IX.

Hier wäre nun der Kreis und die Summe der Taten dieses Verbrechers, der

Mensch werden wollte und nicht durfte, die rein oder vermischt

kriminalistisches Interesse beanspruchen können, geschlossen. Die

Gerechtigkeit hat ihren Lauf genommen, wurde befriedigt und der Sünder

hat seine Buße angetreten.

Der Physis nach, soweit das vorbestimmte Los den Menschen Strauß zum

Einbrecher, zum Opponenten gegen die öffentliche Moral und schließlich

zum Mörder werden ließ, wäre hier sein Leben, soweit es die

Öffentlichkeit erregte, fesselte und entsetzte, beendet.

Doch wie aus dem Gesagten erhellt, lief parallel zu diesem

gewalttätigen, häßlichen und niedrigen Kampf, so sehr er auch vorbedingt

war von einem ehrlich gefühlten und gedeuteten Haß, der Kampf des klugen

und weichen, lebendig bewegten und spekulativen Menschen Strauß. Der

feierte seine Auferstehung im düsteren Gestank der Zelle, fern aller

anderen Anregung als der der toten Buchstaben. Anteil am Kampf um

Bildung, Wissen, Glauben der Menschen in Freiheit blieb ihm versagt. So

nährte er sich von den Brosamen des reichbestellten Tisches und ward

zwar blaß und schattenhaft, aber er spürte sich wachsen.

Und das Licht des unvergitterten Tages bekam ihm auch nicht. Im

Gegenteil. Er mußte in Ohnmacht gegen den Dämon verstummen.

Unterlag immer wieder dem nie endenwollenden Haß, der finsteren

Rachsucht, die die Hände zu Dietrich und Stemmeisen und schließlich zum

Revolver greifen ließ.

Dennoch lebte der weiße Bruder in diesem Wesen weiter.

Zwiespältig geboren, gleich stark begabt, war es eine Frage der Zeit

oder der Niederlage, welcher Teil seines Wesens den Sieg davontragen

würde.

Der Abgrund, der aus seiner Schreckenstat aufklaffte, der Rand des

Grabes, dem er wie durch ein Wunder entging, das Wehen der anderen Welt

trieben ihn zur Besinnung. Es scheint wirklich, als habe ein Teufel ihn

besessen, im übertragenen Sinne. Und der Donner der letzten Stunde und

das Sterben eines Unschuldigen mußten ihn befreien.

Das Jahr der Untersuchungshaft bedeutete für ihn mehr als das Warten auf

den letzten Spruch. Mehr als die Bilanz eines verpfuschten Lebens.

Wollte er Ja sagen, so gab es für ihn keine bessere Lösung, als sich

entweder, wie so oft zuvor, den Armen der Justiz zu entwinden oder

Schluß zu machen. Mit diesem Leben und allem Zukünftigen.

Und hier gab es für ihn wie für jeden Menschen schließlich zwei

Möglichkeiten, unter denen er wirklich in Freiheit zu wählen hatte.

Einmal den Weg, den wohl die meisten Verzweifelten gehen, die am Ende

sind mit ihrer Kraft, denen das Leben ausging unter den saugenden

Umklammerungen des Unglücks ... den Selbstmord. Dieser Weg stand ihm

offen, durchaus und wahr als ein begreifliches Los nach dem

Zusammenbruch aller menschlichen und erotischen Möglichkeiten auf ein

ganzes Menschenalter hinaus. Sicher hat dieser extreme Ausgang in der

Nacht der Kerkermauern oft vor seinem geistigen Auge gestanden. Die

große Gleichgültigkeit und Ermattung, die ganz heimliche und letzte

verzweifelte Erkenntnis, die ja doch wohl der wahre Sinn dieses Lebens,

daß alles keinen anderen Sinn haben kann als den des dummen und

sinnlosen Alterns und Sterbens. Und je schneller man diesen Weg beendet,

desto besser.

Trotzdem vermied er diesen gewalttätigen Schluß.

Die Bindung an den Bruder mag da mitgesprochen haben wie die andere, so

verhängnisvolle an die Geliebte. Aber sicher nur sekundär.

Der wahre und zugleich tiefere Grund ist wohl seine ursprüngliche und

robuste Bejahung des Daseins, die primitive und durch keinen Aderlaß der

Vorfahren gebrochene Lust an der Arbeit, die naive Freude am

Weiterkommen, der Glaube an die Bedeutung des einzelnen für die

Gesamtheit oder für ein so imaginäres Ziel wie den Fortschritt oder die

Wissenschaft oder ... die Gesellschaft. Der eingeborene soziale Instinkt

und die Hochachtung vor dem eigenen mühsam erworbenen Wissen, sein

Selbstbewußtsein hielten ihn ab.

