Ein Schiffer fährt den dunklen Strom
Hinunter ohn Bedacht.
Die Lüfte ruhn, das Wasser schweigt,
Und mählig wird es Nacht.
Kanzlist Johann Querschneider zu Nürnberg, ein seltsamer Kauz, ein
Hungerleider doch nach Diogenes’ Art, erzählt:
Vierundzwanzig Jahre sind seit meines Vaters Tod verflossen. Ich bin ein
uneheliches Kind und führe den Namen meiner Mutter. Bis zu meinem
zweiundzwanzigsten Jahr wußte ich von meinem Vater nichts, nicht einmal
ob er lebte. Ich hatte mich nicht sonderlich dafür interessiert; Gott
weiß aus welchem Grund ich stets darüber hinweg dachte. Meine Mutter
verfuhr in diesem Punkt sehr kategorisch. Wenn ich fragte, so lachte sie
mir ins Gesicht. Ich zerbrach mir nicht den Kopf, sondern lebte so hin,
nicht schlechter und nicht besser als andere; Geld hatten wir wenig,
litten aber keinen Mangel. Meine Mutter bezog irgendwoher eine kleine
Pension, besorgte Nähereien für einige Bürgersfrauen im Bezirk, und ich
selbst war beim Amtsgericht als Schreiber angestellt.
Ich lebte also und beschäftigte mich nach meiner Art. Bis zu meinem
zweiundzwanzigsten Jahr wie gesagt. Da ereignete es sich eines Morgens
im Frühling, ich ging gerade zum Amt, daß ich im düsteren Korridor
unseres uralten Gerichtsgebäudes ein junges Mädchen stehen sah, welches
forschend und unruhig den langen Gang bald hinauf, bald hinunter
blickte. Ich trat zu ihr hin und fragte unverhohlen nach ihrem Begehren.
Sie antwortete etwas in italienischer Sprache, und da ich sie nicht
verstand, schüttelte ich den Kopf und ging langsam meiner Wege. Das ist
ein teuflisches Frauenzimmer, sagte ich mir, denn ich hatte im Leben
Schöneres nicht gesehen. Voller Gedanken kam ich in die Amtsstube und
setzte mich an meinen Tisch. Drei Personen von den Parteien waren schon
anwesend. Der Diener schrie in den Flur hinaus: »Bianca Spinola!« und
das schöne Mädchen trat ein.
Die Verhandlung betraf einen schwierigen und absonderlichen Fall. Der
alte Rat Hilperich (ein Mann, den jedes Kind auf der Straße kannte, und
dessen abenteuerliche Vergangenheit den Gegenstand vieler Erzählungen
bildete) war auf den Einfall gekommen, eines seiner unehelichen Kinder,
ein junges Mädchen aus dem Trentino, an einen Bankbeamten zu
verheiraten. Alles war schon im besten Zug gewesen, die jungen Leute
selbst im Einvernehmen, als plötzlich die Mutter des Beamten mit Zeter
und Mordio erschien: der junge Ehekandidat sei gleichfalls ein Kind
Hilperichs. Was der alte Herr vorerst gründlich bestritt. So kam die
Sache vors Gericht und bildete lange Zeit das Gelächter der amtlichen
Personen und der ganzen Stadt. Mit Neugierde sah ich den alten Mann an,
der nun vor dem Richter erschienen war. Sicherlich zählte er mehr denn
siebzig Jahre, obwohl seine blauen Augen strahlend und lebhaft waren.
Seine hagere und etwas gebogene Gestalt hatte etwas Majestätisches, und
dieser Eindruck wurde verstärkt durch das Trotzige, Verbissene,
Verächtliche seines Gesichtes. Wenn unter den zusammengezogenen Brauen
die Augen verschwanden und die verkniffenen, schmalen Lippen sich hinter
dem weißen Bart wie hinter dünnem Buschwerk versteckten, mochte man wohl
Furcht empfinden, und das rote Gesicht, das vom Alter weniger versengt
schien als von den Leidenschaften, konnte man nicht leicht vergessen.
Das ist also der alte Hilperich, dachte ich mir und mußte gleichzeitig
lächeln, weil ich sah, daß die Sonne auf die schwarze Kappe und den
schwarzen Bart des Richters ein goldenes Emblem gemalt hatte. Das alles
sehe ich noch deutlich. Auch den hübschen und verschwiegen aussehenden
jungen Mann, den Bankbeamten; er hatte eine Narbe mitten auf der Stirn.
Dann seine Mutter, eine sehr dicke Frau, welche fortwährend
Schokoladestückchen aus der Tasche zog, wodurch aber die Redekraft ihrer
Zunge keineswegs verringert wurde. Dann das junge Mädchen, aber von
diesem will ich jetzt nicht reden. Der Richter wiegte den Kopf, fragte
dies und jenes, und seine Klugheit war bald erschöpft.
Ich weiß nicht mehr, wie ich daheim beim Mittagessen die Sprache auf den
alten Hilperich brachte. Ich erzählte die ganze Geschichte, die mir sehr
belustigend erschien. Meine Mutter aber verlor sofort ihr munteres
Wesen, wurde nachdenklich und entfernte sich vom Tisch. Der Zufall fügte
es – ich bin alt genug geworden, um das Wort Zufall nicht ohne ein
Gefühl von Andacht hinzuschreiben – daß ich an demselben Tage der jungen
Trentinerin wieder begegnete. Wir trafen uns nämlich beim Krämer, wo sie
für ein Gewürz, das sie kaufen wollte, den deutschen Ausdruck nicht
wußte. Ich machte nun den Dolmetsch, und zwar auf die komischste Weise
der Welt, denn ich verstand ja selber nichts von der fremden Sprache.
Ich schleppte alles herbei, was in dem Laden zu finden war, und stapelte
es vor der schönen Dame auf, wie man einem fremden Monarchen etwa die
Reichtümer eines Magazins zeigt. Es gab ein großes Gelächter, und der
Krämer selbst, der mein guter Bekannter war, fand sich bei dem Spaß am
besten amüsiert.
Da die junge Bianca, wie ich mit Mühe erfuhr, in der Nähe wohnte,
begleitete ich sie nach Hause, und es verursachte uns weiterhin großes
Vergnügen, uns zu verständigen. Unsere Mißverständnisse waren so heiter,
daß eins das andere übertraf und wir gewiß mehr davon hatten, als von
einer regelrechten Unterhaltung. Ich sah, daß sie ein Mädchen aus dem
Volk war, und daß es nicht schwer fiel, sie heiter zu stimmen und ihr zu
gefallen. Ja, ich gefiel ihr, und meine drollige Zeichensprache, mein
Murmeln und Kauderwelsch trieben Tränen des Lachens in ihre schönen
Augen.
