XI.

Ratschiller sen. steht totenbleich am Telephonapparat und zittert vor

Schrecken. Kaum vermag er Antwort zu geben auf die Anfrage des

Fabrikleiters, wo neue Sprengungen vorgenommen werden sollen. Heiseren

Tones spricht Ratschiller auf die Membrane: „Sie haben doch kürzlich

gemeldet, daß im Eibenberg ein großes Mergellager offen gelegt wurde!“

Hundertpfund telefonierte zurück: „Das wohl, Herr Chef! So lautete die

Meldung des Sprengpaliers in der ersten Aufregung. Ich habe kurz darauf

nachgesehen und Sie angerufen, konnte aber keine Antwort von Ihnen

erhalten, weil vermutlich das Hörrohr an Ihrem Apparat ausgeschaltet

war.“

„Was wollten Sie melden?“

„Dasselbe, was ich soeben zur Kenntnis gebracht: Die erste Meldung war

unliebsame Übertreibung, sie muß leider bedeutend reduziert werden. Der

Eibenberg erscheint mir erschöpft, zum mindesten haben wir ohne

besondere Sprengversuche in absehbarer Zeit keinen Stein mehr zu

brennen. Ich frage daher, ob kostspielige neue Sprengungen am Eibenberge

vorgenommen werden sollen oder ob wir einen anderen Ihnen gehörigen Berg

anbrechen sollen. Im letzteren Falle würde ich um Angabe des

betreffenden Terrains bitten!“

„Allmächtiger Gott!“ jammerte der Fabrikherr.

„Ist Ihnen nicht wohl, Herr Chef?“

„Warum haben Sie mir nicht schon früher diese Meldung erstattet? Sie

waren doch kurz darauf bei uns zur Verlobungsfeier!“

„Da war doch nicht die passende Gelegenheit, um solche Hiobspost

vorzubringen! Bitte, was soll geschehen?“

„Lassen Sie am Eibenberg tiefer bohren und sprengen, es muß sich Mergel

vorfinden. Das Gutachten lautet auf bedeutende Mergellager. Ich werde

sobald als möglich selbst hinauskommen. Schluß!“

Mechanisch drehte Ratschiller die Kurbel und brachte den Fernsprecher in

Ordnung. Dann aber wankte der Fabrikherr zu seinem Sorgenstuhl, in den

er sich ächzend fallen ließ. Das Schlimmste, was einer Cementfabrik

passieren kann, steht bevor. Mergelmangel! Und das in jenem Berg, der

für schweres Geld gekauft wurde und die größte Ausbeute versprach. Sind

die übrigen Terrainerwerbungen gleichfalls mergeltaub, so ist die Fabrik

ruiniert, alles verloren.

Die schlimmen Träume, jene entsetzlichen Ahnungen kamen Ratschiller

wieder in Erinnerung, in greifbare Nähe ist die Katastrophe gerückt. Und

da soll noch Hochzeit gehalten werden!

Völlig verzweifelt holte der Fabrikherr wieder die Mappen hervor, um in

den Katasterblättern und Besitzverzeichnissen nachzuschlagen. Kann ein

Rechnungsfehler, ein Irrtum des Vermessungsbeamten von solch

entsetzlichen Folgen möglich sein? Kann sich ein Bergingenieur so

gräßlich irren? Der Eibenberg in seiner für die Fabrikanlage so überaus

günstigen Situierung mergellos, das ist entsetzlich; mögen die übrigen

angekauften Berge auch Brennstein enthalten, sie liegen zu weit

entfernt, der Bruchstein müßte per Achse zur Fabrik geschafft,

Bauernstraßen benutzt werden, und das ist seit Existenz der

Luftseilbahn geradezu ausgeschlossen, die erbosten Bauern werden die

Straßenbenutzung jetzt erst recht verweigern und die Fabrik muß den

Betrieb einstellen.

Zitternd raffte Ratschiller die Papiere zusammen und verschloß sie im

Panzerschrank. Dann arbeitete und hantierte er längere Zeit in den

Schiebefächern seines Pultes. Bleichen Antlitzes verließ er hierauf die

Geschäftsstube, um sich zur Fabrik zu begeben.

Unermüdlich bringt die Seilbahn durch die Luft die Cementfässer zum

Magazin am Bahnhof und von da führen die kleinen Wagen die Grieskohle

wieder zurück zur Fabrik. Die Anlage bewährt sich ausgezeichnet, der

Betrieb funktioniert tadellos. Man hätte das Werk nicht besser

inscenieren können. Ratschiller seufzte, sein Auge folgte den Fässern

durch die Luft. Welches frohe Gefühl hat diese Anlage schon in ihm

erweckt, doch mit welcher Bitterkeit betrachtet er die Luftbahn jetzt!

Was nützt das prächtige Werk, wenn die Fabrik infolge Steinmangels wird

stille stehen müssen! Wie konnte sich der Bergingenieur nur so

fürchterlich irren! Der Eibenberg mergellos! Eine Riesensumme ist

dadurch verloren!

In der staubigen und qualmigen Fabrik angelangt, suchte Ratschiller

seinen Fabrikleiter auf, mit welchem er alsbald den Steinbruch am

Eibenberge besichtigte. Ein trostloser Anblick für einen Cementmenschen,

der Mergel braucht und nur wertlosen Schutt erblickt.

Hundertpfund erstattet Bericht über die inzwischen vorgenommenen

Bohrversuche. Die Bohreisen gingen so leicht ins Bergesinnere, daß das

Fehlen des Gesteins ganz zweifellos sein muß.

