Bekenntnisse eines Offiziers

Die Stille des Gefängnisses ist der Selbsteinkehr günstig. Ich werde

also das Papier zu meinem Beichtiger machen und der Wahrheit gemäß

berichten, wie sich die Dinge abgespielt haben, und wie ich zu der Tat

gelangt bin, durch die ich mein Leben verwirkt habe. Ich bin des Todes

schuldig und ich werde aus dieser Erkenntnis alle Folgerungen ziehen, zu

denen ich als Mann und Soldat so berechtigt als verpflichtet bin.

Immerhin könnte ich beschönigend von einem verhängnisvollen Irrtum

sprechen, durch den mein Glück, meine Freiheit, meine Zukunft, meine

ganze Existenz der Vernichtung preisgegeben wurde, aber die Schmach

würde dadurch um nichts geringer werden, und wenn ich gleich die

furchtbare Leidenschaft, die mich ergriffen und ruiniert hat, zu

verurteilen imstande bin, so ist es selbst in diesem Augenblick noch

unmöglich, sie gänzlich aus meinem Herzen zu reißen.

Ich bin mit der Vorliebe für den Soldatenstand geboren. Doch trieb mich

dabei keineswegs Ehrgeiz oder Ruhmsucht; auch nach Abenteuern stand mir

nicht der Sinn, wie das bei Knaben oder Jünglingen sonst der Fall zu

sein pflegt, sondern ich wollte meine Person in den Dienst des

Vaterlandes stellen, und wonach ich strebte, war eine würdige Verwendung

meiner Kräfte und Fähigkeiten. Ich besaß Mut und war körperlich gewandt

und tüchtig; auch hatte ich, was für den Militär jedes Ranges von

Wichtigkeit ist, Disziplin im Leibe, das Talent und den Willen zur

unbedingten sachlichen Unterordnung. Da ich von Haus aus vermögend bin,

meine Mutter besitzt eine große Gutsherrschaft bei Arnstein, wurde der

Wahl meines Berufs kein Hindernis in den Weg gelegt, und nach

Absolvierung der Schule trat ich als Freiwilliger bei der Marine ein.

Aber ich fand dort kein Genügen, das Leben war eintöniger, als ich

gedacht, und nach Verlauf von zwei Jahren trat ich zur Feldartillerie

über, wo ich mich als brauchbarer Offizier eines gewissen Ansehens

erfreute und wegen meiner Begabung für militärwissenschaftliche Fächer

die besondere Gunst der Vorgesetzten genoß.

Da entbrannte in Südafrika der Burenkrieg; ich sah die Gelegenheit,

etwas zu leisten, ich hatte keine Lust mehr am Garnisons- und

Manöverdienst; die Verhältnisse, unter denen ich mich bewähren konnte,

erschienen mir zu klein; kurz und gut, ich erbat den Abschied, zur

Verwunderung und zum Bedauern meiner Kameraden, die mich gerne hatten,

mich aber nach diesem für sie unbegreiflichen Schritt eines Mannes, der

die begründetste Aussicht auf Karriere hat, für einen unbesonnenen

Haudegen hielten.

Ich habe da unten die Bluttaufe erhalten, die Fremde tat mir wohl, das

wilde äußere Leben band mich fester in mich selbst. Als ich nach

geschlossenem Frieden in die Heimat zurückkehrte, war ich ein anderer

Mensch, und wenn ich noch einen Rest von unreifer Romantik in mir

gehabt, so hätte ihn die ernsthafte Zeit, die ich verlebt, mit Stumpf

und Stiel ausgetrieben. Ich erfuhr die Genugtuung, sogleich wieder als

Offizier in die Armee eingereiht zu werden, und es war der froheste Tag

meines Lebens, als ich wieder den dunklen Rock der Artilleristen

anziehen durfte. Ich hatte nebenbei die Gewißheit, zum Generalstab

berufen zu werden; dies geschah auch, und um meine kühnsten Erwartungen

zu übertreffen, wurde ich mit einer Aufgabe betraut, die sonst nur

selten einem Offizier meines Dienstalters gestellt wurde; man entsandte

mich als Berichterstatter der mazedonischen Vorgänge nach Saloniki.

Ich war noch nicht zwei Monate auf meinem Posten, da brach in unsern

afrikanischen Kolonien der Aufstand der Schwarzen aus. Jetzt lag der

Fall anders denn damals, wo ich das Heer hatte verlassen müssen, um ins

Feld zu kommen; jetzt konnte ich mich meinem kaiserlichen Herrn und

Kriegsherrn selber zur Verfügung stellen. Da man tüchtige Offiziere

suchte, wurde mein Anerbieten ohne Verzug berücksichtigt, ich wurde zum

Hauptmann bei der Schutztruppe ernannt, und vier Wochen später war ich

schon auf See.

Ist ja richtig; es war eine elende Katzbalgerei mit den schwarzen

Rackern, und viel gutes deutsches Blut ist geflossen, aber wars gleich

sauer, so wars doch nahrhaft, wie unsere Exzellenz zu sagen liebte. Es

war ein schönes freies Leben, wie ich alles noch sehe und spüre! Die

sengende Mittagshitze und die Morgenkühle, die zerstörten Pontonks und

die infamen Wege, der Feind in Busch und Dickicht und die unaufhörlichen

Schüsse aus den Baumkronen! Wie das surrte und schwirrte und sang und

heulte, so dicht, daß es einen erstaunte, wenn man seine Gelenke noch

zusammenhängen fühlte. Hungrig legte man sich schlafen, den Revolver im

Arm, an Feueranzünden nicht zu denken, und weh dem, der vom Durst

getrieben zu den Wasserlöchern schlich, er ward in der Frühe mit Kirris

erschlagen gefunden. Da war man doch ein Kerl, da konnte man sich

bewähren, da spürte man seine Pulse.

Leider bin ich bei den Gefechten am Waterberg verwundet worden. Ich

konnte nicht mehr Dienst tun und mußte alsbald die Heimreise antreten.

Dritthalb Monate blieb ich in Berlin; man machte viel Aufhebens mit mir,

und viele Leute feierten mich wie einen Blücher, was mir oft die

Schamröte ins Gesicht trieb, denn ich war mir nicht bewußt, etwas

Sonderliches verrichtet zu haben. Aber dergleichen gibt sich, und wenn

man Verdienste hat, empfiehlt es sich, sie den Leuten nicht durch die

eigene Gegenwart lästig zu machen. Eine Zeitlang war von meiner Aufnahme

als Lehrer in die Kriegsakademie die Rede, doch, vor die Wahl gestellt,

zog ich schließlich den subordinierten Posten eines Batteriechefs in der

Provinz vor, allerdings mit der baldigen Anwartschaft auf den

Majorsrang. Meine Mutter kränkelte, ich wünschte in ihrer Nähe zu leben,

und des unruhvollen, weltstädtischen Treibens, an dem ich nie Freude

gehabt, war ich ohnedies müde.

Dazu kam noch, daß mir die Fremde ganz wie mit einem Male den Blick

verwandelt hatte. Entweder war ich nicht mehr derselbe, oder die Heimat

war nicht mehr dieselbe. Aufrichtig gesagt: die Luft im Reich gefiel mir

nicht. Sie war mir zu wetterwendisch; winterlich scharf von oben und

giftig süß von unten, fast wie eine afrikanische Nacht. Nichts wurde mit

Wohlwollen reguliert, alles mit Manometer, und wer hinten nicht gestoßen

wurde, der ging nach vorne nicht weiter. Unsre jungen Herren fand ich so

ohne jede Herzlichkeit, daß sich einem der Gaumen zusammenzog, wenn man

mit ihnen redete. Immer bloß aufs Elegante versessen, geschniegelt wie

die Reitpferde und trocken wie Stiefelsohlen. Die Aristokraten hochnäsig

und zimperlich, die Bürgerlichen streberhaft und vom frischen Reichtum

verdorben und verweichlicht, das Volk rebellisch und respektlos. Keiner,

der aus Eigenem was vorstellte, erst durch sein Geld oder sein Amt oder

seine Orden oder seine Hemdbrust. Großes Maul, ja, aber kein freies

Wort, keine offene Meinung. Hölzernes Getue galt für Form,

kaltschnäuziges Nörgeln für Geist und öde Prahlhanserei für

Selbstbewußtsein.

Wenn man mir die Berechtigung abstreitet, eine solche Sprache zu

führen, so habe ich allerdings keine andere Antwort, als den Hinweis auf

eine bis dahin ehrenhafte Existenz. Es war mir eben die Laune verdorben,

und eher trübgestimmt als hoffnungsvoll kam ich nach der kleinen

Garnison. Auch hier fühlte ich mich nicht wohl; ich begann mich zu

langweilen; ich merkte alsbald, was das heißt, in einer Provinzstadt zu

leben, die trotz ihrer vierzigtausend Einwohner etwas ist wie ein Sparta

des Altertums, mit ebenso streng geschiedenen Kasten, nur daß die

kriegerische Härte der Vorschriften durch minder folgenschwere, aber

keineswegs leicht zu übertretende Bestimmungen gesellschaftlichen

Charakters ersetzt werden. Da sind die Spitzen der Behörden, die

militärischen Würdenträger, die Industriellen, die Gutsbesitzer, die

jungen Leute, die eine Rolle spielen, die andern, die bloß eine spielen

möchten; da ist die Generalin oder Oberstin, die das Wetter macht, und

die kleine Apothekersgattin, die gerade noch geduldet ist; da ist die

reiche Fabrikantenfrau, die ihre Toiletten aus Berlin bezieht, und die

Frau Amtsrichter, die aus ihrem Wirtschaftsgeld mittelst rührender

Entbehrungen den Preis für ein einziges schwarzes Seidenkleid erübrigt,

das sie unter Beihilfe der Köchin und eines Mädchens vom Lande selber

näht und das ihr die abendlichen Feste verbietet, wenn der Stoff an den

Ärmeln den fatalen Mattglanz zu zeigen beginnt. Zu Kaisers Geburtstag

gibt der Regierungspräsident einen Ball; zur Errichtung eines

Kriegerdenkmals wird eine künstlerische Soiree veranstaltet, bei welcher

allerlei junge Mädchen wegen ihrer Fortschritte in Gesang und

Klavierspiel beklatscht werden; man geht ins Theater, man wird zur

Enten- und Hasenjagd geladen, und die verheirateten Frauen holen sich

aufregende Romane aus der Leihbibliothek. Einmal im Monat ist

Parademarsch, am Sonntag nach der Kirche spielt die Regimentskapelle

auf dem Residenzplatz, abends sitzt man dann im Kasino oder im

Speisesaal des Hotels de l’Europe, und nach elf Uhr nachts lungern nur

noch irgendwo hinter abgesperrten Türen ein paar ausgestoßene Existenzen

an einem Kartentisch, und zwei Studenten brüllen vor dem Fenster einer

begehrten Kellnerin das Krambambuli.

Alle diese kennen einander und wissen vieles von einander und verbergen

sich voreinander und schätzen einander und sind einander im Wege und

passen einander auf. Das enge Zusammenleben begünstigt Klatsch und

Übelrednerei; jeder kehrt den Schmutz vor des Andern Tür; Dummheit,

Bosheit, Neid und Mißgunst lassen selbst den Redlichen nicht

ungeschoren, alles, was Aufsehen macht, findet Teilnahme, alles, was in

der Mode ist, Nachahmung; für ernsthafte Interessen ist wenig Sinn. Dies

erfuhr ich bald. So sehr es anfangs meinem Selbstgefühl schmeichelte,

daß ich nun auch zu Hause ein jemand war, der Beachtung verdiente und

Ansehen genoß, denn es war ja meine engste Heimat dahier, so wenig wurde

ich meines Wirkens froh. Ich kam mir vor wie ein verfaulender Baum.

