Nur wer die Sehnsucht kennt ...
Verlag der J. G. Cotta’schen Buchhandlung Nachfolger
in Stuttgart und Berlin
Ida Boy-Ed
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Die säende Hand. Roman. 4. Auflage
Geheftet M. 3.50 In Leinenband M. 4.50
Um Helena. Roman. 3. Auflage
Geheftet M. 3.50 In Leinenband M. 4.50
Ein königlicher Kaufmann. Hanseatischer Roman
13.-15. Auflage Geheftet M. 4.-- In Leinenband M. 5.--
Die Lampe der Psyche. Roman. 3. Auflage
Geheftet M. 3.50 In Leinenband M. 4.50
Nur wer die Sehnsucht kennt ... Roman. 6. u. 7. Aufl.
Geheftet M. 3.50 In Leinenband M. 4.50
Die große Stimme. Novellen. 3. Auflage
Inhalt: Die große Stimme -- Der Dorfdiplomat -- Treulose Treue --
Nur im Kreise -- Eine Brutalität -- Das letzte Wort --
Die Moral ist gerettet -- Ein Testament -- A -- Ein Handel
Geheftet M. 2.-- In Leinenband M. 3.--
Nur wer die Sehnsucht kennt ...
Roman
von
Ida Boy-Ed
6. u. 7. Auflage
Stuttgart und Berlin 1911
J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger
Alle Rechte vorbehalten
Copyright 1910 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger Stuttgart
Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart
Jeanne Gräfin Bernstorff
zu eigen
Lübeck, 1. April 1911
I
Auf dem Jachtklubball in der Marineakademie, der wie immer die Kieler
Woche abschloß, gewährte die herkömmliche Überzahl von Herren jeder
Dame das Vergnügen, sehr gesucht und umschwärmt zu sein. Aber die
Dringlichkeit, mit der in den Tanzpausen die schöne Frau Jutta von
Verehrern umworben wurde, wirkte selbst hier so auffallend, daß sie
sich als Königin des Festes hätte fühlen dürfen.
Es schien jedoch, als nähme sie alles mit einem erzwungenen oder
zerstreuten Lächeln hin: die brüderliche Fürsorge der Crewkameraden
ihres fernen Gatten und die feurige Verehrung der jüngeren Seeoffiziere.
Sie stand eben im Vorsaal des ersten Stockwerks, vor einer der Säulen,
die den hohen Plafond trugen. Die etwas grelle Helligkeit, die von
überall her das aufstrebende Rund des grauen Marmors traf, überstreute
ihn mit gleißenden und unruhigen Reflexen, so daß ihm die gerade Linie
eines Glanzlichtes fehlte. Das gab einen zu flimmernden Hintergrund für
den dunkelhaarigen Frauenkopf, dessen Umriß dadurch etwas Verwischtes
bekam.
Frau Jutta war ein wenig bleich, wie es manche Frauen vom Tanzen
werden. Ihre Gestalt, trotzdem sie über Mittelgröße war, wirkte zart.
Aus dem blassen Goldgelb ihres Chiffonkleides hoben sich in feinen
Linien die Schultern hervor. Das Bestimmende an ihrer Erscheinung war
vielleicht die Art, wie der schlanke Hals den Kopf trug: erhoben, in
unbewußt herrischer Haltung.
Von den jungen Herren, die sich gerade um Jutta Mühe gaben, bemerkte
keiner, daß ihr Gesicht vom Fest mehr abgespannt als angeregt erschien,
daß sich unter ihrem Lächeln ein Zug von Schärfe verbarg. Und sie
spürten auch nicht, daß der Blick aus diesen großen, dunkeln Augen
zuweilen an ihnen vorbeiging und das Gewühl der Menschen rasch suchend
überflog.
In einer wichtig fröhlichen Bewegung schob sich die Menge vorüber.
Aus dem Hauptsaal kam sie und zog die imposanten Treppen hinab, zum
unteren Vorsaal oder zum Gartensaal. Von unten kam sie herauf, dem
Schauplatz ihres Vergnügens eine andere Kulisse suchend. Immerfort
wechselten die Gruppen, in denen sie sich zusammenfand. Aber diese
Menschenfülle wirkte dennoch nicht sehr farbig. Die dunkelblaue
Marineuniform mit den goldenen Zieraten beherrschte das Bild. Die Mode
begünstigte für das Frauenkleid so sehr das Weiß, daß nur ganz selten
bunte Töne auftauchten. Man sah ab und zu einen der weißen Kragen und
pastellblauen Röcke von „Seebataillönern“ und zuweilen den schwarzen,
ordengeschmückten Frack eines Professors oder Regierungsbeamten.
Die drei jungen Herren, die vor Jutta standen -- alle drei in dem
kurzen Dinerjackett, das selbst den ältesten Stabsoffizieren noch etwas
knabenhaft Flottes gibt -- kehrten ihre dunkelblauen Uniformrücken
der unruhigen Menge zu, zwischen ihr und der schönen Frau eine Wehr
bildend, gleichgültig gegen alle Welt und nur bestrebt, vor der Dame
ihrer Verehrung in munterer Unterhaltung zu bestehen.
„Ich finde es eine großartige Stimmung heute abend. Finden gnädige
Frau nicht auch?“ fragte der Oberleutnant z. S. von Reiswitz, dessen
bärtiges und durch Sonnenbrand entstelltes Gesicht vor Freude strahlte.
„*Du* bist in großartiger Stimmung,“ sagte sein kurzgewachsener
stämmiger Freund Lebus mit Betonung. „Ich sehe nichts wie den
Marineball nach Schema F, den man schon so oft abgetanzt hat. Das
einzige wichtige und schöne Erlebnis des Abends ist die Anwesenheit der
gnädigen Frau.“
Und auch sein Gesicht, das durch eine von keinerlei Haarwuchs mehr
gekrönte Stirn sehr groß für seine kleine Gestalt schien, glänzte ganz
und gar.
„Nun, Herr von Reiswitz hat alle Gründe, in bester Laune zu sein,“
meinte Jutta und sah den Offizier mit wirklicher Freundlichkeit an.
„Im Handikap Eckernförde-Kiel Erster geworden, der ‚Freia‘ einen
Prunkbecher ersegelt; bei der Preisverteilung von Majestät ausführlich
angesprochen -- wem da der Himmel nicht voller Geigen hängt, dem kann
das Glück überhaupt nicht mehr aufspielen.“
„Gnädige Frau dürfen mir glauben, daß es mir eine große Genugtuung ist,
Ihrer Empfehlung keine Schande gemacht zu haben,“ versicherte Reiswitz
voll Selbstgefühl; „ich wußte, daß die allgemeine Aufmerksamkeit sich
auf die ‚Freia‘ richtete, und daß ich für die Ehre der deutschen Werft,
die sie gebaut hat, und ihres Besitzers, der sie meiner Führung
anvertraute, mich mit meinem ganzen segelsportlichen Können einzusetzen
hatte.“
„Der Besitzer der ‚Freia‘ ist Ihr Vetter, gnädige Frau?“ fragte der
Kapitänleutnant Heidebrecht. Er sah ein wenig dem großen Napoleon
ähnlich, und wenn er nur eine Frage tat wie diese ganz gewöhnliche,
wirkte es, als forsche er gnädig nach tiefen Dingen.
„Vetter?“ sagte Jutta und machte achselzuckend eine Geste, als lohne es
sich nicht, eine ganz nebensächliche und weitläufige Beziehung genau
darzulegen. „Herrn von Gambergs Mutter und meine Mutter sind irgendwie
verwandt.“
Und ihre Blicke glitten dabei an Heidebrechts massivem Kopf unruhig
vorbei und suchten in der Menge.
