(Der Brief trägt kein Datum; diese Unterlassung ist
offenbar durch Werners Zerstreutheit verschuldet.)
* * * * *
Die Kanonade war bereits seit langem verstummt, und noch immer wurden
neue und neue Verwundete gebracht. Die meisten davon waren Milizleute
und nicht Soldaten, oder friedliche Einwohner, darunter auch viele
Frauen und sogar Kinder: vor den Schrapnellen sind alle gleich. In mein
nahe dem Schlachtfeld gelegenes Krankenhaus wurden vor allem Milizleute
und Soldaten eingebracht. Die von den Granaten und Schrapnellen
verursachten furchtbaren Verwundungen machten sogar auf mich, den alten
Arzt, der seit Jahren nicht mehr chirurgisch gearbeitet hat, einen
tiefen Eindruck. Doch erhob sich aus dem Grauen triumphierend der
leuchtende Gedanke: Sieg!
Es war unser erster großer Sieg im gegenwärtigen Ringen, war ein
entscheidender Sieg. Die Wagschale senkte sich nach der anderen Seite.
Ein furchtbares Gericht hub an. Hier wird es keine Gnade, sondern
Gerechtigkeit geben. Schon längst war die Zeit reif ...
Auf den Straßen Blut und Trümmer. Feuersbrünste und der Rauch der
Kanonade hatten die Sonne blutrot gefärbt. Doch erschien sie unserem
Auge nicht böse und zornig, sondern freudenvoll. In der Seele klang ein
Kampflied, eine Siegeshymne.
* * * * *
Leonid wurde gegen Mittag ins Krankenhaus gebracht. Er hatte eine
gefährliche Wunde in der Brust und einige leichte Verletzungen, fast nur
Schrammen. Er hatte sich zur Nachtzeit mit dem fünften Grenadierregiment
in jenen Teil der Stadt begeben, der sich in den Händen der Regierung
befand. Der Kampf endete damit, daß einige verzweifelte Ueberfälle
Schrecken und Demoralisation hervorriefen. Leonid selbst hatte diesen
Plan entworfen und dessen Ausführung geleitet. Er hatte in früheren
Jahren viel in dieser Stadt gearbeitet und kannte alle Winkel und
Verstecke, konnte deshalb dieses tollkühne Unternehmen besser
durchführen als jeder andere. Der Führer der Miliz, der zuerst gegen den
Plan gewesen war, stimmte schließlich zu. Es gelang Leonid, mit seinen
Granaten bis zu einer der feindlichen Batterien vorzudringen und etliche
Kisten mit Munition zu zerschmettern. Während der durch die Explosion
entstandenen Panik gelang es den Unseren, die feindlichen Waffen zu
zerstören, sowie die Batterien. Dabei erhielt Leonid einige leichte
Verwundungen. Beim Rückzug gelangten die Unseren in die Reihen der
feindlichen Dragoner. Leonid übergab das Kommando Wladimir, der sein
Adjutant war, schlich sich selbst mit den beiden letzten Granaten zum
nächsten Tor, hielt sich im Hinterhalt, bis es den anderen gelungen war,
sich zurückzuziehen. Er ließ die feindlichen Reihen zum Teil an sich
vorüberschreiten, warf dann die erste Granate gegen einen Offizier, die
zweite in die nächste Gruppe der Dragoner. Die ganzen Reihen flüchteten
eiligst; die Unseren kehrten zurück und fanden Leonid schwer verletzt
neben seinen Granaten. Sie brachten ihn noch vor dem Morgengrauen in
unsere Linien und übergaben ihn mir.
Es gelang mir, den Granatsplitter zu entfernen, doch waren die Lungen
verletzt und Leonid befand sich in einem kritischen Zustand. Ich brachte
den Kranken so gut wie möglich unter, freilich konnte ich ihm nicht das
geben, dessen er am meisten bedurfte: die völlige Ruhe, die ihm so sehr
not tat. Am Morgen begann die Schlacht von neuem, ihr Dröhnen drang bis
zu uns. Die unruhige Erwartung des Ausgangs der Schlacht verstärkte
Leonids Fieber. Als noch weitere Verwundete eingebracht wurden,
steigerte sich seine Erregung, und ich war gezwungen, vor sein Bett
einen Wandschirm zu stellen, damit er die fremden Wunden nicht sehe.
* * * * *
Nach etwa vier Stunden ging der Kampf bereits seinem Ende zu, und der
Ausgang war klar ersichtlich. Ich war mit der Unterbringung der
Verwundeten beschäftigt. Da wurde mir die Karte jener Frau gebracht, die
sich vor einigen Wochen schriftlich nach Leonids Befinden erkundigt und
mich nach Leonids Flucht aufgesucht hatte. Ich sandte sie damals mit
einem Empfehlungsschreiben zu Ihnen, damit sie in Leonids Manuskript
Einsicht nehme. Sie war zweifellos eine Genossin und anscheinend
Aerztin. Deshalb führte ich sie in mein Zimmer. Sie trug auch heute wie
damals einen dichten schwarzen Schleier, der ihre Züge völlig verdeckte.
