Luise meldet einen Herrn. »Ein Herr in Uniform, von der Marine,« sagt
sie. Arabella liegt müde danieder und immer schreckt sie zusammen, wenn
es läutet, denn sie erwartet Givo. Zuerst meint sie, wenn er käme, würde
alles gut, die Vereinigung vollendet, wenn er auch vom Gehen schrieb,
aber wie sie so lange wartend liegt, kommt wieder Hellsichtigkeit über
sie und sie weiß, daß sie ihn nicht wieder gewinnen kann. Die Stunden
schleiern wie Asche auf sie herab und sargen sie ein. Als Luise den
Marineoffizier meldet, weiß sie gleich, daß es Normayr ist. Sie hat ihn
nicht gesehen seit jener Fastnacht, nur einmal dem immer in der Ferne
Versprengten einen Gruß durch einen Kameraden gesandt. Nun ist er
gekommen, weil er in Triest, sich eben ausschiffend, in den Zeitungen
las, daß auch sie im brennenden Theater gefährdet gewesen. Seltsam, oft
muß sie an ihn gedacht haben, denn er ist ihr nicht fremd; sie fühlt
plötzlich eine stille Geborgenheit, die von seiner Ruhe ausgeht und die
ihr die Qual der Wartestunden nimmt. Und obwohl das Gespräch
konventionell bleibt, ist eine verborgene Herzlichkeit, eine wissende
Wärme unter den Worten geborgen: die Hoffnung auf ein sicheres
Wiedersehen zu ruhigerer Zeit. Wie er dann gegangen ist, um bald wieder
sich für eine Nordpolexpedition einzuschiffen, rinnen rasch, sie selbst
überraschend, Tränen über ihre Wangen herab. Sie weiß selbst nicht, wem
sie gelten, ihm, Givo, sich selbst. Dem Leben wohl, dem Leben!
Und tagsdarauf stand ein blasses Kind mit großen, stillen Augen und dem
lieblichsten Mund neben seiner englischen Nurse vor der Türe der fremden
Gräfin, bei der es nun wohnen sollte. »Gehen wir nicht hinein?« fragte
es. »Oh luk!« Die Kleine hatte glückselig den Papagei erblickt. Arabella
hörte den Ausruf des Kindes und stürzte aus ihrem Bette, ihrer
entkräfteten Glieder wieder mächtig. »Mein Kind, mein Liebling!« Noemi
erschrak nicht. Die Frau im weißen Gewand mit dem blassen
Dulderangesicht glich einem Engel. Es kam ihr eine Erinnerung, ohne daß
sie es wußte, und unwillkürlich griff sie an ihr Perlenkettchen. Dann
sagte sie leise der knieenden Frau, auf die Wange deutend, in deren
Blässe das Feuermal brannte: »Was hast du da? Tut es weh?«
»Nein, Kind, nein, nichts schmerzt mehr, denn nun bist du ja bei mir,
bei mir,« und sie verbarg ihr Antlitz in der Kleinen Lockenhaar.
Etwa drei Monate nach diesen Begebenheiten erhielt der Graf wieder ein
Schreiben:
»_Mon cher_ Nicolai, es geht besser, seitdem ich draußen in
Heiligenstadt wohne. Mutter ist bei mir. Sie, die alles stiller um mich
macht. Und Noemi heißt der Glücksquell, aus dem ich schöpfe. Ich brauche
Dir nichts zu sagen von diesem meinem zweiten Leben, in das ich
zurückgekehrt bin, nachdem ich es damals in Tresano in den Tagen, als
ich Dich zum ersten Male sah, verließ. Unbewußt war ich ja wohl oft
darin zu Gaste und gefühlt hab' ich es immer in den Liebesumarmungen,
und wenn ich schöner Musik lauschte, da war ich ihm am nächsten. --
Jetzt aber lebe ich in Weihe. Du wirst es mir nicht glauben, ich war
froh, als Givo abgereist war. Ich ertrug seine Nähe nicht, es war, als
müßte ich vor Glück vergehen, als müßte er in diesem zweiten Feuer mit
mir verbrennen. Es war zu viel. Das ist nichts für Menschen, so ein
überirdisches Glück! Givo ist jetzt in Russisch-Polen, lebt dort unter
den orthodoxen Juden, die er erretten will. Ich verstehe nicht ganz, wie
er es plant. Ich glaube, er will ihnen Liebe wecken, Sie leben nur im
Geist, sagt er, er möchte sie zurückführen zu den Dingen. Er möchte
ihnen das ruhelose Irren nehmen, ihre Seelen sollen in ein höheres
leibliches Leben eintreten, um zu gesunden. Er sieht das heutige
Judentum wie eine Abnormität, eine Krankheit. Dort, wo es auf schönen
Wegen war, soll es in ein Sektenwesen ausgeartet sein, das er
zurückleiten will zur Liebe. Wer könnte es besser als er, der sich
niemals über die anderen erhebt, sondern ihresgleichen wird, um zu
helfen. Aber ich fürchte, er wagt zu viel. Wirst Du ihn beschützen dort?
Ich weiß, daß er schwach ist, ich weiß es. Ich vertraue ihn Dir an,
Nikolai!
Und was mich betrifft? Dein Scheidungsbrief ist vorläufig überflüssig.
Manuel ist vor den Gerichten nicht Witwer, weil er keinen Beweis
erbringen konnte, daß seine Frau verbrannt ist. Eine Reihe von Jahren
muß hingehen, bis der Tod gesetzlich beglaubigt ist. Und wozu auch eine
Ehe eingehen? Wir sind einig, wie wir es immer waren, und ein Leben wie
Mann und Weib es führen, scheint uns nicht beschieden zu sein. Er muß
seinem Genius Deva Nahuscha folgen und sein Lebenswerk weiterfördern in
Klüften und Bergen, in denen ihm göttliche Sonne strahlt. Vielleicht ist
er ein Märtyrer und ich muß ihm dereinst mit meinen Haaren das Herzblut
stillen wie Magdalena des Heilands Füße trocknete. Leb wohl. Du hörst
Heiteres, sobald der Frühling mich Frierende erwärmt. Deine