Hinter dem »Oder« liegen die Kämpfe, liegt das Entsagen. Fast fürchte
ich, ich bin dem Glück weit weniger gewachsen, als dem Leid. Dieses
habe ich zur Genüge durchkostet, als die vier Augen sich für immer
schlossen, die meine ›heilige Kindheit‹ behüteten. Jenes aber birgt
für mich unfaßbare Möglichkeiten. Vor denen ich mich schier fürchte.
Und die ich doch herbeirufen möchte, weil ich sonnenhungrig und voll
Sehnsucht bin. –
32.
Pastor Oswald ist vorbildlich. Ich habe ihm heute wieder und wieder die
Hand geschüttelt, sein junges, feines, herbes Weib stand strahlenden
Blickes daneben. Er konnte seine Hochzeit innig froh begehen, denn
er hat das gestrige Fest, das wohl zu einem Pranger für Förster
Nordstamm werden konnte, durch Herzensgüte und Männlichkeit zu einem
Ehrentag umgewandelt. In aller Herrgottsfrühe ist er gestern zum
Schmied gegangen und hat ihm bedeutet, daß er seine liebe Kirche
nicht dazu hergäbe, ein Komödienhaus zu sein. Denn er wüßte, daß
die Weiber von drei Kirchspielen sich aufmachten, um Gese Tönnings
in gesegneten Umständen zu sehen, dazu als Vater und Großvater die
hochangesehenen Erbförster. Er gäbe also dem Schmied anheim, eine
stille Trauung in seinem oder des Försters Hause stattfinden zu lassen,
anders der Pfarrer die Trauung ablehne. – Wohl ist dem Schmied
der Zorn hochgekommen, daß seine Strafe an der Tochter nicht zur
Ausführung gelangen sollte, aber vielleicht gab er nach, weil er an
die aufregungslüsternen Dorfweiber denken mußte, die nun unbefriedigt
abziehen würden. So habe ich auch dieser Trauung beiwohnen können und
hörte eine liebe, warme kurze Ansprache meines Bruders Oswald.
Und heute war seine eigene Hochzeit, die auch eine Überraschung
bot. – Denn aus meinem Hause heraus holte sich der Pfarrer seine
Braut. Die Korb-Sina hat eine Feinfühligkeit bewiesen, die wir ihr
alle nicht zugetraut. Ganz heimlich, und doch wohlvorbereitet, hat
sie Dorf und Haus verlassen, um kein Ärgernis zu geben. Dadurch ist
die verachtete Frau eine Mahnung geworden für die selbstgerechte,
vornehme Mutter des Pfarrers, die sich nicht überwinden konnte, mit
der Korb-Sina an einem Tische zu sitzen, und deshalb in Hamburg
blieb am Ehrentag des Sohnes. Wie seltsam das alles! Wie verworren
die Ehrbegriffe in der Brust einer in Tradition versteinten Frau. So
übernahm ich die Rolle der Brautmutter, ließ Maria Dörping in den
grauen Alltag übersiedeln, um ihr das Erwachen im lichten Sonntag
des jungen Eheglückes doppelt sonnig zu gestalten. Ohm Matthias war
stellvertretender Brautvater. Ritter Lage hatte recht mit der Annahme,
daß der äußere Mensch den inneren stark beeinflußt. Ohm Matthias
war ganz Würde in den neuen Kleidern, und hätte er ein Vermögen zu
vergeben, so würde er dies heute Maria Dörping und ihren zukünftigen
Kindern vermacht haben. Auch um des schönen, dankbaren Lächelns
willen, mit dem die eltern- und verwandtenlose Braut ihn empfing,
um an seinem Arm in die Kirche zu schreiten. Wenn der Gotteshimmel
draußen sonnig über diesem Hochzeitstag strahlte und in Marias Herzen
seinen Abglanz fand, so sorgte der im Ruhestand lebende Pfarrer,
welcher die Traurede übernommen hatte, dafür, daß sie beide durch
Fegefeuer schritten. Der geharnischte Prediger erließ ihnen nichts.
Er selbst muß Erschreckliches in seiner längst durch den Tod gelösten
Ehe durchgemacht haben, sonst hätte er dem Paar nicht so erbarmungslos
die möglichen Schrecken und Schatten ihrer Zukunft vorführen können.
Über eine Stunde waren wir wirklich im grauen Alltag, und der Pastor
unterließ es, das kleinste Lichtstümpfchen anzuzünden. –
»Hu«, schüttelte sich Ohm Matthias, als er aus der Kirche trat.
Behauptete auch nachher kühn, der Trautext habe gelautet: »Heiraten ist
gut, Nichtheiraten ist besser.« Aber ich habe den Spruch gut behalten
und weiß, daß es die strenge Mahnung war: »Die Welt vergehet mit ihrer
Lust, wer aber den Willen Gottes tut, der bleibet in Ewigkeit.«
Einige Tage später.
