20) /Zu unsern Bücherbesprechungen./

Wie in früheren, so haben wir auch in dem nun abgeschlossenen

Jahrgange unseres Anzeigers Gelegenheit gehabt, auf einzelne neue

literarische Erscheinungen aufmerksam zu machen; die große Mehrzahl

konnte zu besonderer Besprechung nicht gelangen. So konnten wir auch

in den meisten Fällen den Wünschen, welche Verleger und Autoren uns

mitgetheilt haben, nicht entsprechen. Die Redaktion konnte selbst durch

Vorwürfe einzelner Autoren, daß unser Blatt Werke, die der Besprechung

würdig seien, todtschweige „und deshalb ungerecht“ sei, so wenig zu

einer Aenderung ihres Verfahrens bestimmt werden, als durch Drohungen

von Verlegern, ihre Geschenke an das germanische Museum einzustellen,

wenn nicht jedes Buch, wenn nicht selbst jede Lieferung eine

eingehende, auch geschäftlich zu verwerthende Besprechung im „Anzeiger“

finde.

Wir fühlen uns aber solchen Anforderungen gegenüber verpflichtet,

nochmals an dieser Stelle darauf aufmerksam zu machen, daß der Anzeiger

/kein Literaturblatt/ ist, daß er durchaus nicht die Aufgabe hat,

vollständige Literaturberichte zu geben, nicht die Aufgabe, die Leser

zu orientieren, noch /jedes Buch/ nach seiner Bedeutung und seinem

Verdienste zu würdigen. Weil der Anzeiger diese Aufgabe nicht hat, so

hat er auch gar nicht die Organisation dazu, noch die nöthigen Mittel.

Der Anzeiger besitzt nicht jenen Kreis von Mitarbeitern, welcher nöthig

ist, wenn jedes Buch durch einen zuverlässigen Fachmann besprochen

werden soll, nicht jenen Raum, welcher für ein Literaturblatt nöthig

wäre. Der Anzeiger ist in seinen sämmtlichen Veröffentlichungen auf

einen kleinen Kreis von Mitarbeitern angewiesen, welche zeitweilig

die Resultate ihrer Studien darin niederlegen, und welche, gleich den

Redacteuren des Blattes, nicht blos durch ihren Beruf in Anspruch

genommen sind, sondern auch einen ganz bestimmten Kreis ihrer

Specialstudien haben und deshalb in der Regel gar nicht in der Lage

sind, sich über Bücher zu äußern, die außerhalb des Kreises ihrer

persönlichen Studien liegen.

Wie aber der Anzeiger stets gerne die Arbeiten seiner bewährten Freunde

aufnimmt, so auch, wenn dieselben zufällig über irgend ein von ihnen

gelesenes Buch Mittheilung machen. Dieses ist aber auch der einzige

Fall, in welchem Besprechungen möglich sind. Geschieht dadurch nebenbei

einem Verfasser oder Verleger ein Gefallen, so kann uns das nur doppelt

freuen; unter keiner Bedingung aber sind wir in der Lage, jederzeit

solche Gefälligkeiten zu erweisen, wenn wir noch so gerne wollten.

Deshalb bitten wir an dieser Stelle die verschiedenen geehrten

Herren alle zugleich um Entschuldigung, deren Wünschen wir nicht

entgegenkommen konnten.

Vermischte Nachrichten.

143) Augsburg, 5. Dez. Ganz in der Nähe der Stelle, an welcher im Jahre

1877 zwei gewaltige Säulenreste aus der Tiefe von 2 Meter ausgegraben

wurden (in der Carmelitengasse, in der Nähe der v. Cotta’schen

Druckerei), ist man vor einigen Tagen bei Gelegenheit der Kanalisierung

der Stadt auf weitere Ueberreste von Säulen gestoßen und wurden neben

anderen Steinfragmenten zwei große Säulenstücke zu Tage gefördert. Das

eine, ein schön ornamentiertes Capitäl, hat einen Durchschnitt von

70 Centim. und eine Höhe von 81 Centim.; das andere, ein Säulenstück

ohne Ornamentierung, hat nahezu denselben Durchschnitt und eine Höhe

von 84 Centim. Das Material scheint derselbe krystallinische Kalkstein

zu sein, aus welchem die früheren Fundstücke gearbeitet sind. Diese

wiederholten Ausgrabungen von mächtigen Säulentrümmern in derselben

Gegend lassen die Vermuthung ziemlich gerechtfertigt erscheinen, daß

daselbst großartige Gebäude der alten römischen Stadt gestanden haben.

Leider machen es die zu beiden Seiten der schmalen Carmelitengasse

stehenden Wohngebäude unmöglich, in der dortigen Gegend weitere

Nachgrabungen anzustellen. Beide erwähnte Säulenreste sind bereits in

dem Antiquarium romanum zur Aufstellung gelangt.

