Rot dampften die Pflastersteine von Menschenblut, das sich mit dem

Windgebraus mischte. Wenn die Scheiterhaufen aufloderten, blinkte der

Widerschein im Gold und Silber der Tischgeräte. Da tafelte er nun, der

Kaiser, mit seinem Gefolge. Die Klingen, die noch eben gemordet hatten,

zerteilten jetzt friedlich den Braten von Lämmern, Hasen und Fasanen.

Trommeln, Hörner und Posaunen einten sich zu einer wahnwitzigen Musik.

Man sang und schrie und trank und frass und kotzte sich. Weiber sah

man zwischen Priestern und Rittern und Landsknechten, Bischofshüte und

Bischofskreuze zwischen blutbefleckten Wurfspeeren und Hellebarden.

Auf einem Thronstuhl zuoberst an der langen Tafel sitzt Ratbert,

bleich und befriedigt. Griechische Sänger singen vor ihm, preisen

ihn als Cäsar, König, Sieger, Genius und Gott: und dazwischen tönt

aus der Tiefe herauf das Todesröcheln der Überlisteten ... Die Luft

ist verpestet vom Dunst warmen Blutes und frischer Leichen ...

die Schmausenden suchen den Gestank mit Essenzen und Gewürzen in

Silberschalen und mit Weihrauch zu verscheuchen, der frommen Gefässen

entströmt. Bluthunde stehen im Dunkel und nagen an Knochen ... Wenn

die Eiche auflodert, glaubt man ein Menschenantlitz zwischen den

gefletschten Hundezähnen zu sehen ...

Pagen und Kriegsknechte, noch erhitzt von dem Gemetzel, warten bei der

Tafel auf. Unter dem klaren Abendhimmel brennt in blaulohenden Schalen

der Trank der Liebe, der Willkommtrunk. In Gläsern funkeln Würzweine,

und Schaumweine perlen und brausen ... Alle Lippen trinken und küssen,

umschwült von glutheisser, schwerer Luft, durch die der Gemordeten

grauenvolle Geister racheheischend schweben ...

Hier finden sie alle Futter genug, die nach Menschenaas gierenden

Vögel: Raben, Eulen, Gabelweihen und Adler ... Grausig ist es, einem

Geier zuzusehen, der über einer Leiche hockt, sie zerfleischt,

zerreisst, und, wenn er gesättigt ist, alles wieder hinter sich säubert

und sich ableckt -- oder einem Habicht, der kreischend zerschmetterte

Gliedmassen daherschleppt ...

Aber ihr Mahl ist noch lange nicht so grauenvoll wie das Gelage des

Kaisers ...

Wenn Raben mit ihren kreisrunden Augen die Nacht durchspähen, wenn

Spinnen in ihren blassen Netzen lauernd hangen, treibt sie dazu das

Gesetz des Hungers, das Gesetz des Lebens, der Erde, dessen dunkles

Geheimnis nur dem Himmel enthüllt ist. Aber dass der Mensch, der

Erkorene, der das Gute gesucht und gewollt und erkannt hat, dass

der seinen Bruder aus dem Weg räumt mit Lachen und Jubel -- davor

erschrickt der ewige Lebenszeuger, auch wenn das Verbrechen sich feig

in die Nacht verbirgt. Ob der Himmel blau oder schwarz ist -- dass Kain

seinen Bruder erschlägt, davor erschrickt Gott ...

Mit einem Mal verstummt die trunkene Orgie ... So jäh und tief ist das

Schweigen, dass sogar die Hunde von den Knochen, daran sie nagen und

knacken, aufschauen ... Ein Greis steht mitten unter den Zechern, ein

Gefangener, mit weissem Haar, mit auf dem Rücken gefesselten Händen

wie ein Dieb, doch mit einer Miene und in einer Haltung, die Ehrfurcht

gebietet ... Lanzenträger führen ihn vor. Es ist Graf Fabrice.

Ratbert spricht zu ihm: »Du allein weisst, wo der Schatz verborgen

liegt -- nur deshalb lebst du noch. Und bei Gott! sagst du, wo der ist,

so rettest du dein Leben.«

Fabrice sieht ihn an und schweigt.

Der König ruft: »Bist du taub, Kamerad? Gib Antwort, Graf, oder du

alter Löwe sollst dich krümmen wie ein Hund!«

Der Greis steht regungslos zwischen den blanken Lanzen, als hätte er

schon seinen Platz in dem ewigen Schweigen.

