Die Clemenskapelle steht verlassen, die Lampe ist verlöscht …

Im Sinnen darüber (denn er hatte doch versichert, er wolle es nie mehr

verlassen, noch versäumen) schritt ich nach dem Tempel. Der Tempel

ist leer, – offen stehen die Türen … Eine alte Frau, mir unbekannt,

rumorte mit allem Handwerkszeug, das man zum Säubern braucht, in den

verlassenen Räumen umher. Sie sah mich feindselig an, und ich floh vor

ihren spähenden Blicken.

Mein Märchenwald stand schweigend. Kein Rauschen und Flüstern war zu

hören; er hielt den Atem an. Das Waldweibchen grüßte mich traurig, der

erhobene, einlaßwehrende Arm war abgeschlagen …

Da schlang ich die Hände um den uralten, rissigen Stamm und sank an ihm

nieder in die braune, streng duftende Heide. Und weinte, wie ich nie

geweint. Lang anhaltend, bitterlich. –

Andern Tags.

Was ist nur geschehen? Was habe ich denn getan? Verfehlt? Versäumt?

Wie Sonnenfinsternis liegt es über Lage. Aber noch gebe ich nicht

nach. Meines Vaters Tochter darf und will nicht feige sein. Die

4-Uhr-Morgenstunde fand mich schon wieder gerüstet zum Tagewerke. Wohl

mir, daß ich andern dienen darf, daß ich nicht mir selbst gehöre,

sondern dem Herrgott, der mir meine Wege weist. – Diese Wege führten

mich heute durch Disteln und Dorn. Mit widerborstigen Kranken und

unbotmäßigen Gesunden mußte ich mich ärgern und hatte alle meine

Kraft nötig. Und nahm sie zusammen und vermochte, milde zu urteilen

und durchgreifend zu helfen. Auch im Pfarrhaus sprach ich vor. Aber

die alte Dame ist noch krank, und da ich keine Aufforderung erhielt,

an ihr Lager zu treten, so entfernte ich mich rasch wieder. In der

Haustür traf ich mit Pastor Oswald zusammen, der ruhig und ernst wie

immer und durchaus nicht unfrei mit mir sprach. Nur die scharfe Blässe

seines vornehmen Gesichtes fiel mir auf. Er deutete leicht mit dem Kopf

nach der Tür hin, hinter der die alte Dame das Bett hütet. »Sie wird

nachgeben«, sagte er fest. Und fügte mit tiefem Ernst hinzu: »Lassen

Sie mich weiter auf Ihre Hilfe hoffen, Freiin Brigitte.«

Diese Bitte hat mir zu denken gegeben. Aber noch komme ich nicht hinter

ihren Sinn. Denn ich meine, durch meinen Brief an Madame Oswald habe

ich gezeigt, daß ich nicht helfen kann und nicht helfen will. –

Meine alte Eva sieht aus wie Sturm und Gewitter, eitel Regen und

wolkenverhangener Himmel. Durch einen inneren, mir unerklärlichen

Aufruhr huscht sie wie eine Junge durch meine Räume, vermeidet aber

trotzig jede Aussprache. Erst als ich meinen Arm um sie legte und

bittend sagte: »Wenn du wüßtest, wie einsam ich bin, meine gute Alte,

du gäbst mir scheffelweise Sonnenschein …«, da sah sie mich forschend

an und streichelte ungeschickt meine Hand. Ließ sie aber gleich wieder

fallen und murrte: »Andere und Bessere sind noch viel einsamer, und man

nimmt ihnen den letzten Sonnenschein und freut sich an eigener Liebe.«

– Eva, Eva, so dunkel hast du noch nie dahergeredet, und irgendeine

Not hat dich gepackt, daß du nicht weißt, was du sprichst. –

27.

