Anmerkungen zur Transkription
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BJÖRNSTJERNE BJÖRNSON
LEGENDEN
1·9·1·3
MÜNCHEN BEI GEORG MÜLLER
COPYRIGHT 1913 BY GEORG MÜLLER IN MÜNCHEN
Deutsch von Niels Hoyer und Hanns von Gumppenberg
INHALT
GELEITWORT 1
DER SATYR 14
RUTH 36
EIN MANN MIT TIEFEN AUGEN 42
DIE ZEDER 45
DIE BRÜCKE 51
MITTELALTER 53
DIE ROSE DER INFANTIN 82
BÜRGERKRIEG 92
DER KLEINE PAUL 99
DER BAUM 109
DER FROSCH 113
DIE ARMEN 121
GELEITWORT
Der Widerklang vom Leben und seinem Geschehen: das Echo vom Menschen --
das ist die Legende.
Ohne Falsch ist das Echo. Ohne Trug.
Das Echo kann nicht lügen.
Das Echo ist die Wahrhaftigkeit, die Wahrheit.
Darum wandere zu den Legenden, wenn du das wahre Gesicht des Lebens und
seiner Menschen sehen willst.
Björnstjerne Björnson ist der Wahrheit nachgepilgert zeit seines langen
glückhaften Lebens. Ein Wahrheitssucher, ein Wahrheitskämpfer ist er
gewesen. Und er muss wohl die Wahrheit gefunden haben: er fand das
Glück. Und er muss wohl die Wahrheit geliebt haben: das Glück blieb ihm
treu.
Seltsam mutet es an, dass Björnsons letzte Gabe, die er uns mit schon
unirdischen Händen reichte, dieses Büchlein war. Deshalb seltsam, weil
er diese Legenden sein Glaubensbekenntnis nannte, diese Legenden, die
er in fremder Form bei dem ihm in Phantasie so verwandten Victor Hugo
fand.
Ein hoher Sechziger, ein Weiser war Björnson schon, da er im Jahre
1897, aus Paris nach Christiania zurückgekehrt, die »Legenden« vor
einem zu jubelnder Begeisterung entfachten Publikum vorlas, ihm
erzählte.
Ibsen, sein Freund und grosser Gegner, der ihm damals auch gelauscht
hatte, sagte mit bewegter Stimme zu ihm: »Ich hatte nicht geglaubt,
dass Victor Hugo so gross war.«
Victor Hugo ist gross. Er hat den herrlichen Zyklus »La Légende des
Siècles« gedichtet. Bunt und schillernd aus märchenhaftem Reichtum
seiner Phantasie, im grossartigen Pathos, mit tausend königslichsten
Gesten und abertausend berauschenden Wortklängen, in perlenden Versen
und glitzernden Reimen singt uns der grosse Romane das Hohelied von der
Wahrheit des Lebens, von den Legenden. Die Ästhetik der Wahrheit, so
möchte ich sein prunkvolles Gedicht nennen.
Und da kommt Björnson, der die grosse Geste liebte und auch das
grossartige Pathos, dessen Phantasie reich wie ein Rothschildbesitz
war, -- und erzählt uns von dem, was er gefunden. Und erzählend
vergisst er, selbst ergriffen ergreifend, jede Geste, alles Pathos,
allen Wortklang und Vers und Reim, erzählt in schlichtester Prosa und
ist zu bescheiden, sich mehr als den Dolmetsch des grossen Franzosen zu
nennen.
Darum hielt er wohl auch mit der Drucklegung dieses Büchleins zurück,
und es fehlte nicht viel, so wäre durch den vornehmen Widerstand von
Frau Karoline, Björnsons Witwe, die als Vermächtnis und Erbe auch
diesen Verzicht ihres grossen Toten übernommen, des Dichters letzte
Gabe uns allen für immer vorenthalten geblieben.
Wir ehren Victor Hugo und wollen seinem Dichterruhme nichts nehmen;
aber wir sind nur ehrlich, wenn wir sagen, dass diese Legenden _ganz
das dichterische Eigentum Björnsons_ sind und in der Darstellungskunst
mit das Vollendetste, das er uns gab.
In seinem ersten Werk, der »Synnöve Solbakken«, hatte Björnson im Jahre
1859 den »Sagastil« wiedergefunden, jenen elementaren, wortknappen
Stil, der auf die isländische Saga zurückführt. Und niemals hat
Björnson, der mit seiner Sprache Henrik Ibsen, dem Dramatiker, zum
Vorbild wurde, den Sagastil so sehr und ganz erfüllt und gemeistert,
wie in diesen seinen Legenden.
Was er Victor Hugo zu danken hat, ist nur die Anregung, ist lediglich
der Stoff.
Aber der Stoff macht nicht das Werk.
Und wenn _die_ Kunst die grösste ist, die mit den wenigsten,
sparsamsten, bescheidensten Mitteln sich vollendet, dann gebührt
Björnson für seine Legenden der Kranz.
Wir wollen nicht werten.
Jeder von beiden ist der grosse Sohn seines Stammes: Hugo der
Vollblut-Romane, Björnson der Vollblut-Germane. Und darauf beruht die
Grösse beider und das Getrennte, ja Antipodische ihrer Kunst.
Der Romane mit dem nervösen, heissen Saft in den Adern muss,
ungebändigt, immer aus dem Vollen schöpfen und schaffen. Sein
Temperament reisst ihn zur Subjektivität hin.
Der Germane mit den straffen, urgesunden, disziplinierten Nerven in
Hirn und Herz ist immer Herr seines Temperaments. Sein kühleres Blut
erzieht ihn zum Masshalten, zur Objektivität.
Verbunden sind beide einander, Björnson und Hugo: in Wahlverwandtschaft.
Aber sie können nie die gleiche Wirkung hervorrufen, wenn sie auch
einmal gleiche Stoffe in ihren Dichtungen behandeln.
Die Ästhetik der Wahrheit, so nannte ich Hugos Gedicht.
Die Ethik der Wahrheit, so nenne ich Björnsons Legenden.
»Wo ich das Gute finde, nehme ich es,« sagte Molière. Wir wissen es,
dass er skrupellos Ideen und Stoffe und meist auch noch mehr von
anderen Dichtern in seine zahllosen Bühnendichtungen aufgenommen hat,
genau so wie Shakespeare. Und die Nachwelt gab ihnen Recht und Ehre.
Unsterblich sind ihre Werke.
Und wir sind nun auch schon Björnsons Nachwelt.
Björnson schläft schon, und wir fühlen noch den Blick seines Auges, die
Gewalt seiner Stimme, den Druck seiner Hand.
Wir wissen noch so viel von den Worten, die er gesprochen, nur
gesprochen. Und jetzt mit diesen Legenden haben wir das Letzte gehört,
das er uns zu sagen hatte.
Sein Glaubensbekenntnis: das Bekennen eines Weisen, der am Ziel ist,
der lächelt.
»Es gibt nur _ein_ Heldentum auf Erden: das ist, die Erde so zu sehen,
wie sie ist, und sie zu lieben«, las ich vor ein paar Tagen bei Romain
Rolland.
Solch ein Heldentum hat Björnson erfüllt.
Er hat seiner Zeit und ihren Menschen wie selten einer ins Herz,
tief ins Herz geschaut. Und er blieb voll Zuversicht, voll Glauben,
voll Liebe. Gerecht und wahrhaftig, einer vom kleinen Fähnlein der
Aufrechten. Gut sein, helfen, Wege weisen, Licht entzünden, das war ihm
Beruf. Darin war er Berufsenthusiast.
