Hier wäre nun der Kreis und die Summe der Taten dieses Verbrechers, der
Mensch werden wollte und nicht durfte, die rein oder vermischt
kriminalistisches Interesse beanspruchen können, geschlossen. Die
Gerechtigkeit hat ihren Lauf genommen, wurde befriedigt und der Sünder
hat seine Buße angetreten.
Der Physis nach, soweit das vorbestimmte Los den Menschen Strauß zum
Einbrecher, zum Opponenten gegen die öffentliche Moral und schließlich
zum Mörder werden ließ, wäre hier sein Leben, soweit es die
Öffentlichkeit erregte, fesselte und entsetzte, beendet.
Doch wie aus dem Gesagten erhellt, lief parallel zu diesem
gewalttätigen, häßlichen und niedrigen Kampf, so sehr er auch vorbedingt
war von einem ehrlich gefühlten und gedeuteten Haß, der Kampf des klugen
und weichen, lebendig bewegten und spekulativen Menschen Strauß. Der
feierte seine Auferstehung im düsteren Gestank der Zelle, fern aller
anderen Anregung als der der toten Buchstaben. Anteil am Kampf um
Bildung, Wissen, Glauben der Menschen in Freiheit blieb ihm versagt. So
nährte er sich von den Brosamen des reichbestellten Tisches und ward
zwar blaß und schattenhaft, aber er spürte sich wachsen.
Und das Licht des unvergitterten Tages bekam ihm auch nicht. Im
Gegenteil. Er mußte in Ohnmacht gegen den Dämon verstummen.
Unterlag immer wieder dem nie endenwollenden Haß, der finsteren
Rachsucht, die die Hände zu Dietrich und Stemmeisen und schließlich zum
Revolver greifen ließ.
Dennoch lebte der weiße Bruder in diesem Wesen weiter.
Zwiespältig geboren, gleich stark begabt, war es eine Frage der Zeit
oder der Niederlage, welcher Teil seines Wesens den Sieg davontragen
würde.
Der Abgrund, der aus seiner Schreckenstat aufklaffte, der Rand des
Grabes, dem er wie durch ein Wunder entging, das Wehen der anderen Welt
trieben ihn zur Besinnung. Es scheint wirklich, als habe ein Teufel ihn
besessen, im übertragenen Sinne. Und der Donner der letzten Stunde und
das Sterben eines Unschuldigen mußten ihn befreien.
Das Jahr der Untersuchungshaft bedeutete für ihn mehr als das Warten auf
den letzten Spruch. Mehr als die Bilanz eines verpfuschten Lebens.
Wollte er Ja sagen, so gab es für ihn keine bessere Lösung, als sich
entweder, wie so oft zuvor, den Armen der Justiz zu entwinden oder
Schluß zu machen. Mit diesem Leben und allem Zukünftigen.
Und hier gab es für ihn wie für jeden Menschen schließlich zwei
Möglichkeiten, unter denen er wirklich in Freiheit zu wählen hatte.
Einmal den Weg, den wohl die meisten Verzweifelten gehen, die am Ende
sind mit ihrer Kraft, denen das Leben ausging unter den saugenden
Umklammerungen des Unglücks ... den Selbstmord. Dieser Weg stand ihm
offen, durchaus und wahr als ein begreifliches Los nach dem
Zusammenbruch aller menschlichen und erotischen Möglichkeiten auf ein
ganzes Menschenalter hinaus. Sicher hat dieser extreme Ausgang in der
Nacht der Kerkermauern oft vor seinem geistigen Auge gestanden. Die
große Gleichgültigkeit und Ermattung, die ganz heimliche und letzte
verzweifelte Erkenntnis, die ja doch wohl der wahre Sinn dieses Lebens,
daß alles keinen anderen Sinn haben kann als den des dummen und
sinnlosen Alterns und Sterbens. Und je schneller man diesen Weg beendet,
desto besser.
Trotzdem vermied er diesen gewalttätigen Schluß.
Die Bindung an den Bruder mag da mitgesprochen haben wie die andere, so
verhängnisvolle an die Geliebte. Aber sicher nur sekundär.
Der wahre und zugleich tiefere Grund ist wohl seine ursprüngliche und
robuste Bejahung des Daseins, die primitive und durch keinen Aderlaß der
Vorfahren gebrochene Lust an der Arbeit, die naive Freude am
Weiterkommen, der Glaube an die Bedeutung des einzelnen für die
Gesamtheit oder für ein so imaginäres Ziel wie den Fortschritt oder die
Wissenschaft oder ... die Gesellschaft. Der eingeborene soziale Instinkt
und die Hochachtung vor dem eigenen mühsam erworbenen Wissen, sein
Selbstbewußtsein hielten ihn ab.