„Ich kenne Herrn von Gamberg,“ erzählte mit seiner heiseren Stimme
Lebus, „das heißt, ich weiß nicht, ob er sich meiner erinnert. Als ich
vor zwei Jahren in einem kleinen Ablösungstransport von Ostasien mit
heimkam, befand sich auch Gamberg an Bord des ‚König Albert‘. Gamberg
hatte, glaube ich, als Sekretär im Generalkonsulat von Schanghai ein
Jahr gearbeitet und war ins Auswärtige Amt berufen.“
„Ach ...,“ sagte Jutta.
„Es ist förmlich, als wenn das Wetter wüßte, was es der gnädigen Frau
schuldig sei,“ meinte Heidebrecht, „glänzender konnte es nicht sein,
und so haben Sie gleich das erstemal den ganzen Zauber der Kieler Woche
kennen gelernt und sind ihm für immer verfallen.“
„Nur schade, daß Herr Kapitän nicht selbst die Freude haben durfte,
Ihnen die Kieler Woche zu zeigen. Wie er wohl herdenkt! Die ‚Luise‘ ist
ja wohl gerade in diesen Tagen in Nagasaki angekommen.“
Jutta ging auf diese Randbemerkung von Lebus nicht ein. Sie antwortete
vielmehr Heidebrecht.
„Hier darf man nicht nur, hier muß man vom Wetter sprechen. Ja, es
war unerhört schön. Und wenn es so bleibt, Sonnenschein und frischer
Nordwest dabei, ersegelt sich Reiswitz übermorgen von Kiel nach
Travemünde wieder einen Preis.“
„Pardon, gnädige Frau,“ bat Reiswitz sehr eifrig und mit dem
Aberglauben des Seglers, „Wetter muß man nicht loben, Wetter muß man
anschnauzen. Und gerade weil gnädige Frau sich etwas für Herrn von
Gambergs ‚Freia‘ interessieren ...“
Jutta lachte.
„Ach nein,“ behauptete sie, „ich interessiere mich gar nicht so
dringlich für die ‚Freia‘, wie Sie vorauszusetzen scheinen.“
„Gnädige Frau haben nur aus reiner Herzensgüte für Herrn von Gamberg
die Situation gerettet?“ fragte Heidebrecht.
„Was heißt das: die Situation retten,“ sagte Jutta achselzuckend.
„Gamberg hat sich die Jacht bauen lassen, ich glaube mehr dem Drängen
befreundeter Sportleute folgend als gerade aus einer großen Neigung.
Man engagierte ihm für die ‚Freia‘ eine fixe Mannschaft und einen
Skipper, der eine Perle sein sollte. Und im letzten Moment, das heißt
acht Tage vor Beginn der Kieler Woche, stellte sich’s heraus, daß
der Skipper ein Trinker ist. Da ich nun zufällig wußte, daß Herr von
Reiswitz sich sehr danach sehnte, eine Jacht führen zu dürfen, schlug
ich Gamberg vor, er möge sich an Reiswitz wenden.“
„Ich konnte ja Herrn von Gamberg auf meine Erfolge mit der
‚Maria-Clarissa‘ verweisen, die ich voriges und vorvoriges Jahr für
den Amerikaner Huston gesegelt habe. Ich hatte mich auch dies Jahr
für Huston freigehalten: da hat die ‚Maria-Clarissa‘ Pech und wird
bei Cowes angesegelt, und Huston depeschiert mir ab. Aber so geht es:
erst ließ ich die Ohren hängen. Nachher stellt sich’s ’raus, daß es ’n
Dusel war, denn es war ja natürlich viel interessanter, die ‚Freia‘ zu
führen. Neue Jacht, Typ zum erstenmal auf deutscher Werft gebaut --
etwaiger Erfolg gewissermaßen Beweis für Leistungsfähigkeit deutscher
Schiffsbautechnik, auch auf diesem Spezialgebiet -- ich darf sagen: es
spannte an! Besonders auch durch den Umstand, daß die Segel noch nicht
genügend getrimmt waren. Ja, das kostete Nerven. Aber gottlob: ich
kann vor Herrn von Gamberg und, woran mir noch mehr liegt, vor meiner
allergnädigsten Gönnerin bestehen.“
„Mit welcher Wendung das Gespräch wieder glücklich bei deinen
Seglerqualitäten angelangt wäre,“ sagte Lebus und klopfte den Kameraden
wohlwollend ein bißchen auf den Rücken.
„Niemand kann so genau von meinen Vorzüglichkeiten unterrichtet sein
wie ich selbst. Deshalb ist es meine Pflicht, bei der herrschenden
Konkurrenz, sie unserer gnädigen Frau wiederholt zu Gemüt zu führen,“
antwortete Reiswitz vergnügt.
„Ich finde aber doch, Sie wollen zu viel gelobt und belohnt sein.
Deshalb verzichte ich aus erzieherischen Gründen auf den nächsten Tanz
mit Ihnen,“ erklärte Jutta mit nervösem Lachen.
„Sehr zu billigen! Frauen sind die geborenen Erzieherinnen,“ lobte
Heidebrecht, „und hier steht der Ersatzmann! Ich habe noch keine Dame
zur Quadrille.“ Er verbeugte sich.
„Der Weg zur Partnerschaft mit der gnädigen Frau bei der Quadrille
geht nur über meine Leiche,“ erklärte Reiswitz. „Gnädige Frau! Auch
für die Damen der Marine ist kameradschaftliche Gesinnung und deren
fortwährende deutliche Betätigung ein zwar ungeschriebenes, aber
absolut zu befolgendes Gesetz. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß es
unkameradschaftlich wäre, wenn Sie mir die Quadrille verdürben. Ich
habe auch schon ein Visavis, das Ihnen zusagt. Dito garantiere ich, daß
Ihnen drittes und viertes Paar genehm ist.“
„Wie genau Sie meinen Geschmack kennen!“ spottete Jutta. „Namen, bitte
...“
„Visavis also Kapitän Hochhagen! Was können Sie gegen ihn haben? Er ist
der beste Freund Ihres Mannes.“
„Mein Aufseher!“ dachte in jäh aufwallender Bitterkeit Jutta, „mein
Beschützer -- mein Vormund -- mein Gefangenwärter ...“
Aber sie lachte auch schon wie eine, die sehr angenehm überrascht ist,
und sagte: „Vortrefflich. Ich zieh’ hiernach meinen Verzicht zurück.“
„Sehen Sie wohl! Und Hochhagen hat das wunderhübsche Fräulein
Gervasius.“
„Na -- wunderschön ...!“ warf Lebus kritisch dazwischen, als wolle und
könne er niemand Schönheit zuerkennen außer der hier gegenwärtigen
unerreichten Frau Jutta.
Aber Jutta fragte in wirklichem Interesse nach: „Die reizende Tochter
des Professors?“
„Jawohl,“ stellte Reiswitz fast triumphierend fest, „des berühmten
Geheimrats entzückende Tochter. Die anderen beiden Paare sind: Kapitän
von Rosenfeld mit Frau Konsul Krüger -- Hamburger Dame -- und mein
Crewkamerad Untermeyer mit Baroneß Hollensteen.“
Jutta nickte lobend.
