Kampf

Als Adalbert Mannsthal erfuhr, daß die Sammlung Urbachers, die er um

jeden Preis zu erwerben suchte, von einem Agenten für eine unbekannte

Persönlichkeit angekauft worden sei, setzte er sich sofort auf und fuhr

nach Wien. Er wollte mit allen Mitteln den Kauf rückgängig machen, ihn

überbieten, ja selbst seine Scheu überwinden, sich Urbacher zu nähern

und ihn an ein vages Versprechen zu erinnern, die Miniaturen nicht ohne

sein Wissen aus den Händen zu geben. Arabella hatte, um Adalbert in

Unkenntnis zu lassen, einen Kunstagenten als Käufer vorgeschoben, dieser

war bestechlich und Adalbert schon seiner Sache gewiß, als er mit dem

Mittelsmann nach Heiligenstadt fuhr, wo sie die wirkliche Käuferin, eine

angebliche Frau von Werter, treffen sollten. Arabella hielt sich gern in

dem alten verlassenen Hause auf. Urbacher und Hedwig waren schon

abgereist. Sie ordnete und veränderte und im Geheimen künstelte sie

schon an einem Raum, der Givos Arbeitszimmer werden sollte. Ihr

Stiefbruder, der fünfzehnjährige Wolfgang, war eben bei ihr zu Besuch

gewesen, als sie sich zur Fahrt nach Heiligenstadt rüstete, und sie

hatte ihn mitgenommen. Währenddem sie mit den Gärtnersleuten sprach,

machte sich Wolfgang in der Bibliothek zu schaffen. Er saß in einer Ecke

über einem Mappenwerk, als Arabella eintrat. »Was studierst du da?«

fragte sie nähertretend, aber im selben Augenblick gewahrte sie die

seltsame Veränderung in des Jungen Gesichtszügen. Blaß und verzerrt

stierte er auf ein Bild, das seine zitternden Hände hielten. Ein Blick

genügte und Arabella packte das Heft, es ihm zu entreißen. Auf dem

Umschlag las sie von Urbachers sauberer Schrift geschrieben: »Kopien aus

der Sammlung Mannsthal.« Dazu ein P. in der Klammer. Es erwies sich, daß

sie zu schwach war, dem Jungen den gefährlichen Band aus den Händen zu

winden. Wie ein hungriges Tier, das um seine Futterschüssel kämpft, sah

er sie aus seinen glühenden Augen an, während seine verklammerten Finger

sich zu Eisen krampften. Als sie dennoch siegte, lachte er blödsinnig,

drohte sie zu küssen und frech zu werden. Scherz schien dieser Kampf und

war doch von beiden Seiten viel mehr als Spiel und Weigerung. Eines der

Bilder war zerfetzt und zur Erde gefallen, es stellte ein kleines

Mädchen dar, das in einer Speisekammer auf einen Sessel steigt, um

Süßigkeiten zu erhaschen, während ein Mann in türkischem Schlafrock und

Mütze sie auf unzweideutige Weise an den Röcken faßt. Arabella fühlte

die merkwürdige Fügung, durch die sie nun Tag für Tag an gewisse

Vorgänge gemahnt wurde. Eine seltsame Erregung erfaßte sie. Sie selbst

war ja damals fünfzehnjährig gewesen wie dieser Junge, der jetzt

keuchend die Arme um sie breitete. In diesem Augenblick fuhr knarrend am

hartgefrorenen Pflaster ein Wagen vor. Der Agent und jener Fremde, der

sie zu sprechen wünschte, waren angelangt. Wolfgang ließ ab und stürzte

aus dem Zimmer, während Arabella hastig das Mappenwerk zusammenraffte.

Gleich darauf trat Herr Blumenstock ein, hinter ihm -- Mannsthal. Sie

erschraken, er und sie. Sie hatte den Hut, nicht den Pelz abgelegt, ihr

Blondhaar, das verwirrt war, leuchtete über dem dunkeln Zobel. Er sah

ihr vom Ringen gerötetes Gesicht, ihre zornfunkelnden Augen, er fand sie

sehr schön. Nur eine Sekunde hatte er, als er so Arabella erblickte,

sich der Täuschung hingegeben, sie hätte, um Urbacher zu überlisten,

anonym für ihn die Sammlung gekauft. Aber sie sah ihn nicht an wie

einen, den man freundlich überraschen will, sie hatte ihm nicht die Hand

gereicht, sie stand sprachlos und bebte.

