Nach acht Tagen.
Heute hat mir Ritter Lage seinen ersten Besuch gemacht. Tante Fernande
empfing ihn. Ganz große Dame und ~ancien régime~. Ich verhielt eine
Weile in meinem Zimmer. Denn ich hatte die beschämende Entdeckung
gemacht, daß mein Kalenderblock noch denselben Tag zeigte, an dem der
Enterbte und ich uns zum ersten Male sahen. Und jäh schoß mir das alte
Lied durch Kopf und Herz:
[Illustration: Der graue Alltag.]
»Die Tage, da du fern von mir, die zählen nicht in meinem Leben« – –.
Da riß ich wohl hastig die schwarzen Ziffern herab, bis der rote
Sonntag leuchtend vor mir lag. Und konnte dann äußerlich ganz ruhig den
seltenen Gast begrüßen.
Er saß im roten Ledersessel, »darinnen die Lages ausrasten«. Seine
dunkeln Augen sahen mich noch eine Weile ernst und gütig an, ehe er
sich langsam an dem festen Stock aufrichtete, dessen Elfenbeinkrücke in
seiner Rechten ruhte.
Die alte Eva stand neben ihm und hatte in ihren Augen einen ruhigen
Glanz. Und auf ihrem runzligen Antlitz ein stilles Lächeln voller
Befriedigung, das sagte: Was wollt ihr nun noch? Es ist ja jetzt alles
gut und in Ordnung.
Tante Fernande saß auf der kleinen Estrade, jeder Zoll die
Audienzgebende. Aber als Ritter Lage sie ruhig und schweigend
anblickte, verschwand sie hastig, und Eva folgte ihr. Nun standen wir
uns allein gegenüber.
»Sie haben sich Muhme Jesuliebes Räume wunderbar heimelig
eingerichtet«, begann er das Gespräch. »Man wird sich zusammennehmen
müssen, um sich aus diesem Raum loszureißen. Denken Sie, wie
entsetzlich es wäre, wenn ich immer hier bliebe …« Ich stand
schweigend; es war mir, als läse ich einen der närrischen
Büttenpapierbriefe.
Ritter Lage deutete mit seinem Stock auf eine Ausbuchtung der Mauer,
die in das Zimmer hineinragt. Sein Gesicht war blaß, seine Mundwinkel
zuckten. Spott, Verlegenheit und Unbehagen lagen in seinen Mienen.
»Die verehrte Regenschirmbase hat natürlich alles gläubig als Zauberei
hingenommen«, sagte er mit seltsamem Lachen. »Das macht, weil Sie die
Urkunde noch nicht kennen, und außerdem keinen Hang zur Neugierde
haben. Ich aber hatte schon als 10jähriger Bub herausgefunden, daß sich
hier eine ›Horchbucht‹ befindet. Wie Sie sie oft genug auf Plätzen, in
alten Höfen, Toren und Burgmauern sehen können. – Gitti, Sie werden
mir nachher die Ehre Ihres Gegenbesuches schenken. Lassen Sie den
Knigge und den guten Ton in allen Lebenslagen einmal ruhig beiseite.
Der graue Alltag braucht ihn nicht. Ich will Ihnen nur zeigen, daß seit
20 Jahren mein Schreibtisch in dieser Ausbuchtung steht, und daß ich
laut Urkunde lebenslängliches Heimatsrecht in Lage habe.«
Ich erschrak so heftig, daß ich mich am Tisch festhalten mußte.