Aber er löste das Problem dennoch, wenn auch auf eine ganz
unwahrscheinliche und abseitige Art. Er tötete den gewesenen Menschen in
sich ab. Das mönchische Prinzip von der Abtötung des Fleisches, das ihm
doch durch das Gefangenenleben schon ausgiebigst vertraut war, trieb er
auf die Spitze in geradezu ekstatischer Raserei. Zugleich als einzigen
Ausweg, um überhaupt die erdrückende Last der Zukunft ertragen zu
können.
Er wußte zuviel, um als haßerfüllter Sträfling in der Masse der
Namenlosen untergehn zu können.
Er hoffte zuviel, um Hand an sich legen zu können.
So wählte er den esoterischen Weg der Flucht in die sinnvolle
unsinnliche Konzentration und Versenkung in Gott.
Er wählte das letztere.
Von der frühesten Kindheit bis zur letzten Verhaftung bildete dieses
Dasein eines Verstoßenen eine Kette unaussprechlicher Leiden, die
niemand begreifen konnte. Finsteres Verhängnis hielt den Gleitenden
gefaßt und stieß ihn immer tiefer abwärts.
Das war kein leichtsinniger oder zynischer Bruder, der da über dem
Abgrund schwebte und Läden plünderte. Der zwölf Jahre Kerker
absolvierte, um immer wieder zu frischen Strafen bereit zu sein.
Sondern ein düsterer, schwerblütiger und verzweifelter, ein ewig
fragender und belasteter Intellektueller, der aus Passivität gegen sein
Geschick zum Verbrecher wurde.
Seine Aggressivität war die Betäubung der Stimme in der Brust, die das
große Warum dieses Daseins niederbrüllen sollte. Das Erwachen war immer
grauenhaft.
Man kann sich einen reinen Typus des Empörers vorstellen, der auf eigene
Faust und ungehemmt seinen Kampf austrägt und von keinen metaphysischen
Sorgen behelligt von Tat zu Tat schreitet und seinem Ende, das früher
oder später doch kommen muß, gelassen entgegenschaut.
Dieser Typus des Eroberers, des Kolonialmenschen ist dieser Emil Strauß
nicht. Die Verkrümmung seiner energischen Linie liegt ganz früh.
Vielleicht kam er mit ihr auf die Welt. Es ist sicher, daß er in
anderer, gesünderer Umgebung ein bedeutender, um nicht zu sagen ein
großer Mensch geworden wäre.
So aber, außerhalb aller menschlichen Beziehung, ein Verbannter in der
Heimat, entfernte sich auch sein Rückweg, die Umkehr ganz und gar von
der Norm.
Der Angleich an die Welt kann ihm nicht gelingen. Er gleitet an ihr
vorüber und landet in einem metaphysischen, religiösen System, der
Christian Science.
Wert oder Unwert dieser Lehre, die aus Amerika, wo sie Anhänger nach
Millionen zählt, soll hier nicht untersucht werden.
Die Voraussetzung allen metaphysischen Erlebens ist natürlich der
Glaube, sei es an Gott oder den Teufel oder an sich selbst und die im
Menschen wurzelnden, unbekannten Kräfte. Sei es auch nur die Hoffnung,
einem Glauben verbunden zu sein und einer gleichgerichteten Schar, daß
man menschliche Nähe wieder spüre, eine Hand, die in die gräßliche und
einsame Finsternis dieses Lebens langt, mit etwas Wärme behaftet.
Jedenfalls steht das eine als ein sonderbares Mysterium, wäre man
versucht zu sagen, fest, daß das Leben dieses bisher in heftigster
Feindschaft zur Welt exaltierenden Menschen sich in das krasse Gegenteil
verkehrte: Weltflucht und Verneinung des Leidens, der Strafe, der Sinne,
aller Verführung und Gewalt, aller Erregung und allen Widerstandes gegen
den Willen Gottes, der sich ebenso mannigfach äußert, wie es Emotionen
der Umwelt geben kann.