»Ist Leonid bei Ihnen?« fragte sie, ohne mich zu begrüßen.
»Ja«, erwiderte ich, »doch darf er sich keiner Aufregung aussetzen;
wenngleich seine Verwundung eine ernste ist, so hoffe ich dennoch, ihn
heilen zu können.«
Sie stellte hastig eine Reihe von Fragen an mich, die den Zustand des
Verwundeten betrafen. Dann erklärte sie, ihn sehen zu wollen.
»Wird das Wiedersehen ihn nicht aufregen?« fragte ich.
»Zweifellos«, lautete die Antwort. »Doch wird ihm diese Aufregung weit
mehr nützlich als schädlich sein. Dafür kann ich Ihnen bürgen.«
Ihre Stimme klang entschlossen und sicher. Ich fühlte, daß sie genau
wisse, was sie sage und konnte ihre Bitte nicht abschlagen. Wir begaben
uns in jenen Raum, wo Leonid lag und ich zeigte mit einer Gebärde, sie
möge sich hinter den Wandschirm begeben. Ich selbst verharrte in der
Nähe, am Bett eines anderen Schwerverwundeten, um den ich mich bemühte.
Es verlangte mich danach, das Gespräch der Frau mit Leonid zu
erlauschen, um eingreifen zu können, sobald dies notwendig wurde.
Während sie sich hinter den Schirm begab, hob sie ein wenig den
Schleier. Ich erblickte ihre Silhouette durch das undichte Gewebe des
Schirms und sah, wie sie sich zu dem Verwundeten niederbeugte.
»Die Maske ...« ertönte Leonids schwache Stimme.
»Deine Netti«, entgegnete sie. Und in diesen leise, melodisch
gesprochenen Worten lag so viel Liebe und Zärtlichkeit, daß mein altes
Herz erbebte, erfaßt von schmerzlich freudigen Gefühlen.
Die Frau machte eine scharfe hastige Gebärde, fast, als wollte sie ihren
Kragen lösen, nahm dann Hut und Schleier ab und beugte sich noch näher
zu Leonid nieder. Einen Augenblick herrschte tiefes Schweigen.
»Das bedeutet wohl, daß ich sterbe?« fragte Leonid leise.
»Nein, Lenni, das ganze Leben liegt vor uns. Deine Wunde ist nicht
tödlich, ist nicht einmal gefährlich.«
»Und der Mord?« rief er schmerzlich erregt.
»Das war eine Krankheit, mein Lenni. Sei ruhig, diese tödliche Wunde
wird niemals zwischen uns stehen, auch nicht auf dem Wege zu unserem
erhabenen gemeinsamen Ziel. Wir werden das Ziel erreichen, mein Lenni
...«
Ein leises Stöhnen löste sich aus seiner Brust, doch war es kein
Schmerzenston. Ich verließ das Zimmer; mein Patient hatte mir bereits
alles verraten, was ich zu wissen verlangte. Es hätte keinen Sinn
gehabt, weiter zu lauschen. Einige Minuten später erschien die
Unbekannte abermals in Hut und Schleier bei mir.
»Ich nehme Leonid mit«, sprach sie. »Er wünscht dies selbst, und die
Bedingungen für seine Genesung sind bei mir günstiger als hier; Sie
können ganz unbesorgt sein. Zwei Genossen warten unten, werden Leonid zu
mir schaffen. Lassen Sie uns, bitte, eine Tragbahre zur Verfügung
stellen.«
Ich hatte keine Ursache, mich zu weigern: in unserem Spital waren die
Bedingungen tatsächlich keineswegs glänzend. Ich fragte die Unbekannte
nach ihrer Adresse, -- sie wohnte ganz nahe von hier. Ich beschloß, am
folgenden Tag hinzugehen und Leonid zu besuchen. Zwei Arbeiter
erschienen und trugen Leonid vorsichtig auf einer Bahre fort.
* * * * *
PS. geschrieben am folgenden Tag.
Leonid und Netti sind spurlos verschwunden. Ich war eben in ihrer
Wohnung: die Türen waren geöffnet, die Zimmer leer. Im großen Saal stand
ein ungeheures Fenster sperrangelweit offen, auf dem Tisch lag ein an
mich gerichteter Brief. Mit zitternder Hand waren bloß einige wenige
Worte geschrieben:
»Grüße an die Genossen. Auf Wiedersehen.
Ihr Leonid.«
Seltsam, ich fühle keinerlei Unruhe und Sorge. Diese Tage haben mich zu
Tode erschöpft; ich sah viel Blut, sah viele Leiden, die ich nicht zu
lindern vermochte, erblickte Bilder der Zerstörung und des Untergangs;
dennoch herrschen in meiner Seele Freude und Licht.
Das Aergste liegt hinter uns. Noch harrt unser ein langer und schwerer
Kampf, aber vor uns leuchtet der Sieg ... Und der neue Kampf wird
leichter sein.
Ende.