Wunderliches, seltsames Leben! Mit diesem Gemeinplatz muß ich meinen

Tag beginnen. – Mein tiefster Wunsch, einen Bruder zu haben, einen

natürlichen Beschützer, ist in Erfüllung gegangen. Pastor Konrad

Oswald. Er ist mir Bruder geworden. Und sehr fröhlich und befreiend

schließt dieses Kapitel für mich ab. Madame Oswald freilich … Ich kann

ihr hier nicht helfen. Eine echte Mutter muß diesen Weg allein zu ihrem

Kinde finden. – Zwei Menschen standen heute vor mir Hand in Hand,

nachdem Pastor Oswald zuerst über eine Stunde allein mit mir gesprochen

hatte. Ich will sein zartes, liebes Bekenntnis, das mich ehrt und

stolz macht, nicht einmal diesem stillen Folianten anvertrauen. Wenn

er so groß ist, daß er eigenes Wollen begräbt, um die starke Linie

zu verfolgen, die in dem Wahlspruch gipfelt: gut sein und glücklich

machen, – wenn er nur an das Dorf denkt, an die trostbedürftigen

Alten, an die Hilfeheischenden, an die Siechen und widerborstigen

Gesunden, an das Edelmaterial, das in der Lager Jugend steckt …

Oh, dann soll mein Bruder Konrad gesegnet sein! Weil er selbst ein

Segen ist. Mit Maria Dörping hat er sich versprochen. Da kommen zwei

Edelmenschen zusammen. Ich bin innerlich so tief glücklich darüber,

daß ich mein Leid über den toten Wald und den leeren Tempel weit

zurückzudrängen vermag. Fühle auch, welch starke Kampfnatur ich bin. –

In dem Bestreben, diesen beiden zu helfen, wachsen mir noch ungeahnte

Kräfte. Was für Widerstände gibt’s hier noch zu überwinden! Nicht

allein bei der vornehmen Hamburgerin, der die Wahl des Sohnes ein so

harter Schlag gegen alle Tradition bedeutet, daß sie ihn um jeden Preis

abzuwenden versuchte. Auch der graue Alltag ist wie ein verstörter

Ameisenhaufen. Das ganze Dorf zischelt und schilt und mutmaßt, und das

einzige Lachende ist das breite Grinsen der Korb-Sina. Es ward ihr

wahrlich nicht an der Wiege gesungen, daß ihr Schwiegerenkel einst der

Pfarrer von Lage sein würde. Sie machte heute glänzende Geschäfte.

Verkaufte ihre sämtlichen Körbe. Sämtliche Dörfler gaben sich bei ihr

ein Stelldichein. Neues wollten alle über die unerhörte Begebenheit

erfahren, und doch ist niemand auf seine Kosten gekommen.

[Illustration]

Außer der Korb-Sina. Die strich ihre Batzen ein und schwieg. Kicherte

nur und hohnlachte wie eine rechte, echte Hexe. Aber nun hat sie

ihre Stube aufgeräumt und ihr Gottestischkleid angezogen. Am Fenster

sitzt sie geruhlich mit einem Strickstrumpf, und ihre Augen hängen an

dem blühenden Myrtenbaum, der auf dem Sims steht. Den hat sie lange

treulich für die Enkelin gehegt und betreut. Sie selbst und ihre eigene

Tochter hatten der Myrte und ihres Sinnbildes nicht geachtet. Aber

Maria Dörpings weißes Brautkleid wird von Myrten überrankt sein, und

ihren feinen Kopf wird der grüne, geschlossene Kranz zieren. All das

liest man im runenvollen Gesicht der Großmutter. Sie grüßt stolz jeden

neuen Besucher und macht sich den uralten Sinnspruch auf ihre Art

zurecht: »Ist der Zweig heilig, so ist es auch die Wurzel.« Noch geht

die Mißgunst durch das Dorf Lage und den grauen Alltag. Aber dessen

bin ich gewiß, es wird nicht standhalten vor Marias ernster Art. Sie

wird sich nicht überheben, wenn sie die Gattin des Seelsorgers ist,

vielmehr freiwillig den Panzer ablegen, mit dem sie sich umgürtet

hatte, weil sie fühlte, daß man sie und die Großmutter mied. Für

das Dorf war die Wahl, die Pastor Oswald traf, eine weise, er kann

Besseres mit dem vermögenslosen, schlichten Dorfkind wirken, denn mit

mir, seiner Patronin. – Auch äußerlich geben die beiden ein schönes

Paar. Maria ist hoch und schlank, und ihre herben, feinen Gesichtszüge

stimmen gut zu seiner hamburgisch rassigen Vornehmheit. Mir gegenüber

hat sie eine reizende Ehrerbietung, aus der ich spüre, wie gut Pastor

Oswald über mich geurteilt haben mag. Es wird ein gutes Zusammenwirken

werden. –

Abends.