Überflüssig, von all den Einzelheiten zu erzählen; nicht lange darauf
konnte ich Bianca mit meiner Mutter bekanntmachen. Meine Mutter
erinnerte sich sofort daran, was ich ihr von jener Verhandlung erzählt
hatte. Sie führte mich beiseite und fragte mich sehr ernst, ob das jene
Bianca Spinola sei. Mein unbefangenes Ja machte sie noch ernster und
feierlicher, so daß ich besorgt zu werden anfing. Aber ich wußte nicht,
was ich daraus machen sollte. Am folgenden Morgen, es war ein Sonntag,
gebot sie mir, mich sorgfältiger als sonst anzukleiden, denn ich war
immer ein wenig nachlässig darin. Sie nahm mich also wie einen
Schuljungen mit sich und führte mich zu einem alten Haus in der
Pfannenschmiedsgasse. Wir stiegen zwei knarrende Treppen empor, und
meine Mutter zog die Klingel. An der Art ihrer Gebärde sah ich, daß ihr
Gemüt heftig bewegt war, und ich fragte sie darum. Aber sie gab mir
keine Antwort. Mein Erstaunen wuchs, als ich das Porzellanschildchen an
dem gelben, staubigen Gitter sah, welches den Korridor von der Stiege
trennte. Hilperich las ich; aber ehe ich meine Mutter von neuem fragen
konnte, erschien eine Bedienerin. Meine Mutter zog einen Brief aus der
Tasche und sagte, sie wolle auf Antwort warten. Die Frau führte uns in
ein großes, leeres Zimmer, welches nichts als einen Spiegel und ein
paar Stühle enthielt. Vor dem Spiegel stand ein dünner Mann mit einer
Glatze und richtete sich eine rote Krawatte. Unser Eintreten störte ihn
nicht im mindesten; ich war erstaunt, denn nie hatte ich ein so
verhungertes, grämliches und furchtsames Gesicht gesehen.
Die Bedienerin kam alsbald zurück und bat meine Mutter, ihr zu folgen.
Wieder verging eine Weile, während ich saß und lauerte und mir den Kopf
zerbrach über das, was vorging. Der dünne Mann stelzte komisch vor mir
auf und ab, murmelte und schielte mich von der Seite an, so daß ich
lachen mußte. Endlich öffnete sich die Türe, der alte Rat kam heraus,
faßte mich schnell ins Auge, schritt auf mich zu, nahm meinen Kopf
zwischen seine beiden Hände, verkniff seine Lippen streng, nickte und
küßte mich auf die Stirn. Im Rahmen der Tür stand meine Mutter und sagte
mit ganz verweintem Gesicht: Johann, das ist dein Vater. Immer
sonderbarer wurde mir zumut, und das Sonderbarste war mir wohl in diesem
Augenblick, daß mein Freund mit der roten Krawatte ganz ruhig weiter
auf- und abstelzte, als ob er daran gar nichts Auffälliges fände oder es
längst vorausgesehen hätte. Es ist wahr, das Wort Vater machte in diesem
Augenblick keinen Eindruck auf mich, aber wer will mir das verübeln? Ich
erinnere mich, daß ich für meine Mutter ein unbestimmtes Mitleid empfand
und daß ich mich im übrigen weit weg wünschte. Auch war ich erstaunt und
verlegen und wurde es immer mehr, so daß mir der Schweiß auf die Stirne
trat.
Ich erinnere mich, daß meine Mutter und der alte Mann einander noch
lange Zeit gegenübersaßen und über die Vergangenheit plauderten. Der Rat
Hilperich, den ich nicht einmal in Gedanken Vater zu nennen wagte, blieb
dabei gelassen, ja sogar ein wenig spöttisch. Es fiel mir auf, daß die
fernliegendsten und vergessensten Dinge ihm so nahe schienen wie die
Gegenwart. Er sprach nicht wie ein alter Mann und nicht wie ein junger
Mann, sondern als ob er ein Gebieter über die Zeit und über die Jahre
wäre, und als ob es für ihn kein Verschwinden gäbe. Das ist mir freilich
jetzt viel deutlicher als damals; denn ich habe ja erst durch ihn
gelernt, was menschlich ist, abzuwägen.
Die Rede kam auch auf mich, auf meinen Beruf und meine Beschäftigung.
Die Mutter rühmte meine Fähigkeiten; ihre Augen glänzten dabei, als ob
sie von etwas Großem spräche, und ich mußte lachen. Das schien meinem
Vater zu gefallen. Er nahm meine Hand, tätschelte sie ein wenig und sah
mich halb liebevoll an und halb wie einen seltsamen Zwerg. Plötzlich
aber sprang er auf und kreischte mit einer zerbrochenen, gehässigen
Stimme: Mittelmann, scheren Sie sich zum Teufel! Und der schweigsame
Spaziergänger machte sich wie ein armer Hund auf die Beine. Mein Vater
lachte uns triumphierend an und wandte sich dann unvermittelt zu mir. Er
habe viele Schreibereien, sagte er, und brauche einen, dem er sein
ganzes Vertrauen schenken könne. Er glaube, daß ich nicht auf den Kopf
gefallen sei, denn ich sei ja von seinem Blut. Wenn es mir recht sei,
möge ich täglich zwei Stunden zu ihm kommen; es wäre nicht umsonst, und
meine Stelle beim Amt könne ich ja behalten. Ich erklärte mich bereit,
und meine Mutter fing sogleich vor Freude wieder zu weinen an. So
entließ er uns.
Am andern Morgen brachte ein Dienstmann ein herrliches Geschenk für
meine Mutter, eine Stehlampe, deren gläserne Kugel von zwei nackten
Frauen getragen wurde. Das war ein zarter Beweis für die Gesinnungen
meines Vaters, und mit Genugtuung trat ich den Weg zu seinem Hause an.
Ich war so in Nachdenken verloren, daß ich beinahe überfahren worden
wäre. Beständig sah ich mich an einem Wendepunkt meines Schicksals, das
sich glänzend vor mir aufrollte.
Ich fand meinen Vater in seinem Wohnzimmer. Er war in Unterhosen,
betrachtete mich komödiantisch forschend, mit seinem gewohnheitsmäßigen,
halb grinsenden Lächeln, doch mit ernst blitzenden Augen. Man hatte ihm
gegenüber das Gefühl, daß man stets scharf beobachtet war, und daß
nichts seiner Beobachtung entging. Alles an ihm war voll Leben und
Lebendigkeit trotz seiner schlottrigen, mageren, baufälligen Gestalt.
Das Zimmer war vernachlässigt und unordentlich. Keine Bilder schmückten
die Wände. Neben dem Bett hing ein riesenhaftes Löschblatt, vom Gebrauch
schwarz marmoriert, und auf dem Boden stand ein Schreibedeckel neben
einem eisernen Tintenfaß, denn mein Vater pflegte im Bett zu schreiben.
Wäschestücke, Briefe und Schachteln lagen umher; auf einer gelben
Kommode pendelten zwei Uhren, von denen die eine Mitternacht oder
Mittag, die andere fünf Uhr wies.
Mein Vater hieß mich sogleich vor dem Schreibtisch Platz nehmen und
diktierte mir eine ziemlich unverständliche Abhandlung, welche, wenn ich
mich recht entsinne, Kultur und Mode hieß. Später erfuhr ich, daß er
dergleichen viel schrieb, und manches, was mir recht überflüssig vorkam.
