In der Trauer hierüber nahm sie zu Büchern ihre Zuflucht; ihre Gedanken

hatten aber keine Stetigkeit, sie sah kein Ziel, sie war nicht erfüllt.

Konzerte, Theater, Sport, nichts befriedigte sie mehr. Ihre zahllosen

Beziehungen wurden von Tag zu Tag lockerer; oft mußte sie sich erst

mühsam erinnern, was sie an den oder jenen Menschen gefesselt hatte; sie

waren plötzlich so schmucklos und ohne Anreiz. Das Friesheimsche Haus

mied sie. Eduard hatte als Schiffsarzt Dienst auf einem Lloyddampfer

genommen; aus überseeischen Häfen schrieb er Briefe an Olivia, in denen

Enttäuschung, Resignation und schüchtern glimmende Hoffnung enthalten

waren. Sie antwortete selten, der Ton, den sie anschlug, konnte seine

Zuversicht nicht heben.

Eines Tages kam Marianne zu ihr, saß eine Weile schweigend da und begann

auf einmal zu weinen. Olivia umarmte sie; zu sagen wußte sie wenig,

Trost hatte sie keinen. Sie fragte nach Ingbert; Marianne schaute

erstaunt und unwillig empor. So verstellst du dich? zürnte ihr

vorwurfsvoller Blick. Erst als Olivia, kühl und befremdet, zum

zweitenmal fragte, erkannte Marianne ihren Irrtum, weinte aber noch

heftiger. Seltsam, die Tränen rührten Olivia nicht, ruhig forschte sie

Marianne aus und erfuhr, daß Ingbert schon seit Wochen in die Stadt

zurückgekehrt war und in seinem Atelier fast ohne Pflege krank lag. »Ja,

hast du ihn denn nicht besucht?« fragte Olivia mit großen Augen. »Wie

soll ich denn? Wie kann ich ihn denn besuchen?« erwiderte Marianne, und

um ihren Mund zuckte es hilflos. Olivia faltete die Hände und sagte

langsam: »Aber was willst du dann? Warum weinst du?« Marianne senkte den

Kopf. »Verzeih, Olivia, ich glaube, ich hab' dich ungerecht

beschuldigt,« hauchte sie. Darauf hatte Olivia keine Antwort und war nun

ganz kalt und zugeschlossen.

Als sie zu Ingbert kam, wurde sie von einer alten Aufwärterin

abgewiesen. Es dürfe niemand zu ihm, sagte die Frau, er liege im Fieber.

Sie fragte, welcher Arzt ihn behandle; die Frau erwiderte, er wolle

keinen Arzt. Da bat Olivia ihren Hausarzt, daß er ihn besuche, und

dieser beschwichtigte ihre Sorge. Auch ihren Bruder Ferdinand schickte

sie hin und war froh, zu bemerken, daß er an Ingbert Gefallen fand. Als

sie endlich selbst zu ihm gehen durfte, brachte sie ihm Rosen. Sein

blasses Gesicht wurde bei ihrem Anblick überflammt von Freude; ihre

offensichtliche Bestürzung über die Armseligkeit seiner Behausung

entlockte ihm ein wehmütiges Lächeln.