Ich erinnere mich nicht mehr genau, an welchem Tag es war, als ich die

Majorin Westermark kennen lernte. Ich schließe daraus, daß sie mir

damals wenig Eindruck gemacht hat. Ich sah sie zum erstenmal bei der

Frau von Rütten, die eine Freundin meiner Mutter ist, und die, wie mir

meine Mutter vorsichtig verriet, die löbliche Absicht hatte, mich mit

ihrer siebzehnjährigen Tochter zu verheiraten. Ich machte mir aber

nichts aus dem Mädchen, und das ist lediglich mein Fehler, da sie ein

hübsches und vernünftiges, obschon etwas nüchternes Geschöpf ist. Nach

allem, was ich bereits über die Majorin gehört, hatte ich mir eine

junonische Gestalt gedacht und war deshalb überrascht, sie so klein,

zart und kindhaft zu finden. Ihr Wesen gab in Gesellschaft nichts her,

nichts von Welt und nichts von Innerem, ihr Lächeln war kühl, in der

Bewegung der Lippen zeigte sich eine gewisse Naschhaftigkeit; am meisten

gefielen mir die Augen, die blau, durchsichtig, ausgedehnt und voll

Perlmutter waren, mit Brauen, schwarz und fein wie zwei Sepiastriche.

Eine solche Stadt wie die, in der ich mich befand, hat alle Späherblicke

immer auf den Punkt geheftet, wo eine ungewöhnliche Erscheinung

hervortritt und sich auf ihre besondere Art gebärdet. Ich habe schon

angedeutet, daß das vielfache Gerede über die Majorin auch zu mir

geflossen war. »Was sagen Sie zu der Frau? Ach, Sie wissen nicht? Sie

wissen nicht, was die Spatzen von den Dächern pfeifen?« Nein, ich wußte

es nicht, ich bezeigte auch kein Interesse dafür. »Sie verstellen sich

doch wohl. Oder glauben Sie, daß das eine glückliche Ehe ist? Der Mann

ist zwanzig Jahre älter, Sie begreifen. Die Frau hatte früher einen

reichen, schlesischen Branntweinbrenner, von dem sie geschieden ist. Sie

ist schön wie das Laster, und so elegant, daß unsre Damen vor Neid nicht

schlafen können; echte Pariser Hüte, echte Brüsseler Spitzen, echte

Pelze, Diamanten wie ein persischer Prinz, und Parfüms, Parfüms sage ich

Ihnen, überwältigend wie eine Ananasbowle nach einem Jagdritt.« – »Nun

ja, der Major ist sicherlich reich.« – »Nein, die Frau hat Geld, die

Frau. Der Major ist ein Sonderling. Ich möchte ihm gern meine Augen

leihen.«

O Bosheit aus dem Winkel, die du Augen verleihen willst, dachte ich mir.

Aber die üblen Gerüchte waren hartnäckiger als meine Gleichgültigkeit.

Ich traf eines Tages einen Freund in der Stadt, einen jungen Ingenieur,

der irgendwo in der Nähe den Bau einer Eisenbahnbrücke leitete. Wir

waren als Gymnasiasten ein paar Jahre lang unzertrennlich gewesen, und

es bereitete mir lebhaftes Vergnügen, ihn wiederzusehen. Wir kamen oft

zusammen, bald in einer Weinstube, bald in seiner oder meiner Wohnung;

und wie es schon so geht, einmal gerieten wir beim Gespräch auch auf

Aurora Westermark und die über sie umlaufenden Gerüchte. Mein Freund

kannte sie nur flüchtig, aber er war einer jener Menschen von

instinktivem Scharfblick, die in andern Seelen lesen zu können scheinen,

und deren Urteil sich daher von selber Vertrauen erzwingt.

Deutlich steht mir noch jene Stunde vor Augen und genau ist mir noch

jedes seiner Worte gegenwärtig, die ich nur mit innerem Unwillen

anzuhören vermochte. »Diese Frau hat die Gabe, unschuldig zu scheinen

und Leidenschaften einzuflößen«, sagte er ungefähr. »Wie sie den schwer

zugänglichen Major umgarnt hat, das ist gewiß ein Kunststück gewesen.

Ich weiß nicht, ob dir die Umstände bekannt sind; es war während der

großen Manöver vor zwei Jahren; umschwärmt von den Offizieren eines

ganzen Stabes, hatte sie sich’s offenbar in den Kopf gesetzt, den

sprödesten und verstocktesten zu gewinnen, denjenigen, für den eine

Weltdame etwas war wie ein seltenes Schmuckstück, das er sich verschafft

ohne Freude und Verständnis, nur weil er gerade bei Geld und guter Laune

ist und weil es von andern gerühmt und begehrt wird. Sie hatte den

schlechtesten Ruf. Man sagt, daß sie Liebe verkauft hatte, unumwunden

und unter Vorwänden, um einer Perlenkette willen, um eines Ränkespiels

willen, um nichts ungenossen vorübergehen zu lassen von den Lockungen

der Jugend, aus Gefallsucht, aus Sinnlichkeit, aus Langerweile, aus

Schwäche, aus Lust an der Selbsterniedrigung, aus Vergnügen an einer

doppelten Existenz in zwei Sphären der bürgerlichen Welt, von denen die

eine nicht weiß, was in der andern geschieht, so daß die

Geschicklichkeit, der einen die Kunde aus der andern vorzuenthalten,

etwas von der Spannung eines Revolverdramas mit sich bringt und die

sonst leeren Tage mit dem Tumult verschwiegener Betätigung erfüllt. Ich

bin gewiß,« fuhr mein Freund fort, gegen den ich in diesem Augenblick

eine nicht zu überwindende Empfindung des Hasses, ja des Abscheus hegte,

»ich bin gewiß, daß sie’s gegenwärtig nicht viel besser treibt. Ich

glaube nicht, daß sie je von Liebe erfahren hat, sondern nur von

Aufregungen, Sorgen, abwägenden Interessen, Kränkungen des Stolzes,

Gefahren der Enthüllung und die Überzeugung von der Nichtswürdigkeit der

Männer, so wie eben solchen Frauen die Männer sich zeigen müssen.«

»Aber was wäre denn das für ein Leben!« rief ich kopfschüttelnd. »Welche

Einsamkeit setzt das voraus, welche Kraft, alle diese Dinge in der

Stille mit sich selber abzumachen!«

Mein Freund zuckte die Achsel. »Es ist das Leben eines Menschen, der auf

glühenden Kohlen tanzt und sich stellen muß, als ging’s über einen

harmlosen Teppich«, antwortete er. »Wir haben eine Menge solcher

Equilibristen in der Gesellschaft, und das vertrackte und verlogene

Dasein, das wir führen, fordert die unruhigen Köpfe geradewegs dazu

heraus.«

»Gibt es denn irgendwelche faktischen Delikte?« fragte ich.

»Es heißt, daß sie mit jedem hübschen Offizier abenteuert; daß sie sich

jedem Laffen hingibt, der sich der Mühe der Werbung unterzieht und den

Preis nicht zu hoch findet, den Preis des Verrats nämlich. Auch sagt

man, daß sie seit Jahren eine dauernde Beziehung zu einem Berliner

Fabrikanten unterhält, der außerdem günstige Börsengeschäfte für sie

vermitteln soll, den sie irgendwie draußen oder in der Stadt trifft und

der eine unerklärliche Gewalt über sie ausübt, vielleicht die Gewalt

bedenkenloser Brutalität. Daß der Major darüber in vollständiger

Ahnungslosigkeit verbleibt, gehört zu unsern sonderbaren, aber nicht

ungewöhnlichen sozialen Geheimnissen. Alle wissen, er nicht; alle

raunen, er ist taub. Man schont ihn wahrscheinlich, man schont seine

Stellung, seine Häuslichkeit, und sie hinwiederum profitiert von der

Achtung, deren ihr Gatte genießt. Auch macht ihr Auftreten, ihre

Schönheit, ihre vollendete Haltung die Argwöhnischen vorsichtig, und den

Mut der Übelredner zunichte. Sie hat ja eine Art zu gehen, zu stehen, zu

reiten, zu lachen, zu tanzen, die blendend ist, das muß man zugeben. Was

tut’s, wenn bisweilen an den Grenzen des Bezirks ein Flämmchen aufzischt

und einen Schritt der heimlichen Pfade beleuchtet? Oft sehen Augen,

denen keine Zunge dient, die zu reden weiß, und ein anderes Mal

schwatzen Mäuler, wo Augen nichts gesehen haben.«

Ich bekenne, daß mich dieses Gespräch bis in die Nieren erkältete. Dies

»es heißt« und »man sagt« erfüllte mich mit Mißtrauen gegen den Freund,

mit einer Art Furcht vor ihm; ich ging ihm von da an für lange Zeit aus

dem Wege. Seine Ehrlichkeit erschien mir durchaus böswilliger Natur; ich

bildete mir ein, daß ich einer ritterlichen Pflicht gehorchte, indem ich

mich in meinem Innern auf die Seite einer wehrlosen Geschmähten schlug.

Kleinstädtischer Klatsch, sagte ich mir, läßt den reinlich Denkenden

eher zum Anwalt des Besudelten werden, als daß er die Partei von Feinden

nimmt, die sich verbergen. Es war ein Selbstbetrug, dem ich mich hingab.

Die Frau hatte ganz einfach mein Gefallen erweckt, und das wollte ich

mir verhehlen. Ich traute ihr Schlimmes nicht zu, ich sah ein Kind in

ihr, verführerisch, am Ende mißleitet, aber nicht verworfen. Ich

sträubte mich nicht gegen die Freundlichkeit, die der Major alsbald in

auffälliger Weise gegen mich an den Tag legte. Ich besuchte oft sein

Haus, und es schien sich ganz von selbst zu geben, daß ich manche

Stunden mit Aurora allein verbrachte.

Sie gestand mir, daß sie von Anfang an aufs innigste gewünscht habe,

meine Bekanntschaft zu machen, denn sie habe beim ersten Blick gefühlt,

daß ich ihr mit Wohlwollen gegenüber getreten sei. Dies mußte ich

bestätigen, ihre schmeichelhaften Worte über meine Vergangenheit, meine

Taten, meinen Ruhm usw. lehnte ich höflich ab. Die nichtigen Dinge, von

denen sie mit mir plauderte, gewannen einen Reiz von Scherzhaftigkeit,

dann wieder von anmutiger Melancholie. Vertrauen schien sie als

selbstverständlich zu betrachten und war nicht einmal bedachtsam in

ihrem Tadel über die Lebensführung anderer. Sie sprach mit einer

unvergleichlich musikalischen Stimme, weich im Ton, klagend in der

Färbung, hie und da mit einer Bemerkung voll Witz und Geist. Ihr Zuhören

war sympathisch durch den Blick eines wißbegierigen Schülers. Sonst war

sie nicht selten gequält, beunruhigt, verschüchtert, also gar nicht mehr

Dame. Sie eroberte unbedingt, ich hätte ihr alles geglaubt, und ich

glaubte auch alles, selbst das Unwahrscheinlichste, wennschon mir ihr

Wesen manchmal wie Dünensand vorkam; erst denkt man etwas Festes zu

halten, und wenn man zupackt, verrinnt und verrieselt alles zwischen den

Fingern.