Und er schaut den König mit solchen Augen an, dass der auffährt und

schreit: »Ein dummes altes Schaf warst du, dass du uns in deine Burg

hereinliessest! Und all das Kinderspielzeug, das ich sandte, war für

_dich_ bestimmt -- denn du lebst ja in einer zweiten Kindheit! Heraus

jetzt mit dem Schatz, den du zusammengestohlen hast, und reize mich

nicht länger! Denn sonst werde ich deinen Kopf aufpflanzen lassen,

droben auf dem Turm auf einem Pfahl -- dann hast du Zeit genug zum

Schweigen!«

Der Greis bleibt stumm. Der Henker kommt grinsend mit Schraubschuhen,

legt sie ihm an und schraubt sie fest, dass die alten Knochen krachen.

Erschüttert und durchgraut aber sehen die plötzlich ernüchterten

Gäste der Kaisertafel drein, als im selben Augenblick ein Bärenkäfig

herangeschleppt wird. Ein Seil schleift nach. Ein Leichenkleidchen

liegt auf dem Käfig, zwei dünne weisse Kinderärmchen hangen aus den

Ärmeln heraus. Fabrice bebt wie ein Baum im Wirbelsturm ... und Ratbert

reisst das Totenlaken von dem Kinderantlitz -- die kleine Isora ist es,

bleich und stumm ... ihr Händchen hält noch ein Spielzeug umkrampft

... da fährt Riesenkraft in den Greis, los reisst er sich aus den

Henkerfäusten und schleppt das Marterwerkzeug mit ...

»Erwürgt!« schreit er. »O ich Unseliger! Einem König hatte ich die Tore

aufgetan, Rittern und Priestern -- und es kam ein Rudel Wölfe ... O ich

Unseliger! Zertreten konnt' ich dich und deinen ganzen Haufen! nicht

einer wär' mir lebendig entwischt! ... Jetzt kannst du sagen, das

Glück folge deinen Fahnen -- bist du doch Sieger über ein fünfjähriges

Kind! Verflucht seist du, Ratbert, du Kaiser, du König, du Schurke! Nun

hörst du, dass ich sprechen kann! Und nun will ich auch mein letztes

Wort sagen auf dieser Erde: Lebt denn wirklich noch ein Gott?? Wagt er

es wirklich, seine Gestirne noch einmal aufgehen zu lassen über dieser

Erde??«

Da, wie ein tausendfältiger Blitz, schiesst ein furchtbarer Lichtschein

hernieder, so blendend und jäh, dass niemand sieht, wie es geschehen --

und des Kaisers Haupt, Ratberts Haupt rollt über den Tisch, zwischen

Bechern und Kelchen rollt es hinab und liegt auf der Erde. Entsetzt

sind alle aufgesprungen und starren nach dem Thronsitz, wo Ratbert der

Herrscher noch thront, ohne Kopf ... sein Blut spritzt noch wild über

die Tafel ... in weitem Bogen ergiesst es sich über die Gäste ... Und

keiner konnte es fassen, wer den Kaiser getötet habe ...

* * * * *

Zur selben Zeit, Hunderte von Meilen entfernt, ergeht sich der Abt von

Jong-Dieu, Heraklius der Kahle, der Bruder des Erzbischofs von Lyon, in

seinem friedlichen Park. Die Nacht ist mondhell, und es tut ihm immer

so wohl, nach dem langen Stillesitzen seines gottgefälligen Tages ein

wenig im Garten zu wandeln. Da, in jähem Erschrecken, ist ihm, als sähe

er einen Riesenschatten aus der Höhe fallen! Er schaut empor ... und

staunend erblickt er einen Cherub, der ein ungeheures, blutbeflecktes

Schwert an einer Wolke wieder blank streicht ...

DIE ROSE DER INFANTIN

Sie war ganz klein. Eine Hofmeisterin war bei ihr. Sie hielt eine

Rose in der Hand und schaute über das ungeheure Marmorbassin. Pinien

standen in der Runde und riesige Birken. Jetzt, im ersten Abenddämmern,

schatteten sie auf das Wasser. Tiefer im Park lag ein grosses Schloss.

