Sie müssen daher von einem späteren Sammler in ihren jetzigen

Zusammenhang gebracht sein. Aber woher hat sie dieser spätere Sammler

entnommen? Er kann sie jedenfalls nicht aus einzelnen Aufzeichnungen

Jesaias zusammengestellt haben. Denn wir haben gesehen, dass es

undenkbar ist, dass Jesaia alle diese einzelnen Stücke zu verschiedenen

Zeiten einzeln und als selbstständige Stücke aufgezeichnet habe.

Ausserdem wäre auch ein späterer Sammler kaum im Stande gewesen,

die in der Reihenfolge der Stücke waltende grosse sachliche Ordnung

herzustellen.

Daher müssen die einzelnen Stücke aus einem grösseren Zusammenhange

stammen. Darauf führt 1. ihre chronologisch-sachliche Ordnung, 2. der

Umstand, dass mehrere Stücke teils in ihrem Anfange unvollständig sind

(c. 28,7 ff. c. 30,8 ff.), teils auch durch die Art ihres Anfanges auf

etwas Verlorengegangenes schliessen lassen (c. 28,14 ff. c. 29,13 f.).

Halten wir die beiden Punkte zusammen, so lässt sich vermuten, und

zwar namentlich aus der innerhalb der einzelnen Stücke herrschenden

chronologischen Ordnung, dass der grössere Zusammenhang, aus dem die

einzelnen Stücke entnommen sind, ein geschichtlicher Zusammenhang

gewesen ist.

Es gilt nun im Folgenden zunächst, diese Vermutung wissenschaftlich

näher zu begründen, und zu zeigen, dass sich durch diese Annahme eines

ursprünglich geschichtlichen Zusammenhanges der in Frage stehenden

jesajanischen Stücke des Buches alle vorhandenen Schwierigkeiten

beseitigen lassen.

Der einzige, der bisher diese Vermutung ausgesprochen hat, ist

~Hackmann~, in seiner Schrift über die Zukunftserwartung des

Jesaia. Er sagt dort Seite 47: „Unwillkürlich umgiebt man diese

Reden mit Geschichte, und -- sollten sie nicht auch ursprünglich in

geschichtlicher Umrahmung gestanden haben? Anzeichen für ein früheres

Vorhandensein historischer Einkleidung liegen wohl vor. Das cap.

28 steht so sehr mit einem konkreten geschichtlichen Vorgange in

Verbindung, dass die Vorstellung nahe liegt, eine kurze Darstellung

der begleitenden Verhältnisse sei einmal damit Hand in Hand gegangen.

Manche Einzelheiten sind wie eine Bezugnahme auf eine nebenhergehende

Erzählung; v. 9 f. setzt eine Unterbrechung der Rede durch Einwürfe

der Trunkenen voraus; v. 15 redet in Anspielungen von einem Faktum,

über welches ursprünglich vielleicht auch einige Worte verloren waren.

Aehnlich ist es mit Stellen wie 30,1. 6. 15 und 16. Natürlich ist

nur ein kurzer und einfacher Rahmen der Situation für die einzelnen

Aussprüche anzunehmen, in der Weise von c. 7 und 8.“

Es gilt nun im Folgenden, diese von ~Hackmann~ mehr andeutungsweise

ausgesprochene Vermutung näher zu begründen und allseitig sicher zu

stellen.

Ein starker Wahrscheinlichkeitsgrund für die Richtigkeit dieser Annahme

liegt ja vor allen Dingen in der oben nachgewiesenen chronologischen

Reihenfolge unserer Stücke. Wir müssen uns aber auch nach möglichst

starken äusseren Stützen für dieselbe umsehen. Diese liegen nun aber

meines Erachtens nicht zuerst in den von ~Hackmann~ hervorgehobenen

Anzeichen einer früheren geschichtlichen Umrahmung, obwohl auch diese,

wie wir nachher sehen werden, stark mit ins Gewicht fallen.

Der Hauptbeweis für die Annahme eines früheren geschichtlichen

Zusammenhanges unserer Stücke liegt vielmehr in der Beschaffenheit

dieser Stücke selbst.

