Imanuels Vater war Spanier, Chemiker von Beruf und hatte sich mit dem
Studium offizinaler Pflanzen befaßt. In Indien und Südamerika hatte er
Plantagen besessen, in einer deutschen Hafenstadt sein Lager und eine
Fabrik zur Verwertung der Rohprodukte mit umfangreichem chemischen
Betrieb. Seine schwankende Gesundheit war durch Seereisen gefestigt, als
er sich noch mit fünfzig Jahren ein zweites Mal zur Ehe entschloß. Er
heiratete Lea Jakobs. Ihr Vater war Holländer, die Mutter eine
Norddeutsche, in Hamburg begütert. Amos Givo war ein Mann von seltener
Schönheit gewesen. Immanuel erinnerte sich mit Andacht des schwarzen
Feuerblickes unter weißen Brauen, der edlen elastischen Gestalt, der
klangvoll starken Stimme, deren Ausdruck unvergeßlich war. Lea war
achtzehn Jahre alt gewesen, kaum ihrer Glaubensschule entwachsen, als
der Bund geschlossen ward. Die Eheleute der Sekte, deren Givos Eltern
angehörten, heirateten nur selten nach der Staatsreligion, zu der sie
sich bekannten, und wenn dies geschah, so hatte diese formelle Trauung
nur den Zweck, alles zu vermeiden, was die geheime Sekte gefährden
könnte. Ihren Vorschriften nach blieb die Ehe frei und ward ohne
jegliches Gelübde geschlossen. Ihre Verpflichtungen waren religiöser und
seelischer, nicht gesetzlicher Natur. Die Heirat bedeutete bei ihnen die
Verschmelzung des Lichtes mit der Erde, die Vereinigung von Geist und
Blut, die Verklärung der Leidenschaft, sie war nicht Schwur einer Frau
und eines Mannes einander zu dienen und Treue zu bewahren, sie war
unlösliche Vermischung ohne äußeren Zwang und erzwungenes Gesetz, eine
elementare Verbindung, deren Vollzog rein innerlich ist. Der Himmel, in
dem diese Ehen geschlossen werden, ist das Weltenlicht, das die Erde
durchdringt.
Lea Jakobs war siebenunddreißig Jahre alt, als ihr Mann starb. Ihre
Liebe für ihn war exstatischer Überschwang, die Treue nach seinem Tode
nährte den Glauben an ihre gemeinsame Lehre. Manuel war damals 17 Jahre
alt. Sein Vater hatte vor seinem Tod alle Liegenschaften verkauft, um
den Sohn nicht an Geschäfte zu binden, ihm volle Freiheit für das
erwählte Studium der Astronomie zu gewähren. Der Jüngling reiste zwei
Jahre lang, traf dann seine Mutter in Spanien, wo sie gemeinsam die
Familien der Sekte besuchten, die dem Vater verwandt oder nah
befreundet waren. Imanuel lernte Uhari, einen Weisen und zugleich
Leidenschaftlichen, kennen, mit dem er seit seinem vierzehnten
Lebensjahr in Briefwechsel gestanden hatte. Er liebte ihn mit
ehrfurchtvoller Glut. Doch lange war ihm die Freundschaft mit diesem
Mutigsten der Sekte nicht vergönnt. Eine tückische Krankheit raffte
zugleich den noch jungen Mann und seine Frau hinweg. Die
Glaubensgenossen vermuteten einen Giftmord und hielten sein Andenken wie
das eines Märtyrers ihrer Lehre. Uhari hinterließ eine Tochter Zora, die
zur Zeit, als Givo Arabella in sein Leben nahm, in die Glaubensschule
eingekleidet werden sollte, nachdem sie unter Lea Givos Wohltaten
herangewachsen war.
Fünf Jahre nach dem Tode ihres Mannes, als Imanuel in Paris und
Greenwich studierte, erbte Frau Givo nach ihrer Mutter deren Villa in
H., ein ehrwürdiges Haus am stahlblauen Wasserbecken, in dem schon der
Wellenschlag des Meeres sich kräuselt und die weißen Mövenschwärme sich
wiegen. Samtene Rasenflächen senkten sich vor dem Hause zu einer
vornehmen Straße herab. Hinter alten Bäumen stand das Gebäude, Lea Givos
einsamer Wohnsitz. Manuel war fern. Er hatte sein Wirken in der Welt
angetreten.
Lea ging durch die Straßen, niemand kannte sie. Ihre Nachbarn wußten
nicht, ob das Haus bewohnt sei, so still blieb es. Sie war noch schön
und wußte es im Spiegel der fremden Blicke. Ängstlich versenkte sie sich
in den Glauben, ihr begehrendes Blut zu beruhigen, und es war ihr, als
müsse sie um des neugläubigen Sohnes willen ihrer alten frommen Lehre
getreuer sein. So fand sie auch unter den Genossen wenige, die ihren
Eifer in gleichem Maße teilten.
