Wie für jede andere philosophische Disziplin, sind auch für unsere die
Grundlagen in Griechenland gelegt worden. Immer deutlicher hebt sich
beim Studium der antiken Literatur ab, wie die ersten Gedankenreihen
der Zoologie sich dort bildeten. Es ist weniger die Kenntnis neuer
Tiere, als die Vertiefung in ihren Bau und die logische Gestaltung des
Beobachteten, durch die auf hellenischem Boden die wissenschaftliche
Betrachtung der organischen Natur entstand und sich entwickelte. Die
Tierpflege, Tierhaltung, Jagd, Fischerei erlitt keinerlei Einbuße,
wenn sie sich in Griechenland auch in bescheidenerem Maßstab bewegte,
als vorher in den vorderasiatischen Despotenhöfen und nachher in Rom.
Die großen Unterschiede der griechischen Zoologie im Vergleich zur
vorausgehenden vorderasiatischen und zur nachfolgenden bis zur Neuzeit
liegen in folgenden Richtungen: Einmal wurde eine planmäßige Vermehrung
der Tierkenntnis, insbesondere nach der marinen Fauna hin, angestrebt,
sodann trat neben die Lehre von der äußeren Gestalt die vom Bau und von
den Verrichtungen der Organe. Tier und Tierwelt wurden dem Weltganzen
eingegliedert und nach Normen beurteilt, wie sie auch für dieses sich
als fruchtbar erwiesen hatten. Wurde dadurch ein oft fast zu enges
Band um die organische und anorganische Natur zugleich geschlungen,
so kam anderseits aber auch die Eigentümlichkeit der organischen
Natur zur Würdigung ihrer Eigenart. Quellen für die antike Zoologie
sind reichlich vorhanden. Wenn auch nicht an zoologischem Inhalt, so
doch an Umfang und Alter steht an erster Stelle die hippokratische
Schriftensammlung (5-4. Jahrhundert v. Chr.), ferner Galens Werke (2.
Jahrhundert v. Chr.), alles überragend aber die Aristotelischen Werke
(4. Jahrhundert v. Chr.). In zweiter Linie sind zu nennen Herodot,
die vorsokratischen Philosophen, die alexandrinischen Kompilatoren
und der Römer Plinius d. J. Aber es gibt beinahe überhaupt keinen
antiken Schriftsteller, dem nicht interessante Einzelangaben zu
entnehmen wären, die uns verständlich werden lassen, daß mit der Höhe
griechischer Lebenshaltung auch die Wissenschaft vom Leben stets neue
Nahrung erhielt.
Flüchtiger Vögel leichten Schwarm
Und wildschweifende Tier im Wald,
Auch die wimmelnde Brut des Meers
Fängt er, listig umstellend, ein
Mit netzgeflochtenen Garnen,
Der vielbegabte Mensch.
Sophokl. Antigone V. 342.
Auch von einem modernen Standpunkte aus betrachtet, erscheinen die
Beobachtungen und Verallgemeinerungen der ältesten griechischen
Philosophen, der sog. +Vorsokratiker+, höchst beachtenswert.
+Anaximander+ hat schon die Annahme vertreten, die Tiere seien aus
dem Meerschlamm hervorgegangen und hätten beim Übergang zum Leben auf
dem Lande ihren Hautpanzer abgelegt. Nach +Pythagoras+ sollte alles
tierische Leben aus Samen, nicht aus faulenden Stoffen entstehen.
+Philolaos+ sucht, entgegen der herrschenden Ansicht, die den Sitz
der Seele ins Zwerchfell zu verlegen pflegte, diesen im Hirn.