»Fallen Sie bitte nicht um, Gitti«, sagte Ritter Lage. »Mein linkes
Bein ist heute besonders schmerzhaft, schief und verbogen, und die
linke Hand kraftloser denn je. Ich würde mitfallen, wollte ich Sie
aufheben. Glauben Sie auch nicht, daß es mir etwa Freude gemacht hat,
den Horcher zu spielen. Ich hatte ein weit geruhigeres Leben, als
Sie noch nicht Erbin des grauen Alltags waren. Sozusagen Schulter
an Schulter arbeitete ich mit Muhme Jesuliebe, und nach der Arbeit
schlüpfte die alte Dame durch die Tapetentür zu mir, strahlend und
lautlos lachend darüber, daß sie mit 80 Lenzen noch diese geheimen
Schleichwege gehen konnte. Wir waren uns sehr gut, Muhme Jesuliebe und
ich. Sie war die interessanteste Frau, die ich je gekannt. Ebensoweit
entfernt von künstlich erborgter Jugend, wie vom Quietismus des
Alters. Als sie dann starb und Gitti hier einzog, gab ich natürlich
immer Fersengeld, sobald sie das Zimmer betrat, denn ein geborener
Horcher bin ich nicht, Regenschirmbase. Die Flucht war aber nicht immer
möglich – mein Befinden ist großen Schwankungen unterworfen. Oft
habe ich zähneknirschend auf dem Ruhebett gelegen, während Ihr lieber
Plaudermund schier dicht an meinem Ohr seine Weisheit verzapfte.«
Er war wieder sehr blaß, als er dies sagte, und ich regte mich nicht.
»Kleine Gitti, es wäre barmherziger, wenn Sie schelten würden, anstatt
so schrecklich stumm und vernichtet dazustehen. Wenn ich Sie so hinters
Licht führte und nicht eher aus der Horchbucht hervortrat, so geschah
es auch, weil ich allzu Köstliches in dieser Zeit gelernt habe. – Weil
ich in eine liebe, ganz neue, wunderbar lichte Welt eintrat« …
»Aber man darf doch nicht horchen«, wendete ich gequält ein und rang
meine Finger ineinander.
»Ach, kommen Sie mir nicht mit Ihrer Kleinkinderstubenweisheit«, sagte
er ärgerlich. »Folgen Sie mir lieber in mein Reich und überzeugen Sie
sich, wie weitab mein Ruhebett von der Ausbuchtung entfernt steht.
Ich werde Sie hinübergeleiten und dann hierher zurückkehren. Mit ganz
leiser Stimme werde ich von hier aus Ihnen abbitten, und Sie werden es
trotzdem gellend in Ihren Ohren hören.«
Nun lachte ich doch ein klein wenig. »Ich glaube das noch nicht«, sagte
ich, ihm folgend.
Er drückte auf eine Erhöhung in der Wand, und da tat sich langsam eine
Tapetentür auf. Durch diese schoben wir uns hindurch, und sie fiel
sofort wieder lautlos ins Schloß. Der Raum, den wir betraten, ist
mir der liebste im ganzen Gewese. Groß und doch heimelig, mit ganz
erlesenem Geschmack eingerichtet. Seine Spitzbogenfenster gehen zur
schönsten Stelle des Parkes hinaus.
»Hier ist gar kein grauer Alltag,« sagte ich still, »hier wohnt das
Licht.« Aber ich redete nur zu mir selbst, denn Ritter Lage war schon
wieder durch die Tapetentür entschwunden. Ich hörte seinen Stock im
Nebenzimmer aufstapfen und vernahm auch das leise Räuspern, das »Junker
Clemens« an sich hat. Inzwischen fesselte meine Augen ein großes Bild
über dem kostbar geschnitzten Sofa, es war unser Stammbaum. »Joochen
Lage« las ich zu oberst in den Zweigen. »Geboren 1595, gestorben 1642
in’t Lager Huus.« Ich setzte mich still dem Bilde gegenüber auf das
breite, große Ruhebett, auf dem ein riesiges Eisbärenfell ausgebreitet
war, und meine forschenden Augen schweiften weiter über die Zweige und
Verästelungen des Stammbaumes. Da tönte es eindringlich in mein Ohr:
»Kleine Gitti, hörst du mich?«
Ich schaute mich um, aber ich war allein in dem schönen Raum.
