Natur. Nur in zwei Farben. Ein großes Stück knallblauen Himmels und
ein paar runde grüne Wipfel, die aber so grell besonnt waren, daß sie
weißlich überflimmert schienen.
Jutta träumte ein paar Augenblicke hinaus, mit unbestimmten Gedanken.
Das bedeutete Ausruhen für sie.
Es war immer wie Schonzeit für ihr Gemüt, wenn alles, was es sonst
leidenschaftlich bewegte, einmal als unklare Traurigkeit still lag.
Der Sommermorgen war so schön -- zu schön. Ganz stiller Glanz erfüllte
ihn, alle Winde schliefen.
Jutta dachte flüchtig: „Reiswitz -- Freia -- Nordwest -- Kiel --
Travemünde ...“
Aber diese Gedanken zerfaserten. Es war ihr so unaussprechlich
gleichgültig, was für Winde die Segel blähten ... oder ob gar keine ...
Hinter ihr bewegte sich jemand ... Wasser rauschte leise.
Jutta wandte sich um. Die sommersprossige Martha räumte auf und goß den
Inhalt der kleinen weißlackierten Wanne in einen Eimer, der in seiner
Ausstattung Familienähnlichkeit mit ihr hatte.
Mit raschen Händen half Jutta. Alle Geräte, alle Möbel, jeder Zierat
zeigte Geschmack, Neuheit, Ordnung.
In wenigen Minuten gab es auch in diesem Raum nichts mehr zu tun. Er
glänzte in der schmuckvollsten Sauberkeit.
Jutta band die große, mit russischen Stickereien verzierte Schürze ab,
die bis dahin fast ganz Taille und Rock ihres einfachen weißen Kleides
verdeckt hatte.
Unbewußt seufzte sie. Nach vollendetem Tagewerk ...
Zehn Uhr war es. Und sie wußte heute wie fast an jedem Tag den Inhalt
aller Stunden voraus ... Ein wenig Handarbeit ... Kinderkleidchen
sticken und nähen, für die noch ferne Zeit, wenn Baby erst anfinge zu
stehen, zu gehen ... ein paar Briefe schreiben ... mit der Köchin das
Mittagessen besprechen ... dieses schreckliche Mittagessen, das für
eine Person zu kochen und aufzutragen fast lächerlich schien. Und dann
ein Nachmittag und Abend ohne Ende ... ohne Zweck ... ohne Freude.
Zwischendurch wachte Baby wohl einmal und lag mit großen Augen, und
lallende, drollige Laute erzählte es ... denen die Mutter mit heißer,
verzehrender Begier lauschte ... als hätten sie schon Inhalt, als seien
sie Stimmen der Liebe ... Aber es waren eben doch nur die unbewußten
Töne eines kleinen, noch nicht zum Menschentum erwachten Lebewesens ...
Langsam ging Jutta nach vorn, in ihr Wohnzimmer. Es war nicht sehr
groß. Alle Räume des Stockwerks in der Villa am Niemannsweg, das sie
innehatte, zeigten angenehme Verhältnisse; sie waren für Menschen
bestimmt, die in Behaglichkeit, aber nicht in Luxus zu leben dachten.
Nach vorn gab es nur zwei Zimmer, das des fernen Hausherrn und das
ihre. Hier öffnete sich eine Tür auf den Balkon, von dem aus man in den
dichtverwucherten Vorgarten hinabsah.
An das Herrenzimmer, nach hinten, schloß sich das Eßzimmer, ein
länglicher und der größte Raum der Wohnung. Überall an den Wänden und
auf den Möbeln sah man Waffen, Stoffe, Vasen, Bronzen von fremdartigen
Techniken und phantastischem Farbenreiz. Juttas Gatte hatte als junger
Offizier noch die Zeit der reichlicheren Auslandkommandierungen
miterlebt und als Kadett zur See, als Oberleutnant und Kapitänleutnant
Westindien, Ostasien und die Südsee gesehen. Er hatte allerwärts
gekauft, soweit Geschmack und Mittel es erlaubten, und das Gesammelte
liebevoll zusammengehalten und gepflegt. Da nun Geschmack wie Mittel im
Lauf der Jahre gereifter und reichlicher geworden, war manches schöne
Stück, manche wertvolle Stickerei zusammengekommen.