„Eine Quadrille,“ sagte Heidebrecht, „auf die sich der Neid aller
richten wird, die nicht dabei sein können.“
„Hochhagen tanzt sehr viel, aber sehr viel mit Renée Gervasius,“
bemerkte Lebus.
Jutta wurde noch aufmerksamer. Ihr Blick verlor das Suchende,
Zerstreute, das so im Widerspruch zu ihrem munteren Plaudern stand.
„Wirklich?“ fragte sie, als sei sie auf das glücklichste überrascht,
„das ist ein gutes Zeugnis für seinen Geschmack.“
Reiswitz fühlte, daß dies Thema für die schöne Frau irgendwie
erfreulich schien, und er spann es deshalb fort.
„Ich will nicht indiskret sein,“ sprach er, „aber als ich mit Fräulein
Gervasius tanzte, hat sie sich ausschließlich mit mir über Hochhagen
unterhalten.“
„Und du beanspruchst es bekanntlich doch, daß man sich mit dir nur von
dir unterhält,“ sagte Lebus, mit seinem Seemannsbaß laut lachend.
„Ich beanspruche bekanntlich, daß meine Freunde sich geistig mal auch
anders als nur in Bosheit betätigen,“ äußerte Reiswitz.
In diesem Augenblick schwoll durch alle Räume der eindringliche,
vibrierende Klang eines Trompetensignals. Ein Kamerad rief im
Vorbeieilen Reiswitz zu: „Antreten zur Quadrille.“
Er gab sogleich seiner Dame den Arm und führte sie in den Hauptsaal,
an jenen Platz, den er mit seinen Partnern verabredet hatte.
Es dauerte aber noch viele Minuten, bis das entstandene verworrene
Durcheinanderdrängen von Tänzerpaaren leidlich zur Ruhe kam und die
einzelnen Karrees vollständig in ihrer Aufstellung wurden. Herren
suchten nach ihren Damen hier oben, während die Dame vielleicht
unten im Gartensaal wartete. Hilflose und Fremde, die noch gar
keine Quadrillenteilhaber gesucht oder gefunden hatten, standen
verlegen umher. Wer hier keine genauen Verabredungen getroffen und
nicht durchaus sich zu Hause fühlte, war im argen Nachteil. Die den
Tanz ordnenden jungen Offiziere eilten mit heißen und verzweifelten
Gesichtern hin und her.
Die vier Paare von Juttas Quadrille standen geordnet, geduldig wartend.
Jutta und Reiswitz, gerade gegenüber der Korvettenkapitän Hochhagen,
ein Mann mit bärtigem, ernstem Gesicht, das aber jetzt wie vor
Freudigkeit verklärt schien. Die schlanke Dame neben ihm, mit
regelmäßigen Zügen, in denen noch Weichheit und Frische der blühendsten
Jugend war, sprach munter auf ihn ein.
„Sie ist wirklich reizvoll,“ dachte Jutta, „wie unbefangen sie ihre
Schwärmerei zeigt! Wie fein der Ansatz ihrer dunkelblonden Haare an
Schläfen und im Nacken. Was für ein gutes Profil! Und was für liebe
Augen.“
„Ah,“ dachte sie weiter, fast voll Inbrunst, „möchte er sie wählen ...“
Jeder Herr plauderte nun mit seiner Dame, nachdem gleich, als man sich
zusammengefunden, Herr von Rosenfeld Frau Konsul Krüger mit Jutta
bekannt gemacht.
Frau Konsul Krüger, klein, voll, mit einem wunderhübschen blondhaarigen
Kopf auf dem kurzen, dicken Hals, bewegte sich mit einer so
auftrumpfenden Sicherheit, daß auf ihren Lippen die Frage zu schweben
schien: Ist hier jemand, der ebensoviel Steuern bezahlt wie mein Mann?
Da sie nun wie jede Kieler Marinefrau sich jeder Fremden gegenüber
ein wenig zu gastlicher Höflichkeit verpflichtet fühlte, sprach Jutta
mit scheinbar großer Lebhaftigkeit und Teilnahme von den ungünstigen
Segelresultaten der „Hammonia“ und der nur allzu begreiflichen
Verstimmung des Konsuls Krüger über die Nichtplacierung seiner Jacht.
Natürlich sei es ärgerlich, sagte Frau Krüger. Es koste so rasend viel,
was ja freilich egal sei. Man täte es eben der Mode wegen. Ob das Geld
so oder so ausgegeben werde, sei gleichgültig. Ausgeben müßte man, das
sei Pflicht reicher Leute. Aber bei dieser Sache kriege man unversehens
eine Art dummen Ehrgeiz. Man werde förmlich gierig auf Preise. Und dann
verbreitete sich Frau Konsul Krüger mit ganz frisch aufgeschnappter
Sachkenntnis darüber, daß eben die „Hammonia“ vermöge gewisser,
unauffindbarer Konstruktionseigenheiten vor dem Wind großartig gehe,
hingegen beim Kreuzen im Nachteil sei. In Kuxhaven neulich habe sie
trotz böiger Nordostwinde den zweiten Preis ihrer Klasse davongetragen.
Reiswitz hörte dieser Auseinandersetzung mit Großmut und einem leisen,
kleinen, spöttischen Funkeln in seinen Augen zu. Frau Konsul Krüger
schloß dann mit der Klage, das Wetter sei auch diesmal in der Kieler
Woche zu schlecht.
„Ach,“ sagte Jutta, „schlecht?! Sogar beim Wetter sieht man’s: nichts
ist an sich gut oder schlecht. Nichts kommt auf den Wind an -- alles
auf das Objekt, das er anbläst.“
Frau Konsul Krüger dachte, daß diese Dame, deren Namen sie nicht ganz
verstanden hatte, „geistreich“ zu tun wünsche. Sie wandte sich ihrem
Tänzer zu und nahm mit ihm ihren Platz ein: als viertes Paar.
„Gegen geistreiche Frauen hab’ ich ein Vorurteil. An die glaub’
ich einfach nicht,“ sprach sie voll Selbstbewußtsein. „Es ist eine
fabelhaft schöne Dame, obschon: der Hals ist ein bißchen lang und dünn
nach meinem Geschmack. Wie war doch der Name?“
„Frau von Falckenrott,“ sagte Rosenfeld, und man sah auf seinem
glattrasierten, klugen Gesicht nur den Ausdruck großer Höflichkeit,
„ihr Gatte ist mein Crewkamerad.“
„Nein -- so was! Dann hab’ ich ja ’n Haufen von Beziehungen. Ihr Mann
ist der Kapitän von Falckenrott? Der jetzt als Erster Offizier auf der
‚Luise‘ in Ostasien ist?“
Rosenfeld nickte, und noch ehe er etwas sagen konnte, durchrauschte
Frau Konsul Krüger schon flink den winzigen Platz zwischen den vier,
auf den Beginn der Quadrille wartenden Paaren.
„Nein, so was!“ rief sie und streckte Jutta gleich beide Hände auf
einmal hin, wobei am Gelenk der Linken ihr Fächer halbgeöffnet lebhaft
an goldener Kette pendelte, „nein, dies ist zu reizend! Eben erst lasse
ich mir Ihren Namen deutlich wiederholen. Man versteht ja nie beim
Vorstellen ... Wissen Sie, daß Ihr Mann bei meiner Schwester Mila in
Schanghai wie ein Kind im Hause ist?! Hat er Ihnen nie geschrieben,
daß er dort beinahe alle Tage bei einem Herrn Glaubermann eingeladen
war? Das ist mein Schwager. Glaubermanns sind fabelhaft gastfrei. Die
Herren von der Marine finden dort immer offenes Haus. Glaubermann
sagt, das sei patriotische Pflicht. Sie wissen doch: mein Schwager
Glaubermann, Chef der ostasiatischen Abteilung des Hamburger Hauses?“
Jutta besann sich mühsam. Ja, es dämmerte ihr auf ... der Name
Glaubermann war irgend einmal, vielleicht bei der Erzählung von einem
für die Offiziere von S. M. S. „Luise“ gegebenen Diner aufgetaucht ...
ein gleichgültiger Name mehr auf diesen Briefblättern, die aus Ostasien
kamen ... die Kunde gaben von einem fernen, fernen Leben ... und das
doch eigentlich ein Teil ihres Lebens war ... sein sollte ...