Diese enthalten nämlich keineswegs alle, wie man bisher meist

angenommen hat, Reden, sondern sind zum guten Teil selbst noch

geschichtliche Darstellungen, zum Teil geben sie auch Reden in

geschichtlich referierender Form wieder.

Eigentliche Reden enthalten überhaupt nur folgende Stücke: 1. c.

28,14-22. Dieses Stück wendet sich mit direkter Anrede gleich in v.

14 an die Machthaber in Jerusalem und behält die Form der Anrede bis

zum Schlusse bei. 2. c. 29,9 f. Wer in dem kurzen Stücke angeredet

ist, ist nicht gesagt; wahrscheinlich sind es die Volksleiter, denen

Jesaia das Verstockungsgericht Jahwes ankündigt. 3. c. 30,1-5. Indessen

ist hier schon zu merken, dass die Rede erst von v. 3 an mit dem והיה

לכם direkte Anrede wird. In v. 1 f. ist der Spruch Jahwes in dritter

Person referierend wiedergegeben. Denn die Worte: הוי בנים סוררם נאם

יהוה darf man nicht übersetzen: Wehe euch widerspenstigen Söhnen, ist

der Spruch Jahwes; sondern sie heissen: Wehe über die widerspenstigen

Söhne u. s. w. Das geht klar hervor aus c. 29,15. Das Stück beginnt

ganz parallel: הוי המעמיקים und fügt dann den Nachsatz in dritter

Person an, wie aus dem מעשיהם und dem ויאמרו hervorgeht, vgl. auch c.

31,1 f. 4. c. 30,12-17. Die Rede wendet sich an die Volksleiter und

verkündet ihnen wegen ihres Ungehorsams gegen den Willen Jahwes den

Untergang. Aber diese Rede will nicht die Wiedergabe einer Rede Jesaias

an das Volk sein. Jesaia steht gar nicht vor dem Volk, sondern sitzt in

seinem Hause und schreibt diese Rede als eine Rede Jahwes an das Volk

für einen späteren Tag auf. Denn mit den Worten: לכן כה אמר קדןש ישראל

(v. 12) ist dieselbe nicht nur als Rede Jahwes bezeichnet, sondern auch

eng an die vorangehenden Verse 8-11 angeschlossen. Damit ist natürlich

nicht gesagt, dass Jesaia nicht ähnliche Reden an das Volk gehalten

hat. Aber es kommt hier auf die Form an, in welcher die vorliegende

Rede aufgezeichnet ist; und darnach ist dieselbe nicht die Wiedergabe

einer an das Volk gehaltenen Rede, sondern einer dem Jesaia von Jahwe

geoffenbarten Rede, die ihm zum Zeugnis dienen soll ליום אחרון.

Die vier Reden sind die einzigen direkten, in der zweiten Person an

das Volk oder dessen Leiter gerichteten Reden unserer Stücke. Und auch

diese erfahren in ihrer Bedeutung als solcher, wie wir gesehen haben,

Einschränkungen.

Neben diesen direkten Reden an das Volk stehen andere, die in

erzählender Form in der dritten Person berichtet sind. Dazu gehören,

wie oben zu c. 30,1-5 schon bemerkt worden ist, die Wehereden in c.

29,15 und c. 31,1 ff. Es sind Zornesausbrüche Jesaias im Namen seines

Gottes, hervorgerufen durch das Zustandekommen und die Ausführung jenes

Beschlusses, durch welchen sich das Volk in seinen Führern definitiv

vom Gehorsam gegenüber Jahwe losgesagt hat. Es ist fraglich, ob Jesaia

diese Aussprüche je mündlich vorgetragen hat; sie eignen sich mehr zu

schriftlichen Drohworten, und nach c. 30,8 scheint es, als ob sich

Jesaia von da an überhaupt auf Weisung seines Gottes vom Schauplatz

der öffentlichen Thätigkeit zurückgezogen habe. Die Form von c. 31

überhaupt ist nicht die einer feurigen Rede, als vielmehr die einer

grimmigen und doch siegesgewissen Argumentation. Man achte auf das וגם

הוא חכם ויבא רע in v. 2 und die Gegenüberstellung Jahwes und Aegyptens

in v. 3; ebenso auf das siegesgewisse: כי כה אמר יהוה אלי in v. 4. Er

weiss es, dass Jahwe zu ihm und durch ihn geredet hat, und dass er

darum zuletzt noch Recht behalten wird seinen Gegnern gegenüber.