Jutta hatte als junge Frau mit Stolz und jubelndem Staunen von all
diesen bunten Sachen Besitz ergriffen und mit erstaunlichem Geschmack
verstanden, alles so zu ordnen, daß die moderne Einrichtung sich
harmonisch als Basis dieses fremdländischen Krams erwies.
Jetzt, wenn sie durch die Räume ging, kam es ihr zuweilen vor,
als lebe sie zwischen Theaterdekorationen, als sei dies nur eine
Szenenausstattung ... das Stück, das darin gespielt worden war, war aus
... Warum stand nun noch immer die Kulisse da? ... die Bühne war leer
... die Handlung hatte sich weiter entwickelt ... Und immer noch die
gleiche Dekoration ...
Sie hatte Stimmungen, in denen sie all diese bunten Dinge haßte.
Am liebsten war sie auf dem Balkon. Ein Glasdach und zwei schmale
Seitenwände von Glas schützten ihn gegen Wind und Regen. Er war
geräumig und krönte den ziemlich weit vorspringenden Erkerausbau des
Erdgeschosses. Sein Geländer ringsum glich einem von Blumen reichlich
gemusterten grünen Pelz. So dicht hatte Jutta es mit gut gepflegten
blühenden Pflanzen verstellt.
Die Glaswände waren mit einem Leinenstoff von altrosa Farbe glatt
verhangen. Ein paar weiße Korbsessel standen um einen Tisch. Über
ihm hing, an dünner Schnur oben aus dem gußeisernen Mittelstern des
Glasdaches kommend, eine elektrische Birne. Aber sie war ganz versteckt
in einem faltenreichen Schirm von altrosa Seidenstoff. Rechts und
links von der Tür zum Zimmer standen schmale Blumentische, von denen
Ranken hingen und Ranken an Gitterwerk aufstiegen.
Dies alles war sehr behütet und bildete recht eigentlich Juttas
Spielzeug. Sie liebte Blumen bis zur Leidenschaft.
Jetzt, am Vormittag, mußte die Sonne durch eine halb herabgelassene
Persienne abgehalten werden. Dann schien dieser Raum vollends wie ein
Versteck. Man konnte ganz vergessen, daß man hier nahe einer Straße war.
Von unten aus dem Haus und Garten kam niemals Lärm herauf. Da wohnte
der Eigentümer, Professor Doktor Krämer mit Frau und Schwester, und
die hatten keine Zeit und kein Interesse für Welt und Menschen. Den
Garten ließen sie nur auf das notdürftigste zurechtmachen, denn jedes
Herbarium war ihnen wichtiger als er, Gelehrsamkeit größer als die
Natur.
Jutta durfte abschneiden, was da an Rosen und was da sonst an Büschen
und auf Beeten wuchs und wurde.
Wegen der Geburt der Kleinen hatte Jutta den drei Krämers gegenüber
so etwas wie ein schlechtes Gewissen gehabt; aber da Baby als sehr
gesundes und ausnehmend sorgsam gehaltenes Kind nur gerade so viel
schrie, als die Lungengymnastik es wohl nötig machte, hatten Krämers
sich noch nie beschwert.
Ja, einmal sogar, als Jutta selbst den leichten, dunkeln, englischen
Kinderwagen durch den Vorgarten schob, war der Professor herangetreten
und hatte zerstreut ein wohlwollend gemeintes Wort gesagt. Und Fräulein
Krämer und Frau Professor Krämer hatten ihre alten Gesichter von rechts
nach links über die Wagenkissen geneigt. Fräulein Krämer wischte
neckisch mit der zu langen und vom Zeigefinger nicht mehr ausgefüllten
Spitze ihres grauen Zwirnhandschuhs ein bißchen auf Babys runder Wange
hin und her. Frau Krämer sagte erstaunt: „Ich dachte, kleine Kinder
wären hübscher.“
Aber Jutta nahm es nicht übel, sondern schätzte diese ganze Szene
richtig als eine ungewöhnliche Herablassung bedeutender Menschen zu
unbedeutenden Nebensachen ein ...