Kaum rang sie sich den höflich muntern Ton ab, in dem sie sprach: „Aber
gewiß -- Glaubermanns -- ja, ja -- ein hübscher Zufall -- ja, die Welt
ist so klein.“
„Das muß ich gleich meiner Schwester Mila schreiben, daß ich die Gattin
des Kapitäns von Falckenrott kennen gelernt habe! Wenn Sie wüßten,
gnädige Frau, wie meine Schwester Mila mir von dem Kapitän Falckenrott
vorschwärmt, würden Sie vielleicht eifersüchtig werden.“
„Eine Marinefrau darf keine Eifersucht kennen,“ sagte Jutta.
„Darf nicht -- darf nicht -- ach Gott, als ob sich Empfindungen an
Verbote kehrten. Ich wäre gräßlich eifersüchtig. Ich bin aber auch
rasend temperamentvoll.“
„Wie interessant!“ sagte Reiswitz etwas kühn dazwischen.
„Finge doch die Quadrille an,“ dachte Jutta.
„Und sagen Sie mal, gnädige Frau,“ fuhr die Frau Konsul eifrig
fort, nachdem sie Reiswitz mit einem kecken Lächeln für seine
Zwischenbemerkung mehr belohnt als bestraft hatte, „mir ist doch so ...
meine Schwester Mila schrieb davon ... gerade als die Herren von S. M.
S. ‚Luise‘ bei ihr zum Diner waren, kam die Depesche, daß dem Ersten
Offizier ein Kind geboren sei ... Und meine Schwester Mila schrieb
noch: wie schwer muß das für so ’ne junge Frau sein ... Das waren also
Sie ...“
„Ja,“ sagte Jutta laut und hart, „das war ich.“
Unbeherrscht, für einige Sekunden ganz und gar unbeherrscht, schlug
sie mit ihrem zusammengeklappten Fächer ein paarmal gegen ihre innere
Handfläche.
Herrischer noch als sonst erhob sie ihren schönen Kopf und sah über die
kleine zudringliche Schwätzerin hinweg.
Da traf ihr Blick zufällig den des Mannes gegenüber.
Der sah sie gut und fest und freundlich an. Aber irgend etwas reizte
sie dennoch. Ihre Nasenflügel bebten. Der scharfe Zug um ihren Mund
trat deutlich hervor.
In diesem schwülen Augenblick begannen die einleitenden Takte der Musik
durch den Raum zu schwirren. Ein Kommandoruf ertönte. Frau Konsul
Krüger eilte an die Seite ihres Herrn zurück. Und all die vielen,
vielen Paare, die den Raum bevölkerten, immer zu vier und vier je eine
kleine Tanzwelt für sich bildend, schienen im Bann einer Suggestion.
Alle hörten. Alle warteten, um beim rechten Takt, in der richtigen
Sekunde zu zweit zu avancieren. Plötzlich kam rhythmische Bewegung in
die Menge. Das fröhliche Hin und Her und wohlgeordnete Durcheinander
des Tanzes wickelte sich ab. Bei vielen jungen Paaren wandelte sich das
Vergnügen in den ernsthaften und leidenschaftlichen Eifer, alle Figuren
der Quadrille in vollkommener Glattheit durchzuführen.
Die Klänge von hundert lachenden Stimmen, das Gleiten von hundert
raschen Fußsohlen über den Estrich mischten sich mit den Schallwellen
der Musik. Der ganze Raum schien bis zur Verwirrung von Tönen und von
Bewegung erfüllt. Die weißen Kleider und die dunkeln Uniformen, die
Blumen und die Goldlitzen, kahlgeschorene Männerköpfe und Frauenhäupter
mit reichen Haarwellen, nackte Schultern und schwere Silberraupen,
goldbefranste Epauletten -- das alles glitt aneinander vorbei, kreiste
umeinander, in einem Wirbel sich beständig anders schneidender Linien,
ein fortwährend geschütteltes Kaleidoskop von Farbenfleckchen.
Über all dies bewegliche Gedränge flutete das Licht. Von der Hauptwand
her beherrschte das Bild des Kaisers den Saal. Von der Kommandobrücke
aus, als Admiral, sah er mit ehernem Ernst über das Festgewühl hin.
Der feine Dunst und Staub, der in der Luft des Saales schwebte, zog
einen leisen Schleier vor das Bild, so daß es wie von fern gesehenes
Leben wirkte. Es war kein Gemälde mehr -- es zauberte die Gegenwart des
höchsten Herrn gleichsam in den Saal.
Bei einer der Tanzfiguren sah sich Jutta an der Seite des Kapitäns
Hochhagen. Zwischen ihr und seiner eigenen Dame, dem Fräulein
Gervasius, vor und zurück schreitend, während Reiswitz einzeln ihnen
entgegenkam und wieder vor ihnen zurückzuweichen schien, sagte er
rasch: „Ich betrage mich heute pflichtvergessen. Verzeihen Sie mir.“
„Ich bin ja heute mit Rosenfelds,“ sprach sie, „die passen ebensogut
auf.“
„Das klingt ja fast erbittert.“
„So? Sollte es nicht ...“
Reiswitz ergriff wieder ihre Hand, man machte eine Ronde und trat an
seinen Platz zurück.
Und ein andermal, als Hochhagen wieder ein paar Worte mit ihr wechseln
konnte, hörte sie: „Malte hat geschrieben. Über den Brief muß ich mit
Ihnen sprechen, darf ich morgen zum Tee kommen?“
„N -- ja ...“
„Gnädige Frau,“ sagte Reiswitz, „Sie sind wirklich zerstreut.“
Sie standen und warteten, bis das dritte und vierte Paar die Figur
ausführte, die sie selbst eben abgetanzt hatten.
„Aber gar nicht,“ behauptete Jutta.
„Wissen Sie, ob Herr von Gamberg mit an Bord kommen wird für die Fahrt
nach Travemünde?“
„Keine Ahnung ...“
„Vielleicht ist es ihm, da er Nichtsegler ist, zu langweilig.
Kreuzerklasse zwei, zu der die ‚Freia‘ gehört, geht außen um Fehmarn
’rum -- wenn der Wind nicht stick Nordwest ist, kann’s zwölf Stunden
und mehr dauern.“
Jutta antwortete nichts. Sie sah hinüber zu Hochhagen, der mit Blick
und Ohr an seiner anmutigen Dame hing.
„Möchte er sie wählen -- man sieht wohl -- sie ist weg in ihn ...
Möchte er ... ein *so* beschäftigter Aufseher ist kein Aufseher mehr
...“
„Gnädige Frau ... Sie sind so gut -- sein Sie’s wieder mal ... *wenn*
nämlich Herr von Gamberg nicht mit an Bord geht für die Wettfahrt
Kiel-Travemünde, wird ein Platz frei, und da möchte Lebus brennend gern
sich ’ranschlängeln ...“
„Er kommt morgen zum Tee zu mir. Dann will ich mit ihm darüber
sprechen.“
„Lebus?“ fragte Reiswitz dumm.