»Das ist ja ein seltsames Wiedersehen. Habe ich dich am Ende angesteckt

mit dem Sammeln,« sagte er und ging sogleich an die Tische heran. »Du

wußtest ja, was ich von Urbachers Sammlung halte. Nun und was gedenkst

du mit ihr anzufangen? Man wird doch noch ein Angebot stellen können,

hm?« Während er sprach, umkreiste sein Blick mit heißer Gier die Bilder

und er schien allmählich zu vergessen, daß jemand im Zimmer war, daß er

mit Arabella sprach, die er Jahre nicht gesehen hatte. Er beugte sich

tief herab, umschlang, verschlang mit den Augen die kleinen Kunstwerke

und streckte die zitternden Finger aus, ein oder das andere zu erfassen.

Mit Grauen erkannte Arabella den Blick, den heißkalten Blick, die

bebenden Finger, die mit derselben Gier sie spinnengleich umgarnt

hatten, dieselbe konzentrierte Aufmerksamkeit, dieselbe bebende

Besessenheit drückte sich in seinen Zügen aus. Noch brannten ihre Arme

von Wolfgangs starken Griffen, Adalberts Hände waren greisenhaft,

trocken wie verkohltes Holz. Sie sah die Einzelheiten der Veränderungen,

die mit ihm vor sich gegangen waren, sie gewahrte die vergeblichen

Verjüngungsversuche an dem gealterten Körper. Zum ersten Male fühlte sie

zu tiefst das Abnorme ihres kindlichen Erlebnisses, es schnürte, es

umpreßte ihre Kehle, es blies ihr den Atem stoßweise aus der Brust, es

sträubte ihr Haar, als stünde der Teufel in Person vor ihr und tränkte

die Luft um sie her mit Schwefelgestank. Und wie er nun lauernd von

Tisch zu Tisch schritt, war ihr, als müsse sie gleich Simson Säulen

umfassen und sich mit ihm und den Bildern in Trümmern begraben. Aber da

stand er ja noch, da ging er ja noch, ohne sie zu beachten, umher und

tat, als wäre dies alles doch schon unantastbar sein Eigen. Sie wollte,

sie mußte ihn aufrütteln mit bösen Worten aus der Benommenheit seiner

Gier. »Du bist also nur der Bilder wegen hergereist? Das ist wichtiger

als ich es dir bin. Hättest mich vielleicht gar nicht aufgesucht? Man

könnte ersticken in Verlassenheit. Wären Karinskis Briefe nicht, ich

wüßte überhaupt nicht mehr, was Treue und Dankbarkeit ist.«

»Ach so, Dankbarkeit. Ich soll dir also dankbar sein. Ach ja, mein Kind.

Bin ein wenig zerstreut. Diese süßen, kleinen Dinger da nehmen mich ganz

gefangen. Einzig! Was sagst du von Verlassensein? Sagtest du nicht etwas

Derartiges? Ich wollte dir übrigens von Givo erzählen, vom _ancien

ami_.« In diesem Augenblick bemerkte er eine Miniatur, die eine Brosche

vorstellte, und ihn über die Maßen zu fesseln schien. »Nein, so ein

Glückspilz, hat er dich erobert, dich Perle, Kleinod. Ja, sehe ich dich

wieder!« Er nahm das Bildchen zur Hand. »Wahrhaftig, du, du!«

»Givo,« stieß Arabella hervor. »Was weißt du von ihm?«

»Und das hat er mir verschwiegen,« sagte er, sich erregt zu Vögelchen

wendend. »Ich hatte eine Unsumme für dieses Stück geboten. Aber nun

werde ich es ja besitzen. Du wirst mir doch keine Schwierigkeiten

machen, Bella?«

»Du wolltest mir etwas von Givo ...«

»Ja, ich glaube, ich habe es nun vergessen, mußt Angele fragen. Reden

wir jetzt von Wichtigerem. Dieses Bild habe ich gesucht, gesucht! Warum

hast du die Sammlung gekauft? Um deinem alten Freund Urbacher eine

Freude zu machen, der sie bei dir natürlich am liebsten sehen wollte,

der dich so gegen mich aufgehetzt hat, daß er sicher zu sein glaubt, daß

ich sie nicht doch bekomme? Aber da hat er sich geirrt, nicht wahr, mein

Liebling! Wir werden uns schon verständigen.« Und in freudiger Erregung

war er ganz nahe an sie herangekommen. »Wie schön du geworden bist,

Bella,« sagte er. »Und das gibt vor, verlassen zu sein! Hast

wahrscheinlich täglich zehn Anbeter. Und sag, bist du, bist du noch

immer so, so erpicht darauf, so inpitoyable?« Er hatte sie umfaßt und

blickte sie mit faunischem Lachen an. »Da hätte man ja im Notfall noch

Glück bei dir. Im Notfall meine ich.« Ihr war wie im Angsttraum, wenn

man laufen will und nicht kann, wenn man schreien will und wie der

Taubstumme lallt.