Jedenfalls ist auch c. 29,1 ff. zu diesen indirekten Drohreden zu

rechnen. Das ergiebt sich schon daraus, dass Ariel (der Opferherd)

angeredet ist. Aber das Stück bietet solche Schwierigkeiten, dass sich

seine Form überhaupt nicht mehr wird mit Sicherheit feststellen lassen.

In v. 1 redet Jesaia, v. 2 geht unvermittelt in die Rede Jahwes über,

so dass anzunehmen ist, dass zwischen v. 1 und 2 etwas ausgefallen ist,

was auch der völlig abweichende Text der LXX wahrscheinlich macht.

Gehört v. 7 zum ursprünglichen Text, dann ist die Rede überhaupt in

Schilderung übergegangen. Denn in v. 7 ist Ariel in der dritten Person

genannt.

Wir kommen nun zu einer dritten Gruppe von Stücken, in denen Worte

Jahwes an Jesaia berichtet werden; und weil dies ganz in der Gestalt

geschieht, wie sie dem Jesaia gegeben werden, so tragen diese Stücke

vollkommen die Form der Erzählung. Zu diesen Stücken gehören c. 29,13

f. und c. 30,8 ff.

Zu c. 29,13 f. bemerkt schon ~Duhm~, dass dieser Spruch wegen der

Einleitung der Herr sprach, vielleicht auf einen historischen

Zusammenhang hinweise. Aber nicht nur die einleitenden Worte, sondern

auch die Worte der Rede Jahwes tragen die Form der historischen

Darstellung. Es heisst ja nicht: weil ihr euch nähert... sondern weil

sich dies Volk nähert... drum siehe behandle ich es wunderbar. Der

Angeredete ist der Erzähler.

In c. 30,8 bezieht sich nun auch der Inhalt der Rede Jahwes auf Jesaia,

Jesaia erzählt hier einen Befehl Jahwes, den er erhalten hat, mit den

Worten Jahwes wieder; das ist also auch keine Rede Jesaias, sondern

historische Darstellung einer Rede Jahwes an Jesaia. Wahrscheinlich

gehören die mit כי angeschlossenen Worte v. 9-11 noch mit zur Rede

Jahwes als Begründung des Befehls. Jahwe wird zwar in v. 9 und 11 in

dritter Person erwähnt; aber es hat nichts Befremdliches, wenn Jahwe

von sich in dritter Person redet. Ueber die weitere Fortsetzung v. 12

ff. ist schon oben die Rede gewesen.

Nun bleiben noch zwei Stücke übrig, die jedes für sich behandelt werden

müssen: c. 30,6 f. und c. 28,7 ff. c. 30,6 f. enthält überhaupt keine

Rede, sondern reine Erzählung. Es steht zwar jetzt: Orakel „Wüsten des

Südlandes“ darüber; aber auch diese geheimnisvolle Ueberschrift kann

natürlich für uns nicht die Erzählung in eine Rede verwandeln. „Im

Land der Enge und Angst.... führen sie auf... Eseln ..... ihre Schätze

zum Volk, das nicht nützt.....“ Dieser einfache Satz ist durch einiges

poëtische Beiwerk erläutert und erweitert. Das ist das geheimnisvolle

Orakel. Das Land der Angst ist die Wüste, die Schätze sind der Tribut

für die versprochene Hülfe, das Volk, das nicht nützt, ist Aegypten. Es

liegt derber Spott in dieser Schilderung Jesaias.

c. 28,7-13 ist weder blos Erzählung noch blos Rede, sondern es ist

Erzählung, direkte und indirekte Rede zusammen, kurz, es ist die

lebendige historische Darstellung einer gewaltigen im Tempelvorhof

vorgefallenen Scene. Die Einleitung erzählt oder vielmehr hat erzählt

die Situation; denn wie wir oben gesehen haben, ist sie jetzt

wahrscheinlich von einem späteren Bearbeiter stark modifiziert. In v.

