Der Brief erhob sie über den Schmerz. Ihre Sehnsucht ward wie einst
Aufstieg zum göttlichen Licht. Ihre Liebe war Demut auf allen Wegen und
trug nicht irdische Fessel mehr. Um sie war alles Lustbarkeit, müßiges
Sonnen in der Stadt der Blumen. Sie konnte mit den Freunden lange auf
dem Boulevard des Anglais sitzen und scherzen wie andere schöne Frauen.
Klima und Menschen umgaben sie mit Zärtlichkeiten. Olga vergötterte sie
und Mannsthal war eifersüchtig auf diese Liebe. Neben der viel jüngeren
Olga war ihm Arabella nur die Tochter, auf deren reizvolle Erscheinung
er stolz war. Ein leichter wissender Ton des Scherzes war zwischen
ihnen. Sie war sich selbst verwandelt, ihre Schwere aufgelöst im
Einatmen der Freude, ihre Tränen wie aufgesogen vom heißen Blau des
Meeres und von dieser berauschenden Lichtfülle, die im Süden wie ein
Wunder beglückt. Zuweilen im Gespräche mit Angele kam Erinnern an
Schmerz und Glück. Sie war mit ihr ernst und vertraut und unterhielt
sich mit ihr über das Kind, als wäre sie selbst schon Mutter gewesen.
Dem Kleinen gegenüber war sie nicht so kindlich aufgeschlossen mehr, wie
sie es zu Alphi gewesen. Da mußte sie an ihre Fahrt nach Quesnon denken,
an den Augenblick, wo sie Angele im Garten erblickt, und zuweilen auch
an ihre verlorene Hoffnung auf ein Kind. Eine andere wieder war sie mit
Karinski. Ihm war sie ein Fabelwesen, das man vor der Wirklichkeit
schützen mußte. Er ließ sie selten allein, wenn sie ohne die anderen
ausgegangen war, schlenderte ihr nach, wanderte mit ihr von Laden zu
Laden, um schöne Dinge für sie auszuwählen, entrückte ihr das Leben, in
dem es Arme und Unglückliche gab, daß ihr nicht, wie ehedem, die
Sorglosigkeit geraubt sei. Er war fast immer bei ihr, ohne sie zu
hindern sich unbewacht zu fühlen. Er lenkte selbst ihre Aufmerksamkeit
auf Bewundernde und hielt sich abseits, wenn sie sich mit jungen Leuten
vergnügte. Einmal sah sie auf dem Boulevard des Anglais Guy de Malpasse,
der ihr in Louvais nach jener Klosternacht begegnet war. Er erkannte sie
nicht. Sein Blick hatte sich verdüstert, er flammte dunkel auf, als er
in den ihren brannte. Sie wandte sich leichthin, er desgleichen. Sie
lächelten fast schmerzhaft. Dies war das erste Mal, daß Arabella jenes
Spiel der Augen übte, bewußt des Spielens und der Lockung. An Tagen
irdischer Sehnsucht, wo sie sich hinsetzte an Givo zu schreiben, um dann
den Brief in tausend Fetzen zu reißen und diese rasch irgendwo
unsichtbar zu machen, wie um die Schmach ihrer Schwäche zu verwischen,
kleidete sie sich mit Sorgfalt und flog unter die schaulustigen
Menschen, hungrig nach bewundernden Blicken, die ihr Feuer sänftigten.
Sie fühlte, daß sie auch Adalbert nicht widerstehen würde, wenn sein nun
an der fremden Bewunderung aufflackerndes Begehren mehr als Blick und
Scherz wurde. Da machte Karinski der Schwüle ein Ende und bat sie, ihn
auf seiner Reise nach der Schweiz zu begleiten, wohin er Olga bringen
wollte.
* * * * *
_Mon cher_ Pierre, zuerst von den Kindern. Ich danke dir, daß du auf
Schloß Wolonsk die Vorkehrungen für meiner Schwester Ankunft getroffen
hast. Nadescha und Maria haben mit ihrer Freundin, der Prinzeß Lisa, die
Pension verlassen und Melissa Wolonskaja, meine Base, bringt die Mädchen
nach Hause. Boris bleibt noch ein Jahr in der Akademie. Bis dahin bringe
ich Olga und --? -- dann?
Ja, Pierre, ich liebe sie, ich liebe Arabella, dieses Wesen aus Traum,
Leidenschaft und Sanftmut gewoben, diese Blume, dieses Kind, diesen
Engel, diese kleine Dirne. Ich habe Tanja geliebt, wie man zur schwarzen
Mutter Gottes in seiner Schloßkapelle zu Hause betet, aber Vögelchen,
Vögelchen bete ich an wie eine heidnische Gottheit, vor der nackte
Sklaven die Stirne in brennenden Wüstensand tauchen. Sie lebt bei mir.