»Wolfgang,« preßte sie hervor. »Wolfgang!« Es war nur ein Gestammel, das

der Junge draußen nicht vernahm.

»Wen rufst du da? Ist ein Retter in der Nähe, ein Ritter? Ich sagte es

ja. Hab keine Angst. Aber Spaß beiseite, ich biete dir das Doppelte des

Preises, den du für die Sammlung bezahlt hast, und lasse dir noch dazu

einige Stücke.«

»Du und Karinski, ihr habt dafür gesorgt, daß ich keine Geschäfte zu

machen brauche,« sagte sie.

»Wenn ich dir nun sage, daß mir unendlich viel an dem Besitz liegt,

willst du da mit Hilfe dieses Geldes, von dem du eben sprichst, willst

du mit meinem Gelde --«

»Pfui!« sagte Arabella und wandte sich ab.

»Sieh, Kind, du zwingst mich, so deutlich zu sein. Warum stellst du dich

so feindlich, was ist plötzlich in dich gefahren?«

»Plötzlich?!«

»Ja, denn früher warst du es, die dankbar war, nicht von mir verlangtest

du Dankbarkeit. Dankbar warst du mir, wie ich dir für wundervolle

Stunden, Stunden, die mir nie wiedergekehrt sind, Arabella, die mich

jetzt noch mit Schauern erfüllen. Nein, weiche nicht zurück, süßes Kind.

Ich habe zu viel Ehrfurcht vor dieser Oase in meinem oft qualvollen

Leben. Du hast mich beseligt, willst du mir jetzt einen Wunsch versagen,

dessen Erfüllung dir keine Entbehrung, mir aber eine Sehnsucht stillt,

die du nicht verstehen kannst. Denn sieh, Arabella,« begann er leise,

als flüstere er zu sich selbst. »Wirklich geliebt habe ich in meinem

Leben nur diese blassen Frauen und Kinderbilder, die wie ein Hauch sind,

daß jeder Blick schon Schändung bedeutet. Ja, die Wirklichkeit, sie ist

willfährig, oder wenn sie es nicht ist, so ist sie nicht so wehrlos wie

diese Gebilde, diese Opfer des Blickes! Könnte ich dir deutlicher sagen,

was für himmlische Gelüste sie mir bereiten und erfüllen -- --« Seine

Augen waren die eines Irren, seine tastenden Hände suchten die ihren.

Eiskalt kroch es ihr an den Gliedern empor.

»Das ist ja Wahnsinn,« sagte sie heiser vor Entsetzen.

»Ja, nenn' es Wahnsinn, ein heiliger Wahnsinn ist es. Aber nur so sind

wir glücklich, Bella. Das wahre Leben ist unerträglich. Sei behütet

davor, den Mut, den Wahn aus deinem Leben zu weisen. Hast du nicht

selbst dich betäubt, spieltest die Samariterin und glaubtest dem Elend

abzubitten. So sei doch wieder Samariterin. Man spricht noch jetzt von

dir in den Pariser Hospitälern. Wo ist deine Milde hingeschwunden? Gib,

gib mir sie, die Bilder, diese süßen kleinen Elfenkinder. Gib sie mir,

als hättest du sie mir geboren aus unserer Umarmung, Arabella, Ariel,

süßer Ariel.« Wieder war er ihr ganz nahe.

»Wolfgang,« rief Arabella nun laut und befehlend, und diesmal gab die

umklammerte Kehle den Laut frei.

Wolfgang trat ängstlich ein. -- »Hier stelle ich dir meinen Stiefbruder

vor,« sagte sie bebend. Und zu dem Jungen: »Dies ist Herr Mannsthal. Es

wird dich interessieren, ihn kennen zu lernen. Bitte, führe ihn dann zu

seinem Wagen, er weiß nicht, wie das Schloß funktioniert an der

Gartentüre.« Sie war an die Bilder und Dosen herangetreten und warf ein

schwarzes Tuch über einen der Tische. »Ich muß nun Vorkehrungen treffen,

daß die Dinge sogleich verpackt werden und der Galerie zugestellt

werden, der ich sie zugedacht habe.«

»Das wirst du nicht tun,« rief in zornigem Schreck Adalbert.