9 f. folgt dann in direkter Rede die Wiedergabe der Anrede oder besser

der Hohnrede der trunkenen Priester und Propheten. Sie reden nicht

Jesaia, sondern sich gegenseitig an, da sie von Jesaia in der dritten

Person reden. Und darauf folgt -- nicht eine Anrede an, sondern ein

Urteil Jesaias über die Trunkenen und ihre Rede; denn von den Trunkenen

ist im Folgenden in der dritten Person geredet. Wenn wir fragen wollen,

an wen Jesaia sich dieses Urteil über die Trunkenen und ihre Rede

gerichtet dachte, so werden wir wohl antworten müssen, dass er dabei

nicht jene Spötter, sondern die Leser seines Buches im Auge hatte.

Dass Jesaia nicht eine ähnliche Drohrede jenen Spöttern ins Gesicht

geschleudert habe, soll damit wieder nicht gesagt sein; die hier so

drastisch und lebendig dargestellte Szene hat Jesaia gewiss selbst

erlebt. Aber die Form der Wiedergabe seiner Entgegnung ist doch nun

einmal nicht Rede -- dann müsste die zweite Person stehen --, sondern

urteilende Darstellung.

Der Überblick über die Form der in Frage stehenden jesajanischen

Stücke hat uns gezeigt, dass dieselben nur zum kleinsten Teil wörtlich

wiedergegebene Reden enthalten, dass die Aufzeichnung auch vieler

Reden in indirekt referierender Form gehalten ist, und dass, was

für unsere Frage die Hauptsache ist, sich sogar mehrere Stücke in

rein historischer Darstellung finden. Um die letzteren noch einmal

aufzuzählen, so sind dies c. 28,7-13. c. 29,13 f. c. 30,6 f. c. 30,8-11.

Dieser bisher immer übersehene Thatbestand ist natürlich ein sehr

entscheidendes äusseres Moment für die Richtigkeit unserer Vermutung,

dass die zusammenhängenden jesajanischen Stücke unseres Buches

ursprünglich einem grösseren historischen Zusammenhange angehört haben.

Denn bei dieser Annahme erklärt es sich allein, dass sich in den uns

erhaltenen jesajanischen Stücken unseres Buches bald die Form der

direkten, bald der indirekten Rede findet, und dass sogar einige Stücke

die Form der reinen Erzählung tragen, während sich dieser Wechsel der

Form bei der bisher üblichen Vorstellung der Entstehung jesajanischer

Stücke doch durchaus nicht verstehen lässt. Wie sollte Jesaia dazu

gekommen sein, solche zum Teil abgerissenen und unvollständigen

Stücke von Reden, Erzählungen und Szenen aufgeschrieben und später

zusammengestellt zu haben!

Auf einen grösseren ursprünglich historischen Zusammenhang weisen nun

auch zweitens die oben besprochenen Eingänge einzelner Stücke hin, die

jetzt zum Teil völlig Unzusammengehöriges eng mit einander verbinden.

Es sind die Eingänge c. 28,7. 28,14. 29,13. 30,8. und in weiterem Sinne

noch c. 31,4.

Am deutlichsten ist das bei c. 29,13. Die Worte ויאמר יהוה können, wie

wir gesehen haben, nicht v. 13 mit v. 10 verbinden. Es muss also vor

v. 13 etwas ausgefallen sein, woran die Worte ויאמר יהוה ursprünglich

angeknüpft haben. Dann weist aber das Stück, das selber erzählende

Form trägt, gerade auch mit seiner der Erzählungsform entnommenen

Einleitungsformel unabweislich auf einen historischen Zusammenhang hin.

Der Inhalt lässt sich natürlich nicht mehr bestimmen, muss aber mit der

angeführten Rede Jahwes irgendwie in Beziehung gestanden haben.

Über den Eingang in c. 28,7 ist oben schon näher die Rede gewesen.

c. 28,9 ff. fordern eine Einleitung, die die Situation beschreibt.

Wären die Worte in c. 28,7 אלה נגם jesajanisch, dann würden sie, wie

~Hackmann~ meint, allerdings auf eine ähnliche historische Beschreibung

der trunkenen Ephraims zurückweisen. Aber die Ursprünglichkeit des

überlieferten Textes in v. 7 f. ist nicht sehr wahrscheinlich.