Sein Glaubensbekenntnis, es ist das Bekennen zur Liebe und Ehrfurcht,
zur Barmherzigkeit und Güte.
Und man darf es glauben: in diesem Büchlein ist mehr eigenstes Erleben
und Leiden Björnsons verborgen, als mancher ahnt.
Ein elender Frosch am Wege offenbart ihm seine Gottheit.
Er weiss von dem Evangelium des Weibes und nennt Ruths seligmilden
Namen.
Der Mutter aller Mütter weiht er eine fromme Kerze, wenn er vom armen
Fischerweib erzählt.
Zu Kindern lauscht er nieder, er kennt sie alle, kennt die kleine
Infantin, die mit der Rose spielt, den kleinen Paul, das Söhnchen des
Polizisten, die blonde Isora. Er hat Ehrfurcht vor Kindern. Er fragt
Kinder um Rat, und er folgt ihrem Rat, er, Björnson.
Und Gott sucht er, wenn er Pan sein Flötenlied träumen lässt, wenn er
die Zeder zu Johannes wandern lässt, wenn er dem Propheten nachschaut,
wenn er vor dem Wunder der seligen Brücke: dem Gebet die Hände faltet.
Und die Menschen sucht er, wenn er dem Waldbaume Worte gibt, für die
Ärmsten der Armen zu bitten, über die wir Glücklicheren noch immer uns
als Blutrichter glauben setzen zu dürfen.
Es hat wohl ein tieferer Dichter als Björnson unter uns hier oben
gewohnt: Ibsen.
Aber kein höherer Mensch hat unter uns hier oben geweilt als Björnson.
Ein hoher Mensch!
Und wenn du ihn nie mit eigenen Augen gesehen hast, wenn du nichts
weiter von ihm kennst als seine Dichtungen: du kannst ihn noch finden,
fühlen, erfahren, wenn du dorthin gewandert kommst, wo zu Füssen einer
Riesenpappel, wie sie Meister Böcklin gemalt, Björnson schläft.
Vor eine breite Hügelhöhe musst du dich stellen und deine Augen
emporheben, immer höher heben, bis du die Pappel gemessen hast.
An eine Gigantenfackel magst du denken, die dem Tage das Licht gibt.
An eine Sagensäule, die den Himmel trägt.
An einen Riesen und Helden und Menschen, alle überragend, und von ihnen
getragen, getragen von den tausend, hunderttausend, den Millionen
anderen Menschen, die zu ihm pilgern, die an ihn glauben, für die er
war und bleiben wird.
Und du findest noch mehr Bilder, wenn du hier stehst, und alle Bilder
musst du vereinen: dann siehst du Björnson, dann hast du es erfahren,
dass dieser hohe Mensch noch mehr ist als der Dichter des Nordens: er
ist der Genius dieses reinsten Germanenvolkes.
Er war der Wecker des neuen, erstarkten Norwegens.
Er wird der Wächter von Norwegens Freiheit bleiben.
Er ist nicht tot. Er lebt. Er lebt immer noch und immer ewiger und
wird bei den Enkelkindern unseres Geschlechts in tausend Legenden
weilen, er, die Wahrheit Norwegens, Norwegens Echo, Norwegens Legende,
Björnson.
Drüben, jenseits der Ostsee, im Süden wohnt das Brudervolk der Norweger.
Das hat teil an Björnson.
Darum trug ich seine letzte Gabe nach meiner deutschen Heimat als
Björnsons letzten Gruss, und fand mit Hanns von Gumppenberg zusammen
aus Björnsons Sprache die Worte unserer Muttersprache. Dafür möchte ich
Hanns von Gumppenberg herzlich danken. Und meinen innigen Dank auch
an Lars Svanström, den Neffen und Verleger Björnsons. Denn nur seine
Fürsprache bei Frau Karoline hat die deutsche Ausgabe ermöglicht: und
diese deutsche Ausgabe sei unser Dank an Frau Karoline.
Möge diese Ausgabe Björnsons würdig sein!
Sundet-Röros, im Juli 1912.
NIELS HOYER.
DER SATYR
Weithin breiteten sich die Wälder am Fusse des Olymp, des heiligen
Berges, der Wohnung der Götter; und in diese Wälder war ein Satyr
gekommen. Niemand kannte ihn. Hier war er heimisch geworden, hier
schwärmte er im Laubdickicht umher. Woher stammte er? Niemand wusste
es: nicht Flora, nicht Vesper, nicht einmal Aurora, die doch alles
weiss, weil sie über jedem Auge strahlt, das aus seinen Träumen erwacht
und erwachend sich verrät. Auch der Rosenstrauch hatte nie etwas über
den Fremdling gehört. Es half nichts, alle Vogelnester abzufragen.
Der Windhauch in den Gräsern hatte gleichfalls keine Ahnung. Und
die Blätter der Bäume schüttelten sich nur stumm, wenn man von ihnen
Auskunft haben wollte.
Aber alle zusammen fürchteten sich vor ihm. Denn immer, bei Tage
wie bei Nacht, gebärdete er sich wie ein Trunkener. Selbst die
Bacchantinnen ergriffen vor ihm die Flucht. Die Waldnymphen verbargen
sich vor ihm in die Berghöhlen. Das Echo schlüpfte in tiefe Felsgrotten
hinein. Die Dryaden getrauten sich kaum mehr hervor. Wagten sie es
doch einmal, wenn alles stille war, sich im Wasser zu spiegeln, und
blinkte dabei nur ein winziges weisses Leuchten von ihnen auf, husch!
war auch schon der zottige Traumbold über sie her. Hinter Bäumen, die
am See schatteten, lauerte er, ob nicht eine Najade irgendwo aus dem
Wasser hervorschimmerte, wie ein Stern, der sich in ein Weib verzaubert
hat. Durch die Nacht irrlichterten seine gierigen, lüsternen Augen wie
flackernde Flammen. Unschuldigen Blumen stellte er nach. Der Goldregen
war nicht sicher vor ihm. Der Mohn vermochte ihn nicht einzuschläfern.
Am allerschlimmsten aber wurde er im Mai. Duft und Gezwitscher machten
ihn toll. Er wälzte sich im Grase. Mit Lilien trieb er Unfug und mit
Myrten. Die Disteln, die er verschmähte, stachen nach ihm. Ja er benahm
sich so unmoralisch, dass selbst die Drosseln und Krähen es schamlos
fanden und ihn im ganzen Walde verschrieen.
Als die Zeit der Dürre kam, und die Flussgöttinnen nichts weiter
als einen dünnen Flor trugen, standen sie jedesmal Todesängste aus,
dem frechen gehörnten Lümmel zu begegnen, wenn sie ihre Krüge mit
Regenwasser füllen wollten. Eines Tages nun war Psyche, die hohe
Göttin, zum Bade dort unten am See. Natürlich konnte es nicht anders
sein, als dass sie hinter dem Laubwerk seine lüsternen gelben Augen
sah. Und so kam es zum Klappen. Die Göttin beklagte sich. Herkules
stellte ihn. In seinem heimlichsten Versteck stöberte er ihn auf,
packte ihn bei den Ohren und zog mit ihm ab, hin zu Jupiter ...