„Herr von Gamberg,“ sagte Jutta.
„Ach -- pardon -- ja, natürlich ...“
„Wieso ... natürlich?“ dachte Jutta.
Und dann begann eine neue Tour.
Frau Konsul Krüger sprach auf den Kapitän von Rosenfeld ein.
„Hören Sie mal -- das versteh’ ich nu doch nich. Der Mann ist in
Ostasien, und die junge Frau geht allein auf Bälle und macht die ganze
Kieler Woche mit!“
„Unter dem freundschaftlichen Schutz von mir und meiner Frau,“ sagte
Herr von Rosenfeld.
„Schön. Das Dekorum in Ehren -- das weiß ich von selbst, daß das schon
irgendwie gewahrt sein wird. Aber wie *kann* man sich amüsieren,
solange der Mann fern ist?“
„Vielleicht ist es auch nur ein Amüsement im Schatten,“ sprach
Rosenfeld, „aber es wäre wohl ungesund, eine junge Frau klösterlich
einzusperren während eines Auslandkommandos ihres Mannes. Die
Crewkameraden umgeben die Einsame mit Schutz und sorgen auch für ihre
Zerstreuung. Das ist so Tradition bei uns, meine gnädige Frau.“
„Na,“ dachte Frau Krüger, „das mag manchmal ’ne schöne Beschützerei
sein.“
Rosenfeld, als habe er ihren häßlichen Gedanken erraten, fügte noch
hinzu: „Vor allen Dingen stehen aber die Crewkameraden einer solchen
Strohwitwe in jeder Hinsicht bei.“
„Gott -- wie nett.“
Da aber diese Frau die zudringlichste Neugier für die Lebensumstände
von Menschen hatte, die sie eigentlich nichts angingen, so kam sie nach
ein paar Minuten wieder auf Jutta und deren Lage zurück.
„Hat Frau von Falckenrott denn gar keine Eltern oder Schwiegereltern
mehr? Warum ist sie derweil nicht zu diesen gezogen? Ich hab’ mal
gehört, daß das in solchen Fällen geschieht.“
„Ich kann Ihnen Genaueres darüber nicht sagen,“ antwortete Rosenfeld
etwas kühl, „vielleicht hat Frau von Falckenrott die Empfindung, hier,
in der Berufsumwelt ihres Gatten, ihm gewissermaßen näher zu sein. Sie
wäre nicht die erste, die so empfände.“
„Ach,“ dachte Frau Krüger, „daß er Genaueres nicht weiß, ist ja
Schnack. Er weicht mir aus. Das hat wohl ’n Haken! Und hier dem Gatten
sich näher fühlen?! Das klingt innig, sinnig, minnig.“
Und sie seufzte, während sie nun an Rosenfelds Hand dem ihr gegenüber
avancierenden vierten Paar entgegenschritt.
„Mein Vetter Hinrichsen hätte auch was anderes tun können, als diese
Krügers an uns empfehlen,“ dachte Rosenfeld. Ihm waren Frauen zuwider,
die kein anderes Gesprächsthema kannten wie Schicksale und Handlungen
ihrer Nebenmenschen.
Endlich ging der Tanz zu Ende.
„Führen Sie mich hinunter,“ sagte Jutta hastig.
Sie war fast seit Beginn des Balles in den oberen Räumen gewesen. Und
immer suchten ihre Augen vergebens nach dem einen ... Vielleicht war
er in den Sälen unten ... War es Vorsatz, daß er sie nicht seinerseits
gesucht hatte ...? Fand er sie nicht?
Nun zog sie an Reiswitz’ Arm in einem dichten Schwarm lebhafter
Menschen die große Treppe hinab. Es war wie ein Festzug der Freude, der
stufenabwärts wallte.
Unten im Vorsaal bemerkte sie irgendwo das lachende, heiße Gesicht und
die rötlichen Haare der Frau von Rosenfeld. Und auch Frau von Rosenfeld
sah gerade empor, und sie nickten einander schon von weitem fröhlich
zu: die eine von der Treppe her hinab, die andere aus dem Gedränge
herauf.
„Da ist Lisbeth Rosenfeld,“ sagte sie, „sehen Sie? Dort an der dritten
Säule links.“ So wichtig sagte sie es, als habe sie endlich einen lange
und dringlich gesuchten Menschen gefunden.
Und schon ließ sie auch Reiswitz’ Arm los.
Unten, am Fuß der Treppe, sprach sie noch hastig: „Also ... ich spreche
mit Gamberg -- rede ihm aus, daß er die Fahrt nach Travemünde mitmacht
... dann haben Sie Platz für Lebus ... Ist dies nun kameradschaftlich
von mir oder nicht?“
„Gnädige Frau sind ein Engel ...“
Aber dieses dankbare Zeugnis hörte Jutta wohl nicht mehr. Sie wand
sich durch die Menge, und wenn Bekannte sie anredeten und aufhalten
wollten, sprach sie munter: „Bitte -- mich passieren lassen -- muß mich
mal bei meiner Ballmutter melden ...“
Und die Bekannten lachten mit ihr, denn sie wußten ja alle, daß die
„Ballmutter“, die Gattin des Kapitäns von Rosenfeld, eine fast ebenso
junge Frau war wie Jutta Falckenrott selbst.
Aber in dem Gewühl war ihr nun doch das heiße, lachende Gesicht und das
rötliche Haar ihrer Freundin Lisbeth entschwunden. Vielleicht hatte sie
auch nicht den strategischen Überblick gehabt, um sicher jenem Platz
zuzustreben, auf dem sie von der Treppe aus Lisbeth Rosenfeld gesehen
... an der dritten Säule links ...
Jutta betrat den Gartensaal. Auf der Schwelle hielt sie ein paar
Augenblicke den Schritt an. Ganz unerwartet stand eine Erinnerung
vor ihr auf -- wie Gespenster auf der Bühne jäh aus der Versenkung
emportauchen, während die ganze Szene eine andere Beleuchtung annimmt.
Vor etwas mehr als einem Jahr, in den ersten Tagen nach ihrer Ankunft
in der neuen Heimat, hatte ihr Gatte ihr die Marineakademie gezeigt.
Und auf der Schwelle dieses Saales stand er lange mit ihr. So fröhlich
klang seine Stimme. Und, in seine Jugendgeschichten verliebt wie alle
Menschen, denen das Gedächtnis nur Frohes aufzutischen hat, erzählte er
ihr sehr ausführlich von den Mittagstunden an den langen Tafeln, die so
wirtshausmäßig im Gartensaal standen. Da drüben -- ja, da hatten sie
zusammengesessen als Fähnriche: er und Hochhagen und Rosenfeld. Vom
ersten Schritt an, den sie in der gemeinsamen Laufbahn getan, waren sie
zusammen gewesen: in den bangen Tagen der Aufnahmeprüfung hatten sie
auf einer Bude gewohnt, bei ihrem ersten Bordkommando waren sie auf das
gleiche Schulschiff gekommen und dort alle drei der Steuerbordwache
zugeteilt worden. Und all die köstlichen, endlosen Späße aus jenen
Tagen ...
Das erlebte Jutta so qualvoll deutlich, daß ihr das Lachen des fernen
Mannes im Ohr lag -- als sei’s erst eben für sie verklungen ...
Sie kämpfte das nieder. Sie sah sich um.