Andererseits weist aber gerade auch der überlieferte Text darauf hin,

dass vor v. 9 eine ähnliche und jedenfalls umfassendere historische

Einleitung gestanden haben muss; denn der Bearbeiter kann die jetzige

nicht aus der Luft gegriffen haben, zumal im Folgenden von der

Trunkenheit der Priester nicht mehr die Rede ist, und dann liegt es

auch durchaus, wie wir noch sehen werden, der Art des Bearbeiters

unserer Stücke fern, derartige geschichtliche Einleitungen zu bilden;

er hat sie im Gegenteil, überall, wo es möglich war, entfernt und nur

die Reden in seine Sammlung aufgenommen.

In c. 28,14 bereitet das לכן, wie wir gesehen haben, den Auslegern

grosse Schwierigkeiten. Dasselbe setzt voraus, dass der Grund der

folgenden Drohrede im Vorhergehenden angegeben war. Nun ist derselbe

aber in v. 7-13 nicht angegeben. Also muss vor v. 14 etwas ausgefallen

sein, was den Grund der folgenden Drohung enthalten hat. Das kann

aber nicht etwa der Anfang der Rede selbst gewesen sein. Denn in

der v. 14 ff. angeführten Rede ist der Grund der Drohung in v. 15

voll und ausreichend angegeben vgl. v. 17 f. Dieser Umstand fordert

vielmehr nothwendig die Annahme, dass der Grund der Drohrede vorher

in geschichtlichem Bericht gegeben war. Man könnte höchstens noch

annehmen, dass das לכן v. 14 überhaupt nicht ursprünglich zu dem

jesajanischen Stücke gehört habe, sondern vom Bearbeiter hinzugesetzt

sei, um v. 14 ff. mit dem Vorhergehenden zu verbinden. Aber einmal

hat der Sammler auch sonst in unserem Buche jesajanische Stücke ohne

besondere Verbindung nebeneinander gestellt, und es wäre kein rechter

Grund ersichtlich, warum er grade dieses durch ein nachträglich

hinzugefügtes לכן mit dem vorhergehenden verbunden haben sollte;

sodann aber setzt auch die Art und Weise, in der v. 15 der Grund der

Drohung angegeben wird, eine Rückbeziehung auf konkrete geschichtliche

Verhältnisse voraus, die ohne vorhergegangene Erläuterung dunkel bliebe

und darum auch für uns thatsächlich dunkel ist. Hier kommen wir mit

~Hackmann~ überein, der in seiner oben angeführten Ausführung sagt,

v. 15 rede in Anspielungen auf ein Faktum, über welches ursprünglich

vielleicht einige Worte verloren waren. Wir meinen, dass das לכן in v.

14 noch deutlich diesen Ausfall erkennen lässt.

In c. 30,8 ist es nicht die Form, sondern der Inhalt des Verses

selbst, der auf geschichtliche Beziehungen zurückweist, deren Angabe

einmal vor ihm gestanden haben muss. Sowohl der Zeitpunkt des עתה,

als auch der Inhalt dessen, was Jesaia aufschreiben soll, muss einmal

irgendwie vor v. 8 erzählt gewesen sein. Denn jetzt steht der Vers

völlig in der Luft und die Suffixe in den Verben haben keine Beziehung

auf etwas Vorhergehendes, die sie doch notwendig fordern.

In c. 31,4 endlich kann sich der Eingang: כי כה אמר יהוה אלי zur Not

als Fortsetzung an v. 3 anschliessen. Wahrscheinlich ist dies indessen

nicht. Denn einmal hat das Stück v. 1-3 in den Worten:

וכשל עוזר ונפל עזר

einen gewaltigen und völlig genügenden Abschluss erreicht; und zweitens

passt der Inhalt von v. 4 nicht genau zu 1-3. Denn v. 1-3 stellen

Ägypten in den Vordergrund, während v. 4 von der Belagerung Jerusalems

handelt. Ist aber v. 4 von v. 1-3 zu trennen, dann verlangen die Worte:

כי כה אמר יהוה אלי eine Ergänzung, die jetzt ausgefallen ist. Die

Annahme wird dadurch noch wahrscheinlicher, dass das letzte Sätzchen

in v. 3 mit seinem יחדו und יכליון jedenfalls mit ~Duhm~ für einen vom

Sammler hinzugesetzten Abschluss zu halten ist.