Sie kam fast täglich. Er besaß ein altes Spinett, darauf spielte er ihr

vor. Sie sah seine Bilder und Studien an und fragte, ob er nichts

verkaufen wolle. Es waren Arbeiten einer feinen Hand, voll Poesie und

besonderer Anschauung der Natur. Er wählte einige Stücke aus und nannte

Preise, gegen deren Bescheidenheit sie Einspruch erhob. Er wehrte

stolz-ergeben ab. Da sie sich jedoch in den Kopf gesetzt hatte, ihm,

wenn auch wider seinen Willen, zu helfen, schrieb sie an Robert Lamm,

von dem sie wußte, daß er an Bildern Interesse hatte. Ein paar Tage

später teilte ihr Ingbert mit, der Hofrat sei bei ihm gewesen, habe sich

aber nicht entschließen können, eines der Bilder zu erwerben. Es lag

etwas Verschmitztes in seinen Worten, Olivia schöpfte Argwohn und ging

zu Robert Lamm, um ihn zu fragen. »Dein Maler ist ein Narr,« sagte

Robert Lamm; »ich wollte ihm zwei Bilder abkaufen, er antwortete mir,

gerade von denen könne er sich nicht trennen. Ich bezeichnete ihm ein

anderes, da meinte er, das sei nicht fertig, und als wir endlich über

ein viertes beinahe handelseins geworden waren, behauptete er, das habe

er einem Freund versprochen. Du tätest gut daran, mich künftig mit

solchen Aufträgen zu verschonen.«

Er ging im Zimmer auf und ab. »Was soll's? Was soll's überhaupt?« fuhr

er mit seiner keifend-hellen Stimme fort. »Was soll's mit der ganzen

Kunst? Was fördert sie? Wen fördert sie? Wen tröstet sie? Wen macht sie

besser? Verringert sie das Elend, die Niedertracht, die Willkür? Es ist

alles Schwindel und Selbstbetrug. Die Leute, die dergleichen schaffen,

werfen Herz, Geist, Ideen, Genie in einen stinkenden Sumpf, und den

andern, die sich dafür begeistern, dient es als Ausrede für ihr

schlechtes Gewissen.«

Olivia widersprach; er beharrte; das Hin und Her von Worten war ein

unnützes Leiden. Es gab keinen Punkt, wo sie sich festsetzen konnte, er

riß sie fort, er riß sie in Furcht und Unglauben hinein. Mit Schrecken

spürte sie, daß sie bei jedem Schritt, den sie unternahm, innerlich vor

seinem Urteil zitterte, und all ihr Sinnen zielte daraufhin, sich dem

verhängnisvollen Einfluß zu entziehen. Was an Zärtlichkeit in ihrem

Gemüt war, strömte Ingbert zu; sie schenkte ihm ein unbegrenztes

Vertrauen, ein stilles freilich, aber er schien zu verstehen; nie

durchbrach ein vorwitziges Wort von ihm die Schranken, die sie

aufgerichtet hatte.

Er durfte sie küssen, wenn sie kam und wenn sie ging. Er vergaß nicht,

daß er es nur durfte. Er behandelte sie wie eine Kostbarkeit, die bloß

zufällig in seine Verwahrung gegeben war. Sie stand jetzt in der Blüte

ihrer Schönheit; alle Menschen drehten sich auf der Gasse nach ihr um;

ihre kühn-aufgereckte Haltung, der edle Gang, das nördliche Blond der

Haare, die perlenhafte Haut, der vollendete Bau des Körpers und seine

vornehme Bewegung, das alles im Verein war so selten wie unvergeßlich.

Ingbert malte sie, wieder und wieder. Er sagte: »Jetzt sehen Sie erst,

was für ein Stümper ich bin;« doch sie lächelte ihm zu und war froh über

diese Stunden, die ihr erlaubten, sich zu sammeln. So bezaubernd wie ihr

ehedem die ganze Welt geschienen hatte, so bezaubernd dünkte ihr nun

Ingbert allein. Und doch war ihr Gefühl verwirrt, tief und schmerzlich

verdunkelt.

Sie ließ sich selbst nicht ruhen, und endlich wähnte sie Klarheit zu

gewinnen. Was auf ihr lastete, war geistige Schuld, sittliche Schuld,

die von Jahr zu Jahr sich gehäuft hatte und noch immer, Stunde um

Stunde, wuchs. Und dort, in seiner freiwilligen Einsamkeit, saß der

Richter, zu dem mußte sie gehen, nur er konnte ihr helfen, -- zu den

Menschen, von den Menschen.

Menschen! Das war das Rätsel, das die Qual. Hatte sie denn die Menschen

vorher nicht gespürt, sie bloß hingenommen und nicht geprüft? Mit ihnen

gelebt und sie nicht erkannt? War alles nur Spiel gewesen, was sie mit

ihnen verbunden hatte, angenehme Lüge? Waren alle diese Bündnisse

nichtig, dies Mit- und Füreinandersein, war es wertlos, das Entzücken an

den Dingen verwerflich, die Beschwingung und das Streben eitle Gaukelei?