Jetzt sah der Raum anders aus. Um die verputzten, bemalten Säulen,
die vereinzelt in seiner Mitte standen, die Decke tragend, zogen nun
Menschen. Flaggenschmuck und Grün rief aus: Hier geht es festlich her
...
Jutta dachte: „Ich bin müde ... ich will nach Haus ... Lisbeth hat zu
viel Ausdauer in solchen Sachen ...“
Wo hatte sie Lisbeth Rosenfeld doch noch eben gesehen? Ja, richtig, an
der dritten Säule im Eingangssaal ... da war sie wohl noch.
Aber Jutta wußte: wenn sie käme und sagte „ich mag nicht mehr“, würde
Lisbeth beinahe schreien: „Liebes, was fällt dir ein! Wir gehen noch
lange, lange, lange nicht!“
Lisbeth hatte ja auch ein Anrecht auf die Freuden des Lebens ... auf
die großen, tiefen ... auf die kleinen, bunten ...
Lisbeth hatte ihren Mann ...
Und vielleicht, wenn auch er wieder einmal hinaus mußte, hatte sie mehr
Gelassenheit ...
Jawohl -- nichts kommt auf den Wind an -- alles darauf, wen er anbläst
...
Es zog Jutta dennoch weiter. Sie kehrte nicht zurück und suchte nicht
nach Lisbeth Rosenfeld. Sie schritt quer durch den Gartensaal.
Die große Tür, die auf die Terrasse führte, stand geöffnet. Ihr
mächtiges Halbrund war von einer Balustrade umschlossen. Von ihr hinab
führten rechts und links hart an der Mauer Treppen hinab in den Garten.
Auch auf der Terrasse waren viele Menschen. In Korbsesseln lehnten
Herren und rauchten Zigaretten. Damen mit ihren Tänzern standen an der
Balustrade und sahen über den Garten hinaus zum Wasser.
Beinahe hastig, um hier keine Bekannten zu entdecken, um nicht von
ihnen angeredet zu werden, ging Jutta die ihr zunächst gelegene Treppe
hinab.
Ein Verlangen nach Einsamkeit peitschte sie förmlich.
Ah -- die Sommernacht ... Und so still der Garten. Da waren die glatten
Flächen der Tennisplätze ... da das Dunkel der Büsche ... alles für das
Auge noch in unsichere Beleuchtung getaucht.
Aus den Fenstern des mächtigen Baues brach jene prunkende Helle, die,
gleich Fanfaren des Lichtes, aus Festräumen hinaus in die Nacht die
Kunde von Glanz und Freude zu senden scheint.
Die Decke des Himmels hoch droben war von Blaustahl. Und der Mond,
seinem Rund noch entgegenwachsend, fast beizend weiß, mit den Schatten
und Flecken, die seiner Fläche ein kümmerlich verlegenes Lächeln
auftünchten, stand scheinbar auf einem Punkt still. Er überglänzte
seine Nähe mit silbriger Helle. Die vielen Lichter auf Wasser und
Land bestahlen ihn um seine Wirkung hier unten. Er kämpfte mit ihnen,
und seine und ihre Strahlen durchstachen einander. Und dabei siegte
keiner, es kam zu nichts, als zu einer schwankenden Belichtung aller
Nähe und zu einer verschwimmenden Dunkelheit aller Ferne.
Jutta hörte Lachen drüben, jenseits der Tennisplätze gingen Menschen,
und ihre Silhouetten glitten weiter, ihre Stimmen verklangen wieder.
Nun schien der Garten ganz verlassen.
Von irgendwo her kam Musik. Die Töne schwebten bebend und metallisch
heran. Es war eine fast brutale Zudringlichkeit in ihnen; sie erregten
die Nerven; unbestimmte Mutempfindungen, unklare, schmerzliche
Sehnsucht weckten sie auf.
Und doch war es nur die Militärmusik, die aus einem nahen Biergarten in
die Nacht hinausschwoll.
Jutta stand und horchte. Bruchstücke aus „Carmen“ ...
Nun drängten sich andere Töne hinein, dumpf und komisch ... die
Baßnoten der Tanzmusik im Hause. Die leicht flatternde zärtliche
Walzermelodie der Geigen konnte nicht hinausdringen, aber der kräftige
und bumsende Dreitakt des Basses stampfte auf, als habe er plumpe Füße.
Kühl zog der Atem vom Wasser heran. Jutta bemerkte seine Schauer nicht.
Sie ging zum Ufer hinab. Dort baute sich die Anlegebrücke, von
weißgestrichenem Geländer umschützt, über das Wasser hinaus. Die
schimmernd weiße Stationsjacht lag da wie schlafend. Allerlei Pinassen
und Barkassen drängten sich wartend Bord an Bord, wie auf dem Platz
einer Stadt die Wagen sich ineinander verfahren, im festlichen Gewühl.
Die Maaten, die sie zu führen hatten, mochten zusammengekauert auf den
Bänken dösen. Man sah niemand.
Geradeaus und drüben am Ufer und hinauf und hinab die Förde, soweit der
Blick von dieser Stelle aus ein Bruchstück ihres Bildes beherrschen
konnte, schwebten Lichtsignale im Schwarzblau der Nacht.
Still, mit guten, friedlichen Wächteraugen sahen sie aufeinander,
gesellig in ihrer Menge. Die letzten Strahlenspitzen des einen trafen
auf den äußersten Glanzkreis des anderen. Das gab einen wunderbaren
Zusammenhang -- als reichten sich wachsame Geister mystische
Lichthände. Das war, als schwebe über den schlafenden Wassern, über
dem Schlummer der Natur noch ein anderes, geheimnisvolles, niemals
ermüdendes Leben.
An ihren Bojen ankerten die Kolosse der Kriegschiffe, die am Tage
Riesen gleichen, die mit ihrem Rücken auf dem Wasser schwimmen und
über ihren gewaltigen Rumpf empor Arme und Beine luftwärts strecken.
Jetzt in der Nacht erriet man die Anwesenheit der weiter hinaus
liegenden nur an ihren Lichtern; die grauen Leiber der näheren erkannte
man undeutlich; wie auf sehr flüssig gemalten Aquarellen die Farben
ineinanderzufließen scheinen, so verschwammen die Grenzen ihrer grauen
Formen mit dem Schwarz der Nacht.
Jetzt horchte Jutta auf. Die schmetternde, werbende, beklemmende
Carmenmusik war verhallt. Die Dreitaktbaßtöne aus dem Haus kamen nicht
bis hierher. Stille hatte sich über die Sommernacht gesenkt.
Aber nun klangen kurze, melancholische Töne auf. Rund und schnell.
Es glaste auf den Schiffen.
Mitternacht ... Mitternacht.
Und drüben, auf der anderen Seite der Weltkugel -- was glaste die
Schiffsglocke da?
Jutta fühlte: ich bin sehr erschöpft.
Sie sagte es fast hörbar vor sich hin.
Und sie wußte nicht: erschöpft von all den Festen, vom betäubenden Tanz
des heutigen Balles -- oder erschöpft vom Leben ...
Und in diesem unbestimmten Gefühl einer unerhörten, einer
unerträglichen Müdigkeit kam ihr ein ganz einfacher, ein fast
kindlicher Gedanke.
Läge ich doch in meinem Bett!
„Da ist Ruhe, da ist Verborgenheit. Ich will nach Hause,“ dachte sie
entschlossen.
In der Düsternbrooker Allee, vorn vor dem Gitter der Marineakademie,
standen gewiß Wagen, die auf Zufallsfahrgäste warteten.