Die besprochenen Eingänge in c. 28,7. 28,14. 29,13. 30,8. und 31,4

machen also wahrscheinlich, dass den durch sie eingeleiteten Stücken

andere, und zwar zum Teil sicher in geschichtlicher Form, einst

vorangegangen sind. Dasselbe ist natürlich auch bei den übrigen, nicht

besprochenen Stücken, nicht ausgeschlossen; es finden sich in denselben

nur keine Anzeichen mehr vor, die noch mit einiger Deutlichkeit darauf

hinweisen.

Diese Untersuchungen bestätigen die Vermutung ~Hackmanns~, dass unsere

Stücke ursprünglich in geschichtlicher Umrahmung gestanden haben. Die

inneren Gründe, die er als Stützen seiner Vermutung anführt, lassen

sich freilich nicht so beweisen, dienen aber dem geführten Beweise zur

Bestätigung. Denn dass wirklich manche Einzelheiten in unseren Stücken

wie eine Bezugnahme auf eine nebenhergehende Erzählung erscheinen,

wird jeder zugeben, der die Stücke mit Aufmerksamkeit liest. Ueber c.

28,15 ist vorhin schon die Rede gewesen. Aehnliches wird man von den

auch inhaltlich ähnlichen Versen c. 30,15 f. sagen dürfen. Doch c.

30,6 kann nicht mit angeführt werden, da v. 6 f. nicht Rede, sondern

Erzählung enthalten. Ebenso ist es mit c. 28,9 f., das nach ~Hackmann~

eine Unterbrechung der Rede Jesaias durch Einwürfe der Trunkenen

voraussetzt. Denn die v. 9 f. vorausgehenden Verse 6 und 7 sind nicht

Bestandteile einer Rede Jesaias, sondern bilden die geschichtliche

Einleitung zu der v. 9 ff. dargestellten Szene.

Doch wir bedürfen auch keiner weiteren Beweise mehr für die Richtigkeit

der aufgestellten Hypothese, dass die zusammengehörigen jesajanischen

Stücke unseres Buches ursprünglich einem grösseren geschichtlichen

Zusammenhange angehört haben. Wir haben folgende Thatsachen

festgestellt:

1. Den in Betracht kommenden jesajanischen Stücken liegt eine

streng chronologisch-sachliche Ordnung zu Grunde.

2. Dieselben enthalten nur zum Teil die Wiedergabe von Reden des

Propheten; zum Teil enthalten sie auch erzählende Darstellungen von

Reden und Ereignissen.

3. Die Eingänge mehrerer Stücke nehmen deutlich auf einst

vorhergegangene geschichtliche Darstellungen Bezug.

Diese Thatsachen finden ihre Erklärung nur durch die Annahme, dass

unsere Stücke einst in einer grösseren geschichtlichen Umrahmung

gestanden haben.

Diese Annahme wird nun noch durch folgende Umstände bestätigt. Zunächst

erklärt sich durch dieselbe am leichtesten die Beschaffenheit, in

welcher uns die jesajanischen Stücke vorliegen. Die jesajanischen

Partieen unseres Buches bestehen aus lauter einzelnen, zum Teil

abgebrochenen Stücken und lassen jede schriftstellerische Verbindung

unter einander vermissen. Diese Thatsache findet allein eine genügende

Erklärung in der Annahme, dass dieselben aus einem grösseren

Zusammenhange herausgebrochen sind.

Dadurch erklärt sich vor allem auch das Vorhandensein vieler so kurzer

Stücke, die jetzt wegen ihrer Zusammenhangslosigkeit als selbstständige

Stücke behandelt werden müssen, ohne dass man einsieht, wie sie

entstanden sein und für sich allein existiert haben könnten. Solche

Stücke sind c. 29,9 f. 13 f. 15 c. 30,6 f. Man kann nicht sagen, dass

ihnen am Anfange oder Schlusse etwas fehlt. ~Duhm~ nimmt dies zwar

von c. 29,15 an: „was etwa noch fehlt, scheint unleserlich geworden

und darum vom Redaktor durch v. 16-24 ersetzt zu sein.“ Allein in

diesen Versen lässt sich nichts entdecken, was die Annahme ~Duhms~

begünstigen könnte. Das nimmt auch ~Duhm~ nicht an; er hat keinen

anderen Grund für seine Annahme als die Unwahrscheinlichkeit, dass

dieses kurze Stück einst selbstständig existiert habe. Innerhalb einer

geschichtlichen Darstellung kann aber auch eine so kurze Rede sehr wohl

gestanden haben.