»Wir sehen uns wohl noch, ehe du reisest, etwa heute Abend in der Oper,«

sprach sie, atemlos Fassung erkämpfend. »Man spielt >Les Contes

d'Hoffmann<,« sagte sie mit böser Gleichgültigkeit. Sie nahm die

Brosche, deren Anblick seinen Bericht über Givo verdrängt hatte, und

steckte sie an. »Aber über die Miniaturen wollen wir dann nicht mehr

sprechen. Es langweilt mich. Vielleicht erinnerst du dich aber dessen,

was du mir von Givo sagen wolltest?!«

»Du bist schlagfertig geworden,« sagte Mannsthal mit verbissener Wut.

»Also, dies ist Wolfgang Gunter. Nicht übel. Diese Frau hat Talent,

deine Mutter nämlich -- -- Grüße sie herzlich von mir. Wollen wir aber

nicht alle gemeinsam zur Stadt fahren?«

»Ja, geht beide, nimm Wolfgang mit und bring ihn seiner Mutter.

Vielleicht hat sie mit dir zu sprechen. Sie ist oft so ratlos in ihren

Angelegenheiten. Ruf mir den Gärtner, Wolfgang. Ich bleibe noch hier.

Auf Wiedersehen heute Abend!«

Sie sah ihnen nach, dem gealterten Mann und dem Knaben. Im Bestreben

schlank zu bleiben war Mannsthal mager geworden. Sein Hals war gehöhlt,

sein Rücken rund, die ehemals prächtigen Schultern hatten sich gesenkt

wie ein morsches Gerüst. Arabella erschrak. Sie ersah das unbarmherzige

Schreiten der Zeit. Einen Augenblick durchzuckte es sie wie Mitleid: Mag

er sie haben, die Bilder. Dann erinnerte sie sich Urbachers. Seine

Kinder hatte er sie genannt, um die er sich gesorgt hatte. Ihr war nun,

als beschütze sie sich selbst in ihnen. »Aber es ist ja zu spät,«

murmelte sie, »längst zu spät.«

Der Gärtner kam, sie ließ die Truhen holen, die sein Herr zur Verpackung

der Bilder bestimmt hatte. Sie selbst legte Hand an, bettete sie sanft

ein wie in ein Grab. Als die Mappen daran kamen mit der Aufschrift P.,

zögerte sie. Sie blickte ins Feuer, beutegierig gab es den Blick zurück.

Schon sah sie es die ungeheuerlichen Blätter verschlingen, da tauchte

eine Nacht in ihrer Erinnerung auf. Von Givos Kind war sie gekommen,

gebrochenen Herzens. Ein Kranker mit verzerrtem Blicke hatte sie

umschlungen, während er auf ihren Knieen ein Buch hielt, in dem sie

lächelnd blätterten. Eine böse Lust war in ihr sich zu erniedrigen, das

Unrecht, das ihr geschehen war, zu rechtfertigen. Es gewährte Freude,

diese lüsternen schamlosen Bilder mit Malpasse zu besehen und sich

schamlos zu gebärden, während sie vor Scham verging. Gab es nichts

Böseres noch, sich zu brandmarken, daß die quälende Anklage in ihr

erstürbe?!

Dieser Stunde gedachte sie nun und ihre rächende Hand verschonte die

Mappen. »Nicht an mir ist es, zu richten,« sagte sie sich. Aber ihr

Blick ins Feuer wurde unheimlich starr, visionär. Sie sah die Scheite

knistern und stürzen. Es war ihr, als ginge dort unter stürzenden Balken

sie selbst und die Welt zugrunde.

* * * * *

Eine Woche nach Adalberts Abreise erhielt Arabella eine Depesche von

Karinski, die seine Ankunft meldete. Mannsthal hatte auch seine Hilfe

angerufen, seine Frau zu bestimmen, die Miniaturen auszuliefern. Er

hatte ihm nicht verschwiegen, daß es um ihre Nerven nicht am besten

stünde. Eine plötzlich unüberwindlich gewordene Sehnsucht und Sorge

hatte den Grafen zu Vögelchen getrieben. Auch er hatte sie fast zwei

Jahre nicht gesehen. »Wer weiß, ob du noch lange frei bist. Ich mußte

eilen,« hatte er gesagt.

»Hängt meine Freiheit denn nicht von dir ab,« fragte Arabella und

schmiegte sich dankbar an ihn. Wie edel erschien er ihr neben Mannsthal,

der nicht abließ sie in vielen Briefen um die Sammlung zu bitten.

