Die Sonne hatte die Hälfte ihres Wegs zurückgelegt und sandte ihre
glühenden Strahlen durch die erhitzte Luft auf die trockene Erde
herab. Der dunkelblaue Himmel war vollkommen klar, nur der Fuß der
Schneeberge begann sich in ein weißes, leichtes Wolkengewand zu
hüllen. Die regungslose Luft schien von einem durchsichtigen Staub
erfüllt zu sein, es war unerträglich heiß geworden. Als die Truppen an
einen kleinen Bach gekommen waren, der auf der Hälfte unseres Weges
floß, hielten sie Rast. Die Soldaten stellten die Gewehre zusammen
und rannten an den Bach; der Bataillons-Kommandeur setzte sich im
Schatten auf eine Trommel nieder, gab seinem vollen Gesicht die ganze
Würde seiner Stellung und machte sich mit einigen Offizieren zum
Imbiß bereit; der Kapitän legte sich im Grase unter einem Fouragewagen
nieder; der tapfere Leutnant Rosenkranz und noch einige andere junge
Offiziere lagerten sich auf ihre ausgebreiteten Filzmäntel und trafen
Anstalten zum Zechen, wie man aus den herumstehenden Flaschen sehen
konnte, besonders aber aus der angeregten Stimmung der Spielleute,
die im Halbkreise um sie herumstanden und mit Pfeifenbegleitung ein
kaukasisches Tanzlied nach der Weise der Lesginka spielten:
Schamyl wollte revoltiren
In vergangnen Jahren,
Traj--raj, ra--ta--taj ...
In vergangenen Jahren.
Unter diesen Offizieren war auch der blutjunge Fähnrich, der uns
am Morgen vorausgeritten war. Er war sehr drollig: seine Augen
leuchteten, seine Zunge lallte; er wollte alle Leute küssen und ihnen
seine Liebe gestehen ... Armer Junge! er wußte noch nicht, daß man
in diesem Zustande lächerlich sein kann, daß seine Offenheit und die
Zärtlichkeit, die er allen aufdrängte, die anderen nicht zu der Liebe
stimmte, nach der er sich sehnte, sondern zum Spott. -- Er wußte auch
nicht, daß er nachher, als er sich in glühender Erregung endlich auf
seinen Filzmantel warf, sich in die Hand stützte und sein schwarzes,
dichtes Haar zurückwarf, außerordentlich hübsch war.
Zwei Offiziere saßen unter dem Fouragewagen und spielten auf ihren
Reisekästchen Karten.
Neugierig lauschte ich auf die Gespräche der Soldaten und Offiziere
und betrachtete aufmerksam ihren Gesichtsausdruck; aber ich konnte
bei niemandem auch nur einen Schatten der Unruhe bemerken, die ich
empfand: Scherze, Gelächter, Erzählungen deuteten auf eine allgemeine
Sorglosigkeit und Gleichgültigkeit gegen die bevorstehende Gefahr hin.
Als könnte man gar nicht vermuten, daß vielen von ihnen bestimmt sein
sollte, nicht wieder auf diesem Wege zurückzukommen.
V
Um 7 Uhr abends zogen wir staubbedeckt und müde durch das breite,
befestigte Thor der Festung N. N. ein. Die Sonne hatte sich gesenkt und
warf ihre schrägen, rosigen Strahlen auf die malerischen Geschützstände
und die Gärten mit den hohen Pappeln, die die Festung umgaben, auf die
bestellten, gelblich schimmernden Felder und auf die weißen Wolken,
die sich auf den Schneebergen türmten, als ob sie es ihnen nachthun
wollten, und eine nicht minder wunderliche und schöne Kette bildeten.
Der junge Halbmond schimmerte wie ein durchsichtiges Wölkchen am
Horizont. Im Aul, der vor dem Thore lag, rief ein Tatar, der auf
dem Dach einer Erdhütte stand, die Rechtgläubigen zum Gebet; die
Spielleute setzten mit neuem Mut und mit frischer Kraft ein.