Und was berechtigte sie zu dem nagenden Mißtrauen? Was hatte die

Flügelkraft gelähmt, den unbeirrten Glauben zerbrochen? Woher waren die

Zweifel gekommen? Aus Worten nur. Durften Worte solche Macht haben? Doch

hinter den Worten standen die Gesichter, hier das Gesicht eines

Heuchlers, dort das Gesicht eines Rechtlosen, hier eins, das vom trägen

Genuß verwüstet war, dort eines, das der Hunger gezeichnet hatte; und

vor allem _sein_ Gesicht, Robert Lamms hartes, verstörtes, erbittertes,

richtendes Gesicht.

Sie mußte auch zu ihm gehen. Sie wollte Frieden haben; sie wollte mehr

Beweise haben; einen Spruch, auf den sie sich stützen konnte; einen Weg,

der in die Sonne zurückführte. Sie ertrug es nicht, sich in Haß gegen

die Welt zu verlieren.

* * * * *

Frau Khuenbeck hatte mit dem Hofrat wegen einer

Vormundschaftsangelegenheit zu sprechen; es handelte sich um die Zukunft

Ferdinands. Sie hatte ihm mehrere Male geschrieben, ehe er sich

entschloß, zu kommen. Sein Besuch fiel auf einen Tag im Fasching;

Ferdinand und Ingbert hatten sich verabredet, zusammen auf einen

Maskenball zu gehen, auch Olivia war von mehreren Bekannten zur

Teilnahme aufgefordert worden, hatte sich aber geweigert.

Robert Lamm saß mit Frau Khuenbeck am Tisch und überlas einige Urkunden,

da traten Ingbert und Ferdinand und ein Freund des letzteren mit Lärm

und Lachen ins Zimmer. Der eine war als Vagabund, der andere als

Indianer, der dritte als italienischer Fischer gekleidet. Frau Khuenbeck

erhob sich, heiter überrascht, Olivia stand lächelnd auf der Schwelle.

Robert Lamms Miene drückte Wohlgefallen aus, und er klatschte sogar

Beifall. Nach einem scherzhaften Wortwechsel mit den jungen Leuten

begann er von Redouten zu berichten, bei denen er durch diese oder jene

abenteuerliche und ungewöhnliche Tracht Aufsehen erregt hatte. Es

bedürfe vieler Phantasie, um solchen Veranstaltungen Würze zu verleihen,

meinte er, und schilderte ein Fest von ehemals, bei welchem

hervorragende Personen, Schriftsteller, Schauspieler, Diplomaten,

Tänzerinnen durch geistreiche Einfälle von sich reden gemacht hätten. Er

gab einige Anekdoten aus jener Zeit zum besten, die sein glänzendes

Erzählertalent ins Licht setzten, kurz, er war so aufgeräumt, so

unterhaltend und trotz des Zynismus, der heimlich oder unverhüllt stets

in seinen Worten lag, so gewinnend, daß alle an seinem Munde hingen und

ihr Bedauern nicht verhehlten, als er abbrach und sich, plötzlich wieder

trocken und hölzern höflich, empfahl.

Olivia war in Hut und Mantel, weil sie einige Einkäufe in der Stadt

machen wollte. Sie schloß sich dem Hofrat an, und er schien sich darüber

zu freuen. Seine unerwartete Gesprächigkeit hatte erlösend auf sie

gewirkt; sie schöpfte Hoffnung, seine Gegenwart schien keine Gefahr mehr

zu enthalten.

Schweigend gingen sie nebeneinander. Es war Abend, viele Menschen waren

unterwegs. Der Hofrat bog von den Hauptstraßen ab in die stilleren, aber

auch dort sprach er nicht. Anfangs dünkte Olivia dies Schweigen

natürlich, doch als sie ihn anschaute, bemerkte sie, daß seine Miene

finster und feindselig war. Sie erschrak; sie konnte sich die

Verwandlung nicht erklären; sie fürchtete, ihn verletzt zu haben, wollte

fragen, brachte aber kein Wort über die Lippen. Immer wuchtender, immer

lähmender wurde sein Schweigen, und er erschien ihr grausam und

geheimnisvoll dadurch. Sie hätte sich von ihm verabschieden können,

doch sie war nicht imstande, den Vorsatz auszuführen. Die Richtung, in

die sie gingen, lag weitab von ihrem Ziel; was zwang sie, ihm zu folgen?

