Sie lag im verdunkelten Gemach, der alten Magd weiße Haube leuchtete im
Raum. Ab und zu plätscherte das Wasser im Kupferbecken, wenn Minka die
Kompressen auf der Herrin Stirn wechselte. Eine große Balkontüre, halb
von wildem Wein verhangen, stand offen. Vom Hafen her kam der Ruf der
Dampfpfeifen wie angstvoller Aufschrei. Frau Lea Givos Qual war in dem
Wehruf, der in die Unendlichkeit des Meeres klagte. Sie lag und rührte
kein Glied. Sie hatte sich's verschworen, wie lahm zu liegen, bis daß
der Sohn ihr wieder Ruhe und Zuversicht brächte. Sie wartete auf ihn.
Flog nicht sein leichter Schritt über den Kies? Der Abend kam, die
Amseln lärmten im Garten. Schlaflose Nacht senkte sich mählich herab.
Die alte Minka war im hohen Armstuhl eingeschlafen.
* * * * *
»Und wo sich abwandten
unsere Brüder --«
Als Givo früh am Morgen Vögelchens Zimmer verlassen hatte, um das seine
aufzusuchen, begegnete ihm auf der halbdunklen Treppe Mannsthal. Sie
standen einander gegenüber, der Ältere mit flüchtigem Lächeln, der
Jüngere mit verhaltener Abweisung. »Sie wollen zu Arabella?« fragte Givo
nach der Begrüßung, ohne Wärme, ohne des anderen Lächeln zu erwidern.
»Ja, ich erfuhr abends, daß sie sich noch hier aufhalte, und wollte
nicht, daß sie wieder allein fährt.«
»Sie wird nicht allein fahren,« sagte Givo. »Darf ich Sie bitten, sie
jetzt nicht aufzusuchen. Es würde ihr die Ruhe rauben, die sie kaum erst
wiedergefunden hat. Wollen Sie mir die Ehre erweisen, mit mir zu
frühstücken?«
Mannsthal folgte Givo in das Gastzimmer hinab. »Vielleicht haben wir
einander noch einiges zu sagen,« sprach er. »Frau von Twede ist wohl?«
fragte Givo. »Darf man vorsprechen?«
»Frau Mannsthal empfängt jetzt nicht gern. Sie wissen wohl: sie erwartet
ein Kind. Sie würde zwar Ihnen gegenüber gern eine Ausnahme machen.
Wollen Sie heute kommen?«
»Ich will nicht lästig fallen. Verzeihen Sie überdies, ich wußte nicht,
daß Angele sich wieder verheiratet hat. Ihre Stieftochter war auch nicht
verständigt?!«
»Ich hatte Arabella erst vorbereitet. Über unsere Verheiratung
unterblieb aus Rücksicht für den Legationsrat jede öffentliche
Mitteilung. Angele wollte Ihnen indes selbst Mitteilung machen.«
»Es wird mich sehr glücklich machen von ihr Nachricht zu erhalten. Sie
wissen, ich schätze sie über die Maßen. Wie froh bin ich, daß sie ein
Kind haben wird. Es empfiehlt sich wohl doch nicht, daß ich sie besuche.
Es wird besser sein, wenn Arabella nicht einer Peinlichkeit ausgesetzt
ist, und ich möchte gerade vor Angele nicht mein Hiersein bemänteln. Ich
bin gewiß, daß Arabella nur Freundliches für Angele empfindet und diese
für sie, aber lassen wir erst Gras über diese aufgewühlte Erde wachsen.«
»Sie haben wahrscheinlich recht und ich sehe, daß ich keinem
gewissenhafteren Freund Vögelchen anvertrauen könnte.«
»Noch eines möchte ich zur Sprache bringen,« unterbrach Givo. »Sie
wissen, daß Arabella sich zufolge eines Briefes jenes Studenten, den ich
schon beruhigt glaubte, um ihre Mutter abquält. Halten Sie eine
Vereinigung der beiden Frauen für möglich?«
»Vögelchen hat keine Mutter,« sagte Mannsthal kühl.
Givo runzelte die Stirn.
