1879. Nº 7. Juli.
Wissenschaftliche Mittheilungen.
Kunstgeschichtliches aus Bunzlau.
Die Kreisstadt Bunzlau am Bober (Regbez. Liegnitz), welche ihrem
berühmten Landsmann, dem Dichter Martin Opitz von Boberfeld, eine
Bekanntschaft in weiteren Kreisen verdankt, ist nach den Angaben
älterer Chronisten 1190 von Boleslaw dem Langen, Herzog von Schlesien
(1163-1201), gegründet und mit Mauern, Basteien und Thürmen
befestigt worden, woher der aus Boleslavec -- so heißt der Ort 1251
-- corrumpierte heutige Name stammt. Auf denselben Herzog wird die
Anlage der nicht mehr vorhandenen Liebfrauenkirche vor dem Niederthore
zurückgeführt, während ein Breslauer Kaufmann gegen Ende des 12. Jhdts.
in Folge eines Gelübdes ein der h. Dorothea gewidmetes Gotteshaus auf
dem erhöhten Platze gestiftet haben soll, auf dem sich die heutige
kath. Pfarrkirche in honorem gloriosae virginis Mariae et St. Nicolai
erhebt. Sie war ursprünglich hölzern; erst gegen Ende des 13. Jhdts.
scheint man zu einem steinernen Baue geschritten zu sein, von dem sich
als einziger Ueberrest das Fragment eines gekuppelten Fensters, im
Thurme eingemauert, erhalten hat. Der älteste Ablaßbrief zu Gunsten
dieses Werkes wurde 1298 (Juni) in Rom von den Erzbischöfen Gundislaus
Galiciarum, sedis Hispaniarum primatis, frater Egidius Bituriensis,
Leonhardus Aversanus etc. ausgestellt. Nach totaler Zerstörung des
Gebäudes durch die Hussiten[241] schrieb Bischof Konrad, Herzog von
Oels (1417-47), zu Breslau am 4. Sept. 1442 für die Neuerrichtung
unter folgenden einleitenden Worten einen Ablaß aus: „cum ecclesia
per insultum Thaboritarum una cum oppido funditus fuerit exusta et in
suis clenodiis ad divinum cultum et ministrorum indigentiam opportunis
omnimodo depopulata ..., ut statui priori restituatur.“ (Abschriften
beider Briefe in der handschriftlichen Chronik des Pastors Holstenius
(† 1609), im Besitz des kgl. Waisenhauses.) Den langsamen Gang des
Baues bezeichnen die Jahreszahlen 1482 am äußeren Chor, 1492 am
ersten Stockwerk des Thurmes, welcher um 1522 bis zur Brüstung fertig
geworden sein dürfte, 1516 an der südlichen Ecke des Frontispiz, 1521
am Gewölbe unter dem Orgelchore. Für den Baumeister halte ich /Wendel
Roßkopf/ von Görlitz, über welchen meine „urkundl. Beiträge zur
Künstlergeschichte Schlesiens“ bei genannter Stadt zu vergleichen,
und zwar auf Grund zweier neben seiner Namensinschrift stehender
Steinmetzzeichen auf der von ihm errichteten Gröditzburg, die sich
in Bunzlau wiederfinden. (Abgebildet in Schlesiens Vorzeit, 34 Ber.,
Tf. II, 21, 22). 1579 wurde dem Orgelsetzer /Joh. Lange/ von
Kamitz[242] die Renovation der Orgel in der Pfarrkirche verdingt, was
den Magistrat auf 600 [Symbol: Reichstaler] zu stehen kam; (Hol. f.
143).[243] 610 (Juli) ist der neue Kranz auf dem Kirchthurme[244]
sammt dem Wachstüblein darauf gesetzet worden von dem Steinmetzen
/Elias Böer/. (Diese Namensform kommt übrigens auch bei einem
Mitgliede der italienischen Baumeisterfamilie Bahr in Brieg vor!)