»Gitti Regenschirm, weißt du, daß _du_ das Licht im grauen Alltag bist?«
»Nein, das weiß ich nicht.«
»Gitti, wir sind viele Jahrhunderte durch grauen Alltag geschritten.
Bis _du_ kamst. Nun kann es nie wieder ganz dunkel werden in’t Lager
Huus.«
»Ritter Lage, ich möchte das alles zurückgeben. Für mich war die
ewige Lampe der Kapelle das Licht im grauen Alltag, und _du_ hast es
entzündet, Clemens Lage.« –
»Kleine Gitti, ich werde noch heute eine lange Reise antreten. Diese
Reise wird großes Glück oder unfaßbares Leid bringen, mir und dir …«
»Für mich ist es schon Leid, wenn du fortgehst, Ritter Lage …«
»Gottes Segen über dich, Gitti, Seelchen!«
Einen Augenblick war ich fassungslos. War es die Lichtfülle, die
über mein einsames Leben hereinbrach? Die meine Augen so blendete,
daß ich nichts in meinem Umkreis mehr unterscheiden konnte? Ich warf
mich auf das Ruhebett und lachte und weinte in das weiße Fell hinein,
und der vornehme Duft, der das ganze Zimmer beherrschte, legte sich
schmeichelnd auf meine Sinne.
Aber als ich dann aufsprang, weil die liebe, klangvolle Stimme
verstummt war, und dann durch die Tapetentür in mein eigenes Zimmer
schlüpfte, da war dieses kalt und dunkel und leer. Und wie in weiter
Ferne sah ich das stille Gesicht der alten Eva, und hörte ihre trockene
Meldung: »Der Herr Baron lassen sich bestens empfehlen.«
29.
Es ist gut, wenn ein geliebter Mund Worte prägt, die dann zu
Leitsternen werden. Mein Leitstern in all diesen Tagen, »die nicht
in meinem Leben zählen, da er fern von mir«, war das Wort: »Es kann
nie wieder ganz dunkel werden im grauen Alltag.« So konnte ich Sieger
bleiben tausend kleinen Widerwärtigkeiten gegenüber und konnte
Fröhlichkeit in mir tragen und Zuversicht tausendfältig abgeben. Trotz
des Heimwehs, das mich schüttelt. Trotz der tiefen Sehnsucht nach
seiner Stimme, seinen märchendunkeln Augen. Und ich vermochte es, meine
Unrast einzudämmen, die mich umtrieb im Lager Busch, im Holländerwald
und in der roten Heide. –
Über Nacht ist das Blühen gekommen. Rot leuchtend liegt meine Heide
da, weit ausgebreitet ihr schimmernder Teppich. Und die Sonne küßt sie
wieder und wieder und kann sich nicht satt sehen an ihrer Schönheit.
Der Morgenwind harft ein Preislied. In seinem Hauche neigen sich die
Birken huldigend ihrer Heidekönigin, deren kraftvollem Schoße sie ihre
schlanke Schönheit verdanken. Stärker duftet der Ginster, heilkräftiger
der Wacholder. Über Mittag surren die Bienen heran, alles atmet
rascher, – ein rastloses Arbeiten hebt an, ein liebedurchglühtes, ein
starkes Schaffen.
Dann wieder die betende Stille, die sonnendurchglühte Rast, bis der
Sonnenball zum letzten Male die Kiefernstämme küßt, daß sie metallen
glänzen. Und dann tot stehen, weil die leuchtende Mutter von ihnen wich
mit einem letzten Gute Nacht. –
Morgen, morgen leuchtet wieder die rote Heide!