»Diese Dame hat Arabella gegen eine sehr hohe Summe an mich abgetreten,
auch ihr Mann wurde von mir bezahlt. Nennen Sie mich einen Verbrecher,
weil ich sie kaufte und so Mutter und Kind getrennt habe, aber fragen
Sie sich selbst, ob eine Mutter, die diesen Namen verdient, sich ein
Kind abkaufen ließe! Sie hat ihre Mutterschaft veräußert. Unser Vertrag
war vor Gericht nichtig. Sie hat es aber nie zu einem Prozeß kommen
lassen, weil sie sich zu unsicher fühlte.«
»_Bien_, aber sie hat es bereut, sie wünschte das Kind zurückzugewinnen.
Sie haben es verweigert, weil Sie selbst es nicht lassen wollten. Jetzt
aber?« Givo war blaß, er neigte sich vor, die Antwort rasch aufzufangen.
Er selbst wünschte nicht Vögelchen an die ihr fremde Mutter zu
verlieren.
»Jetzt aber fände Arabella an dieser Mutter eine in ihrer zweiten Ehe
glücklich verankerte Frau, die im Grunde nur ein Kind hat, das sie ihrem
zweiten Mann geboren. Daß sie sich nach Vögelchen sehnt, ist eine
Erfindung dieses Verrückten, der Arabella in seine Heimat zurücknötigen
will. Ich bin gewiß, daß Frau Gunter beruhigt war, als sie erfuhr, daß
ich ihre Tochter nicht heiraten werde und daß sie zufrieden unter gutem
Schutze lebt. Am Tage meiner Verheiratung habe ich Arabella eine
lebenslängliche Rente ausgesetzt, die ihr erlaubt in bestem Wohlstand zu
leben. Dies habe ich Frau Gunter mitgeteilt und sie hat seither ihrem
Pariser Vertreter geschrieben, daß er nunmehr seine Nachforschungen, die
ihr wohl auch zu kostspielig geworden sind, nicht weiter verfolge.
Würden Sie selbst Arabella raten sich in dieses fremde Heim
einzudrängen?«
Givo hatte den Kopf in die Hand gestützt. Er empfand in diesem
Augenblick eine grenzenlose Liebe für das Mädchen, das seine Geliebte
war und dem er Obdach und Zuflucht sein wollte. Hatte er aber nicht das
Unrecht gehäuft, wenn er es als Unrecht empfand, daß der Mann ihm
gegenüber das Kind besessen, der Mann, dessen Schutz sie noch
unterstellt war. Oh, daß er sie nicht für alle Zeiten jedem fremden
Anrecht entreißen konnte! Das Bild seiner zelotischen Mutter stand
säulenhaft aufgereckt vor ihm auf und drängte die Worte in seine Kehle
zurück. Noch konnte er sie nicht zur Frau verlangen.
»Nun, lieber Givo,« sagte Mannsthal, der nicht mehr auf Antwort wartete.
»Ich halte es für besser, wenn ich Ihren Rat befolge, mich jetzt zu
entfernen. Sie reisen --?«
»Morgen in der Früh --«
»Auf Wiedersehen, _cher_ Givo -- bis -- wie sagten Sie doch, Gras über
der aufgewühlten Erde steht. Und -- -- ich würde Ihnen danken, aber Sie
-- ja selbst Sie verachten mich ja --«
Givo sah fragend in Mannsthals Blick. Spottete er oder war er ernst?
»Ich achte Sie als den Gatten Angeles,« sagte er. »Ich liebe Sie als
einen, der gelitten hat.« Mannsthal reichte ihm die Hand, Givo berührte
sie leicht, er geleitete ihn zur Türe. Dann ließ er sich Papier geben
und schrieb an seine Mutter.
* * * * *
Celia hielt Andachtsstunde in der Glycinenlaube.
»Ich will euch vom heiligen Coemgen, dem Gründer und Vorsteher des
Klosters Glendalough, erzählen,« sprach sie. »Der war schon ein
Greislein geworden, ging vornübergebeugt wie die Bauern, denen lange
Arbeit den Rücken gekrümmt. Der heilige Coemgen war auch ein emsiger
Ackersmann gewesen, er hatte Liebe gesäet sein Leben lang. Nun war er
hochbetagt, da überkam ihn Wanderlust. Als er Wiesen und Wälder
durchschritt, öffnete sich ihm eine moosige Zelle und der heilige
Einsiedler Barban trat hervor und sagte: »Wohin, Mann Gottes? Was
wanderst du umher statt still an Ort und Stelle abzuwarten, bis sich die
Unruhe in dir löst. Oder hast du jemals vernommen, daß ein Vögelchen
seine Eier im Flug ausbrütet?« Heilsam beschämt kehrte Coemgen zurück
gegen Glendalough. Am Wege aber wollte er noch den blinden heiligen
Berchan besuchen. Der ließ dem staubbedeckten Pilger ein laues Bad
bereiten und, als nun die beiden heiligen Männer beisammen saßen, da
rief der Blinde, als wäre er sehend geworden: »Was sitzt denn auf den
Schuhen dieses frommen Pilgrims? Ich glaube gar, es ist ein Dämon!