Auch an diesem Morgen war unten alles so still, als wohne dort kein
Mensch. Der Professor, der irgendwann einmal bei einer Berufung
übergangen war, hatte sich aus dem Staatsdienst zurückgezogen und lebte
der Fertigstellung eines Werkes. Frau und Schwester halfen ihm -- Jutta
sah es förmlich im Geist, wie sie alle drei bei engverschlossenen
Fenstern saßen und schrieben, kopierten, registrierten ...
Aber sie waren glücklich dabei, diese drei ... sie arbeiteten
*zusammen* ... Sie trugen nicht einsam an den Pflichten des Daseins ...
Und wenn man auch nicht verstand, wie ihnen das reizvoll und wichtig
und ein Lebendiges sein konnte, womit sie ihre Tage füllten -- *das*
sah man, *das* verstand man: sie trugen einander, sie halfen einander
voll Liebe ...
Und so wandelten auch diese drei vertrockneten, von allem blühenden
Menschentum geschiedenen Gestalten als ein Aufreizendes an den Grenzen
von Juttas Alltag hin. --
Nun setzte sich Jutta auf ihren Balkon. Da stand das Glas Milch, und da
lag die Zeitung. Sie griff mechanisch nach beiden.
Die Post hatte nichts gebracht ...
Und Hochhagen sprach doch von einem Brief, den er bekommen habe, dessen
Inhalt so wichtig schien, daß er heute nachmittag ihn mit ihr zu
besprechen wünschte?
Aber ganz ohne Zweifel würde für sie selbst auch noch etwas kommen. Mit
dem Eintreffen der Auslandpostsachen ging es ja zuweilen willkürlich.
Was drüben an einem Tag aufgegeben und ganz gewiß mit dem gleichen
Schiff expediert worden und in Bremerhaven angekommen war, langte hier
tropfenweise, auf die Post von zwei, drei Tagen verstreut, an.
Jutta wußte nicht mehr, ob sie sich nach diesen Briefen sehnte oder
sich vor ihnen fürchtete ...
Drunten ging die Gartenpforte -- man hörte sie aufklinken und wieder
zufallen und dann einen raschen Schritt auf dem gepflasterten Weg,
der von der Pforte her an der rechten Seite des Vorgartens bis an die
Haustür führte.
Ganz flüchtig horchte die junge Frau diesem lebhaften Gang nach. Aber
es war ihr nicht der Mühe wert, sich aus ihrem Stuhl emporzurecken und
hinabzusehen.
Sie las den Bericht über die letzte Regatta und versuchte etwas von dem
zu begreifen, was sie las.
Da erschien Martha in der Tür. Freudig stand sie, ihr von
Sommersprossen beinahe bräunliches Gesicht glänzte. Hell war ihre
Erscheinung mit dem straffen weißblonden Haar, in dem rosa Kattunkleid
vor dem dunkeln Hintergrund. Und sie meldete: „Kapitän Hochhagen.“
Jutta fuhr auf. Ein kurzes Erstaunen verwirrte sie. Jetzt? So früh?
Hatte er nicht heute nachmittag kommen wollen?
Und die rasche Ahnung, die Frauen in bedrängtem Gemütszustand so leicht
befällt, kam ihr: Eine Unglücksbotschaft!
„Ich lasse bitten,“ sagte sie und ging ihm schon entgegen.
Da er wähnte, jederzeit in diesem Haus der willkommene Besucher zu
sein, war er dem meldenden Mädchen auf dem Fuße gefolgt. So traf Jutta
mit ihm schon in ihrem Wohnzimmer zusammen, in dem tiefen Schatten, der
es durchdämmerte, weil draußen auf dem Balkon die grüne Persienne fast
ganz herabgelassen war.
„Was ist geschehen?!“ rief sie zitternd.
„Mein Gott,“ sagte er betroffen. Einzig sein Erscheinen zu ganz
ungewöhnlicher Tageszeit genügte, um sie zu entsetzen?! Ja, sie war aus
den Fugen! Seit langem, langem.
„Liebe gnädige Frau! Etwas sehr Schönes ist geschehen. Ich habe mich
mit Renate Gervasius verlobt, und Sie sollen die erste sein, die es
erfährt.“
„Oh,“ murmelte sie, wie erloschen -- die Flamme ihrer Erregung sank in
sich zusammen -- aber sie fühlte ihre Knie beben und setzte sich.
„Nichts,“ dachte sie, „nichts ist geschehen. In meinem Leben nichts ...“
Der vor Glück strahlende Mann stand vor ihr. Sie reichte ihm die Hand
empor. Er hielt sie fest umschlossen.
