte zugute kommen kann, und darum fragte ich Gaafzuiger,

wo der Shawlmann wohnte. Er gab mir die Adresse, und ich schrieb

sie auf.

Ich dachte andauernd über mein Buch nach, doch da ich auf Wahrheit

sehe, muss ich geradeaus sagen, dass ich nicht wusste, was ich da

anzufangen hatte. Ein Ding steht fest: die Baustoffe, die ich in

Shawlmanns Paket gefunden hatte, hatten grosses Interesse für die

Makler in Kaffee. Die Frage war nur, wie ich handeln musste, um

diese Baustoffe gehörig auszuwählen und aneinanderzureihen. Jeder

Makler weiss, von welchem Gewicht eine gute Sortierung der einzelnen

Ballen ist.

Doch schreiben--ausgenommen die Korrespondenz mit den

Geschäftshäusern--liegt so gar nicht in meinem Beruf; und doch

fühlte ich, dass ich schreiben müsste, denn vielleicht hängt die

Zukunft der ganzen Branche davon ab. Die Angaben, die ich in dem

Paket von Shawlmann fand, sind nicht von einer Art, dass Last &

Co. den Nutzen davon für sich allein behalten könnten. Wenn dies so

wäre, so würde ich mir nicht, das begreift jeder, die Mühe machen,

ein Buch drucken zu lassen, das Busselinck & Waterman auch in die

Hände kriegen, denn wer einem Konkurrenten auf die Beine hilft,

kann seine fünf Sinne nicht haben. Das ist ein fester Grundsatz

bei mir. Nein, ich sah ein, dass eine Gefahr droht, dass der ganze

Kaffeemarkt zu Grunde gehen würde, eine Gefahr, welche nur durch

die vereinten Kräfte aller Makler abgewehrt werden kann; ja, es

ist möglich, dass diese Kräfte dazu nicht einmal ausreichend sind

und dass auch die Zuckerraffinadeure--Fritz sagt: »raffineure«,

aber ich schreibe »nadeure«; das thun die Rosemeyers auch, und die

machen in Zucker. Ich weiss wohl, dass man sagt: raffinierter Schelm

und nicht: raffinadierter Schelm, aber das kommt daher, dass jeder,

der mit Schelmen zu thun hat, sich so schnell wie möglich von der

Sache drückt--dass dann auch die Raffinadeure und die Händler in

Indigo dabei nötig sein werden.

Wie ich so über dem Schreiben nachdenke, kommt es mir vor, dass selbst

die Schiffsreedereien einigermassen dabei interessiert sind, und die

Kauffahrteiflotte ... gewiss, so ist es! Und die Segelmacher auch,

und der Finanzminister, und die Armenbehörden, und die andern Minister,

und die Zuckerbäcker, und die Galanteriewarenhändler, und die Frauen,

und die Schiffsbaumeister, und die Grossisten, und die Detailhändler,

und die Hauswärter, und die Gärtner.

Und--merkwürdig doch, wie einem die Gedanken so unterm Schreiben

aufkommen--mein Buch geht auch die Müller an, und die Pastoren,

und die Verkäufer von Schweizerpillen, und die Liqueurfabrikanten,

und die Ziegelbrenner, und die Menschen, die von der Staatsschuld

leben, und die Pumpenmacher, und die Reepschläger, und die Weber,

und die Schlächter, und die Schreiber auf den Maklerkontoren, und

die Aktionäre von der »Niederländischen Handelsgesellschaft«, und

eigentlich, recht betrachtet, alle andern auch.

Und den König auch ... ja, den König vor allem!

Mein Buch muss in die Welt. Dagegen ist nichts zu machen! Lass es auch

meinetwegen Busselinck & Waterman in die Finger kriegen ... Abgunst

ist meine Sache nicht. Aber Pfuscher und hinterlistige Hallunken sind

sie, das sage ich! Ich habe es heute noch dem jungen Stern gesagt,

als ich ihn in »Artis«, unsere zoologische Garten-Gesellschaft,

introduzierte. Er mag es ruhig seinem Vater schreiben.

So sass ich denn noch vor ein paar Tagen arg im Dustern mit meinem

Buch, und sieh doch, Fritz hat mir auf den Weg geholfen. Ihm

selbst habe ich dies nicht gesagt, weil ich es nicht gut finde,

jemanden merken zu lassen, dass man ihm verpflichtet ist--dies ist

ein Grundsatz bei mir--aber wahr ist es. Er sagte, dass Stern so ein

tüchtiger Junge wäre, dass er so schnell Fortschritte in der Sprache

mache und dass er deutsche Verse von Shawlmann ins Holländische

übersetzt hätte. Ihr seht, die Welt war auf den Kopf gestellt in

meinem Hause: der Holländer hatte in deutscher Sprache geschrieben,

und der Deutsche übersetzte das ins Holländische. Wenn jeder sich an

seine eigene Sprache gehalten hätte, wäre Mühe gespart worden. Aber,

dachte ich, wenn ich mein Buch von diesem Stern schreiben liesse? Wenn

ich was hinzuzufügen habe, schreibe ich selbst von Zeit zu Zeit

ein Kapitel. Fritz kann auch helfen. Er hat eine Liste von Wörtern,

die mit zwei e's geschrieben werden, und Marie kann alles ins Reine

schreiben. Dies ist gleichzeitig für den Leser eine Garantie gegen

alle Unsittlichkeit. Denn das begreift ihr wohl, dass ein anständiger

Makler seiner Tochter nichts in die Hände geben wird, was sich nicht

mit Sitte und Anstand verträgt!

Ich habe dann zu den Jungen über meinen Plan gesprochen, und sie fanden

ihn gut. Nur schien Stern, bei dem man--wie bei vielen Deutschen--einen

Stich ins Litterarische wahrnehmen kann, Stimme haben zu wollen in

Bezug auf die Art der Ausführung. Dies gefiel mir nun zwar nicht

sehr, doch weil die Frühjahrsauktion vor der Thür steht und ich von

Ludwig Stern noch keine Ordres habe, wollte ich ihm nicht zu stark

widersprechen. Er sagte, dass: »wenn die Brust ihm erglühte vom Gefühl

für das Wahre und Schöne, keine Macht der Welt ihn hindern könne,

die Töne anzuschlagen, die mit diesem Gefühl übereinstimmten, und

dass er viel lieber schwiege, als seine Worte von den entehrenden

Fesseln der Alltäglichkeit gebändigt zu sehen.«--Ich fand dies nun

wohl recht närrisch von Stern, aber mein Fach geht allem vor, und

der Alte ist ein gutes Haus. Wir setzten also fest:

1. Dass er alle Woche ein paar Kapitel für mein Buch liefern

solle.

Max Havelaar · 第 20 / 109 题