Sicherlich lag dieser Ausweg als der vielleicht einzig mögliche durchaus
in seiner Linie. Sein Wesen erscheint in keiner Weise verändert. Aber
dadurch, daß er die Kerkermauern leugnet, sich dahin gebracht hat, sie
nicht zu sehn, bekam er überhaupt erst Luft zum Weiterleben. Von dem
Schrecken des Lebendigbegrabenseins hat der „Laie“ keinerlei
Vorstellung. Er ist für einen Menschen mit empfindsamen Nerven durchaus
tödlich. Die Vorstellung, fünfzehn Jahre lang keinen Baum und keinen
Himmel, keinen Menschen und kein Tier sehen zu dürfen, nachdem man
bereits zwölf solch höllischer Jahre kraft der Jugend und des
Nichtbegreifens überstand, muß einen Charakter auch von eisernster
Willensstärke zermalmen.
Aber das System des Glaubens an die innere Freiheit hat so feste Wurzel
in dem Herzen dieses Mannes im Kerker geschlagen, daß er frohen Muts in
die Zukunft schauen kann. Es gibt für ihn eine Zukunft.
Er hat Pläne. Hat eine Erfindung gemacht. Er studiert Latein und
Mathematik. Er liest und arbeitet.
Daneben verbreitet er die Lehre, an die er glaubt, unter seinen
Kameraden.
Hat Erfolge in jeder Hinsicht ... seine Wärter stellen ihm das beste
Zeugnis aus, seine Mitgefangenen verehren ihn.
In der Schneiderabteilung, in der er beschäftigt ist, deren Leitung er
inne hat, wird die Arbeit, im Gegensatz zu früheren Methoden, pünktlich
und sauber geliefert, das Verhältnis der Gefangenen untereinander und zu
ihren Wärtern hat eine neue friedliche Basis gewonnen für beide Teile,
sicherlich für den Staat und den Arbeitgeber eine erfreuliche Tatsache.
Über die Gedanken und Vorstellungen von Emil Strauß an seinem jetzigen
Aufenthaltsort möchten wir im folgenden noch einige persönliche
Äußerungen von ihm bringen, die seinerzeit gleichfalls im „Tagebuch“
veröffentlicht wurden:
„Es wird Sie interessieren, etwas Bestimmtes über meinen jetzigen
Gemütszustand zu erfahren. Hm! ‚Mens sana in corpore sano!‘ möchte ich
Ihnen da frohbeglückten und dankbaren Sinnes zurufen, denn in geistiger
wie körperlicher Hinsicht geht es mir ganz ausgezeichnet. Soweit ich
mich entsinne, habe ich mich in den drei Jahrzehnten meines Schein- und
früheren Schattenlebens niemals so wahrhaft zufrieden, so kerngesund und
urkräftig gefühlt wie jetzt seit zirka zwei Jahren ... seit jenem für
mich unvergeßlichen Tage nämlich, da ich von meinem Verteidiger, Herrn
Dr. Loewenthal-Landegg, in echter, christlicher Nächstenliebe
hingewiesen wurde auf das göttliche Prinzip und seine wahre Idee des
Lebens, wie diese in der christlichen Wissenschaft (Christian Science)
offenbart werden.
Die wahre Idee vom Leben! Welch ein unendlicher Gedankenreichtum liegt
doch in diesem einen kurzen Ausdruck enthalten. Was ist Wahrheit? Was
ist Leben? Wo findet man die eine? Und wie entsteht und was bezweckt,
wie äußert sich und ändert man das andere? ...
Das sind Fragen, die den menschlichen Intellekt von jeher stets am
meisten beschäftigt haben und deren endgültig bestimmte Beantwortung für
jeden Einzelnen wiederum eine Lebensfrage ist, eine Frage des Seins oder
Nichtseins in des Wortes tiefstgründiger Bedeutung.
Was Wahrheit ist oder nicht ist, kann niemals durch irgendwelche
rein-theoretischen Darlegungen in befriedigender Weise erklärt und
bewiesen werden. In der christlichen Wissenschaft, zu der ich mich heute
mit allen Fähigkeiten meines erwachenden animi bekenne, ist es z. B.
eine fundamentale, weil ewige unwandelbare Tatsache und Wahrheit, daß
ich meiner wahren, meiner geistigen Individualität nach kein Verbrecher,
kein überlästiger Störenfried der bürgerlichen Gesellschaftsordnung bin,
sondern eine geistig-substantielle, vollkommene Idee des allumfassenden
Prinzips, ein durch und durch auf Harmonie gestimmtes Wesen, das ebenso
unfähig ist, Dissonanzen zu erzeugen, wie solche zu erfahren ... ein
Wesen, das mit dem göttlichen Universalgesetz der Harmonie in
vollkommenem Einklang steht und daher auch gegen sogenannte menschliche
Gesetze, sofern sie den göttlichen Gesetzen nicht zuwiderlaufen, in
Wirklichkeit niemals verstoßen kann.
