„Wie? Was?“
„Sehr einfach, Herr Chef! Wir legen eine Luftseilbahn an und bringen
unser Produkt durch die Luft zur Bahn — und von dieser die benötigte
Kohle wieder auf gleichem Wege zur Fabrik!“
„Alle Wetter! Ein feiner Gedanke! Aber unser sehr koupiertes Terrain?!“
„Dasselbe bietet einer Weltfirma wie Bleichert u. Co. in Leipzig-Gohlis
in ihrer anerkannten Spezialität nicht die geringste Schwierigkeit. Mehr
wie 600 m Hängebahnlänge werden wir kaum nötig haben, Spannweiten von
200-500 m, ja bis 700 m sind nichts Ungewöhnliches.“
„Weiß Gott! Ein genialer Gedanke! Aber alles kann doch nicht in der Luft
hängen! Die Seilbahn braucht doch Stützträger, Verankerungen und
dergleichen mehr!“
„Gewiß! Es wird sich zunächst um die Grunderwerbung zu den
Unterstützungen der Laufbahnen handeln.“
„O weh! Da kommen wir wieder zu unsern „lieben“ Bauern zurück. Wollen
uns diese die Straßenbenutzung verweigern, ebenso sicher geben sie mir
auch den nötigen Grund nicht ab!“
„Herr Chef dürfen eben nicht sagen, wozu Sie den Grund haben wollen!“
„Wie soll ich das machen?“
„Vom Bahnhof über die nächsten Wiesen ist der Grund ohnehin Ihr
Eigentum. Von Ihrer Grenze weg dürfte in einer Entfernung von annähernd
100 m die erste Unterstützung zu errichten sein. Also muß das
betreffende Wiesenstück angekauft werden. 200 m weiter brauchen wir bloß
die Luft und diese zu benutzen wird uns die Behörde sicher erlauben,
und die Bauern hat die Luftbahn nichts zu kümmern.“
„Ja, und weiter?“
„Dann kommen wir zum Bergrücken, von dem eine Längsparzelle vom Ärar
gepachtet, event. gekauft werden müßte. Auf der Höhe auf Staatsgrund
erbauen wir die Verankerungsanlage und von diesem wagen wir, ohne
Stützen, eine Spannweite von etwa 500 m direkt hinab in die Fabrik, und
wir sind fein heraus, die Bauern haben das Nachsehen bezw. Emporsehen.
Wir verfrachten unsere Kohle und den Cement über den Köpfen der
liebenswürdigen, aufgehetzten Bauern hinweg.“
„Wenn sich das ermöglichen ließe, heiliger Gott, die größte Sorge wäre
von mir genommen.“
„Die Hauptsache ist die Grunderwerbung für die Luft-Seilbahn auf ganz
stille, harmlose Weise. Ich möchte vorschlagen, Herr Chef lassen durch
einen Mittelsmann die Parzellen kaufen und erwerben selbe dann vom
Vermittler. Haben wir diese Flächen, so wird es ein leichtes sein, mit
dem Forstärar ein Abkommen zu treffen.“
„Gut! Ich werde die Sache überlegen. Aber was wird die Drahtseilbahn
durch die Luft auf schier 4000 m Länge kosten?“
„Wenn es sich um den Ruin handelt, darf die Kostenfrage nach meiner
Meinung keine Rolle spielen. Bleichert wird gewiß einige Teilzahlungen
gewähren, in zwei, längstens drei Jahren ist die Anlage bezahlt und C.
Ratschillers Cementfabrik ist gegen alle Anfeindungen durch Anrainer und
Konkurrenz gefeit.“
„Ja, wenn das wenn nicht wäre!“ seufzte der Chef.
„Mit Erlaubnis, Herr Chef, es heißt im Sprichwort: Con si et ma nulle
fa!“
„Die Kosten, die Kosten, lieber Hundertpfund! Haben Sie eine Ahnung, was
eine solche Anlage kostet?“
„Ich denke, mit 80000 Gulden wird sie gemacht!“
„Allmächtiger! 80000 Gulden!“ stöhnte der Fabrikherr.