(Nürnb. Presse, Nr. 343, nach der allg. Ztg.)

144) Die Zweibrückener Zeitung bringt in ihrer Nr. 278 ausführliche

Mittheilungen über die römischen Alterthümer zu /Erfweiler/ und

eine am 10. vor. M. eingeleitete Besichtigung der neuen Ausgrabungen,

bei denen eine Badanlage zu Tage kam. Viele Ziegelreste, Gefäßtrümmer

fanden sich im Schutte. Die aufgefundenen, theilweise vortrefflich

erhaltenen Bronzemünzen gehören der Zeit von 254-276 n. Chr. an. Man

vermuthet eine Militärstation und in dem untersuchten Theile die Villa

eines Präfecten oder Centurio. Der Artikel beabsichtigt, das Interesse

zu weiteren Ausgrabungen anzuregen, bei denen viel Interessantes zu

Tage kommen möchte.

145) Ein /Münzenfund/ wurde vor ein paar Wochen im Rayon der

Dreher’schen Gründe zu Klein-Schwechat bei Wien gemacht, der, was die

Quantität der ausgegrabenen Stücke betrifft, allerdings bedeutend zu

nennen ist. Aber auch das Alter -- sie stammen in der Mehrzahl aus

dem vierten Jahrhundert unserer Zeitrechnung und tragen meist das

Gepräge „Constantinus Max(imus) Aug.“ -- macht die Stücke merkwürdig,

und so ist der Fund immerhin ein kostbarer. Bei der Entdeckung dieses

kupfernen und bronzenen Schatzes soll es nun unter den anwesenden

Erdarbeitern etwas bunt zugegangen sein und sich so mancher die Säcke

vollgestopft haben, bis dem wüsten Treiben Einhalt gemacht und der

Wunderplatz eingeplankt wurde, da man Sachverständige in Kenntniß

setzen und überhaupt den gesetzlichen Gang, der in derlei Fällen

vorgeschrieben, beobachtet wissen wollte. Mittlerweile gelangten

jedoch fast sämmtliche Bewohner jenes Territoriums in den Besitz

solcher antiker Geldzeichen, die sie nun in Wien, wo es von Kennern,

Gelehrten, Liebhabern und Sammlern „wimmeln“ soll, verwerthen möchten.

Die Hausse, die die Stücke in ihrem späten Alter erlebten, ist eine

außerordentliche. Die „Amateurs“ wachsen wie aus dem Boden, die

„/wilden Numismatiker/“ sitzen und disputieren und erhitzen

sich an allen Tischen. Ein Wiener Blatt gibt hiervon eine hübsche

Schilderung.

(Nordd. Allg. Ztg., Nr. 695.)

Ueber diesen Fund berichten auch Nentwich’s numism. Blätter ausführlich

und geben die Zahl auf 10-15000 an, die in einem großen, schwarzen Topf

etwa 1-1/2 Meter unter der Erde sich befanden. Es gelang dem Fachmanne

etwa 3000 Stück zu besichtigen, die sämmtlich dem Schlusse des 3. oder

Anfang des 4. Jahrhunderts n. Chr. angehörten, aber nichts Neues oder

Unbekanntes brachten; auch waren weder Gold-, noch Silbermünzen, weder

Großbronzen, noch Medaillons dabei.

146) Zur Vervollständigung unserer Fundchronik machen wir noch

nachträglich auf die uns erst jetzt zugekommene Nr. 3 des Anzeigers

für schweizerische Alterthumskunde in Zürich aufmerksam, worin der

im Juni d. J. gemachte Fund eines Grabes bei /Füllinsdorf/,

oberhalb Augst (Baselland), gemeldet wird, das ein weibl. Skelett mit

einem Bronzeringe mit Gemme am Finger, 23 schöne, fein getriebene

Goldplättchen, ein silbernes Büchschen, ein ziemlich großes

Thränenfläschchen, sowie mehrere Münzen der Faustina enthielt.

147) Ebendaselbst wird auch die Auffindung eines Grabes bei Lavorgo

bei Gelegenheit der Gotthardbahnarbeiten mitgetheilt, von dem nicht

festgestellt ist, ob der Fund als ein römischer zu betrachten sei.

148) Auf der Halbinsel /Listerland/ in Norwegen ist kürzlich ein

Exemplar von den so seltenen /Goldbracteaten mit Runeninschrift/

gefunden worden. Die Direktion des Museums in Bergen hat denselben für

die Alterthumssammlung erworben.

(D. Reichsanz., Nr. 275.)

