Minen

An einer Bucht des Sees, die zu einem Felshügel ansteigt, lag der

Friedhof und die Totenkammer. Mannsthal ging, begleitet vom Küster, an

den unscheinbaren Gräbern vorbei.

»Hier liegt sie, Herr,« sagte der alte Mann und trat zur Seite, die

Kappe in der Hand.

Auch Mannsthal griff nach seinem Hute. Das arme Kind, nun bezeugt man

ihr ein erstes und letztes Mal Ehrfurcht. Ein Lichtband fiel durch die

Türöffnung über die Mitte der traurigen Kapelle. Die Aufbahrung war

schlicht und deshalb um so ergreifender. In einem weißen Kleide lag

Rosina wie schlummernd und hielt in den bleichen, besonnten, mühsam

gefalteten Händen ein Holzkreuz. Ihre Haare waren matt geworden, die

geschlossenen Lider, die sich über das Unglück ihres Lebens gesenkt

hatten, ließen vergessen, daß sie eine Blinde, eine Gezeichnete,

gewesen. Da lag ein totes Mädchen, das einer sanften Jungfrau glich.

Verstorben schien sie sehend geworden. Sie glich einem Kinde nicht mehr,

der Tod hatte sie gealtert. Immer, wenn Mannsthal Tote sah, fühlte er

sich erschauernd Urewigkeitgeheimnissen nahe, aber er empfand hier nicht

Beängstigung. Er hatte gefürchtet, daß eine unheimliche Drohung aus

dieser Toten zu ihm aufsteigen würde, mit kalter Hand ihm anklagend ans

Herz zu greifen. Vor der Milde dieses friedlichen Antlitzes schwand

seine Furcht. Er war gekommen, weil er nicht feige der quälenden

Erschütterung entgehen wollte; nun blieb er straflos. Oder war es das

selig erhöhte Lebensgefühl, das seit dem Morgen in ihm sang, das ihn nun

gegen das Übel feite? Eine überwältigende Dankbarkeit zwang ihn auf die

Kniee. Er fühlte in diesem Augenblick, wie sehr er das Leben liebte. Oft

schon nach entronnener Gefahr hatte er es so mit seinem ganzen Sein

liebend bejaht. Er verharrte in tiefer Andacht vor dem Lebendigen an der

Bahre der Toten. Dorfleute, die ihn sahen, bewunderten die Frömmigkeit

des vornehmen Wohltäters. Als er aber sich wieder erhob, fuhr er

entsetzt zurück und seine Hand legte sich schirmend über die Augen. Das

Gewand, das man Rosina angelegt, kleidete noch vor wenigen Tagen

Arabella. Der Geliebten zarte Haut hatte er durch sein Gewebe leuchten

gesehen. Erschrocken verließ er die Kammer. Da erhob sich eine Fliege,

die auf der Toten Mund gesessen, Anofeles mit Namen, und folgte ihm. Er

wehrte sie ab, doch schon holte sie ihn ein und träufelte ihm ihr Gift

ins Blut. Eine Mine war gelegt.

Es war möglich, Vögelchen den Tod Rosinas zu verheimlichen. Sie hatte

sich in ihr Zimmer eingeschlossen und Adalbert gab Auftrag, daß man ihr

zu den Mahlzeiten die Speisen in dem anstoßenden Raum bereit halte.

Durch Camill ließ er sie des Mittags wissen, er sei ausgegangen, damit

sie nicht fürchte ihr Zimmer zu verlassen. Er ließ ihr überdies die

Nachricht zukommen, Rosina sei auf einige Zeit bei ihrem Großvater

Nerat, damit sie nicht auf den Einfall käme, die Entschwundene

aufzusuchen. Er war keineswegs in Erstaunen versetzt über Vögelchens

Verhalten. Er wußte, ihre Rückkehr würde nicht auf sich warten lassen

und um so köstlicher für ihn sein. Abends ließ er ihr bestellen, er sei

heimgekehrt und erwarte sie im Garten; falls sie es vorzöge allein zu

bleiben, möge sie aber auf ihn keine Rücksicht nehmen. Vor Anbruch der

Dunkelheit entließ er Camill mit dem Auftrag, frühmorgens zur Besorgung

eines Reisewagens zur Stadt zu fahren. Dies würde ihn bis nachmittags

fern halten. Von diesen Begebenheiten erstattete Camill sogleich seinem

Freunde Konrad Kruger Mitteilung.