Unter den Bäumen blinkten murmelnde Quellen. Eine Hirschkuh trank

daraus. Pfauen stolzierten umher mit ausgebreiteten Sternschwingen.

Auf der einen Seite des Marmorbeckens war der Rasen ganz übersät von

Rubinen und Diamanten. Das machten die marmornen Delphine. Die spieen

weite Wasserstrahlen gegen den Wind.

Auf der anderen Seite sass die Kleine. Aus Genueser Spitzen trug sie

einen Kragen. Eine Arabeske lief um ihr Seidenkleid, durchbrochen von

Stickereien aus Florentiner Goldfäden.

Die Rose war voll und offen. Das Händchen des Kindes umschloss den

Stiel, und wenn es das Näschen in die Blüte hineinsteckte, um den Duft

zu atmen, so verbarg sich darin das halbe Gesichtchen der königlichen

Rosenknospe. Und niemand vermochte die Wangen der Kleinen von dem

Rosenkelch zu unterscheiden. Blau war ihr Auge, und die braunen Wimpern

machten es noch tiefer blau. Schön war das Kind, und zart wie ein Duft.

Und es sass im Lenz, im Licht, auf dem Rasen so feierlich wie eine

Königin auf ihrem Thron. Die Kleine wusste, wer sie war. Sie hatte

niemals die Menschen anders als mit krummen Rücken gesehen. Sie sollte

eines Tages Herzogin von Brabant werden, Flandern regieren oder über

Sardinien herrschen. Sie war Infantin von Spanien, und fünf Jahre alt.

Sie sass und sog den Duft der Rose, darauf wartend, dass jemand für sie

ein Königreich pflücken möchte.

Ihr Auge ist schon königlich. »Ist das nicht mein?« sagt sie, und zeigt

mit dem Fingerchen herum. -- »Ja, Hoheit!« -- »Das auch?« -- »Das

auch, Hoheit!« -- »Und das da auch?« -- »Auch das, Hoheit!« -- »Alles

zusammen ist mein?« -- »Alles zusammen, Hoheit!«

Falls jemand ohne königliche Erlaubnis sie berühren würde, und wäre es

auch nur, um ihr zu helfen, denn sie ist so zart und klein, dem läge

schon, bevor er nur ein Wort hervorbrächte, der Schatten des Galgens

über der Stirn. So befahl das Gesetz.

Das liebliche Kind hatte nichts anderes zu tun, als zu leben, mit einer

Rose in der Hand, und den Himmel über sich, und unter sich die Blumen.

Der Tag ging zur Neige. Ein leises Flattern und Zwitschern kam von den

Nestern rundum hernieder.

Die Abendsonne leuchtete purpurn durch die Bäume und auf nackte

Marmorgöttinnen. Die standen um einen offenen Platz und zitterten im

Ahnen der nächtlichen Kühle. Während das Kind mit dem Atem der Rose

spielte, sass hinter den Fenstern des Schlosses jemand. Mitunter glitt

ein Schatten von Fenster zu Fenster. Mitunter stand er stundenlang

still. Ein Wesen, das nichts von all dem hier aussen bemerkte, nicht

das Kind, nicht den Park, nicht das leise Geplätscher des Wassers. Auch

nicht die Vögel, die sich im Nest just vor dem Fenster schnäbelten. Er

presste die finstere Stirn gegen die Scheibe, bleich wie ein Gespenst.

Wenn einer vorüberging und sah dorthin, so dachte der: entweder ist das

der Tod, oder es ist der König.

Es war der König. Und alles, was sich in seinen abgrundtiefen Augen

widerspiegelte, das sahen die Augen ganz gewiss nicht hier, nicht, so

weit sie sehen konnten, das war weit, weit fort, auf dem offenen Ozean

war es.

Er sah eine unendliche Flucht von weissen Segeln, ausgespannt gegen

die Winde: die unüberwindliche Armada, von ihm ausgesandt, um Blitz und

Donner über das Meer zu bringen nach England. Englands weisse Burg sah

er auch -- weit, weit fort hinter Nebelteppichen.

Philipp der Zweite war der Böse mit dem Schwert. Ein Grauen packte

jeden schon, wenn er den Hofmeister des Königs sah.

