Ratschiller sen. steht totenbleich am Telephonapparat und zittert vor
Schrecken. Kaum vermag er Antwort zu geben auf die Anfrage des
Fabrikleiters, wo neue Sprengungen vorgenommen werden sollen. Heiseren
Tones spricht Ratschiller auf die Membrane: „Sie haben doch kürzlich
gemeldet, daß im Eibenberg ein großes Mergellager offen gelegt wurde!“
Hundertpfund telefonierte zurück: „Das wohl, Herr Chef! So lautete die
Meldung des Sprengpaliers in der ersten Aufregung. Ich habe kurz darauf
nachgesehen und Sie angerufen, konnte aber keine Antwort von Ihnen
erhalten, weil vermutlich das Hörrohr an Ihrem Apparat ausgeschaltet
war.“
„Was wollten Sie melden?“
„Dasselbe, was ich soeben zur Kenntnis gebracht: Die erste Meldung war
unliebsame Übertreibung, sie muß leider bedeutend reduziert werden. Der
Eibenberg erscheint mir erschöpft, zum mindesten haben wir ohne
besondere Sprengversuche in absehbarer Zeit keinen Stein mehr zu
brennen. Ich frage daher, ob kostspielige neue Sprengungen am Eibenberge
vorgenommen werden sollen oder ob wir einen anderen Ihnen gehörigen Berg
anbrechen sollen. Im letzteren Falle würde ich um Angabe des
betreffenden Terrains bitten!“
„Allmächtiger Gott!“ jammerte der Fabrikherr.
„Ist Ihnen nicht wohl, Herr Chef?“
„Warum haben Sie mir nicht schon früher diese Meldung erstattet? Sie
waren doch kurz darauf bei uns zur Verlobungsfeier!“
„Da war doch nicht die passende Gelegenheit, um solche Hiobspost
vorzubringen! Bitte, was soll geschehen?“
„Lassen Sie am Eibenberg tiefer bohren und sprengen, es muß sich Mergel
vorfinden. Das Gutachten lautet auf bedeutende Mergellager. Ich werde
sobald als möglich selbst hinauskommen. Schluß!“
Mechanisch drehte Ratschiller die Kurbel und brachte den Fernsprecher in
Ordnung. Dann aber wankte der Fabrikherr zu seinem Sorgenstuhl, in den
er sich ächzend fallen ließ. Das Schlimmste, was einer Cementfabrik
passieren kann, steht bevor. Mergelmangel! Und das in jenem Berg, der
für schweres Geld gekauft wurde und die größte Ausbeute versprach. Sind
die übrigen Terrainerwerbungen gleichfalls mergeltaub, so ist die Fabrik
ruiniert, alles verloren.
Die schlimmen Träume, jene entsetzlichen Ahnungen kamen Ratschiller
wieder in Erinnerung, in greifbare Nähe ist die Katastrophe gerückt. Und
da soll noch Hochzeit gehalten werden!
Völlig verzweifelt holte der Fabrikherr wieder die Mappen hervor, um in
den Katasterblättern und Besitzverzeichnissen nachzuschlagen. Kann ein
Rechnungsfehler, ein Irrtum des Vermessungsbeamten von solch
entsetzlichen Folgen möglich sein? Kann sich ein Bergingenieur so
gräßlich irren? Der Eibenberg in seiner für die Fabrikanlage so überaus
günstigen Situierung mergellos, das ist entsetzlich; mögen die übrigen
angekauften Berge auch Brennstein enthalten, sie liegen zu weit
entfernt, der Bruchstein müßte per Achse zur Fabrik geschafft,
Bauernstraßen benutzt werden, und das ist seit Existenz der
Luftseilbahn geradezu ausgeschlossen, die erbosten Bauern werden die
Straßenbenutzung jetzt erst recht verweigern und die Fabrik muß den
Betrieb einstellen.
Zitternd raffte Ratschiller die Papiere zusammen und verschloß sie im
Panzerschrank. Dann arbeitete und hantierte er längere Zeit in den
Schiebefächern seines Pultes. Bleichen Antlitzes verließ er hierauf die
Geschäftsstube, um sich zur Fabrik zu begeben.
Unermüdlich bringt die Seilbahn durch die Luft die Cementfässer zum
Magazin am Bahnhof und von da führen die kleinen Wagen die Grieskohle
wieder zurück zur Fabrik. Die Anlage bewährt sich ausgezeichnet, der
Betrieb funktioniert tadellos. Man hätte das Werk nicht besser
inscenieren können. Ratschiller seufzte, sein Auge folgte den Fässern
durch die Luft. Welches frohe Gefühl hat diese Anlage schon in ihm
erweckt, doch mit welcher Bitterkeit betrachtet er die Luftbahn jetzt!
Was nützt das prächtige Werk, wenn die Fabrik infolge Steinmangels wird
stille stehen müssen! Wie konnte sich der Bergingenieur nur so
fürchterlich irren! Der Eibenberg mergellos! Eine Riesensumme ist
dadurch verloren!
In der staubigen und qualmigen Fabrik angelangt, suchte Ratschiller
seinen Fabrikleiter auf, mit welchem er alsbald den Steinbruch am
Eibenberge besichtigte. Ein trostloser Anblick für einen Cementmenschen,
der Mergel braucht und nur wertlosen Schutt erblickt.
Hundertpfund erstattet Bericht über die inzwischen vorgenommenen
Bohrversuche. Die Bohreisen gingen so leicht ins Bergesinnere, daß das
Fehlen des Gesteins ganz zweifellos sein muß.