Er tat es für Geld. Das war mir im Anfang unerklärlich, denn ich wußte
nicht nur, daß er ein schönes Privatvermögen besaß, sondern auch, daß er
das Geld verstreute, als ob es Kleie wäre. Er besah es nicht, sondern
gab hin, nach allen Seiten. Dabei lebte er selbst in strenger
Einfachheit, war genügsam wie ein Bauer, stand mit der Sonne auf, im
Winter und im Sommer. Bald, bald erfuhr ich, wohin das viele Geld
wanderte. Aber darüber laßt mich vorerst nicht reden. Damals verwirrte
es meinen Sinn wie vieles andere Neue, und heute noch, in der
Erinnerung, bewegt es mich sehr. Einmal, während ich bei ihm schrieb –
es war immer noch über Mode und Kultur, denn das ging von Adams Zeiten
an – kam ein Brief mit der Post. Mein Vater las ihn, und sein Gesicht
zeigte dabei Zorn und Haß. Da! herrschte er mich an und warf das
zusammengefaltete Papier vor mich hin. Ich schlug es auseinander und
überflog ein Schreiben voller Vorstellungen und Vorwürfe; Religion
bildete die Quelle der Beredsamkeit, so daß bisweilen der Ton etwas
Prophetisches und Salbungsvolles hatte. Zum Schluß wurde der verderbte
Greis flehentlich gebeten, in den Schoß der Kirche zurückzukehren.
Ich hatte von der geschiedenen Ehe meines Vaters munkeln hören. Dieser
Brief war von seiner Frau. Sie verdummt in den Händen der Pfaffen, sagte
der Alte bitterböse zu mir; aber zugleich nahm ich einen traurigen
Ausdruck in seinem Gesicht wahr, der mir naheging. Er schickte mich an
diesem Tag fort. Als ich am folgenden Tag wiederkam, schenkte er mir
eine wunderschöne, goldene Uhr – für meine Dienste, wie er sich
ausdrückte, hieß mich jedoch abermals gehen. Als ich durch den Korridor
schritt, sah ich ein Mädchen von nicht mehr als fünfzehn Jahren, die
voll Unbefangenheit in Blick und Miene an mir vorüberging, in die
Wohnung meines Vaters. Sie war sehr elegant gekleidet, doch hatte man
gleich den Eindruck, daß dies etwas Selbstverständliches an ihr war. Ich
schaute ihr neugierig, fast freudig nach, und die Freude an meinem
Geschenk ließ mich ihre flüchtige Erscheinung doch nicht vergessen.
Als ich nach Hause kam, traf ich zu meinem Erstaunen Bianca Spinola bei
uns. Sie war auf Geheiß meines Vaters gekommen, wie ich hörte; sie solle
nur mit uns Umgang suchen, hatte er gesagt. Ich lachte und erwiderte,
daß es wie in einer türkischen Familie sei, aber im Grunde fand ich
etwas Wohliges und Geheimnisvolles in der neuen Verwandtschaft von
fernher. Bianca Spinola sprach schon viel besser deutsch; ihr
Radebrechen entzückte meine Mutter. Ich selbst fühlte mich gehobener
durch ihre Gegenwart, doch ohne die frühere Bewegtheit; auch war mein
Kopf voll von Gedanken. Ich zeigte meine prächtige Uhr, die eitel
Bewunderung weckte, und wir waren herzhaft vergnügt den ganzen Abend
über.
Ich weiß nicht mehr recht, ob es der darauffolgende Tag war, an dem ich
von Mittag bis zum Abend bei meinem Vater Briefe schrieb. Ich erinnere
mich nur, daß es draußen stürmte und regnete und gewitterte. Mein Vater
saß an der Seite des Tisches und diktierte. Er schien eine große
Vermögensordnung im Sinn zu haben, denn in allen Briefen war davon die
Rede; auch zeigte die ganze Art meines Vaters wohlerwogene Entschlüsse.
Meines Vaters ... An diesem Tag wurde mein Gehirn aufgeweckt, und ich
sah mich nur als ein Körnchen unter vielen. Ich sah einen wahren
Stammvater vor mir, dessen langes Leben, ein Leben, welches er noch
nicht fühlte, in der Erzeugung von Kindern verflossen war. Freilich
damals war es mir nur wie ein Schauer; heute verstehe ich. Jeder Brief
war entweder an einen Sohn oder an eine Tochter oder an eine frühere
Geliebte gerichtet, die jetzt alterte und arm war, und der er ein
Scherflein zukommen ließ. Hier gab er Ratschläge und ermunterte, dort
setzte es eine Strafpredigt; im Norden und im Süden, so schien es, hatte
seine Jugend die gleichen Erfolge aufzuweisen gehabt, und in der Heimat
selbst erblühte kräftig der junge Nachwuchs aus seinem Blut. Manchmal
hatten mir Leute gesagt, daß Fürstinnen und Prinzessinnen von Liebe zu
ihm geplagt worden seien, ja, daß eine gewisse Herzogin, nun schon bei
hohen Jahren, oftmals ein Plauderstündchen beim alten Hilperich einhole.
Das hatte man mir erzählt, und ich leugne nicht, daß ich dazu ein
ungläubiges Gesicht aufgesetzt hatte. Jetzt wurde mir die Zeit zur
Lehrerin, und ich verlachte meine eigene Zweifelsucht. Ich erfuhr
freilich im Lauf der Zeit, daß mein Vater einst eine große Rolle
gespielt habe. Der Hof und das Volk hätten gleichermaßen Vertrauen in
ihn gesetzt; jener hätte seinen Kopf, dieses sein Herz zu würdigen
gewußt, und beide seien auf ihre Rechnung gekommen. Im Revolutionsjahr
soll er der Regierung wichtige Dienste geleistet haben, und man sagte,
daß er auf die Neugestaltung unseres Strafgesetzes den größten Einfluß
ausgeübt hätte. Ich erwähne alles dies mit Ängstlichkeit, denn ich kann
nicht dafür bürgen. Aber zwei Umstände will ich noch anmerken, die für
meine Augen ein Licht über meines Vaters Leben verbreiteten. Einmal
zeigte er mir ein Ölgemälde, das ihn selbst in seinen jungen Jahren
darstellte. Man konnte nichts Liebenswürdigeres sehen! Um die Stirne
glitten braune Locken, die Augen blickten freundlich träumend, und das
griechisch runde Kinn war fest wie ein junger Apfel. Der Maler mochte
phantasiert haben, aber sicherlich hatte ihm das Entzücken über das
lebendige Antlitz die Arbeit verschönt. Ich dachte mir damals, so muß
man aussehen, um der Welt mehr zu sein, als sie uns ist. Oder vielleicht
denk ich dies heute, denn damals war ich jung.
Das zweite ist dies. Vor etwa zehn Jahren lernte ich einen alten Mann
kennen, der mir von meinem Vater erzählte, und zwar in einem Ton wie von
eigenen Heldentaten. Dieser Mann hatte meinen Vater als Fünfzigjährigen
noch gekannt und behauptete, daß seine Anmut, sein weltmännisches
Betragen, sein Witz und seine Güte einen eigenen Ruhm genossen hätten.
Mein Erzähler berichtete tausend Einzelheiten mit einfältigem, aber
rührendem Eifer. Nicht das jüngste Fräulein habe ihm zu widerstehen
vermocht, dem Graubart, sagte der Schelm und lachte wie ein gackerndes
Hühnchen. Schon damals sei die Zahl seiner Kinder zum Gegenstand vieler
Witze geworden, und als er sich um diese Zeit verheiratete, hatte man in
der Stadt gesagt, nun sei der Sultan zur Galeere verurteilt. Aber
Hilperich war weiterhin auch Sultan geblieben, so meinte mein
humoristischer Mann und fügte hinzu: wer ihn kannte, vermochte durchaus
nicht an seinen Tod zu glauben. Etwas Starkes, Über den Tod-Starkes sei
in ihm gewesen.