Als im Garten der lärmende Gesang der Vögel verscholl, durch die üppigen

Efeuranken kaum mehr ein Lichtdämmern in die Zimmer drang, hörte

Vögelchen Adalbert die Treppe heraufkommen. Bald darauf herrschte

Stille. Sie stieg in den Garten hinab und wartete auf den Scheinwerfer,

aber das Licht kam noch nicht und die schwüle Ruhe bedrückte sie. Im

Hause blieb das Fenster des Freundes dunkel und unbewegt. Warum rief er

nicht, warum holte er sie nicht? Sie brannte nach ihm. Aber noch immer

lag ihr die Scheu, sich vor ihm blicken zu lassen, lähmend in den

Gliedern. Nein, zur Tür eintreten bei ihm, sie vermochte es nicht. Warum

konnte sie nicht unsichtbar, unhörbar sich ihm in die Arme betten und

das Ungeheure fühlen? Leise ging sie ans Haus heran und nun maß sie die

Höhe des Fensters. Die Mauer war aus Ziegeln, deren Mörtel vielfach

herausgefallen war, Efeuranken bildeten an mancher Stelle eine

natürliche Strickleiter. Nun versuchte ihr Fuß, von dem sie die Schuhe

gestreift, nun zog sie den anderen nach und geschmeidig kletterte sie in

wenigen Sätzen zur Brüstung. Es war nicht anders, als wenn ein Vogel im

Blätterwerk raschelt. Nun schwang sie sich ins Zimmer, nun zog er sie an

sich, nun ging sie unter im unendlichen Meer der Lust. Sie blieben

zusammen, bis spät am Tage Rosinas Grabgeläute erklang.

* * * * *

Konrad Kruger schrieb an Arabella:

»Gnädigste Frau, was meinen Sie zu dieser Ansprache? Ich danke Ihnen für

Ihren Brief. Ich hielt mein Versprechen und schrieb. Diese Briefe waren

meine Zuflucht. Aber vielleicht kommt auch dieser Brief nicht an. Soll

ich Dir sagen, Ariel, wie ich Sehnsucht gelitten habe von dem Augenblick

an, als die Staubwolken Deines Wagens Dich meinem Blick verbargen, bis

zum heutigen, da ich an Frau Adalbert Mannsthal schreibe? Erschrick

nicht, daß ich Dein Geheimnis kenne. Ich werde immer Deine Geheimnisse

kennen, Ariel. Was immer Dir das Schicksal bringt, es ist verknüpft mit

dem meinen.

Ich war bei Deinem Freund. Er ist verreist. Lange blieb ich an dem Ort,

wo Dein Bild noch lebendig war. Immer wieder erwartete ich Dich. Da Du

eingingst in die Welt der Liebe, wirst auch Du bald verstehen lernen,

wie man des geliebten Menschen harrt und an das Wunder glaubt, das ihn

wiederbringt. Das Unmögliche zwingt man ins Natürliche und jeden

Augenblick, der entschwindet und uns der trügerischen Hoffnung näher

bringt durch seinen Abgang, möchte man segnen als Gewinn. Ariel, Ariel,

ich habe Dich erwartet des Morgens mit dem Briefboten, in jedem Kahn,

den ich von fernher kommen sah, in jedem Wagen, der weitab auftauchte,

in jeder Frau, die irgendwo aus der Ferne trat, wähnte ich, oh Frevel,

Dich Unvergleichliche. Und doch war nichts unmöglicher, als daß Du

wiederkehrtest. Und weißt Du, was Angst ist um ein geliebtes Wesen, das

man in Gefahr glaubt? Nein, das wirst Du nie wissen, denn Dir hat Gott

die Kräfte Deines Wunsches gegeben, statt zu erbeben wird Deine Seele

handeln. »Inwendiges Gebet durchdringt die Himmel.« Sie wird sich

anspannen bis zum Äußersten und es wird ihrer Sorge aller Grund genommen

sein.

Ich aber bin ein Ohnmächtiger und habe vorerst nur den Willen. Darum

flehe ich zu Dir, Ariel, hilf mir. Nun ziehst Du wohl weiter, sag' ein

Wort nur und ich atme Deine Nähe. Geld will ich nicht von Dir und müßte

ich zu Fuß nach Mekka pilgern um mein Heil. Ich flehe um Deinen Segen.

In unwandelbarer Treue

Vögelchen · 第 14 / 74 题