„Wird nicht viel billiger gemacht werden können. An 50000 Gulden
beanspruchen die Lieferungen von Seilen &c. aus den Fabriken von
Bleichert. Reell, sicher, allen Anforderungen und Auflagen der Behörden
muß die Luftbahn entsprechen, sonst erlangen wir die Erlaubnis zur
Anlage und zum Betrieb nicht. Ich sage nochmals: Die Kosten dürfen keine
Rolle spielen! Jetzt oder nie, und wenn schon denn schon! Setzen Sie
sich mit Bleichert in Verbindung, ich wette, die Korrespondenz wird das
von mir prophezeite Resultat erbringen. Aber nun ist tiefstes Schweigen
über den Plan unerläßliche Bedingung für ein Gelingen.“
„Ja, ja, gewiß!“
„Es darf auch Ihre werte Familie von dem Plan nichts erfahren!“
„Aber, Hundertpfund! Meine Familie steht mir doch am nächsten!“
„Gewiß! Aber ein einziges unvorsichtiges Wort der Damen oder des jungen
Herrn, und alles ist verloren! Wenn die Konkurrenz unsern Plan nur zu
ahnen beginnt, ist er schon verloren!“
„O, Gott! Sie haben nicht Unrecht! Aber kann ich mich denn in eine so
kostspielige Sache einlassen, über eine solche Riesensumme disponieren,
ohne meine Familie zu verständigen?! Ich müßte ja das ganze Vermögen
hinein stecken! Stürbe ich vor Vollendung des Planes, meine Familie
würde bettelarm sein!“
„Bitte, das ist denn doch eine Übertreibung! In Ihren Jahren und bei
solcher Rüstigkeit! Auch brauchen Sie sicher nicht mehr wie ein Drittel
der Anlagekosten bar zu zahlen, den Rest in Wechseln auf lange Frist!
Doch wie Herr Chef wollen! Ich habe ja nur das Gedeihen und Wachsen der
meiner Leitung anvertrauten Fabrik im Auge, und unter diesem
Gesichtspunkt, angeregt durch die Proteste der Straßenbauern, habe ich
den gewichtigen Vorschlag gemacht!“
„Ja, das verkenne ich nicht! Ich danke Ihnen auch herzlich! Und es soll
über den Plan geschwiegen werden! Nur mit dem Bezirkshauptmann und
Domänenverwalter will ich Rücksprache pflegen!“
„Ich möchte raten, zuerst durch einen Mittelmann den benötigten Grund
für die erste, wichtigste Stütze zu kaufen. Dann erst ist es opportun,
mit den Behörden in Unterhandlung zu treten. Immer zuerst mit den
Querköpfen verhandeln, diese sind am gefährlichsten, wenn sie eine
Absicht merken!“
Nach herzlicher Verabschiedung entfernte sich der umsichtige, im
Geschäft weitblickende Fabrikleiter.
Ratschiller sen. blieb in einer Art Betäubung im Sorgenstuhl sitzen.
Der Plan erdrückt ihn schier, und dennoch däucht er ihm ein Geschenk des
Himmels, eine Erlösung aus einer wahrhaftigen Misere zu sein. Aber 80000
Gulden! Unwillkürlich erhob sich der Chef, öffnete den gepanzerten
Geldschrank und begann den Barbestand zu zählen, dessen Totalsumme ein
Hohn auf die Riesensumme des Luftbahnplanes ist. Freilich steckt viel im
Grund und Boden, nahezu alles, und eine gewaltige Summe umfassen die
Außenstände für gelieferten Cement. Tausende und Abertausende stecken in
laufenden Wechseln und rollen im Clearingverkehr der Post. Ein Vermögen
hat der Ankauf von Berggründen zum Abbau und zur Mergelgewinnung für die
Cementbereitung gekostet. Und jetzt der Riesenplan! Ein Teufelskerl,
dieser Hundertpfund!
Der alte Herr vermochte nicht länger in dem kleinen Komptoir zu
verbleiben, es ist ihm zu enge geworden, er braucht Luft und Bewegung.
Zum maßlosen Erstaunen der Komptoiristen verläßt Ratschiller das Haus
noch vor Beendigung der Büreauzeit, und just am Eingang traf er mit
seinem Sohne Franz zusammen, der eben notgedrungen seine Arbeitsstube
aufsuchen wollte.
„Franz, komm mit! Ich habe mit dir zu reden!“ sprach ernst der alte
Herr.