Ebenso +Alkmäon von Kroton+, der den Zusammenhang zwischen Hirn und
Sinnesorganen, sowie wahrscheinlich auch die Ohrtrompete kannte,
ferner durch Tierexperiment feststellte, daß das Rückenmark nach dem
Koitus unverletzt gefunden wird. +Anaxagoras+ spricht von der Atmung
der Fische und Schaltiere durch die Kiemen und der Zweckmäßigkeit und
Teilbarkeit der Organe. Mit Embryologie finden wir fast jeden der
älteren Naturphilosophen beschäftigt, insbesondere Alkmäon, +Hippon
von Rhegium+ und +Empedokles+. Auf das Lehrgedicht des letzteren gehen
viele der später gültigen Anschauungen zunächst zurück, wenn sie auch
vielfach noch älteren Ursprungs sein mögen; so die Lehre von den vier
Elementen: Feuer, Wasser, Luft, Erde als den Grundstoffen der gesamten
Natur. Nach ihm ist die Verschiedenheit der Organismen so zustande
gekommen, daß die einzelnen Teilstücke sich in Liebe oder Haß vereinigt
hätten. Dadurch sucht er auch die Mißbildungen auf natürliche Weise
zu erklären. Ihm ist das Labyrinth im Ohr bekannt; er erörtert die
chemische Zusammensetzung der Knochen. „Eins ist Haar und Laub und
dichtes Gefieder der Vögel.“ Eine Auswahl früherer Anschauungen gibt
auch +Diogenes von Apollonia+, so eine Schilderung des Gefäßsystems.
Eine Andeutung des biogenetischen Grundgesetzes mag man auch in dem von
ihm ausgesprochenen Satze sehen, daß kein dem Wechsel unterworfenes
Wesen von einem anderen verschieden sein kann, ohne ihm vorher ähnlich
gewesen zu sein. Als eigentlich kritisch forschender Geist gilt
+Demokrit von Abdera+ (geb. ca. 470 v. Chr.), dem schon im Altertum die
Trennung der Tierwelt in Bluttiere (Wirbeltiere in unserem Sinne) und
Blutlose (Wirbellose) zuerkannt wurde. Schriften über die Ursachen der
Natur im allgemeinen und der Tiere im besonderen, sowie eine Anatomie
des Chamäleons wurden ihm zugeschrieben. Auf ihn geht die Betrachtung
von Lebenserscheinungen nach mechanischen Prinzipien am allermeisten
zurück. Damit wird er der Vater ähnlicher Bestrebungen im späteren
Altertum sowohl wie im Beginn der Neuzeit, deren Schriftsteller, wie
z. B. Severino, sich geradezu auf ihn berufen.
Neben all diesen mehr auf einheitliche Erfassung der organischen Natur
und auf den Nachweis ihrer Übereinstimmung mit der anorganischen
gerichteten Bestrebungen wandte sich aber auch der offene Blick der
Griechen dem Reichtum der Tierwelt zu, namentlich auch derjenigen
Asiens und Ägyptens. Schon im 5. Jahrhundert weiß +Herodot+ von einer
großen Anzahl von Tieren, ihrem Vorkommen und ihrer Lebensgeschichte
zu erzählen, ferner +Ktesias+; endlich die attischen Komödiendichter,
besonders +Epicharm+ und +Aristophanes+. Aber mit dem Sinn und der
Freude an der belebten Natur war es nicht getan. Während in den älteren
hippokratischen Schriften die Tiere in ähnlicher Weise, wie etwa bei
Mose, nach dem Medium ihres Vorkommens aufgezählt werden, existiert
in der Schrift „Über die Diät“ eine Aufzählung von 52 Tieren, die man
füglich als eine systematische Reihenfolge, das +koische Tiersystem+
(ca. 410 v. Chr.), bezeichnen kann. Es scheint einem verschollenen
Autor entlehnt zu sein und behandelt die Tiere in absteigender
Reihenfolge, und zwar: Säugetiere, zahme, wilde, unter letzteren nach
der Größe geordnet, Vögel des Landes und Wassers, Fische: Küstenfische,
Wanderfische, Selachier, Schlammbewohner, Fluß- und Teichfische
(Weichtiere), Muscheltiere, Krebse. Von größeren Gruppen fehlen nur
Reptilien und Insekten, da sie nicht genossen wurden. Die Bedeutung
dieses Systems besteht vor allem in der Abtrennung der Fische von den
übrigen Wirbeltieren und der Wirbellosen von ihnen, wodurch diese
Klassifikation einige nicht selbstverständliche und bedeutungsvolle
Züge des Aristotelischen Systems vorwegnimmt. Die Gruppenbildungen
dieses Systems wirken aber besonders da nach, wo mehr im Anschluß an
die medizinische Literatur Kategorien von Tieren aufgezählt werden, bei
Galen und den Ichthyographen des 16. Jahrhunderts.