„Ja,“ sprach sie, „das ist schön. Das freut mich. So ein liebes,
wundervolles Kind ...“
„Ja,“ sagte er, mannhaft eine Weichheit niederzwingend, die Rührung
werden wollte, „ich fühle auch -- so was wie ein Wunder ist dies -- --
nun hat man eine Zukunft, nun weiß man, warum man lebt und strebt.“
„Und Renée -- die junge Renée -- sie -- sie fürchtet sich gar nicht?“
fragte Jutta leise.
„Wovor fürchten?“ fragte er erstaunt zurück.
„Vor dem Los der Seemannsfrau.“
Sie sagte es flüsternd, als fürchte sie sich vor ihren eigenen Worten.
„Oh, das ...“ und stolz und freudig, nach einem ganz kurzen Stutzen
über ihre Frage, fuhr er fort: „Sie liebt mich. Sie hat ein gesundes,
tapferes Herz. Wenn es einmal auch für mich als verheirateten Mann
heißt, hinauszuziehen und in der Ferne meine Pflicht erfüllen, da wird
sie sich eben als Seeoffiziersfrau, als deutsche Frau sagen: es ist
sein Beruf! Und sie wird stolz und stark meiner Rückkehr warten. Wie
...“
Wie Sie der Ihres Gatten, hatte er schließen wollen.
Aber es war, als lege sich ihm eine Hand auf den Mund. Und der
unvollendete Satz sprach dennoch weiter -- wie von selbst -- mit
unhörbaren Stimmen -- drangen auf Jutta ein. Sie fühlte sich wie von
Vorwürfen überhäuft -- herabgesetzt -- mißhandelt.
„Die Naturen sind verschieden,“ sprach sie trotzig.
Aber er dachte nicht daran, ihr weh tun zu wollen. Seit Monaten waren
seine Gedanken voll brüderlicher Sorge und Mitleid.
So kostete es ihn keine Überwindung, über ihre Worte und ihren Ton
hinzugehen, als habe er nichts in sich aufgenommen davon.
Er setzte sich zu ihr.
„Gestern abend noch, gleich nach der Quadrille, haben wir uns
ausgesprochen. Ich bin schon ganz früh heute bei ihren Eltern
gewesen,“ erzählte er fröhlich, „eigentlich war es eine Verlobung
beim Morgenkaffee, in der Veranda bei Geheimrats. Ich verkehre ja
schon lange vertraut im Hause, und Renées Eltern haben wohl wachsen
sehen, was werden wollte, und nun haben sie mir ihr liebes Kind gern
gegeben. Ich kann natürlich heute nachmittag nicht zu Ihnen kommen.
Aber ich bringe die Bitte meiner Schwiegereltern: Nehmen Sie heute
abend an der ganz kleinen, improvisierten Verlobungsfeier teil, die
Gervasius’ veranstalten. Sie sind die Frau meines liebsten Freundes,
meines nächsten Kameraden. Als Malte ging, hat er Sie vor allem meiner
Obhut vertraut. Und meine Braut, später meine Frau wird Ihre Freundin
werden. Ich hoffe es von Herzen. Und sehen Sie, liebe, liebe Frau
Jutta -- mir ist so, als ob meine Verlobung Sie auch ein bißchen aus
Ihrer Einsamkeit befreite, an der Sie so schwer tragen -- als führte
ich Ihnen eine Schwester zu, die Ihnen in Fröhlichkeit manche Stunde
erhellen wird. Und Renée, das kann ich sagen, schwärmt bereits für Sie
-- ist voll Bereitschaft, Sie zu lieben.“
„Ich danke Ihnen -- ich danke Ihnen,“ flüsterte sie und drückte wieder
seine Hand. Tränen drängten sich in ihre Augen. Aber sie bezwang
sich. Und es schien, als wandle sich ihr die Rührung doch in schwere
Gedanken. Sie zog die Brauen zusammen wie in Schmerz.
„Sie werden kommen heute abend?“ bat er drängend.
„Gewiß. Ja. Gern.“
„Liebe gnädige Frau,“ begann er wieder, „mein Herz läuft über. Alles
kommt heraus und breitet sich vor Ihnen hin -- all das große Glück.