Sie spürte, wie sie allmählich bleich wurde und ein fremdes Entsetzen

sie beschlich.

Auf einmal blieb er stehen. Sie waren bereits hinter dem Gürtel, und

statt der elektrischen Bogenlampen brannten fahle Gaslaternen. Er legte

beide Hände auf ihre beiden Schultern, blickte sie durchdringend an und

fragte: »Warum kommst du nicht zu mir?«

Stumm schaute sie zu Boden.

»Komm morgen,« sagte er befehlend.

Ein Automobil fuhr die Straße herauf. Er rief den Lenker an, fragte

Olivia, wohin sie zu fahren wünsche, half ihr in den Wagen, gab dem

Manne Geld, lüpfte den Hut und eilte hinweg.

* * * * *

Als sie am andern Nachmittag in die Villa kam, sagte ihr der Diener

Gerold, der Herr Hofrat sei im Garten. Langsam schritt sie durch die

Alleen und über die Wege und gewahrte ihn endlich auf einem Beet, wo er

harkte. In seiner Nähe gruben der Gärtner und sein Gehilfe die Erde um.

Er winkte ihr zu; sie blieb stehen und wartete. Nach einer Weile trat er

zu ihr. Er begann sogleich von Ferdinand zu sprechen und sagte, der

junge Mensch sei im Begriff, zu verludern; er habe mit der Mutter über

ihn gesprochen, und sie seien überein gekommen, daß es am besten wäre,

wenn man ihn nach Deutschland schickte. Einem angehenden Techniker böten

sich dort günstigere Aussichten und ein reicheres Feld der Betätigung

als hierzulande, wo alle Kraft geknickt werde und Talent und Fleiß dem

flüchtigen Genuß zum Opfer falle.

Ein anderer Plan, den er ebenfalls mit Frau Khuenbeck zum Austrag

gebracht hatte, war der einer Wohnungsveränderung. Die Wohnung in dem

eleganten Stadtviertel war zu teuer geworden, und Frau Khuenbeck hatte

sie schon vor einigen Wochen gekündigt. Sie hatte aber noch kein

passendes Heim gefunden, und da hatte ihr Robert Lamm geraten, in seine

Nähe, aufs Land zu ziehen. Zufällig hatte er davon gehört, daß in einem

Haus in Pötzleinsdorf eine Wohnung von drei Zimmern billig zu vermieten

sei; er sei heute vormittag dort gewesen, und da sich alles in

wünschenswertem Stand gezeigt, habe er die Wohnung gleich gemietet. In

vierzehn Tagen könnten sie übersiedeln, Olivia möge es zu Hause

ausrichten.

»Du hast dann nur ein paar Minuten Wegs zu mir,« schloß er, »kannst

kommen, wann du willst und hier im Garten spazieren gehen. Wenn du's

wünschest, richt' ich dir einen Pavillon ein, da kannst du sitzen und

träumen. Dort, das Rondell zwischen den Kastanien; vom Mai an ist es

ganz in Blüten begraben. Freilich, besser ist es, nicht zu träumen,

besser ist's, die Augen offen zu halten, damit man nicht betrogen wird.«

Olivia wie die Mutter schieden ungern aus der alten Wohnung, in der sie

seit dem Tod des Professors gelebt. Olivia erschien sich zu einem

ungewünschten Zustand vergewaltigt, und als sie das neue Heim bezogen

hatten, kam sie sich wie eine Verbannte vor, von allen Quellen

abgeschnitten. Sie unterdrückte ihr Gefühl, um das dumpfere der Mutter

nicht aufzuwecken; der Hofrat, der zuweilen herüber kam, merkte die

Verstimmung und erging sich in boshaften Bemerkungen. Um jene Zeit gab

es schon Blumen die Fülle in seinem Garten, und er schickte einmal eine

ganze Wagenladung von Topfpflanzen, mit denen Olivia die Fenster und den

Balkon schmückte, bis das Dürftige und ärmlich Frische der Zimmer

verhüllt war.

