Physiologische und anatomisch begründete Zusammengehörigkeit der Tiere
ist also noch nicht scharf geschieden. Es fehlen manche Gruppen, die
wir erwarten würden, z. B. die Schmetterlinge. Schwankend sind die
Fledermäuse und Strauße, die eine Mittelstellung zwischen Säugetieren
und Vögeln einnehmen sollen, ebenso die Wassersäugetiere, die zwar
anatomisch als Säugetiere nachgewiesen, aber in eine Mittelstellung
zwischen diese und die Fische gebracht werden. Besonders scharf
gesondert treten die Fische als kiementragend und mit Flossen
versehen auf und werden nach ihrem Skelett eingeteilt. Die Umgrenzung
derselben ist später oft durchbrochen worden, hat ja auch Linné noch
Schwierigkeiten bereitet, und die Scheidung in zwei große Gruppen
ist bis heute beibehalten worden. Was die Wirbellosen betrifft, so
hat erst Ende des 18. Jahrhunderts die Systematik hier wesentliche
Fortschritte gemacht. Ihre Abtrennung von den Fischen und die vielen
anatomischen und biologischen Schilderungen derselben gehören zu den
hervorragendsten Merkmalen der Aristotelischen Zoologie. Als oberste
Einteilungsprinzipien wählt er +anatomische+. „Zuerst nun werden wir
die Teile, aus denen die Tiere bestehen, zu erörtern haben. Denn
in ihnen liegen die größten und ersten Unterschiede auch für das
Gesamttier, je nach Besitz oder Abwesenheit gewisser Teile, nach
Lage und Anordnung, nach Gestalt, Überschuß, Analogie, Gegensatz
der zufälligen Eigenschaften.“ Dies führt ganz selbstverständlich
hinüber zu ausgedehnterer Verarbeitung anatomischer Einzelheiten,
seien es nun solche, die auf Aristoteles’ eigene Beobachtungen oder
die seiner Vorgänger zurückzuführen sind. Damit ist aber auch der
Anstoß zu einer vergleichend über die ganze Tierwelt ausgedehnten
Anatomie und Physiologie gegeben. So stuft denn Aristoteles auch
innerhalb des einzelnen Individuums die Teile ab. Er unterscheidet
Grundstoffe, gleichartige Teile (Gewebe), ungleichartige Teile
(Organe), berücksichtigt auch die Proportionen und endlich den
Habitus. Die schwächste Seite ist neben vielen anatomischen Irrtümern
seine +Physiologie+, da sie von unzulänglichen physikalischen
Vorstellungen ausgeht. Es ist hier nicht der Ort, die große Zahl
irriger und oberflächlicher Kenntnisse und Begriffe vom Bau und von
den Verrichtungen des menschlichen Körpers, die er der Betrachtung
der übrigen Organismen zugrunde legt, aufzuzählen. Nur nebenbei mag
auch erwähnt werden, daß viele Einzelbeobachtungen, die sich in seinen
Werken finden, später bestätigt wurden. Von besonderer Tragweite ist
Aristoteles’ Wertung des Herzens geworden, das er schlechthin als das
Zentrum der ganzen Organisation, weil es das der Ernährung und Bewegung
sei, mithin auch als das der Seelenfunktionen auffaßte, während ihm
das Hirn nur ein Kühlapparat für die aufsteigende Wärme zu sein schien.
Das Herz ist das erste und letzte, was sich bewegt; die Luft das Agens
der Bewegung. Zur Kenntnis der Bewegungsfunktion fehlte ihm eine klare
Vorstellung von den Muskeln und ihrer Wirkung.
Weitaus am wertvollsten sind innerhalb der Physiologie die Ausführungen
über die +Entwicklungsgeschichte+, weil hier die Naturauffassung wie
die Beobachtungsmittel von Aristoteles am weitesten führen konnten.
Von der Zeugung sind vier Arten zu unterscheiden: die Urzeugung,
wodurch Lebewesen aus faulenden Stoffen entstehen sollten, die
Sprossung niederer Tiere, die hermaphroditische, die geschlechtliche
Zeugung. Die dritte Form, ein Mittelding zwischen dem, was wir als
Hermaphroditismus und Parthenogenese unterscheiden, schreibt er außer
den Pflanzen den Bienen und einigen Fischen zu. Bei den höheren Tieren
herrscht sonst Zweigeschlechtigkeit als eine Folge der Ortsbewegung und
führt zu einer Differenzierung der Geschlechter, die von prinzipieller
Bedeutung für die ganze Organisation des Individuums ist (Wirkung der
Kastration). Beim Männchen ist der Zeugungsstoff die Samenflüssigkeit,
die aber nicht pangenetisch gedacht wird, beim Weibchen das Ei oder
die Katamenialflüssigkeit. Als vollkommene Eier erscheinen die
dotterreichen. Bei der Befruchtung liefert das Weibchen den Stoff,
das Männchen das gestaltende Prinzip, das nicht einmal stofflich zu
sein braucht, sondern als rein mechanisch wirksam gedacht wird. Es
soll eine Bewegung übertragen und einen Ernährungsprozeß einleiten
und die weiblichen Geschlechtsprodukte in einen Keim überführen, der
bald im Ei, bald ein „Wurm“ ist. Im Verlaufe der weiteren Entwicklung
entstehen die Organe nicht gleichzeitig, obschon sie der Möglichkeit
nach vorhanden sind, sondern sukzessive in größter Zweckmäßigkeit
nach dem Endzustand, der erreicht werden soll. Der Embryo ist beseelt,
zunächst zwar nur mit einer „ernährenden Seele“, erst später treten die
höheren Stufen des Seelenlebens auf. So besitzt er denn auch zuerst nur
generelle, erst später mehr spezielle und individuelle Eigenschaften.
Die Ernährung des Embryo ist eine Fortsetzung der Zeugung. Die
Fruchtbarkeit steht in Korrelation mit der Form der Ernährung,
der Größe der Eier usw. Aristoteles findet hier die Gelegenheit,
ausgedehnten Erfahrungen über die vergleichende Entwicklungsgeschichte
Raum zu geben. Die Reihenfolge, in der die Organe auftreten, richtet
sich nach der physiologischen Bedeutung der Organe. Daher entsteht
zuerst das wichtigste Organ, das Herz, wie sich am Hühnerembryo sehen
läßt, wo es als „der springende Punkt“ imponiert. Dann entstehen die
großen Gefäße und der Kopf mit den schon früh großen Augen. Sind die
Grundstoffe nicht genügend, so geht die Entwicklung in Mißbildung aus.
Den einzelnen Formen der Mißbildung widmet Aristoteles ein ausgedehntes
Kapitel, das als die Grundlage der späteren +Teratologie+ zu betrachten
ist, da in ihm die pathologischen Erscheinungen auf natürliche Ursachen
zurückgeführt sind. An Beobachtungen über die Entwicklung der einzelnen
Organe, namentlich auch an genauen Angaben über die Zeugungs-,
Gestations- und Entwicklungsfunktionen der Haussäugetiere findet sich
ein großer Reichtum in den verschiedenen Aristotelischen Schriften.