Der Satyr stand auf dem Berge, dem ewig blumenbedeckten, und schaute
den Steig, der in das unendliche Licht, in den Himmel emporführte. Mit
seinen Bocksfüssen stand er da, schmutzig von Erde, aber im Hirn fühlte
er einen seligen Rausch von all dem Duften und Singen und dem Anblick
der himmlischen Schönheit und Reinheit.
Da begann ihn zu frieren. Aber Herkules liess ihm keine Zeit, er
schleppte ihn weiter, höher, immer höher hinauf, bis hellster
Lichtglanz sie umfing, am Tore der heiligen Halle, darinnen Jupiters
Herrlichkeit thront. Zu den Plejaden schaute der Satyr auf. Sie
schienen so nah, ganz nahe. Eben wollte der Sonnenwagen seine Fahrt
beginnen. Erwachend bebte der Himmel. Mit gewaltigem Dröhnen sprangen
die Torflügel auf, in das Glühen der Morgenröte hinein. Und flammend
zeigte sich etwas masslos Gewaltiges, wie ein millionenfaches Auge --
der Sonnenwagen! Goldglanz ging aus von den Armen des Gottes, der ihn
lenkte. Es strahlte das Geschirr der beiden Rosse, die ungeduldig mit
den Vorderhufen das Dunkel vom Licht wegscharrten. Von ihrem Zaumzeug
rollte ein schimmernder und blitzender Strom von Perlen, Diamanten und
Saphiren ...
Der Himmel, der Tag, der emporstieg und sich dehnte, das
Zurückschwinden der Erde, all das Erhabene, Glückselige, Reine ... der
Satyr trottete hinein, seine Bocksfüsse traten Löcher ins Licht, noch
hässlicher und plumper wurde sein tierisches Aussehen hier über den
goldenen Wolken. Aber weiter musste er; Herkules hielt ihn fest an den
langen Ohren ...
Mit einem Male taumelte der Satyr hin und wollte sich verkriechen. Ihm
war, als wenn der Boden unter ihm wiche. Licht stürzte ihm flutend
entgegen, Licht, so überwältigend unermesslich, dass es ihn schmerzend
auf die Kniee zwang.
Vor sich sah er die unsterblichen Götter in ihrer ewigen Freude.
Unsichtbar fast, bei aller Sichtbarkeit, denn das Unfassliche blendet.
Am weitesten vorn erblickte er Venus. In übersinnlicher Schönheit,
faltenbefreit, lag sie da, nackt hingeschmiegt, wie weisser, sich
wiegender Schaum, von heiss verlangendem Leuchten umflirrt. Und das
Leuchten war die Glut aller Augen und Wünsche, die auf ihr weilten. In
ihrem Goldhaar schienen die Wellen des Weltmeers zu spielen ...
Auf einem Adler ruhte Jupiters Fuss. In seinen Augen sah man das All in
Bildern. In dem einen Auge die Welt, die gewesen ist, in dem andern die
Welt, die werden soll. Aus dem Hintergrunde her kam Kupido gegangen,
der aus Lichtstrahlen Geborene ...
Himmlische Musik, tausend Melodieen voll von seliger Freude umwogten
die hohen Götter. Wohin man schauen mochte, war Festglanz. Denn der
Himmel spiegelte der Götter Schönheit wider. Das All sang ihnen Lob und
Preis, weil sie die Herren der Welten waren. Die Tiere liebten ihren
Bogen, der ihnen den Tod gab. Die Menschen beteten der Unsterblichen
todbringende Speere an. War aber einer unter ihnen, der die Himmlischen
hasste: auch sein Hass wurde frommer Gesang zu ihren Füssen.
Jetzt liess Herkules den Satyr los, und versetzte ihm einen Puff, dass
er kopfüber hinpurzelte. Und dann stand er da, der zottige Geselle, mit
gesträubten Borsten, finster und hässlich. Doch in seinen Augen sprühte
ein feuriger Funken auf ...
Da die Himmlischen seiner ansichtig wurden, brach rundum ein
schallendes Gelächter los, so übermütig und lärmend, dass es von den
Gestirnen widerklang. Ein felsengefesselter Riese hob den Kopf und
brummte: »Was für einen Kunden haben die Seligen denn da zu fassen
bekommen?«
Begonnen mit dem Lachen hatte Jupiter. Neptuns Gelächter rief einen
Orkan hervor; unermessliche Schätze gingen in dem Sturmeswüten
zugrunde. Aber Neptun musste weiter lachen, er konnte nicht aufhören.
Venus wandte den Kopf und fragte, was denn der Bursche hier solle,
Diana griff ganz unwillkürlich nach einem Pfeil ihres Köchers.
Die Tauben schlossen die Augen. Die Pfauen schlugen ein Rad, mit
bitterbösem Schreien. Und die Göttinnen lachten, so wie eben alle
Weiber zu lachen pflegen ...
Als der Satyr sie erblickt hatte, glotzte er ungeniert von einer zur
andern, von einer zur andern, die ganze Reihe entlang, und torkelte
schliesslich auf Venus zu. Aber ihre schneeweissen Füsse blendeten ihn
dermassen, dass er nicht zu ihr hin gelangte. Das brachte den weiten
Kreis der Götter wieder so fürchterlich zum Lachen, dass Dianens Hunde
in wilder Rotte kläffend den Berg Öta hinabrannten ...
Und dann hörten sie alle Jupiters Stimme: »Du verdientest zu
Marmor versteint zu werden, oder in Wasser zu zerfliessen, oder
auseinandergezerrt zu werden wie ein Baum. Jedoch -- du hast uns zum
Lachen gebracht. Es war ein herzerfreuendes Lachen! Darum magst du
zurückkehren nach dem raunenden Walde am See. Doch vorher, Bursche,
musst du uns noch einen deiner wilden Tiergesänge singen. Der Olymp
will dich hören!«
Der Bocksfüssige antwortete: »Herkules -- Herkules hat meine Rohrflöte
entzweigetreten! Ohne die geht es nicht.«
»Da!« rief Merkur, und warf ihm seine Flöte zu.
Der arme Waldteufel war an Schattendunkel gewöhnt. In einem Winkel
kauerte er sich hin, ganz für sich allein, und sammelte seine Träume.
Dann probierte er die Rohrflöte. Bei dem ersten wundersamen Triller
schaute der Adler auf. Der hatte nicht mitgelacht ...
Und dann begann der Sang des Waldteufels. Leidensschwer klang er ...
bis zur Erde tönte er nieder. Das Getier rings um den Olymp und unten
an den Waldhängen, mit dem Geweih aus dem Laube hervorlugend, die
Hirschkuh mit ihren tiefen Augen, alle streckten sie den Hals und
spitzten die Ohren. Die Bäume drunten huben an, ihre Zweige nach dem
schwermütigen Rhythmus des Flötenliedes zu wiegen, Zedern und Pinien,
alle, alle. Die rotblättrigen Buchen schauten noch ernster drein. Der
Wolf gab dem Tiger ein Zeichen, dass auch er lauschen solle ...
Und der Satyr wusste nicht mehr, vor wem er sang, wo er sang ...