„Wie tief ischt gebohrt?“

„Etwas über vier Meter, Herr Chef!“

„Da bestünde noch eine Möglichkeit, daß sich in größerer Tiefe Mergel

eingesprengt vorfindet. Geht es nicht im Schachtwege, so treiben wir

Stollen, und sprengen!“

„Wie Sie befehlen! Nur dürfte der Stollenbetrieb ungleich teurer

kommen!“

Ratschiller seufzte, sagte aber dann, es müsse alles versucht werden.

Um eine Probe in der Tiefe von vier Metern vorzunehmen, ließ der Chef

am Eibenberge mit Janit sprengen. In gesicherter Entfernung wartete man

den Sprengschuß ab. Während der Vorbereitungen hierzu hatte Ratschiller

genügend Zeit, Umschau nach den ihm gehörigen Grundstücken und Bergen zu

halten. Ein stattlicher Besitz, wenn ihr Inneres den benötigten Stein

birgt. Wertlos freilich, wenn sich diese Voraussetzung nicht erfüllt. Da

würde sich Wiesenwirtschaft noch besser lohnen als Abbau auf Cement.

Kann es möglich sein, daß die ganze Berggegend keinen Mergel hat, trotz

der genauen Untersuchungen? Bisher konnte doch ganz flott Portlandcement

erzeugt werden. Und jetzt auf einmal Mangel des Wichtigsten, der

Existenzbedingung für eine Cementfabrik!

Eine gewaltige Explosion unterbrach den Gedankengang des gequälten

Fabrikherrn. Eine ungeheure Wolke von Staub und Schutt stieg auf,

knatternd und brausend, Steine flogen nach allen Seiten.

„Stein, Stein!“ wollte Ratschiller aufjubeln und hastig lief er in die

Richtung, wo Steine niedergefallen waren. Doch auf den ersten Blick

erkannte der Fachmann wertlosen Kalkstein, Marmorbruchteile, keine Spur

vom heißersehnten Mergel.

Der Fabrikherr empfand einen bohrenden Stich im Herzen, ihm ist, als

soll er niedersinken vor Schmerz. Dennoch rafft er sich auf und steigt

zur Sprengstelle, die ein klaffendes riesiges Loch aufweist, doch kein

offengelegtes Gestein. Ein trostloser Anblick für den Cementmann.

Hundertpfund starrt gleichfalls betrübt in das Riesenloch und trostlos

klingt seine Frage. „Sollen wir wirklich im Stollenbau weitere Versuche

machen?“

„Wir müssen! Doch hab ich selbst jetzt keine Hoffnung mehr! Lassen Sie

aber gleichzeitig im Halberge bohren und sprengen.“

Ratschiller erledigte im Fabrikgebäude noch einige Geschäfte, so müde

und niedergeschlagen er sich auch fühlte.

Unterdessen war es Abend und dunkel geworden. Der Chef entschloß sich

zur Heimwanderung und zwar über den Bergsattel, wiewohl Hundertpfund

davon abriet, denn der Weg sei steinig, die Brücke über den Bergbach in

schlechtem Zustand.

„Ach was, Unsinn! Wie oft in meinem Leben bin ich doch schon über den

Sattel gegangen!“ rief Ratschiller aus.

„Dann möchte ich noch sagen, es ist in letzter Zeit ein herabgekommenes

Individuum hier in der Gegend gesehen worden, dessen Herumschleichen mir

verdächtig erschien. Erst gestern abend sah ich den zweifelhaften

Burschen beim Schnaps oben am Eibenberg-Wirtshaus hocken, gemieden

selbst vom schlechtesten unserer Arbeiter. Wenn Sie erlauben, will ich

Sie bis zur Sattelschneide oder zur Kapelle auf der anderen Seite

begleiten.“

„Sie wollen mich wohl gruseln machen? Ich danke! Seit reichlich zwanzig

Jahren gehe ich den einsamen Weg und noch niemals ischt etwas, auch

nicht das Geringste passiert! Und dann bin ich immer noch Mann und stark

genug, um es mit jedem Strolch aufzunehmen. Nein, nein, verschimpfieren

Sie mir unser ehrliches Tirolerland nicht! Ein Raubanfall in Tirol?

Unsinn! Schier könnte ich das als Beleidigung auffassen! Sie sind kein

Tiroler, deshalb glauben Sie an eine solche undenkbare Möglichkeit! Gute

Nacht!“

Langsam entfernte sich Ratschiller und schritt längs der

Gebäulichkeiten dem Pfad zu, der in vielfachen Windungen auswärts dem

waldigen Sattel zuführt. Da es nun sehr rasch dunkelte, konnte der

Fabrikleiter den Aufstieg seines Chefs nicht weiter verfolgen.

Achselzuckend begab sich Hundertpfund ins Gebäude, um für die

Nachtschicht, sowie für morgen vorzunehmende Sprengungen Anordnungen zu

treffen.

Die Seilbahn wurde außer Betrieb gesetzt über die Nacht. Die Brennöfen

qualmten und sandten ihre brenzlichen Wolken zum nächtlichen Himmel. Wie

lange noch?

Diese Frage fing für Hundertpfund gleichfalls an, bedeutungsvoll zu

werden und seine Gedanken nahmen eine Richtung, die auf Erwerb einer

neuen, sicheren Stellung hinausliefen. Hat Ratschiller keinen Stein

mehr, so wird für den Fabrikleiter Fräulein Josephine auch

bedeutungslos.

Bergrichters Erdenwallen · 第 25 / 40 题