Aus dem Chaos der Erinnerungen und Gedanken, in dem meine Seele versank,
als ich sah, daß sich Netti auf der Erde befinde und nicht mit mir
zusammentreffen wolle, erhob sich nur das Endergebnis klar und deutlich.
Dies kristallisierte sich gleichsam von selbst heraus, ohne irgendeinen
logischen Prozeß, und stand über jedem Zweifel. Doch vermochte ich mich
damit nicht abzufinden. Ich wollte meine Tat mir und anderen gegenüber
begründen. Vor allem aber konnte ich mich nicht in den Gedanken finden,
daß Netti meine Tat nicht begreifen, sie für einen bloßen Ausbruch des
Gefühls halten könnte, obschon sie doch eine logische Notwendigkeit
gewesen war, die sich unvermeidlich aus meiner ganzen Geschichte
entwickelt hatte.
Es galt also, vor allen folgerichtig meine Geschichte zu erzählen, um
der Genossen, um meiner, um Nettis willen ... Deshalb wurde dieses
Manuskript geschrieben. Werner, der es als erster lesen wird -- am Tage
nach Wladimirs und meiner Flucht -- möge für dessen Veröffentlichung
sorgen, -- selbstverständlich muß er die nötigen, durch unsere
konspirative Tätigkeit bedingten Abänderungen vornehmen. Das ist meine
einzige Bitte. Ich bedaure sehr, daß ich ihm nicht zum Abschied die Hand
drücken kann ...
Während ich an diesen Erinnerungen schrieb, erhob sich die Vergangenheit
immer heller und klarer vor mir, das Chaos verwandelte sich in
Gewißheit, die von mir gespielte Rolle, sowie meine Lage zeichneten sich
scharf in meinem Bewußtsein ab. Mit gesundem Verstand und klarer
Erinnerung vermag ich alles zum Abschluß zu führen ...
Zweifellos überstieg die mir gestellte Aufgabe meine Kräfte. Worin aber
ist die Ursache meines Mißerfolges zu suchen? Und wie ist der Irrtum zu
erklären, den sich Mennis durchdringender, hoher Verstand bei meiner
Wahl zu schulden kommen ließ?
Ich entsann mich eines Gespräches, das ich mit Menni über meine Wahl
geführt hatte. Es war zu jener glücklichen Zeit gewesen, als Nettis
Liebe in mir den unbegrenzten Glauben an meine Kraft erweckt hatte.
»Wie kam es, Menni«, fragte ich, »daß Sie aus der großen Menge
verschiedenartigster Menschen unseres Landes, deren Bekanntschaft Sie
während Ihres Aufenthaltes auf der Erde gemacht hatten, gerade mich für
den geeignetsten Vertreter der Erde gehalten haben?«
»Die Auswahl war nicht besonders groß«, entgegnete er. »Sie mußte im
Rahmen der Vertreter des wissenschaftlich-revolutionären Sozialismus
getroffen werden, denn alle anderen Weltanschauungen standen der unseren
noch weit ferner.«
»Mag sein. Wäre es aber nicht viel leichter gewesen, unter den
Proletariern, die die Basis und die Kraft unserer Bewegung bedeuten, das
richtige zu finden?«
»Ja, es wäre richtiger gewesen, dort zu suchen. Aber ... ich hätte bei
ihnen nicht das gefunden, was mir unentbehrlich schien: die umfassende,
vielseitige Bildung, die höchste Stufe Ihrer Kultur. Diese Tatsache
lenkte mein Suchen nach der anderen Seite.«
So sprach Menni. Seine Annahme bewahrheitete sich nicht. Bedeutet dies,
daß er überhaupt keinen Erdenmenschen hätte mitnehmen dürfen, daß der
Unterschied zwischen den beiden Kulturen ein unüberbrückbarer Abgrund
ist, über den der _Einzelne_ nicht hinüberzugelangen, und den bloß die
Gesellschaft zu besiegen vermag? Das zu glauben, wäre für mich
persönlich ein großer Trost, doch zweifle ich ernstlich daran. Ich
glaube vielmehr, daß sich Menni in jener Ansicht, die unsere
Arbeitergenossen betrifft, geirrt habe.
Wodurch erlitt ich Schiffbruch?