Dasselbe gilt von den anderen Stücken. c. 29,9 f. ist als selbstständig

aufgezeichnete Rede völlig unerklärlich. Man weiss weder, an wen sie

gerichtet ist, noch, worauf sie sich bezieht, noch, was sie droht. Ist

es wohl wahrscheinlich, dass Jesaia solche kurze Sätze aufgezeichnet

hat? Eine irgendwie genügende Erklärung dafür kann man nicht finden.

Dagegen liefert die Annahme, dass ein späterer Redaktor diese Reden

aus einem geschichtlichen Zusammenhange herausgebrochen habe, eine

vollständig genügende Erklärung sowohl für ihre Kürze als auch für ihre

sonst befremdliche Unverständlichkeit. Denn in ihrem ursprünglichen

Zusammenhange können alle ihre uns jetzt zum Teil dunklen Beziehungen

sehr deutlich gewesen sein.

Einer besonderen Erklärung bedarf noch das kurze Stück c. 30,6 f., das

jetzt die Ueberschrift משא בהמות נגב trägt. Dass dieses kurze, noch

dazu rein erzählende Stück einst eine besondere und selbstständige

Aufzeichnung Jesaias gebildet haben soll, ist undenkbar, trotzdem, dass

es jetzt als besonderes Stück behandelt werden muss und auch schon von

dem Verfasser jener Ueberschrift als solches behandelt worden ist.

Aber ~Duhm~ will nun eben um dieser Stichwortüberschrift willen das

Stück ganz aus seinem jetzigen Zusammenhange entfernen und hält es für

wahrscheinlich, dass es einst neben c. 21. 22 gestanden hat und erst

vom letzten Redaktor an seine jetzige Stelle versetzt worden ist.

Allein die in c. 21 mit Stichwortüberschriften versehenen Orakel sind

nicht jesajanisch und werden auch von ~Duhm~ nicht für jesajanisch

gehalten, und c. 22 gehört nicht derselben Zeit an wie unsere Stücke.

Andrerseits passt das Stück c. 30,5 f. seinem Inhalte nach vorzüglich

hinter v. 1-5, während es doch nicht einzusehen ist, dass es der letzte

Redaktor, der es doch gewiss unter der dogmatischen Brille seiner

Stichwortüberschrift betrachtet hat, an seinen geschichtlich richtigen

Platz gesetzt haben sollte. Ich glaube aber, dass sich bei unserer

Annahme eines ursprünglich geschichtlichen Zusammenhanges unserer

Stücke eine genügende Erklärung für das Stück und seine Ueberschrift

geben lässt.

Es ist nämlich klar, dass der Sammler unserer Stücke, wie der von

c. 1 (resp. 2) -- 12 und der von c. 13 ff. eine Sammlung von משאות

ישעיהו hat geben wollen vgl. c. 1,1. 2,1. 13,1. Dazu gehörten vor

allem alle ~Reden~, die Jesaia gehalten hat, oder die ihm als חזון

(c. 1,1) von Jahwe offenbart worden sind. Daraus erklärt es sich,

dass unsere sämmtlichen Stücke Reden, sei es von Jesaia, sei es von

Jahwe enthalten, und dass der Sammler grade die sie verbindenden

geschichtlichen Partieen weggelassen hat. Er hat nun diese Reden

wörtlich so aus ihrem geschichtlichen Zusammenhange herausgenommen, wie

er sie vorfand; daher es kommt, dass viele durch ihre Form noch den

geschichtlichen Zusammenhang verraten. Nur in c. 28,7 f. hat er eine

kurze geschichtliche Einleitung stehen lassen, um v. 9 ff. mit v. 1-4

zu verbinden.

Die Komposition des Buches Jes. c. 28-33. · 第 2 / 7 段