XIII.

Hundertpfund war kurz nach dem Verlassen des Gerichtsgebäudes auf dem

Marktplatz der hübschen Doktorin in die Hände gelaufen. Beide waren ob

dieser unerwarteten Begegnung überrascht und Frau von Bauerntanz wußte

nicht, wie sie sich dem Fabrikleiter gegenüber verhalten sollte. Seit

jenem Abend bei Ratschillers war der Verkehr abgebrochen geblieben, Rosa

grollte und hatte das Haus des Cementfabrikanten gemieden.

Beim Anblick der in ihrer Verwirrung um so hübscheren Frau empfand

Hundertpfund etwas wie Reue über die verübte Vernachlässigung Rosas und

blitzschnell schossen die Gedanken durch seinen Kopf, daß mit dem Tode

Ratschillers das Heiratsprojekt ja doch hinfällig und seine Stellung in

der Fabrik wackelig sei. In der Zwischenzeit aber könnte der Scherz

einer geheuchelten Verehrung ausgesponnen werden.

Der huldigenden Ansprache Hundertpfunds setzte Frau Rosa eisiges

Schweigen entgegen, doch duldete sie, daß der hübsche Mann ihr zur Seite

ging und eine Verteidigungsrede losließ, die in der Behauptung gipfelte,

daß es ihm mit einer Werbung um Josephine ja doch nicht ernst gewesen

sei.

Ohne es zu wollen, sprudelte Frau Rosa die Frage heraus. „Weshalb haben

Sie mich aber dann die lange Zeit ignoriert?“

„Ich mußte aus der Art Ihres Abganges doch auf Ungnade schließen und

schwer genug habe ich unter dieser Ungnade gelitten!“

„Wer das wohl glaubt!“ spottete Frau Rosa.

„Gnädige Frau thun mir eben absichtlich Unrecht! Das ist so die

Handlungsweise schöner Damen! Je schöner eine Frau, desto grausamer wird

sie sein!“

„Wie weit sind Sie denn mit Fräulein Ratschiller gekommen?“

„Aber ich bitte Sie! Erstlich fehlte mir jede ernstliche Absicht, und

dann macht ja doch die Katastrophe im Hause Ratschillers jedes Projekt

überhaupt zu nichte!“

„Ja, es ischt ein fürchterliches Ereignis. Gott sei's gedankt, daß man

wenigstens den Mörder so rasch hinter Schloß und Riegel sehen konnte!

Sind Sie näher über die aufregende Sache informiert?“

„Ich komme soeben vom Bezirksrichter, doch wurden mir Mitteilungen nicht

gemacht.“

„Schade! Ich hätte gern Näheres erfahren! Gott, wie muß es im Hause

Ratschiller jetzt aussehen! Welch ein Durcheinander! Ob der alte Herr

wohl ein Testament hinterlassen hat? Ich glaube, gar zu viel werden die

Erben nicht erhalten! Du lieber Himmel! Ich will ja gewiß nichts Übles

nachreden, aber der Aufwand war doch immer arg! Bei jeder Gelegenheit

Champagner in Strömen!“

„Sie haben aber doch immer tapfer mitgehalten, gnädige Frau!“

Rosa biß sich auf die Lippe und ein böser Blick traf den Begleiter, der

rasch einzulenken versuchte und beteuerte, daß er es nicht so schlimm

gemeint habe.

Das Thema wollte Frau von Bauerntanz indes keineswegs verlassen, und der

Fabrikleiter ist nach ihrer Meinung noch immer die der Firma am

nächsten stehende und sicher bestinformierte Persönlichkeit, weshalb

Frau Rosa immer eifriger ihre Fragen an Hundertpfund richtete.

Das Paar war im Gespräch auf dem Wiesenpfad bis an den Fuß des waldigen

Sattels gekommen und jetzt erst gewahrte Frau Rosa dies zu ihrem

Schrecken: „Gott, wir sind ja in der Nähe der Mordstätte! Ich gehe

keinen Tritt weiter! Bitte, begleiten Sie mich zurück! Ich fürchte mich!

Vielleicht lauert ein Mörder auf mich!“

„Aber gnädige Frau! Kommen Sie nur mit! In meiner Begleitung wird Ihnen

gewiß nichts passieren!“

„Nein, nein! Unter keinen Umständen gehe ich an der Schauderstätte

vorüber!“

„Dann schlage ich vor, wir biegen seitlich ab, steigen auf bis zum

Rangierhaus oben, von da ab können wir auf der Seilbahn zur Fabrik

fahren!“

„Sind Sie toll geworden? Ich auf der lebensgefährlichen Luftbahn

fahren —!“

„Die Sache ist keineswegs gefährlich, man muß nur ruhig im Wägelchen

sitzen! Ich stehe gut, daß wir mit heiler Haut unten in die Fabrik

gelangen!“

Die Absicht, Frau Rosa in die Waldeinsamkeit zu locken, mißlang trotz

der Neugierde und Klatschsucht, die hübsche Frau weigerte sich auf das

Entschiedenste.

Den Weg zur Stadt nochmals zurückzulegen, wollte nun Hundertpfund nicht,

das Interesse erlosch augenblicklich und kühl verabschiedete er sich.

Verstimmt kehrte die Doktorin in die Stadt zurück, indes Hundertpfund

über den Sattel zur Fabrik marschierte.

Bergrichters Erdenwallen · 第 27 / 40 题