Wie in früheren, so haben wir auch in dem nun abgeschlossenen
Jahrgange unseres Anzeigers Gelegenheit gehabt, auf einzelne neue
literarische Erscheinungen aufmerksam zu machen; die große Mehrzahl
konnte zu besonderer Besprechung nicht gelangen. So konnten wir auch
in den meisten Fällen den Wünschen, welche Verleger und Autoren uns
mitgetheilt haben, nicht entsprechen. Die Redaktion konnte selbst durch
Vorwürfe einzelner Autoren, daß unser Blatt Werke, die der Besprechung
würdig seien, todtschweige „und deshalb ungerecht“ sei, so wenig zu
einer Aenderung ihres Verfahrens bestimmt werden, als durch Drohungen
von Verlegern, ihre Geschenke an das germanische Museum einzustellen,
wenn nicht jedes Buch, wenn nicht selbst jede Lieferung eine
eingehende, auch geschäftlich zu verwerthende Besprechung im „Anzeiger“
finde.
Wir fühlen uns aber solchen Anforderungen gegenüber verpflichtet,
nochmals an dieser Stelle darauf aufmerksam zu machen, daß der Anzeiger
/kein Literaturblatt/ ist, daß er durchaus nicht die Aufgabe hat,
vollständige Literaturberichte zu geben, nicht die Aufgabe, die Leser
zu orientieren, noch /jedes Buch/ nach seiner Bedeutung und seinem
Verdienste zu würdigen. Weil der Anzeiger diese Aufgabe nicht hat, so
hat er auch gar nicht die Organisation dazu, noch die nöthigen Mittel.
Der Anzeiger besitzt nicht jenen Kreis von Mitarbeitern, welcher nöthig
ist, wenn jedes Buch durch einen zuverlässigen Fachmann besprochen
werden soll, nicht jenen Raum, welcher für ein Literaturblatt nöthig
wäre. Der Anzeiger ist in seinen sämmtlichen Veröffentlichungen auf
einen kleinen Kreis von Mitarbeitern angewiesen, welche zeitweilig
die Resultate ihrer Studien darin niederlegen, und welche, gleich den
Redacteuren des Blattes, nicht blos durch ihren Beruf in Anspruch
genommen sind, sondern auch einen ganz bestimmten Kreis ihrer
Specialstudien haben und deshalb in der Regel gar nicht in der Lage
sind, sich über Bücher zu äußern, die außerhalb des Kreises ihrer
persönlichen Studien liegen.
Wie aber der Anzeiger stets gerne die Arbeiten seiner bewährten Freunde
aufnimmt, so auch, wenn dieselben zufällig über irgend ein von ihnen
gelesenes Buch Mittheilung machen. Dieses ist aber auch der einzige
Fall, in welchem Besprechungen möglich sind. Geschieht dadurch nebenbei
einem Verfasser oder Verleger ein Gefallen, so kann uns das nur doppelt
freuen; unter keiner Bedingung aber sind wir in der Lage, jederzeit
solche Gefälligkeiten zu erweisen, wenn wir noch so gerne wollten.
Deshalb bitten wir an dieser Stelle die verschiedenen geehrten
Herren alle zugleich um Entschuldigung, deren Wünschen wir nicht
entgegenkommen konnten.
Vermischte Nachrichten.
143) Augsburg, 5. Dez. Ganz in der Nähe der Stelle, an welcher im Jahre
1877 zwei gewaltige Säulenreste aus der Tiefe von 2 Meter ausgegraben
wurden (in der Carmelitengasse, in der Nähe der v. Cotta’schen
Druckerei), ist man vor einigen Tagen bei Gelegenheit der Kanalisierung
der Stadt auf weitere Ueberreste von Säulen gestoßen und wurden neben
anderen Steinfragmenten zwei große Säulenstücke zu Tage gefördert. Das
eine, ein schön ornamentiertes Capitäl, hat einen Durchschnitt von
70 Centim. und eine Höhe von 81 Centim.; das andere, ein Säulenstück
ohne Ornamentierung, hat nahezu denselben Durchschnitt und eine Höhe
von 84 Centim. Das Material scheint derselbe krystallinische Kalkstein
zu sein, aus welchem die früheren Fundstücke gearbeitet sind. Diese
wiederholten Ausgrabungen von mächtigen Säulentrümmern in derselben
Gegend lassen die Vermuthung ziemlich gerechtfertigt erscheinen, daß
daselbst großartige Gebäude der alten römischen Stadt gestanden haben.
Leider machen es die zu beiden Seiten der schmalen Carmelitengasse
stehenden Wohngebäude unmöglich, in der dortigen Gegend weitere
Nachgrabungen anzustellen. Beide erwähnte Säulenreste sind bereits in
dem Antiquarium romanum zur Aufstellung gelangt.