Die Briefe, die mir mein Vater diktierte, mochten für einen Unvertrauten
etwas Geheimnisvolles, sogar Wahnsinniges haben. Denn wer sollte denken,
daß ein und derselbe Mann Söhne, Töchter, Frauen in allen Richtungen der
Windrose besitze? Mich selbst zwang damals etwas Seltsames zu
ungeprüfter Hinnahme. Ihr müßtet gesehen haben, wie mein Vater jedem
einzelnen Brief gegenüber ein besonderer Mann wurde! Bei dem einen wurde
sein Gesicht hämisch und verdrossen; bei dem andern leuchtete es
erinnerungsvoll; jetzt war er karg und spröde, später von zärtlicher
Geschwätzigkeit; hier verurteilte ihn ein kluger Ratschlag zu langem
Nachdenken, dort war er zornig wie eine alte Katze, schlug vor Zorn auf
den Tisch, fletschte die Zähne, und ich, ich wußte keinen Grund, sah
ein Stück Vergangenheit wie in den Scherben eines Spiegels. Aber
zugleich muteten mich all die Gesichter vertraut an, denen ich mich
schreiberhaft zugewandt hatte. Ich trug etwas nach Hause, was ich vordem
nicht besessen hatte; wer kann dafür Worte finden? Kummer und Freude sah
ich fließen in der weiten Gasse der Zeit. Mein Vater, ein fleißiger
Angler, angelte sein Teil heraus. Was er nach Haus trug, war sein, wie
meins, was ich.
Jetzt muß ich aber etwas Neues erzählen, denn viel Verwirrendes drängt
sich vor mir. Damit ich jedoch nicht vergesse, will ich erwähnen, daß
ich an jenem Abend vor meines Vaters Haus den Mittelmann traf (den
dünnen Mann mit der roten Krawatte) der mir eine Viertelstunde lang
Unsinn vorschwatzte. Er tat so, als sei er wohl Hilperichs Kind, doch
enthalte man ihm dies Recht vor. Darüber schwatzte der Arme wie ein
Besessener; später erzählte mir mein Vater, daß dies Mittelmanns fixe
Idee sei, mit der er seit Jahren durch alle Kneipen hausieren gehe. Oder
glaubst du, daß einer, den ich gemacht, so aussieht? fuhr mich mein
Vater grob an, stieß mich mit dem Zeigefinger vor die Stirn, lachte aber
sogleich in seiner keuchenden Weise.
Es war an einem Oktoberabend, kaum eine Woche nach jenem Brieftag, und
ich hatte meine Arbeit eben beendigt, da kam jenes junge Mädchen zur Tür
herein, welches mir damals an der Treppe begegnet war. Mit allen Zeichen
der Bestürzung und Eile ging sie auf meinen Vater zu und flüsterte
etwas. Der alte Mann warf den Kopf zurück und blickte mit einem
drohenden Ausdruck ins Leere. Darauf schielte er mich boshaft und
finster von der Seite an und befahl mir durch eine Gebärde, zu gehen.
Bevor ich aber noch meinen Hut ergriffen, hatte mein Vater eine der
Türen geöffnet, die aus seinem verwahrlosten Schlafgemach in ein mir
bisher unbekanntes Zimmer führte. Dorthin sah ich nun die beiden gehen,
und mein Blick erhaschte zugleich gierig den fremden Raum, den mein
Vater nie betreten hatte, während ich zugegen war. Ich gewahrte nun ein
kleines Boudoir, das meinen unverwöhnten Augen einen fürstlichen Prunk
zeigte. Aber es schien mir zugleich wohnlich und warm drinnen, und als
ich auf der Straße war, empfand ich eine Begierde nach diesem Gemach wie
nach einem verbotenen, verzauberten Garten.
Die kurze Szene, kaum der Rede wert für einen Unbeteiligten, hatte
trotzdem tiefen Eindruck auf mich gemacht. Zu Hause fand ich Bianca
Spinola, welche zum Essen blieb und den ganzen Abend bei uns verbrachte;
meine Mutter war bei trefflicher Laune; ich blieb schweigsam und
nachdenklich. Ich mußte fortwährend an das junge Fräulein denken, und
das nicht vielleicht mit den Gedanken von Mann zu Weib. Es war so, daß
sie vor meinem inneren Auge nicht entwich und ich mich quälte, zu
ergründen, was mir an ihr, seltsam genug, ein für alle mal unergründlich
schien. Noch jetzt, wenn ich die Augen schließe, sehe ich ihren
graziösen, müden Gang. (Sie ging, als ob sie wüßte: so wie ich muß man
gehen, aber wer wird darauf achten?) Ihre Verachtung der Welt schien
groß, aber kindlich. Sie hatte etwas Bemitleidenswertes und zugleich
Damenhaftes, etwas Wiegendes und Achtloses. Ihre Augen, voll Trauer und
Ironie, zeigten zwei reine Augensterne wie schöne braune Perlen in
gefrorener Milch.
So schwebt sie mir vor, und was ich weiterhin erfuhr, erhorchte und
herausspionierte, will ich hier gleich sagen. Nicht nur als neugieriger
Tor wollte ich wissen, sondern was meinen Vater anging, ich nahm es
immer stärker wahr, betraf mich tief. Um seiner würdig zu werden, hatte
ich mich in den letzten Monaten mit einem bunten Studieren abgegeben.
Auf eigne Faust lernte ich fremde Sprachen, trieb allerlei Wissenschaft,
ohne Plan und Kraft, aber mit mehr Erfolg, als man bei einem Menschen
wie mir vermuten sollte. Doch die größte Ausdauer zeigte ich bei der
Erforschung des Verhältnisses zwischen meinem Vater und Henriette, eben
jenem Mädchen, das ich bei ihm und vorher schon im Korridor gesehen
hatte. Den leisen Andeutungen entnahm ich Wissenswertes; Ohr und Auge
waren geschärft und einmal, gleichsam als Belohnung kam es zwischen mir
und meinem Vater zu einer wirklichen Plauderstunde. Er hatte Zutrauen zu
mir gefaßt; das wußte ich, oder ich weiß es jetzt; denn damals gab ich
mir nicht Rechenschaft über die Dinge, sondern nahm sie nur mit Glut in
mich auf.
