Die Blinde

Simonne Nerat hieß ihre Mutter. Leichtfertig war sie wohl anfangs nicht

gewesen, aber die Leute vermuteten es. Sie kam aus südlicherer Gegend.

In ihrer Beweglichkeit erblickten sie nicht natürliche Anmut, sondern

abgefeimte Gefallsucht. Thomas Janele, der sie nach seiner Gesellenzeit

heimbrachte, war ihr natürlich auf den Leim gegangen, meinten sie.

Solange der alte Uhrmacher, sein Vater, lebte, der gutmütige,

weißlockige Greis mit dem Kinderantlitz, da ging noch alles gut. Simonne

war auch eine Meisterstochter, und was zur Gilde gehörte, gleichviel ob

es unter seinem Dache als Schwieger hauste, genoß seines Schutzes. Geld

hatte sie keines mitgebracht, denn Vater Nerat war zwar berühmt in

seinem Fach, aber wie man sein Schäflein ins Trockene bringt, darin war

er keineswegs Meister. Mochte sein, daß Simonne auch deshalb bei kleinen

Leuten nicht voll genommen wurde. Und Ulrich war ein Käsegesicht und ein

Duckmäuser. Warum hatte sie gerade ihn genommen? Das Kind war bald da:

ein blindes Mädchen. Da schien des Teufels Hand im Spiel. Im ganzen Dorf

gab es keine Blinde. Man verachtete die Fremde, daß sie es um eine

Mißgeburt bereichert hatte. Der alte Janele weinte wie ein Kind, als der

Arzt das Unglück feststellte. Längst waren seine Augen zu schwach, um

über seine Räderchen und Federn zu herrschen; des kleinen Mädchens

Führer zu sein, dazu taugten sie noch. Nun war sein Alter nicht nutzlos

mehr.

Fragt nicht, wie es der Rosina erging, als der Großvater gestorben war!

Niemand wußte mit dem blinden Kind umzugehen, man hatte sich völlig auf

des Alten Sorgfalt verlassen. Der allein hatte um der Kleinen

Eigentümlichkeiten gewußt und sie aus den eigenen Hinfälligkeiten

verstanden. Er hatte sie ihr eifrig abgelauscht, sie selbst wußte ja

nichts über sich und nun konnte sie nicht nach außen tasten mit Bitte

und Frage, denn die Brücke, die sie getragen hatte, war eingestürzt.

Der Respekt vor dem Vater hatte den jungen Uhrmacher bislang gehindert,

sein wahres Gefühl zu zeigen. Er liebte Rosina nicht mehr, er schämte

sich ihrer und immer gab es ihretwegen Streit zwischen ihm und Simonne.

Als des Schwiegervaters schlichtende Stimme erloschen war, züngelten

wieder die bösen Zungen hervor. Dazu kam noch, daß Thomas noch zu

Lebzeiten des alten Janele die Bestellung der neuen Turmuhr aufgetragen

wurde und daß er die Erwartungen der Gemeinde aufs gröbste enttäuschte.

Thomas hatte sich erbötig gemacht, eine Erfindung des Meisters Nerat zu

verwerten und eine Uhr anzufertigen, die automatisch den Klöppel der

Glocke zu leisen Schlägen bewege, so daß man nachts den Glöckner

ersparen konnte. Das Werk mißlang. Es wurde eine gewöhnliche Turmuhr

daraus. Weil aber Janele sich weigerte, der Gemeinde den im voraus

bezahlten Mehrbetrag, den er schon für die teuren Bestandteile

verbraucht hatte, zurückzuerstatten, mußte er sich verpflichten, den

Glöckner selbst zu bestellen. Da zu dieser Zeit die Geschäfte schlecht

standen, verlangte er von Simonne, daß sie die Glocken läute. Die Frau

weigerte sich. Nun schloß er sich den Spöttern an, die Simonne der

väterlichen Erfindung wegen, die ihrem Manne mißlungen war, verhöhnten.

Die Frau schrieb dem Vater, er möge ihr helfen, aber dieser hatte sich

verheiratet und die Stiefmutter säte Zwietracht. Zu dieser Zeit kam eine

Putzmacherin ins Dorf und die Uhrmacherin, die mit der Nadel gewandt

war, verdingte sich bei ihr. Den Haushalt konnte sie wohl nebstbei

versehen, aber für die kleine Rosina blieb ihr wenig Zeit. Einige Wochen

gestattete die Modistin, daß die kleine Blinde hinter dem Ladentisch

säße und Perlen auffasse und Spulen aufwickle. Dann aber meinte sie, das

Unglück schrecke die Kunden ab. So blieb denn Rosina zu Hause bei dem

mürrischen Vater. Dieser war ganz böse geworden, seitdem er Simonne in

guter Laune und nicht mehr von seinem Geiz abhängig sah. Er konnte sie

nicht an ihren Reisen behindern, die sie mit Einkäufen für den Laden

verband, und mußte es mit ansehen, daß der Sohn der Modistin, ein

Student, ihr huldigte. Sie wollte Rosina in eine Anstalt geben, sie

etwas lernen zu lassen. Der Mann duldete es nicht. Sie sollte ihr

Sündengeld für sich behalten. Einmal nachts, als sie spät nach Hause

kam, schlug er sie. Am nächsten Morgen war sie verschwunden. Für Rosina

hatte sie ihre Ersparnisse zurückgelassen. Das blinde Mädchen in seiner

Nacht wußte, daß draußen im Licht etwas Böses geschehen war. Sie fühlte

nun die Gefahren um sich drohender werden. In ihrer Angst wurde sie noch

folgsamer und erlernte es, dem Vater gefällig zu sein. Eines Tages

führte er sie auf den Turm und zeigte ihr, wie man die Glocken läutet.