Der Schrecken hatte Philipp gross gemacht, so gross, dass er einem

Gotte glich. Sein finsterer, harter Wille bestimmte das Schicksal

vieler Millionen. Er umklammerte Amerika und Indien, auf Afrika stellte

er seinen Fuss, und der Herr war er in Europa. Nur England machte ihm

Unruhe. Sein Mund war stumm. Sein rätselvoller Geist grübelte und hatte

Gemeinschaft mit den Mächten der Nacht.

Immer kleidete er sich in Schwarz, als ginge er immer in Trauer. Er

glich einer Sphinx, die sann und schwieg. Da er doch alles war, weshalb

sollte er da noch sprechen? Keiner hat ihn je lächeln gesehn. Aber in

seinen Augen war mitunter ein seltsames Feuer: das war der Widerschein

von Scheiterhaufen, die er für Ketzer errichtete.

Wenn der König ganz still an irgend jemand dachte und dachte, so fühlte

der es und sagte: mir geht es heute nicht gut.

Wenn der König betete, wollten manche es donnern gehört haben, und

schauten aus dem Fenster, ob es blitzte ...

Je länger er in Gedanken hinausstarrte auf das Meer nach der Armada, um

so grösser wurde die Flotte. Er sah sie so, wie es seine Natur war, und

er dachte: die Schiffe segeln in gleichen Reihen, mit gleichem Abstand

zwischen den Reihen und zwischen den Schiffen. Eine endlose Folge von

Quadraten also, Maschen in einem Fischernetz. Und jedes Schiff ein

Maschenknoten. Das Netz schiebt sich meilenweit über das Meer hin, um

England zu fangen.

Er sah nicht allein, er _hörte_; hörte Matrosen auf dem Deck laufen,

hörte Kommandorufe, Bootsmannspfeifen, Trommelwirbel, -- denn ein

ganzes Heer war an Bord --, er sah Signale auf- und niedersteigen, er

hörte das Krachen der Maste und Stangen, er hörte das Schlagen der

Segel: klar zum Gefecht wurde gemacht. -- Es war ein furchtbares Getöse

auf dem Meer von dieser ungeheuren Kriegsflotte.

»Endlich werde ich das bleiche England fassen. Endlich hab' ich es in

meiner Hand.«

Als Beit Cifresil, der Sohn von Abdallah-Beit, den tiefen Brunnen in

Kairos grosser Moschee gegraben hatte, schrieb er an den Brunnenrand:

»Der Himmel ist Gottes, mein ist die Erde.« Diese Sultansworte dachte

jetzt Philipp ...

Indessen sitzt die kleine ernste Prinzessin noch immer bei dem

Marmorbecken und hält ihre Rose in der Hand. Plötzlich saust ein

Wirbelwind durch den Park, wie so oft bei Sonnenuntergang. Das rauscht

durch die mächtigen Bäume, Wellen schlagen aus dem Wasserbassin, die

Gräser beben, die Myrten erschrecken, der Wirbel rast gegen das ruhige

Kind, und wie mit einem heftigen Flügelschlag, so stark, dass die

Baumkronen über dem Kinde sich biegen, reisst er aus der Kinderhand

alle, alle Blätter der Rose und streut sie wild über das Wasser.

Nur den Stiel hält die Kleine noch. Zu dem Marmorbecken beugt sie

sich nieder und starrt auf die Wellen. Die ganze Rose, alle Blätter

schwimmen dort, und das Wasser ist schwarz und böse. Und es wirft die

Rosenblätter hin und her und stösst sie gegeneinander, bis sie sich

wälzen und versinken. Das ist, als ginge eine ganze Flotte zugrunde.

»Aber --?« sagt die Prinzessin.

Sie begreift das nicht und schaut fassungslos zur Hofmeisterin auf:

»Aber --?« --

»Ja, Hoheit -- alles ist den Fürsten untertan, nur nicht der Wind!«

BÜRGERKRIEG

Den ganzen Tag hatte man in den Strassen gekämpft. Das Kaisertum war

gestürzt worden. Einige von den Siegern hatten einen kaiserlichen

Polizisten zu fassen bekommen, geschwärzt von Pulverrauch, mit

blutbesudelten Kleidern.

Er hatte sich bis zum äussersten verteidigt.

»Wir kennen ihn -- er hat auf uns geschossen!« schrieen mehrere Weiber.

»Er soll sterben!« sagten die Männer.

Immer mehr kamen herzu, packten ihn beim Kragen und schleppten ihn fort.

»Wohin?« frugen ein paar Stimmen.