(Continuatio des Hol. f. 27). 32 Jahre später wurde die Kirche bei
der schwedischen Eroberung ausgebrannt; der Haupttheil blieb bis 1692
wüst liegen, wo der Italiener /Julius Simonetti/ sie völlig
wiederherstellte. Damals wurde der Bau des Schiffs laut der unter
dem Orgelchor befindlichen Jahrzahl beendigt; die bürige Renovation
des Gebäudes bestand in einer Erweiterung desselben nach Norden
zu.[245] (Bergemann, Chronik v. Bunzlau, 1829, S. 27.) Das Andenken
dieses Architekten wahrt noch die Kirche durch den Grabstein seines
Töchterchens Ursula Marianna († 1692); die Mutter führte den gleichen
Namen. Simonetti war (nach Bergemann, S. 430) 1721-28 Stadtvogt in
Bunzlau und 1718 Stadthauptmann bei den Schützen (S. 462). Nach
vollendetem Reparaturbau ließ er den Altar der Auferstehung auf
seine Kosten errichten; (ebenda S. 27.) Er erbaute übrigens auch
die evangelische Kirche zu Halbau bei Sagan; (A. Schultz, Schles.
Kunstleben im 15. Jhrh., S. 22.) Der Hochaltar wurde laut Contract
vom 17. Sept. 1723 (im Pfarr-Archiv) von dem Bildhauer /Leonhard
Wäber/ aus Schweidnitz verfertigt. Die Kosten dafür hatte der 1722 †
Erzpriester Blutvogel[246] vorausbezahlt. Dem Dingzettel zufolge sollte
der Künstler zu den Bildern und dem Schnitzwerk das Holz schaffen, auch
die Säulen und was zur Architektur gehört einen Tischler auf eigne
Kosten machen lassen, das Hauptbild aber, die h. Jungfrau, von Holz
geschnitten und durch etliche Engel gen Himmel auffahrend dargestellt,
oben aber in einer Gloria die h. Dreifaltigkeit nach Anzeigung des
(vorgeschriebenen) Risses gemacht werden. An Statuen kamen noch hinzu
Petrus, Paulus, Augustinus, Nikolaus, Laurentius, Stephanus, Wenzel und
Leopold auf die untern Postamente, auf die oberen aber Fides, Spes und
Charitas, Hedwig und Ludmilla. Insbesondere sollte observiert werden,
daß der Altar gebogen sei und in Gestalt eines Halbmondes formiert
werde etc. Dem Verfertiger wurden für solche Arbeit 600 [Symbol:
Reichstaler] à 30 Sgr., in 5 Raten bis zu geschehener Vollendung
zahlbar, ausgesetzt, außerdem ein Schock kieferne Bretter und endlich
kostenfreie Translocation von Schweidnitz nach Bunzlau zugesichert. --
An der Stirnseite der Kirche ist seit einigen Jahren ein Steinbild, die
Dreifaltigkeit darstellend, eingemauert worden, welches ursprünglich
den Schmuck des Oberthors (zur Straße nach der Herrnhutercolonie
Gnadenberg führend) bildete; es hatte die Jahrzahl 1533 und trägt in
Minuskeln die Inschrift:
Si incole bene morati, pulchre opidum (!) munitum[247]. -- Das vielfach
renovierte Rathhaus ist in der Hauptmasse ein spätgothischer Bau aus
dem Zeitraum von 1525-35, wie die Inschriften bezeugen; besondere
Beachtung verdient darin das complicierte, kühn geschwungene Gewölbe
des Rathskellers. Ueber dem Eingange zur ehemaligen Gerichtsstube steht
der Hexameter: Jus cole, perniciosa viris iniuria res est; zwischen dem
preußischen Adler und dem Stadtwappen auf der Südseite des Gebäudes das
Distichon: Alarum illarum degent secura sub umbra Curia, jura, salus,
gensque, Bolesla, tua. Der Thurmkranz wurde laut Inschrift 1776 unter
dem Kämmerer und Bauherrn Gottlob Liebner errichtet. Die Kuppel setzte
der Schieferdecker Flügel aus Harpersdorf (b. Goldberg). (Bergemann, a.