Hinweg, du Ausgeburt, wie wagst du es, den Schuh des Abtes zu berühren!
Fort mit dir!« Aber das Teufelchen auf dem Holzschuh rief: »Wir haben
uns lange abgeplagt und konnten dem Braven nichts anhaben. So mußten wir
es versuchen, ihn unter dem Schein des Guten aus seiner heiligen Ruhe zu
locken. Ich schlüpfte in seinen Schuh und habe ihn zu dieser Pilgerreise
verführt.« So sprach das Teufelchen und verschwand. Der heilige Coemgen
gelangte nach Glendalough und verharrte fortan in Frieden, bis er
verstarb. Das Schuhteufelchen aber blieb am Leben und jüngst hat es
seinen Besuch in Chaly gemacht. Da gefiel ihm ein kleines Stiefelchen
aus schwarzer Seide an einem zierlichen Füßchen, das viel kleiner war
als der Holzschuh des heiligen Coemgen, in den schlüpfte es und hieß es
davoneilen, ohne Beratung. Wohl ihm, daß es auf dem Wege Schutz gefunden
hat und klüger zurückgekehrt ist nach seinem Glendalough.«
Das war alles, was Celia über Arabellas heimliche Reise sprach.
Vögelchen aber wartete, bis die anderen gegangen waren, dann kniete sie
vor Celia hin und küßte ihre Hand und obwohl Givo im Hause war, blieb
sie um Alphi beschäftigt und all die versäumten Vorfälle seines kleinen
Lebens, die ihr Helene berichtete, schienen ihr von größter Wichtigkeit.
Givo aber saß wie an jenem ersten Abend, da er Vögelchen zu Celia
gebracht, im Bücherzimmer beim Abendtee mit der Freundin allein.
»Du mußt deiner Mutter Widerstand besiegen,« sagte sie. »Oder willst du
sie nicht aufnehmen in dein Leben um des einen willen, das sie dir teuer
gemacht hat, daß sie rein durch das Laster gegangen ist?«
»Ich will sie aufnehmen in mein Leben, sobald du sie mir zuführst,«
sagte er.
»Ja, nun ist sie unter meinem Schutz und soll es noch eine Weile
bleiben. Du magst um sie werben.«
»Wie soll ich das! Mein Glaube kennt keine Vermählung in Gotteshäusern.
Was verlangst du an äußeren Zeichen?«
»Daß du sie hältst wie deine Frau und niemals mit einer anderen wohnst,
daß du sie nicht verlassest oder ihr Schmerz bereitest, der ihr die
Heimstatt verstört. Daß du ihr die Ruhe des Verweilens schenkest ohne
sie fühlen zu lassen, daß du einen Teil deiner Freiheit um ihretwillen
aufgegeben hast. Nichts ist beschämender für die Frau, als wenn der Mann
mit der Sklavenkette klirrt. Denn wisse, Frauen, deren Rechte nicht in
den Gesetzesbüchern der Menschen stehen, sie können nur vor Gott
hintreten, wenn sie verletzt werden. Und sie müssen ihres Besitzes weit
sicherer sein als die Ehefrauen, die das äußere Band stützt und hält,
wenn sie für ihr Glück fürchten könnten. Und oft ist uns das nicht
haltenswert, um das wir fürchten müssen aus fühlbarer Rechtlosigkeit.«
»Celia,« sagte Givo, »Arabella ist nicht vom Dämon des Stolzes
heimgesucht. Du warfest einst ein Glück von dir, weil du meintest, es
sei dir nur gnädig zugemessen bis auf Widerruf.«
»Ja, ich fühlte die Stunde des Abschiedes in jedem Kusse bis zur
Unerträglichkeit. So warne ich dich denn: gib ihr die Ruhe des Bleibens.