Immer wenn die Uhr ein leises Knarren und Stöhnen von sich gab, mußte

sie an den Strängen ziehen, je nach der Stunde. Nach einem Monat hatte

sie alles begriffen. Zuerst ließ er sie nur tagsüber im Turm, von ihrem

zwölften Jahr an zog sie auch nachts die Stränge. Zweimal in der Woche

war sie frei, um zur Stadt in die Blindenschule zu fahren, wohin ein

Frächter sie unentgeltlich auf seinem Schiffe mitnahm. Es war eine

ermüdende Fahrt, sie sah ja nicht wie andere Kinder, deren Jauchzen aus

fremder Welt zu ihr drang, das silbernde Wasser, den Schatten der Berge

im leuchtenden Spiegel des tiefblauen Himmels. Müdigkeit bewirkte, daß

Rosina dort nicht so recht aufmerken konnte. Auch hatten ja die anderen

Blinden täglichen Unterricht. So kam es, daß sie selbst unter den

Gefährten des Unglückes eine untergeordnete Rolle einnahm. Als sie

vierzehn Jahre alt war, sprach sie auf der Straße ein Herr an. Seine

Stimme war anders als die der Mitleidigen, die zu ihr geredet hatten. Er

fragte sie, wo sie wohne, ging mit ihr, ließ sich ihre Arbeiten zeigen.

Der Herr verstand die Blindenschrift und schien noch weit mehr zu wissen

als der Lehrer in der Stadtschule. Adalbert Mannsthal, der Herr, sprach

mit ihrem Vater und von nun an wurde Rosina statt in die Blindenschule

zu ihm gebracht, in einen Garten und in ein Haus, in dem es nicht wie in

dem ihren nach schlechtem Öl roch, sondern nach Blumen und seltenen

Essenzen. Er selbst, der Herr, unterwies sie oder auch ein Mädchen, das

ganz leise und gütig war und sie mit Kleidern und Zuckerwerk beschenkte.

Lange Zeit hielt es Thomas Janele vor dem Wohltäter geheim, daß Rosina

die Glocken läute, und auch diese selbst schwieg darüber. Sie wollte

nicht prahlen mit ihrem Amt, auf das sie stolz war. Aber eines Tages,

als ihr mehrmals die Augen zufielen, fragte Herr Mannsthal, ob sie nicht

geschlafen habe. Da gestand sie, daß sie nun schon drei Nächte »oben«

gewesen sei.

»Oben?«

»Im Turm. Vater muß die Glocken läuten. Ich besorge es seit vier

Jahren.« Ihre Wangen färbten sich rot bis zum schwarzen gewellten Haar.

Die erloschenen Augen schienen sich zu vergrößern. Ja, sie, eine Blinde,

läutete die Glocken.

»Tust du es gern?« fragte er, seiner Tochter Mitleid niederhaltend.

»Ja,« sagte Rosina, und sie erzählte, wie sie sich anfangs vor den

Fledermäusen gefürchtet habe und vor großen Vögeln, die oben im Gestühl

hausten und deren Flügel sie zuweilen streiften, und wie ihr dann auch

vor der großen Stille bangte und vor dem Raunen tief unten. Auch sei sie

immer ängstlich, bevor das Knarren und Stöhnen im Uhrwerk hörbar werde,

das ihr die abgelaufene Stunde anzeige. All die Jahre war es nur einmal

ausgeblieben, nach einem Blitzschlag. Da habe sie der Vater vom Turm

geholt und den Schaden ausgebessert.

»Ob sie sich nicht vor dem Einschlafen fürchte,« fragte Vögelchen. Davor

bewahre sie der Hunger nachts. Vater sagte ihr, daß Hunger den Schlaf

fernhalte. Am liebsten lausche sie dem Nachklingen der Glocken, da höre

man die Engelstimmen leise entschweben. Sie liebte Musik wie alle

Blinden. Mannsthal nahm seine Geige und spielte. Beide Mädchen saßen,

Hand in Hand, ergriffen. Aber der Blinden war er ein Gott, der Einlaß

wußte durch ihre Nacht.

Der Wohltäter ging mit ihr zu einem Arzt, aber es ergab sich, daß

geringe Hoffnung für ihr Augenlicht war, überdies fand er bei der

Kleinen einen Herzfehler. Der Wohltäter stieg nun zuweilen in den heißen

Nächten in den Turm und brachte seinem Schützling kühlende

Erfrischungen. Er blieb bei ihr und nun fürchtete sie nicht

einzuschlafen. Er wußte sie zu ergötzen. Wohl hätte er sie loskaufen

können von ihrem schweren Amt, aber er wußte, sie war stolz es zu

versehen und für Blinde ist es ein Glück, solchen Stolz zu haben. Auch

liebte er seine nächtlichen Aufstiege zu dem Kinde. Rosina war

glücklich.

Es kamen Nächte, wo sie sich unruhig fühlte und nach dem Manne sehnte,

der so gut zu ihr war. Da begann ihr Herz heftig zu pochen und sie

wartete in fiebernder Ungeduld. Es war auch die Zeit, wo die kleine

Rosina vom Kinde zur Jungfrau wurde. Das Blut wallte in ihr. Das

bresthafte Herzchen bestand den neuen Ansturm nicht.

In jener Nacht, da Mannsthal seinem Wunsch eine letzte Gefahr gesetzt im

Schlag der Turmuhr, als er mit allen Fiebern es beschwor, da wurden

plötzlich der Blinden Hände starr und zurückstürzend fand sie die

Strähne nicht mehr. Ein Herzschlag hatte sie getötet.

Vögelchen · 第 13 / 74 题