Aber auch ein bißchen Kümmernis. Ja, heute muß auch das heraus. Offen:
mir war’s manchmal in der letzten Zeit, als käme so was wie Feindschaft
gegen mich angestürmt aus Ihren Blicken und Ihrem Ton. Stellen wir’s
klar. Hab’ ich was versehen? Bin ich nicht aufmerksam genug gewesen?
Verzeihen Sie’s dem rauhen Seemann, der auf Freiersfüßen ging. Man
ängstigt sich vor seinem Ungeschick, traut sich keine Zartheiten zu ...
Aber nun bekomme ich die holdeste Vertreterin. Die wird, wo ich’s etwa
nicht träfe, meine herzliche Ergebenheit immer in zarte Tat umsetzen.“
„Nicht aufmerksam genug gewesen?“ wiederholte Jutta langsam, „oh,
niemand konnte mehr für eine Verlassene tun als Sie für mich. Sie
können vor Malte bestehen ...“
Und sie dachte: „Ich kann es ihm nicht ins Gesicht sagen, daß ich mich
bewacht und bevormundet fühlte ... bis zur Qual ...“
„Vor Malte bestehen? ... Ich will auch vor Ihnen bestehen!“ erklärte er
herzlich.
„Manchmal,“ begann sie vorsichtig wie eine, die in weitem Bogen um die
Dinge herumgeht, sie nur von ferne, mit zusammengekniffenen Lidern,
anblinzelnd, „manchmal hatte ich das Gefühl, Sie schätzten mich als
eine ein, die der Bewachung *sehr* bedürfe.“
Sie sprach das „sehr“ gedehnt und betont.
Er sprang auf. Ganz betroffen lief er einigemal im Zimmer hin und her.
Sie verfolgte ihn mit ihren Blicken, wartend, gespannt.
„Ja,“ dachte er, „ja -- und doch auch wieder nicht so, wie sie es zu
fühlen schien ...“
Er war zornig auf sich.
So bin ich doch wohl täppisch gewesen, fühlte er. Wie sollte er da
herauskommen und sich ihr erklären?
Man kann einer armen Frau, von der man glaubt, daß sie vor Sehnsucht
auf dem Punkt ist, gemütsleidend zu werden, nicht zu viel Wahrheiten
ins Gesicht sagen. Nicht, daß für ein so schönes, so leidenschaftliches
Geschöpf in solcher Stimmung jeder dumme, leichtfertige Kerl zum
Versucher werden kann. Nicht, daß man mit den treuen Rosenfelds oft
kummervoll zusammengesessen hat und beriet: wie zerstreuen wir sie?
Nicht, daß sie förmlich infolge eines liebevollen Komplotts in die
Festlichkeiten der Kieler Woche gezogen wurde. Nicht, daß man manche
Stunde, die man brennend gern der einen, Liebsten, sie umwerbend,
gewidmet hätte, hier verplauderte, um der Einsamen den fernen Gatten
im Gespräch ein wenig lebendiger nah zu bringen. Nicht, daß man seinen
gänzlichen Unverstand zu verhehlen getrachtet und alle Tage mit den
sachverständigsten und erfreutesten Mienen das Wachstum Babys bewundert
hatte ... Nein, nichts konnte man von alledem sagen.
Und am allerwenigsten, daß seit einiger Zeit eine große Angst in
seinem Herzen emporwuchs ... Seit dieser Legationsrat von Gamberg so
oft in Kiel erschien ... dieser Mann, der ganz gewiß kein dummer und
leichtfertiger Kerl und eine Versuchung war ... der mehr werden konnte,
viel mehr, vielleicht ein Zerstörer.
Ganz tief hatte er diese Angst versteckt gehabt -- nicht mal vor
Rosenfelds auch nur mit einem Zucken des Lides, mit einem andeutenden
Wort sie aus seinen Gedanken herausgelassen.
Extra hatte er Sorge getragen, *nicht* wachsamer zu scheinen -- --
Und sie -- sie hatte doch so etwas empfunden, als umlaure sie Mißtrauen
...
Das erriet er klar. Das erzählte ihm ihr Ton.
Wie schade, wie peinvoll ...
Und er kannte sie genug, um zu wissen: Das hat sie gereizt ...