Im Verkehr mit ihrem Mann sah ich sie von gemessener Liebenswürdigkeit,

Nachsicht mehr gewährend als beanspruchend, gegen launenhafte

Bärbeißigkeit sich mit ironischer Duldermine wappnend, wobei ein

forschender und spöttisch-kühner Blick den Beobachter zum

Mitverschworenen machte. Der Major erweckte den Eindruck eines

gutmütigen Mannes; er war untersetzt und korpulent und trotz seiner

Jahre nur mäßig ergraut; doch pflegte er den Schnurrbart mit einer

Pomade zu behandeln, die diesem das Ansehen eines frisch lackierten

Gegenstandes gab. Sein Blick war flackernd wie der eines viel und

fruchtlos arbeitenden Menschen; in der Tat verhinderte er nur durch

einen fast überstürzten Eifer im Dienst seine langgefürchtete

Kaltstellung. Er gehörte zu jenen Offizieren vom alten Schlag, die durch

Rauheit und martialisches Auftreten an verjährte Verdienste erinnern und

den Mangel an gegenwärtigen verdecken wollen. Er liebte die Jagd, schöne

Pferde und Hunde; doch mit diesen Leidenschaften verbarg er nur den

Groll gegen ein Regime, das ihn zur schimpflichen Rolle eines Mitläufers

und stummen Bittstellers verurteilte, und er erfüllte seine

Obliegenheiten wie mit zusammengebissenen Zähnen, war immer in Hast und

Angst, und, wie alle unsicheren Beamten, von übertriebener Strenge gegen

Untergebene und übertriebener Devotion gegen Vorgesetzte.

Ich glaube, mit solchem Urteil kein Unrecht an dem Major zu begehen;

alle diese Umstände waren ja mehr oder weniger öffentliches Geheimnis.

Ich habe beschlossen wahr zu sein, und so muß auch dieses gesagt werden.

Es trifft nicht zu, daß ich dem Major ohne Achtung begegnet bin; ich

hatte anfangs sogar Gefallen an ihm, wie er an mir, erst im Verlauf der

Begebenheiten wandelte sich meine Gesinnung auf so verderbliche Art.

Ich begleitete Aurora ins Theater, auf die Promenade, ich kam zu ihren

Teestunden, und so vergingen Wochen, ohne daß ich ein Arg gegen mich

selber faßte. Wenn ich Gäste bei ihr traf, zeigte sie mir

unmißverstehlich, daß ihr Gäste zur Last waren und daß ich allein es

nicht war. Ein solcher Beweis von Freundschaft heischte Dank, und ich

blieb, nachdem alle sich verabschiedet hatten, auch der Major, der die

späten Nachmittagsstunden im Kasino verbrachte und mit einem

Oberleutnant vom Train Schach spielte. Oftmals mußte ich ihr von meinen

Kriegserlebnissen erzählen, wobei sie atemlos lauschte. Wie sagt doch

Othello? »Ich sprach von harten Unglücksfällen, manch rührendem Geschick

zu See und Land, wie ich nur auf ein Haar dem Tod entronnen, von grausen

Schlünden, öden Wüsteneien, von Klüften, Felsen, himmelhohen Bergen, von

Kannibalen, die einander fressen. Und dies zu hören, war Desdemona

innerlich gespannt.« Und als er geendet, lohnte ihn das Fräulein mit

einer »Welt von Seufzern« und wünschte, sie hätte es nicht vernommen,

und wünschte doch, Gott hätte aus ihr einen solchen Mann gemacht.

War auch Aurora nicht dermaßen bezaubert, so stellte sie sich doch

ähnlich und ihre Teilnahme war jedenfalls echt. Auch schrieb sie mir

Verdienste zu, die ihr trotz aller Selbstverständlichkeit groß und neu

dünkten, und vor allem erschien ich ihr verläßlich. Verläßlichkeit war

ihr Ideal, wie wenn ihr das Geschick einen Trumpf im Spiel hätte

vorgeben können durch die bewunderte Tugend eines andern.

Heute seh’ ich dies klar, damals bestrickte mich ihr bedenkenloses

Anschmiegen. Da ich merkte, daß sie wenig oder nichts las, brachte ich

Bücher, unter andern schenkte ich ihr die Frithjofssage, ein Gedicht,

für welches ich begeistert war. Sie gestand mir aber offen, daß Verse

sie langweilten und daß sie zum Lesen überhaupt keine Geduld hätte; so

ließ ich es denn sein. Sie wurde jetzt bisweilen karg in der

Unterhaltung und von unverständlicher Vorsicht. Darin lag etwas

Verwirrendes, denn ich fühlte mich einer Person gegenüber, die ihrer

Rede wenig Gewicht beimißt, weil sie Bedeutsames verschweigen muß. Sie

hatte immer den auffangenden Blick im Auge, der meine Ungeduld erregte.

Ich fragte, hörte, antwortete und war mit der gleichen Aufmerksamkeit

beschäftigt, dem Zwitschern eines Vogels oder dem Surren des Windes zu

lauschen. Was kann der Major mit einem solchen Weib beginnen? dachte ich

oft verwundert; er ist ein Soldat, aber kein Orchideenzüchter. Himmel,

wenn ich dies Gesicht beständig um mich wüßte, ich wäre versucht, damit

zu verfahren, wie die Kinder, die ihre geliebtesten Puppen aufschneiden,

um herauszubringen, was drinnen ist.

So fing es an, mit Abwehr und Wißbegier fing es an. Und wenn es ihr

Entschluß war, mein ruhiges Herz in Flammen zu setzen, was bedurfte es

da noch viel? Eines Abends fragte sie mich unumwunden nach meinen

bisherigen Herzenserlebnissen und darauf mit Offenheit zu entgegnen, war

leicht und schwer in einem. Ich hatte nicht viel zu berichten. Schon als

Primaner hatte ich Verachtung für die Liebeleien gewisser Kommilitonen

empfunden, und fernerhin war mir jede leidenschaftliche Entäußerung ein

Greuel gewesen. Ich war freilich kein Kostverächter, kein Joseph; ich

nahm stets, was man mir bot, aber zu langgesponnenen Verhältnissen

fehlte mir die Zeit, und an die sogenannten großen Passionen glaubte ich

nicht. Amüsement, ja; doch durfte es nicht zum Katzenjammer führen;

alles übrige schien mir Bummelei und Jugendeselei. Ich weiß, es war

erbärmlich, daß ein Kerl wie ich eigentlich nur von käuflicher Liebe

wußte, nur von Vergnügen und nichts von Hingabe, nur von Dirnen und

nichts von Frauen. Aber das passiert heute tausendmal, es ist viel

häufiger, als man denkt, und gerade diejenigen, die ihre Stirn am

aufdringlichsten mit dem Heldenlorbeer schmücken, sind, wenn man die

Sachen bei Licht betrachtet, ebensolche Jämmerlinge. Dagegen lebt

wahrscheinlich in dem Kopf jedes Frauenzimmers eine Vorstellung von

Durchschnittspoesie und Schmökerromantik, die ihr unentbehrlich ist wie

ein Luxuskleid, auch wenn sie selbst dergleichen nie erlebt hat und so

wenig davon hält wie ein Moslem von der Hostie.

Ich wußte nicht, wie mir geschah, als ich nun plötzlich fand, daß ich

eine Armut verraten hatte, über die mir bis jetzt kein Skrupel

aufgestiegen war. Schon atmeten wir in einer verderblichen Luft. Wir

verständigten uns durch Blicke und Mienen, und die Selbstbeherrschung,

die wir zu üben wähnten, war nur eine Gaukelei. Ich sagte mir im Anfang

bisweilen: die Frau ist kalt, oder noch schlimmer, kühl; die Frau

rechnet, die Frau lauert. Aber da war ihre Sanftmut, ihre zarte Stimme,

ihr ergebenes, verstörtes, beschwichtigendes Lächeln; da hatte sie eine

sonderbare, oft wiederkehrende Bewegung der Hände, die darin bestand,

daß sie die Finger ineinanderflocht, um sie dann wie verzweifelt in den

Schoß einzusenken. Das riß mich aus allem Gleichmut.

Ihr Wesen blieb mir rätselhaft, bis sie mir eines Tages erzählte, wie

ihre erste Ehe das Werk habsüchtiger Eltern und Verwandter gewesen sei;

der Mann ein Trinker, ein Wucherer, ein Lüstling. Sie versicherte mir,

daß sie im Zusammenleben mit ihm unberührt geblieben sei, und daß

hauptsächlich deswegen nach drei qualvollen Jahren die Scheidung

ausgesprochen werden konnte. Sie sprach dann von ihren Reisen, von

zermarternder Unruhe, vom Wunsch nach Frieden, von ihrem Ekel an Welt

und Männern, und da lernte sie Westermark kennen; sie dachte an ihm

einen Beschützer zu finden, sie fühlte eine herzliche Kameradschaft für

ihn, sie habe sich betören lassen und ihn geheiratet. Als sie nun lange

schwieg, blickte ich sie fragend an.

Ja, darüber sei Schweigen geboten, sagte sie, darüber, was jetzt kam,

müsse geschwiegen werden.

Geheimnis also? nicht anrührbares Geheimnis? Auroras Gesicht glich einer

Uhr, die plötzlich stehen bleibt. Geheimnisse binden, auch wenn sie

nicht enthüllt werden. Aber mein Inneres war schon zu sehr ergriffen,

als daß ich aus Delikatesse hätte auf Teilnahme verzichten mögen. Ich

bat in der dringlichsten Weise um Aufklärung. »Wozu? was soll es

nützen?« antwortete mir Aurora. »Warum sollte ich Sie in eine

Ungeheuerlichkeit einweihen, die mich allein schon übermäßig bedrückt

und lebensuntüchtig macht? Sie würden mir nicht glauben, Sie dürfen mir

nicht glauben, denn wer bin ich? Ein verlorenes, verachtetes Geschöpf,

der Gegenstand unsauberer Gespräche am Biertisch, die wehrlose Beute

aller Nachrichtenjäger der ganzen Stadt, mit meinem Namen in jede

Spelunke geschleppt, beneidet, bewacht, einsam, unerhört einsam und

unerhört verraten. Wollt’ ich bekennen, was ich in diesem Haus für ein

Leben zubringe, so würde ich ja vielleicht auch Sie verlieren, der mir

gutgesinnt ist. Nein, nein, erlassen Sie mir das, gönnen Sie mir die

harmlosen Stunden mit Ihnen.«

Man sagt gemeinhin, und die Erfahrung macht mich geneigt, dem

beizupflichten, daß Männer über dreißig, wenn sie zum erstenmal in ihrem

Leben der Gewalt einer Leidenschaft erliegen, sich in nichts von der

Unbesonnenheit und Kopflosigkeit der Jünglinge unterscheiden, daß sie im

Gegenteil noch großmütiger ihr Gefühl, noch bereitwilliger ihren Stolz,

noch unbedingter ihr Vertrauen verschwenden. Ich habe versucht, das

Unheil zu bekämpfen, als es da war, ich habe mich noch mit aller Kraft

gewehrt, als es mich umschlang. Vielleicht hätte ich es bezwingen

können; vielleicht gab es einen Tag, eine Stunde, wo ich noch Meister

des Verhängnisses werden konnte, wo ich mit dem Gedanken an ein

Abschiedswort, dem Vorsatz einer Reise zu der Frau ging. Aber da mochte

es scheinen, als rede die Frau mit einem andern Ton denn gestern; als

sei die Hand, die sie mir bot, verwandelt worden. Wenn Früchte reif

sind, fühlen sie sich gleichsam wärmer an, und so hatte sich etwa ihre

Hand angefühlt, wie eine reife Frucht.

