ORGAN DES GERMANISCHEN MUSEUMS.

1879. Nº 3. März.

Wissenschaftliche Mittheilungen.

Emaillierte Gläser im germanischen Museum.

[Illustration: Fig. 1.]

Mehr als alle urkundlichen Quellen gibt uns der Mönch Theophilus

Einblick in die Glasfabrikation des Mittelalters, wenn er auch über

die geographische Verbreitung, insbesondere in Deutschland, nichts

berichtet. Ob er selbst, den man für einen Goldschmied ansieht, der am

Schlusse des 11. und Beginn des 12. Jahrhunderts im Benediktinerkloster

Helmershausen lebte[115], diese Kunst selbst geübt, oder nur durch

Anschauen und Hören gelernt habe, geht aus seinen Worten nicht hervor;

auch nicht, daß er sie in Deutschland üben gesehen, da er ja manche

in Deutschland sicher nicht geübte Glastechnik, so die Fertigung

der Mosaikwürfel durch die Griechen, beschreibt, auch von gläsernen

Gefäßen spricht, welche die Griechen mit Gold und Silber verzieren.

Die zweite, im 14. Kapitel des zweiten Buches beschriebene Art dieser

griechischen Gläser zeigt aber nicht blos Verzierungen aus Gold und

Silber, sondern auch mit Emailfarben (electrum), eben so wie das 15.

Kapitel die Emaillierung von Thongefäßen nach griechischer Art lehrt.

Daß auch bei uns solche emaillierte Gläser zur Zeit des Theophilus

hergestellt wurden, dafür fehlt bis jetzt jeder Anhaltspunkt. Wohl aber

nahmen die Araber jene Kunst von den Griechen an, und das ägyptische

Glasgefäß des 13. Jahrhunderts, welches wir im Anzeiger, Jahrg. 1869,

Sp. 225 ff., besprochen haben, ist ein Beleg hiefür; ja vielleicht

sogar dafür, daß damals Griechen für die Araber thätig waren. In das

Abendland mag diese Technik doch nicht durch die Beschreibung des

Theophilus eingeführt worden sein, da ja doch nur praktische Arbeiter

die Handgriffe genügend kennen, um die Industrie lebendig zu machen,

vielmehr durch die Venetianer. Es ist uns ein unzweifelhaft echtes, wol

dem 14. Jahrh. angehöriges Glas mit reicher, etwas derber Emailmalerei

in gothischem Stile mit Inschriften in gothischen Majuskeln bekannt

geworden, das vor einigen Jahren sich im Besitze eines Münchener

Sammlers befand, aber leider nicht für unser Museum erworben werden

konnte, da sich der Besitzer nicht davon trennen wollte, das aber

doch kurze Zeit darauf um eine hohe Summe an die Sammlung Basilewsky

in Paris übergieng. Der Stilcharakter war entschieden deutsch. Und

dennoch mochte das Glas, das, so viel wir erfahren konnten, durch einen

Alterthumshändler in Südtirol entdeckt wurde, venetianischen Ursprunges

gewesen sein; denn es findet sich bis jetzt keine Spur ähnlicher

Fabrikate in Deutschland bis zum 16. Jahrh. Damals machte Hirschvogel

seine Anstrengungen, venetianisches Glas in Nürnberg herzustellen[116].

Es finden sich auch manche Glasgefäße mit emaillierten Verzierungen

und Wappen nürnbergischer und anderer Geschlechter da und dort in

Museen, insbesondere in dem unsrigen. Sie zeigen venetianischen

Charakter, und es mögen auch die Verzierungen (die Wappen nach aus der

Heimat eingesendeten Vorlagen) in Venedig selbst aufgeschmolzen sein.

Nichts hindert uns jedoch, anzunehmen, daß ein Theil dieser Gläser

von Hirschvogel und seinen unbekannten Nachfolgern hergestellte und

bemalte Arbeiten sind. A. v. Eye hat im Jahrgang 1876 d. Bl., Sp.

163 u. 164 einen Glasteller und zwei Humpen mit den Haller’schen,

Löffelholz-Volckamer’schen und Freiberg-Landschaden’schen Wappen

besprochen. Wir bilden hier in Fig. 1 noch ein älteres solches Glas

ab, an dessen italienischem Ursprung kaum zu zweifeln ist. Es gehörte

demselben Andreas Imhof, aus dessen Besitz die Faïenceschaale stammt,

die wir in diesem Blatte, Jahrg. 1873, Sp. 283 ff. beschrieben

und abgebildet haben. Der heraldische Schmuck ist in drei Theile

getrennt. Auf unserer Zeichnung ist der Imhof’sche Helm sichtbar. Der

Imhof’sche Schild und ein gevierteter, welcher zweimal das Wappen der

Schlaudersbach und jenes der Reich zeigt, stehen in gleicher Entfernung

von einander wie vom Helme. Das Glas ist also nach 1526 entstanden,

in welchem Jahre Imhof nach dem Tode seiner ersten Frau, Ursula

Schlaudersbach, die Magdalena Reich heirathete. Bei seinen Beziehungen

zu Italien dürfte wol das Stück venetianisch sein. Es hat 14 cm. Höhe.

[Illustration: Fig. 2.]

Entschieden deutsch ist die Malerei des in Fig. 2 dargestellten Glases,

welches leider im Original nicht mehr existiert, vielmehr schon im

Jahre 1857 als Opfer der Uebersiedelung der Museumssammlung aus dem

Thiergärtnerthorthurm in die Karthause zerschlagen wurde, ohne daß

es gelungen wäre, die Trümmer wieder zu kitten. Glücklicherweise

erhielt sich aber eine große Zahl anderer entschieden deutscher

Gläser mit Emailmalereien aus dem 16. und 17. Jhdt. Nur wenige

tragen Jahreszahlen; die älteste vorkommende zeigt erst die Zeit

der höchsten Blüthe des Industriezweiges, 1652. Das Wappen der

nürnbergischen Patrizierfamilie der Kreß und, daran beiderseits

anschließend, friesartig die Ansichten zweier Landsitze der Familie

tragen zwei Gläser, die aus dem Besitze derselben stammen. Das in Fig.

3 abgebildete, mit Deckel 22,5 cm. hohe zeigt Kraftshof, das andere, um

etwa 1,5 cm. weniger hohe Ketzelsdorf.

Der eigentliche Sitz dieser Industrie wurde indessen nicht Nürnberg

selbst. Sie hatte im Fichtelgebirge und später in Thüringen ihre

Heimat. Deshalb ist auch auf solchen Gläsern des 17. Jahrh. die

Darstellung des Ochsenkopfes im Fichtelgebirge und der von demselben

ausgehenden vier Flüsse so häufig. Auch der Reichsadler, dessen

Flügel mit den Wappen der Glieder des Reiches belegt sind, der Kaiser

und die Kurfürsten zu Pferde, in Brustbildern u. s. w. sind häufig

dargestellte Verzierungen dieser Gläser. In Thüringen hatte sich die

Industrie, freilich künstlerisch sehr herabgekommen, bis in unser

Jahrhundert erhalten und ist zuletzt, auf Schnupftabak- (Bresil-)

und Schnapsfläschchen reduciert, an den Bestrebungen zur Hebung des

Kunstgewerbes durch die billig gelieferte, den heutigen Geschmack auch

auf’s Land tragende Industrie zu Grunde gegangen, um wenige Jahre

darauf in böhmischen Fabriken in zweifelhaften, theuern Imitationen

alter Gefäße wieder zu erstehen.

/Nürnberg. A. Essenwein./

Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit (Jg. 26, 1879) Neue Folge · 第 32 / 177 题