Olivia stellte ihre Freunde vor. Bei dem Namen Friesheim zuc

Produced by Markus Brenner and the Online Distributed

Proofreading Team at http://www.pgdp.net

Olivia

oder

Die unsichtbare Lampe

Erzählung

von

Jakob Wassermann

Im Hause des Professors Khuenbeck, eines angesehenen Wiener Arztes, war

große Gesellschaft. Man hatte reich getafelt, die Unterhaltung war im

besten Fluß, und wie auf viele andere Dinge kam die Rede auch auf die

Kinder. Eine Dame, die vor kurzem das Töchterchen des Hauses flüchtig

gesehen hatte, rühmte dessen besondere Schönheit und Lieblichkeit. Frau

Khuenbeck lächelte geschmeichelt, einige andere Damen gaben ihr

Verlangen kund, das Mädchen zu sehen, den Hinweis auf die späte Stunde

ließen sie nicht gelten, und sie wandten sich an den Professor, der,

unschlüssig und wie beschämt, nicht wußte, wie er die Bitte aufnehmen

sollte. Indessen hatte Frau Khuenbeck, die einer eitlen Regung nicht zu

widerstehen vermochte, einem der Dienstboten einen Wink gegeben und ging

dann selbst in das Zimmer, wo ihre beiden Kinder schliefen, der

zweijährige Ferdinand und die sechsjährige Olivia.

Schon saß Olivia auf dem Schoß des Dienstmädchens, die Augen voll

Schlaf; es wurde ihr ein Atlaskleidchen angetan, die Haare wurden ihr

gekämmt, weiße Strümpfe und weiße Schuhe kamen an die Beinchen, und so

trug sie die Mutter in die strahlend erleuchteten Räume hinüber. Die

Gäste scharten sich um Mutter und Kind; ein Laut der Überraschung und

Befriedigung tönte ihnen entgegen. Olivia blickte voll Angst und Zagen

in die vielen fremden Gesichter, deren Neugierde und Erstaunen ihr

unbegreiflich waren.

Abseits von allen stand ein junger Mann und schaute still auf die

Gruppe. Er dachte, daß der Professor dem Schauspiel ein Ende bereiten

werde; da dies aber nicht geschah, rief er plötzlich mit scharfer, ja

barscher Stimme aus: »Gnädige Frau, stecken Sie doch den armen Wurm

wieder ins Bett; den Rummel wird er ohnedies bald genug kennen lernen.«

Alle lachten; Frau Khuenbeck errötete und trug das Kind schnell hinaus.

Olivia hatte die Worte gehört und verstanden; sie bewahrte dem, der sie

gesprochen, heimlichen Dank. Der junge Mann verkehrte oft im Hause; bald

wußte sie seinen Namen; er hieß Robert Lamm und war damals noch ein

unbeachteter Beamter im Ministerium.

Stets, wenn sie ihn sah, hatte sie dasselbe Dankgefühl; in Stunden

kindlicher Bedrängnis tauchte ihr sein Bild als das eines Helfers auf.

Er war die Verkörperung einer strengeren Schutzgottheit neben der

sanften des Vaters.

* * * * *

Wenn der Professor an seinem Schreibtisch saß, geschah es oft, daß sich

Olivia ins Zimmer stahl, sich ganz leise auf den Teppich zu seinen Füßen

niederließ und in Büchern und in Heften blätterte, die auf dem Boden

aufgeschichtet lagen. Meist bemerkte sie der Professor erst, wenn er

die Feder weglegte und sich erhob; dann sagte er: »Du bist da, Kind?«

und lächelte. Olivia war glücklich, daß es ihr gelungen war, ihn nicht

zu stören.

Manchmal machte er kleine Spaziergänge im Park, dann nahm er Olivia mit

und führte sie an der Hand. Verwundert betrachteten die Leute das schöne

Kind. Olivia glaubte jedoch immer, daß sie nach dem Vater sahen, der so

nachdenklich und voll Würde dahinschritt. Sie war stolz auf ihn.

Einst hatte Olivia die Mutter belogen. Sie war mit dem Fräulein im

Prater gewesen und hatte gesagt, sie sei bei ihrer Tante, Frau von

Scheyern, gewesen. Ihr Bruder Ferdinand hatte sie in aller Unschuld

verraten. In der Entrüstung darüber forderte die Mutter, daß sie zur

Strafe in einer Ecke knien sollte. Olivia weigerte sich aber mit solcher

Leidenschaft, daß die Mutter immer mehr in Zorn geriet. Da kam der

Professor in die Stube; ihn sehen und an seinen Hals stürzen, war für

Olivia eins; sie wollte nicht knien, schluchzte sie und klammerte sich

so krampfhaft an den Vater, daß der erschrockene Mann alle Mühe hatte,

sie zu beruhigen.

Etwa ein Jahr nach diesem Vorfall, Olivia war damals elf Jahre alt, trat

der Professor eine Erholungsreise nach Italien an. Olivia empfand seine

Abwesenheit schmerzlich, und jeden Morgen setzte sie sich hin und

schrieb ihm einen Brief. In Neapel wurde der Professor schwer krank und

starb eines plötzlichen Todes.

Olivia begriff es nicht. Der Leichnam kam, die Beerdigung fand statt,

viele Leute waren im Haus, die Mutter weinte, der Bruder, die Verwandten

weinten, Olivia begriff es nicht. Für sie war der Vater immer noch

verreist; sie glaubte und begriff nicht seinen Tod.

Tag für Tag setzte sie sich hin und schrieb ihm einen Brief. Sie teilte

ihm die kleinen Ereignisse ihres Lebens mit, erzählte von der Mutter und

von Ferdinand, sprach von ihren Vorsätzen, von ihrem Eifer, zu lernen,

von ihrem Wunsch, etwas zu werden und ihm Ehre zu machen. Da sie aber

keine Adresse wußte, sammelte sie alle Briefe in einer Mappe, -- so

lange, bis sie endlich begriff.

* * * * *

Die großen Einnahmen des Professors waren von dem luxuriösen Haushalt

verschlungen worden; nach seinem Tod blieb nur ein bescheidenes Kapital

übrig, und Frau Khuenbeck sah sich zur Sparsamkeit gezwungen.

Bei der Ordnung der Vermögensangelegenheiten und des neuen Lebens war es

Robert Lamm, der der Witwe als Freund zur Seite stand. Frau Khuenbeck

hatte einen an Furcht grenzenden Respekt vor ihm. Auf Ferdinands

Erziehung übte er einen entscheidenden Einfluß, während er Olivias Tun

und Lassen gleichmütiger zu betrachten schien.

Robert Lamm hatte in wenigen Jahren eine bedeutende Laufbahn

zurückgelegt, die selbst von Übelwollenden seinen Verdiensten

zugerechnet wurde. Er war Hofrat am Verwaltungsgerichtshof, hatte

beneidete Auszeichnungen erhalten und genoß als juristischer

Schriftsteller den Ruf einer Autorität.

Sein Wesen verkündete Mut und Entschlossenheit; er war der Schrecken

ganzer Heere von Beamten, denn ihm war eine seltene Kraft eigen, nämlich

eine Sache, die er für gut und gerecht hielt, durchzusetzen.