Die erste Ursache war vielleicht der Umstand, daß sich eine Unmenge
Eindrücke des fremden Lebens auf meinen Geist stürzte, daß deren
Reichhaltigkeit mein Bewußtsein überflutete und die Ufer verwischte. Mit
Nettis Hilfe überlebte ich die Krise und fand mich wieder zurecht. Aber
war nicht diese Krise selbst die Folge jener erhöhten Empfindsamkeit,
jener verfeinerten Wahrnehmung, die rein geistig arbeitenden Menschen
eigen ist? Würde vielleicht einer primitiveren, etwas weniger
komplizierten, widerstandsfähigeren und einfacheren Natur alles leichter
gefallen, und für sie der rasche Uebergang weniger schmerzlich gewesen
sein? Vielleicht wäre es für den mindergebildeten Proletarier weniger
schwer gewesen, sich in ein neues, höheres Dasein zu finden, freilich
hätte er weit mehr Neues lernen müssen, doch wäre in seinem Fall nicht
nötig gewesen, so viel Altes zu verlernen, und gerade dies ist das
schwerste ... Mir scheint, daß ich in dieser Hinsicht recht habe und daß
sich in Mennis Berechnung ein Fehler eingeschlichen hatte, indem er dem
Kulturniveau mehr Bedeutung beimaß, als der kulturellen
Entwicklungskraft.
Ferner wurden meine Seelenkräfte von dem _Charakter_ jener Kultur
zermalmt, an die ich mich mit meinem ganzen Wesen anzupassen versuchte.
Ihre Erhabenheit erdrückte mich, die Tiefgründigkeit ihrer sozialen
Bande, die Reinheit und Durchsichtigkeit der Verhältnisse zwischen
Mensch und Mensch. Sternis Rede, die auf etwas plumpe Art die
Unermeßlichkeit der zwei Lebenstypen beleuchtete, war bloß die
Veranlassung, der letzte Anstoß, der mich in die Untiefe stürzte, an
deren Rand mich mit elementarer, unbezwinglicher Kraft der Widerspruch
zwischen meinem Innenleben und dem ganzen sozialen Milieu, in der
Fabrik, der Familie, der Gesellschaft, unter Freunden getrieben hatte.
Und abermals muß ich fragen, ob diese Widersprüche nicht gerade bei mir
doppelt so stark und scharf fühlbar wurden, bei mir, dem revolutionären
Intellektuellen, der neun Zehntel seiner Arbeit entweder in der
Einsamkeit verrichtet hatte, oder zumindest unter Bedingungen, die ihn
von seinen auf einer anderen Bildungsstufe stehenden Mitarbeitern
absonderten? Bei mir, dessen Persönlichkeit sich von den anderen
_abgesondert_ hatte? Würden sich diese Widersprüche nicht weit schwächer
bei einem Menschen ausgewirkt haben, der neun Zehntel seines
Arbeitslebens auf primitive, undifferenzierte Art verbracht, sich aber
stets in einem Kameradenkreis aufgehalten hatte, mit diesem durch eine
grobe, aber tatsächliche Gleichheit verbunden? Mir schien, daß dem so
sei, und daß Menni seinen Versuch in anderer Richtung wiederholen müßte
...
Zwischen den beiden von mir erlittenen Schiffbrüchen hatte es eine Zeit
der Entschlossenheit und der männlichen Tatkraft im Kampfe gegeben. Das,
was damals meine Kraft aufrecht erhielt, half mir auch heute ohne ein
Gefühl allzu großer Demütigung den Abschluß zu machen: Nettis Liebe.
Freilich war Nettis Liebe ein edler und liebevoller Irrtum gewesen,
dennoch war eine solche Liebe _möglich_; diese Tatsache konnte durch
nichts und niemanden weggeleugnet und verändert werden. Für uns
bedeutete sie eine Bürgschaft für die tatsächliche Annäherung der beiden
Welten, und für ihre künftige Verschmelzung zu einer einzigen, ungeahnt
schönen und starken Welt.
Und ich selbst ... Für mich gibt es keinen Abschluß. Für das neue Leben
war ich nicht geeignet, nach dem alten verlangt es mich nicht mehr. Ich
gehöre ihm nicht mehr an, weder den Gedanken, noch den Gefühlen nach. Es
gibt nur einen Ausweg.
Die Zeit ist vorüber. Mein Spießgeselle erwartet mich im Garten; eben
hörte ich sein Signal. Morgen werden wir bereits fern von hier sein, auf
dem Wege dorthin, wo das Leben brodelt und die Ufer überflutet, wo es
leicht sein wird, die mir so verhaßte Grenze zwischen Vergangenheit und
Zukunft zu verwischen. Leb wohl, Werner, guter, alter Genosse.
Gegrüßt seiest du, neues strahlendes Leben, und auch du, dessen
leuchtende Erscheinung: meine Netti!