Diese dem Nicht-Szientisten gewiß ganz urgeheuerlich klingende
Behauptung bedarf natürlich, um zu überzeugen, des Beweises, und die
einzige Möglichkeit, diesen Beweis vollgültig zu erbringen, besteht
darin, daß ich alles, was das Christus-Ideal der Wahrheit in meinem
Bewußtsein verdunkelt, was meine Gottebenbildlichkeit in mir
verschleiert und entstellt ... daß ich das alles in unablässiger,
gewissenhaftester Kleinarbeit aus meinem Bewußtsein nach und nach
ausmerze und dadurch dem Nichts der Vergessenheit anheimgebe.
Durch diesen mentalen Reinigungsprozeß wird die das Ebenbild Gottes
verdeckende Tünche falscher Erziehung und falscher Denkgewohnheiten
mitsamt dem darauf abgelagerten, Jahrhunderte alten Staub der
Überlieferung falscher Annahmen allmählich hinweggewaschen, bis das
meisterhafte Original in all seiner ursprünglichen Frische und
bezaubernden Schöne mehr und mehr zutage tritt, um schließlich im
vollsten Glorienschein seiner makellosen Reinheit und Heiligkeit zu
erstrahlen.
Dieses zielbewußte, konsequente Zum-Vorschein-bringen des wahren
Menschen ist selbstverständlich keine Arbeit, die sich so im
Handumdrehen oder von heute auf morgen erledigen läßt.
‚Die Wiedergeburt‘, sagt unsere gottbegnadete Führerin Mrs. Eddy in
ihrem geistvollen Buch „Miscellaneous Writings“: ‚... die Wiedergeburt
ist nicht das Werk eines Augenblicks. Sie beginnt mit Augenblicken und
fährt fort mit Jahren. Augenblicke der Hingabe an Gott, des kindlichen
Vertrauens und freudigen Annehmens des Guten, Augenblicke der
Selbstverleugnung, der Selbstweihe, dem Himmel entstammender Hoffnung
und geistiger Liebe.‘
Um also den geforderten bzw. beabsichtigten Beweis der
Gottebenbildlichkeit meines wahren Ichs bis über die Grenze berechtigten
Zweifels und verständlichen Mißtrauens hinauszuführen, ist eine gewisse
Zeit nötig. Dem aufmerksamen, vorurteilslosen Beobachter meines inneren
Entwicklungsganges dürfte es aber schon jetzt nicht mehr verborgen sein,
welche erstaunliche Wandlung in meinem ganzen Denken, Reden und Tun
bereits stattgefunden hat.
Vergegenwärtigen Sie sich bitte, daß ich ... der Schreiber dieser
absichtlich allen Überschwangs entkleideten Zeilen ... daß ich damals,
unmittelbar nach meiner letzten Verurteilung, am Rande abgrundtiefer
Verzweiflung stand und fest entschlossen war, die mir auf ein volles
Menschenalter hinaus genommene materielle Freiheit mit allen Mitteln
brutaler Rücksichtslosigkeit und findigster Verschlagenheit mir wieder
zu erobern.
Eine halbstündige Unterweisung (fast möchte ich sagen:
christlich-wissenschaftliche Behandlung!) seitens meines verehrten
Verteidigers veranlaßte mich aber, alle bereits getroffenen
Verabredungen und Vorkehrungen für die sofort nach meiner Überführung in
eine Strafanstalt geplante Flucht kurzerhand rückgängig zu machen und
damit alle Brücken, die mich mit der Vergangenheit noch verbanden,
hinter mir zu verbrennen.
Dieses urplötzliche und allen meinen ehemaligen Gesinnungsgenossen bis
heute noch unfaßbare _Aufgeben des Fluchtgedankens_ war die erste
Heilung, die ich in moralischer Beziehung durch praktische Anwendung der
christlichen Wissenschaft auf mein bis zur Hoffnungslosigkeit
verworrenes Lebensproblem erfuhr. Was ich seitdem durch tägliches
hingebungsvolles Studium dieser unvergleichlich herrlichen Lehre an
innerem Glück, an geistigen Freuden und einem Frieden, der alle
klügelnde Vernunft übersteigt, erfahren durfte, das läßt sich, ohne
anderen überschwenglich zu erscheinen, in Worten gar nicht wiedergeben
...