»Nicht dorthin!« antworteten andere, »weiter!«

»Nach der Bastille!«

»Nein! Nach dem Arsenal!«

»Wohin ihr wollt!« sagte der Mann stolz.

Alle umheulten ihn. Man schritt weiter ... über Gefallene weg, welchen

vielleicht er, den sie in ihrer Mitte dahinschleppten, das Lebenslicht

ausgeblasen hatte.

Vorwärts wogte der Haufen.

Furchtbar ist das Volk, wenn es zum Sturm sich erhebt.

Je schlimmer sie dem Manne zusetzten, desto verächtlicher sah er auf

sie herab.

Gott, wie er hasste, wie er gehasst wurde!

Hätte er gesiegt, er hätte sie alle miteinander niedergeknallt!

»Nun ist _er_ es, der sterben muss!« jubelte es um ihn. »Eben stand er

noch hier und schoss auf uns! Sterben sollst du, Verräter!«

Nie wohl hatte einer weniger Angst vor dem Tode, nie wohl hatte ihm

einer ruhiger ins Auge gesehen als er, der stolz und stark dahinschritt.

Da geschah etwas.

»Das ist ja der Vater!« rief eine Kinderstimme durch den Lärm, und alle

schauten auf und sahen einen kleinen Jungen von sechs Jahren, der von

zwei kräftigen Armen über die ganze Horde emporgehoben wurde. Wie wenn

ein greller Lichtstrahl ins Dunkel gefallen wäre! Und dann hing er auch

schon um Vaters Hals, seine beiden Ärmchen schlossen sich zusammen, als

ob sie den Vater nie mehr loslassen, als ob sie ihn gegen die ganze

Welt verteidigen wollten.

»Warum sollen wir so weit laufen?« fragten jene, die weiter hinten

waren und nichts sehen konnten. Und sie brüllten: »Erschiesst ihn doch

gleich hier!«

Aus der Ferne dröhnten Kanonenschüsse, und von allen Seiten scholl das

Geläute der Sturmglocken.

»Worauf wartet ihr noch?« schrie es wieder.

Da weinte das Kind. Deutlich durch all den Lärm konnte man sein Weinen

hören. Und solange man es hörte, verstummten die Rufe.

Die zunächst gingen, sahen die Tränen fallen, so dicht, so dicht, sie

sahen, wie leichenblass das Kind war.

»Es ist ein schönes Kind,« sagte ein Weib.

»Wie alt bist du denn, Kleiner?« frug eine andere Frau.

»O, tut dem Vater nichts!« antwortete bittend das Kind.

Da war einer und wieder einer, die konnten das nicht aushalten; sie

gingen zwar noch weiter mit, aber sie schauten vor sich nieder.

Die Männer, die den Vater am Kragen gepackt hatten, hielten ihn nicht

mehr so fest. Aber einer in ihrer Nähe nahm sich zusammen und rief mit

erzwungener Strenge: »Schafft das Kind zu seiner Mutter!«

»Es hat keine Mutter mehr!« erwiderte der Vater.

Nun war auch er nachdenklich geworden.

»Geh zur alten Kathrine,« sagte er zu dem Jungen, »die wird sicher gut

zu dir sein!«

»Ja -- aber du musst mitgehn!« ...

»Es ist wohl am besten, ihr tut so, als wenn ihr mich losliesset, sonst

-- geht es nicht!« raunte der Gefangene den beiden zu, die ihn am

Kragen hielten.

Und da liess der eine los ... und dann auch der andere ... und sie

gingen dann bald ihrer Wege ...

»Nun siehst du, dass ich frei bin,« sagte der Vater zu dem Knaben. »Und

morgen komm' ich zu dir ...«

»Nein, du sollst jetzt gleich mitkommen!« sagte das Kind, und klammerte

sich fest, ach, so fest.

Rundum begannen die Leute leise miteinander zu sprechen ... Weiber ...

Männer ... Nur ganz hinten brüllte und sang man noch ...

Der Gefangene schritt vorwärts mit dem Knaben am Halse. Aber die um

ihn waren, richteten es so ein, dass er mehr und mehr seitwärts gehen

musste, dichter und dichter an der Häuserwand der Strasse entlang ...

Mit einem Mal war er verschwunden ...

Hinten im Haufen wurde gesungen und gejohlt -- die vordersten aber

gingen weiter ... sachte weiter ... einer hierhin ... einer dorthin ...