* * * * *
Im Forsthaus ist geschäftiges Treiben. Es scheint, als solle dort
wirklich das Glück Hüsung haben. Axthiebe schallen zu mir herüber, der
alte Förster zimmert eine neue Wiege. Denn die mit Rosen und Tulipanen
verzierte, in welcher Klein Erika ihren Einzug hielt, soll erst einmal
in meinem Hause bleiben. So rasch gebe ich mein süßes Kind noch nicht
her, wenngleich der junge Förster Nordstamm mich männlich-fest gebeten
hat, ihm Rikas Kind zu überlassen, auf daß er seine Vaterpflicht nicht
versäume. Ich habe es ihm versprochen. – Gese Tönnings blüht auf wie
eine Sonnenblume. Das Glück, die Erwartung macht sie gut. – Und ich
denke, wenn das Kind da ist, wird sein erstes Weinen selbst den Hammer
übertönen, den der Großvater Schmied kraftvoll-zornig schwingt …
Das Krankenhaus wächst, das Schulhaus glänzt in neuer Frische. Auch
dort soll ein kleiner Weltbürger seinen Einzug halten. Der Lehrer
teilte es mir strahlend mit.
Überhaupt schaue ich in lauter helle Gesichter. Als hätten sie mit den
Häusern zugleich einen neuen Anstrich erhalten. – Wie mir die Arbeit
willkommen ist! Wie sie mich ablenkt von dem gewaltigen Geschehen in
mir. Abzulenken _versucht_. Denn es bleiben immer noch Minuten, da mich
mein neues Erleben stürmisch überfällt.
[Illustration]
Hei ho, hei ho! Ich bin ein Kämpfer und lasse mich nicht rasch
unterkriegen. Aber ich bin auch ein Weib und ahne, daß ein Unterliegen
süß sein kann, wenn kraftvolle Arme uns zwingen und ein echter,
unverbrauchter, unzersplitterter Manneswille …
Ritter Lage, wo weilst du?
Ich habe heute die Ruine erstürmt, wie einst die Spanier die Burg.
Habe mich an Eisenknäufen festgehalten und emporgeschwungen, und immer
wieder fand mein tastender Fuß irgendeinen Vorsprung, bis ich den
Söller erreichte. Droben ließ ich mein weißes Tuch durch die Lüfte
wehen, es grüßte den Fernen.
»Ich weiß nicht, wo du träumst und suchst und irrst,
Ich weiß nur, daß du wiederkehren wirst.«
30.
Die Hochzeitsglocken läuten über die Heide.
Es liegt ein seltsames Drängen in ihren Klängen, Sie geben und schaffen
mir Unrast …
Förster Nordstamm führt heute Gese Tönnings heim.
Und morgen ist Pastor Oswalds Hochzeit.
Schmied Tönnings will keine Gäste haben. Er und seine Frau sind die
Trauzeugen. Dann will er die Tochter ins Forsthaus selbst geleiten, so
hat er es sich ausbedungen, nachdem ich ihn endlich soweit gebracht,
die verlorene Tochter bei sich wieder aufzunehmen. Tief mußte sie sich
beugen vor dem strengen Vater und die biblischen Worte nachsprechen:
»Ich bin nicht wert, daß ich dein Kind heiße.« Aber die Liebe half
ihr über alles Demütigende hinweg. Ich war heute für ganz kurze Zeit
in der Schmiede. Wollte der Braut wenigstens ein Myrtenzweiglein
bringen, damit das strenge, schwarze Kleid etwas Lichtes habe. Aber
der Vater litt es nicht. Gese Tönnings muß alle Folgerungen aus ihrem
Vergehen ziehen, und der strenge Vater führt ihre Mißgestalt durch die
Lager Kirche an den Altar mitten durch die gaffenden, lächelnden oder
mitleidigen Blicke hindurch. –
Und morgen schreitet Maria Dörping denselben Weg in ihrer schlanken,
herben Schöne und Reinheit.