Von früh an atmete Olivia gern die Luft um diese ehrliche, furchtlose

und derbe Persönlichkeit. Sie kam ihm herzlich entgegen, und er hatte

immer ein herzliches Wort für sie. Während er mit der Mutter sprach,

stand sie in seiner Nähe; lächelte er ihr zu, so ging sie hin und lehnte

sich an seine Schulter.

Aber als sie zum Fräulein heranwuchs, wurde er förmlicher. Er hörte

plötzlich auf sie zu duzen; Olivia erhob Einwände. Er verbeugte sich und

sagte, wenn sie es ausdrücklich verlange und die gnädige Frau, er

verbeugte sich gegen Frau Khuenbeck, es erlaube, werde er sie wieder

duzen, doch dürfe es keine einseitige Freiheit bleiben, sie müsse ihn

dann ebenfalls duzen. »Aber ich habe es ja immer getan!« rief Olivia

erstaunt. -- »Gewiß, nur paßt mir der Onkel nicht,« erwiderte er mit

einer Grimasse, »ich hasse die Onkels.«

So nannte sie ihn also Robert und Du. Gleichwohl behielt er seine

Förmlichkeit bei, die den Charakter spöttischer Galanterie annahm, als

ihm manches an Olivias Lebensführung zu mißfallen begann. Sie war so

eifervoll, so lernwütig, so auf Bücher versessen, so atemlos tätig, das

mißfiel ihm; er äußerte sich nicht darüber, er wurde nur immer

spöttischer und galanter.

Eines Abends kam er, als Olivia bei einem Buch saß. Er beugte sich über

ihre Schulter, sah noch genauer hin, schüttelte den Kopf, und da ihn

Olivia fragend anschaute, nahm er das Buch, blätterte, schüttelte

abermals den Kopf und fragte endlich: »Wie alt bist du denn jetzt?«

»Siebzehn war ich,« antwortete Olivia. Ihr Haar leuchtete wie Gold im

Lichte der Lampe.

»Siebzehn Jahre, und Plato im Original!« rief der Hofrat aus. Sein

Gesicht war so traurig, daß Olivia lachen mußte.

»Und womit sie ihren Kopf sonst noch plagt«, mischte sich die Mutter ins

Gespräch; »Mathematik und Philosophie und Literatur und Geschichte und

Klavierspiel und Vorträge, wahrhaftig, mir schwindelt, wenn ich zusehe.«

So oft nun der Hofrat da war, hatte er immer denselben Blick für Olivia,

in dem zugleich Kritik und Bedauern lag. Der Blick sagte: was soll es

dir nützen, Mädchen, Plato im Original zu lesen? Wozu schlingst du tote

Wissenschaft in dich hinein? Was sollen dir die Scharteken?

Wahrscheinlich wußte er zu wenig von der Jugend, mit der Olivia

aufwuchs; von ihrem Heißhunger nach neuem Stoff und neuer Form, nach

Gehalt und Entfaltung. Dies Geschlecht mußte sich alles ertrotzen,

Arbeit und Genuß, Urteil und Zukunft, wenn es den Erbübeln des Landes

und der Rasse nicht erliegen wollte: der Frivolität und der Trägheit.

Verloren sie in ihrem Trieb, sich hinzugeben, das Maß, so durften sie

doch die Vorsichtigen verachten, die bequemen Romantiker, die feigen

Hüter des Herkömmlichen.

Er wußte nichts von dieser Jugend, sah nicht Lebensfülle und

hoffnungsvolles Werden, sondern Übergriff und Eitelkeit. Einst kam er zu

Frau Khuenbeck und war enttäuscht, Olivia nicht zu treffen. Sie war ins

Konzert gegangen. »Es ist das zweite in dieser Woche,« sagte Frau

Khuenbeck; »und einmal Theater, und einmal eine Bilderausstellung, und

am Sonntag auf den Schneeberg. Sie ist nicht zu halten, ich weiß nicht,

wo sie die Zeit und die Kraft zu allem hernimmt.«

»Und das da auch noch,« sagte der Hofrat, und deutete auf einen

Tennisschläger und ein Paar weiße Schuhe, die auf einem Stuhle lagen.

»Ja, das auch,« antwortete Frau Khuenbeck. Als sie das finstere Gesicht

des Hofrats gewahrte, fügte sie rasch hinzu: »Aber es ist nicht

Vergnügungssucht, wie Sie vielleicht meinen, es ist etwas anderes. Sie

ist von allem, was sie macht, so voll und tut alles, was sie tut, so

freudig, daß man es nicht übers Herz bringt, sie zu stören.«

Diese Begründung war für den Hofrat ein Schall. Olivia war schön; das

allein gab ihr Wert in seinen Augen. Alle Beflissenen waren häßlich;

Bücher machten häßlich, Wissen machte häßlich, sich unter die Menschen

zu drängen, machte häßlich. Auf Sportplätzen die Glieder verrenken, die

Füße durch plumpes Schuhwerk verunstalten und mit groben Stoffen

bekleidet sich den Unbilden des Wetters aussetzen, das nannte er ein

unerquickliches Schauspiel. Der Schönheit floß alles zu, sie raubte der

Natur nichts, sie ließ sich von ihr beschenken, Schönheit war einsam,

war sich selbst genug, sich selbst Gesetz, und Olivia verging sich gegen

das Gesetz.

Er erkaltete gegen Olivia, und seine Besuche wurden immer seltener.

* * * * *

Um diese Zeit wurde Olivia von einer heftigen Schwärmerei für einen

genialen Kapellmeister und Komponisten ergriffen, der wie ein Feuer

unter die Gilde der stadtansässigen Musiker gefahren war und das

Publikum erst unterwarf, als es sich von seinem Staunen über ihn erholt

hatte.

Er war mit dem Hofrat Lamm befreundet, und einmal begegnete sie den

beiden, die in eifrigem Gespräch waren. Der Hofrat grüßte sie und blieb

stehen; er machte sie mit dem vergötterten Manne bekannt. Sie wurde

blaß, stammelte ein paar Worte, verstummte und ging dann weiter. Sie

hatte seine Stimme gehört, und diese Stimme blieb ihr unvergeßlich. Die

Stimme eines Menschen konnte sie beleidigen und enttäuschen, aber auch

beglücken und bezaubern. Seine Stimme hatte ihre Seele tiefer angerührt

als irgendeine zuvor.

Im Sommer weilte er auf seiner Besitzung an einem Gebirgssee. Olivia

wußte die Mutter zu überreden, daß sie dort die Ferien verbrachten. An

vielen Tagen, in Mondnächten wandelte sie andächtig die Pfade, auf denen

er gegangen war. Seine persönliche Nähe suchte sie gar nicht; er war

immer so versponnen, so verwühlt, so abgewandt; sie war zufrieden, wenn

sie ihn einmal des Tages von ferne sah.

Eines Morgens gewahrte sie ihn zwischen Blumenbeeten. Er glaubte sich

unbeobachtet; bei einem Strauß beugte er sich nieder, um zu riechen. Die

Zärtlichkeit der Bewegung hatte für Olivia etwas Außerordentliches. Von

da an schaute sie Blumen mit andern Augen an. Es mußten stets Blumen in

ihrem Zimmer sein, zu jeder Zeit des Jahres. Sie begoß sie, pflegte sie,

freute sich, wenn sie blühten, und trauerte, wenn sie welkten.