Ich glaube nicht, daß ich jeden Tag so arbeiten darf, wie ich es

heute tat. Denn in dem toten Wald ist niemand mehr, der Einhalt

gebietet. Und keinen Menschen auf Gottes weiter Welt stört es, wenn

das Maschinchen einen Knacks bekommt. Ich habe in der Dämmerstunde die

gelben Büttenpapiere in Atome zerschnitten und die stattliche Menge in

ein seidenes Tuch geknüpft. Das ist nun ein weiches, weißes, vornehmes

Ruhebett für meines jungen Lebens einzige Freude geworden. –

Ich habe das Bündel zum Lager Wald getragen und unter einem

Tannenbäumchen eingegraben. Nur ein kleiner Heidezweig schmückt das

seltsame Grab …

»Sie bringen ihre Garben und tragen edlen Samen …«

So soll es sein.

Viel Gutes soll aus diesem kleinen Hügel wachsen. – Denn was drinnen

ruht, ist die Güte, die ein Fremder der einsamen Waise bot.

[Illustration]

Frühmorgens.

Die großen, hallenden Räume im grauen Alltag werden mir zu eng. Zudem

ist es Sonntag, und alle Waldglocken läuten ihn ein. So will ich

hinauswandern zur Clemenskapelle, mit raschen, einsamen Schritten, ehe

ich mit dem ganzen Dorf in der Kirche des grauen Alltags bete …

Am Abend desselben Tages.

Derselbe Tag, derselbe Abend. Aber ich? Wer bin ich? Doch nicht

derselbe Mensch? Die Prinzessin Weißnichts, aus dem Hause Ohnearg? Die

alle Möglichkeiten verschlafen hatte und ausging, das Glück zu suchen?

O du mein einziger Lager Wald! Wie ich dir aberhundert Kosenamen gab,

so gib du mir den rechten Ruf zurück: Prinzessin Weißalles! Prinzessin

Findeglück!

»Meinen Eingang segne Gott«, so rief ich heute morgen laut, als ich

den Lager Wald betrat. Und just in diesem Augenblick legte sich die

liebe Sonne wie ein breites, goldenes Band um meine braune Heide. Die

zeigt schon viele rote Blüten und wartet nur noch auf die Mitte des

Augustmondes, um in vollster, leuchtend roter Pracht zu strahlen. Und

es taten sich Dome von silberstämmigen Buchen auf. Ihre Zweige reichten

bis zum Himmel und klopften beim Herrgott an, daß Er sie segne …

Wann hatte ich das schon einmal erlebt?

Jähe Freude beflügelte meinen Schritt. Ein Lichtchen leuchtete durch

die Tannenwildnis hindurch. Komm! winkte es, komm!

Da lachten wohl meine Augen und mein ganzes Herz. Und ich grüßte die

Clemenskapelle und die ewige Lampe. Auf der Schwelle des Kirchleins

lag das zusammengesunkene Bündel, das ich so gut kannte in seiner

Hilflosigkeit.

»Bist du auch wieder da?« fragte ich liebreich. Und ich beugte mich

nieder und küßte den armen Kopf mit dem borstigen, rötlichen Schopf.

Da geschah etwas Schreckliches. Der Krüppel sprang in furchtbarer

Gelenkigkeit auf und warf sich über mich. Jäh stürzte ich zu Boden

und schlug hart mit dem Hinterkopf an den steinernen Fuß des heiligen

Clemens. Da hab’ ich wohl gerufen, weit, weit hallend, in meiner

gräßlichen Angst und Not.