Aber der graue Alltag wird ebenso raunen und zischeln, und die Kirche
wird noch gedrängter und voller sein. Denn man ist gespannt auf
die Korb-Sina, die sich vor Hochmut nicht zu lassen weiß über den
pfarrherrlichen Enkel und das Glück ihrer Enkelin. –
Der Trauung des Försters Nordstamm bleibe ich fern. Es dünkt mich
grausam, wie Schmied Tönnings sein Kind behandelt, da will ich die
Schar der Zeugen nicht vermehren. Wie hart habe ich früher selbst
geurteilt und verdammt. Von der hohen Warte der Unversuchten aus.
Und bin mir nie des häßlichen Pharisäertums bewußt geworden. Nun ist
dies überwältigende Erleben zum erstenmal über mich gekommen, und in
tiefen, verschwiegenen Stunden meiner einsamen Kemenate frage ich mich,
ob ich den Ritter Lage lieben darf? Mit jener brennenden Liebe, die
alles glaubt und alles hofft? Lebt nicht sein Weib, und kann sie nicht
gesunden? Muß ich nicht vielmehr jene entsagende Liebe in mir pflegen,
die nicht das Ihre sucht? Oh, diese Zweifel und Fragen, die über mich
herfallen mit scharfen Zähnen, mitleidlos … Sie quälen mich maßlos.
Und sie sagen: Du Aufrechte, du! Wie stehst du da, wenn sein Weib ihn
zurückfordert? Und mein Herz schreit auf und ruft dagegen, daß diese
Frau als Irre lebt seit zwanzig Jahren, und daß selbst das Gesetz die
Trennung erlaubt. – Aber sie kann gesunden …
Herrgott, höre mich! Wenn sie gesundet und dem Einsamen wieder das
Glück bringen kann, nach dem er verlangt, so will ich stark und groß
überwinden. Vergib mir das kindische Stammeln an seinem Ohr. Zu
strahlend das Licht, das über mich hereinbrach. So süß die erste Liebe.
So neu die Welt, die du mir auftatest, deinem Kinde so unbekannt. –
Da konnt’ ich wohl irregehen. Doch ich kenne den Weg, den mein rechtes
Fühlen mich weist, und bewußt will ich nicht straucheln, noch fehlen.
– Ich will auch dem fremden Manne vertrauen. Wohin mag ihn seine Reise
führen? Tiefes Glück soll sie bringen oder brennendes Leid? So sicher
ist er meiner Liebe, daß er beides in Betracht ziehen darf? Will er
sich trennen? Kann es sein, daß ihm daraus Kämpfe erwachsen? Daß sie
ihn nicht freigibt? Oh, so muß ich für uns beide stark sein. Vater,
du kannst dich auf deine Tochter verlassen. Feige wird sie niemals
sein. Aufrecht und einsam will ich meinen Weg gehen, wenn es in meinem
Schicksalsbuche also geschrieben steht, daß ich dem _einen_ nicht
folgen darf. –
31.
Drei Tage später.
Was heute zu mir geschritten kam, sah dem Glück nicht gerade zum
Verwechseln ähnlich. Aber was es mir brachte, war doch ein winziger
Bruchteil davon. Das liebeverwöhnte Kind eines liebereichen Vaters ist
bescheiden geworden …
Ohm Matthias Lage kam mit einem Bündel angegangen, in nichts von einem
reisenden Handwerksburschen zu unterscheiden. Da ich auf der weißen
Bank vor der Ruine saß, lud ich ihn gleich ein, sich neben mich zu
setzen, und er berichtete recht gedrückt von seiner Lehrzeit beim
»Vetter Lage«. Mein Anblick und der von Haus Lage schien ihn aber
sehr zu heben, denn er wurde von Minute zu Minute aufgeweckter und
übte schließlich eine recht laute und schonungslose Kritik an seinem
Brotgeber. »Wenn ich bedenke, geliebte Nichte, daß dieser Clemens einer
der reichsten Grundbesitzer ist, so muß es dich und mich empören, wie
knapp er mich gehalten hat. Auf halbe Ration hatte er mich gesetzt,
und alkoholische Getränke habe ich überhaupt nicht zu sehen bekommen,
trotzdem ich weiß, daß dieser sogenannte ›Abstinent‹ den Keller voll
Rheinwein hat und ihn auch gebührend zu schätzen versteht.«
»Davon weiß ich nichts«, sagte ich eisig abwehrend. »Freiherr Lage hat
es jedenfalls gut mit dir gemeint. Und mit _mir_ auch«, setzte ich mit
einiger Betonung hinzu, die auch ihre Wirkung tat, denn Ohm Matthias
empfahl sich rasch. Als er über den Rasen schritt, sah ich aus seiner
Rocktasche einen großen Briefumschlag ragen, der eine atemberaubende
Ähnlichkeit mit gelbem Büttenpapier hatte. »Hat Freiherr Lage dir
nichts aufgetragen an mich?« rief ich ihm nach, heiser wie ein kranker
Vogel vor Erregung.