Verdutzt gehorchte der Sohn und blickte scheu von der Seite auf den
Vater. Auf einen Rüffel war Franz gefaßt, die Aufforderung zu einem
Spaziergang während der Büreauzeit wirkt verblüffend auf den jungen
Mann. Beide schlugen einen Wiesenpfad ein, der alte Herr voraus,
aufmerksam das Gelände betrachtend, über welches nach dem Plan seines
Fabrikleiters die Luftseilbahn einmal führen soll. Wie Ratschiller sen.
den weiten Raum bis zur Höhe des Bergrückens überblickte, eine wahrhafte
Riesenentfernung für den gedachten Zweck, entschlüpft ihm unwillkürlich
der Satz. „Es geht decht nicht.“
Franz hatte eben an sein Heiratsprojekt gedacht und platzte bei Vaters
Worten in der Meinung, daß die Bemerkung seinem Plan selbst gelte,
heraus. „Um Gotteswillen, Vater, sag' nicht nein! Ich würde grenzenlos
unglücklich werden!“
„Du?“ fragte überrascht der alte Herr.
„Ja, gewiß, lieber Vater! Seit Tagen ringe ich mit mir selbst, ich fand
den Mut nicht, dir einzugestehen, was mein ganzes Denken und Empfinden
ausfüllt!“
Der Alte pfiff durch die Zähne und trocken sagte er dann. „Dein
Büreauschwänzen muß allerdings einen gewichtigen Grund haben!“
Kleinlaut bat Franz: „Verzeih' mir, Vater! Es ischt so jäh und stark
über mich gekommen, mit einer Macht, die stärker war als ich! Ich konnte
nicht anders, und nun ich das beglückende Wort vernommen, bitte ich dich
recht inständig um deine Einwilligung!“
„So? Wozu denn? Was soll ich bewilligen?“
„So ahnst du's nicht, was mich bewegt?“
„Nein!“
„Großer Gott! Steh' mir bei!“
„Du wirst doch nicht Schulden gemacht haben?“
„Nein, nein! Lieber Vater, verzeihe mir: Ich habe mich verlobt!“
Der Alte blieb stehen wie versteinert. Auf dieses Geständnis war er
nicht vorbereitet.
„Verzeih' mir, Vater!“
„Mit wem hast du dich verlobt?“
„Mit Emmy Ehrenstraßer!“
Ein Lächeln flog über das faltige Gesicht des alten Herrn, verschwand
aber schnell, und kühl klang die Erwiderung. „Das Mädchen ischt brav,
ein Engel, hat aber nichts!“
„Ich will arbeiten, Vater! Ich stelle meinen Mann und kann mit eigener
Arbeit eine Frau ernähren!“
„Es geht nicht! Jetzt schon gar nicht! Von deinem Salär kannst du allein
nicht leben, geschweige denn mit Weib und Kind! Mehr zu geben ischt mir
unmöglich. Die Zeiten sind zu schlecht, die Ausgaben riesig, wie die
Projekte.“
„Welche Projekte?“
„Das ischt meine Sache! Ich kann dir kein Kapital ausfolgen, es steckt
alles im Geschäft!“
„Vater, guter Vater! Gieb mir nur die Prokuristenstelle und ich werde es
dir danken immerdar! Mach' mich nicht unglücklich, Vater!“
„Es geht nicht! Das wird Ehrenstraßer selbst einsehen! Hast du mit Emmys
Vater schon gesprochen?“
„Nein! Erst wollte ich deine Einwilligung haben! Am Sonntag möchte ich
Herrn Ehrenstraßer bitten!“
„Das kannst du thun! Seines Nein bin ich sicher! Vielleicht kuriert dich
das von deinen Schwärmereien. Doch nun wollen wir umkehren! Geh' nach
Hause, Franz! Ich will noch zum Kommissionär Pfahler, hab' mit ihm ein
Wort zu sprechen!“
Gehorsam entfernte sich Franz und ließ betrübt den Kopf hängen. Im
Herzen des Vaters regte sich etwas wie Mitleid, doch rief Ratschiller
den Sohn nicht zurück, er murmelte nur. „Soll nur etwas zappeln!
Schlecht ischt seine Wahl nicht! Wollen sehen! Es paßt nur nicht in den
Riesenplan!“
Gemächlich begab sich der Fabrikherr zum Kommissionär Pfahler, der sein
Büreau in der Nähe des Bahnhofes hatte, und traf ihn eben im Begriff,
das Geschäft zu schließen. Beim Anblick des Fabrikanten öffnete Pfahler
bereitwillig wieder die Thüre und bat Ratschiller einzutreten.