Givo bat in jedem Briefe, sie möge ihren Starrsinn lösen und seinen
Wohnsitz teilen, und obwohl sie nichts heißer ersehnte als den Sohn,
entschloß sie sich nur schwer ihn zu besuchen, Kämpfe fürchtend. All
ihre Liebesfähigkeit hatte sich in ihren einsamen Stunden in die
selbstvernichtende Sucht ergossen, ihn allein zu besitzen, ihn nicht zu
teilen mit anderen Frauen. Heimlich hatte sie ihm Uharis Waise, Zora,
ihren Schützling, zur künftigen Frau erwählt. Diese würde sie nicht
berauben, da sie ihr alles verdankte, was sie genoß. Zuweilen kam
Imanuel und sie reisten. Sie hatten in allen Ländern Verwandte wohnen
und die Sippen der geheimen Glaubensgemeinschaft. Einmal besuchten sie
gemeinsam Zora Uhari in Dresden, wo diese in einem Pensionat lebte. Als
Givo dann nach Frankreich zurückkehrte, wurde sie ihm zur Begleitung
nach Lausanne anvertraut. Sie saß ihm gegenüber, trotzig, schweigsam,
eine Welt von Geheimnissen hinter der bleichen Stirn und den
verschleierten, mandelförmigen Augen. Sie war schön wie ein »Bild«, eine
Schönheit ohne Wort und Geste. Es war ein unlösliches Schweigen in ihr,
als hätte der jähe Tod der Eltern ein trauerndes Standbild in ihr und
sie schien auf ihren Schultern jene Knechtschaft zu tragen, gegen die
ihr Vater sich nutzlos aufgelehnt, um daran zugrunde zu gehen. War
jemals der Verdacht jenes Giftmordes zu ihr gedrungen, hatte der in ihr
das Lachen, die Jugend in der Seele erstickt? Aber Givo ahnte: sie
liebte die Lehre nicht, ja ihm war, als haßte sie ihre Besonderheit und
er erschauerte, ihres Vaters gedenkend, der ihr Held gewesen war. Sie
schrieben einander nicht und er erfuhr auch vorerst nichts von seiner
Mutter Absicht sie zu vereinen. Diese meldete ihm nur, daß Zora das
Schweizer Pensionat verlassen hatte, um in die Glaubensschule
einzutreten. Am Wege würde sie bei ihr ausruhen, dann werde sie ihm wohl
noch mehr von Zora zu erzählen haben. Der nächste Brief aber enthielt
nichts von Zora. Er lautete: »Mein Manuel, Du hast mich tief betrübt mit
Deiner Nachricht. Ich habe es immer gefürchtet, daß Deine neuen
Anschauungen Dich auf Abwege führen werden. Du mußt von dem fremden
Mädchen lassen. Glaub mir, es ist nur ein Betrug Deiner Wünsche, daß Du
in ihr ein Wesen siehst, das unsere Schauung ohne die Lehre so tief
erlebt haben soll. Bei vielen findest Du ähnliches, aber das ist dennoch
nicht unser Glauben. Ich quäle mich ab, daß ich Dich nicht strenger in
der Altgläubigkeit gehalten habe und nun der Fluch auf mich Mutter
fällt. Warum bin ich nicht bei Dir geblieben in der verwirrenden Stadt
und habe Dich bewahrt? Nun liege ich wie gelähmt vom Schrecken und kann
nicht zu Dir, Dich Herz an Herz zu beschwören von diesem Wesen zu
lassen, das ich niemals lieben kann. Du hast sie zu Deiner Frau, sagst
Du, zu Deiner Geliebten gemacht? Und das sollte ein Grund sein, sie für
Dein Leben zu wählen, wo unsere Vorschriften verlangen, daß der Geist
sich mit der unberührten Erde vermählt! Ist dieses Mädchen eine Jungfrau
gewesen? Ich will sie gern bewundern, wenn Du sie würdig hältst, aber
als die Frau, die Du in ihr erhoffst, verabscheue ich sie und hasse sie,
denn Du mißachtest darin Deiner Lehre vornehmste Gebote. Weißt Du nicht,
daß Frauen nur als Kinder unserem Glauben eingekleidet werden können,
damit nur die Töchter der Sekte gewählt werden? Wie stünde es um unsere
Gemeinschaft, wäre dem nicht so? Die fremden Frauen hätten sie längst
vernichtet. Ich beschwöre Dich, mein Sohn, komm zu mir. Ein fremder Mann
ist nicht von gleichem Übel, lehrte Makar Hildar, aber die Erde darf
nicht Fremdland sein, in die Du säest. Lege Deine Hände auf die Wunden,
die Du geschlagen hast. Bring mir das gute Licht des Glaubens, wie Du es
an Deines Vaters Bahre geschworen als sein Vertreter im Geist, der die
Leuchte des Hauses hält. Komm, denn ich liege gelähmt und fürchte für
meine Genesung. Ich bin in Verzweiflung Deine