Wenn du erwogen hast, daß du dies kannst, dann nimm sie in deine Tage
und Nächte, Manuel!«
»Wie schlicht du es siehst. Es gibt Bündnisse, die uns erwählen, ein
solches ist das unsrige, es ist bedingungslos geschlossen und Gott hat
den Schlüssel zu sich gesteckt. Ich wollte, er behielte ihn und waltete
unseres Friedens. Dir hat er ihn einst zurückgegeben, vielleicht zur
Probe nur, da liefst du hin und befreitest dich. Ob nicht der andere
sich umschlossen fühlt von der Erinnerung! Warum kommt er niemals, den
kleinen Neffen zu sehen, Vögelchens Liebling? Er fürchtet sich vor dem
lebendigen Bild. Wirst du niemals versuchen Gott den Schlüssel
wiederzugeben?«
»Vorbei,« sagte Celia und legte die Hände vor die Augen. »Es ist nicht
gut den Stolz der Frau zu versuchen. Wozu die Kraftprobe, da ihr euch
doch die Starken nennt!«
»Ach, Celia, ihr wäret nicht stolz, wüßtet ihr immer das Ende. Aber ihr
glaubt, wenn ihr geht, man holt euch zurück und ihr habt es dann besser
denn je,« sagte er.
»Hüte dich davor, Vögelchens Stolz zu reizen!« rief sie.
»Warum sagst du das, Celia? Sie ist nicht stolz. Das liebe ich an ihr.
Sie ist vor allem selbstlos.«
»Aber die Selbstlosen sind die Leichtestverletzlichen. Ihr Einsatz ist
immer größer als der der anderen.«
»Wenn eine Frau von mir ginge, die ich an mein Herz geschlossen habe,
ich folgte ihr nicht, ich riefe sie nicht.«
»Aus Stolz, du, Manuel?!«
»Nein,« sagte er lächelnd, »wie kann man stolz werden an Besitz, der
sich nicht erweist. Ich habe kein Besitzgefühl, das hat die Frauen oft
glauben gemacht, sie wären mir wertlos. Und dies Gefühl, ihrer nicht
wert zu sein, läßt mich oft die Gesellschaft der Dirnen suchen. Da fühle
ich mich freier und entbehre doch nicht das Weib. Ja, ja, Celia, ich
weiß, was du sagen willst, ich bin nicht undankbar. Frauen, wie du und
Angele es sind, gibt es wenige. Was mich bei euch freier machte,
verpflichtete mich auch. Ich konnte nur nehmen und nicht leicht nahm
ich, konnte nie fordern und halten, was sich wenden wollte.«
Die Türe wurde aufgerissen, Gaston, der Sechzehnjährige, stand auf der
Schwelle, er wurde rot vor Scham, als Celia erschrocken aufstand.
»Ich dachte, du wärest allein, Tante Cecile,« sagte er. Er würdigte Givo
keines Blickes.
»Das dachtest du, Gaston? Wolltest mir wohl Gute Nacht sagen?« fragte
Celia mit Milde. »Ein anderes Mal stürm' nicht so, Gaston.« Er küßte
ihre Hand, vor Givo verneigte er sich und ging.
»Eifersucht,« sagte Celia lächelnd. »Ich nenne ihn Nemidh mit der reinen
Hand. Kennst du die Legende von der heiligen Brigitta, die einen jungen
eleganten Kleriker zur Bescheidenheit bekehrt und ihm verheißt, daß er
ihr die letzte Ölung spenden werde. Er hütete sich die Hand zu
verunreinigen, die einst seiner Heiligen das Salböl reichen sollte,
daher erhielt er diesen Namen »Nemidh«.«
»Ich fürchte, er ist ganz weltlich in dich verliebt,« sagte Givo
lachend.
»Sein Vater, der Bildhauer, ist im Zuchthause,« sagte sie. »Man hat ihn
verurteilt, weil er angeblich seine eigene Geliebte getötet. Ich war zu
jener Zeit mit ihm verlobt. Gaston weiß das. Begreifst du, daß seine
kindische Liebe mir heilig ist, daß ich diesen Unglücklichen niemals
kränken werde!«
»Oh, du liebe Gute,« sagte Givo und freute sich, daß Celias Hand die
seine warm umfing, dem alten Bund zur Bekräftigung.