Er schlug sich vor die Stirn und drehte sofort um. »Der Clemens?
Natürlich! Natürlich! Seine ergebensten Empfehlungen und dieses
Handschreiben. Du mußt wissen, liebe Nichte, der Knabe Clemens ist
immer Grandseigneur, trotz Humpelbein und verkürztem Arm. Armen
Verwandten gegenüber natürlich Knote. Aber Standesgenossen in guter
Assiette halten ihn für vorbildlich.«
In mir regte sich eine tiefe Abneigung gegen den Schwätzer.
»Du hast an seinem Tisch gesessen, Ohm Matthias«, sagte ich streng.
»An seinem Tisch«, wiederholte er kläglich. »Leuteessen hat er mir
verabreicht. Und doch bin auch ich ein Freiherr Lage, und Clemens weiß
genau, daß ich russischen Kaviar höher schätze, als Reisbrei.«
Er schlurfte davon, und ich hielt mein Büttenpapier in der Hand und
löste den Umschlag nicht eher, als bis Ohm Matthias in die Hauspforte
eingetreten war. –
Ritter Lage schreibt: »Mancherlei Dinge sende ich in den grauen Alltag.
Gitti, die Leuchtende, wird sie sich verklären und mir besonders
über das _eine_ nicht zürnen, das Ohm Matthias benamset ist. Er soll
später ganz nach Holland übersiedeln … Vorläufig aber bitte ich die
Samariterin, sich noch eine Weile seiner anzunehmen. Karge Kost, viel
Arbeit und als Belohnung Sonntags ein Glas sauren Mosels. Also lautet
mein Rezept für ihn. – Ferner kommt ein Riesenkoffer, von dem Ohm
Matthias noch nichts ahnt. Er enthält eine vollständige Garderobe,
die Base Gitti ihm je nach Bedarf verabreichen soll. Ohm Matthias ist
immerhin ein Lage, und ich hoffe, daß der anständige äußere Mensch
Einfluß auf den innern gewinnt. Halten Sie aber jeden Handelsjuden von
ihm fern, denn unser Vetter neigt dazu, seine äußere, irdische Hülle
in Alkohol umzusetzen. Das Dritte wird durch einen Vertrauensmann an
Sie selbst abgegeben werden. Nicht jede ›Frawe von Lage‹ hat Freude
daran gehabt. Denn es ist ein ›strenges‹ Geschenk. Tief ernste Steine
sind es, und doch wird Ihr fröhliches Herz ihnen entgegenjubeln.
Topase können nur reine Frauen tragen, anders geartete lehnen sie ab.
Der Schmuck der Frawen von Lage hat 107 Jahre im Schranke eines alten
Schlosses in Holland geruht. Ich weiß, daß Sie seine Schönheit ganz
bewußt wieder auferstehen lassen werden. – Das vierte Päckchen …
Gittibase …, du Lichtchen von Lage, das gebe ich dir selbst, oder grabe
ihm im Lager Wald ein Grab. Der ist ohnehin ein rechter Friedhof für
das Glück der Lages. Behüt’ dich Gott!