Einverständnis genug; Erwiderung genug; es braucht nicht mehr als den

Abglanz der eigenen Sehnsucht in dem geliebten Antlitz und Auge, nicht

mehr als ein gestammeltes Wort, als einen flehentlichen Blick, und

Pflicht, Gewissen, Zukunftsfurcht entschwinden für immer in der

Süßigkeit und Betäubung eines jähen Sicherkennens. Jetzt sind die Tore

zugeschlossen, und es gibt keine Reise mehr. Ich entsinne mich eines

Tages, wo ich mit Begierde die Gesellschaft eines Mannes suchte, eines

Freundes, den außerhalb meines beruflichen Kreises zu finden mir höchst

erwünscht war. Da traf ich den Ingenieur, von dem ich schon gesprochen,

durch Zufall auf der Gasse. Er blieb unschlüssig stehen, ich reichte ihm

die Hand. Ich verzieh ihm alles, was er über Aurora Westermark geäußert

hatte, noch mehr, ich empfand das Bedürfnis, ihn mit der wunderbaren

Frau näher bekannt zu machen, und ich war überzeugt, daß er sie mit

andern Augen ansehen würde. Das Vorhaben war leicht, als Freund Auroras

durfte ich es wagen, ihn einfach zu einem ihrer Empfangsnachmittage

mitzunehmen. Ich fing alsbald davon an, er war ziemlich betroffen,

erwiderte jedoch, wenn ich Wert darauf lege, wolle er mir gern

willfahren, obwohl seine Zeit ihm die Pflege gesellschaftlicher

Beziehungen sonst nicht gestatte. Wenn ich mir heute dies Gespräch

überlege, so muß ich glauben, daß in meinem Benehmen etwas Krankhaftes,

ja sogar Krankes enthalten sein mußte, denn der junge Mann blickte mich

bisweilen fast mitleidig von der Seite an und meinte schließlich, es tue

ihm aufrichtig leid, wenn er mich damals durch seine unüberlegte

Offenheit verletzt habe. Am nächsten Tag gingen wir zusammen zur

Majorin; Aurora nahm ihn mit Herzlichkeit auf, und sie schmeichelte ihm

durch eine gewissermaßen sachliche Hochachtung, die bei Frauen selten

ist, und die hier am Platze war. Er kam nun bisweilen an Montagen und

Donnerstagen, blieb aber zumeist auffallend schweigsam, trotzdem ihm

Auroras Sympathie durchaus nicht verborgen blieb. Einmal gingen wir

zusammen weg, und ich sagte ganz unvermittelt zu ihm: »Hast du nun dein

Urteil revidiert? Gibst du nicht zu, daß das ein Geschöpf ist, wie es so

vollendet nur aus der Meisterhand Gottes hervorgehen kann?« Und als er

nur mechanisch nickte, fügte ich hinzu: »Ich hoffe, daß du mich nicht

mißdeutest, und daß du meine Worte so auslegst, daß wir uns auch

weiterhin gerade in die Augen sehen können.«

»Mehr brauche ich nicht zu wissen«, entgegnete er ernst und anscheinend

überrascht. Er besuchte von da an das Westermarksche Haus nicht mehr.

Warum ich die Art meines Verhältnisses zu Aurora vor dem Verdacht eines

Freundes schützen zu müssen glaubte, weiß ich kaum. Ich hatte keinen

Zweifel an ihrer Ehre und Reinheit. Aber das namen- und gesichtslose

Hörensagen, unter dem ihr Ruf litt, war eine Qual sondergleichen für

mich. Ich hätte mich gerne gestellt, aber wie durfte ich dies, wer hätte

mir das Recht dazu eingeräumt? Ein Blick, ein zweideutiges Lächeln, ein

Achselzucken, ein irrlichterndes Wort dann und wann, es überlief mich

kalt, wenn ich dessen nur nachträglich gedachte; ich fand mich beleidigt

und geschmäht, bald genug bekam ich zu spüren, daß das verleumderische

Geschwätz auch schon meinen eigenen Namen bespritzte; aus dem Bewußtsein

meiner Schuldlosigkeit, und, da Aurora sich mir gegenüber noch mit

keinem Hauch etwas vergeben hatte, zog ich den Schluß, daß all die

andern Anwürfe und Gerüchte ebenso trugvoll, lügnerisch und boshaft

seien wie dieses. Traurigkeit und Ingrimm nahmen von mir Besitz, ich

sonderte mich ab von den Kameraden wo es nur irgend anging, und hatte

ich vorher schon für unliebenswürdig gegolten, so erklärte man mich

jetzt für abstoßend hoffärtig, oder mildesten Falls für einen finstern

Einsiedler. Ja, ich haßte sie, diese still beieinander hockenden

Aufpasser, Schlimmredner und Giftkocher, diese gutangezogenen Megären

und unbezahlten Spione, die ihrem Dünkel und ihrem Müßiggang kein

unterhaltsameres Spiel wußten, als die nie wieder gutzumachende

Besudelung eines schönen Herzens und edlen Charakters, denn so erschien

mir Aurora.

Indessen wucherte das Grübeln über die furchtbaren Andeutungen, die sie

mir in bezug auf ihr eheliches Leben getan, heimlich in mir fort. Ich

wagte sie nicht mehr daran zu erinnern, ich wollte nicht mehr fragen,

ich glaubte zartfühlend zu sein, doch meine Seelenruhe kam dabei

schlecht weg. Tausend Vermutungen erwog ich, bis in die Träume hinein

verfolgte mich das haltlose Denken, und so geschah es denn doch, daß ich

einstmals, wir saßen im oberen Gesellschaftszimmer vor der Terrasse

einander gegenüber, daß ich die Frage stellte, mitten in eine ruhende

Minute hinein, in der mir zu Sinn war, als hörte ich das Ziehen der

Wolken am herbstlichen Himmel. Aurora erschauerte; sie sah mich eine

Weile zornig an, plötzlich stand sie auf, kehrte sich mit dem Gesicht

gegen das Fenster, und ich gewahrte am Zucken ihrer Schultern, daß sie

weinte. Während ich ratlos dasaß und meine Taktlosigkeit verwünschte,

hörte ich die säbelrasselnden, plumpen Schritte des Majors auf der

Flurtreppe. Aurora wandte sich um, mit erschrockenen Augen starrte sie

gegen die Türe und flüsterte: »Ich kann ihn jetzt nicht sehen.« Damit

verließ sie das Zimmer. Der Major trat ein und zeigte ein verwundertes

Gesicht, als er mich allein sah. Er begrüßte mich mit zusammengekniffenen

Augen und begann mit mir ruhig über dienstliche Angelegenheiten zu

sprechen. Meine Nerven waren bis zur Unerträglichkeit gespannt, ich

hörte kaum, was er sagte, und ich verfolgte seine Schritte und

Bewegungen mit einem beunruhigten und haßähnlichen Gefühl. Plötzlich

fragte er mich, wo seine Frau sei. Ich antwortete, sie sei vor wenigen

Minuten hinausgegangen. Sein Gesicht verdüsterte sich: »Sie macht mir

viel Kopfzerbrechen mit ihren Launen«, sagte er seufzend, indem er sich

schwer in einen Sessel fallen ließ. »Ich sollte mich wirklich mehr um

sie bekümmern,« fuhr er fort, »aber, lieber Treunitz, Sie haben keine

Ahnung, was für Plackereien ich ausgesetzt bin; es kostet mich

Überwindung genug, sie nichts merken zu lassen, aber wer kann immer

heiter sein, wenn’s einem an den Kragen geht? So eine Frau will nichts

als eitel Wonne um sich sehen; ich kann’s ihr nicht verdenken, sie ist

jung. Mag sie sich nur amüsieren, ich lege ihr keine Balken über den

Weg. Doch wie gesagt, die Launen, die Launen!«

Was er mit den Launen meinte, konnte ich mir nicht enträtseln. Es war

mir eine Pein, ihn zu hören, andrerseits rührte mich sein Wesen, und er

erschien mir durchaus nicht als böse. Ich wußte nur unbestimmte

Redensarten zu erwidern. Meine Situation kam mir ebenso bedrückend wie

die seine kläglich vor. Ich verabschiedete mich von ihm. Als ich über

den Korridor schritt, stand Aurora neben der Treppe. Sie winkte mir, ihr

zu folgen. Ich trat in ein kleines, boudoirähnliches Gemach. Aurora

blickte mich forschend an. Etwas Trauriges, aber nicht bloß Trauriges,

sondern auch Wildes, eine Art von Außersichsein in ihren Zügen brachte

mich vollkommen um den Verstand. Plötzlich umschlangen mich ihre Arme,

und ich fühlte ihre Lippen auf den meinen. »Geh, geh«, stieß sie dann

durch die verpreßten Zähne hervor. Ich ging.

Mir brannte Hirn und Herz. Nie mehr über diese Schwelle, rief es in mir.

Ich scheute mich, den Menschen in die Augen zu blicken. Und doch war ich

glücklich; ich hatte ihre Schultern gespürt, ihre Arme, ihren Mund. Ich

begab mich nach Hause, lief wie toll in meinem Zimmer auf und ab, ging

wieder fort und stand in der Nacht, ich weiß nicht wie lange, vor der

Villa des Majors, zu den schwarzen Fenstern emporstarrend. Die Stunden

bis zum andern Nachmittag schlichen qualvoll hin. Als ich zu Aurora kam,

waren Gäste da. Sie scherzte und plauderte wie gewöhnlich. Dies war mir

unbegreiflich. Erst um sechs Uhr waren wir allein. Mit rauher Stimme bat

ich sie um Aufklärung. Ich sagte, daß ich den Zustand des Zweifels und

der schlimmen Befürchtungen nicht mehr ertragen könne.

»Was wollen Sie von mir?« entgegnete sie hart. Ich blickte sie erstaunt

an, aber sie senkte nicht die Augen und flammte mich drohend an. Da

packte ich ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen. Sie ließ mich ruhig

gewähren, indes sie den Kopf in die andere Hand stützte. »Wenn ich alles

sagen wollte, wer könnte mir glauben«, murmelte sie vor sich hin, und

ihr Körper schrumpfte zusammen wie unter der Gewalt eines physischen

Schmerzes. »Gehen wir ein wenig ins Freie«, schlug sie vor. Wir gingen

in den Garten. Dort erzählte sie mir alles; während wir über die dunklen

Wege schritten, schilderte sie mir ihre Ehe. Sie schilderte mir diese

Ehe als ein Martyrium, das ohne Beispiel war. Sie schilderte den Major

als einen argwöhnischen, neidischen, boshaften, ohnmächtigen,

lügenhaften, und gewalttätigen Greis. Sie sagte mir, daß er sie schlüge.