Er sang das Lied der Erde. Er sang das Lied der Schöpfung. Und er
sang von den gewaltigen Vulkanen, die nun schlummern unter den Meeren
und Seen und träumen von dem Gebirge, das einst ihr Helm, und von den
Flammensäulen, die einst ihr Helmbusch gewesen. Er sang von Felsen,
schlafend unter dem Eis -- er sang von des Wurmes unterirdischer
Arbeit. Also begann sein Sang. Und dann sang er vom Walde ... den
kannte er am besten. Er sang von den herrlichen Bäumen, die ihre
Wurzeln tief im Erdball haben, ihre grauenvollen Wurzeln, die wie
geduckte Schlangenhälse mit aufgesperrten Rachen über schwarzen Tiefen
hangen und trinkgierig sich bohren in schaurigste Finsternis. Und was
sie getrunken, geben sie wieder als Nebelrauch, der zum Himmel steigt,
oder sie speien es aus wie Gift. Was kümmert das alles die Erde? Sie
sammelt und zeugt ohne Ende. Aller Wesen Durst und Hunger saugt an
ihren Brüsten ... die Bäume aber sind Kiefer, die alles vorkauen, für
alles die Vorarbeit tun; Regen schlürfen sie ein, Luft und Wind, Nacht
und Tod! Alles ist gut genug für sie. Die Bäume verwandeln alles
wieder in Sand, in Erde.
Dort unten aber, wo ihre Wurzeln tätig sind, werden Kämpfe
ausgefochten. Denn Raubtiere sind die Wurzeln ... Und der Satyr sang
von dem Kampf tief unten im Dunkel des Daseins, von dem Kampf zwischen
den lichtfremden Geistern ...
Und während er sang, ward ihm so seltsam, als fielen Fesseln von seinem
Nacken. Die Worte sprangen von seinen Lippen, als machten sie ihn frei.
Zu mächtigen Flügelschlägen wurden sie ...
»Das Gebirge,« so sang er, »der grosse Zeuge, erhebt sich über dem
ewigen Kampf in der Erde und auf der Erde. Das kahle Gebirge ahnt
zwischen Nebeln und Nächten das grosse Geheimnis. Sein ewig ruhiges
Antlitz späht in die wilden Tiefen und sieht in den _wahren_ Himmel,
den die olympischen Götter nicht kennen! Die uralten Weisen, die
Berge, grübeln dem nackten Ursprung der Dinge nach. In der keuschen,
ehrwürdigen Natur forschen sie nach den Urgründen, den Quellen des
Seins! Etwas aber bleibt immer noch übrig, das keiner enträtselt, auch
sie nicht ...«
Des Satyrs Augen hatten sich geschlossen -- er griff nach seiner Flöte,
und liess sie fallen ... griff sie wieder auf, und liess sie abermals
fallen ... Schweiss rann ihm von der Stirne, wie Wasser von einem Netz,
wenn man es aus dem Meere zieht.
Die Tiere der Erde waren zur Höhe geklommen. Gehörnte Köpfe und wilde
Augen stierten in den Äther herauf.
Apollo sagte: »Willst du meine Leier haben?«
»Ja,« antwortete der Satyr, und nahm sie. Es war, als ob er erwachte,
und er blickte umher ... doch die Träume von aller Dinge Morgen füllten
seine Sinne mit seliger Trunkenheit.
»Er ist ja schön!« sagte Venus.
»Ist das ... ist das nicht Antäus?« fragte Vulkan den Herkules. Der
aber antwortete nicht, er lauschte dem Satyr ...
Und der Satyr griff in die Leier ... und verlor sich wieder: wusste
nicht, vor wem er sang, nicht, wo er sang.
Er sang das Lied der Menschheit.
Erde ist der Mensch: Erde, die zum Himmel will. Doch immer wieder wurde
der Mensch zurückgeworfen, immer wieder wurde er geknechtet. Nicht den
Namen Prometheus nannte der Satyr. Doch seine Augen sprühten Funken
metallenen Feuers, da er sang vom Kampfe des Menschen mit schändlichen
Königen und gierigen Göttern. »Und furchtbar war der Mensch in diesem
Ringen. Wen kann das wundernehmen? Wälz' einen Berg auf die Glut
des Menschengeistes, und er speit Lava! Und noch immer steckt der
Menschengeist zur Hälfte in Chaos und Schlamm. Unter _eurem_ Regiment,
Götter! Noch immer kämpft der Mensch hart und schwer mit euern
Elementen, mit dem Erdboden, mit der Pest, mit den Meeresfluten. Des
Urstoffs ungelöstes Rätsel drückt ihn darnieder, ist fast immer sein
armseliges Schicksal, an dem er zugrunde geht, und entfesselt seine
Leidenschaften, sodass eine Menschenhorde mordend auf die andere sich
stürzt -- und eine jede hat ihren König!
Aber, ihr Götter -- kommen wird der Tag, da der Mensch eure Elemente
wie gebändigte Rosse anschirrt und herrlich mit ihnen dahinfährt ins
Reich der Freiheit! Dann macht er sich zum Herrscher über alle, die
heute seine Tyrannen sind. Schon hör' ich das Feuer knistern unter
der Asche ... den Axthieb schon seh' ich, der die Rinde zerspellt!
Aufbäumen wird sich der geknebelte Mensch, durch Flammen wird er
schreiten wie ein Dämon, durch Wälder, Ströme, Lüfte, in der Hand
jauchzend die Fackel, die in Brand gesetzt ist an demselben Feuer,
das die Sterne entzündet hat! Und zu des Urstoffs gelöstem Rätsel
wird er sprechen: »Nimm Flügel!« Und zu den Grenzen: »Ihr seid nicht
mehr!« Denn wer kann wissen, ob er nicht eines Tages alle Schwere von
sich werfen wird, diese unreine Hülle, womit der Staub den Gedanken
belastet? Wer kann wissen, ob nicht dereinst dieser Erdenwurm in euerm
Himmel seine Schwingen breitet? Darum auf, Menschengeist -- empöre
dich! Leg' deine Bahn ums Licht herum! Ströme mit hinein in den grossen
Chor! Mach' dich frei vom Joch der Sünden! Werde Menschheit, jene
herrlichste Dreiheit: Mann, Kind, Weib! Unermüdlich sollst du in Geist
dich verwandeln! Greife die Strahlen des Lichts! Lass den beschwingten
Körper, die göttliche Stirn auf den Thron dich erheben! Und stehst du
dort oben, so wirf deine Bocksfüsse zurück in die Nacht, aus der sie
kamen!! ...«
Der Satyr hielt inne. Und wie ein Haupt, das aus dem Gischt eines
Wasserfalles emportaucht, schöpfte er tief Atem. Ein ganz anderer
war er jetzt. Die erschreckten Götter starrten auf Jupiter; der sass
finster auf seinem Thron, als drohte ein Unheil ...
Und der Satyr fuhr fort: »Götter -- die Erde habt ihr geschaffen, und
kennt sie nicht! Der blaue Olymp, die neblichte Unterwelt, Tempel,
Gräber, Wälder, Städte, Adler, sie werden und vergehen! Etwas aber
dauert über dem allen, das nie jemand gekannt hat und nie jemand kennen
wird, ob auch alle, alle davon träumen. Die Zukunft wird mehr davon
offenbaren, bis endlich des Menschengeistes unaufhaltsame Eroberungen
alle Schranken brachen -- alle, die heute noch sind. Darum rufe ich
euch zu: Freie Bahn dem Menschengeist! Gebt ihn frei! Überall Licht!