„Bitte, nein! Ich will Sie nicht abhalten, die Knödel würden hart
werden!“ sagte gelassen Ratschiller.
„O nein, Herr Ratschiller! Bitte sehr! Wir haben übrigens nur
‚Gröstel‘, Sie wissen, das bescheidene Tiroler Nationalgericht aus
Fleischresten und Schmorkartoffeln, wie es sich ziemt für einen armen
Kommissionär! Aber bitte, womit kann ich dienen? Bitte, nehmen Sie
gefälligst Platz! Bitte sehr! Apropos, habe schon gehört, gratuliere!“
„Wozu wollen Sie mir gratulieren?“
„O, bitte sehr! Frau von Bauerntanz, Sie wissen, die hübsche Doktorin,
war so freundlich, mir zu erzählen, Ihr Herr Sohn sei mit Fräulein Emmy
vom Bezirksrichter verlobt. Also baldige Hochzeit, giebt ein feines
Paar, wie geschaffen für einander. Gratuliere bestens! Kann ich
irgendwie dienen, ich stehe zu Diensten!“
Ratschiller sen. fühlte eine scharfe Zurechtweisung auf der Zunge
sitzen, doch drückte er das Wort zurück, und blitzschnell überlegte er,
daß ein Dementi der Verlobung durch den schwatzhaften Kommissionär ein
heilloses Durcheinander im Städtchen hervorrufen könnte. Und noch ein
Gedanke fuhr dem Fabrikherrn durch den Kopf. „Hören Sie, Pfahler! Ich
danke Ihnen für Ihren gutgemeinten Glückwunsch! Aber man ischt noch
nicht so weit! Das Paar hat ja noch gar kein Nest! Sie wissen, ich bin
in meinem Hause arg beschränkt, könnte Zuwachs absolut nicht brauchen!
Die Komptoirs sollen eine Vergrößerung erfahren.“
„Ja, ja, die Fabrik wächst, sie wird noch die Perlmooser überflügeln!“
„Reden Sie keinen Unsinn, Pfahler! Immer hübsch solid bei der Stange
bleiben! Aber man wird daran denken müssen, dem Paare, wenn es zur
Heirat kommt, ein Häuschen, so eine kleine Villa zu bauen. Dazu habe ich
aber keinen geeigneten Grund. Wissen Sie einen feilen Baugrund?“
In rasender Eile zählte Pfahler die Namen käuflicher Grundstücke auf.
„Das ischt nichts für mich. Es soll eher etwas sein, das an meine
Liegenschaften stößt und anrondiert werden kann. Mein Sohn soll nicht zu
weit ins Komptoir haben.“
„Darf es Wiesengrund sein? Freilich arg sonnig dann, bis die Pflanzbäume
einmal Schatten geben!“
„Nu, man kann ja größere Bäume kaufen!“
„Hm! Wie wäre es am Anger, der stößt an Ihre Gründe an, die Entfernung
zum Büreau ischt minimal und viel dürfte der Angerer kaum verlangen.
Soviel ich weiß, schwebt eine Klage gegen ihn in einer Schuldsache; er
wird froh sein, Bargeld zu bekommen.“
„Nein, nein! Ich möchte dem Mann nichts abdrücken!“
„Wie weit dürfte ich gehen in der Vermittelung?“
„Ich weiß nicht, ob ich dieser Sache näher treten soll!“
„Wieviel Decimalen brauchen Sie?“
„Unter etlichen Tagwerken wird es nicht gehen! Wer weiß, ob der Mann so
viel Grund abgiebt!“
„Aber ich bitte, Herr Ratschiller! Es ischt ja schlechter Wiesengrund,
der Angerer wird froh sein, wenn er ihn zu halbwegs anständigem Preise
losbringen kann.“
„Nun gut, ich nehme, so viel Grund er abgiebt. Den Preis soll er nennen.
Aber wie gesagt, es muß nicht sein, denn aufgeboten ischt das Paar noch
nicht. Ich weiß also nicht, ob es zum Villenbau kommt. Übrigens ein
Prozent Provision und ein Trinkgeld, Sie wissen ja, wie immer!“
„Danke bestens, werde den Auftrag prompt besorgen. Der Grund gehört
schon Ihnen! 'pfehl mich bestens, habe die Ehre, wünsche wohl zu
speisen, gehorsamster Diener!“
Leicht grüßend verließ der Fabrikherr den Kommissionär, um sich nach
Hause zu begeben.