Aber er löste das Problem dennoch, wenn auch auf eine ganz

unwahrscheinliche und abseitige Art. Er tötete den gewesenen Menschen in

sich ab. Das mönchische Prinzip von der Abtötung des Fleisches, das ihm

doch durch das Gefangenenleben schon ausgiebigst vertraut war, trieb er

auf die Spitze in geradezu ekstatischer Raserei. Zugleich als einzigen

Ausweg, um überhaupt die erdrückende Last der Zukunft ertragen zu

können.

Er wußte zuviel, um als haßerfüllter Sträfling in der Masse der

Namenlosen untergehn zu können.

Er hoffte zuviel, um Hand an sich legen zu können.

So wählte er den esoterischen Weg der Flucht in die sinnvolle

unsinnliche Konzentration und Versenkung in Gott.

Er wählte das letztere.

Von der frühesten Kindheit bis zur letzten Verhaftung bildete dieses

Dasein eines Verstoßenen eine Kette unaussprechlicher Leiden, die

niemand begreifen konnte. Finsteres Verhängnis hielt den Gleitenden

gefaßt und stieß ihn immer tiefer abwärts.

Das war kein leichtsinniger oder zynischer Bruder, der da über dem

Abgrund schwebte und Läden plünderte. Der zwölf Jahre Kerker

absolvierte, um immer wieder zu frischen Strafen bereit zu sein.

Sondern ein düsterer, schwerblütiger und verzweifelter, ein ewig

fragender und belasteter Intellektueller, der aus Passivität gegen sein

Geschick zum Verbrecher wurde.

Seine Aggressivität war die Betäubung der Stimme in der Brust, die das

große Warum dieses Daseins niederbrüllen sollte. Das Erwachen war immer

grauenhaft.

Man kann sich einen reinen Typus des Empörers vorstellen, der auf eigene

Faust und ungehemmt seinen Kampf austrägt und von keinen metaphysischen

Sorgen behelligt von Tat zu Tat schreitet und seinem Ende, das früher

oder später doch kommen muß, gelassen entgegenschaut.

Dieser Typus des Eroberers, des Kolonialmenschen ist dieser Emil Strauß

nicht. Die Verkrümmung seiner energischen Linie liegt ganz früh.

Vielleicht kam er mit ihr auf die Welt. Es ist sicher, daß er in

anderer, gesünderer Umgebung ein bedeutender, um nicht zu sagen ein

großer Mensch geworden wäre.

So aber, außerhalb aller menschlichen Beziehung, ein Verbannter in der

Heimat, entfernte sich auch sein Rückweg, die Umkehr ganz und gar von

der Norm.

Der Angleich an die Welt kann ihm nicht gelingen. Er gleitet an ihr

vorüber und landet in einem metaphysischen, religiösen System, der

Christian Science.

Wert oder Unwert dieser Lehre, die aus Amerika, wo sie Anhänger nach

Millionen zählt, soll hier nicht untersucht werden.

Die Voraussetzung allen metaphysischen Erlebens ist natürlich der

Glaube, sei es an Gott oder den Teufel oder an sich selbst und die im

Menschen wurzelnden, unbekannten Kräfte. Sei es auch nur die Hoffnung,

einem Glauben verbunden zu sein und einer gleichgerichteten Schar, daß

man menschliche Nähe wieder spüre, eine Hand, die in die gräßliche und

einsame Finsternis dieses Lebens langt, mit etwas Wärme behaftet.

Jedenfalls steht das eine als ein sonderbares Mysterium, wäre man

versucht zu sagen, fest, daß das Leben dieses bisher in heftigster

Feindschaft zur Welt exaltierenden Menschen sich in das krasse Gegenteil

verkehrte: Weltflucht und Verneinung des Leidens, der Strafe, der Sinne,

aller Verführung und Gewalt, aller Erregung und allen Widerstandes gegen

den Willen Gottes, der sich ebenso mannigfach äußert, wie es Emotionen

der Umwelt geben kann.