Überall Raum für den Genius!«
Indem er so stand und sang, war er grösser geworden als Polyphem,
grösser als Typhon, grösser als die Titanen, grösser als der Berg
Athos: und rings um ihn her war Finsternis ...
Das war kein Satyr mehr, der da sang -- das war eine Landschaft, von
allen Meeren herauf zu den Felsen, von den Felsen empor zum Himmel ...
die Tiere aber, deren seltsam staunende Augen noch eben aus dem Äther
hervorlugten, zogen nun friedlich weidend über die Landschaft hin ...
Des Satyrs Hörnerpaar war zu zwei unermesslich hohen Bergspitzen
geworden, und die Leier an seiner Brust zu einem gewaltig breiten
Bergstrom, der in tausend rauschenden Wasserfällen schäumend ins Meer
hinab sich ergoss ...
»Wer bist du?« frug Jupiter.
»Ich bin Pan« ...
RUTH
Boas hatte sich zum Schlummer hingestreckt. Er war allzu müde geworden.
Den ganzen Tag hatte er gedroschen. Nun ruhte er sich bei seinem Korn
aus. Weites Land rundum deckten seine Weizen- und Roggenfelder.
Er war reich, aber mildtätig und rechtschaffen.
Wenn er jemanden kommen sah, der Ähren aufsammeln wollte, die noch
zerstreut auf dem Stoppelfeld lagen, sagte er zu seinen Schnittern:
»Ach, nehmt doch nicht alles mit!«
Er lebte einsam. Sein Bart hatte schon längst die Farbe des Silbers.
Leuchtend wallte er über sein weisses, makelloses Linnenhemd herab.
Die Weiber vergassen, dass er alt war. Sie sahen nur, wie schön er war.
Jedes Lebensalter hat seine Schönheit.
Was Flamme ist in den Augen der Jungen, ist Licht in den Augen der
Bejahrten. Der unbeständige Tag weicht dem ewigen Tage ...
Dort, wo Boas sich zum Schlummer niedergestreckt hatte, schliefen auch
seine Schnitter. Wie ein schwarzer Haufen nahm sich das von ferne aus.
Das war unter südlichem Himmel, und vor langer, langer Zeit ...
Wie Boas so lag und schlief, hatte er einen Traum, und im Traume eine
Offenbarung, wie Jakob, wie Judith.
Zu seinen Häupten sah er den Himmel offen.
Er sah einen Eichbaum. Der hob sich von ihm aus hoch in die Lüfte, als
ob er in ihm wurzelte. Und mit den Ästen stieg ein Geschlecht empor,
Glied um Glied. Hier unten nahe der Wurzel schlug ein König seine Harfe
... und ganz droben am Wipfel ging ein Gott in den Tod ...
Und Boas träumte, dass er also zu dem Herrn sprach: »Wie kann denn dies
nur geschehen? Ich habe keinen Sohn und auch kein Weib. Die an meiner
Seite schlief, die nahmst du von mir. Wohl sind wir noch zusammen,
sie halb bei mir im Leben, ich halb bei ihr im Tode. Doch kann ich
Stammvater eines Geschlechtes werden? In der Jugend, ja, da haben wir
wohl manchen schönen Morgen! Der Tag steigt auf aus der Nacht als
Sieger. Aber im Alter, und wenn wir einsam geworden sind, fällt der
Abend schwer auf uns ... da beugt sich die Seele nieder nach dem Grabe,
-- wie ein Stier, der dürstet, seine Stirne zum Wasser senkt, davon er
trinken will ...«
Also sprach Boas in seinem Traum, und glaubte glückselig, er habe den
Herrn geschaut.
... So wenig eine Zeder fühlen kann, dass an ihrem Fusse eine Rose
blüht: so wenig fühlte Boas, dass neben ihm ein Weib ruhte. Denn
indessen er schlief, hatte Ruth, die Moabiterin, sich dort hingelagert.
Sie wartete wunderbang, was wohl geschehen würde, wenn Boas erwachte ...
Nicht wusste Boas, dass neben ihm ein Weib harrte, -- nicht Ruth, was
Jehova mit ihr beginnen wollte ...
Der Odem der Nacht umwogte sie. Dann und wann wellte durch das Dunkel
ein Strom balsamischer Wohlgerüche. Übervoll von Sehnsucht waren die
Schatten, gleich bangen hochzeitlichen Bräuten ... Gewiss schwebten
hier schweigende Engel ... Oft war da etwas Blaues im Dunkel ... wie
ein leises Flüstern von leuchtenden Flügeln ...
Ruth hörte die Atemzüge des Boas. Sie mengten sich mit dem Murmeln
eines Baches im Moos. Mild war die Luft, und die Lilien standen hoch ...
Ruth sann vor sich hin: und Boas schlief ...
Schwarzdunkel war das Gras.
Herdenglockengeläute klang von ferne.
Unendliches Schweigen wölbte sich vom Himmel über die Erde. Es war die
stumme Stunde, wo Löwen sacht nach Quellen suchen ...
Alles ruhte im Lande Ur ...
Die Sterne strahlten glitzernd auf dem schwarzen Sammet der
Himmelskuppel ...
Im Osten hob sich der Neumond. Seine Sichel hatte scharfe Spitzen ...
Und Ruth sann, leise die Augenlider hebend, und also war ihr Sinnen:
»Was für ein Schnitter mag das wohl sein dort oben im Ewigen, der seine
goldene Sichel in den Sternfeldern vergass?« ...
EIN MANN MIT TIEFEN AUGEN
Ein Mann mit tiefen Augen ging vorbei.
Ein Patriarch stand am Wege, und sprach ihn an.
»Du kommst doch von Osten? So begegnetest du der Karawane? Bei Engaddi,
denk' ich? Wieviele Reisende waren dabei? Und vieviele Kamele führten
sie mit sich?«
»Ich habe sie nicht gezählt«, antwortete der Fremde. Der Greis sah ihn
an.
»Ganz recht -- Warst du nicht dort am Brunnen zwischen Edon und Gaza?
Du riefst doch wohl dreimal den Namen des Heiligen, der den Brunnen
grub?«
Der Fremde entgegnete verwundert: »Welches Heiligen? Was meinst du?«
Da lächelte der Greis.
»Hörtest du, ob es Myrrhe ist oder Balsam, was der Vierfürst Antipas in
diesem Jahre als Tribut erhalten soll?«
»Ich weiss von alledem nichts«, sagte der Fremde gleichgültig.
»Hast du denn garnichts von dem König gehört, den ich nannte?«
»Nein.«
Sie standen an einem Gräberfeld.
»Hier,« sagte der Greis, »hier wächst nun Gras über gar viele, die
jüngst noch jauchzten, die glücklich waren und stark! Da liegen sie nun
allesamt zerstreut zwischen Sand und Asche!«
»Nein,« erwiderte der Fremde, »nicht hier! Sie sind fortgeflogen! Wer
begraben wird, der geht in das grosse Grenzenlose!«
Er ging weiter. Die Abendsonne vergoldete ihn, bis seine Gestalt in der
düsteren Wüste verschwand.
Der Greis sah ihm nach.
»Wahrlich,« dachte er, »dieser war ein Prophet -- er weiss nur von dem,
was verborgen ist!« ...
DIE ZEDER
Scheik Omar, der grosse Gottesmann, so gross wie Mohammed, der
Wundertäter, erging sich eines Tages am Gestade des Roten Meeres, an
einem langen Stab gestützt.