Eine flüchtige Leidenschaft hatte die Ehe meines Vaters geknüpft. Den
damals schon Sechsundfünfzigjährigen hatte eine kühle und elegante Dame
rasch entflammt. Doch bald bröckelte aller Schmuck von jener Frau ab wie
von einer schlecht getünchten Wand. Sie war zäh in ihrem Dünkel und
besaß eine unverwüstliche Einfalt. Ein bösartiges Schaf und doch wollte
sie herrschen, sagte mein Vater unverhohlen von ihr. Er selbst war für
die Ehe wie Feuer für Stroh; nach drei Jahren führten die
Unverträglichkeiten zum Bruch, und die Frau ergab sich den Pfaffen. Mein
Vater führte sein Leben weiter, ungestümer noch, als ob ihn der Ehekampf
erregt hätte, aber eines war, das ihn sogar der Frau verpflichtete:
Henriette. Er liebte diese Tochter mit der ganzen unbeschreiblichen
Gewalt seines Temperamentes, und wenn ich es recht bedenke, war es etwa
so, daß man sein Gefühl für Henriette und das für seine übrigen Kinder
in die zwei Schalen einer Wage legen konnte, und jenes einzige wäre
schwerer gewesen als die andern alle. Auch mich liebte der Alte, auch
den blonden Ingenieur, den ich kannte, auch die drei Töchter aus Prag,
wie er sie hieß, auch den überseeischen Kapitän oder den hübschen
lebhaften Studenten, der einer Frühlingsliebe am Meer entstammte, aber
wir alle waren gegen Henriette wie blasse Sterne gegen den Mond. Wie
wunderlich, daß aus der einzigen Verbindung, die sich in Alltäglichkeit
und Haß verlor, sein Liebstes kam.
Da er ihre Erziehung nur bis zum dritten Lebensjahr überwachen konnte
und das Kind der Frau verbleiben mußte, hatte in der ersten
Trennungszeit seine väterliche Sorge alle andern Interessen vertilgt. Er
konnte nicht täglich das Haus einer Verabscheuten betreten, welche
ihrerseits das nicht sehr geliebte Kind dem Wüstling, wie sie seinen
Vater nannte, entfremden wollte. Der Vater bestach die Dienstboten, ja
er wußte es durchzusetzen, daß eine ihm ergebene Person das Mädchen
völlig in ihre Obhut bekam. Diese würdige Frau Jakobea führte Tag für
Tag Henriette in die Wohnung ihres Vaters.
Tag für Tag also, seit zwölf Jahren, hatte mein Vater eine paradiesische
Stunde in dem kleinen Gemach, das nur für ihn und Henriette war, und
welches gemütlich und heimlich auszustatten er nicht müde wurde. Kein
Kunstgegenstand war ihm zu teuer, um dieses oder jenes Eck zu schmücken,
und mit Geschmack und Phantasie begabt, gestaltete er diesen Raum zu
einem Werk gleich einem Künstler, der aus Sehnsucht nach Vollkommenheit
seine letzte Arbeit bis ans Grab schleppt. In den Kinderjahren
Henriettes spielte der alte Mann mit ihr und vergaß Zeit, Arbeit und
Vergnügen darüber. Das frühkluge Mädchen fand selbst dem Spiel gegenüber
eine Überlegenheit, welche komisch und reizvoll wirkte. Wenn auch nichts
Starkes in ihr war, so doch etwas Sanftes, im Sanften Tüchtiges (da sie
doch wußte, wie angenehm es war, sanft zu sein). Indem sie das Spiel
beiseite schob, spielte sie, aber schon frühe wußte sie aus Klugheit für
Ernstes ernst zu bleiben. Ihr Vater wollte sie aus den Reihen des
Geschlechts erheben, wollte sie gleichsam mit Weisheit und Voraussicht
kränzen, eben mehr zu Schmuck als zu Nutzen. Er selbst, in allen Künsten
der Verführung Meister, wollte sie vielleicht auch gegen einen jüngeren
Hilperich schützen. Ich erfuhr späterhin, daß er schon in ihrem zehnten
Jahr den Storch aus ihrer Phantasie vertrieb, daß er ihr langsam, mit
Nachdruck und Würde das Menschlichste nahe brachte. Nichts Verschleiertes
also gab es mehr; er gedachte sie zu ehren durch Vertrauen und zu
beruhigen durch Wissen. Schon mit dreizehn Jahren kam Henriette allein,
und schwer ist es zu sagen, was _sie_ im tiefen Grund des Herzens zum
Vater trieb. Er saß stets lange vor ihrem Kommen im Henriettenzimmer und
wartete wie auf eine Geliebte. Sie kam, erregt durch die Heimlichkeit
ihres Besuches (ach, das hatte mein Vater nicht ermessen!), lächelte,
plauderte, fragte und urteilte, war plötzlich müde und verstimmt,
kopfhängerisch und von entzückendem Pessimismus. So wuchs sie heran und
teilte sich zwischen dem Haus des Vaters und der Mutter. Ihr ganzes
Wesen wurde so entzwei geschnitten.
Das Ende des Jahres nahte heran. Zu Weihnachten schenkte mir mein Vater
einen wundervollen spanischen Mantel, den er einst in Sevilla gekauft.
Er war mit roter Seide gefüttert und aus dem kostbarsten schwarzen Tuch
gefertigt, das ich je gesehen; wenn man ihn auf die Erde breitete, war
er so groß wie ein Zeltdach. Als ich mit diesem Geschenk freudestrahlend
durch das Vorzimmer ging, stürzte Mittelmann auf mich los, der noch
immer irgendwo da herumlungerte. Mit kreideweißem Gesicht stellte er
atemlose Fragen an mich, ob er etwas geschenkt bekomme, was es sei und
wie es aussehe. Ich war sehr unfreundlich gegen ihn, aber ich hätte es
vielleicht nicht sein sollen. Der arme Mensch war immer hungrig und
machte der alten Bedienerin den Hof, um ein paar Bissen zu ergattern.
Dabei ging er mit seinen Sohnesansprüchen an Hilperich umher wie mit
einem sicheren Kapital, und was ihn in seinem Glauben so befestigte, war
nur das Gewäsch eines Anverwandten, der einst im Hilperichschen Hause
Aufwärter gewesen war.
Mein Vater ging in diesen Tagen mit einer festlichen geheimnisvollen
Miene herum. Er diktierte mir einen Aufsatz, der den merkwürdigen Titel
führte: »Die Erziehung zur Liebe«, und von dem ich nicht das mindeste
verstand. Zwei Tage vor Neujahr wurden wir fertig. Es war schon dunkel,
mein Vater stand lange Zeit am Fenster und blickte auf die schneeblaue
Straße. Plötzlich wandte er sich heftig um und fragte scharf: Na, willst
du kommen? Ich wußte nicht, was er meinte, und blieb still. Er stampfte
zornig auf den Boden, lachte verächtlich, doch bald wurde er sanft und
streichelte mir die Wangen. Ich hatte dabei meist ein schüchternes, fast
furchtsames Gefühl; denn wenn er liebevoll tat, war er oft gefährlich.
Doch erklärte er mir kichernd, daß es am Sylvesterabend »etwas gäbe«,
und damit mußte ich zufrieden sein.
Am folgenden Abend zog ich meine besten Kleider an und war voll
Erwartung. Jedenfalls ist Henriette da, dachte ich mir; denn ich wußte,
daß ihre Mutter sich seit Wochen in einem Kloster aufhielt und das junge
Mädchen die ohnehin gewohnte Freiheit so in noch höherem Maße genoß. Ich
sah in Henriette durchaus keine Schwester, eher eine ganz Fremde, aber
liebe Fremde.
Als ich hinkam, war Henriette schon da, auch eine alte, vornehme Dame
mit glatten, silberweißen Haaren, die in einem Lehnstuhl saß und mich
spöttisch anlächelte. Mein Vater schalt mich, weil ich zu spät gekommen.
Ich schämte mich, denn ich hatte es für sehr vornehm gehalten. Stolz und
vornehm war ich mit meinem spanischen Mantel durch die Straßen
geschritten.