(O Gott, der Speichel im Munde wurde mir bitter wie Galle.) An ihr räche

er die Unbill und Zurücksetzung, die er überall zu erleiden wähne. Wo er

ihre Wünsche erfülle, sei es zum Schein; wenn er sich freundlich stelle,

sei es zum Schein. Er behandle sie schlimmer als einen Hund. Seit

sechzehn Monaten lebe sie wie in einem Starrkrampf, und was sie lache

und rede, wisse sie nicht. Zuerst habe sie geschwiegen aus Furcht vor

ihm, dann aus Furcht vor der Welt, denn noch einmal als geschiedene Frau

bodenlos und heimatlos dastehn, das zu ertragen, sei sie nicht fähig,

lieber wähle sie den langsamen Tod aus Kummer, Zorn und Angst.

Ich glaubte. Man denke nach, ob es für mich eine andere Möglichkeit gab,

als zu glauben. Es gibt im Ungeheuerlichen einen Punkt, wo der Zweifel

erstickt, anstatt genährt wird. Man kann der Raserei mißtrauen, man kann

der Wut oder dem Haß mißtrauen, aber der sanften, schwermütigen und

verzweifelten Ruhe, mit der mich Aurora zum Mitwisser ihres Geheimnisses

machte, ist schwer zu mißtrauen. Ich wußte zu wenig von Leidenschaft, zu

wenig von dieser schrecklichen Narkose des Gemüts. Die Gewohnheit kalter

Sinnenlust und bezahlter Vergnügungen hatte mich einem Sträfling ähnlich

gemacht, der die Kette nicht mehr spürt, aber vor Freude verrückt wird,

wenn man ihm die Freiheit schenkt.

Wie hätte ich ahnen sollen, was in diesem Weibergehirn vor sich ging?

ahnen sollen, daß Neugier sie zur Verderberin und Verbrecherin machen

konnte? Neugier, wie weit sie mich zu treiben imstande war! Sie glaubte

nicht an Männer, sie glaubte nicht an mich. Daß ich in der Schlacht

gewesen, daß ich Feindesblut und eigenes Blut vergossen hatte, das

verlockte sie, und sie wollte mich erproben. Sie wollte ihre Macht an

mir erproben. Sie hatte die unbestimmte Sehnsucht, Urheberin einer Tat

zu werden, aber sie glaubte nicht an diese Tat, so wenig wie sie an

Worte, Schwüre, Vorsätze und Empfindungen glaubte. Die unergründliche,

unermeßliche Leere ihrer Brust verzerrte ihr alles ernste Bestreben,

Wissen, Wollen, Denken und Vollbringen zu spottwürdigen Schemen. Und so

wurde meine Ergebenheit zu einem Piedestal für ihren lasterhaften

Willen, und es war eine unheimliche Begierde in ihr, mich zu entfalten,

mich gleichsam auseinanderzureißen, um zu sehen, – was in mir drinnen

sei. Dieses und sonst nichts.

Das weiß ich jetzt; ich habe es erfahren müssen in einer Stunde, die

mich aus dem Himmel in die Hölle stürzte, einer Stunde, wie sie

vielleicht nur wenige Menschen je erlebt haben, und die ich auch um

keinen Preis noch einmal erleben möchte. Aber wie hätte ich es damals

spüren oder nur denken sollen? frage ich. Vor mir stand eine Frau, jung

und unvergleichlich schön, den Sammet rührender Duldung in den Augen,

und so hingeschmolzen vor meinem Wort und schlechten Trost, daß ein Tier

weich geworden wäre. Kann man das noch Verstellung oder Heuchelei

nennen? Ist dies nicht vielmehr eine böse zauberische Kraft, für die es

noch keinen Namen gibt?

Ich will es nicht versuchen, meinen jammervollen Zustand zu schildern.

Ich wandelte herum wie ein Vergifteter, auch schmeckte mir kein Bissen

mehr. Daß ich liebte, war kein Glück mehr für mich, daß ich geliebt

wurde, spürte ich nur wie im Traum. Wie ich es fertigbrachte, mich

täglich anzukleiden, zu waschen, zu frühstücken und den Obliegenheiten

meines Berufs zu genügen, ist mir heute noch ein Rätsel. Offenbar gibt

es irgendeine Maschine in unserm Innern, welche die alltäglichen

Pflichten gewohnheitsmäßig erfüllt. Eines Tages war ich bei meiner

Mutter zu Tisch, und da ich alle Speisen unberührt ließ, stellte sie

mich plötzlich in ernstem Ton zur Rede. Sie sagte, sie wisse alles; sie

beschwor mich, von Aurora zu lassen und nannte sie eine gefährliche

Kokette. Ich packte ihre Hände, wie man die Fäuste eines Gegners packt,

der zum Schlag ausholt. »Auch du,« rief ich, außer mir vor Wut und

Enttäuschung, »auch du gehst zu den Verleumdern. Du weißt ja nichts von

ihr. Ach, wenn du wüßtest, wenn du wüßtest, es soll sich mir nur einer

stellen! nur einmal Aug’ in Auge! Mich dürstet ja danach, sie vor die

Pistole zu bekommen, die feigen Hunde!« Meine Mutter war erschrocken,

sie umarmte mich schluchzend und sagte: »Daß du den Appetit verloren

hast, mein Junge, ist für mich das beste Zeichen, daß deine Leidenschaft

verderblich und unnatürlich ist.«

So zeigt sich einem jeden die Welt anders; dem einen von der

Herzensseite, dem andern von der Magenseite. Aber meine Mutter hatte

Recht. Dennoch vermied ich es in der Folge, sie zu besuchen, und vom

November bis zum Februar sah ich sie nur zweimal. Auch mit andern

Menschen sprach ich nicht mehr als das Notdürftigste; ich gab jeden

Verkehr auf und stellte Aurora meine freie Zeit völlig zur Verfügung.

Nachdem ich mich lange in einem Zustand der Zerschmetterung befunden

hatte, begann ich die Unhaltbarkeit der Lage zu spüren, um so mehr, als

meine finstere Apathie in Aurora sichtlich eine gewisse Ungeduld

erweckte. Ich sagte zu ihr, ich müsse mich mit dem Major schlagen. Sie

erwiderte mit der ihr eigenen brennenden und faszinierenden Ruhe: »Wie?

Du willst dein Leben gegen das seine in die Wagschale werfen? Ein

Zufall, und er bleibt Sieger, und ich, verlassener als je, bin nicht nur

auf seine Gnade angewiesen, sondern habe auch noch dich verloren. Bevor

du mir das antust, schieß’ ich mir selber eine Kugel in den Kopf, das

sollst du wissen.«

Ihre Beredsamkeit war groß. Es ist von jeher meine Schwäche gewesen, daß

ich gegen beredsame Naturen schnell unterlag. Ich faßte den Plan einer

Flucht. »Fliehen wir!« schlug ich ihr vor, »ich bin reich, laß uns übers

Meer fahren und ein neues Leben anfangen.«

Sie schüttelte den Kopf. »Fliehen heißt, mich in den Augen der Welt für

schuldig und ungetreu bekennen,« sagte sie. »Heutzutage ist die Welt zu

klein für solche Wagnisse. Wer kann mich zwingen oder mir es als

nützlich einreden, daß ich wie ein Dieb in der Nacht ein Haus verlassen

soll, in dem man mit Füßen auf mich getreten ist, in dem man mich

bespien und besudelt hat? Nein, Treunitz, das kann ein stolzer Mann

nicht von mir wollen.«

Da stand ich wie ein Schüler. »Was wollen wir also tun?« fragte ich.

»So geben wir uns doch auf!« rief sie trotzig und wie ermüdet. Ich

schwieg, muß jedoch sehr blaß geworden sein, denn sie sah mich an, erst

besorgt, dann nachdenklich, düster und kalt. An jenem Tag verstand ich

den Blick noch nicht. Der nächste Tag war Allerseelen. Ich war gegen

Abend gekommen, und Aurora bat mich dringend, zu Tisch zu bleiben. Ich

konnte es ihr nicht verweigern, obwohl mir vor dem Beisammensein mit dem

Major graute. Ich hatte dienstlich mit ihm nichts zu schaffen; in der

Stadt sah ich ihn fast nie, von den Veranstaltungen der Offiziere hielt

ich mich fern; daß ich dennoch sein Haus betrat, dennoch an seiner Tafel

speiste, fähig war, ihn zu begrüßen, ihm zuzuhören und zu antworten,

dies alles müßte mich als einen hinterhältigen und niedrigen Charakter

denunzieren, wenn es nicht durch die Macht, die Aurora über mich

ausübte, einigermaßen erklärt würde. Ihre Worte hatten eine solche

Gewalt über mich, daß in meinem Kopf gar keine Überlegung mehr war, wenn

sie einmal gesprochen hatte. Da ich sie selber dulden sah, glaubte ich

es unserer Liebe schuldig zu sein, mich ebenfalls zu beherrschen und

alles zu versuchen, um ihr Los zu erleichtern. Was für Kämpfe und Leiden

mich dies kostete, davon will ich nicht reden.

Mit dem Augenblick, wo der Major das Zimmer betrat, pochte mir das Herz

vor Haß, Ingrimm und Verachtung bis in den Schlund hinauf. Ich gewahrte

ihn nur wie durch Schleier, jede seiner Bewegungen erregte mir Ekel, bei

jedem seiner Worte zuckte ich zusammen; meine Stimme klang heiser, und

wer weiß, wozu es gekommen wäre, wenn ich nicht Auroras Blick wie einen

geisterhaften Bann beständig auf mir ruhen gefühlt hätte. Mitten in

einem belanglosen Gespräch unterbrach sich der Major, stocherte mit der

Gabel im Salat, führte ein Blättchen an die Lippen, indem er daran

leckte, und warf dann Besteck und Serviette mit einem Fluch auf den

Tisch. »Kreuzmillionenschwerenot,« schrie er, »wie oft soll ich denn

noch sagen, daß ich den Salat mit Zitrone und nicht mit Essig angemacht

will! Was haben denn die gottverdammten Frauenzimmer sonst zu denken?

Bin ich denn der Niemand im Hause, daß man Schindluder mit mir treibt?

Wahrhaftig, eine Lammsgeduld gehört dazu.«

In diesem rüden Feldwebelton ging’s noch eine Weile weiter, bis er

aufsprang, die Tür hinter sich zudonnerte und hinausstürzte.

Ich war vollkommen perplex. Das Blut stieg mir langsam zu Kopf, und ich

blickte Aurora schweigend an. Sie saß da und lächelte wie eine Frau, die

es endlich zur Augenscheinlichkeit gebracht hat, was sie sonst nur

insgeheim erleidet. »Dies ist ein Affront,« murmelte ich, »ich werde ihn

zur Rechenschaft ziehen.« Aurora lachte. »Zur Rechenschaft ziehen? Einen

Unzurechnungsfähigen? Was fällt dir ein!« erwiderte sie herrisch.

»Abrechnen mit einem Vieh!«

Ich zitterte vor innerem Frost an allen Gliedern. Und wie mich nun

Aurora so anschaute, mit blitzendem Blick, mit geschlossenen Lidern und

mit einer unbeweglichen Stirn, da war es mir, als ob mein Herz in

siedendes Wasser getaucht würde, und, Gott möge mir verzeihen, ich fing

an, jenen Blick zu verstehen, er ging auf in meiner Brust wie das

Saatkorn in gedüngtem Boden. Es war mir klar, es war ein unabwendbarer

Beschluß, daß der Major von meiner Hand sterben müsse. Aurora zu retten,

war mein einziger wütender Drang, ich fühlte meine Liebe zu ihr so

ungeheuer, daß ich die wenigen Worte, die alles entschieden, trotz des

Flüsterns mit einer Festigkeit hervorbrachte, als ob dieses

Fürchterliche eine alltägliche Angelegenheit sei. Aurora, der aus

weitoffenen Augen die Tränen über das Gesicht liefen, hörte plötzlich

zu weinen auf, ihre linke Hand bebte mir entgegen, ich ergriff die Hand

und bedeckte mein Gesicht damit.