149) Der Bestand der romanischen Abteikirche zu /Knechtstedten/

(vgl. Nr. 104 auf Sp. 279 d. Bl.) scheint nun gesichert werden zu

sollen. Nachdem sich in Neuß ein Verein für die Erhaltung des Bauwerkes

gebildet, hat der Provinzialverwaltungsrath beschlossen, diesem für

1879 und 1880 je 2000 m. Zuschuß zu bewilligen; der Kreis Neuß hat 400

m. bewilligt. Eine Ueberweisung von 3000 m. aus der Brandentschädigung

ist wahrscheinlich, so daß aller Wahrscheinlichkeit nach der Verfall

auf lange hinaus wird abgehalten werden können.

150) Die Restaurationsarbeiten an der /Metzer Kathedrale/ werden,

soweit thunlich, auch während des Winters fortgesetzt. Bezüglich

der Herstellung eines neuen Daches an Stelle des abgebrannten sind

die Vorbereitungen soweit gediehen, daß die Ausarbeitung eines

Projektes, welches die Bedachung in Form eines gleichseitigen Dreiecks

zur Grundlage hat, angeordnet werden konnte. Dagegen erscheint der

projektierte Ausbau des einen Thurmes noch nicht gesichert; es hängt

dies von der Untersuchung der Fundamente ab, wodurch erhoben werden

soll, ob dieselben stark genug sind, um eine Mehrbelastung zu ertragen.

Die Herstellung des verstümmelten Eckportals wird eifrig betrieben,

wird aber, da fast sämmtliche Haupttheile, namentlich auch die großen

Figuren, neu hergestellt werden müssen, voraussichtlich längere Zeit

in Anspruch nehmen. Die dafür vorgesehenen Kosten sind vorläufig auf

120000 m. veranschlagt. Die übrigen im Gang befindlichen kleineren

Reparaturen, nämlich die Wiederherstellung einzelner schadhafter

Pfeiler und Ornamente in dem äußeren großen Strebbogensystem, die

Reparatur und Erneuerung der großen, die Nordfront des Transsepts

ausfüllenden gemalten Glasfenster, sowie endlich die Ersetzung von 6

in den Seitenschiffen befindlichen, in gewöhnlichem Glas ausgeführten

Fenstern durch in einfachem Stil gehaltene Grisaillefenster werden noch

im laufenden Verwaltungsjahr der Beendigung entgegengeführt.

(Deutsch. Reichs-Anz., Nr. 285.)

151) Das Correspondenzblatt des Ges.-Ver. d. d. Gesch.- und

Alterthumsver. führt in Nr. 11 Klage, daß die an der Stelle, wo 1233

Konrad von Marburg erschlagen wurde, errichtete Kapelle, die 1870 von

Dehn-Rothfelser und Lotz als ein Werk des 14. Jahrhunderts besprochen

wurde, nach dem III. Bnd. des hessischen Urkundenbuches zu schließen,

abgebrochen sei, da dieses sagt: „Jetzt bezeichnet nur ein Denkstein

den Ort, wo sie stand.“ Nun leider ist dies ja nichts so Merkwürdiges.

Trotz aller Bewegung auf dem Gebiete der Alterthumswissenschaft, trotz

aller Vereine und Commissionen hat unsere Zeit mehr mittelalterliche

Bauten zerstört, als irgend eine frühere. Wie viele Kirchen, Kapellen,

Stadtthore und Privathäuser haben wir abtragen sehen!

152) Der Breslauer Magistrat hat gestattet, die in dem

Allerheiligenhospital von Alters her eingemauert gewesenen und im

städtischen Bauhofe lagernden romanischen und späteren Sculpturen in

die Sammlungen des /Museums schlesischer Alterthümer/ aufzunehmen.

Diese Stücke werden die Reihen der in dem östlichen Hofe des neuen

/Provinzialmuseums/ aufzustellenden Architekturfragmente und

Steinsculpturen, welche vom 12. bis ins 18. Jahrhundert reichen, zu

einem interessanten Ganzen vervollständigen. In der Mitte des Raumes

wird ein großes romanisches Thor mit Tympanum entgegentreten, Basen und

Capitäle gleichen Stiles die Hinterwände zieren; an die Wände rechts

und links werden sich gothische Stücke lehnen, an der Eingangsseite

Renaissancearbeiten, wie die sog. „Halbe Maria“ von der Nicolaistraße,

Säulen aus dem Ringhause zur goldenen Krone und vom Schloß und dem

Münderschen Hause zu Liegnitz zur Aufstellung gelangen.

Verantwortliche Redaction: Dr. A. /Essenwein/. Dr. G. K.

/Frommann/.

Verlag der literarisch-artistischen Anstalt des germanischen Museums in

Nürnberg.

Gedruckt bei U. E. /Sebald/ in Nürnberg.

Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit (Jg. 26, 1879) Neue Folge · 第 177 / 177 题