Als der Musiker eines frühen Todes starb, gab sie alles Geld, das sie

besaß, für Blumen aus und schmückte mit ihnen sein Grab. Die unschuldige

und wunschlose Leidenschaft hatte ihr Herz für Menschen noch

empfänglicher gemacht.

Gelehrtes und Gelerntes verlor an Bedeutung gegenüber dem lebendigen Auf

und Ab der Schicksale. Freunde zu gewinnen, mit Freunden zu sein, an

Freunde sich auszuteilen, war Glück. So wurde sie vielfach in die

Geschicke der Menschen verflochten, vielfach beansprucht. Manches, was

im Spiel begonnen war, verwandelte sich in bitteren Ernst; Vertrauen

wurde mißbraucht, Offenheit verkannt, Güte zurückgestoßen, Wahrheit in

Lüge verkehrt. Aber auch dies war für Olivia ein Stück des großen

Reichtums, waren angefaulte Früchte von dem Baum, der ein Übermaß der

guten gab.

Wie liebte sie die Welt, das Leben, die Stunde! Sie freute sich jeden

Morgen über ihr Erwachen, über den Himmel, die Luft, das Licht, die

Zeit, über alles, was sie sich vorgesetzt hatte und was andere von ihr

erwarteten, über ein Gespräch, das sie gestern geführt hatte, einen

Spaziergang, den sie heute machen wollte, über ihren eigenen Körper,

über jedes Ding in ihrer Stube.

* * * * *

Ihre beste Freundin, noch vom Gymnasium her, war Marianne von Friesheim,

ein zartes, hochaufgeschossenes Mädchen von ernstem Wesen. Mariannes

Vater war ein hoher Regierungsbeamter, Sektionschef und Exzellenz, und

durch seine Verheiratung mit der Tochter eines ungarischen Magnaten

einer der reichsten Männer des Landes.

Olivia kam beinahe täglich ins Haus, und alle, von der Exzellenz bis zum

geringsten Dienstboten, bewunderten und verwöhnten sie. Wenn der

Sektionschef ins Zimmer trat, wo sie war, ging ein Leuchten über sein

rotes, grobes Gesicht; er setzte sich eine Weile zu ihr und plauderte

mit ihr. Olivia hatte Sympathie für ihn; er schien ein gütiger Vater und

ein wohlwollender Mensch zu sein.

Frau von Friesheim machte Olivia zur Vertrauten ihrer Sorgen. Ihr Sohn

Eduard, ein junger Arzt, hatte seit einigen Monaten eine Beziehung zu

einer Dame der Gesellschaft, deren mittelpunktloses und unberechenbares

Wesen schon manchem ihrer Anbeter verhängnisvoll geworden war. Eduard,

ohnehin verschlossenen Gemüts und von eigenwilliger Lebenshaltung, wurde

durch den Umgang mit dieser Frau den Seinen vollends entfremdet. Nur an

der Schwester hing er, und ihr hatte er auch vor kurzem mitgeteilt, daß

es sein Vorsatz sei, die geliebte Frau zu heiraten. Hierüber war Frau

von Friesheim sehr unglücklich, und als sie bemerkte, daß zwischen

Eduard und Olivia ein freundschaftliches Verhältnis entstand, legte sie

ihr nahe, sie möge alles aufbieten, um ihn dem gefährlichen Einfluß

jener Frau zu entziehen.

Es war eine wunderliche Aufgabe; Olivia mußte lachen. Auf der anderen

Seite war es der Sektionschef, der ebenfalls eine heikle Aufgabe für sie

hatte. Marianne nämlich hatte eine Neigung zu einem jungen Maler gefaßt;

Georg Ingbert war sein Name. Er stand noch ganz im Dunkeln, und wie es

auch mit seinem Talent beschaffen sein mochte, Ehrgeiz oder Ungeduld,

sich geltend zu machen, besaß er nicht. Er war im Gegenteil voll

Gelassenheit, und dieser Gelassenheit war eine bei einem Mann seltene

Anmut beigegeben, Anmut des Geistes, des Herzens und des Körpers. Wenn

man ihn und Marianne sah, konnte man sie nicht anders als miteinander

verbunden denken.

Während nun Frau von Friesheim die Liebe dieser beiden mit auffallender

Nachsicht betrachtete, erblickte der Sektionschef ein Unglück für seine

Tochter darin. Eduards Leidenschaft erschien ihm als eine flüchtige

Verirrung, und er meinte, wenn man ihm nur Zeit lasse und nicht durch

Widerstand seinen Trotz errege, werde die Vernunft siegen. Marianne sah

er tiefer verstrickt; er kannte die Treue ihrer Natur und, bei aller

Mildheit, die Kraft ihres Gefühls. Er schätzte die Künstler gering; die

meisten waren Schmarotzer nach seiner Meinung. Und er forderte, Olivia

solle Marianne dazu bringen, daß sie dem Maler entsage.

Olivia antwortete ihm, hierzu fühle sie sich nicht berechtigt, und als

seine Versuche dringlicher wurden, bot sie viel Beredsamkeit auf, um ihn

zu überzeugen, daß man zwei Menschen, die durch Bestimmung

zusammengeführt worden, nicht voneinander reißen könne, ohne ihren

Lebenskern zu verwunden. Er bestritt dieses, unerschöpflich in Gründen,

Olivia blieb standhaft und entwaffnete ihn durch ihre heitere Ruhe;

schließlich schien es, als bereite ihm das Wortgefecht an sich selber

Freude und als vergesse er den ernsthaften Anlaß. Wenn er mit ihr rede,

bekannte er einmal, komme es ihm allerdings vor, als sei es am besten,

dem Schicksal seinen Lauf zu lassen, und doch dürfe es nicht sein, um

keinen Preis werde er sich fügen. Olivia schaute ihn an, und als sie

seinen finstern Blick sah, erschrak sie und wurde in ihrem bisherigen

Urteil über ihn ein wenig irre.

Sie ging mit der Familie aufs Land, auch der Maler kam zu Besuch. Sie

begleitete Ingbert und Marianne auf ihren Spaziergängen und ermunterte

Eduard, mitzugehen, um jenen die Gelegenheit zu verschaffen, miteinander

zu sprechen. In einem benachbarten Ort wohnte Anita Gröger, Eduards

Geliebte, und er bat Olivia, sie möge die Frau kennen lernen. Sie ließ

sich zu ihr führen, und er merkte ihr an, daß ihr die Frau nicht gefiel.

Da er sie um Offenheit drängte, gestand sie es zu; die Frau sei ihr

unheimlich, sagte sie. »Ich fürchte, Anita wird Sie nicht glücklich

machen,« äußerte sie ein anderes Mal zögernd. Eduard war bestürzt und

kam immer wieder darauf zurück. Sie bereute ihre Voreiligkeit, doch sie

hatte seinen eigenen Zweifeln Nahrung gegeben. Wenn er bei Anita gewesen

war, suchte er Olivias Nähe; Anita begann ihr zu mißtrauen und quälte

Eduard durch ihre Eifersucht. Es gab verschwiegene Zusammenkünfte zu

zweien und zu dreien, lebhafte Auseinandersetzungen, Briefe wurden

getauscht, und bald sah sich Olivia bedenklich verstrickt, da Eduards

Herz sich ihr entschiedener zuwandte.