Der Major kam nach einer Viertelstunde zurück und bat, anscheinend sehr

betreten, um Entschuldigung, die ich meinerseits kalt quittierte.

»Aurora,« rief er gezwungen scherzend, »komm einmal zu mir.« Sie erhob

sich sogleich und trat eilig vor ihn hin. Diese Bewegung sklavischer

Unterwürfigkeit und Angst rührte mich tief. Daß sie wahrscheinlich nur

für mich berechnet war, ahnte ich ja nicht. Wie Napoleon, wenn er einen

seiner Günstlinge wieder versöhnen wollte, zupfte der Major seine Gattin

am Ohrläppchen und lachte. Unter irgendeinem Vorwand verabschiedete ich

mich alsbald.

Ich war jetzt bei ziemlich kaltem Blut, und während der ganzen Nacht

überlegte ich meinen Plan. Am nächsten Vormittag um elf Uhr traf ich

Aurora, wie oft bei schönem Wetter, im Stadtpark. Ich vermochte, mit ihr

davon zu sprechen. Es fiel mir auf, daß sie dabei fortwährend mit

niedergeschlagenen Augen lächelte. Dies dünkte mich sehr kurios. Ich

wußte nicht, war es Unglaube, Befriedigung, Gedankenlosigkeit oder

irgendeine Träumerei. Der Ausdruck ihrer Züge rief eine dunkle

Erinnerung in mir hervor. Erst viel später entsann ich mich, daß vor

Jahren, als ich in Basel war, das Bild der Herzogin vom sogenannten

Basler Totentanz eine lange nicht verwischbare, fast unheimliche Wirkung

auf mich ausgeübt hatte. Es war genau dieses süß-friedsame Gesicht, in

dem etwas Wildes und Kindisches war, eine zerstreute und lustige

Grausamkeit und ein Lächeln, als ob der Tod nur ein Schreckmittel für

Schwachköpfe sei.

Nun, was half’s; ich war darum nicht weniger verstrickt, der Gedanke

wurde uns vertraut. Er erweckte kein Schaudern mehr in mir. Er nahm

Gestalt an, und ich war von ihm besessen. Gleichwohl quälte mich Auroras

Verhalten. Wenn wir eine Zeitlang ernst über das Vorhaben gesprochen

hatten, klatschte sie plötzlich in die Hände und lachte, als ob es sich

um ein Märchen handle, an dem zu sinnen angenehm war, das aber niemals

in Erfüllung gehen könne. Dergleichen regte mich ungemein auf. Wenn sie

mir die Perfidien und zahllosen tyrannischen Handlungen ihres Gatten

klagte, beobachtete sie mit Angst, bisweilen mit einem Gemisch von

Freude und hungriger Erwartung die geringste meiner Gebärden. Mein

Geständnis, daß mich ihre Berichte unsinnig folterten, schien sie oft

beinahe fröhlich zu stimmen, und es bestürzte mich, wenn sie unmittelbar

nach einem der unheilvollen Gespräche mit dem Vergnügen eines kleinen

Mädchens einen Hut probieren konnte und sich selber in den Spiegel

hinein entzückt anlächelte. Ich habe während der ganzen Monate Dezember

und Januar in keiner Nacht mehr als zwei Stunden Schlaf genossen, und am

Ende sah ich aus wie ein Schwindsüchtiger.

Dazu die gestohlenen Liebesstunden, in denen meine Leidenschaft nur

durch versprechungsvolle Küsse Genüge fand. Was Genüge! Ein

verzweifeltes Aufflackern war es immer wieder, das den Körper ruinierte

und mir alle Klarheit des Gemüts und Geistes raubte. Aurora gab sich mir

nicht hin; sie erklärte, das schände sie, sie wolle sich nicht noch mit

Lug und Trug beladen, sie wolle ihr Gewissen fleckenlos bewahren. Ich

ehrte diese Gründe, ich konnte nicht wissen, daß es ihr bloß darum zu

tun war, mein Gefühl ins Maßlose zu steigern. Denn sie, sie hatte ja

genossen! Sie wollte sich einnisten in der Anbetung eines

vertrauensseligen Mannes, das verlieh ihr einen Halt, eine letzte Würde

und weckte vielleicht ihr abgestumpftes Herz zu einer Regung von

Zärtlichkeit. Das war es, das war das Ganze, und ich Tropf lief in die

überdeckte Falle und stürzte so tief, daß keine Faser an meinem Leibe

heil blieb.

Eines Abends um sieben Uhr kam Aurora in meine Wohnung, dicht

verschleiert. Sie war still und finster, wie ich sie nie gesehen. Sie

entblößte ihre Brust und zeigte mir einen blutigen Striemen. Ich

stotterte eine Frage. »Dies ist von ihm«, sagte sie dumpf. Da schlug ich

besinnungslos mit der Faust um mich und zertrümmerte das Fenster. Mit

meiner von Glassplittern verwundeten Hand wollte ich sie an mich ziehen,

aber sie, auf das Blut starrend, wich sehr erschrocken zurück. »Du

weißt, ich kann kein Blut sehen«, hauchte sie. »Und doch sollst du bald

Blut sehen«, antwortete ich. »Nein sehen nicht«, versetzte sie abermals

hauchend. »Ach, wenn das wäre«, fügte sie hinzu und schaute mich glühend

an, »wenn du das vollbringen könntest, dann könnte ich sterben aus Liebe

zu dir.«

Daß sie gewagt hatte, zu mir zu kommen, erschütterte mich, da ich in

dieser Verwegenheit nur eine Handlung des Vertrauens und der Zuneigung

erblickte. Besorgt um ihren Ruf, holte ich selber einen Wagen; ich

begleitete sie, und während der Fahrt setzten wir Tag und Stunde der Tat

fest. Ich sagte »morgen«. Aurora antwortete, morgen sei der große Ball

im Kasino, da wolle sie noch einmal tanzen. Dieses »noch einmal«

zerstreute eine unangenehme Verwunderung, die mir der Einwand zunächst

erregt hatte. Ich sagte also: übermorgen. Sie wünschte auch dieses

nicht. Sie sagte, am Sonntag sei in Weidenberg Jahrmarkt, ihre Mädchen

und der Bursche des Majors hätten für den Nachmittag und die Nacht

Urlaub erbeten, und so könne ich ins Haus kommen ohne Gefahr, einen

Unberufenen zu wecken. Ich fügte mich, obwohl mir jeder Tag und

besonders jede Nacht bis dahin zur Ewigkeit werden mußte. An das, was

nachher kam, dachte ich nicht im geringsten. Vermutlich spürte ich

schon, daß ich auf eine Zukunft nicht mehr zu rechnen hatte.

Als ich am nächsten Mittag in Gesellschaft des Regimentsadjutanten über

den Domplatz ging, gewahrten wir einen sehr fetten und auffallend

elegant gekleideten jungen Menschen, der offenbar fremd in der Stadt

war. In der Provinz wird der Fremdling, und gar der Großstädter durch

ein Etwas in Miene und Schritt sofort erkennbar. Ich hatte nur einen

Blick auf ihn geworfen und fühlte gleich den äußersten Widerwillen gegen

dies abgelebte, hochmütige und bornierte Gesicht. Der Regimentsadjutant

zwinkerte mit den Augen und bemerkte spöttisch: »Aha, da ist ja der

Fabrikant Dotterwachs aus Berlin.«

Mich durchfuhr eine unklare Erinnerung von nicht sympathischer Art, aber

erst hernach fiel mir ein, daß das vielleicht jene Person sein könne,

von der mein Freund, der Ingenieur, gesprochen. Als ich am Nachmittag in

die Westermarksche Villa kam, wurde mir gesagt, die gnädige Frau sei

nicht zu Hause. In meiner Wohnung angelangt, übergab mir mein Bursche

einen Brief. Es war ein anonymes Schreiben folgenden Inhalts: »Wenn Sie

das geheime Absteigequartier der Majorin Westermark kennen lernen

wollen, so verfügen Sie sich in den dritten Stock des Hauses Nummer 15,

Schönlandstraße. Eine frühere Kammerjungfer und jetzige Vertraute der

Majorin ist Kupplerin und Mieterin dortselbst.«

Ich zerriß den Fetzen und heftete nicht zwei Gedanken daran, schon, weil

mir die Sache zu albern erschien. Leider hatte ich Aurora versprochen,

auf den Kasinoball zu kommen, wenn auch nur, um sie zu sehen. Ich

überwand meine Abneigung, die mir in der jetzigen Stimmung derlei

Festlichkeiten hassenswert machte, schob aber die Stunde möglichst

hinaus, und so war es bereits recht spät, als ich den Saal betrat.

Aurora war von einem Kreis junger Leutnants umgeben. Sie war hinreißend

schön; die Haut von Busen, Hals und Antlitz glänzte wie Silber, darunter

floß fischhaft das dunkelgrüne Spitzenkleid; sie war heiter, allzu

heiter; und ich, ich war finster. Ich war einer Ohnmacht nahe, so

schrecklich empfand ich in diesem Augenblick meine leidenschaftliche

Liebe. Frau von Rütten, an der ich nicht grußlos vorübergehen konnte,

saß mit einigen andern Leuten in einer Säulennische. Alle diese Leute

sahen mich mit seltsamen Blicken an, wenigstens schien es mir so. Ich

bemerkte darunter auch das siebzehnjährige Kind, mit dem man mich hatte

verheiraten wollen. Ich glaubte die Augen dieses Mädchens mit einem

rührenden Gefühl auf mich gerichtet. Ich wandte mich hastig ab und hatte

gerade noch Zeit, dem Major Westermark aus dem Weg zu gehen, der auf

mich zukam, lachend und winkend, als ob ich sein bester Freund wäre. Es

überrieselte mich eiskalt.

Ich stellte mich nun an das untere Ende des Saales und starrte in das

lichtübergossene Geflimmer der Uniformen und Roben. Die Walzermusik

stimmte mich traurig, und ich weiß nicht, wie es zuging, aber ich mußte

beständig an den Mann denken, den ich mittags gesehen, und dessen

fleischige und gemeine Züge nicht aus meiner Vorstellung schwinden

wollten. Ich sah ihn essen, ich sah ihn Bier trinken, ich sah ihn

widerlich lachen und prahlen, und voll Bitterkeit dachte ich mir: das

ist also der jetzige Deutsche, ein solcher Mann darf den Namen eines

Deutschen führen; Emporkömmling; dickfelliger, ohrenloser,

aufgeblasener, herzloser Geselle, dem alles gehört und der nichts

respektiert; und so sind sie alle, sie haben das Zittern verlernt und

brauchen wieder einmal die Peitsche des Schicksals. Dabei kannte ich den

Mann doch gar nicht und verband nur einen Eindruck mit dem Groll über

eine allgemeine Kalamität, denn ich war in diesen Dingen schon zum

Schwarzseher geworden und war deshalb auch nicht mehr mit innerer Freude

Soldat.