Bei dem heiligen Djeddah machte er Halt, dort, wo Gott sich Israel
geoffenbart hatte.
An dieser geweihten Stätte ward Omars Auge fernsehend. Er schaute
weiter als die Wüste sich dehnte, er schaute über Ägypten hinaus, über
Judäa hinaus bis hin zur Insel Patmos.
Dort lag am Fusse eines kahlen Berges Johannes der Täufer und schlief.
Denn der grosse Einsiedler ist noch nicht tot. Gott hält ihn hier
verborgen. Mit Elias und den anderen Propheten soll er einst wider den
Antichrist streiten.
Das Haupt des heiligen Johannes lag in der heissen Sonne.
Scheik Omar, der gewaltige Priester vor dem Herrn, der so gross war wie
Mohammed, sah empor zu einer alten, mächtigen, dichtbelaubten Zeder,
die sich an seiner Seite erhob. Und Scheik Omar streckte die Hand aus
gegen den nördlichen Horizont nach dem Ägäischen Meere hin, gen Patmos.
»Auf und voran, Zeder! Breite deinen Schatten über den schlafenden Mann
dort!«
Das Salzgespenst von Sodom und Gomorrha stand nicht starrer als die
Zeder, da Omar zu ihr gesprochen.
Und der Gottesmann rief aufs neue: »Auf und voran!« und schlug mit
seinem Stab gegen den Baum.
Die Zeder hatte ihre Wurzeln im Marmor eines Eremitengrabes dort am
Meer. Sie zitterte nicht. Sie verharrte in Ruhe.
Da hob der Scheik seine Augen auf zu dem Unsichtbaren, machte drei
Schritte, öffnete seine Rechte und streckte sie empor: »Voran, Zeder!«
rief er, »in des lebendigen Gottes Namen!«
»Warum nanntest du diesen Namen nicht gleich?« sagte der Baum. Zuckend
zersprengte er den Marmor, zog seine Äste dicht an den Stamm zusammen,
wie ein Schiffsmast sein Takelwerk, spaltete den Erdboden, raffte aus
den tiefen Rissen seine Wurzeln heraus -- und schwebte fort wie ein
ungeheurer schwarzer Vogel, zog hin über den Berg Gor, der gleich
einem riesigen Rauchfang über den roten Flammen der unterirdischen
Schmiedefeuer sich wölbt ... hin über Ägypten, das formlose Pantheon
mit den vielen Göttern, -- über den Nil hin und über das Meer, --
schwebte finster und feierlich über den feindlichen Abgrund hin, selig
erfüllt von seiner Sendung ... und senkte sich dann sanft auf Patmos
über den schlummernden Johannes herab ...
Johannes erwachte -- und erschaute den fremden Baum. Er musste sich
eine Weile besinnen ... dann aber sprach er, bebend in jener fanatisch
eifernden Strenge, die alles Volk in angstvolles Grauen versetzt:
»Baum, was machst du hier? Wie hast du es angefangen, Wurzeln zu
schlagen, zu wachsen, gross zu werden in einer einzigen Stunde? Jehova
will: der Baum soll in tiefer Erde gegründet sein, auf dass er stehe,
indes die Menschen kommen und gehn! Ein Baum soll Stürmen trotzen!
Nicht aber soll eine Zeder jäh wie ein Traumbild emporgaukeln! Was aus
einer Stunde emporschiesst, hoch wie ein Berg, das mag auch zerfallen
in einem Augenblick!«
Die Zeder erwiderte: »Warum klagst du mich an? Ich bin hier, weil ein
Mensch es mir gebot!«
Und wieder frug Johannes, der düstere Träumer: »Wer ist dieser Mensch,
vor dem du dich beugst?«
Der Baum antwortete: »Es ist Omar, der Priester Mohammeds! In Djeddah
stand ich, viele, viele Jahre hindurch. Da kam er und sagte, ich sollte
fort nach Patmos, um dir Schatten zu geben, derweilen du in der
Sonnenglut schliefst!« ...
Da wandte sich Johannes, den Gott wieder unter die Lebenden gesetzt
hatte, -- gen Süden wandte er sich und schrie von dem wilden Strand in
die Winde hinein: »Du Neugekommener! ich sage dir: lass die Natur in
Frieden!«
DIE BRÜCKE
Vor meinen Augen war Finsternis. Ein bodenloser Abgrund hemmte meinen
Schritt. Nichts regte sich ringsumher. Ich fühlte mich verloren in
Nacht und Stille.
In weiter, weiter Ferne hinter einem undurchdringlichen Schleier sah
ich Gott wie einen dämmernden Stern.
Da rief ich: »Meine Seele! Meine Seele! Wenn du über diesen Abgrund
hin, durch diese Nacht hindurch zu Gott gelangen sollst, brauchst du
eine Brücke mit Millionen Bogen! Wer kann die bauen? Keiner! Keiner!
Verderben muss ich hier!«
... Da erhob sich vor mir eine weisse Schattengestalt. Und dieser
Schatten hatte die Stirne einer Jungfrau und die Hände eines Kindes.
Einer Lilie glich er, die einen Schutz in ihrer eigenen Reinheit hat.
Der Schatten faltete seine Hände, und Licht strömte aus diesen Händen.
»Wenn du es ernstlich willst, werde ich dir deine Brücke bauen!«
Ich hob meine Augen auf zu dem bleichen Unbekannten: »Wer bist du?«
»Ich bin das Gebet« ...
MITTELALTER
Ratbert, der Sohn Rudolfs, König von Arles -- auch Kaiser liess er sich
nennen -- thronte auf dem Marktplatz von Ancona. Er hatte die Stadt mit
List überrumpelt. In der Kleidung eines römischen Patriziers sass er
auf einem ziselierten Fürstenstuhl, die Lanze des heiligen Mauritius in
seiner Hand. Hundert Barone und Ritter, die Blüte von Italiens edelsten
Geschlechtern, hatte er um sich versammelt. Von ihren Burgen und
Herrensitzen waren sie herbeigeeilt wie Fliegen zum Honig. Bei Ratbert
war etwas zu holen.
Hellebardiere und Negersklaven hielten den Marktplatz abgesperrt. In
einen Festsaal war er verwandelt. Die Banner der versammelten Edlen
umkränzten ihn.
Die Stadt war wie ausgestorben. Die Bürger hatten sich in ihre Häuser
eingeschlossen. Der Tag war sonnenheiss. Die Sonne leuchtet über
Pestilenz wie über goldene Ährenfelder.
Die Vornehmen hatten ihre Plätze eingenommen. Ratbert winkte bald
den einen, bald den andern zu sich heran und sprach leise mit ihm.
Was er zu jedem einzelnen sagte, verbreitete der weiter. Ein jeder
zeigte dabei ein vergnügtes Gesicht, und jene, an die sie Ratberts
Worte weitergaben, nicht minder, bis zuletzt die ganze Versammlung in
heiterster Laune war. Und alle harrten auf das, was nun kommen sollte.
Der Bischof von Verceuil eröffnete die Tagung mit einem feierlichen
Gebet. Der König betete inbrünstig. Das Volk liebt es, seinen König
beten zu sehen.