Wir saßen im Henriettenzimmer, und ich wagte mich kaum zu bewegen, so
sehr gefiel mir alles, was ich erblickte. Herrliche Teller und Gläser
schmückten den weißen Tisch; von der Decke hing ein zwölfarmiger
Leuchter herab, ganz von Gold, wenigstens schien es mir so. Die Fenster
waren mit dunkelblauem Stoff verhängt, und an den Wänden hingen die
schönsten Bilder. Henriette trug ein einfaches, blaues Kleid, und ihr
Gesicht hatte etwas Geplagtes. Sie sprach wenig, aber immer sehr betont
und aufmerksam, und die alte Dame, deren schwarzseidenes Kleid beständig
knisterte, weil sie so belebt war, schien voller Liebe gegen sie. Ich
glaube, daß sie eine sehr vornehme Person war; weder damals noch später
erfuhr ich ihren Namen. Aber was sie auch sein mochte, ihr gewinnendes
Wesen ließ mir jedes heimliche Forschen frevelhaft erscheinen. Sie duzte
meinen Vater, wie er sie, und eine lange Vertraulichkeit, viel
Zusammenerleben mußten es sein, die einen so herzlichen Ton geschaffen
hatten, wie er unter ihnen bestand.
Während des Essens erhob sich mein Vater zu einem Trinkspruch. Ich
erinnere mich heute nicht mehr an seine Worte. Damals schien es mir
hinreißend, ihn so zu hören, und mein Blick, der auf ihn gerichtet war,
zitterte förmlich. Er sprach zu uns von seinem Leben, von dem was
untergeht und was bleibt, Erinnerungen, die wie Schiffe am Horizont
vorbeizogen, – und eines ist mir unvergeßlich. Er sagte: Wenn ich einmal
alt sein werde ... Er war im Oktober dreiundsiebzig geworden. Er dachte
so wenig an den Tod wie ein Knabe.
Als er geendet hatte, stand Henriette auf, beugte sich zu ihm und küßte
ihn auf die Nasenspitze. Das war ihre Art etwas Scherzhaftes mußte dabei
sein. Die alte Dame klatschte in die Hände. Mit einem kindlichen, fast
mädchenhaften Lachen ergriff sie das Glas und sagte, indem ihre Augen
tief und warm strahlten: Mein unsterblicher Hilperich soll leben. Wer
sie und Henriette zusammen sah, den mochten wohl sonderbare Gedanken
über Jugend und Alter gefangen nehmen.
Mein Vater wurde immer aufgeräumter. Er stieß mich in die Seite, drohte
mir mit Prügeln, wenn ich fortführe, so schweigsam zu sein. Henriette
antwortete etwas zu meiner Entschuldigung, was mir sehr verständig
vorkam. Überhaupt fand ich ihren Verstand immer bewundernswerter. Über
alles ringsumher schien sie sich spielerisch klar zu werden. Dennoch sah
ich Unruhe in ihren Augen.
Wie lang ist es eigentlich her, daß wir uns schon kennen? fragte die
alte Dame in träumerischer Erinnerung.
Mein Vater wiegte den Kopf. Lange, lange, erwiderte er und tat einen
tiefen Schluck aus dem Glase.
Ich glaube, es war an dem Tage, da Goethe starb, fuhr sie fort und
lächelte. Mich durchzuckte es wunderbar, und ihr Seufzen kam mir
lieblich vor, womit sie weiterredete, (indem sie einen Blick auf
Henriette heftete): So blühen die Jungen auf und werden den Alten teuer.
Was wirst du tun, wenn Henriette heiratet? fragte sie und blinzelte
dabei schalkhaft.
Sie heiratet nicht, entgegnete der Greis kurz. Oder nicht sobald, fügte
er hinzu, indem er das Ohr bis auf die Schulter senkte; heiraten ist ein
Unfug.
Gut. Sie ist ja auch noch jung. Aber schließlich, Weib ist Weib. Nicht
wahr? Die alte Dame zeigte ihre weißen Zähne und ließ den Blick naiv
fragend von einem zum andern gehen. Dann lachte sie und fuhr heiter
fort: Alle schreien wir: nie, und auf einmal sagen wir ganz leise Ja.
Gut, Heirat hin oder her, aber – ihr Blick wurde plötzlich versonnen –
nimm an, man verführt sie dir. Wie? Nun ja, das ist schon dagewesen. Du,
der Freidenkende, was wirst du tun?
Henriette lachte mit gesenkten Augen kurz vor sich hin. Mein Vater kniff
die Lippen zusammen und erwiderte mit einem unbestimmt jovialen Ausdruck
und mit weinglänzenden Augen: Das ist plausibel; ich sag ihr: Gehe hin,
was du verdienst ist dein Gewinn. Nachdem er dies gesagt hatte, stand er
so heftig auf, daß der Stuhl hinter ihm zur Erde fiel, schlug mit der
Faust auf den Tisch und brüllte oder kreischte: Ich würde sie zum
Fenster hinunter werfen.
Henriette erhob sich, gänzlich blaß, ging zum Kamin und hielt wie
frierend die Hände dagegen. Mein Vater folgte ihr, klopfte mit der
flachen Hand auf ihren Rücken, lachte, setzte sich und nahm sie auf sein
Knie. Sie hielt aber die Augen geschlossen.
Da die Glocken zu läuten anfingen, erhob sich auch die alte Dame vom
Tisch, öffnete ein Fenster, so daß man nun die Glockenschläge dröhnend
und deutlich von allen Seiten vernahm. Der kalte Winter dampfte herein,
und Leute schrien auf der Gasse. Die alte Dame blickte andächtig gegen
den Himmel, und ich blieb sitzen wie ein Vergessener.
Noch im Traum in der Nacht sah ich die wohlwollende alte Dame, die
vielleicht gegen keinen Menschen Böses hegte; meinen Vater, von
Lebenskraft und -Größe erfüllt wie einen Gott des Altertums; Henriette,
unentschieden, graziös und fatalistisch kühl. Es war mir einen
Augenblick im Traum, sonderbar, als übe sie nur Nachsicht mit meinem
Vater, ihrem Vater, beuge sich dennoch gütig unter seiner Liebe.
Den Neujahrstag verbrachte ich mit der Mutter, und als ich am nächsten
Tag zu meinem Vater kam, fand ich ihn unruhig und finster. Er begrüßte
mich kaum, sagte, es sei nichts los heute. Ohne Arges zu denken, ging
ich wieder. Am nächsten Tag erklärte mir die Bedienerin, der Herr Rat
sei nach Z. gegangen. Mich erstaunte das; er konnte dort nur das Kloster
besuchen, in welchem seine Frau war. Vor dem Hause lungerte Mittelmann
herum. Ohne weiteres erklärte er mir in seiner singenden, hastigen
Redeweise, daß Henriette verschwunden sei. Der einzelnen Ausdrücke
erinnere ich mich nicht mehr, die das dünne Männlein gebrauchte, aber
mir wurde der Kopf heiß.
Den Tag darauf war ich nicht wenig überrascht, meinen Vater und
Mittelmann miteinander Schach spielen zu sehen. Ich wagte nicht zu
reden, nicht zu fragen, setzte mich und sah zu. Das Gesicht meines
Vaters war verändert wie ein laubreicher Baum nach einer Orkannacht.