Nach dem Kotillon gelang es mir, Aurora für ein kurzes Alleinsein zu

erobern. In ihrem Wesen war etwas Schmachtendes, das ich nicht lediglich

der Wirkung des Tanzes zuschreiben mochte. Die Luft zitterte zwischen

unsern Mündern und unsre Blicke bohrten sich fest ineinander. Trotzdem

Leute um uns herumstanden, hatte sie die Verwegenheit, mich zu fragen,

ob es beim Sonntag abend verbleibe, und als ich schweigend und bestürzt

nickte, lächelte sie mit entblößten Zähnen. Noch lange nachher, als sie

sich schon von mir entfernt hatte, beobachtete ich, daß ihre Augen

bisweilen forschend, ja ängstlich auf mir ruhten. Plötzlich ging sie zu

ihrem Mann, sagte ihm ein paar Worte und verließ den Saal. Der Major,

der bei Frau von Rütten saß, erhob sich, um ihr zu folgen. Sie kehrte

noch einmal um, und sie redeten wieder eine Weile miteinander, dann ging

Aurora. Der Major schien unschlüssig und zeigte ein nachdenkliches

Gesicht. Da Aurora nicht zurückkam, entschloß ich mich, Frau von Rütten

zu fragen, ob sie wisse, was geschehen sei. Sie antwortete mir kalt, die

Majorin habe sich nicht wohl gefühlt und sei nach Hause gefahren; sie

habe nicht gewünscht, daß der Major sie begleite, weil sie bestimmt

wiederkommen wollte. Ich wunderte mich und wurde besorgt. Ehe eine

Viertelstunde verflossen war, hatte ich mich in aller Stille aus dem

Saal entfernt, nahm außen meinen Mantel und eilte nach der

Westermarkschen Villa. Daß meine Abwesenheit unter der Ballgesellschaft

bemerkt und auffällig gefunden werden könne, darüber machte ich mir

keine Gedanken. Da ich im Souterrain der Villa noch Licht sah, läutete

ich am Gartentor. Eine Mädchenstimme fragte vom Fenster aus, wer da sei.

Ich erkundigte mich, ob sich die gnädige Frau noch oben befinde; weil

der Wagen nicht da war, mußte ich annehmen, daß sie schon zurückgekehrt

wäre. Das Mädchen erwiderte mir, die gnädige Frau sei auf dem Ball. Sie

sei aber doch vor kurzem nach Hause gefahren, versetzte ich. Dies wurde

verneint.

Ich spazierte auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf und ab und

wartete, bis die Glocke zwölf schlug. Darauf machte ich mich wieder auf

den Weg und dachte, sie habe am Ende das Kasino gar nicht verlassen. Als

ich in die Wilhelmstraße einbog, rasselte eine Droschke an mir vorüber

und blieb etwa zweihundert Schritte weiter stehn, ungefähr in der Mitte

des Wegs zwischen mir und dem Kasino. Es stieg ein Herr aus, und der

Wagen setzte sich wieder in Bewegung. Der Herr kam mir auf demselben

Trottoir entgegen, und ich erkannte den Fabrikanten aus Berlin. Er trug

einen Zylinder und rote Handschuhe. Sein fettes Gesicht hatte einen

angestrengt überlegenden Ausdruck, und seine Lippen waren wie zum

Pfeifen gespitzt. Niedergeschlagen, ohne recht zu wissen, weshalb,

wandelte ich noch ziemlich lange Zeit auf den Straßen herum. Als ich

dann wieder den Ballsaal betrat, erfuhr ich, daß Westermarks schon nach

Hause gefahren seien. Dies beschwichtigte mich einigermaßen.

Als ich am folgenden Nachmittag zu Aurora kam, fand ich sie lesend. Sie

hatte unter alten Sachen gekramt und ein Stammbuch aus ihrer Mädchenzeit

entdeckt. Ich beugte mich über sie und sah, daß ihre Blicke auf einen

Vers gerichtet waren, der in großväterischen Schriftzügen ein vergilbtes

Blatt bedeckte. Er lautete:

Mit einer Blume zu spielen, ist dir erlaubt,

und sie zu pflücken.

Mit einem Herzen, das du geraubt,

sollst du nicht tücken.

Vergiß nicht, o Mann, o Weib,

Herz, das sich schenkt, ist Gottes Leib.

»Ein hübscher Spruch«, sagte ich. Aurora schaute mich geistesabwesend

an. Sie ergriff meine Hand und hielt sie fest. Ihre Finger waren heiß.

Ihr Wesen war so gemsenhaft scheu und so bedrängt, daß ich den

Augenblick sehnlich herbeiwünschte, wo ich ihr zurufen konnte: du bist

erlöst. Sie hatte viel Gesichter und jeden Tag zeigte sich mir ein

neues. Hätte sie nur ein einziges Gesicht besessen, so hätte ich

vielleicht ergründen können, was in ihr vorging; aber von der

hinschmelzenden Schwermut bis zur Trunkenheit des Vergnügens alle

Verwandlungen mitzuerleben, hatte ich kein Talent. Ich hätte lernen

müssen zu sehen, bevor ich sie liebte.

Endlich brachte ich es über mich, sie zu fragen, wo sie gestern während

des Balles gewesen sei. Ihr Gesicht verfinsterte sich erschreckend.

»Bedeutet dies Mißtrauen?« flüsterte sie langsam. Ich schüttelte den

Kopf. »Hast du denn gar keine Geheimnisse?« fragte sie in derselben

düstern Weise. »Gar keine«, antwortete ich. »Aber ich,« fuhr sie fort,

»ich habe Geheimnisse, und auch die sollst du lieben. Bin ich nicht mit

meinem ganzen Dasein so und soviel tausend Zuschauern offenbar? Wenn ich

kein Geheimnis hätte, müßte ich sterben. Übrigens magst du wissen,«

fügte sie hinzu, »daß gegenwärtig ein ehemaliger Freund von mir in der

Stadt weilt, ein Mensch, dem ich einst viel zu verdanken hatte, der aber

meine Dankbarkeit jetzt ausbeutet. An Bedrückern hat es mir nie gefehlt.

Aber von alledem sprechen wir ein andermal.« »Ein andermal?« versetzte

ich mit stockender Stimme. »Ja, ein andermal«, bekräftigte sie mutig

oder auch gedankenlos. Sie näherte sich mir, legte ihre Hände auf meine

Wangen und flüsterte: »Ach, wir werden viel beieinander sein müssen,

damit ich dir alles, alles sagen kann.« So verstand sie es, mich zu

beunruhigen und mich sicher zu machen mit ein und derselben Rede.

Als es zu dunkeln begann, gingen wir gegen den Fluß hinaus spazieren. Es

war dies ein einsamer Weg, wo selten jemand zu sehen war. Da wir uns am

folgenden Tag nicht sehen wollten, verabredeten wir alle Einzelheiten

des mörderischen Vorhabens. Aurora gab mir den Schlüssel zur

Gartenpforte. Der Hund, der während der Nacht im Garten frei war,

brauchte keine Sorge für mich zu sein, denn das Tier kannte mich, die

beiden Jagdhunde wurden nachts in den Verschlag neben den Keller

gesperrt. Den Hausschlüssel könne sie mir nicht geben, sagte Aurora, es

sei nur ein einziger vorhanden, und den habe ihr Mann. Sie wollte an der

Rückseite der Villa das Flurfenster offen lassen, dort sollte ich

einsteigen und mich der Stiefel entledigen, bevor ich ins Schlafzimmer

des Majors ging, das er unversperrt zu lassen pflegte. Daß sie keinen

Hausschlüssel besaß, war eine Lüge, davon konnte ich mich selbst

überzeugen, ehe zweimal vierundzwanzig Stunden vergingen. Den Grund

dieser Lüge vermag ich allerdings auch jetzt noch nicht einzusehen.

Vielleicht wollte sie die Vorbereitungen abenteuerlicher machen, oder,

was wahrscheinlicher ist, sich vor Überraschungen sicherstellen. Dies

schlug fehl durch meine aufrichtige Entschlossenheit.

Ich gestehe, daß mich schauderte. Aber ich war ja schon verdammt durch

den Willen. Die Ausübung war nur noch eine mechanische Folge für mich.

Aurora verwunderte mich dann und wann durch eine Miene des Staunens und

eine mir unerklärliche, neugierige Spannung. Während des Rückwegs jedoch

blieb sie bei einer Weide stehn, strich mit ihren Händen den Schnee von

einem Ast und warf sich plötzlich, erst lachend, dann weinend an meine

Schulter.

In welcher Verfassung ich den nächsten und den übernächsten Tag

verbrachte, ist zu beschreiben unmöglich. Wozu sollte ich auch dabei

verweilen. Erst im Gefängnis habe ich erfahren, daß der Major gerade an

jenem Sonntag sein Geburtsfest feierte und daß ihn Aurora mit einer

neuen Jagdflinte, einem neuen Portefeuille und einem Paar von ihr selbst

gestickter Pantoffeln beschenkte. Gleichfalls habe ich erfahren, daß sie

ihm, wie das Stubenmädchen aussagte, schon am Morgen die Erlaubnis

abschmeichelte, den Abend außer Haus verbringen zu dürfen, bei einer

Freundin, die aus Stettin gekommen sei. Um zwei Uhr nachmittags schickte

sie den Burschen des Majors mit einem Brief in meine Wohnung. In diesem

Brief standen nur die Worte: »Aufschieben. Gründe mündlich.« Ich bekam

aber den Brief nicht mehr in die Hand, und das war ein Unglück. Ich war

um zwölf Uhr zum letztenmal in meinem Zimmer gewesen, hatte Zivilkleider

angelegt, den Revolver zu mir gesteckt und war über Land gegangen. Ich

hatte mir vorgenommen, nicht mehr nach Hause zurückzukehren, denn mir

graute vor den vier Wänden. Dies war, wie gesagt, ein Unglück.

Die schrecklichste Unruhe trieb mich draußen über Landstraßen, durch

Wiesen, Äcker und Wälder. Ich war todmüde, als ich spät abends in die

Stadt zurückkam, aber mein Kopf war klar. Um dreiviertel zwölf stand ich

vor dem Gartentor der Villa. Im Zimmer des Majors brannte kein Licht

mehr. Ich wußte, daß er sich täglich um elf Uhr zur Ruhe begab, denn des

Morgens war er der erste Offizier in der Kaserne. Ich sperrte die

Gartentür auf, und als ich nach der Rückseite des Hauses ging, folgte

mir der große Bernhardinerhund mit freundlichem Wedeln seines Schweifes.

Als ich das bezeichnete Fenster, entgegen der mit Aurora getroffenen

Verabredung, fest zugeschlossen fand, stutzte ich. Eine Weile war ich

ratlos. Ich zog aus dem Umstand nicht den vernünftigen Schluß, den ich

hätte ziehen sollen. Ich beschloß zu tun, was die Diebe und Einbrecher

tun. Mit der pelzbehandschuhten Hand preßte ich so lange an das Glas,

bis es sprang. Die Jagdhunde im Verschlag fingen an zu bellen, da sich

aber sonst nichts regte, entfernte ich mit Bedachtsamkeit die Scherben,

öffnete den Innenriegel und stieg ein. Ich hatte Gummisohlen an den

Stiefeln und stieg unter dem fortwährenden Gekläff der Hunde die Treppe

hinan bis zum Schlafzimmer des Majors, in das ich ohne zu zögern

eintrat. Es war eine ziemlich stürmische Mondscheinnacht, und obgleich

der Mond häufig durch Wolken verdeckt wurde, fiel doch durch das

unverhängte Fenster Licht genug, daß ich den Major sehen konnte. Er

hatte eine Mütze auf dem Kopf und schnarchte laut. Er erschien mir sehr

dick. Dicke Menschen waren mir von jeher zuwider, und in diesem

Augenblick empfand ich nur die rein tierische Abneigung gegen den Mann.