Einer nach dem andern gab dann seinen guten Rat, und jeder, der
des Königs Meinung war, wurde auf der Stelle durch ein Geschenk
ausgezeichnet. Johann von Carrara bekam des Königs eigene Goldkette um
den Hals gelegt. Der Marquis von Cibo erhielt die Stadt Spoleto. Herr
Urbin konnte künftig von jedem Fasse Wein, das man in Besançon trank,
einen Sou erheben ... So ging das eine Weile fort, bis der Bischof
Afranus das Wort ergriff.
Der war ein frommer Mann, ein guter Mann, des Königs Almosenverteiler.
In jungen Jahren hatte er sich vorgenommen, Einsiedler zu werden. So
früh schon hatte er sich von der Welt und ihrer Eitelkeit abgewandt.
Ein grosser Theologe, besonders bewandert in der Gewissenslehre. Eine
grobe Kutte war sein Gewand mit einem Strick als Gurt. In demutsvoller
Bescheidenheit stand er da. Er bat erst Gott um Erleuchtung, und sprach
dann also:
»Eine Kriegslist hat es Ratbert ermöglicht, seine Fahnen auf Anconas
Mauern zu pflanzen. Vom Standpunkt der Kirche ist das gutzuheissen.
Denn Ancona hatte sich töricht betragen. Es lässt sich nur billigen,
wenn bürgerlichen Zwistigkeiten mit bewaffneter Hand ein Ende gemacht
wird, auch wenn dabei eine List den Ausschlag gibt. Solche List an
Stelle von Blutvergiessen und anderen Gewalttätigkeiten zu setzen,
heisst die Kriegskunst mildern und den Sieg von vornherein sichern.
Ich bin ja nur ein Mann der Kirche, ich verstehe mich besser darauf,
im Hause Gottes -- gelobt sei sein Name -- die Messe zu lesen, als zu
einer so vornehmen Versammlung zu sprechen. Aber soviel verstehe doch
auch ich, dass man in dieser Welt auf verschiedene Weise seinen Weg
macht. Der König panzert seinen Streithengst mit Eisen und füttert ihn
mit frischem, fettem Hafer. Der Erzengel reitet auf einem Drachen. Der
Apostel auf einem Esel. Und so ist es auch mit dem Recht. Auch das
ist nicht gleich für alle. Für den König ist es dehnbarer als für das
gemeine Volk. Es ist notwendig, dass der König Freiheit hat. Es ist
notwendig, dass das Volk in strammer Zucht gehalten wird. Das Volk ist
Herde. Der König ist sein Hirte. Der König führt die Befehle Gottes
im Volke aus. Der König darf zum Wohl seines eigenen Volkes ohne
besondere Kriegserklärung andere Völker überfallen, besonders wenn es
sich um Türken handelt. Die Türken stehen ausserhalb des allgemeinen
Völkerrechts, denn sie sind keine Christen. Aber die Christen, die sich
dem König widersetzen und sich wie jene betragen, sind ja im Grunde
auch nichts anderes als Türken und können ganz ebenso behandelt werden.
Gilt es das Wohl des Staates, so dürfen den König keine Bedenken
zurückhalten. Jede Sache hat ihr besonderes Gesetz und fordert eine
besondere Einsicht. Die Tochter des Grafen von Final ist ein Kind, und
es ist nicht recht, dass Minderjährige den Thron innehaben. Nun sitzen
ja wohl auch in anderen Reichen Minderjährige auf dem Thron. Da erhebt
sich die Frage: darf man den einen absetzen, und den andern nicht?
Ja gewiss, das darf man. Sind doch die Sitten und die Verhältnisse so
grundverschieden. Das salische Erbfolgegesetz mag anderswo heilsam
sein, aber in Final ist es verwerflich.«
»Bischof,« sprach der König, »du sollst Kardinal werden!«
* * * * *
Auf einem Felsen an der genuesischen Küste lag die Feste Final.
Eine treue Besatzung wachte über das Kind, über die Erbin der
Freigrafschaft. Bei der Kleinen war ihr Grossvater. Sie lebten dort
einsam zwischen Mauern und Schluchten. Das Mädchen war fünf Jahre alt,
der Grossvater achtzig.
Sie hiess Isora von Final, er Fabrice Graf von Albenga, ein wackerer
Mann, von allen geliebt, einst als gewaltiger Feldherr gefürchtet,
als Admiral und General, seine Zeitgenossen durch Charakterstärke und
Lauterkeit der Gesinnung überragend. Nun war er ein Greis. Und wie
alle Hochsinnigen war er rückhaltlos vertrauensselig gegen jedermann.
Denn er stammte aus einem besseren Jahrhundert als dieses war, das
er nun noch miterlebte. Für diese Zeit hatte er eigentlich kein
Verständnis. Er kam sich darinnen vor wie ein Landflüchtiger. Alle
seine Altersgenossen waren dahin. Die betagteren Leute erinnerten sich
wohl seiner noch ein wenig, die jungen aber hatten ihn ganz und gar
vergessen. Oft schritt er wie im Traum einher, ohne zu hören oder zu
sehen. Man konnte glauben, seine Seele weile in solchen Augenblicken
im Jenseits, um zu erfahren, wann ihre Stunde schlagen würde. Das
Einzige wohl, was ihn noch eine Weile hienieden zurückhielt, war Liebe.
Er lebte für seine Umgebung. Man muss lieben, wenn man in den Ruinen
der Vergangenheit Wurzeln schlagen will. So wie es der Efeu macht.
Seine Blätter haben alle die Form eines Herzens ...
In seiner Enkelin lebte ihm noch einmal die alte, versunkene Zeit auf.
Ihm war, als sähe er sein Weib und seine Tochter in der Kleinen wieder.
Ungestört lebte er sein Traumleben. Jeden Morgen gürtete er sich sein
Schwert um, obschon er es kaum mehr aus der Scheide ziehen konnte.
Jeden Abend nahm er das Kind mit in die Kapelle und betete dort, indes
er mit klaren Augen auf die Grabsteine im Chor schaute. Das Kind frug.
Und er erzählte. Manchmal spielte die Kleine frühmorgens allein in den
Türmen, ihren alten guten Freunden. Wenn er sie dann fand, entsprang
sie ihm und lief lachend hinter Schmetterlingen her, rund um die
Grüfte ...
In diesem räuberischen Jahrhundert hatte jedes Volk seine Grossen,
die es ausplünderten. Und über den Grossen sassen wieder die Könige
als gierige Geier. Aber die Grafschaft Final war eine Freistatt für
Rechtschaffenheit und Wohlfahrt. Die Einkünfte der Domänen und die
Abgaben der Herrensitze wurden Jahr für Jahr auf zwanzig Maultieren
in die Feste gebracht. Gold und Silber lag in einem Keller verwahrt,
den nur der greise Graf wusste. Uralt war der Keller, und er barg
noch grosse Schätze aus den Zeiten Wittekinds und der Ottonen. Am
ganzen Mittelmeer erzählte man von seinem Reichtum. Viele, die an
Final vorbeisegelten, hatten schon die Stärke des Turmes bewundert,
der hoch in den Himmel ragend über diesem Keller Wache hielt. Die vier
Evangelisten standen geschnitzt und vergoldet auf vier Wurfmaschinen.
Ausserdem war der Zugang zu dem Felsgelass geschützt durch zwei stolze,
riesenhafte Kriegergestalten aus Stein, die im hohlen Innern ihrer
gewaltigen Sturmhauben viele lebendige, eisenbewehrte Hüter verbargen.
Uneinnehmbar war die Feste.