Sicherlich lag dieser Ausweg als der vielleicht einzig mögliche durchaus

in seiner Linie. Sein Wesen erscheint in keiner Weise verändert. Aber

dadurch, daß er die Kerkermauern leugnet, sich dahin gebracht hat, sie

nicht zu sehn, bekam er überhaupt erst Luft zum Weiterleben. Von dem

Schrecken des Lebendigbegrabenseins hat der „Laie“ keinerlei

Vorstellung. Er ist für einen Menschen mit empfindsamen Nerven durchaus

tödlich. Die Vorstellung, fünfzehn Jahre lang keinen Baum und keinen

Himmel, keinen Menschen und kein Tier sehen zu dürfen, nachdem man

bereits zwölf solch höllischer Jahre kraft der Jugend und des

Nichtbegreifens überstand, muß einen Charakter auch von eisernster

Willensstärke zermalmen.

Aber das System des Glaubens an die innere Freiheit hat so feste Wurzel

in dem Herzen dieses Mannes im Kerker geschlagen, daß er frohen Muts in

die Zukunft schauen kann. Es gibt für ihn eine Zukunft.

Er hat Pläne. Hat eine Erfindung gemacht. Er studiert Latein und

Mathematik. Er liest und arbeitet.

Daneben verbreitet er die Lehre, an die er glaubt, unter seinen

Kameraden.

Hat Erfolge in jeder Hinsicht ... seine Wärter stellen ihm das beste

Zeugnis aus, seine Mitgefangenen verehren ihn.

In der Schneiderabteilung, in der er beschäftigt ist, deren Leitung er

inne hat, wird die Arbeit, im Gegensatz zu früheren Methoden, pünktlich

und sauber geliefert, das Verhältnis der Gefangenen untereinander und zu

ihren Wärtern hat eine neue friedliche Basis gewonnen für beide Teile,

sicherlich für den Staat und den Arbeitgeber eine erfreuliche Tatsache.

Über die Gedanken und Vorstellungen von Emil Strauß an seinem jetzigen

Aufenthaltsort möchten wir im folgenden noch einige persönliche

Äußerungen von ihm bringen, die seinerzeit gleichfalls im „Tagebuch“

veröffentlicht wurden:

„Es wird Sie interessieren, etwas Bestimmtes über meinen jetzigen

Gemütszustand zu erfahren. Hm! ‚Mens sana in corpore sano!‘ möchte ich

Ihnen da frohbeglückten und dankbaren Sinnes zurufen, denn in geistiger

wie körperlicher Hinsicht geht es mir ganz ausgezeichnet. Soweit ich

mich entsinne, habe ich mich in den drei Jahrzehnten meines Schein- und

früheren Schattenlebens niemals so wahrhaft zufrieden, so kerngesund und

urkräftig gefühlt wie jetzt seit zirka zwei Jahren ... seit jenem für

mich unvergeßlichen Tage nämlich, da ich von meinem Verteidiger, Herrn

Dr. Loewenthal-Landegg, in echter, christlicher Nächstenliebe

hingewiesen wurde auf das göttliche Prinzip und seine wahre Idee des

Lebens, wie diese in der christlichen Wissenschaft (Christian Science)

offenbart werden.

Die wahre Idee vom Leben! Welch ein unendlicher Gedankenreichtum liegt

doch in diesem einen kurzen Ausdruck enthalten. Was ist Wahrheit? Was

ist Leben? Wo findet man die eine? Und wie entsteht und was bezweckt,

wie äußert sich und ändert man das andere? ...

Das sind Fragen, die den menschlichen Intellekt von jeher stets am

meisten beschäftigt haben und deren endgültig bestimmte Beantwortung für

jeden Einzelnen wiederum eine Lebensfrage ist, eine Frage des Seins oder

Nichtseins in des Wortes tiefstgründiger Bedeutung.

Was Wahrheit ist oder nicht ist, kann niemals durch irgendwelche

rein-theoretischen Darlegungen in befriedigender Weise erklärt und

bewiesen werden. In der christlichen Wissenschaft, zu der ich mich heute

mit allen Fähigkeiten meines erwachenden animi bekenne, ist es z. B.

eine fundamentale, weil ewige unwandelbare Tatsache und Wahrheit, daß

ich meiner wahren, meiner geistigen Individualität nach kein Verbrecher,

kein überlästiger Störenfried der bürgerlichen Gesellschaftsordnung bin,

sondern eine geistig-substantielle, vollkommene Idee des allumfassenden

Prinzips, ein durch und durch auf Harmonie gestimmtes Wesen, das ebenso

unfähig ist, Dissonanzen zu erzeugen, wie solche zu erfahren ... ein

Wesen, das mit dem göttlichen Universalgesetz der Harmonie in

vollkommenem Einklang steht und daher auch gegen sogenannte menschliche

Gesetze, sofern sie den göttlichen Gesetzen nicht zuwiderlaufen, in

Wirklichkeit niemals verstoßen kann.