„Natürlich,“ dachte er, „die Schuld ist mein. So ganz leise und fein
denkt man’s und fühlt man’s. Und bringt es doch wohl recht plump an den
Tag.“
Und in dieser Stunde, wo er sich erhoben fühlte, wo die Welt ihm
geadelt schien, weil er selbst den Glanz einer sehr reinen und sehr
starken Liebe auf seinem Leben fühlte, in dieser seiner großen Stimmung
erschien ihm auch all seine Angst wie ein Verkehrtes.
Ihm war, als sei sein Mißtrauen gewesen wie eine zudringliche Hand, die
ganz zerbrechliche Sachen allzu fest anpackt und sie nur damit verdirbt.
Ja, beinahe schuldig kam er sich vor.
Wie da wieder herauskommen?
Mitten in seine bekümmerten Erwägungen hinein fiel ihm ein
humoristischer Gedanke. Das geschah ihm oft. Da platzte irgend so ein
drolliger Vergleich unversehens wie eine Rakete in den tiefsten Ernst
hinein, und der zersprang daran.
Er stand vor Jutta still.
„Wenn ich mich wie ein Pudel betragen habe und in bemerkbaren Sprüngen
Sie umkreiste mit lautem Wauwau, dann verzeihen Sie’s mir. Was? Ja?
Denn Sie wissen es von selbst: die Meinung war gut. Ich wollte nicht
bewachen. Trösten wollte ich und helfen. Jawohl.“
Jutta sah ihn an, frei und kühn. Seine Art hatte ihr alle
Unbefangenheit zurückgegeben. Und sie gewann nun den Mut, wissen zu
wollen ... War er wirklich nur so ein harmloser, treuherziger Wächter
gewesen? Sah er wirklich nicht, daß da eine Gefahr heranschlich?
„Ich selbst, ich allein kann mit ihr fertig werden,“ dachte sie
hochfahrend, „ich brauche keinen Aufseher.“
In ihr lag eine Welt von Kraft, von Leidenschaft, von Gedanken ganz
brach. Die große Sehnsucht, die in ihr war, die Sehnsucht nach dem
Leben, lechzte nach Ereignissen ...
Nicht andere, nicht die besten Freunde sollten für sie wachen und
handeln ...
Er hielt ihrem Blick stand. Gut und offen sah er sie an, und endlich
ging eine große Heiterkeit in seinem Gesicht auf.
Er hielt ihr die Hand hin. Und Jutta, zu ihrer eigenen Überraschung, in
plötzlicher Aufwallung von seinem humorvollen Wesen bezwungen, schlug
ein.
„Na, sehen Sie wohl!“ sagte er. „Und denn überhaupt ... wo ja nun bald
all das Sehnen und Grämen ein Ende hat!“
„Wieso?“
Sie stand auf. Ganz rasch -- sah ihn an, gespannt, erstaunt ...
„Na, ich denke ... Sind Sie nicht ganz toll vor Freude?“
„Worüber?“
„Über Maltes Idee.“
„Welche Idee?“
„Haben Sie denn keinen Brief?“
„Noch nicht.“
„Nun, der muß also jeden Augenblick kommen. Malte hat uns doch
gleichzeitig geschrieben --“
„Was hat er geschrieben? Von welcher Idee? Schon gestern abend sprachen
Sie von einem Brief als von einer Wichtigkeit.“
„Ich bekam ihn gestern vormittag. Aber dies ist mir nun beinahe fatal,
daß ich durch einen Postzufall früher von der Sache weiß und spreche,
als Sie’s selbst aus Maltes Brief erfuhren.“
Es war ihm wirklich leid. Es schien ihm, als nähme er dem fernen Gatten
was weg und bestehle auch die Frau um eine Freude, wenn sie die große
Überraschung von ihm erfuhr, anstatt daß sie ihr aus den Briefblättern
entgegensprang wie lauter Jubel ...
„Von welcher Sache?“ fragte sie, vor Ungeduld vergehend.
„Ja -- dann muß ich’s wohl sagen. Also Malte will, daß Sie nach
Ostasien kommen.“
„Ich!“ schrie sie auf. Und dann, stammelnd, leiser, wiederholte sie
noch einmal und noch einmal: „Ich -- ich ...“ Und wurde dann sehr still.