(Nürnb. Presse, Nr. 343, nach der allg. Ztg.)
144) Die Zweibrückener Zeitung bringt in ihrer Nr. 278 ausführliche
Mittheilungen über die römischen Alterthümer zu /Erfweiler/ und
eine am 10. vor. M. eingeleitete Besichtigung der neuen Ausgrabungen,
bei denen eine Badanlage zu Tage kam. Viele Ziegelreste, Gefäßtrümmer
fanden sich im Schutte. Die aufgefundenen, theilweise vortrefflich
erhaltenen Bronzemünzen gehören der Zeit von 254-276 n. Chr. an. Man
vermuthet eine Militärstation und in dem untersuchten Theile die Villa
eines Präfecten oder Centurio. Der Artikel beabsichtigt, das Interesse
zu weiteren Ausgrabungen anzuregen, bei denen viel Interessantes zu
Tage kommen möchte.
145) Ein /Münzenfund/ wurde vor ein paar Wochen im Rayon der
Dreher’schen Gründe zu Klein-Schwechat bei Wien gemacht, der, was die
Quantität der ausgegrabenen Stücke betrifft, allerdings bedeutend zu
nennen ist. Aber auch das Alter -- sie stammen in der Mehrzahl aus
dem vierten Jahrhundert unserer Zeitrechnung und tragen meist das
Gepräge „Constantinus Max(imus) Aug.“ -- macht die Stücke merkwürdig,
und so ist der Fund immerhin ein kostbarer. Bei der Entdeckung dieses
kupfernen und bronzenen Schatzes soll es nun unter den anwesenden
Erdarbeitern etwas bunt zugegangen sein und sich so mancher die Säcke
vollgestopft haben, bis dem wüsten Treiben Einhalt gemacht und der
Wunderplatz eingeplankt wurde, da man Sachverständige in Kenntniß
setzen und überhaupt den gesetzlichen Gang, der in derlei Fällen
vorgeschrieben, beobachtet wissen wollte. Mittlerweile gelangten
jedoch fast sämmtliche Bewohner jenes Territoriums in den Besitz
solcher antiker Geldzeichen, die sie nun in Wien, wo es von Kennern,
Gelehrten, Liebhabern und Sammlern „wimmeln“ soll, verwerthen möchten.
Die Hausse, die die Stücke in ihrem späten Alter erlebten, ist eine
außerordentliche. Die „Amateurs“ wachsen wie aus dem Boden, die
„/wilden Numismatiker/“ sitzen und disputieren und erhitzen
sich an allen Tischen. Ein Wiener Blatt gibt hiervon eine hübsche
Schilderung.
(Nordd. Allg. Ztg., Nr. 695.)
Ueber diesen Fund berichten auch Nentwich’s numism. Blätter ausführlich
und geben die Zahl auf 10-15000 an, die in einem großen, schwarzen Topf
etwa 1-1/2 Meter unter der Erde sich befanden. Es gelang dem Fachmanne
etwa 3000 Stück zu besichtigen, die sämmtlich dem Schlusse des 3. oder
Anfang des 4. Jahrhunderts n. Chr. angehörten, aber nichts Neues oder
Unbekanntes brachten; auch waren weder Gold-, noch Silbermünzen, weder
Großbronzen, noch Medaillons dabei.
146) Zur Vervollständigung unserer Fundchronik machen wir noch
nachträglich auf die uns erst jetzt zugekommene Nr. 3 des Anzeigers
für schweizerische Alterthumskunde in Zürich aufmerksam, worin der
im Juni d. J. gemachte Fund eines Grabes bei /Füllinsdorf/,
oberhalb Augst (Baselland), gemeldet wird, das ein weibl. Skelett mit
einem Bronzeringe mit Gemme am Finger, 23 schöne, fein getriebene
Goldplättchen, ein silbernes Büchschen, ein ziemlich großes
Thränenfläschchen, sowie mehrere Münzen der Faustina enthielt.
147) Ebendaselbst wird auch die Auffindung eines Grabes bei Lavorgo
bei Gelegenheit der Gotthardbahnarbeiten mitgetheilt, von dem nicht
festgestellt ist, ob der Fund als ein römischer zu betrachten sei.
148) Auf der Halbinsel /Listerland/ in Norwegen ist kürzlich ein
Exemplar von den so seltenen /Goldbracteaten mit Runeninschrift/
gefunden worden. Die Direktion des Museums in Bergen hat denselben für
die Alterthumssammlung erworben.
(D. Reichsanz., Nr. 275.)
