I.

In großer Erregung umstehen Bauersleute, Knechte und Mägde das Gehöft

des Servaz Amareller, Bauers im Hemmernmoos, und besprechen den

unerhörten Fall eines großen Gelddiebstahles. Nach den im Jammerton

immer wieder vorgebrachten Beteuerungen des dürren, kleinen Amarellers

ist eine Brieftasche mit über fünfhundert Gulden, dem Betrag für

verkauftes Vieh, aus einer gut versperrt gewesenen Truhe gestohlen, ganz

rätselhaft entwendet worden. Gestern noch überzeugte sich Servaz

Amareller durch Abzählen der Noten von dem Vorhandensein des

Geldbetrages worauf die Truhe wieder sorglich verschlossen und der

Schlüssel im Ofenloch versteckt wurde. Heute ist das Geld verschwunden,

wiewohl niemand Fremdes im Hause gesehen und der Schlüssel im

Aschenversteck vorgefunden wurde. Die Nachbarn, von der überraschenden

Neuigkeit verständigt, stimmen dem jammernden Bestohlenen zu, daß nur

eines von den Hausleuten selbst den Diebstahl habe vollführen können,

weil sich weder an der Hausthüre noch an den mit Eisenstäben

vergitterten Fenstern Spuren eines gewaltsamen Eindringens vorfinden

lassen. Schon zweimal haben die Bauern die Front sowie die Seiten des

Gehöftes in Bezug auf Anzeichen eines Einbruches von Außen untersucht,

es ist nicht das Geringste zu entdecken. Das Geld ist aber fort, die

Truhe aufgesprengt. Amarellers Jüngster mußte sogleich nach der

Entdeckung des Diebstahles hinaus zur Gendarmerie zur Anzeige, und jeden

Augenblick steht die Ankunft eines Gendarmen zu erwarten.

Die Bauern erörtern in lebhafter Weise die Frage, wer solcher, in Tirol

unerhörter Frevelthat genügend verdächtig sein könnte. Die Inwohner sind

durchaus ehrliche Leute, wenigstens bis gestern seit Jahren gewesen;

ohne äußere Anzeichen eines Eindringens kann es nicht anders sein, als

daß einer der Dienstboten schuldig des Diebstahls ist. Aber wer?

Einer der Nachbarn warf die Frage auf, ob denn der Hund des Amareller

gar nichts gemeldet habe. Der dürre Servaz beteuerte: „Sell ischt frei

aus der Weis'! No nia hat si' a Dörcher zurwig'wagg und grad heunt

Nacht muß selle Frevelthat passiren! Ich versteh' 's nuit, wie sall

öpper hat zuageahn können! Suscht so a scharfer Hund, und grad heunt

Nacht laßt er aus, der Saggrasultan! I kann's selm nuit verstiahn!“

Die andern verstehen den Fall, daß der als scharf und bissig bekannte

Hofhund einen Dieb eingelassen haben soll, auch nicht.

Der Falgerbauer folgerte daraus, daß der Dieb entweder eine Wurst für

den Sultan mitgebracht oder sich in Abwesenheit des Hundes

eingeschlichen haben mußte.

Wohl an zwei Stunden sprachen die Leute über den rätselhaften Diebstahl

und tranken dabei von Amarellers bereitwillig kredenztem Röthel, weil so

ein erregter Diskurs soviel Durst erzeugt.

Als aber die Gestalt des heranrückenden Gendarmen sichtbar wurde,

schickte man Flasche und Gläser sogleich ins Haus zurück, wobei

Amareller sagte, es schicke sich nicht, vor der Obrigkeit Wein zu

trinken, besonders nicht, wenn einem über fünfhundert Gulden Bargeld

gestohlen worden sind. Könnte das Steueramt erfahren, daß einer trotz

des Diebstahles noch Wein im Keller habe, wie leicht könnte es sein,

daß das Steueramt einen dafür höher einschätzt in der Steuer.

Bergrichters Erdenwallen · 第 7 / 40 题