3. Nepa, Ranatra, Naucoris.

Den dritten Typus der im Wasser lebenden Schnabelkerfe bilden die

beiden, je nur eine Art umfassenden Gattungen _Nepa_ und _Ranatra_

(Fig. 10, 28). Beide sind kenntlich an den langen, aus zwei

seitlichen Halbrinnen bestehenden Atemröhren am Körperende und an den

ausgeprägten, nach vorn gerichteten Raubbeinen des ersten Brustringes.

Die Schiene derselben kann gegen den Schenkel wie die Schneide eines

Taschenmessers gegen den Griff umgeschlagen werden; die Krallen am

Ende fehlen, der eingliedrige Fuss selbst sieht dagegen krallenartig

aus. Hinsichtlich der Beinbildung bildet die Gattung _Naucoris_ (Fig.

10, 27) den Übergang zu _Nepa_; sonst freilich weist sie nicht viel

Übereinstimmung mit derselben auf.

_Nepa cinerea_, der Wasserskorpion, und _Ranatra linearis_

unterscheiden sich von einander leicht durch die Gestalt; der erstere

ist breit, verhältnismässig kurz und von oben nach unten platt

gedrückt, während _Ranatra_ am besten gekennzeichnet wird durch den

Namen, welchen ihr jüngst einer meiner Schüler gab: +Strohhalmwanze+.

Wer sie nicht kennt, dürfte sie in der That oft genug jener

Ähnlichkeit wegen, da sie überdies meist bewegungslos mit abgestreckten

Beinen im Netz liegt, übersehen.

Mit der Schwimmbefähigung und Schwimmneigung beider ist es nicht

sonderlich bestellt; die Mittel- und Hinterbeine, welche dabei

gebraucht werden, sind nur schwach bewimpert. Sie bewegen jedoch

die Beine desselben Paares gleichzeitig und _Ranatra_, dessen Beine

ausserordentlich lang sind, kommt schwimmend ziemlich schnell fort.

Die Lieblingsstellung beider Tiere ist übrigens, sich schräg abwärts

gerichtet an einer Wasserpflanze mit den beiden letzten Beinpaaren zu

halten, so dass die Atemröhre eben zur Oberfläche emporragt, und so

bewegungslos auf Raub zu lauern. Blitzschnell erfassen sie mit ihren

Vorderbeinen vorbeischwimmende Tiere, auch winziger Grösse, z. B.

Daphnien. Einmal gefasst, entwindet sich keine Beute so leicht diesen

Zangen. Bisweilen sah ich _Ranatra_ eine _Daphnia_ aussaugen und

gleichzeitig mit jedem Vorderbeine eine neue Beute halten[LVII].

[LVII] Die Mundteile der Nepiden bieten übrigens eine morphologische

Besonderheit dar; die Unterlippe derselben besitzt am

vorletzten Schnabelgliede eingliedrige Taster im Gegensatz

zu der allgemeinen Angabe, dass den Rhynchoten eigentliche

Lippentaster fehlen. Das hatte bereits +Savigny+ erkannt

und abgebildet. Seine Abbildung ist in Lehrbüchern immer

wieder kopiert worden, aber anscheinend ohne Verständnis und

Nachuntersuchung, denn die Taster sind in den Abbildungen

recht undeutlich geworden und in den Erklärungen und

Texten völlig verschwunden. +Burmeister+, der auch die

Abbildung von Savigny bringt, hat sogar auf das Fehlen der

Unterlippentaster hin eine besondere Deutung der Gliederung

des Rüssels aufgestellt, die oft wiederholt wurde, und

+Huxley+ („Wirbellose Tiere“) zieht mit deswegen in Frage,

ob die Mundteile der Rhynchoten mit denen der anderen

Insekten homologisiert werden können. Aufallenderweise

giebt auch +Geise+, der die Mundteile der Schnabelkerfe so

genau untersucht hat, an, dass bei _Nepa_ und _Ranatra_ die

Lippentaster fehlen. Vgl. meine Mitteilungen über Mundteile

der Rhynchoten und die Stigmen derselben in d. Sitzungsber.

der Gesellschaft naturforschender Freunde zu Berlin, 1891.