149) Der Bestand der romanischen Abteikirche zu /Knechtstedten/
(vgl. Nr. 104 auf Sp. 279 d. Bl.) scheint nun gesichert werden zu
sollen. Nachdem sich in Neuß ein Verein für die Erhaltung des Bauwerkes
gebildet, hat der Provinzialverwaltungsrath beschlossen, diesem für
1879 und 1880 je 2000 m. Zuschuß zu bewilligen; der Kreis Neuß hat 400
m. bewilligt. Eine Ueberweisung von 3000 m. aus der Brandentschädigung
ist wahrscheinlich, so daß aller Wahrscheinlichkeit nach der Verfall
auf lange hinaus wird abgehalten werden können.
150) Die Restaurationsarbeiten an der /Metzer Kathedrale/ werden,
soweit thunlich, auch während des Winters fortgesetzt. Bezüglich
der Herstellung eines neuen Daches an Stelle des abgebrannten sind
die Vorbereitungen soweit gediehen, daß die Ausarbeitung eines
Projektes, welches die Bedachung in Form eines gleichseitigen Dreiecks
zur Grundlage hat, angeordnet werden konnte. Dagegen erscheint der
projektierte Ausbau des einen Thurmes noch nicht gesichert; es hängt
dies von der Untersuchung der Fundamente ab, wodurch erhoben werden
soll, ob dieselben stark genug sind, um eine Mehrbelastung zu ertragen.
Die Herstellung des verstümmelten Eckportals wird eifrig betrieben,
wird aber, da fast sämmtliche Haupttheile, namentlich auch die großen
Figuren, neu hergestellt werden müssen, voraussichtlich längere Zeit
in Anspruch nehmen. Die dafür vorgesehenen Kosten sind vorläufig auf
120000 m. veranschlagt. Die übrigen im Gang befindlichen kleineren
Reparaturen, nämlich die Wiederherstellung einzelner schadhafter
Pfeiler und Ornamente in dem äußeren großen Strebbogensystem, die
Reparatur und Erneuerung der großen, die Nordfront des Transsepts
ausfüllenden gemalten Glasfenster, sowie endlich die Ersetzung von 6
in den Seitenschiffen befindlichen, in gewöhnlichem Glas ausgeführten
Fenstern durch in einfachem Stil gehaltene Grisaillefenster werden noch
im laufenden Verwaltungsjahr der Beendigung entgegengeführt.
(Deutsch. Reichs-Anz., Nr. 285.)
151) Das Correspondenzblatt des Ges.-Ver. d. d. Gesch.- und
Alterthumsver. führt in Nr. 11 Klage, daß die an der Stelle, wo 1233
Konrad von Marburg erschlagen wurde, errichtete Kapelle, die 1870 von
Dehn-Rothfelser und Lotz als ein Werk des 14. Jahrhunderts besprochen
wurde, nach dem III. Bnd. des hessischen Urkundenbuches zu schließen,
abgebrochen sei, da dieses sagt: „Jetzt bezeichnet nur ein Denkstein
den Ort, wo sie stand.“ Nun leider ist dies ja nichts so Merkwürdiges.
Trotz aller Bewegung auf dem Gebiete der Alterthumswissenschaft, trotz
aller Vereine und Commissionen hat unsere Zeit mehr mittelalterliche
Bauten zerstört, als irgend eine frühere. Wie viele Kirchen, Kapellen,
Stadtthore und Privathäuser haben wir abtragen sehen!
152) Der Breslauer Magistrat hat gestattet, die in dem
Allerheiligenhospital von Alters her eingemauert gewesenen und im
städtischen Bauhofe lagernden romanischen und späteren Sculpturen in
die Sammlungen des /Museums schlesischer Alterthümer/ aufzunehmen.
Diese Stücke werden die Reihen der in dem östlichen Hofe des neuen
/Provinzialmuseums/ aufzustellenden Architekturfragmente und
Steinsculpturen, welche vom 12. bis ins 18. Jahrhundert reichen, zu
einem interessanten Ganzen vervollständigen. In der Mitte des Raumes
wird ein großes romanisches Thor mit Tympanum entgegentreten, Basen und
Capitäle gleichen Stiles die Hinterwände zieren; an die Wände rechts
und links werden sich gothische Stücke lehnen, an der Eingangsseite
Renaissancearbeiten, wie die sog. „Halbe Maria“ von der Nicolaistraße,
Säulen aus dem Ringhause zur goldenen Krone und vom Schloß und dem
Münderschen Hause zu Liegnitz zur Aufstellung gelangen.
Verantwortliche Redaction: Dr. A. /Essenwein/. Dr. G. K.
/Frommann/.
Verlag der literarisch-artistischen Anstalt des germanischen Museums in
Nürnberg.
Gedruckt bei U. E. /Sebald/ in Nürnberg.