Nun mußte sie abwehren, und sie tat es begütigend. Es war ihr alles ein

Spiel. Eduard war ihr im Innersten fremd; seine Freundschaft mochte sie

aber nicht missen. Er war klug, ehrenhaft und verläßlich. Sie spürte,

daß sie ihm ein Gleichnis gegen die andere war, und daß die andere dabei

verlor. So stellte sie sich in den Schatten und floh, wenn er sie

suchte. Ingbert merkte, was zwischen ihr und Eduard vorging. Sie wollte

seinen Rat haben, doch er war zurückhaltend und hörte mit seinem

reizenden Lächeln zu.

Eines Abends saß sie mit Ingbert am Waldrand; Marianne war bettlägerig,

Eduard war für ein paar Tage verreist. Sie sprachen über die beiden,

über die Eltern, über das Leben im Hause; plötzlich sagte Ingbert, der

Zustand, in dem er sich befinde, schmerze ihn, er enthalte etwas

Vergebliches und Künstliches, da er doch genau wisse, daß Marianne ihm

niemals angehören würde. Als Olivia widersprechen wollte, legte er seine

Hand auf ihre und fuhr fort, es sei kein Trost vonnöten, er beklage sich

ja nicht, er klage auch nicht an; daß Herr von Friesheim gegen ihn

eingenommen sei, begreife er, doch getraue er sich, den Kampf gegen ihn

aufzunehmen; jede äußere Schwierigkeit sei überwindlich. Es liege nicht

an dem; es liege an ihm selbst. Er sei der Freiheit versprochen, damit

steige oder falle sein Stern.

»Fragen Sie nicht, warum es dann so weit gekommen ist,« schloß er leise;

»das Herz geht seinen Weg, das Schicksal geht einen andern Weg. Das Herz

läßt sich verführen, die innere Stimme schweigt lange. Auf einmal aber

spricht sie, und man steht sündig da und will doch nicht noch mehr

sündigen.«

Olivia wußte nichts zu erwidern. Sie ging ins Haus, setzte sich an

Mariannes Bett und nahm ihre Hand. Wäre es nicht dunkel im Zimmer

gewesen, Marianne hätte ihre Blässe und Erregung merken müssen. Ingbert

war auf der Bank geblieben, man hörte ihn eines der alten Lieder singen,

die er liebte und in entzückender Weise vorzutragen wußte. Marianne

preßte Olivias Finger; Olivia hatte ein selig hinziehendes Gefühl; sie

wünschte, Ingbert möge sie holen und mit ihr weit fortwandern.

Sie fragte sich, weshalb er sich Marianne nicht eröffnete, und wartete,

daß sie sich gegeneinander aussprachen. Dies geschah aber nicht, und

Olivia zürnte Ingbert. Doch wenn sie Marianne ansah, die so kindlich

hoffte, verstand sie seine Unschlüssigkeit. Er hatte etwas so Gütiges an

sich, daß man billigen mußte, was immer er tat, und bald wurde Olivia

gewahr, daß ihre Gedanken an ihn zum Verrat an Marianne wurden.

Indessen kehrte Eduard von seiner Reise zurück und brachte zwei Freunde

mit; auch Freundinnen Olivias und Mariannes kamen zu Besuch. Es

entwickelte sich eine lebhafte Geselligkeit, Feste wurden gefeiert,

Fahrten und Wanderungen unternommen. Eduard suchte bei jedem Anlaß

Olivias Nähe, Ingbert und Olivia trieben wie durch eine unwiderstehliche

Strömung einander im verborgenen zu; Marianne begann endlich zu ahnen

und litt still, und Anita Gröger war der ruhlose Geist, der bisweilen

verdüsternd durch die herzlich bewegte Kleinwelt zog.

Stiegen auch Schatten empor, für Olivia war alles noch ein Spiel. In der

Luft von Leidenschaft und Begehren, Forderung und Abwehr, Spannung und

Sehnsucht atmete sie gern, verlor sich aber keineswegs und übte sich in

jeder Kraft, die das Lebensgefühl erhöhte. Hier eine Getäuschte, dort

ein Schwankender, hier eine Verblendete, dort ein Entflammter, sie stand

immer in der Mitte und regierte; sie knüpfte Fäden und löste Fäden,

verpflichtete sich zum Schein, entzog sich, wenn Gefahr drohte, ganz

nach ihrem Gefallen.

* * * * *

Gegen Ende des Sommers, als die Gäste schon abgereist waren,

verabredeten sich die Geschwister und Ingbert und Olivia zu einem

Ausflug in die Dolomiten.

An einem Augustabend kamen sie müde und staubbedeckt vom Rosengarten her

ins Karerseehotel, und als sie in die für Touristen bestimmte

Wirtschaftsstube traten, bot sich ihnen ein wunderliches Bild. Um einen

Tisch waren mehr als zwanzig junge Mädchen in Abendkleidern gruppiert;

ein Herr, der den Frack ausgezogen und die Ärmel des Frackhemdes über

die Ellbogen gestülpt hatte, bereitete in einer mächtigen Schüssel eine

Bowle. Auf dem Tisch standen Champagner- und Weinflaschen, Gefäße mit

Erdbeeren und Zucker. Voll sachlichem Ernst verrichtete der Herr seine

Arbeit, mischte die Getränke, rührte mit dem Löffel, kostete mit einem

andern Löffel, und immer, wenn ihm eines der Mädchen eine Flasche

reichte, sagte er etwas, worüber alle in fröhliches Gelächter

ausbrachen.

Sie kamen vom Diner und hatten die sogenannte Schwemme aufgesucht, um in

ihrer Lustigkeit nicht gestört zu sein.

Olivia, die sich anfangs um die Gesellschaft nicht gekümmert hatte,

schaute dann doch hinüber, fast ein wenig neidisch, und als die Gruppe

auseinandertrat, weil die Gläser zum Einschenken gebracht wurden,

erkannte sie in dem Mann an der Bowlenschüssel den Hofrat Lamm. Sie

errötete vor Freude.

Sie hatte ihn seit zwei Jahren nicht mehr gesehen, aber er war

unverändert. Trotz seiner fünfundvierzig Jahre war seine Gestalt noch

jugendlich schlank, seine Haltung straff und sein Gesicht frisch.

Er warf einen seiner durchdringenden Blicke an den Tisch, wo die vier

saßen, und erkannte nun auch Olivia. Er verbeugte sich in seiner

ironisch galanten Art, ohne besondere Überraschung zu zeigen, als hätte

er sie gestern erst gesehen. Es verdroß Olivia, daß er nicht kam, um sie

zu begrüßen; sie ärgerte sich über die jungen Mädchen, die ihn so

zudringlich umschwärmten, und fand ihre Ausgelassenheit gemacht. Als er

nach einer Weile das Glas gegen sie hob, um ihr zuzutrinken, dankte sie

kühl.

Eduard fragte spöttisch, wer der Hahn im Korbe sei, sie gab unwillig

Auskunft, mußte aber plötzlich lachen, da sie eine sarkastische

Bemerkung des Hofrats über eines der Mädchen aufgefangen hatte. Die

andern Mädchen kreischten, jetzt kamen auch einige junge Männer hinzu,

und die Gesellschaft wurde sehr lärmend. Der Hofrat hatte seinen Frack

wieder angezogen, und plötzlich schritt er auf Olivia zu und reichte ihr

die Hand.