»Um Johannis blühen manchmal die Bäume wieder, aber darum ist es doch

nicht Frühling,« sagte der Graf und zog mit wehmütigem Lächeln ein

Schriftstück aus der Tasche. »Hier der Scheidungsbrief, falls du ihn

brauchen solltest.«

»Ich habe einen Aberglauben gegen gut vorbereitete Dinge,« erwiderte

Vögelchen. »Behalte den Brief, mein Guter.«

Nachdem der Graf abgereist war, bemächtigte sich Arabellas fieberhafte

Unruhe. Immer deutlicher fühlte sie das Ereignis nahen, Wetterleuchten

zuckte in ihrem Blut.

Es war an dem Tag, der dem Eröffnungsabend des Gastspieles Calese

voranging, als Arabella, von plötzlichem Lufthunger ergriffen, das

Fenster ihres Salons öffnete. Ein föhnartiger Wind strich über die Bäume

des botanischen Gartens. Sie beugte sich hinaus und erblickte am Ende

der Straße einen Mann, der sich entfernte. Es durchzuckte sie seltsam.

Im selben Augenblick hörte sie der Taube Flügelschlag und fühlte, wie

sie sich auf ihre Schultern niederließ. Wie so oft neigte sie ihr die

Wange und empfing ihre Küsse. Da plötzlich begann die Taube unruhig zu

flattern, hob die Schwingen und schon flog sie über die Straße den

Bäumen zu. Der Ruf erstarrte Arabella in der Kehle. Die Taube ließ sich

auf einem der höchsten Gipfel nieder, um gleich wieder, wie gescheucht,

in den dämmerigen Himmel aufzusteigen, wo sie schließlich, ein kleiner

schwarzer Punkt, ihrem angstvollen Blick entschwand. Mit einem Schrei

sank Arabella in Luisens Arme, die eben die Robe für den Theaterbesuch

hereinbrachte. Nun lag sie in Tränen, von den jammernden Dienstboten

umgeben, die alle die Taube lieb gehabt hatten. Der Portier war auf die

Polizei gegangen und hatte Annoncen an die Zeitungen getragen, die dem

redlichen Finder der Lachtaube Putzi, die ein goldenes Herzchen an einer

Halskette trug, einen märchenhaften Finderlohn versprach. Arabella hätte

am liebsten auf den Theaterbesuch verzichtet, um so mehr als Frau Gunter

die Post sandte, Kopfschmerzen hinderten sie die Gräfin zu begleiten.

Luise, das Kammermädchen, die nun gewiß war ihre Herrin vom Theater

abholen zu dürfen, was ihr, einer Theaternärrin, schon Vergnügen

bereitete, bettelte in ihrer eindringlichen Art, Euer Gnaden dürfe sich

der Traurigkeit nicht hingeben. Im Theater würden die Frau Gräfin

vergessen. »Vergessen, Luisel, was glaubst denn, mein Tauberl

vergessen?« Aber schon fühlte sie das Außergewöhnliche, das ihr

geschehen sein mochte, ein Zeichen vielleicht, das sie annehmen sollte

ohne zu klagen. Und sie mußte an all die Wunder ihres Lebens denken. Sie

stand vor dem venetianischen Spiegel, in dessen geschliffenen Blumen die

Kerzen sich funkelnd spiegelten. In ihren Augen glitzerten noch die

Tränen, der Schmerz gab ihrem Antlitz etwas rührend Kindliches. Luise

heftete ihr eine tiefrote Rose in die fahlblonden Wolken ihres Haares

und öffnete die Schmuckkassette, die neuerdings von Karinski bereichert

worden war. Aber Arabella wollte Trauer um das Täubchen und schob sie

weg. Ach, nun würde sie der Calese schmerzdurchfurchtes Antlitz um so

tiefer bewegen, da sie selbst sich so seltsam verworren fühlte im

Rätselhaften. Die Qual um die Heimat, die sie von dem Tag an genährt

hatte, als Givos Kampf an der Mutter Krankenlager begann, sie spürte sie

nun zu einem Ende gesteigert. Wie der Vogel, dessen Flügel vor dem Ziel

zu erlahmen drohen, während tief unten die Wellen des Meeres

unerbittlich drohen, sah sie sich mit letzten Anstrengungen dem Ufer

zusteuern, das ihr die Entscheidung bergen mußte.

Vögelchen · 第 67 / 74 题