Als ich neben das Bett trat, gewahrte ich auf dem Nachtkästchen ein

Buch, und ich konnte im Mondlicht ohne Mühe den Titel auf dem bunten

Umschlag lesen. Es waren »Lederstrumpfs Erzählungen«. Einfältig und

lächerlich kam es mir vor, daß ein Soldat in den Jahren des Majors

solches Zeug zur Abendlektüre wählte; aber diese Betrachtung ließ mich

nur um so mehr spüren, wie schändlich es sei, einen Mann im Schlafe zu

töten. Einer derartigen Regung fühlte ich mich nicht gewachsen, ich

legte meine linke Hand auf die Schulter des Majors, in der rechten hielt

ich den Revolver. Der Major wachte sofort auf und sah mich stier an.

»Nehmen Sie einen Revolver,« sagte ich kalt, »wir müssen uns auf der

Stelle schießen.« Seine Augen rollten furchtsam im Kreis, und es war,

als verstehe er mich nicht. Ich wiederholte meine Worte. Er fing an zu

murmeln; ich schnitt ihm die Rede ab und wiederholte meine Worte. Er

schüttelte sich ein wenig und sprach jetzt deutlich, ich hörte nichts

und wiederholte abermals meine Worte. Plötzlich sprang er auf, die

andere Seite des Bettes war ebenfalls wandlos, er taumelte aus dem Bett

und schrie mit heiserer Stimme um Hilfe.

Da schoß ich. Ich schoß zweimal. Er streckte gleich darauf die Arme in

die Luft und stürzte zu Boden. Ich näherte mich ihm und sah, daß er tot

war. Es rann mir eisig durch alle Glieder. Ich verließ das Zimmer und

ging über den Korridor hinüber zu Auroras Schlafgemach. Sie mußte die

Schüsse gehört haben. Was jetzt? fuhr es mir durch den Kopf; das

beständige Geheul der Hunde machte mich rasend. Ich hatte mir das

Nachher ganz und gar nicht vorgestellt, aber daß ich mich nun

gemütsruhig entfernte, um zu warten, bis am Morgen die Untat, als von

einem Unbekannten verübt, entdeckt wurde, das ging nicht an. Ich fühlte,

daß ich sterben müsse, und es entstand in mir der Wunsch, daß Aurora mit

mir sterben möge. Wie ward mir aber, als ich Auroras Zimmer leer fand

und ihr Bett unberührt! Ich schritt der Reihe nach durch alle Zimmer des

Stockwerks, und die wohlbekannten Möbel und Bilder blickten mich an, wie

lebendige Dinge. Indes ich wie ein Gespenst dort herumirrte, vernahm ich

das Rollen eines Wagens auf der Straße. Ich stand gerade wieder auf dem

Korridor, welcher auf eine Tür zulief, die gegen einen kleinen

Gassenbalkon oder Vorbau führte. Diese Tür öffnend, trat ich hinaus und

kam eben recht, als der Wagen vor der Gartenpforte hielt. Durch die

kahlen Baumzweige hindurch konnte ich sehen, daß Aurora ausstieg. Ich

erblickte aber noch jemand im Wagen, ein Gesicht erschien am Fenster,

das ich wohl erkannte. Aurora blickte flüchtig am Haus empor, aber nicht

dorthin, wo ich stand, sondern gegen die Seite, wo des Majors Zimmer

war. Darauf beugte sie sich noch einmal in den Wagen, ich sah einen

roten Handschuh auf ihrem Arm und ich hörte sie flüstern und lachen.

Gott! ich hatte kaum mehr die Kraft zu stehen, ich spürte, daß mich die

Blässe überströmte wie Sand. Treunitz! Treunitz! schrie es in mir, du

hast verspielt.

Aurora war inzwischen ins Haus gegangen, den Schlüssel hatte ich in

ihrer Hand blinken gesehen, ihre Schuhe schlürften auf den Steinfliesen

im untern Flur, dann knarrte eine Tür, dann wieder eine. Ich ging in den

Flur, blieb aber in der Ecke stehen. Aurora kam mit den beiden

Jagdhunden die Stiege herauf. Sie hielt die Tiere, die sich wie toll

gebärdeten, fest an der Leine. Wahrscheinlich hatte das unaufhörliche

Gebell Furcht in ihr erweckt, und sie hatte den Verschlag geöffnet, um

die Hunde mitzunehmen. Sie gewahrte mich nicht, sie ging in ihr Zimmer.

Ich hörte, wie sie mit beinahe wilden Lauten die Hunde zu bändigen

suchte, was ihr jedoch nicht gelang. Ich kehrte unterdes zum Zimmer des

Majors zurück, blieb aber auf der Schwelle stehen. Jetzt trat Aurora mit

der Kerze auf den Flur, sie hatte noch den Hut auf, der lange Schleier

hing zu beiden Seiten herunter wie zwei blaue Fahnen. Die Hunde, der

Leine entledigt, stürzten an mir vorüber in das Zimmer des Majors. Sie

blieben an der Leiche stehen und verbellten den toten Mann wie ein im

Feuer verendetes Stück. Aber auf einmal wurden sie alle beide still und

winselten nur noch. Aurora schaute mit kaltem Blick in den Raum, dann

mit demselben kalten Blick auf mich und fragte mit dem seltsamsten

Gleichmut: »Was hast du denn da gemacht?« Und als ich schwieg, fuhr sie

mit genau derselben matten und unbewegten Stimme fort: »Er ist wohl

tot?« Und als ich abermals schwieg, begann sie wieder: »Warum hast du

denn das getan?«

Im ersten Augenblick glaubte ich den Verstand verloren zu haben. Ich

konnte kein Wort aus meiner Kehle pressen, meine Zähne rieben sich

hörbar aufeinander, und ich mußte das unbegreifliche Weib nur immerfort

anstarren. Sie blickte sich noch einmal um, etwa wie wenn man in einem

Museum Bilder anschaut, dann pfiff sie den Hunden und ging. Die Hunde

folgten nicht, sie hörten nicht auf zu winseln. Da entfernte sie sich

allein. Sie ging in ihr Zimmer. Ich blieb wie versteinert auf meinem

Platze, die beiden Tiere zu sehen und zu hören, war mir plötzlich das

hellste Grauen. Ich fing an zu zittern und wußte nicht, woran ich denken

sollte. Ich weiß nicht mehr, wieviel Zeit verflossen war, möglich eine

halbe Stunde, möglich eine ganze, als ich mich entschloß, in Auroras

Zimmer zu gehen. Die Türe war unversperrt. Aurora war im Bett, die

brennende Kerze stand noch auf dem Nachttisch. Im Zimmer selbst war die

größte Unordnung, Kleider und Wäschestücke lagen umher, eine kleine

Reisetasche stand, wie zum Gepacktwerden, offen auf einem Stuhl. Ich

blieb am untern Bettpfosten stehn und fragte Aurora, ob sie es denn

nicht gewollt habe. Aus den Kissen heraus antwortete sie: »Laß mich

jetzt schlafen.« »Um Gotteswillen!« flüsterte ich. Da erhob sie den Kopf

und fragte kalt, ob ich das Billett nicht erhalten habe. »Was für ein

Billett?« fragte ich. Sie sah mich unwillig an, lachte plötzlich und

sagte fast verächtlich und als ob ich ihr völlig fremd sei: »Gehen Sie

hinaus und lassen Sie mich schlafen. Es schickt sich nicht, daß Sie bei

meinem Bette sind.« Mit diesen Worten blies sie die Kerze aus, und ich

hörte sie wieder leise ins Kissen lachen.

Ich begriff es nicht. Ich hätte begriffen, wenn sie zornig, wenn sie

wütend, wenn sie verzweifelt gewesen wäre, ich hätte alles begriffen,

aber dies begriff ich nicht. Mir war es, als ob aus einer schönen

Verkleidung ein Unhold hervorgetreten wäre, ein bestialisches Gebilde,

ein grinsendes Affenwesen, wie es dermaßen furchtbar die Welt noch nicht

erblickt. Ich tastete mich hinaus, das Entsetzen lag mir in allen

Gliedern. Auf dieselbe Weise, wie ich gekommen war, mußte ich auch das

Haus verlassen. Nachdem ich das Gartentor aufgesperrt und hinter mir

zugeklappt hatte, warf ich den Schlüssel über den Zaun zurück. Es war

ein Uhr, als ich nach Hause kam. Auf dem Tisch lag Auroras Brief. Ich

öffnete ihn nicht. Es war mir alles zum Ekel und alles rätselhaft. Ich

legte mich erschöpft aufs Bett und schlief bis sieben Uhr. Als mein

Bursche kam, beauftragte ich ihn, eine Droschke zu holen, und zog

unterdes die Uniform an. Ich fuhr in die Kaserne und wartete in der

Kanzlei auf den Obersten. Er erschien erst gegen neun Uhr; er war bleich

und fragte mich, ob ich schon wisse. Die Ermordung des Majors war

bereits in der Stadt bekannt. Ich bat ihn um ein Wort unter vier Augen.

Mein Geständnis machte seinem wohlwollenden und gegen mich stets

vertraulichen Wesen ein schnelles Ende. Ich mußte den Degen abliefern

und wurde sogleich inhaftiert. Dies alles war von keinem Belang mehr für

mich. Ich wurde gefragt, ob ein Zweikampf beabsichtigt gewesen sei. Ich

verneinte, weiß aber kaum, warum. Ich hätte meine Verteidigung darauf

bauen können, ich tat es nicht. Ich hätte ja dem Major eine zweite Waffe

in die Hand drücken können, bevor ich das Haus verließ. Ich tat es

nicht, weil es mir gleichgültig war. Ich erfuhr von der Verhaftung

Auroras, von dem Erstaunen und dem Schrecken, den meine Tat überall

erregte, und auch dieses war mir gleichgültig. Am andern Morgen besuchte

mich der Oberst, fragte, ob ich vor dem Transport ins Militärgefängnis

noch etwas zu ordnen hätte, legte ein Terzerol auf den Tisch und stellte

sich ans Fenster. Ich tat nicht, was er erwartete. Er entfernte sich

ohne Gruß. Die Kameraden glaubten, daß ich aus Feigheit unterlassen

habe, ein Ende zu machen, aber dem ist nicht so. Ich habe nichts vom

Feigling in mir. Ich war bloß regungslos in meinem Innern. Ich war ganz

wie aus Blei. Ich grübelte beständig ins Finstere hinein. Erst mit dem

Verlauf vieler Tage kam ich wieder zur Besinnung. Ich fing an, meine

Beichte dem Papier anzuvertrauen. Ich hinterlasse sie der geringen Zahl

meiner Freunde. Es ist mir nun klar, daß mich die Menschen für schuldig

halten und daß ich zu sterben die Pflicht habe. Ich selbst, ich kann

nicht sagen, ob ich mich schuldig fühle oder nicht. Ich kann es nicht

sagen. Aurora hat es ja gewollt. Um meiner Mutter willen bitte ich um

ein anständiges Begräbnis.

Und nun geschehe, was geschehen muß.

Der niegeküßte Mund: Drei Erzählungen · 第 16 / 22 题