DER KLEINE PAUL

Seine Mutter starb bei seiner Geburt. Und der Vater war jung und freite

wieder. Damals war Paul ein Jahr alt ... Aber da war ein alter Mann.

Der nahm ihn zu sich. Sein Grossvater. Er wurde Mutter für den Jungen.

Es ist gut, dass ein kleines Kerlchen jemanden findet, wenn es die Arme

ausstreckt. Der Knabe war schwächlich. Doch er bekam eine kräftige

Amme, nämlich eine Ziege mit wilden Augen, die dort auf den Felsen

herumkletterte. Der weite Garten um das Grossvaterhaus wurde die Heimat

des Knaben. Grüne Wiesen, frische Luft, und Bach und Wald. Hier hatte

das Kind es gut im Frühling und im Sommer. Hier fand es Freunde: die

Blumen. Die kennen keinen Neid.

Pflaumen- und Pfirsichbäume wuchsen in dem Garten. Von den Nestern

klang Liebesgesang und fröhliches Flattern und Piepsen. Jenen

glückseligen Lichtgesang, der einst im Paradiese zum erstenmal ertönte,

stammelt die Erde in jedem neuen Frühling nach ... Hier fand der Kleine

Liebe. Und hier gewöhnte er sich daran, dass man ihn liebte ...

Hier machte er auch seine ersten Gehversuche. Ein zu grosser Stein auf

den Gartenwegen, und er fiel hin, -- eine kleine Grube in der Erde, und

er fiel wieder. Aber das tat ihm weiter keinen Schaden. Die Hände des

Grossvaters waren hinter ihm her, waren um ihn, fingen ihn auf und

stellten ihn wieder zurecht. Dann lachte das Kind jedesmal. Ganz vermag

niemand das Wundervolle eines Kinderlachens in Worten zu schildern,

-- ebensowenig als sich das Sonnenleuchten in einem Walde ganz malen

lässt ...

Ein so ehrwürdiges Antlitz hatte der Grossvater, dass man es getrost

in die Bibel hätte setzen dürfen. Aber gegen den Liebreiz des Kindes

kam seine Ernsthaftigkeit nicht auf. Der alte Mann hatte Ehrfurcht vor

der Kindheit, er holte sich Rat bei ihr, und er befolgte diesen Rat ...

Aufmerksam beobachtete er das allmähliche Erwachen des Tages in dem

kleinen Hirne, beobachtete, wie die Gedanken arbeiteten, wie das Wort

sich höher und immer höher hob, bis es die Schwingen breiten konnte ...

Paul beherrschte seinen Grossvater. Mit unumschränkter Macht, mit

der Macht, die Kinder über uns haben, wenn sie uns lieben. Der

Grossvater wurde zum Sklaven des Jungen. -- »Warte, Grossvater!« --

und der Grossvater wartete. »Nein, komm'!« -- und der Grossvater

kam. -- O, wie gut sich die beiden vertrugen, der kleine Tyrann und

der alte kujonierte Sklave! Der eine drei Jahre alt, der andere weit

über achtzig. Aber gleich grosse Kinder waren sie beide dort unter

den Vogelliedern des Gartens. Der Grossvater lehrte seinen Enkel das

Denken, und Paulchen lehrte den alten Mann das Glauben. Den ganzen Tag

waren sie beisammen. Nachts schliefen sie in demselben Zimmer. Sie

sprachen miteinander wie die blauen Vögel im Märchen.

Dem Vater Pauls wurde von seiner neuen Frau bald ein neuer Knabe

geschenkt. Paul wusste nichts davon. Er war bei dem Grossvater. --

»Nimm dich vor dem Wasser in acht, Paul! -- Geh nicht so nah ans

Wasser! -- Aber Paul, nun hast du nasse Füsse bekommen!« -- »Ja,

Grossvater.« -- »Nun müssen wir nach Hause und uns umziehen!« -- Paul

kannte keine Sorgen. Der Grossvater war seine ganze Welt. --

Und da starb der Grossvater.

Der Kleine verstand das nicht. Sein Auge suchte. Seine Stirn grübelte.