Sie konnte morgen früh an Lisbeth Rosenfeld telephonieren: „Du, sei
nicht böse -- aber ich sah, du schwammst in Pläsier, und ich hatte es
so satt, da ging ich heimlich. Ich bin ganz gut nach Hause gekommen.“
Plötzlich fühlte sie auch, daß es sehr frisch sei. Und Tritte klangen
-- ganz nah. Dumpf kamen sie auf dem Boden des Weges näher -- und nun
klappten sie hohl auf den Bohlen der Brücke.
Jutta, in einem Abwehrgefühl gegen Menschen, stand unbeweglich, als sei
sie noch in den Anblick der von träumerischen Lichtflecken gesternten
Förde versunken.
Sie bildete sich ein: Der, der da eben die Brücke betreten hat, wird
den Takt haben, sich sofort zurückzuziehen, wenn ich mich nicht nach
ihm umwende.
Und da hörte sie ihren Namen ...
„Jutta,“ sagte er.
Sie fuhr zusammen, bis zur Fassungslosigkeit erschreckt, obschon es die
Stimme des Mannes war, nach dem ihre Augen immerfort gesucht hatten.
So sehr erschrak sie, daß sie ihren Kopf in den Händen verbarg wie
eine, die sich fürchtet.
„Ich habe den ganzen Abend beinahe auf der Terrasse gesessen,“ sagte
er im Ton eines, der, humoristisch gestimmt, einen harmlosen Bericht
erstattet, „ich dachte nämlich so: wenn ich mich an einem Platz
behaupte, muß meine liebe und verehrte Base Jutta schließlich einmal
vorbeikommen. Nun endlich sah ich Sie.“
Sie horchte in verzehrender Spannung auf diese scherzhaften Worte. Und
nun schien ihr, als sei nach dieser Pause von ein paar Herzschlägen
seine Stimme vorsichtiger, leiser. Er fuhr fort: „Ich habe einige
Minuten gewartet, ehe ich Ihnen folgte.“
Sie fühlte, daß er neben sie trat. Sie spürte, daß er wartend auf sie
sah.
Sie nahm sich zusammen, sie richtete sich wieder auf. Daß sie *so*
viel Mut brauchte, um in diesen Augenblicken das Alleinsein mit ihm
zu überstehen, machte sie ganz schwach. Sie griff nach dem Geländer.
Sie hielt sich daran fest -- und lauschte zugleich auf den merkwürdig
hastigen Lauf ihres Herzschlages -- so klein und so eilig klopften die
Töne -- überall -- in der Brust, im Hals ... in den Schläfen ...
Mit beiden, ausgreifenden Händen hielt sie sich an der obersten
Querstange des Geländers und fühlte das harte Holz als schmerzhaften
Druck im Kreuz, so fest lehnte sie sich dagegen.
„Ich ... ich hielt die vielen Menschen nicht mehr aus ...“ sprach sie.
Sie sah ihn nun an. Im dürftigen Halblicht erriet sie doch jeden Zug
seines Gesichts. Sie kannte es so genau ... fast schien ihr: wie keines
sonst auf der Welt ...
Jenes andere Männergesicht, das man auf den Bildern in ihrem Haus sah,
das verlor so viel von seiner Wirklichkeit ... jeden Tag mehr ... war
eben nur noch ein Bild ... eines, das zu der Geschichte eines Traumes
gehört ...
Dieses aber, dies lebendige, kluge, entschlossene Gesicht, aus dessen
hellen Augen ein bezwingender Wille sprühte -- dieser ganze Mann,
schlank und groß, dessen Wesen zähe Energie schien ... der bedeutete
Wirklichkeit ... schwüle, drohende, inhaltreiche Wirklichkeit ...
Und mit der Wirklichkeit setzt man sich auseinander -- man kämpft mit
ihr -- sie allein ist Leben ...
Und all ihre tausend Gefahren sind immer noch mehr Gesundheit als diese
traumhafte Zusammengehörigkeit mit einem Fernen ...
Sie gibt Mut. Sehnsucht aber, schweigende, duldende Sehnsucht ist wie
schleichende Krankheit ...
Das alles dachte Jutta nicht in deutlichen Worten ... Schwer und
unklar gärte es in ihrem Gemüt ... Unbewußter Trotz war darin und die
Begierde, sich ein Recht zu beweisen -- das Recht auf Kampf gegen die
Versuchung vielleicht.
Sie wußte nichts Gewisses über sich. Sie fühlte nur, ihr Leben war
unerträglich. Und vor allem: diese Augenblicke waren es.
„Ich möchte nach Hause,“ sprach sie.
„Ist das die Antwort auf meine Freude, daß ich Sie endlich gefunden
habe?“ fragte er -- in erzwungen scherzhaftem Ton ...
„O nein ... die vielen Menschen ... das Fest ... es ist genug.“
„So werde ich Sie an den Wagen bringen.“
Er wartete vor ihr höflich, aufmerksam, als wären hier tausend
neugierige Augen, die sein Benehmen belauerten.
Ihr ganzes Wesen war in Aufruhr; weit geöffnet war ihre Seele für ein
großes Erlebnis -- eine starke Gefahr. Und nichts geschah, daran ihre
Kraft sich erproben, daran ihr Stolz sich emporrecken konnte. Sein Ton
und seine Art waren wie eingeschnürt in Beherrschung. Nichts geschah ...
Das Elend einer ungeheuren Enttäuschung warf sich auf sie, zerdrückte
sie. Das ganze Dasein schien nichts mehr zu sein als graue Leere,
stumpfe Inhaltlosigkeit -- nicht einmal mehr Kampf war darin ...
Und alles in ihr war bereit dazu gewesen ...
Wie für ein Volk, das in dumpfer Enge hinlebt und von seiner Enge
bewußt leidet, der Schrei „Krieg“ Erlösungsklang haben kann, so daß
das furchtbarste aller Worte jauchzend durch die Massen getragen wird
-- so lechzte ihre Seele nach einem weckenden Ruf, der sie nach Waffen
greifen ließ. Aber nichts geschah.
Sie raffte sich auf -- stand ein paar Augenblicke -- und und so fand
sie sich äußerlich zu ihrer gewohnten Haltung zurück. Er gab ihr den
Arm.
Schweigend schritten sie zusammen durch den Garten, zurück zu dem
mächtigen Bau, aus dessen großen Fenstern die gelben Lichtfluten in die
Nacht hineinströmten.
Jutta fühlte und dachte nicht mehr klar genug. Sonst wäre ihr dies
Schweigen von beklemmender Beredsamkeit gewesen. Sie fühlte nur: das
Leben geht an mir vorbei.
Und die Bitterkeit, in der alle Leidenschaftlichen sich gegen dies
Gefühl wehren, gärte auch in ihr.
Sie mußten über die Terrasse und durch den Gartensaal, in dem eben
der Walzer beendet war. Und hier, zwischen den hin und her wandelnden
Paaren, trafen sie auf Lisbeth Rosenfeld. Sie stand vor ihrem Mann,
hielt mit den spitzen Fingern der Linken ihn an einem Knopf seines
Dinerjacketts fest und fächelte mit der Rechten ihrem heißen Gesicht
Kühlung zu. Der kleine chinesische Fächer, den sie dabei brauchte,
klapperte in seinem Sandelholzgestell, und sein bunt bemaltes Pergament
rauschte.