Die Eier legen beide Wanzen im Mai an abgestorbenen schwimmenden Binsen

u. dergl. ab und zwar so, dass das eigentliche Ei in die Pflanze

eingesenkt ist und nur die eigenartigen, fadenförmigen Anhängsel der

Eier (bei _Ranatra_ zwei, bei _Nepa_ mehrere) hervorragen (Fig. 10,

29 u. 30). Von _Ranatra_ habe ich mehrfach die Eier im Mai zu vielen

Hunderten angetroffen. Die jungen Larven schlüpfen nach kurzer Zeit

aus; die Zugehörigkeit zum entwickelten Tier ist bei ihnen wie bei

_Nepa_ ohne Weiteres zu erkennen. Es fehlen ihnen zunächst nur die

Flügelansätze und die Atmungsweise ist eine etwas andere. Bei den

entwickelten Kerfen liegen die einzig offenen Stigmen am Ende des

Hinterleibes, am Grunde der Atemröhre; die übrigen Stigmen desselben

sind auf der Bauchseite zwar vorhanden, aber geschlossen und nicht

in Thätigkeit; bei den Larven sind dagegen an der Bauchseite zwei

gleichartige Haarrinnen vorhanden wie bei _Notonecta_, und unschwer

erkennt man auch, dass von der kurzen +Atemrinne+ aus -- eine

zweiteilige Atem+röhre+ ist noch nicht ausgebildet -- die Luft in

diesen seitlichen Gängen zu den dort liegenden Luftlöchern fortgeleitet

wird. In allen anderen Punkten aber, in der Bildung der Mundteile, im

Schwimmen, in der gewöhnlichen Körperhaltung, sind die jungen Tiere ein

getreues Abbild der alten.

Schlussbemerkungen.

Reich und mannigfaltig ist also, wie wir sehen, das Kerf- und besonders

Kerflarvenleben der +süssen Gewässer+ entwickelt. Naturgemäss drängt

sich da zum Schluss die Frage auf: Wie verhält sich dazu die Kerfwelt

des Meeres? Ist dort ein ähnlicher Reichtum an Formen vorhanden;

sind es verwandte und gleiche Formen wie die des süssen Wassers? Die

Auskunft auf solche Fragen muss für Jeden zunächst überraschend sein:

Von Kerfen und besonders Kerflarven des Meeres ist so gut wie gar

nicht die Rede. Ausser einer Gattung der Wasserläufer (_Halobates_,

Meerwanze) giebt es nur ganz vereinzelte Meerestiere unter den

Kerfen und Kerflarven. Dass der Salzgehalt des Meerwassers die

Ursache dieser auffallenden Erscheinung sein sollte, ist, auch schon

wegen der Fauna der salzigen Gewässer des Binnenlandes, nicht wohl

anzunehmen. Vielleicht ist dieselbe im folgenden zu suchen. Die fast

nie ruhende Bewegung der Meeresoberfläche, besonders auch näher der

Küste, macht zunächst allen Kerfen und Larven, die zur Atmung an die

Oberfläche kommen, oft auf lange Zeit das Atmen und also das Leben

im Meere unmöglich; aber auch für diejenigen Larven, bez. Puppen,

welche durch Kiemen oder Tracheenkiemen atmen und die also zunächst

in der schützenden Tiefe verbleiben können, kommt früher oder später

der Zeitpunkt, wo sie zur Verpuppung oder zum Ausschlüpfenlassen des

Insektes das Wasser verlassen müssen, und welche Schwierigkeit bietet

sich dann für die schwachen Lebewesen durch die Brandung das Ufer

und weiter eine Stelle zu erreichen, an der sie nicht eine spätere

Welle oder die steigende Flut erreiche. Wie dem nun auch sein möge,

jedenfalls bilden die Kerfe hierin einen bemerkenswerten Gegensatz zu

der verwandten Klasse der Kruster, den echten Wassertieren, welche im

Meere so ungleich reicher als im süssen Wasser entwickelt sind.

Anhang.

Tabelle zur annähernden Bestimmung der im Wasser lebenden

Kerflarven[LVIII].

Die Tier- und Pflanzenwelt des Süsswassers. Zweiter Band. · 第 30 / 60 题