Weit wichtiger als um die Zoologie sind die Verdienste der
+hippokratischen Ärzte+ um Anatomie und Physiologie, wobei begreiflich
der Mensch und die Haustiere im Vordergrund des Interesses stehen.
Auch auf diesen Gebieten sind Ansätze zu systematischer Ordnung des
Stoffes unverkennbar, Einteilung des Körpers nach der Siebenzahl, von
der Peripherie nach dem Zentrum, vom Scheitel zur Zehe. Bedeutungsvoll
ist für die spätere Medizin die Lehre von den vier Säften geworden.
Aber auch Vergleiche zwischen körperlichen Einrichtungen und Produkten
der Technik, zwischen anatomischen Zuständen verschiedener Art bei
verwandten Tieren, Experimente an lebenden Tieren, planmäßige Bebrütung
von Hühnereiern zum Studium der Entwicklung, Parallelen zwischen
der Entwicklung von Pflanze, menschlichen und tierischen Embryonen,
Zeugungstheorien, worunter namentlich die später als Pangenesis
bezeichnete, Anklänge an die Lehre vom Überleben der kräftigsten
Organismen, die Annahme der Vererbung erworbener Eigenschaften -- all
das deutet nicht nur auf umfangreiches Wissen, sondern auf einen hohen
Zustand von dessen Verwertung im Dienste der Biologie hin. Wenn man
bedenkt, wie lange die Zoologie durchaus an die Medizin gekettet und
wie mächtig und grundlegend der Einfluß der hippokratischen Literatur
nicht nur auf die nächstliegende antike, sondern auch auf die spätere
moderne war, so wird man die Bedeutung dieser Errungenschaften schon
auf so früher Stufe der Entwicklung unserer Wissenschaft nicht
verkennen.
Diese aussichtsvolle Entwicklung der Vorstufen einer wissenschaftlichen
Zoologie wurde dadurch jählings unterbrochen, daß die Naturphilosophie
hinter der Ethik zurückzutreten begann, ein Vorgang, der mit der
Sophistik seinen Anfang nahm und in +Plato+ seinen literarischen
Abschluß fand. Plato gibt uns im Timäus eine Schilderung der
Weltbildung mit Einschluß der organischen Natur und des Menschen,
aus der alle Mystik und Teleologie späterer Jahrhunderte ihre
Nahrung sog. Der Timäus bedeutet aber im Vergleich zur vorangehenden
ihres kritischen Geistes bewußt werdenden Naturauffassung einen
gewaltigen Rückschritt von der Forschung in die Poesie. So wenig sein
Erkenntniswert in Betracht kommt, so ist er doch dadurch und infolge
der späteren Gegensätzlichkeit zwischen der Aristotelischen und
Platonischen Philosophie von großer geschichtlicher Bedeutung geworden.
Die organische Natur erscheint im Timäus als Degeneration des Mannes,
den der Weltenschöpfer aufs vollkommenste geschaffen hat, wobei Plato
die Pythagoreische Zahlenmystik mit der Geometrie des Organismus in
Verbindung setzt und die teleologische Erklärung der einzelnen Organe
im Dienste der Seele durchführt. Anderseits scheint das Verdienst,
Naturerscheinungen nach Gattung (~genus~) und Art (~species~) zu
gliedern und damit auf dem Wege der Induktion Allgemeinbegriffe zu
schaffen, ebenfalls auf Plato zurückzugehen. Die genannten Begriffe
stehen zwar bei ihm in komplizierterem gegenseitigen Verhältnis,
als in unserer Logik; doch bleibt wohl der Aufbau von Systemen mit
ihrer Hilfe Gemeingut der Platonischen Schule, die zum Teil infolge
mangelnder Erweiterung ihrer positiven Kenntnisse in der künstlichen
Ausbildung dichotomischer Gliederungen (nach Art unserer botanischen
und zoologischen Bestimmungstabellen) verfiel, zum Teil aber auch die
Stärke der Aristotelischen Systematik wurde.