Asche

»So jemand zu mir kommt

und haßt nicht seinen Vater,

Mutter, Weib, Kinder,

Brüder,

Schwester und dazu sein

eigenes Leben,

der kann nicht mein Jünger

sein.«

(Lukas 14, 33.)

Arabella, deren Nerven schon vor der Katastrophe mit Hochdruck

gearbeitet hatten, fand kaum die Kraft sich all des Entsetzlichen zu

besinnen. In ihren Fieberträumen sah sie ein blutendes Feuermeer und

daraus hervorsteigen ihn, den Geliebten, den Erwarteten, das Heiligtum

ihrer Liebe zu Himmeln entführend, die kein Rauch mehr von irdischem

Geschehen berühren kann. Und sie sah wahr, Givo hatte sie gerettet,

hatte nach jahrelanger Trennung das Kleinod seines Gefühles aus dem

brennenden Unheil getragen. Wie körperlos war diese Rettung, nicht die

Frau hatte er dem Untergang entrissen, das Weib, das er besitzen wollte,

die Hülle war es seines geheimen Heils, das er durch Jahre der Kämpfe,

der Sehnsucht hinter siebenfach verschlossenen Altären anbetend

verwahrte. Ihn verlangte nicht nach Lebendigem. Was er über die Gräfin

Arabella Karinska erfuhr, das hatte wenig gemein mit dem Gral seiner

Seele. Eine junge Frau, vom Geld ihrer Anbeter in einem kleinen Palast

lebend -- Vollblutpferde, die ein niedliches Kammermädchen mit Zucker

füttert, scharren vor dem Tor -- während oben ein Fenster sich öffnet

und die Herrin zusieht, wie es den Lieblingen mundet: so hatte, im Parke

verborgen, Givo, der Mann, der nach der Geliebten Sehnsucht trug, sie

erblickt. Eine verwöhnte Frau, die nichts mehr weiß vom Jammer der Welt,

von den Elendvierteln von London, den Judenverfolgungen in Rußland, dem

Sklavenhandel und der Nachtarbeit der Fabrikskinder. Zwischen seinem

Leben und Streben und dem ihren, das im Luxus versandet, liegt eine

Welt. Aber ihre Seelen wissen nichts von dieser Kluft, sie leben vereint

untrennbar, unentwirrbar. Daß er sie retten konnte und darob Zora

verlor, daß diese ins Unerklärliche verschwand, es erstaunte ihn nicht.

Nichts war ihm wunderbar, ihm, der im Wunderbaren lebte, ihm, der Erden

des Schmerzes wie unter den gekrampften Händen eines ohnmächtigen und

dennoch unablässig schöpferischen Gottes tief unter sich zucken fühlte.

Wie weit war er gewandert seit jener Nacht, da ihm das lichte Vögelchen

mit dem zuweilen so schwermütigen Gezwitscher entflogen war! An die

Gestade mythischer Welten war er gelangt. Er schrieb ihr:

»Geliebte, ich sende Dir mein Kind. Seine Mutter ist tot, verschwunden.

Sie war eine Unglückliche. Ich habe, wie Du weißt, auch meine Mutter

getötet, nun diese Frau. Laß mich Dir fern bleiben. Ich tauge nicht zu

Frauen. Mein Weg ist nicht wirtlich. Bleib fern ihm! Ich will Deine

heiligen Füße nicht blutig sehen im Dornengestrüpp dieses Weges. Du

sollst die Musik der Sphären mit mir teilen, nicht das Wimmern der

Menschenqual, das meinen Tag einsingt: Wenn mein Kind bei Dir Heimat

fände, wie dankte ich es Dir! Sei ihm, was Cecile Dir einst war. Ich

komme, wenn ich nicht mehr besessen bin von den Bildern des Grauens, die

in den Leichenkammern der Verkohlten sich in meine Augen brannten. Ich

komme, Dich zu umarmen und zu -- gehen. Dein

Vögelchen · 第 69 / 74 题