„Da ist ja Herr von Gamberg mit Jutta! Kinder, helft mir Hektor
überreden. Ich soll weg. Das ist Tyrannei. Herr Legationsrat, schützen
Sie ein mißhandeltes Weib.“
„Wenn Lisbeth morgen Kopfweh hat, schilt sie mit mir, daß ich nicht
strenger gewesen bin,“ sagte der Kapitän.
„Komm mit,“ ermahnte Jutta, „ich bin im Begriff fortzugehen, Herr von
Gamberg will mich gerade zum Wagen bringen.“
„Was? Hinter dem Rücken deiner Ballmutter wolltest du auskneifen?“
„Lisbeth, nimm Vernunft an! Du wirst mir morgen danken.“
„Vernunft ist ja eine wunderschöne, großartige Sache. Aber weißt du,
Hektor -- ich bin gar nicht ehrgeizig. Ich will unvernünftig bleiben.“
Sie lachte laut und stritt munter weiter. Man merkte schon: der Mann
ermüdete ein wenig an der Kinderei und war im Begriff, nicht aus
Schwäche, sondern um des guten Geschmacks willen nachzugeben.
„Ach,“ dachte Jutta, „wie spielt sie durch die Tage.“
Und wußte selbst nicht, ob es ein neidischer oder ein geringschätziger
Gedanke war.
Sie verabschiedete sich etwas kurz. Rosenfelds, im Eifer ihres Kampfes
um Bleiben oder Gehen, bemerkten es kaum.
Jutta wurde nun von einer Hast ergriffen, als hänge das Äußerste daran,
daß sie rasch, rasch aus diesem Festlärm entfliehe. Und Gamberg,
dessen Arm sie losgelassen hatte, folgte ihr so unmittelbar, daß er
Vorsicht beobachten mußte, nicht auf ihre schleifende, leichte gelbe
Chiffonschleppe zu treten.
Sie warf sich in einem der zur Garderobe verwandelten Nebenräume ihren
Spitzenmantel um.
Gamberg wartete unter dem Portal auf sie.
Draußen, auf dem Fahrdamm, jenseits des hohen Gitters, das das
Gelände der Marineakademie von der Straße schied, standen Droschken
hintereinander, mit ihren dunkeln Kasten auf den unbeweglichen
Rädern, einem ins Stocken gekommenen Leichenzug nicht unähnlich. Die
Kutscher, mit hintenübergesenkten Häuptern, vorausgestreckten Bäuchen
und verschränkten Armen, förmlich wie aufgeplustert, schliefen in
Gelassenheit. In stumpfsinniger Geduld ließen die Pferde die Köpfe
hängen.
Gamberg öffnete die Tür der ersten Droschke, indem er zugleich den
Kutscher durch Zuruf ermunterte.
Jutta stieg ein.
Droben der plumpe Mann auf dem Bock hantierte noch umständlich mit
seinem Sitz, der Pferdedecke und den Zügeln.
Gamberg stand am Schlag. Von den Laternen her, die die Pilaster des
Gittertors krönten, fiel scharfes Licht auf ihn.
Jutta sah ihn mit großen Augen an. Sie prägte sich noch einmal, wieder
einmal, zum hundertstenmal genau seine hohe, blonde Erscheinung ein:
das helle Bärtchen auf der Oberlippe, das helle, kluge, lebhafte Auge,
die vornehmen, immer von einer gewissen Zurückhaltung beherrschten Züge.
Und auch er sah das völlig beleuchtete blasse Frauengesicht, die
herrisch erhobene Haltung ihres Kopfes, den großen Blick, der ihm fast
feindselig erschien.
„Ich begleite Sie natürlich.“
„Nein.“
„Es beunruhigt mich, Sie allein einem fremden Wagen anzuvertrauen.“
„Unnötige Sorge. Fünf Minuten Fahrt. Und ein Kieler Droschkenkutscher,
der eine Marinedame fährt ...“
Oben der Kutscher war fertig und sah wartend herab auf den Herrn am
Schlag.
Jutta fühlte wieder ihr Herz klopfen überall ... überall ...
Sie wagte kaum zu atmen.
Die hellen Blicke sprachen zu ihren Augen.
Unverwandt sahen sie einander an -- eine schwüle, endlose, furchtbare
Minute lang.
Und dann trat der Mann zurück ... höflich und fremd.
Der Wagen fuhr davon, in unerwartet raschem Zug.
Jutta saß aufrecht darin, erhobenen Hauptes. Ihre Augen starrten
auf die draußen, gleich einer Wandeldekoration vorüberziehenden
weißen Villen zwischen dem üppigen Laub der Bäume und Büsche in der
Sommernacht. Und in ihrem Ohr war als Nachhall das kleine knackende
Geräusch der zufallenden Wagentür.
II
Das ganze Zimmer war erfüllt von blauer Dämmerung, von einer reinen,
köstlichen Frische. In ihr konnte das kleine Wesen, von Wohlbehagen wie
geschwellt, wohl einen guten Schlaf haben. Nach dem Bade lag es nun,
ein appetitliches, rührend hilfloses und unbewußtes Stückchen Leben --
mehr ein Pflanzen- als ein Menschenleben noch -- in seinem Bettchen.
Der Kopf, auf dem ein dunkler Haarwuchs zu flaumen begann, war wie
eine schwere, etwas ins Längliche verformte Kugel tief hineingedrückt
in das weiße Kissen, das um seine Kontur herum bauschig aufschwoll.
Im Schatten der Gardinen, die von einem das Bettchen überwölbenden
Krummstab herabwallten, blieben die geschlossenen Augen, das kleine
Näschen beinahe verwischt -- so weich waren noch die Züge. Nur der Mund
war sehr deutlich in dem Kindergesicht -- die Lippen bewegten sich
instinktiv, lutschend, saugend, als kosteten sie noch den Wohlgeschmack
der Flasche.
Mit leichten Schritten, unhörbar, ging Jutta noch umher. Sie sah nach,
ob hinter dem Vorhang auch die Fensterklappe geöffnet sei, entdeckte
an der Scheibe eine Wespe, die sie furchtlos und fürsorglich mit ihrem
Taschentuch überdeckte und griff, um sie dann aus dem Fenster ins Freie
zu schütten.
Ein letzter Blick in die Runde zeigte ihr, daß im Schlafzimmer, das
auch das ihre war, und in dem neben dem großen Bett traulich das
kleine stand, sich alles in feierlicher Ordnung befand. Heilige
Schlafensstille webte in dem Raum, und ganz leise, leise, nur dem
angestrengt lauschenden Ohr der Mutter erratbar, ging der Atem des
Kindes in köstlicher Regelmäßigkeit.
Es schlief. Es schlief sich wieder ein Stückchen weiter ins Leben und
in die Kraft hinein ...
Jutta ging in den Nebenraum. Das war eigentlich ihr Ankleidezimmer.
Aber nun hatte das Kind seine Ansprüche und seine Herrschaft auch
hierher getragen. Und auf dem Teppich stand das Gestell mit der
Badewanne, und zwischen all den eleganten Einrichtungsgegenständen des
Toilettentisches, auf seinem Spiegelglas und zwischen den Bürsten und
Kämmen von dunkelm Schildpatt, standen Puderdöschen und lagen allerlei
blauumsäumte Läppchen und Streifen. In einem zierlich mit Schleifen
ausgestatteten Korb häufte sich gebrauchtes Kinderzeug.
In diesem Raum war es sehr hell. Weit geöffnet stand sein Fenster, und
von draußen herein kam die salzige Sommerluft und vertrieb die lauen
Baddünste.