Nachts schläft sie im anstoßenden Gemach. Ich sehe, wie sie die Perlen
vom Halse löst, ihre Locken herabwallen läßt auf die elfenbeinernen
Schultern und ich warte auf den Augenblick, wo sie das Hemd gegen ihr
Nachtgewand vertauscht und ab und zu -- vielleicht zweimal in acht Tagen
-- eine ihrer kleinen Brüste dabei sichtbar wird. Dann fühle ich ihren
Kuß, halte sie drei Minuten lang im Arm, trage sie in ihr Bett und
verlasse sie rasch. Und morgens bin ich dabei, wenn sie Toilette macht.
Wir reisen nun schon zwei Jahre und es wird immer köstlicher. Meine
Liebe will nicht mehr als dies: sie zu begehren und dennoch nicht zu
besitzen. Darin liegt alle Läuterung, aller Buße Süßigkeit. Pierre, du
hattest viel Weiber, aber du hattest dies nicht, diese Nächte des
Fiebers, diesen Wahnsinn einer freiwilligen Entsagung. Einmal -- in Genf
war es -- da erwachte sie aus der Ekstase der Sehnsucht um ihren
verlorenen Geliebten. Sie erwachte aus diesem Bann, der sie keusch hält,
sie, die schon viel Lust genossen hat. Es war, wie seltsam ist das, zur
Zeit, als sich ihr Geliebter verheiratete, denn wir verheimlichten es
vor ihr. Sie hat es erst kürzlich erfahren. Zu dieser Zeit war sie
wieder im wachen Leben, schmückte sich sorgfältiger und erwiderte den
Blick der Männer. Und eines Tages traf sie Hettwer, den Dichter, einen
Freund ihres Geliebten. Ich fuhr zu meinen drei Mädchen nach Lausanne.
Als ich zurückkam, erzählte sie mir, sie habe auswärts geschlafen bei
einem Unglücklichen. »Schade um jede einsame Nacht, in der auch ein Mann
allein ist und sich nach Frauen sehnt.« »Und jetzt, jetzt hast du ihn
wieder verlassen?« »Ja, jetzt bist du wieder hier.« »Ich, alter Mann?«
»Ja, du alter Mann, der mir meine Sehnsucht läßt.« So ist Arabella. Ich
werde ihr meinen Namen geben, wenn ich sie verlassen muß, um mit Olga
nach Hause zu fahren, die Kinder zu verheiraten und die Güter zu
besorgen, auf denen jetzt der Teufel haust. Ich werde sie verlassen mit
gebrochenem Herzen und ihr lächelnd sagen: ich gehe, damit ihr ein
Junger die Sehnsucht -- nimmt. Manchmal wünschte ich -- obwohl sie reich
ist -- und es durch mich noch mehr sein wird -- sie wählte einen Beruf,
eine Beschäftigung, wenn ich von ihr gehe. Aber sie will nichts hören
davon: Ich kann nur Briefe schreiben, sagt sie oder Tagebuchblätter,
aber auch die zerreiße ich und vernichte ihre Spuren. Manchmal verbrenne
ich sie oder ich gehe weit und werfe sie in treibendes Wasser. Soll ich
auf Leinwand malen, wo ich doch in mir viel schönere Bilder habe? Soll
ich Schauspielerin werden und vor Ehrgeiz häßlich werden? Hettwer kannte
eine Schauspielerin, die in einem seiner Stücke spielte. Sie gönnte
keiner anderen ihre Rolle; als sie Masern hatte, trat sie mit den roten
Flecken im Gesicht auf, damit keine andere sie verträte. Nein, das
Theater ist häßlich. Ich möchte tanzen, tanzen, die Kleider von mir
werfen und die Luft umkreisen, daß sie mir Flügel gäbe und mich zu sich
nähme. Soll ich einmal vor dir tanzen, Nicolai, wie Salome vor Herodes?
Und wahrhaftig, Pierre, sie tanzte einmal vor mir. Sie hatte sich in
Schleier und Ketten gehüllt und das Licht mit gelben Tüchern verhängt
und sie tanzte vor dem Spiegel und die Perlen rollten um sie, sie tanzte
sich die Schleier von ihrem unbändigen, knabenhaften Leib. Dann sank sie
auf den Teppich und schlief sogleich ein, als wäre das alles
nachtwandlerisch gewesen. Ich ließ sie allein, versperrte die Türen und
ging -- und du kannst dir denken, wohin ich gehen wollte. An der
Schwelle kehrte ich dort um.
Seit vier Tagen sind wir in München. Es ist Karneval. Ich möchte sie
heiter sehen. Seitdem sie von dieser Heirat weiß, geht sie oft in
Schwermut einher. Nun leb wohl, Pierre. Ich bin sehr glücklich.
Erinnerst du dich noch, wie wir, siebzehnjährig, auf den Scheunen von
Wolonskaja den Dorfmädchen Kinder machten? Nun haben uns diese gewiß
schon zu Großvätern gemacht und ich liebe noch immer, liebe wieder zum
ersten Mal.