a. O. S. 17.) --
Die ältesten Steinskulpturen in der Stadt finden sich am Gasthofe zu
den drei Kränzen am Markte, bestehend in drei Köpfen und einem Jäger
hinter zwei wilden Schweinen, welche Bilder die Tradition mannigfach
gedeutet hat. So sollen die beiden Frauenköpfe ungarische Pilgerinnen
vorstellen, welche 1442 auf der Wallfahrt nach Aachen in genanntem
Wirthhause starben. (Bergemann, a. a. O. S. 80). Ueber das Jahr 1450
dürften diese Alterthümer sämmtlich keineswegs hinausgehen. -- Von
Architekturen aus der Renaissancezeit sind gegenwärtig nur noch zwei
Façaden auf der Südseite des Marktes vorhanden: die 1558 von Heinrich
Weißkopf angelegte Apotheke (Bergem. S. 49), welche über dem Eingang
1672 datiert ist, und das ältere anstoßende Gebäude, muthmaßlich ein
altes Patrizierhaus, mit Ritterköpfen, welche aus den Zwickeln des
reich skulpierten Portals herausschauen. Wahrscheinlich ist ihr Erbauer
der „wälsche Maurer“ /Antoni Tußkant/ (Toscano?), welchen die
citierte Handschrift zweimal erwähnt, (f. 112 u. 43 der Continuatio).
Er wohnte 1672 am Ringe in der Nähe des alten Röhrtrogs neben dem
Magister Heinisch; in seinem, früher dem Franz Böer gehörigen Hause
logierte 1546 der Prinz Maximilian, als er Montag nach Jubilate (17.
Mai) mit seiner Mutter Anna und zwei Schwestern in Bunzlau verweilte.
In den namhaft gemachten Quellen finden sich noch folgende Notizen
über ältere bildende Künstler. Die Maurerinnung soll 1499 von König
Wladislaus privilegiert worden sein. Die Steinmetzenzunft bildeten 1549
N. Holstein, C. Beer, St. Namsler, N. Schuhmann, H. Lindner, M. Maywald
(B. S. 66). 1563 ertrinkt der Stadtzimmermann /Wenzel/, als er
das Niederwehr gegen den angeschwollenen Bober zu erhalten sucht; (H.
f. 128). 1566 verschleppte ein Perlhefter (Paramentensticker) aus
Naumburg a. d. Saale die Pest nach Bunzlau, weshalb die Seuche das
Perlhefter-Sterben genannt wurde. (ebendas. f. 133). Um 1588 ließ
der Magistrat zwei neue Feldstücke von dem Glockengießer /Stephan
Götz/ zu Breslau herstellen; (ebendas. f. 153). 1614 arbeitete in
Bunzlau der Maurer /Mich. Gierbig/; (Cont. f. 37). In demselben
Jahre beginnt der Maurermeister /Leonhard Muth/ den Kirchthurmbau
in dem unweit der Stadt gelegenen Tillendorf; der Baumeister /Georg
Weigmann/ aus Sagan vollendet 1616 das Werk (B. S. 95). 1620 starb
im Kretscham zu Klitschdorf (Kr. Bunzlau) der Goldschmied /Hans
Kestner/; „denn er sich im Bier und Branntwein so vollgesoffen, daß
er vom Schemmel gefallen und bald todt blieben ist. Sicut vixit, ita
morixit (!)“ (Cont. f. 45). 1625 wird die Falschmünzerei des Uhrmachers
/David Wiehl/ und des Malers /Elias Meyer/ entdeckt. Die
Schuldigen entkamen; (ebendas. f. 54).
/Bunzlau/. /Dr. Ewald Wernicke/.