Diese dem Nicht-Szientisten gewiß ganz urgeheuerlich klingende

Behauptung bedarf natürlich, um zu überzeugen, des Beweises, und die

einzige Möglichkeit, diesen Beweis vollgültig zu erbringen, besteht

darin, daß ich alles, was das Christus-Ideal der Wahrheit in meinem

Bewußtsein verdunkelt, was meine Gottebenbildlichkeit in mir

verschleiert und entstellt ... daß ich das alles in unablässiger,

gewissenhaftester Kleinarbeit aus meinem Bewußtsein nach und nach

ausmerze und dadurch dem Nichts der Vergessenheit anheimgebe.

Durch diesen mentalen Reinigungsprozeß wird die das Ebenbild Gottes

verdeckende Tünche falscher Erziehung und falscher Denkgewohnheiten

mitsamt dem darauf abgelagerten, Jahrhunderte alten Staub der

Überlieferung falscher Annahmen allmählich hinweggewaschen, bis das

meisterhafte Original in all seiner ursprünglichen Frische und

bezaubernden Schöne mehr und mehr zutage tritt, um schließlich im

vollsten Glorienschein seiner makellosen Reinheit und Heiligkeit zu

erstrahlen.

Dieses zielbewußte, konsequente Zum-Vorschein-bringen des wahren

Menschen ist selbstverständlich keine Arbeit, die sich so im

Handumdrehen oder von heute auf morgen erledigen läßt.

‚Die Wiedergeburt‘, sagt unsere gottbegnadete Führerin Mrs. Eddy in

ihrem geistvollen Buch „Miscellaneous Writings“: ‚... die Wiedergeburt

ist nicht das Werk eines Augenblicks. Sie beginnt mit Augenblicken und

fährt fort mit Jahren. Augenblicke der Hingabe an Gott, des kindlichen

Vertrauens und freudigen Annehmens des Guten, Augenblicke der

Selbstverleugnung, der Selbstweihe, dem Himmel entstammender Hoffnung

und geistiger Liebe.‘

Um also den geforderten bzw. beabsichtigten Beweis der

Gottebenbildlichkeit meines wahren Ichs bis über die Grenze berechtigten

Zweifels und verständlichen Mißtrauens hinauszuführen, ist eine gewisse

Zeit nötig. Dem aufmerksamen, vorurteilslosen Beobachter meines inneren

Entwicklungsganges dürfte es aber schon jetzt nicht mehr verborgen sein,

welche erstaunliche Wandlung in meinem ganzen Denken, Reden und Tun

bereits stattgefunden hat.

Vergegenwärtigen Sie sich bitte, daß ich ... der Schreiber dieser

absichtlich allen Überschwangs entkleideten Zeilen ... daß ich damals,

unmittelbar nach meiner letzten Verurteilung, am Rande abgrundtiefer

Verzweiflung stand und fest entschlossen war, die mir auf ein volles

Menschenalter hinaus genommene materielle Freiheit mit allen Mitteln

brutaler Rücksichtslosigkeit und findigster Verschlagenheit mir wieder

zu erobern.

Eine halbstündige Unterweisung (fast möchte ich sagen:

christlich-wissenschaftliche Behandlung!) seitens meines verehrten

Verteidigers veranlaßte mich aber, alle bereits getroffenen

Verabredungen und Vorkehrungen für die sofort nach meiner Überführung in

eine Strafanstalt geplante Flucht kurzerhand rückgängig zu machen und

damit alle Brücken, die mich mit der Vergangenheit noch verbanden,

hinter mir zu verbrennen.

Dieses urplötzliche und allen meinen ehemaligen Gesinnungsgenossen bis

heute noch unfaßbare _Aufgeben des Fluchtgedankens_ war die erste

Heilung, die ich in moralischer Beziehung durch praktische Anwendung der

christlichen Wissenschaft auf mein bis zur Hoffnungslosigkeit

verworrenes Lebensproblem erfuhr. Was ich seitdem durch tägliches

hingebungsvolles Studium dieser unvergleichlich herrlichen Lehre an

innerem Glück, an geistigen Freuden und einem Frieden, der alle

klügelnde Vernunft übersteigt, erfahren durfte, das läßt sich, ohne

anderen überschwenglich zu erscheinen, in Worten gar nicht wiedergeben

...

Der Fall Strauß · 第 13 / 17 题