Aber er verstand es nicht. Mitunter war der alte Mann wohl müde gewesen

und hatte gesagt: »Ja ja, Paul -- ich muss nun bald sterben, dann

siehst du deinen alten Grossvater nicht mehr -- und er hat so viel von

dir gehalten.«

Wer aber könnte das vertrauensselige Licht löschen, das

»Nichtverstehen« heisst?

Die Kirche lag draussen zwischen den Äckern. Eine kleine, armselige

Kirche, die sich nun unter Glockengeläut auftat. Es war ein schöner

Tag. Der Pastor, die Verwandten, die Freunde kamen mit dem toten

Grossvater vom Trauerhause. Sie beteten laut auf dem ganzen Wege.

Barhäuptig gingen sie dahin ... Es war Frühling, und alles ging in

leichten Kleidern. Und der Kleine pilgerte dicht hinter dem Sarg her.

Öde lag der Kirchhof. Keinen Baum gab es da. Alle Gräber glichen sich

in ihrer Schmucklosigkeit. Die Friedhofsmauer war baufällig. Eine

Holztüre führte durch sie hinein. Die tat sich so schwer auf. Paul

beschaute aufmerksam die Türe. Er war nun drei Jahre alt.

»Du schlechtes Kind! Rasend könnte man werden mit dir! Da sitzt er nun

und ruiniert meine Kleider mit all der Milch! In den Keller sollst du!«

So spricht man jetzt zu Paul.

Als sie den Grossvater fortgetragen hatten, zog bald ein fremder Mann

in das alte Haus, -- sein Vater --, und eine fremde Frau mit einem

Säugling brachte er mit. Die Stiefmutter hasste den kleinen Paul.

Er stand ihr im Wege. Eine Mutter kann eine Sphinx sein. Weiss auf

der einen Seite, die liebt -- schwarz auf der andern, die hasst. Die

Eifersucht kann sie weich machen gegen das eigne Kind, und hart gegen

ein fremdes ...

Leiden und dulden, -- das kann ein Märtyrer, ein Prophet, ein Apostel.

Aber ein kleiner Junge? Hass statt Liebe? Paul konnte das nicht

begreifen. Wenn er abends in seine kleine Kammer kam, war es ihm, als

sei sie in finsteres Schwarz getaucht. Er weinte lange, wenn er allein

war, weinte, bis er endlich einschlief. Und wenn er erwachte, sah er

sich immer verwundert um. Es war ihm, als wenn es hier innen im Hause

keinen Tag und keine Fenster gäbe. Und wenn er dann hinaus kam, schien

ihm auch der Garten verwandelt und fremd geworden, und er hielt sich

dort auf, wo dunkler Schatten lag. »Was? -- bist du schon _wieder_ da?

Und so schmutzig bist du! Mach, dass du fort kommst!«

Nach dem Schelten war die Stiefmutter jedesmal gut zu ihm. Aber das

dauerte nicht lange.

Er besann sich nicht mehr auf alle die Worte, die der Grossvater zu

ihm gesprochen hatte, aber er wusste: der Grossvater hatte ihn lieb

gehabt ...

Schweigsam war der Junge geworden, er sprach fast gar nicht mehr. Er

weinte auch nicht mehr. Oft aber sass er da und schaute nach der Türe

hin ...

Eines Abends war er fortgeblieben. Man konnte ihn nicht finden. Es war

im Winter. Die kleinen Fussspuren verloren sich im Schnee.

Am Morgen darauf fand man ihn. Viele wollten abends vorher ein Kind

weinen und rufen gehört haben: »Grossvater! Grossvater!« -- Das ganze

Dorf hatte nach ihm gesucht. An der Holztüre zum Kirchhof fand man ihn.

Seltsam, wie der Kleine im Dunkeln dorthin hatte finden können ...

Er hatte es nicht fertig gebracht, das Holzgitter zu öffnen, und da er

nicht zum Grossvater gelangen konnte, den er wecken wollte, hatte er

sich endlich niedergelegt und war eingeschlafen ...

DER BAUM

Nun ist die Erde bald hart wie Granit. Und die Bäche starr wie Marmor.

»Lieber Baum! Willst du mir Wärme geben?«

»Ja, gern! Ich kam zur Welt, um Holz zu werden. Und ich möchte so gern

als Feuer gen Himmel fahren! Fäll' mich! Vater und Grossvater sollen es

gut haben. Bauer und Bäurin, setzt euch an den Herd! Wärmt eure Hände

am Feuer und eure Seelen an Gott!«

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