Im Mai reiste Ferdinand nach Berlin, einer größeren Bestimmung entgegen.

Seine Freunde gaben ihm ein Abschiedsfest; die Trennung von Mutter und

Schwester fiel ihm nicht leicht. Olivia konnte sich lange nicht

zurechtfinden; sein Mitdasein war ihr immer so selbstverständlich

gewesen, jetzt fehlten sein Scherz, seine liebenswürdige Ungebundenheit

zu allen Stunden. Frau Khuenbeck hatte den Plänen, die der Hofrat in

bezug auf Ferdinands Zukunft entwickelt hatte, stets willig beigestimmt;

die Verwirklichung betrachtete sie als ein ihr zugefügtes Unrecht, und

sie faßte einen Groll gegen Robert Lamm.

Hiervon war häufig die Rede zwischen Lamm und Olivia. Er äußerte sich

bitter über die Undankbarkeit der Mutter und spottete über ihre

wehleidige Schwäche. »Profit machen und nichts zusetzen, so ein Geschäft

wünschen sie sich alle,« sagte er verächtlich; »andere für sich schuften

lassen und im übrigen lustig sein, fröhlich sein, heirassassa.«

»Hätte dein Vater zu wirtschaften verstanden, dann brauchtet ihr nicht

wie die Kümmerlinge zu leben,« sagte er ein andres Mal; »er hat in

manchen Jahren sechzig-, siebzig-, achtzigtausend Kronen verdient, und

wenn er bloß die Hälfte zurückgelegt hätte, so hättet ihr heute ein

ansehnliches Vermögen. Statt dessen wurde alles für Küche und Keller

vergeudet; jeden Tag offene Tafel, ein Dutzend Kostgänger, die sich den

Bauch mästeten und wenn sie den Rücken gedreht hatten, sich das Maul

zerrissen, weil sie doch nie genug bekamen; Schöntuer und

Speichellecker, die sich auf Nimmerwiedersehen Geld ausborgten,

Dienstboten, die wie die Raben stahlen, wahrhaftig, es war zu toll! Das

Herz blutete einem beim Zuschauen. Da war nichts zu bessern; solche

Lebenshaltung galt für vornehm, keiner machte es anders, man war ein

Kavalier, man ließ sich nichts abgehen, man überzahlte jeden Genuß, und

jeder Schubiak konnte sein Trinkgeld einstecken, wenn er nur eifrig zu

katzbuckeln wußte. Und so stehen wir halt da, wo wir stehen, meine

Liebe. Nicht nur du und deine geehrte Mutter, sondern ringsherum die

ganze Kompanie, das ganze Land, dicht vor dem Bankrott, reif zum Sturz.«

Olivia wollte das Andenken des Vaters nicht geschmäht wissen und

verteidigte ihn mit dem Hinweis auf seine Güte und seine großmütige

Sinnesart. Das sei eine schlechte Güte, die das eigene Fleisch und Blut

der Sorge überliefere, nur weil die Lockung des Augenblicks stärker sei

als die Vernunft, war die Antwort; eine schlechte Großmut, die jedem

Lumpen zu willen sei und die Früchte mühevoller Arbeit einem

Parasitenhaufen an den Kopf werfe. »Du sprichst ja, als hättest du

meinen Vater gehaßt,« kam es empört von Olivias Mund. Robert Lamm

richtete sich steif empor. »Gehaßt? Er war mein Freund.« -- »Nun, also!«

-- »Was, also? An ihm zuerst habe ich unsere Krankheit konstatiert, er,

bei seiner Menschlichkeit und Redlichkeit, wurde mir zum Sinnbild

unseres Unterganges. Die Leistung an sich, auch die trefflichste,

ist nichts, so wie der allerreinste Charakter fast nur als eine

Abnormität dasteht, wenn er nicht die Kraft hat, umbildend zu wirken.