Aber mit ruhiger Hand schob er die Figuren, ohne den Blick vom Brett zu
erheben. Seine weißen Wimpern schienen schwer. Er verlor die Partie;
Mittelmann grinste entzückt, als ihm mein Vater verächtlich einen Gulden
hinwarf, und ohne von meiner Anwesenheit Notiz zu nehmen, begannen sie
eine neue Partie. Plötzlich aber stieß mein Vater das Tischchen mit dem
Fuße um, und von dem Getöse erschreckt, flüchtete Mittelmann in eine
Ecke. Mit schweren Schritten ging mein Vater auf und ab, dann ergriff er
nacheinander die Stehuhr, die Lampe, eine Wasserkaraffe, den
Handspiegel und seine Waschschüssel und warf sie mit voller Wucht gegen
die Dielen. Sein Gesicht war blau, die Adern an der Stirn und an den
Händen wie Stricke geschwollen; so ging er auf mich Zitternden zu,
packte mich beim Kragen, schüttelte mich mit riesiger Kraft wie eine
Puppe und schrie hohl krächzend: Wo ist sie? Wer hat sie verführt? Wo
ist sie? Schaff sie mir her, Lumpenhund! Dann ließ er ab von mir,
öffnete das Fenster, wie um Luft zu schöpfen, und stieß einen langen,
tiefen Seufzer aus, der wie das Geheul eines Hundes klang. Die
Bedienerin war aus der Küche gekommen und betrachtete schweigend und
erschrocken das Bild der Verwüstung.
Wie ich heim kam, wie ich die Nacht verbrachte, was in meinen Gedanken
vorging, das weiß ich nicht mehr. Ich säumte nicht, am folgenden Tag
wieder zu meinem Vater zu gehen; wie gestern fand ich ihn mit Mittelmann
Schach spielend. Wie gestern beachtete er mich nicht, und ich sah
geduldig zu. Der Abend kam, und es geschah nichts. Fast wäre ich froh
gewesen um einen Ausbruch seines Zorns. Aber er saß still und in sich
gekehrt. Alle Tage ging ich hin, wartete, trauerte. Immer fand ich ihn
mit Mittelmann beim Schach und hie und da beim Domino. Zu arbeiten gab
es nichts für mich; ich haßte und verwünschte das Schachspiel und das
andere Spiel, verwünschte Mittelmann in meinem Herzen. Was mein Vater
auch sagen mochte, Mittelmann wiederholte es wie ein lästiges Echo, auch
wenn es eine Beschimpfung war, die ihm selbst galt. Seine Körperhaltung
zeigte die tiefste Unterwürfigkeit, aber zugleich die Unruhe eines
Kobolds. Wenn eine Partie für ihn schlecht stand, hüpfte er auf seinem
Sitz, wiegte sich aufgeregt hin und her, steckte die dünnen Fingerchen
in den Mund, murmelte sinnlose Worte, fuhr förmlich wehklagend mit der
Hand über die Stirn, und wenn er keine Rettung mehr sah, zeigte sein
Gesicht einen Ausdruck geisterhafter Frechheit. Dies schien meinem Vater
zu behagen und ihn zu erwärmen.
Die Ungeduld, zu wissen, verzehrte mich. Ich dachte mich an Mittelmann
zu halten, der doch beständig um meinen Vater war. Ich hatte erfahren,
daß er ein Zeitungsreporter war, und glaubte, einen guten Spion an ihm
zu haben. Ich nahm ihn mit in ein Wirtshaus und ließ ihm Speisen, Wein
und Bier vorsetzen. Zwei Stunden hindurch aß er, ohne daß in seinem
Munde Raum für ein überflüssiges Wort verblieb. Mich erbarmte seiner,
wie er mit vollen Backen stammelte oder glückselig auf die heißen
Kartoffeln blies. Ich ließ es also dabei bewendet sein und begriff, daß
Mittelmann meinem Vater nichts anderes war, denn ein Haustier, ein
folgsamer Hund, der sprechende Hund. Er brauchte ihn nur, um für sein
düsteres Schweigen ein Ohr zu haben.
Henriette war fort; sie hatte sich einem an den Hals geworfen, und war
Gott weiß wohin gegangen, ohne Wort noch Zeichen. Mehr wußte ich nicht
und konnte nichts sonst erfahren. Für meinen Vater war ich wie Luft.
Warum, das weiß ich selber nicht. Oft stieg es mir bitter auf: hat er
ihr das Blut vererbt, so vielleicht auch die Tat; aber es zu sagen,
hütete ich mich wohl.
An einem wunderschönen, sonnigen Nachmittag kam ich hin und fand Bianca
Spinola in seiner Schlafstube. Das Henriettenzimmer war zugeschlossen,
war seit dem Neujahrstag nicht mehr betreten worden. Ja, sogar die
leeren Teller und Flaschen standen noch auf dem Tisch, wie mir Bianca
später erzählte. Die Bedienerin war am Feiertag über Land gefahren, und
schon am Abend war das Unheil geahnt und mein Vater hatte die Türen
versperrt.
Bianca war also da. Mein Vater lag auf seinem mageren Bett, und sie saß
am Fußende und hielt ein Buch in den Händen, aus welchem sie Verse ihrer
Heimatsprache vorlas. Mein Vater sah mich fremd und unwillig an, schloß
aber gleich wieder die Augen, um weiter zu lauschen. Nie habe ich ein
schöneres Bild gesehen; das schlanke heitere Mädchen mit den
tintenschwarzen Haaren und den regungslos hingestreckten Greis und die
helle Februarsonne im Zimmer und dazu wie Musik die italienischen Worte.
Ich entfernte mich auf Zehen. In dem kühlen Vorzimmer schlief auf einem
Stuhl fahl und zusammengesunken der wunderliche Mittelmann.
Am Abend erzählte mir Bianca etwas Schreckliches. Ihrem welschen Gerede
entnahm ich nur, daß mein Vater jetzt herumging und sich vor dem Sterben
fürchtete. Er! Sie habe ihn beobachtet, sagte Bianca, auch habe er
gesprochen. Die Phantasie des jungen Mädchens war wie durch Gespenster
erschüttert. Ich glaubte ihr nicht. Meine Mutter lachte sogar darüber.
Mit bangem Sinn trat ich das nächste Mal den mir so vertrauten Weg in
die alte Gasse an. Mein Vater war allein. Er saß am Fenster und starrte
vor sich hin. Mit schüchternen Worten suchte ich ihn zu einem
Spaziergang zu bewegen. Er verzog die Lippen verächtlich und erwiderte
nichts. Ich begriff meinen Vater, begriff seine Einsamkeit. Als es
dunkelte, wollte ich gehen; jedoch er hielt mich zurück mit einem
Gebaren, das ich noch nicht an ihm bemerkt hatte. Er wurde sanft, seine
Stimme klang weich und wie zerbrochen; er bat mich, die Lampe
anzuzünden, und als dies geschehen war, wurde er sichtlich ruhiger. Er
sagte, er wollte nicht mehr diktieren, ihm sei das zu mühsam, er wollte
sich überhaupt um all die Geschichten nicht mehr kümmern. Zum erstenmal
wagte ich es, von Henriette zu sprechen. Er sah mich groß an und
schüttelte den Kopf. Das Frauenzimmer hat jetzt mehr Pläsier von der
Welt als von mir, sagte er und kicherte zynisch vor sich hin. Ich wußte
keine Antwort, verbarg meine Überraschung. Wieder wollte ich aufbrechen,
denn ich fürchtete ihn zu stören. Er nahm meine Hand zwischen seine
beiden, hielt sie fest und sagte, ich sollte warten, bis er im Bette
sei. Dann nahm er eine Kerze, öffnete die Tür zu dem großen Zimmer,
leuchtete hinein, ging mit schlürfenden Schritten dem Licht förmlich
nach, spähte in alle Ecken, spähte auch in den Flur hinaus, wobei er
kurz auflachte, wie um irgend einen Lauerer aufzustören, und ich saß da,
schaudernd und von neuem begreifend.