Nachdem ich ein wenig ausgeruht und mich zurechtgemacht hatte, ging ich
zu einem mir bekannten Adjutanten. Ich wollte ihn bitten, dem General
von meiner Absicht Meldung zu machen. Auf dem Wege von der Vorstadt,
wo ich Quartier genommen hatte, hatte ich Gelegenheit, in der Festung
N. N. manches zu beobachten, was ich keineswegs erwartet hatte. Eine
hübsche, zweisitzige Kutsche, in der ein neumodisches Hütchen zu sehen
und französische Unterhaltung zu hören war, fuhr an mir vorüber. Aus
dem geöffneten Fenster des Kommandanturgebäudes drangen die Klänge
einer »Lieschen«- oder »Käthchenpolka«, die auf einem schlechten,
verstimmten Klavier gespielt wurden. In dem Gasthaus, an dem ich
vorüberkam, saßen, die Cigaretten in den Händen, einige Schreiber beim
Glase Wein, und ich hörte, wie der eine zum andern sagte: »Ich muß
sehr bitten, was die Politik betrifft, war Maria Grigorjewna bei uns
die erste Dame.« Ein buckliger Jude in einem abgetragenen Rock und von
kränklichem Aussehen schleppte mühsam einen krächzenden, zerbrochenen
Leierkasten, und über die ganze Vorstadt erklangen die Töne des
Finales aus Lucia. Zwei Frauen in rauschenden Kleidern und seidenen
Halstüchern mit hellfarbigen Sonnenschirmen in den Händen gingen auf
dem Fußsteig von Holz leichten Schritts an mir vorüber. Zwei junge
Mädchen, eine in einem rosa, die andere in einem blauen Kleide, standen
unbedeckten Hauptes an dem Erdaufwurf eines niedrigen Häuschens
und lachten mit einem unnatürlichen, hellen Lachen; sie wünschten
offenbar die Aufmerksamkeit der vorübergehenden Offiziere auf sich zu
lenken. Offiziere in neuen Röcken, weißen Handschuhen und glänzenden
Achselbändern stolzierten durch die Straße und über den Boulevard.
Ich traf meinen Bekannten im Erdgeschoß des Generalsgebäudes. Kaum
hatte ich ihm meinen Wunsch klar gemacht, und er mir gesagt, daß er
sehr leicht erfüllt werden könne, als an dem Fenster, an dem wir saßen,
die hübsche Kutsche vorübergerollt kam, die ich auf dem Wege bemerkt
hatte. Aus der Kutsche stieg ein schlanker, sehr stattlicher Mann in
Infanterie-Uniform mit Majorsepauletten und ging zum General.
Ach, verzeihen Sie, bitte, sagte der Adjutant und erhob sich von seinem
Platze, ich muß unbedingt dem General Meldung machen.
Wer ist denn angekommen? fragte ich.
Die Gräfin, antwortete er, knöpfte die Uniform zu und eilte hinauf.
Nach wenigen Minuten kam ein untersetzter, sehr hübscher Mann in einem
Rock ohne Epauletten mit einem weißen Kreuz im Knopfloch auf die
Freitreppe hinaus. Ihm folgte der Major, der Adjutant und noch zwei
andere Offiziere. Aus dem Gange, aus der Stimme, aus allen Bewegungen
des Generals sprach ein Mensch, der sich seines hohen Wertes wohl
bewußt ist.
_Bon soir, madame la comtesse_, sagte er und reichte ihr durch das
Wagenfenster die Hand.
Eine kleine Hand in einem Handschuh aus feinem Hundeleder drückte seine
Hand, und ein hübsches, lächelndes Gesichtchen in gelbem Hut erschien
an dem Fenster des Wagens.
Von dem ganzen Gespräch, das nur wenige Minuten dauerte, hörte ich nur
im Vorübergehen, wie der General lächelnd sagte:
_Vous savez, que je fait v[oe]u de combattre les infidèles, prenez donc
garde de le devenir._
Im Wagen erklang ein Lachen.
_Adieu donc, cher général._
_Non, au revoir_, sagte der General, indem er die Stufen der Treppe
hinausging, _n'oubliez pas, que je m'invite pour la soirée de demain_.
Der Wagen rollte weiter.
»Das ist doch noch ein Mensch, dachte ich auf dem Heimwege, der alles
hat, was man in Rußland erreichen kann: Stellung, Reichtum, Ansehen;
und dieser Mensch scherzt vor einer Schlacht, deren Ausgang Gott
allein kennt, mit einer hübschen Dame, verspricht ihr, am nächsten
Tage zum Thee zu kommen, gerade so, als ob er mit ihr auf einem Balle
zusammengetroffen wäre.«
Hier bei dem Adjutanten traf ich auch noch einen andern Menschen,
der mich noch mehr in Erstaunen setzte, ein junger Leutnant vom
K. Regiment, der sich durch seine fast frauenhafte Sanftmut und
Schüchternheit anzeichnete.
Er war zu dem Adjutanten gekommen, um seinem Ärger und seinem
Unwillen über die Leute Luft zu machen, die, wie er meinte, gegen ihn
intriguieren, damit er nicht an dem bevorstehenden Kampfe teilnehme. Es
sei häßlich, so zu handeln, sagt er, es sei nicht kameradschaftlich, er
werde es ihnen schon gedenken u. s. w. So scharf ich auch seine Züge
beobachtete, so aufmerksam ich auf den Klang seiner Stimme lauschte,
ich mußte die Überzeugung gewinnen, daß er sich keineswegs verstellte,
daß er vielmehr tief erregt und erbittert darüber war, daß man ihm
nicht gestatten wollte, auf die Tscherkessen zu schießen und sich ihren
Geschossen auszusetzen; er war so erbittert, wie ein Kind erbittert zu
sein pflegt, das man eben unverdient gezüchtigt hat ... Mir war das
alles gänzlich unverständlich.