„Wie tief ischt gebohrt?“
„Etwas über vier Meter, Herr Chef!“
„Da bestünde noch eine Möglichkeit, daß sich in größerer Tiefe Mergel
eingesprengt vorfindet. Geht es nicht im Schachtwege, so treiben wir
Stollen, und sprengen!“
„Wie Sie befehlen! Nur dürfte der Stollenbetrieb ungleich teurer
kommen!“
Ratschiller seufzte, sagte aber dann, es müsse alles versucht werden.
Um eine Probe in der Tiefe von vier Metern vorzunehmen, ließ der Chef
am Eibenberge mit Janit sprengen. In gesicherter Entfernung wartete man
den Sprengschuß ab. Während der Vorbereitungen hierzu hatte Ratschiller
genügend Zeit, Umschau nach den ihm gehörigen Grundstücken und Bergen zu
halten. Ein stattlicher Besitz, wenn ihr Inneres den benötigten Stein
birgt. Wertlos freilich, wenn sich diese Voraussetzung nicht erfüllt. Da
würde sich Wiesenwirtschaft noch besser lohnen als Abbau auf Cement.
Kann es möglich sein, daß die ganze Berggegend keinen Mergel hat, trotz
der genauen Untersuchungen? Bisher konnte doch ganz flott Portlandcement
erzeugt werden. Und jetzt auf einmal Mangel des Wichtigsten, der
Existenzbedingung für eine Cementfabrik!
Eine gewaltige Explosion unterbrach den Gedankengang des gequälten
Fabrikherrn. Eine ungeheure Wolke von Staub und Schutt stieg auf,
knatternd und brausend, Steine flogen nach allen Seiten.
„Stein, Stein!“ wollte Ratschiller aufjubeln und hastig lief er in die
Richtung, wo Steine niedergefallen waren. Doch auf den ersten Blick
erkannte der Fachmann wertlosen Kalkstein, Marmorbruchteile, keine Spur
vom heißersehnten Mergel.
Der Fabrikherr empfand einen bohrenden Stich im Herzen, ihm ist, als
soll er niedersinken vor Schmerz. Dennoch rafft er sich auf und steigt
zur Sprengstelle, die ein klaffendes riesiges Loch aufweist, doch kein
offengelegtes Gestein. Ein trostloser Anblick für den Cementmann.
Hundertpfund starrt gleichfalls betrübt in das Riesenloch und trostlos
klingt seine Frage. „Sollen wir wirklich im Stollenbau weitere Versuche
machen?“
„Wir müssen! Doch hab ich selbst jetzt keine Hoffnung mehr! Lassen Sie
aber gleichzeitig im Halberge bohren und sprengen.“
Ratschiller erledigte im Fabrikgebäude noch einige Geschäfte, so müde
und niedergeschlagen er sich auch fühlte.
Unterdessen war es Abend und dunkel geworden. Der Chef entschloß sich
zur Heimwanderung und zwar über den Bergsattel, wiewohl Hundertpfund
davon abriet, denn der Weg sei steinig, die Brücke über den Bergbach in
schlechtem Zustand.
„Ach was, Unsinn! Wie oft in meinem Leben bin ich doch schon über den
Sattel gegangen!“ rief Ratschiller aus.
„Dann möchte ich noch sagen, es ist in letzter Zeit ein herabgekommenes
Individuum hier in der Gegend gesehen worden, dessen Herumschleichen mir
verdächtig erschien. Erst gestern abend sah ich den zweifelhaften
Burschen beim Schnaps oben am Eibenberg-Wirtshaus hocken, gemieden
selbst vom schlechtesten unserer Arbeiter. Wenn Sie erlauben, will ich
Sie bis zur Sattelschneide oder zur Kapelle auf der anderen Seite
begleiten.“
„Sie wollen mich wohl gruseln machen? Ich danke! Seit reichlich zwanzig
Jahren gehe ich den einsamen Weg und noch niemals ischt etwas, auch
nicht das Geringste passiert! Und dann bin ich immer noch Mann und stark
genug, um es mit jedem Strolch aufzunehmen. Nein, nein, verschimpfieren
Sie mir unser ehrliches Tirolerland nicht! Ein Raubanfall in Tirol?
Unsinn! Schier könnte ich das als Beleidigung auffassen! Sie sind kein
Tiroler, deshalb glauben Sie an eine solche undenkbare Möglichkeit! Gute
Nacht!“
Langsam entfernte sich Ratschiller und schritt längs der
Gebäulichkeiten dem Pfad zu, der in vielfachen Windungen auswärts dem
waldigen Sattel zuführt. Da es nun sehr rasch dunkelte, konnte der
Fabrikleiter den Aufstieg seines Chefs nicht weiter verfolgen.
Achselzuckend begab sich Hundertpfund ins Gebäude, um für die
Nachtschicht, sowie für morgen vorzunehmende Sprengungen Anordnungen zu
treffen.
Die Seilbahn wurde außer Betrieb gesetzt über die Nacht. Die Brennöfen
qualmten und sandten ihre brenzlichen Wolken zum nächtlichen Himmel. Wie
lange noch?
Diese Frage fing für Hundertpfund gleichfalls an, bedeutungsvoll zu
werden und seine Gedanken nahmen eine Richtung, die auf Erwerb einer
neuen, sicheren Stellung hinausliefen. Hat Ratschiller keinen Stein
mehr, so wird für den Fabrikleiter Fräulein Josephine auch
bedeutungslos.