Olivia stellte ihre Freunde vor. Bei dem Namen Friesheim zuckte er

sichtlich zusammen. Er nahm am Tische Platz, und obwohl er drüben die

beste Laune gezeigt hatte, war er seit dem Augenblick, wo er sich an den

Tisch gesetzt hatte, einsilbig und verstimmt. Mit gerunzelter Stirn

stellte er ein paar Fragen, dann erhob er sich wieder, verabschiedete

sich steif und ging aus dem Zimmer. Die jungen Mädchen riefen ihm nach,

aber er kümmerte sich nicht um sie.

Olivia war bedrückt wie schon lange nicht. Sie sagte, sie wolle schlafen

gehen, nahm ihren Rucksack und ließ sich von der Kellnerin in eine der

Touristenkammern führen. Trotz ihrer Müdigkeit schlief sie schlecht.

Schon um fünf Uhr stand sie auf und ging hinaus. Die Berge waren von der

frühen Sonne umglüht, aus dem Wald strömte ein feuchter, kalter,

harziger Duft. Sie ging über einen Wiesenweg und bog wie eine Trinkende

den Kopf zurück.

Da schallte ein Gruß an ihr Ohr; sie drehte sich um und gewahrte den

Hofrat. Er war in Steirertracht; auf dem Lodenhut stak ein

reichbuschiger Gemsbart. Er glich nicht einem verkleideten Städter,

sondern sah ganz urwüchsig aus, sehnig, robust, sonnegebräunt.

Er nannte ihr die welsch klingenden Namen der Gipfel und Gletscher, die

gegen Süden lagen, und erzählte ihr von den Touren, die er gemacht. Er

fragte, ob sie gefrühstückt habe, und als sie verneinte, gab er ihr eine

Tafel Schokolade. Zuerst angeregt, schien er plötzlich wieder zerstreut.

Dann beschämte ihn ein forschender Blick Olivias, und er zwang sich zum

Reden. Da dies Olivia peinigte, fragte sie ihn geradezu nach dem Grund

seiner gestrigen jähen Verstimmung.

Er bedachte sich kurz und antwortete, er habe schon davon gehört, daß

sie fleißig im Hause Friesheim verkehre; die beiden jungen Leute, in

deren Begleitung sie sich befinde, seien ja wohl Sohn und Tochter des

Sektionschefs. Olivia nickte. Wenn dem so sei, fuhr er fort, erübrigten

sich alle Erklärungen. Seine Stimme war schneidend, sein Blick finster.

Olivia blieb stehen und schaute ihn erstaunt an.

Sie waren auf einem Felsenpfad, ziemlich hoch; zur Linken fiel der

Abgrund steil hinunter. Auf einmal fühlte sich Olivia von den Händen des

Hofrats heftig an den Armen gepackt und mit unerwarteter Kraft gegen die

Tiefe gedrängt. Sie schrie erschrocken, ihr bestürztes Gesicht war ihm

zugewendet; da ließ er sie los und lachte grimmig. »Es ist nicht viel

anders, als wenn ich dich da hineinwürfe,« sagte er; »schlimmer noch.

Mit solchen Menschen umgehen, das heißt, allen Anspruch auf Achtung

verwirken und seinen Namen beflecken.«

Mit entsetzten Augen fragte Olivia. »Du hättest dich vorsehen sollen,«

begann der Hofrat wieder; »eine Person wie du ist verpflichtet, Instinkt

zu haben und nicht in den Dreck zu steigen, wo er am klebrigsten ist.

Dieser Mann, in dessen Gehege du so munter herumspazierst, ist einer

unserer verderblichsten Praktikenmacher und Gelegenheitsjäger, ein

Streber und Schleicher von einem Format, daß sogar unsere vielbesungene

Gemütlichkeit keinen Reim mehr auf ihn zu finden weiß. Dieser Mann ist

imstande, wenn sich zehn fähige Leute zu einem Posten gemeldet haben,

ihn mit dem elften zu besetzen, der gänzlich unfähig ist, und nicht

vielleicht aus Unwissenheit, nicht immer bloß deshalb, weil der elfte

ein Freunderl oder der Freund eines Freunderls ist, sondern aus purem

Vergnügen an der Unfähigkeit und aus Bosheit und Neid gegen die Fähigen.

Dieser Mann ist einer von denen, die nie einen Richter brauchen, weil

sie alles Recht so lange verschleppen, bis der Kläger erschöpft und

kirre gemacht ist; einer von denen, die mit der Peitsche auf die Pferde

einhauen, wenn der Wagen den Berg hinauf soll, und insgeheim den

Hemmschuh ans Rad legen. Dieser Mann ist ein Symbol, er ist mein Feind,

er ist schlechthin der Feind; ihn unschädlich zu machen, habe ich schon

meine beste Kraft verschwendet. Und nun geh hin und setz' dich wieder an

seinen Tisch und tu, als wüßtest du von nichts.«

Er hatte scharf und kalt gesprochen wie ein Sachwalter vor dem Tribunal.

Olivia zitterte das Herz; sie ging mit niedergeschlagenen Augen gleich

einem gescholtenen Kind. Der Hofrat nahm einen Stein, schleuderte ihn

in den Abgrund und lauschte bis das Gepolter verklungen war. Dann lachte

er.

»Warum lachst du?« flüsterte Olivia, ohne den Kopf zu erheben.

»Ich lache, weil es so schön ist,« antwortete er, »weil die Sonne so

freundlich scheint und der Himmel so blau ist. Und weil unser Herrgott

soviel Geduld hat. Und weil die Bowle gestern so vorzüglich war, und

weil überhaupt alles so famos ist.«

Plötzlich dünkte es Olivia, als sei die ganze Welt grau geworden.

Sie sagte: »Ich habe bisher nichts von deinem Leben gewußt, Robert. Ich

habe dich für einen Menschen gehalten, der in seinem Beruf glücklich

ist.«

Abermals ließ er sein kurzes, höhnisches Lachen hören. Dann schwieg er

eine Weile, und sein Gesicht wurde ernst. Darauf fing er an, von seinem

Leben zu sprechen, von dem Beruf, in dem sie ihn glücklich wähnte. Von

den Untergebenen und den Vorgesetzten; wie ihn jene lähmten und diese

ihm mißtrauten. Wie nirgends ein Wille galt, nirgends Einsicht des

Besseren, nirgends Vernunft, bloß Vorschrift, bloß der Buchstabe, das

halbe Ungefähr, das veraltete Gutdünken, die sinnlose Herrschaft derer

vom Schlage Friesheim. Wie jeder Schritt nach vorwärts auf Fallen stoße,

das wohlwollende Ermessen selbst im engsten Kreis behindert sei durch

unangreifbare Idole und lügenhafte Grundsätze. Wie kein Weg aus diesem

Pfuhl führe, an dem nicht die Dummheit Wache hielt, oder die Phrase,

oder die Pedanterie, oder die Verleumdung, oder die Bequemlichkeit, oder

der Eigennutz, oder der Neid.

Es war Flamme in seinen Worten, dabei auch Witz; eine bissige

Schadenfreude, als bereite es ihm Spaß, Illusionen zu zerstören.