Ja, ich war sein Freund; ich weiß, wie er zeitlebens gearbeitet hat, wie

selbstlos er seinem Beruf hingegeben war. Aber ich war ein Feind seiner

Weichheit, seiner Wehrlosigkeit, seines Augenblicklertums, seines

Allesiebengradeseinlassens.«

Und er kam auf gewisse Zustände an der Klinik, die damals schon von sich

reden gemacht hätten und heute zum Skandal gediehen seien. Khuenbeck

habe dem Unwesen nicht zu steuern vermocht und sich seufzend ergeben. Er

sei niemals fähig gewesen, Ränke zu spinnen, aber er habe auch den

Gedanken nicht ertragen können, daß andere gegen ihn Ränke spannen.

Deshalb sei er auch nicht davor zurückgeschreckt, sich zu demütigen,

wenn es einen Widersacher zu versöhnen galt, und oft sei es geschehen,

daß er einem Kollegen, der ihn auf der Gasse mit herausfordernder Kälte

gegrüßt, einen Besuch abgestattet habe, um sich nach dem Grund seines

Gesinnungswechsels zu erkundigen. Da wurde dann geredet und geredet; der

klaffende Riß, der Gut von Böse, Reinheit von Gemeinheit scheidet, sei

mit Floskeln, Schmeicheleien und Versicherungen zugestopft worden, und

zum Schluß habe man sich freundschaftlich die Hände geschüttelt, womit

alles beim alten geblieben sei und die Schlamperei Fett angesetzt habe.

»Am Ende seines Lebens ist er dann müde und traurig geworden und sah

wohl ein, was er unschuldig verschuldet hatte,« sagte Robert Lamm.

»Eines Abends, es war kurz, ehe er die Reise antrat, von der er nicht

heimgekehrt ist, erzählte er mir die Geschichte eines seiner Schüler.

Der höchst begabte junge Mensch hatte den Malaria-Bazillus entdeckt; er

war bettelarm, und da er sich politisch kompromittiert hatte, konnte er

nirgends Unterstützung finden; alle seine Gesuche um ein Stipendium

wurden abschlägig beschieden. In der Verzweiflung darüber, daß er die

zur Herstellung des Serums, also zur Nutzbarmachung seiner Entdeckung

erforderlichen Mittel auf keine Weise aufbringen konnte, beging er die

Eselei, Banknoten zu fälschen. Die Sache kam natürlich ans Licht, er

wurde zu langjährigem Kerker verurteilt, und damit war seine Existenz

vernichtet. Deinem Vater war der Fall sehr nahe gegangen; er hatte von

den Arbeiten des jungen Fachgenossen gehört; er wußte, was für

Schwierigkeiten ihm in den Weg gelegt worden waren, Schwierigkeiten, auf

die bei uns jeder stößt, der etwas will, etwas kann und etwas ist. Als

er sich entschlossen hatte, einzugreifen, war es schon zu spät gewesen.

Freilich war er durchaus nicht sicher, daß sein Dazwischentreten die

Katastrophe abgewendet hätte. Zum ersten Male sah ich ihn ganz

niedergeschlagen, und in seiner müden Art klagte er das Regime an,

machte das Regime verantwortlich für alle Übel. Nun, dieses Lied war mir

bekannt. Das Regime ist wie der Drache im Märchen, der die Jungfrau zum

Fraß verlangt; allgemeines Heulen und Zähneklappern, Schimpfen und

Fluchen, aber der Drache gibt nicht nach, und die Jungfrauen werden

ausgeliefert. Im Märchen erscheint dann das tapfere Schneiderlein und

macht dem Untier den Garaus; ich möcht es nicht erleben, wie so ein

Schneiderlein bei uns traktiert würde; die Schikanen und Kniffe und

Bedenklichkeiten würden ihm seine Heldentat schon verleiden, wenn's

überhaupt dazu käme, und statt die Hand der Prinzessin gäbe man ihm zur

Belohnung einen Fußtritt.«

'Die Stimme, die Stimme,' mußte Olivia in einem fort denken; qualvoll

war ihr seine schrille, keifende Stimme, qualvoll dies Schelten,

Raunzen, Geifern und Höhnen. Sie sehnte sich nach einer Stimme, die

Klang hatte, die Tiefe hatte und nicht sich ins Innere bohrte gleich

einer Schraube. Sie hätte ihn oft bitten mögen, leise zu sprechen, aber

sie wagte es nicht, denn er war empfindlich; warf er ihr doch ohnehin

bei jeder Gelegenheit ihre Verzärtlichung und Versüßlichung vor und

spottete über das Rührmichnichtan, das in ihrer Miene lag.

