Um 10 Uhr abends sollten die Truppen ausrücken. Um halb neun stieg ich
zu Pferde und ritt zum General. Da ich aber annahm, daß er und sein
Adjutant beschäftigt seien, hielt ich an der Straße, band mein Pferd
an den Zaun und setzte mich auf den Erdaufwurf, in der Absicht, dem
General nachzueilen, wenn er ausreiten würde.
Die Glut und der helle Glanz der Sonne waren schon der Kühle der Nacht
und dem matten Lichte des jungen Monds gewichen, der rings um sich
her einen blassen, leuchtenden Halbkreis auf dem dunklen Blau des
Sternenhimmels bildete und niederzugehen begann; durch die Fenster
der Häuser und durch die Ritzen der Läden der Erdhütten schimmerten
Lichter. Die schlanken Pappeln der Gärten, die sich am Horizont hinter
den weißgetünchten, vom Mondlicht bestrahlten Erdhütten mit den
Schilddächern abhoben, erschienen noch höher und dunkler.
Die langen Schatten der Häuser, der Bäume, der Zäune breiteten sich
schön über den hellen staubigen Weg ... Vom Fluß her tönte ohne
Unterlaß das Quarren der Frösche.[G] Auf den Straßen hörte man bald
eilige Schritte und Gespräche, bald den Hufschlag von Pferden. Aus der
Vorstadt klangen von Zeit zu Zeit die Klänge einer Drehorgel herüber:
bald »Es wehen die Winde«, bald so was wie ein »Aurora-Walzer«.
[G] Die Frösche im Kaukasus bringen einen Laut hervor, der nichts
gemein hat mit dem Quaken unserer Frösche.
Ich werde nicht sagen, was mich in Gedanken versunken beschäftigte:
erstens weil ich mich schämen würde zu gestehen, daß es düstere
Gedanken waren, die mich in unabweisbaren Scharen beschlichen, während
ich rings um mich her nur Heiterkeit und Frohsinn beobachtete; zweitens
aber, weil das nicht zu meiner Erzählung gehört. Ich war so in Gedanken
versunken, daß ich nicht einmal bemerkte, daß die Glocke elf schlug und
der General mit seinem Gefolge an mir vorüberritt.
Die Nachhut war noch in dem Festungsthore. Mit Mühe gelang es
mir, über die Brücke zwischen den zusammengedrängten Geschützen,
Pulverkasten, Kompagniewagen und der geräuschvoll kommandierenden
Offiziere hindurchzukommen. Als ich durch das Thor hindurchgekommen
war, setzte ich mein Pferd in Trab, ritt an den Truppen entlang, die
sich nahezu eine Werst hinzogen und sich schweigend in der Dunkelheit
vorwärts bewegten, und erreichte den General. Als ich an der Artillerie
vorüberkam, die sich in gerader Linie hinzog, und an den Offizieren,
die zwischen den Geschützen ritten, traf mich wie ein beleidigender
Mißklang mitten durch die Stille und feierliche Harmonie die Stimme
eines Deutschen. Er schrie: »Achtillechist, gieb mir die Lunte«, und
die Stimme eines Soldaten schrie eilfertig: »Schewtschenko, der Herr
Leutnant wünscht Feuer.«
Der größte Teil des Himmels hatte sich mit langen, dunklen, grauen
Wolken bedeckt; hie und da nur schimmerten zwischen ihnen matte Sterne
hindurch. Der Mond hatte sich schon hinter dem nahen Horizont der
dunklen Berge verborgen, die zur Rechten sichtbar waren, und warf über
ihren Gipfel ein schwaches, zitterndes Dämmerlicht, das sich scharf
von dem undurchdringlichen Dunkel abhob, das über ihren Fuß gebreitet
lag. Die Luft war warm und so still, daß sich nicht ein Gräschen, nicht
ein Wölkchen regte. Es war so finster, daß man selbst in nächster Nähe
die Gegenstände nicht unterscheiden konnte. Rechts und links vom Wege
sah ich bald Felsen, bald Tiere, bald Menschen von sonderbarem Wesen
-- und ich erkannte erst dann, daß es Sträucher waren, wenn ich ihr
Rascheln hörte und die Frische des Taus empfand, der an ihren Blättern
hing. Vor mir sah ich eine dichte, wogende, schwarze Wand, hinter
der einige bewegliche Punkte waren. Das war die Infanterie. In der
ganzen Abteilung herrschte eine solche Stille, daß man deutlich all
die verschwimmenden, von geheimnisvollem Zauber erfüllten Stimmen der
Nacht hörte: das ferne, klagende Geheul der Schakale, das bald wie
verzweifeltes Weinen, bald wie Lachen klang, das helle, einförmige
Zirpen der Grillen, das Quaken der Frösche, den Schlag der Wachtel,
einen herankommenden dumpfen Ton, dessen Ursprung ich mir nicht
erklären konnte; und all die nächtlichen, kaum vernehmbaren Regungen
der Natur, die man weder begreifen, noch näher erklären kann, flossen
zusammen in den vollen Wohlklang, den wir Stille der Nacht nennen.
Diese Stille der Nacht wurde unterbrochen oder, richtiger gesagt, floß
zusammen mit dem dumpfen Hufschlag und dem Rascheln des hohen Grases,
das die langsam vorwärtsgehende Abteilung hervorrief.
Von Zeit zu Zeit nur hörte man in den Reihen das Getöse eines schweren
Geschützes, das Klirren aneinanderschlagender Bajonette, unterdrücktes
Plaudern und das Schnauben der Pferde.
Die Natur atmete seelenbeschwichtigend Schönheit und Kraft.
Ist den Menschen wirklich das Leben zu eng in dieser schönen Welt,
unter diesem unermeßlichen Sternenhimmel? Kann inmitten dieser
bezaubernden Natur in der Seele des Menschen das Gefühl der Bosheit,
der Rache oder der leidenschaftliche Trieb der Vernichtung von
Seinesgleichen fortbestehen? Alles Ungute im Herzen des Menschen müßte,
meine ich, sich verflüchtigen bei der Berührung mit der Natur -- diesem
unmittelbaren Ausdruck des Schönen und Guten.