Und er zerstörte Illusionen, gründlich. Ein eisiger Hauch wehte durch

Olivias Brust. Ihre Augen blickten verloren, ihre Wangen waren blaß; es

war, als hätte sich etwas Schmackhaftes auf ihrer Zunge in Ekles

verwandelt, als stünde dort, wo eine frohe Erwartung sie hingezogen, ein

Schreckbild. Sie staunte, sie sträubte sich, sie glaubte nicht und

fürchtete doch, zu zweifeln. Alles war plötzlich sonderbar anders.

An ihrer Schweigsamkeit merkten Eduard und Marianne, daß etwas mit ihr

vorgegangen war. Sie hatten am selben Tag weiter wandern wollen, aber

Olivia konnte sich nicht zum Aufbruch entschließen und schützte eine

Unpäßlichkeit vor. Ingbert fühlte sich in dem teuren und eleganten Hotel

nicht behaglich, und da die Geschwister zögerten, die Tour ohne Olivia

fortzusetzen, sagte er, er wolle allein seiner Wege gehen. Um sich zu

verabschieden, kam er in Olivias Zimmer und fand sie in tiefem

Nachdenken. Sie gab ihm die Hand, und als sie spürte, daß er ihren Blick

forderte, sah sie ihn an. Ein wortloses Einanderbegreifen hatte sich

zwischen ihnen schon seit langem entfaltet. Der bekümmerte Ausdruck in

seinem klugen, ernsten Gesicht ging ihr nahe. Ehe sie es bedacht hatte,

zog sie seinen Kopf herab und küßte ihn. Er errötete wie ein Knabe,

seine Verwirrung erfüllte sie mit noch größerer Liebe, er drückte seine

Lippen auf ihre Hand und verließ sie stumm.

Es trieb sie zu Robert hin, und wenn sie bei ihm war, erschien sie sich

treulos gegen Eduard und Marianne. Und wenn sie bei Eduard und Marianne

war, peinigte sie deren argloses Wesen, und die beiden Menschen waren

ihr verdunkelt und entrückt. Marianne, die über Ingberts Flucht

unglücklich war und Pläne schmiedete, wie man ihn noch erreichen könnte,

nahm Olivias verändertes Betragen nicht schwer und war offen und

anschmiegend wie immer; Eduard jedoch deutete alles auf sich und sein

Verhältnis zu Olivia. Seine Erregung wuchs, er suchte eine Aussprache

herbeizuführen, er bat sie schließlich, ihm den Grund ihrer rätselhaften

Abkehr mitzuteilen. Sie erschrak; sie leugnete. Er ging nicht weiter

darauf ein und sagte, daß er mit Anita Gröger gebrochen habe. Sie wußte,

was nun folgen würde, sie hatte Angst davor, und mit einer Kälte, die

ihn bleich machte, verbot sie ihm, davon zu sprechen. Da gingen sie

auseinander.

Am selben Abend schlug ihr Robert Lamm vor, sie solle mit ihm nach Hause

reisen. Sie willigte ein, ihn bis Salzburg zu begleiten, wo ihre Mutter

sie erwartete. Zu Eduard und Marianne sagte sie, die Mutter habe ihr

geschrieben und sie gerufen. Sie umarmte Marianne mit dem Gefühl einer

Trennung für immer, Eduard schaute sie starr an, und so oft sie nachher

an sein verstörtes Gesicht dachte, wurde ihr weh zumute, und sie hätte

die Erinnerung auslöschen mögen.

Gegen den Hofrat war sie einsilbig, er seinerseits sprach nur von

gleichgültigen Dingen. Sie grollte ihm, wagte sich aber dem Groll nicht

zu überlassen; sie vermied es, seinem Blick zu begegnen, der während der

langen Eisenbahnfahrt zuweilen prüfend auf ihr ruhte, und als sie von

Innsbruck ab allein im Coupé waren, brach sie selbst das Schweigen aus

unbestimmter Angst. Sie begann von Menschen zu sprechen, die sie beide

kannten und von denen sie annahm, daß er sie schätzte. Sie redete sich

in Eifer, entschuldigte Gewohnheiten und Handlungen dieser Menschen und

übertrieb ihre Vorzüge, als seien sie von ihm angegriffen worden. Er

hörte mit scheinbarem Anteil zu, nickte manchmal ermunternd und schaute

in die Landschaft.

Da erschien ihr alles falsch und einfältig, was sie sagte, sie mochte

die schönen Gegenden nicht betrachten, durch die sie fuhren, und sie

fühlte mit Betrübnis, daß sie all dieses Schöne nicht mehr so liebte wie

sie es bisher geliebt. Es war, als hätte Robert Lamm einen Schleier

darüber gezogen, und als sei es fruchtlos, sich gegen die stumme

Gewalttätigkeit, die er an ihr übte, zu wehren. Desungeachtet zwang es

sie, ihn kurz vor dem Ziel ihrer Reise zu fragen, ob sie ihn nach ihrer

Rückkehr in die Stadt sehen werde. Sie hätte aufgeatmet, wenn er nein

gesagt oder eine Ausflucht gebraucht hätte. Er antwortete: »Freilich

will ich dich sehen.« Und als sie schwieg, fügte er düster lächelnd

hinzu: »Vielleicht brauch' ich dich.«

Sie war ängstlich verwundert. »Brauchen? Du -- mich?«

»Kommt dir das so unglaublich vor?« Er lachte über ihr hilfloses

Gesicht. Plötzlich, der Zug fuhr schon in die Halle, beugte er sich nahe

zu ihr, ergriff ihre beiden Hände und sagte mit jener Eindringlichkeit,

die sie bei keinem andern Menschen als bei ihm wahrgenommen hatte: »Ich

kämpfe gegenwärtig einen Kampf, in dem für mich alles auf dem Spiel

steht. Ich kämpfe für die Ehre eines Toten, für die Rettung seines guten

Namens, für sein Weib und seine Kinder. Sie wollen ein Verbrechen, das

begangen worden ist, vertuschen, wollen die ungeheuerlichste

Niedertracht, die sich denken läßt, nicht verantworten. Das darf nicht

geschehen, verstehst du? Es darf nicht geschehen, obwohl ähnliches schon

tausendmal geschehen ist. Aber bei diesem einen Mal hab' ich mir in den

Kopf gesetzt: es darf nicht sein. Geschieht es trotzdem, dann bin ich

fertig mit der Wirtschaft. Dann komm zu mir, Olivia, dann haben wir

vielleicht einiges miteinander zu reden. Leb' wohl, grüß' mir die

Mutter.«

Sie stieg aus, aber am liebsten hätte sie jetzt mit ihm weiterfahren

mögen. Schwäche kam über sie, ihr ganzes Denken und Gefühl war dunkler

gefärbt. Alles, was sie vorhatte, Arbeiten und Vergnügungen, dünkte ihr

plötzlich falsch und einfältig. Drei Tage später fuhr sie mit der Mutter

in die Stadt zurück, und einen Tag nach der Ankunft ging sie zu Robert

Lamm.

* * * * *

In Riedach, einem kleinen oberösterreichischen Kurort, hatte der junge

Arzt Doktor Seelmann bis vor Jahresfrist seine Praxis zu allgemeiner

Zufriedenheit ausgeübt. Da hatte sich im Sommersbeginn in einer

Häuslerfamilie ein Typhusfall ereignet, und Doktor Seelmann hatte getan,

was seine beschworene Pflicht als Gemeindearzt war, er hatte die

Erkrankung zur Anzeige gebracht.