Heute weiß ich, daß wir alle vielleicht das Rechte taten, aber nicht
das Richtige für den grauen Alltag, für das Dorf. Ich spüre auf
Schritt und Tritt, daß ich an Vertrauen eingebüßt habe. Und bin zu
der Erkenntnis gelangt, daß ich wohl verwickelten Gedankengängen
gescheiter Menschen zu folgen vermag, daß ich aber der einfachen
Selbstverständlichkeit meiner Bauern noch wie ein Kind gegenüberstehe.
Wie sehr fehlt mir jetzt Ritter Lage. – Der Kluge würde wohl rechten
Rat reden. Unschätzbar waren seine gelben Büttenpapiere. Und ich
Törichte grub ihnen ein Grab im Lager Wald, anstatt die Worte lebendig
neben mir zu lassen, auf daß ich nachschlagen konnte.
Hätte ich es wohl für möglich gehalten, daß das Dorf die Korb-Sina
vermissen könne? Die man ihr ganzes Leben lang geschmäht und
verlästert? Jetzt gebärden sich die Leute, als sei das Wertvollste
verlorengegangen, und wir, der Pfarrer Oswald, seine Maria, ich und der
graue Alltag seien die Schuldigen. – Das verlassene Haus der Korb-Sina
ist immer von Neugierigen umlagert. Ich sehe dort täglich nach dem
Rechten, denn die Eigentümerin wird und muß ja wiederkommen. Wenn ich
mich nahe, weichen die Dörfler zurück und lassen mir freien Weg ins
Haus, zu dem ich die Schlüssel habe. Sie grüßen widerwillig, ich merke
es wohl, und es tut mir weh. –
Pastor Oswald sucht nach Marias Großmutter mit steter Emsigkeit, sie
ist wie vom Erdboden verschluckt. – Ich selbst bin etwas ruhelos
geworden, seit mir Klein Erika fehlt. Auf Pastor Oswalds Rat habe
ich das Kind seinem Vater hingebracht und bekam strahlende Freude
zum Lohn. Fand auch wirklich das Glück in der Erbförsterei. Gese
Nordstamm, geborene Tönnings nimmt sich rührend des Kindes, wie auch
des Großvaters an, der mit nimmermüder Sorgfalt beim Wiegenzimmern ist.
Und leuchtende Farbtöpfe stehen bereit, um die Rosen und Tulipanen
der älteren Wiege, darinnen Klein Erika ruht, noch zu übertreffen.
Wenn das Kind geboren ist, hoffe ich, daß auch Schmied Tönnings das
Forsthaus betreten und das gleiche seiner Frau erlauben wird. – Für
diese sturren Trotzköpfe sind es nur leere Formeln, was die Kirche
tut. In ihrem eigenen Innern haben sie sich Gesetze aufgerichtet, die
sie bis zur Selbstvernichtung befolgen. Auch Schmied Tönnings ist mein
Widersacher geworden, der mir nachträgt, daß Pastor Oswald ihn zwang,
gut und verzeihend zu _scheinen_. Ich sitze ganz untenan auf unseres
Herrgotts Schulbank und lerne.
Er möge erfüllen, daß einmal die Letzten die Ersten sein werden.
* * * * *
Baron Ellers hat sich erschossen. Auf der Grenze zwischen seinem Gut
und dem Lager Wald hat man ihn gefunden. Ich hörte die Nachricht
durch meinen Gärtner, und heute hat es mir Frau von Heidkamp in einem
längeren Schreiben bestätigt. Ich darf mich mit dem Gedanken nicht
aufhalten, daß mein ererbtes Geld diesen Leichtsinnigen vielleicht dem
Leben erhalten hätte. Ich muß, bis ich fester in eigenen Erfahrungen
wurzle, meines Vaters Leben und Gedanken als Richtschnur behalten,
damit ich nicht fehlgehe: er, dessen Grundton verstehende und
verzeihende Liebe war, verachtete die Spieler …
Herr und Frau von Heidkamp bitten mich, sie nicht nur als Nachbarn,
sondern als Freunde zu betrachten.
Das will ich auch tun.
Diese beiden Lebenskameraden gehen recht Hand in Hand. Sie haben das
Leid in mancher Form kennengelernt. Eine schöne, liebenswerte Tochter
ist ihnen gestorben, ein leichtsinniger Sohn lebt, schafft ihnen
Kümmernisse und läßt sie um das Bestehen ihres Gutes bangen. Wir
wollen feste Tage ansetzen, an denen wir zusammenkommen. Für großen
Verkehr fehlt mir jegliche Veranlagung und die Zeit. Auch ist mir mein
Lebensplan ja vorgezeichnet …
»Das vierte Päckchen, Gitti, gebe ich dir entweder selbst, oder ich
grabe ihm im Lager Wald ein Grab …«
Nun muß ich warten, worin das vierte Päckchen besteht.