Und ebenso rasch ward ich auch der furchtbaren Bürde ledig, und ich

sah, wie der Krüppel in eine Ecke flog und dann grinsend entwich. Und

ich fühlte mich emporgehoben an ein wild klopfendes Herz und hörte

eine wundergute, tiefe Stimme an meinem Ohr: »Um Gott, nicht diese

angstvollen Augen, du! Hörst du mich? Gitti!«

Und ich sagte ganz leise an seinem Ohr: »Sprich weiter, du! Ich habe so

auf dich gewartet …«

Da ließ er mich rasch aus seinen Armen, daß ich taumelte, und ich

lehnte mich nun an den steinernen Heiligen, denn mir war’s, als drehe

sich die ganze Kapelle um mich herum.

Er aber stand vor mir, blaß und vornehm und verbeugte sich, als wären

wir auf dem Parkett und nicht in grüner Waldwildnis, und sagte scharf

mit ganz veränderter Stimme: »Ich bin Clemens, Freiherr von Lage.« –

Da wich der ganze Märchenzauber weit zurück. Aber doch nicht so weit,

daß ich in den gleichen, wunderlichen, frostigen Ton verfallen wäre,

wie der Ritter Lage.

»Ich bin die Regenschirmbase.«

»Wirklich!?« Das klang, als ob er mit einem Kinde spräche. Sein Gesicht

ist sehr veränderungsfähig. Viel Ironie, viel Spott, viel Ernst rumort

darin. Ein Gran Bitterkeit zieht die Mundwinkel leicht herunter. In den

dunkeln Augen liegt Güte. – Wir betrachteten uns ungewöhnlich lange.

Als wollten wir uns innerlich festhalten. Und unser Gebaren stach

seltsam ab von unsern kalten, förmlichen Worten.

Dann tönte ein Klageruf durch den Wald wie von einem fernen, wunden

Tier, und Ritter Lage wandte sich eilends und wortlos und entwich

durch die Tannenwildnis. Er ist schlank und zart gebaut, nicht über

Mittelgröße. Seinen linken Fuß zieht er nach, und die linke Hand

scheint kraftloser zu sein als die rechte …

Andern Tags.

So soll es nicht weitergehen. Meine Arbeit darf nicht leiden unter

dem, was mich gepackt hat. Es wirkt sich aus fast wie ein starker,

körperlicher Schmerz. Solchem bin ich noch immer zu Leibe gegangen. –

Ich hoffte, das Allheilmittel, das ich seit Jahren anwende, würde auch

diesmal nicht versagen, – ein scharfer Marsch durch Wald und Heide.

Aber es hat versagt. Liegt es daran, daß ich den entgegengesetzten Weg

einschlug?

Der Lager Wald und die Clemenskapelle waren mir durch die neue Sachlage

verwehrt, so landete ich denn in einigen zerstreuten Katen, die

jenseits der großen Lager Heide liegen. Hier fand ich neue Arbeit und

neue Unrast und neue Sorgen: ein krankes, hilfloses Weib, einen Säufer,

eine Stube voll Kinder, viel Ungeziefer und böse Gerüche.

Solches Erleben hat mich sonst immer tapfer gefunden, heute machte

es mich elend. Vielleicht deshalb, weil mein eigenes wunderliches

feines Leid mich klein dünken mußte gegen das brutale Geschehen in

den Häusern meines Dorfes. Wie der Säufer mich anstierte! Und wie sein

jammervolles Weib doch noch in ihren Augen ein winzig kleines Fünkchen

jenes Feuers barg, das »die Größeste unter den dreien, Glaube, Liebe,

Hoffnung«, hütet. Ich sah, wie ein Lächeln über ihre erloschenen Züge

ging, als dem vom Trunke Zermürbten das muffige Mahl mundete. Dies

Lächeln redete in lauter Sprache, daß auch dies saure Leben noch

Sonnenstunden gebiert, eben weil es nur sauer, aber nicht bitter ist.

In dieser Erkenntnis durchquerte ich auf dem Rückweg die ganze weite

Heide und sog mit durstigen Lungen die reine, herbe Luft ein. Streckte

dabei beide Arme kraftvoll wieder und wieder weit empor und »atmete mir

den Feind aus der Brust«. –

28.

Ritter Lage hat eine Reise angetreten. Meine alte Eva spricht mit einem

Male ganz geruhlich von ihm, als hätten niemals Rätsel rings in den

Bäumen des Holländer Waldes gehangen …

Der graue Alltag und sein Licht · 第 27 / 71 题