Es entstand sogleich eine große Erregung. Einige Bürger hatten noch in

letzter Stunde den Doktor an der Ausführung seines Entschlusses zu

hindern gesucht. Die Sanitätskommission selbst, deren Vorsitzender der

Bürgermeister war, hatte geltend gemacht, daß die Sommerfrischler und

Kurgäste den Ort verlassen und für lange Zeit in Verruf bringen würden.

Es war umsonst gewesen; weder Bitten, noch Versprechungen, weder

Warnungen, noch Einschüchterungen fruchteten, Doktor Seelmann achtete

die Pflicht höher als die gefährdeten Interessen der Gemeinde.

Die unmittelbare Folge seines Schrittes war, daß eine Militärabteilung,

die in Riedach hatte einquartiert werden sollen, in einen andern Ort

befehligt wurde. Auch der wenigen Sommerparteien bemächtigte sich

Schrecken, und mehrere Familien reisten ab. Eine schmutzige Flut von

Beschimpfungen ergoß sich nun über den jungen Arzt, und alt und jung

machte der Erbitterung in den unflätigsten Formen Luft. Die Männer

erwiderten seinen Gruß nicht; sie spuckten auf der Straße vor ihm aus.

Der Metzger, der Bäcker, der Milchhändler weigerten sich, seiner Frau

die Lebensmittel zu verkaufen, die sie für sich, den Mann und das kleine

Kind brauchte. Täglich erhielt er gemeine Spott- und Drohbriefe, die

Fenster seiner Wohnung wurden ihm eingeworfen, man ging nicht mehr in

seine Sprechstunde, enthielt ihm die Bezahlung vor, und im September

wurde ihm seine Stellung als Gemeindearzt gekündigt.

Er wandte sich an den Reichsverband der Ärzte, und dieser rief die

Behörden um Unterstützung an. Der Appell war nicht vergebens,

Gemeinderat und Sanitätskommission wurden vom Statthalter aufgelöst, der

Bürgermeister seines Amtes entsetzt, die Kündigung für ungültig erklärt,

und der Bezirkshauptmann schickte eine Gendarmerie-Eskorte, die den Arzt

schützen sollte.

Doktor Seelmanns Lage besserte sich aber dadurch mit nichten. Vor

körperlichem Schaden konnte man ihn bewahren, die Praxis konnte man ihm

nicht zurückgeben; die Leute zwingen, ihm die Honorare zu entrichten,

die sie ihm seit Jahr und Tag schuldeten, konnte man nicht. Er war

ruiniert. In den verflossenen Monaten hatte er einundzwanzig

Ehrenbeleidigungsklagen vor Gericht gebracht, und jeder dieser Prozesse

wurde zu seinen Gunsten entschieden. Aber nach jedem Prozesse kam er

mutloser und hoffnungsloser heim. Seine Spannkraft war dahin, sein Geist

getrübt, seine Gesundheit erschüttert, mit vierzig Jahren sah er wie ein

Greis aus.

Daß seines Bleibens in Riedach nicht war, begriff er wohl. Riedach war

aber seine Heimat; er liebte das Land, er hatte sein Dasein hier zu

beschließen gedacht. Wohin sollte er als mittelloser Landarzt ziehen,

wohin mit Frau und Kind und einer alten, gebrechlichen Mutter? Wie

sollte er die Verleumder zum Schweigen bringen, die ihn sicher bis in

die Ferne verfolgen würden? Wie die Schmach abwaschen, mit der sie ihn

bedeckt, die Besudelung, die Kränkung vergessen? Ein neues Leben

anzufangen, fehlte ihm das Selbstvertrauen; er hatte keinen Freund, der

ihn aufrichtete, die Tröstungen seines Weibes beugten ihn nur noch

tiefer, denn er spürte ihre eigene Verzweiflung darin. So brach er

zusammen, wurde krank und starb. Der Arzt, der ihn behandelte, nannte

eine Gehirnentzündung als Ursache seines Todes, aber in Wirklichkeit

hatten ihn der Kummer und der Lebensekel getötet.

Der Reichsverband der Ärzte stellte nun den Anspruch an den Staat, für

die Hinterbliebenen zu sorgen, die der bittersten Not preisgegeben

waren. Dies wurde bewilligt, aber in so kargem Ausmaß, daß die

Hilfeleistung beinahe wie Hohn aussah. Einer von den Männern, die sich

dafür eingesetzt hatten und den Fehlschlag ihrer Erwartung nicht ruhig

hinnehmen wollten, bezeichnete den Hofrat Lamm als den einzigen, dessen

Beistand und Vermittlung den halbwegs gescheiterten Plan noch zum Erfolg

führen konnte. Ihm allein traute man die Entschlossenheit zu, ihn allein

hielt man für unabhängig genug, daß er es als hoher Staatsbeamter wagen

durfte, für den begangenen Frevel eine Sühne zu verlangen, die freilich

verspätet war, jedoch die beleidigte Gerechtigkeit wieder erhöhte.

Der Hofrat hatte von dem Martyrium des Arztes nichts gehört; die

Zeitungen hatten alle Berichte unterdrückt, die sonstige Kunde, die im

Dunkel umlief, war nicht zu ihm gedrungen. Er vernahm die Erzählung der

Geschehnisse mit unbeweglichem Gesicht. Den Abgesandten, die ihm Vortrag

hielten, begegnete er mit seiner unverbindlichen und trockenen

Höflichkeit, ohne mit einer Miene zu verraten, daß ihm die Angelegenheit

näher ging als irgendein anderer Hader zwischen Parteien. Er ließ sich

alle einschlägigen Akten kommen, auch die der einundzwanzig Prozesse,

und las und studierte sie mit aufeinandergebissenen Zähnen. Dann

zauderte er nicht mehr, zu handeln. Er forderte die Regierung auf, nicht

nur mit genügenden Geldmitteln die Mutter, die Witwe und die Waise des

in Ausübung seiner Pflicht und seines Amtes gemordeten Doktor Seelmann

zu unterstützen, des gemordeten, so lautete sein Diktum; nicht nur alle

schuldigen Bürger und behördlichen Organe von Riedach zu einer scharfen

Strafe zu verurteilen; sondern auch durch eine öffentliche und

feierliche Erklärung die geschändete Ehre und den verunglimpften Namen

des Toten vor den Augen der Welt von allem Makel zu befreien. Denn ein

solcher Mann sei, genau wie ein Soldat auf dem Schlachtfeld, für das

Vaterland, für die Menschheit gefallen und habe sich den gleichen Dank

verdient.

Diese unumwundene Sprache begegnete verlegenen Ausflüchten. Er drängte

auf eindeutigen Bescheid, man antwortete, daß man den Fall noch einmal

gründlich untersuchen wolle. Das Bestreben, Zeit zu gewinnen, war

offenbar; der Hofrat kannte die verwickelten Auswege und die rostige

Maschinerie zu gut, um sich damit beschwichtigen zu lassen. Er ging zum

Minister; der erklärte sich als mangelhaft unterrichtet, schützte

wichtigere Geschäfte vor und wies ihn an den Sektionschef Friesheim.