Hochhagen sah die Frau an. Wie bleich war sie geworden. Wie
schwer atmete sie. Was war das? Seine wohlwollende, treuherzige
Beschützerstimmung verwandelte sich mit einem Schlag in gesammelte
Aufmerksamkeit.
Nein, diese Frau schrie so nicht auf, weil die Freude sie überwältigte
...
„Was ist daran so außerordentlich?“ fragte er, „wie manche Marinefrau
ist schon zum Besuch ihres Gatten ins Ausland gereist.“
Jutta ging bis an die Balkontür vor. Sie lehnte sich mit der linken
Schulter gegen den Pfosten. Unverwandt sah sie gegen die grünen Stäbe
der herabgelassenen Persienne.
Hinter ihr wartete der Mann ein paar Augenblicke. Er dachte: sie muß
sich erst fassen. Aber als sie fortfuhr zu schweigen, sagte er ganz
ruhig: „Vor acht Wochen ist Frau Kapt’enleutnant Rohrbrand nach Sydney
gefahren, um ein Rendezvous mit ihrem Mann zu haben.“
Ohne sich zu rühren, sprach Jutta: „Rohrbrands -- haben Geld -- die
können das -- reiche Eltern haben sie -- ja ...“
„Malte schreibt, daß ihr es gut machen könnt. Und das mein’ ich auch.
Wie Malte schon ist: er gibt draußen ja nichts aus jetzt -- spart --
hat die Bordzulage. Ihr könnt es gut machen.“
Sie kannten doch untereinander ihre Finanzverhältnisse so genau.
Hochhagen hatte schon gewissenhaft und vergnügt seinerseits
nachgerechnet: jawohl, Falckenrotts können es sich leisten.
„Und das Kind?“ fragte Jutta.
Hochhagen antwortete nicht sofort. Er war etwas perplex. An das Kind
hatte Malte offenbar nicht gedacht. Wenigstens hatte er es in dem Brief
an den Freund nicht erwähnt.
Aber nun fiel ihm ein: Maltes Mutter war ja da. Und soviel er wußte,
stand Jutta sich mit Maltes Mutter sehr herzlich.
„Das Kind?“ sprach er erwägend, „das scheint mir ganz einfach. Das
nimmt derweil Maltes Mutter.“
Die junge Frau fuhr herum. Blaß stand sie, zitternd.
„Ich lasse mein Kind nicht von mir. Keinen Augenblick. Es ist mein
Kind! Meines. Meins ganz allein,“ sagte sie.
„Nun -- es gehört doch auch Malte,“ warf er beruhigend ein.
„Nein. Mir gehört es -- mir,“ rief sie, „mir ... Wo war er, als ich
fühlte, wie es wurde und wuchs? Wo war er, als ich vor Not und Schmerz
zu sterben fürchtete? Wo war er, als es seinen ersten Schrei tat?“
Sie warf sich in den nächsten Stuhl, versteckte ihr Gesicht an der
Lehne und weinte -- weinte -- daß der Mann ganz verlegen wurde, Zeuge
solcher Tränen sein zu müssen.
Es erschütterte ihn. Er fühlte, da war eine Verworrenheit, eine
Erregung, eine Leidenschaft aller Empfindungen, die noch weit über das
hinausgingen, was er gefürchtet hatte.
Er spürte auch, jede Zurede, jedes Wort war schon ein Wagnis.
Aber aus einem ganz einfachen, gesunden Mannesgefühl heraus sagte
er doch, fast streng und stolz: „Er war da, wo sein Kaiser und sein
Vaterland ihn brauchten.“
Eine Pause entstand.
Ganz jäh hatte Jutta aufgehört zu weinen. Still, mit verstecktem
Gesicht verharrte sie.
Er dachte nicht darüber nach, was dies plötzliche Verstummen bedeuten
könne. Er fühlte nur: sie muß nun irgendwie mit sich ins reine kommen,
und das wird sie ja wohl auch.
All die letzten Monate hatte er gedacht: „Die Frau muß wieder mit ihrem
Mann zusammenkommen, die verträgt das Alleinsein nicht.“ Und das gab er
denn auch brieflich dem fernen Freund so deutlich zu verstehen, als es
möglich war, ohne diesen zu beunruhigen.
Nun sah er: es war noch viel dringlicher gewesen, als er geahnt hatte.