Er entriß ihr Stück um Stück ihres inneren Besitzes. Was er mit seinem

Wort berührte, wurde entwertet und entheiligt. Bisweilen lehnte sie sich

auf gegen seine Welt- und Menschenverachtung, jedoch die Armseligkeit

ihrer Gründe entlockte ihm nur Hohn. Seine Erfahrung war um Beispiele

nie verlegen, vor den Tatsachen mußte sie sich beugen.

Anfangs glaubte sie, ihm etwas sein, ihm etwas werden zu können. Sie

wies auf die großen Werke hin, die großen Schöpfer, die großen Gedanken

der Menschheit. Er nannte das ein frommes Geplauder; die Menschen

redeten nur davon, es sei wie bei der Zeitung; über dem Strich feiere

die Korruption Orgien, unter dem Strich würden Schönheit und Moral

gepredigt, was billig zu haben sei und niemand in Unkosten stürze. Sie

erinnerte ihn an seinen Freund, den Musiker, der so viele erhoben, so

viele entflammt; er lachte geringschätzig und fragte, ob sie denn nicht

wisse, daß man gerade den mit giftigem Haß verfolgt und förmlich in den

Tod gejagt habe.

Sie wußte nichts davon; er berichtete Einzelheiten, erzählte, wie der

wunderbare Mann gelitten hatte, wie er gegen das Ende seines Lebens, um

sich und seine Kunst zu retten, keine andere Möglichkeit gesehen habe,

als aus dem Land zu fliehen und wie er sich in Amerika durch aufreibende

Wanderfahrten die Krankheit zugezogen habe, die seiner sternenhaften

Bahn ein Ziel gesetzt.

Da tönte aus der Vergangenheit die herrlich-sonore Stimme, nach der sich

Olivia gesehnt, die Stimme des Aufschwungs, Seelenstimme, erstickt nun

und verloren; sie schauderte und ließ die Schwärze wehrlos um sich

niedersinken.

* * * * *

Mied sie Robert Lamm, so rief er sie; widerstrebte sie dann noch, so kam

er selbst. Er war der Stärkere; mit eiserner Faust zog er sie in seine

finstere Sphäre. Er zwang sie, mit seinen Augen zu sehen, er belud sie

mit seiner schmerzlichen, im Grunde edlen, aber auch ohnmächtigen

Verbitterung. Als sie wahrnahm, daß sie nur noch mit seinen Augen sah,

erschlaffte jeder Nerv an ihr.

Mit einer letzten Anstrengung suchte sie sich zu befreien. Bei Senoners

war ein Ball, sie wurde eingeladen und ging hin. Als ausgezeichnete

Tänzerin, die sie war, wurde sie lebhaft umworben, aber schon bei dem

ersten Walzer erfaßte sie ein Grauen vor der Umschlingung eines

wildfremden Menschen. Alle Gesichter erschienen ihr zu Grimassen

verzerrt, in allen sah sie etwas Drohendes, Gemeines und Feiges. Die

Lichter taten ihr weh; das Lachen und Scherzen, Nina Senoners

Herzlichkeit, alle Bewegung, Musik und Worte, alles tat ihr weh.

Jeanette, Ninas Tochter, ein Mädchen von sprühendem Temperament, sorglos

wie eine Elfe, folgte Olivia auf Schritt und Tritt; sie war wie behext

von der schönen Freundin ihrer Mutter, und Nina, die es merkte, lächelte

still und bat Olivia, sie möge doch wieder zu ihr kommen wie früher.

Jedoch Olivia glaubte nicht an die Aufrichtigkeit dieser Bitte, ein

seltsam steinerner und kalter Ausdruck, der fast nie aus Ninas

schwermütigen Zügen wich, machte sie stutzig und argwöhnisch, und in

einer Sekunde visionären Schauens war es ihr, als klaffe zwischen dieser

Mutter und dieser Tochter ein Abgrund, von dem beide noch nichts ahnten.

Olivia oder Die unsichtbare Lampe · 第 2 / 10 段