* * * * *
Eines Morgens stiess die Torwache ins Horn. Ein Geistlicher, von einem
Läufer begleitet, überbrachte einen Brief des Königs von Arles.
Ratbert schrieb: Bevor er nach Tarent segle, fühle er sich gedrängt,
seine Base Isora zu begrüssen und ihr die Stirne zu küssen. Der
Geistliche verneigte sich vor dem Grafen und betonte, es sei das eine
Ehre, wie sie der König sonst nur Königinnen erweise.
Dem Briefe hatte Ratbert einen Wagen mit Geschenken und kostbarem
Spielzeug vorausgesandt. Isora klatschte entzückt mit den Händchen. Der
fromme Gottesmann wurde gut aufgenommen, und als er schied, erwies er
der Kleinen Ehren, wie sie nur einem grossen Souverän zukommen.
Dem alten Grafen schmeichelte es sehr, seine Enkelin so hoch geschätzt
zu sehen. Er gelobte Ratbert gastlichste Aufnahme.
Wie Fabrice nun eines Tages so stand und gerührt wieder und immer
wieder das gnädige Handschreiben des Königs durchlas, flog ein Rabe
vorbei und warf seinen dunklen Schatten über den Brief. Diese schwarzen
Vögel folgten einst auch Judas, als er dem Herrn Jesus den Weg wies.
»Habt acht auf den Raben!« mahnte die Wache. Der Vogel hatte sich auf
einen der Türme gesetzt. »Den Raben dort«, sagte der Graf, »kenne ich
seit meiner Knabenzeit. Der hat ganz in der Nähe sein Nest. Der ist
mindestens hundert Jahre alt, und krächzte von jeher so wunderlich.
Aber erschreckt hat er mich noch nie!«
Nun bekam man in Final alle Hände voll zu tun. Das Gras auf den
gepflasterten Wegen und an den Steintreppen wurde ausgejätet, die Türme
wurden gesäubert, Wände getüncht, reife Gartenfrüchte aufgehäuft,
Fässer mit Öl und Wein aus den Kellern heraufgeschafft, grünes Laub
und Salbeiblüten über alle Stufen und Gänge gestreut. In den Küchen
brieten Wildschweine an Spiessen. Aus allen Winkeln scholl Lachen bei
fröhlicher Arbeit. Köstliche Teppiche hingen von den Balkonen nieder.
Der grosse Tag war gekommen ...
Die kleine Gräfin wird noch angekleidet. Ihre Kemenate ist voll von
dienenden Frauen, und bei ihr weilt der alte Graf. Mit blossen Füsschen
sitzt sie auf ihrem Bette. Er vor ihr in einem alten Lehnstuhl,
und schaut auf die weisse Kinderstirn, die nun bald ein König zu
küssen kommt. Und goldenes Haar leuchtet fromm um das kleine, feine
Gesichtchen. Er spricht mit ihr und mit den Dienerinnen und mit sich
selbst allerlei, was ihm gerade einfällt -- Altes, Neues, Trauriges,
Lustiges.
»Ja, nun musst du auch richtig Staat machen! Nun kommt ein grosser
Herr, dich zu begrüssen, dich zu küssen, hörst du? Vergiss aber
nicht, ihn ›Monseigneur‹ anzureden. -- Nein, schau, das hat er dir
auch noch geschenkt: die heilige Jungfrau mit dem Silberdiadem! Und
diesen Ritter! Du, der war gewiss einer von Attilas Bogenschützen!
Und dieser Kerl da von Gold! Was für eine Pracht! -- Nun kommen schon
die Bauersleute von weit her. Die halten viel von dir, weisst du! Und
Goldzechinen sollst du auf sie niederwerfen! Und dann sollst du nur
sehen, wie die ihre Mützen von den Köpfen reissen, um _deine_ Münzen zu
erhaschen! Ei, wird das ein Fest werden! Dass ich den Tag noch erleben
darf! -- Nein nein -- nun muss _ich_ der Kleinen helfen. Das ist _mein_
Amt! Als ihre Mutter noch klein war -- ja, damals war ich schon ein
alter Geselle -- da habe ich sie auch immer angekleidet. Ja ja -- ich
dachte, der Tod könnte mit grauen Haaren zufrieden sein -- ja, das
dacht' ich so oft, und dass er nicht dunkles und blondes Haar mit sich
zu nehmen brauchte! Das Kind sollte seine Mutter noch haben -- und ich
mein Weib! Aber da die beiden nun _meinen_ Platz eingenommen haben,
muss ich eben an _ihre_ Stelle treten!«
Und dabei knöpfte er das Kinderkleidchen zu, indes andere der süssen
Kleinen die Schuhe banden. Aber gewiss hatte er sich ehedem den Panzer
besser umgelegt als jetzt das Seidenkleidchen der Kleinen.
Die Ritter und Edeldamen und das Volk harrten schon in festlichem
Schmuck draussen vor dem Schlosse.
Als aber die Sonne rotglühend niedersank, waren alle Klippen und Höhen
am Meer mit Raubvögeln bedeckt. Seltsam! Die Gabelweihe hockte dort,
der furchtbare Seeadler, der gefrässige Taubenhabicht, alle gierig nach
Menschenfleisch ... und neue Schwärme kamen in wilden Zügen hinzu,
Abkömmlinge sicherlich der alten Raubvögel, der römischen Adler über
dem Zirkus, dort, wo die kupferne Wölfin stand und ihnen zuheulte,
jener Adler, die dem Marius folgten und den Sulla kannten ... ihre
Abkömmlinge hockten nun kreischend auf den Riffen und Felsgraten ...
angefressene Menschenschädel hatten sie irgendwo liegen gelassen, nur
um eiligst nach Final fliegen zu können ... von Galgen waren sie
weggeflogen, von zersplitterten Masten gescheiterter Schiffe, die mit
schwarzverwittertem Tauwerk und Hunderten von Leichen draussen im
Meer festsassen ... und von Lazarethen kamen sie her, wo die Kranken
schneller starben, als sie begraben werden konnten ... und alle waren
freudig erregt und schrieen schon von ferne, wenn sie Final, die stolze
Feste, erspähten: »Dort lohnt sich unser Flug! Sputet euch! Dorthin
kommt ein Kaiser!!«
* * * * *
Er war gekommen. Die Glocken hatten geläutet. Fanfaren hatten
geschmettert. Volksjubel hatte gelärmt. Freudenfeuer hatten geloht.
Alle Türme hatten übers Meer geleuchtet wie riesige Flammenbrände.
Unter den Bäumen des Schlosses war in langen Tischreihen das Bankett
gerüstet. Alles war zu einem jauchzenden Freudenfest bereitet worden
... Und wer hatte so seinen Einzug gehalten? Satan und seine Orgien!
Erst Mord und Brand ... dann ein zügelloses Gelage. Der Böse feierte da
sein Fest, in dem besiegten, geplünderten, verwüsteten Final. Gesungen
wurde da, aber Angstschreie gellten dazwischen. Neben des Herdfeuers
friedlicher Glut raste der Hölle wüstes Geflacker. Die Türme brannten.
Alles war zum Skelett einer anklagenden Ruine geworden. Dort oben hatte
der Rabe gesessen ...
Eine mächtige Eiche hatte Feuer gefangen und stand in hellen Flammen.
Es sah aus, als leuchtete ein fackeltragender Riese zu dem höllischen
Treiben!