Hier täuschte Gleichgültigkeit durch gefälligen Eifer; auch mit dieser

Taktik war der Hofrat vertraut. Er ließ den Herren keine Ruhe, er

bestand auf seiner Forderung, er pochte auf das Recht. Man hörte ihn an,

man zuckte die Achseln, jeder versicherte seine Willigkeit, jeder

beteuerte machtlos zu sein. Überall dieselbe scheinbare Nachgiebigkeit,

dieselbe Lauheit. Robert Lamm fürchtete, alles zu verderben, wenn er

seinen Zorn nicht bändigen konnte. In den Salzburger Bergen hatte er,

vor langer Zeit schon, eine Alm und ein Blockhaus gekauft; dorthin floh

er, so oft ihm des Ärgers und der Plage zu viel wurde. Er tat es auch

jetzt und nahm sich vor, geduldig zu warten. Aber diesmal graute ihm vor

der Einsamkeit; er fuhr nach Karersee, wo er zahlreiche Bekannte zu

treffen sicher war, wo er sich zerstreuen, betäuben konnte. Zwei Tage

nach dem Gespräch mit Olivia erhielt er in der Sache des Doktors

Seelmann den schriftlichen Bescheid des Ministeriums: die sachliche

Entschädigung betreffend, habe man die Gelder zum reichlichen Unterhalt

der Familie bewilligt, alle übrigen Ansprüche müsse man aber aus

wohlerwogenen Gründen zurückweisen.

»Die Gründe will ich wissen,« knirschte der Hofrat. Er packte seine

Koffer und reiste. In seiner finstern Ungeduld kam ihm die

Eisenbahnfahrt wie ein boshaft langsamer Schneckengang vor. Gleich nach

seiner Ankunft eilte er zu den verantwortlichen Stellen.

An Gründen war man nicht arm. Wozu einen verjährten Streitfall

aufwärmen, einen glücklich begrabenen Skandal mutwillig noch einmal vor

die Öffentlichkeit zerren? Wozu sonst friedliche Bürger wegen immerhin

zweifelhafter und schwer nachweisbarer Vergehen schädigen oder gar um

ihre Existenz bringen? Es ist doch nun alles so schön geglättet und

vergessen, wozu den Brand wieder anblasen, wozu böses Blut machen? Wozu

endlich die Komödie einer Ehrenerklärung, die dem Toten nicht mehr

nützen und die Lebenden nur verdrießen würde?

»Ein glücklich begrabener Skandal ist euch das!« rief Robert Lamm mit

funkelnden Augen. »Schön geglättet und vergessen findet ihr alles? Nun,

wir werden sehen, ob euch nicht angst und bange wird vor Gespenstern.«

Er drohte Lärm zu schlagen. Die Geschichte wurde bedenklich; der

Störenfried begann höchst unbequem zu werden. Man konnte ihm nichts

anhaben, zu viele stützten ihn, er war zu beliebt. Daher jubelte man im

stillen, als er in seinem Zorn die Saite zu straff spannte und um seinen

Abschied bat. Es war ein Schreckmittel, er glaubte nicht, daß man ihn

würde gehen lassen, er hatte ein zu starkes Bewußtsein von seiner

Notwendigkeit und der Wichtigkeit seiner Dienste. Allein der Abschied

wurde gewährt. Da er schon vor Jahren in einer Angelegenheit, die den

Hof berührt hatte, zu scharf ins Zeug gegangen war, brauchte man Tadel

oder Einwand von oben nicht zu fürchten.

Das traf ihn unerwartet. Es dauerte Tage, ja Wochen, bis er sich wieder

gesammelt hatte. Die Zustände waren also noch viel heilloser, viel

giftiger, als er sich eingebildet hatte. Er war wie gelähmt. Er ließ die

Sache, für die er sich geopfert, auf sich beruhen. Er wich den Menschen

aus, wurde scheu und wunderlich. Er verließ seine Stadtwohnung und zog

sich ganz in seine Villa zurück.

Diese Villa lag am Ende der Südwestvorstadt, nahe den bewaldeten Hügeln

und inmitten eines großen Gartens, der vor neugierigen Blicken durch

eine hohe, steinerne Mauer geschützt war. Die zahlreichen Räume

enthielten Schätze von Gemälden, Statuen, Büchern, Porzellan und alten

Möbeln. Der Hofrat ließ aber die Zimmer versperrt und nistete sich in

einer Giebelkammer ein. Die Haushälterin kochte für ihn, und der Diener

Gerold, eine Art Faktotum, sorgte für seine übrigen Bedürfnisse.

* * * * *

Anfangs hatte ihn Olivia beinahe täglich gesehen. Entweder kam er zu

ihr, unterhielt sich eine Weile mit der Mutter und forderte Olivia auf,

ihn zu begleiten, oder sie ging zu ihm. Wenn er arbeitete, setzte sie

sich in eine Ecke, nahm ein Buch und las.

Von dem, was ihn in dieser Zeit erfüllte, sprach er nicht. Sie erfuhr es

von andern. Jeder entstellte es auf seine Weise, aber es genügte, daß

sie Robert Lamm anschaute, dann rückte sich alles zurecht. Sie war stolz

auf ihn, nichtsdestoweniger drückte sein Wesen sie nieder, ohne daß sie

wußte, wie es geschah. Er war vertraulich und herzlich, dennoch schien

es, als rede er mit ihr durch eine Wand hindurch. Daß sie ihm nicht

näher kommen konnte, beunruhigte sie und trieb sie immer wieder in seine

Nähe.

Da trat die Katastrophe ein, die ihn aus seiner Wirksamkeit, aus seiner

Laufbahn riß. Am Tag, bevor er in die Villa übersiedelte, gab er ihr in

unfreundlichem Ton zu verstehen, daß er bis auf weiteres von keinem

Menschen behelligt werden wolle. Sie ließ sich's gesagt sein und ging

verletzt und schweigend hinweg. Wieder erst von andern hörte sie, was

sich ereignet hatte; es machte tiefen Eindruck auf sie, aber da er sie

zurückgestoßen hatte, blieb sie ihm fern.

Sie wollte ihr Leben wieder wie früher führen. Allein die Heiterkeit und

Sorglosigkeit waren verflogen. Es war nicht mehr der Leichtsinn darin,

das süße Träumen, das unbefangene Lachen. Sie lauschte aufmerksam auf

das, was die Leute zu ihr sagten, und mißtraute den Worten. Zu einigen

Menschen, die sie lieb gehabt, ging sie auch jetzt gerne, aber die

rechte Freude fehlte. Da war zum Beispiel Nina Senoner, die Frau eines

Großindustriellen. Sie war um zehn Jahre älter als Olivia, hatte schon

eine fünfzehnjährige Tochter und wurde von allen, die sie kannten, wegen

ihrer Sanftmut und ihres Liebreizes bewundert. Wohl verspürte Olivia

noch immer den Zauber ihres Wesens, aber das ganze Dasein dieser Frau

erschien ihr auf einmal leer, sie bemerkte in ihren Zügen eine

Melancholie, die ihr vordem nicht aufgefallen war, und, was das

Schlimmste war, das Zusammensein mit ihr langweilte sie.

Olivia oder Die unsichtbare Lampe · 第 1 / 10 段