Man darf es nicht wagen, sagte er zurückkommend und schielte mich von
der Seite an. Man ist nirgends sicher. Wenn du die Treppe hinuntergehst,
kannst du dir das Genick brechen, mein Söhnchen. Überall wartet etwas
auf dich, und was du verlachst, kann dein Verderben sein.
Er entkleidete sich mit Hast, warf sich auf das Bett und seufzte. Jetzt
kannst du gehen, brummte er mürrisch, aber sieh zu, daß das Schloß
einklappt.
Ich ging. Es war schon späte Nacht. Ich irrte herum und kam bis in die
Vorstädte.
In den nächsten acht Tagen suchte ich meinen Vater nicht mehr auf. Eine
neue Stellung, die ich erlangt hatte, nahm mich sehr in Anspruch. Aber
während dieser Zeit wurde mein Geist so von Unruhe gepeinigt, daß ich
für die Arbeit ganz abgestumpft wurde. Dennoch hielt mich etwas Schweres
ab, zu ihm zu gehen. Ich war feig, ja, ich fürchtete mich vor seiner
Furcht. Es war der letzte Sonntag im Februar, als ich mich meiner
Pflicht erinnerte. Still war ich herumgegangen und hatte niemandem etwas
davon gesagt; und auch das quälte mein Gewissen, als hätte die Welt
helfen können.
Es regnete an diesem Tag. Obgleich so viele Jahre verflossen sind,
erinnere ich mich, daß vor meines Vaters Haus ein Betrunkener lag, und
daß dies einen fatalen Eindruck auf mich machte; besonders das matte,
gedunsene, gleichgültige Gesicht des Mannes und seine halboffenen Augen.
Johlende Kinder sprangen um ihn herum.
Oben öffnete mir die Bedienerin. Wieder fand ich meinen Vater allein,
und zwar in dem großen, leeren Zimmer. Er saß neben dem Spiegel, vor dem
kleinen, runden Schachtisch. Er hatte mich nicht bemerkt, meine Schritte
nicht gehört. Er hatte den Kopf in die Hand gestützt und war anscheinend
in tiefes Sinnen verloren. Kein Laut störte die Ruhe; nichts Belebtes
machte die Einsamkeit vergessen. Es sah aus, als ob er seit vielen
Stunden so sitze, mit etwas Unerklärlichem beschäftigt. Endlich wagte
ich es, laut den Tagesgruß zu rufen, und er hob langsam den Kopf. Er
besann sich, nickte; ich trat näher, und er gab mir die Hand wie er in
guten Stimmungen zu tun pflegte, fest, mit festem Druck. Aber sein
Aussehen war verstört.
Ich denke über die Toten nach, die hinter mir liegen, sagte er. Ich
schaue zurück, und jedes Jahr ist ein Zaunpfahl, an dem eine Leiche
hängt.
Es ist das allgemeine Los, Vater, entgegnete ich beengt.
Sein Gesicht verzerrte sich wie vor einer Flamme. Allgemeine Los? Warum?
Warum? Antworte, du Zeisig? Warum fühl ich dabei? Warum? Warum weiß ich
davon? Warum erst alles und dann nichts? He? Warum? Er stand auf und sah
mich gebieterisch an.
Gott will es, flüsterte ich.
Gott? Wer ist Gott? Was kann Gott wollen, was nicht ich will? Muß ich
sterben, weil ein Gott will, den ich nicht kenne? Ich glaube nicht an
den Tod. Oder wie? Wer könnte mich von meinem eigenen Tod überzeugen? Er
blickte gegen das regennasse Fenster und gegen den Himmel; sein Hals war
dunkelrot gefärbt, und die rechte Hand war geballt. Und doch, was ist zu
tun? fuhr er nun mit feierlicher Stimme fort, ohne seine Stellung zu
verändern. Es nützt nichts, daß ich leben will, leben, leben. Es nützt
nichts, daß ich weiß, auch ihr werdet tot sein, wenn ich’s bin. Es nützt
nichts. Wenn’s auch nur noch zehn Jahre sind, was sind zehn Jahre für
mich?
Ich erinnere mich, daß ich etwas sagte von unserer Liebe für ihn. Aber
er schwieg und hörte nicht. Langsam wanderte er auf und ab, die Hände
auf dem Rücken und wiederholte noch einmal vor sich hin: was sind zehn
Jahre für mich? Mir standen plötzlich die hellen Tränen in den Augen,
und voll Betrübnis schlich ich davon. Immerfort glaubte ich ihn zu
hören, den anklägerischen Ton seiner Stimme, den Trotz seiner Worte;
immer sah ich ihn einsam in seiner leeren Stube gehen und konnte nicht
die Inbrunst und das Furchtbare seiner Augen vergessen, als er ausrief:
Was kann Gott wollen, das nicht ich will? Raum und Zeit verachtend,
stand er im Mittelpunkt des Weltalls, allein, aufrührerischen Geistes,
ein aufrührerischer Fährmann, die abendliche Flut des Lebens befahrend.
Die Jahre konnten ihm nichts sein, denn seine Seele hatte stets den
Augenblick besessen – und nun verloren.
Den nächsten Tag verbrachte ich mit meinen Angelegenheiten. In der
Nacht, die folgte, fand ich keinen Schlaf. Die Luft schien mir schwül,
und kaum daß es Morgen geworden, trieb es mich nach der Wohnung meines
Vaters. Als ich in sein Schlafzimmer trat, sah ich ihn ruhig auf dem
Bett liegen, und daneben hockte Mittelmann, das Schachbrett vor sich,
anscheinend stumpfsinnig in ein Problem vertieft. Mich wunderte das so
früh am Tag. Mittelmann gewahrte mich und sagte scheu: Ich war die ganze
Nacht hier, es war um zwölf Uhr, solange spielten wir. In dieser
Stellung brachen wir ab. Sehr interessante Stellung, sehen Sie nur.
Geschwätzig redete er weiter. Ich blickte unbeweglich auf die
geschlossenen Augen des Greises. Sein Gesicht zeigte denselben Ausdruck
des Trotzes, wie vor zwei Tagen.
Die Fenster waren geöffnet, und die Sonne strahlte herein. Ich wurde so
traurig wie nie zuvor; und doch war es mir, als hätte ich meinen Vater
schon tot hingestreckt gesehen damals, als Bianca ihm vorlas.
Am nächsten Tag begrub man ihn. Den armen Mittelmann führte ich darnach
in ein Wirtshaus und gab ihm satt zu essen.
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