Der erstaunliche Floh aus gehärtetem Stahl blieb bei Alexander
Pawlowitsch in der Schatulle unter dem Fischbein, bis der Kaiser in
Taganrog starb, nachdem er ihn dem Popen Fjedot gegeben hatte, damit der
ihn später der Kaiserin gebe, wenn sie sich getröstet habe. Die Kaiserin
Jelisaweta Alexejewna schaute die Variationen des Flohs an und lächelte,
beschäftigte sich aber weiter nicht mehr mit ihm.
»Meine Sache,« spricht sie, »ist die einer Witwe, und mir sind keinerlei
Unterhaltungen verführerisch,« und als sie nach Petersburg zurückgekehrt
war, übergab sie dies Wunderding mit allen andern Kostbarkeiten dem
neuen Kaiser zum Erbe.
Kaiser Nikolai Pawlowitsch schenkte gleichfalls anfangs dem Floh nicht
die geringste Aufmerksamkeit, weil bei seiner Thronbesteigung eine
»Verwirrung« war, später aber begann er einmal die ihm von seinem Bruder
hinterlassene Schatulle durchzusehen und nahm aus ihr die Tabaksdose
heraus, aus der Tabaksdose die Brillantnuß, und in ihr fand er den
stählernen Floh, der schon lange nicht mehr aufgezogen war, und sich
deshalb nicht bewegte, vielmehr friedlich dalag, als ob er versteinert
wäre.
Der Kaiser schaute hin und staunte.
»Was ist denn da noch für eine Nichtigkeit, und wozu ward sie dort von
meinem Bruder so aufbewahrt?«
Die Hofleute wollten es wegwerfen, der Kaiser aber spricht:
»Nein -- das bedeutet irgend etwas!«
Man rief von der Anitschkin-Brücke aus der gegenüberliegenden Apotheke
einen Chemiker, der auf der allerkleinsten Wage Gift abzuwiegen pflegte,
und zeigte ihm das Ding; der aber nahm sogleich den Floh, legte ihn auf
die Zunge und spricht: »Ich empfinde Kälte wie von einem festen Metall«.
Darauf drückte er es leicht mit den Zähnen und erklärte:
»Wie es Ihnen beliebt, dies ist aber kein wirklicher Floh, vielmehr ein
»Nymphusorium«, und es ist aus Metall gemacht, und die Arbeit ist nicht
die unsrige, nicht russische.«
Der Kaiser befahl zu erkunden, woher dies stamme, und was es bedeute.
Man stürzte sich sogleich in die Akten, um Verzeichnisse einzusehen --
in den Akten aber war nichts eingetragen. Man begann diesen und jenen
auszufragen -- niemand wußte etwas. Zum Glück weilte aber damals noch
der Donsche Kosak Platow unter den Lebenden und lag sogar immer noch auf
seinem Verdrußsofa und rauchte seine Pfeife. Als der nun vernahm, daß
bei Hof eine solche Unruhe sei, erhob er sich sogleich von seiner
Kouschette, warf die Pfeife fort und erschien beim Kaiser in allen
seinen Orden. Der Kaiser spricht: »Was willst du von mir, tapferer
Greis?«
Platow aber antwortet:
»Mir, Eure Majestät, ist nichts für mich selber nötig, da ich esse und
trinke, wozu ich Lust habe, und mit allem zufrieden bin; ich bin aber«
-- spricht er -- »gekommen, wegen dieses >Nymphusoriums< zu berichten,
das man ausfindig machte; das« -- spricht er -- »war so und so, und
folgendermaßen hat es sich vor meinen Augen in England zugetragen -- und
dort bei ihm liegt ein Schlüsselchen, ich aber besitze ihren
>Winzigseher<, in dem man es sehen kann; und mit diesem Schlüssel durch
das Löchelchen in seinem Bäuchelchen kann man dies >Nymphusorium<
aufziehen, und es wird hüpfen, wo und wann man es wünscht und zur Seite
Variationen machen.«
Man zog den Floh auf, er begann zu springen. Platow aber spricht:
»Dies,« -- spricht er -- »Eure Majestät, ist wirklich eine sehr feine
und interessante Arbeit; nur ziemt es sich nicht, daß wir uns darüber
lediglich wundern mit entzücktem Gefühl, vielmehr muß man sie russischen
Meistern in Tula oder in Sesterbek (damals nannte man noch Sestrorezk --
Sesterbek) zeigen -- ob nicht unsere Meister erreichen können, daß die
Engländer sich nicht mehr über die Russen überheben.«
Kaiser Nikolai Pawlowitsch hegte großes Zutrauen zu seinen Leuten und
liebte es nicht, sie irgend einem Ausländer hintanzusetzen, er
antwortete denn auch Platow:
»Das sprichst du gut, wackerer Greis! Und ich übertrage dir diese Sache.
Ich brauche sowieso dieses Schächtelchen nicht, bei meinen vielen
Sorgen. Du aber nimm es mit dir und lege dich nicht mehr auf dein
>Verdrußsofa<, fahre vielmehr zum stillen Don und führe dort mit meinen
Donzern vertrauliche Gespräche über ihr Leben, ihre Ergebenheit und was
ihnen beliebt. Wenn du aber durch Tula kommen wirst, so zeige meinen
Tulaer Meistern dieses >Nymphusorium<, dann mögen sie darüber
nachdenken. Sage ihnen von mir, daß mein Bruder sich über dies Ding
erstaunte und die Fremdländer, die das >Nymphusorium< machten, über
alles lobte; daß ich aber auf die Meinen baue, daß sie durchaus nicht
schlechter sind. Sie werden mein Wort nicht zuschanden werden lassen und
irgend etwas erfinden.«
V
Platow nahm den stählernen Floh, und als er durch Tula zum Don fuhr,
zeigte er ihn den Tulaer Waffenschmieden, überbrachte ihnen das Wort des
Kaisers und fragte sie dann:
»Wie soll es jetzt mit uns sein, Rechtgläubige?«
Die Waffenschmiede antworteten:
»Wir, Väterchen, fühlen das gnädige Wort des Zaren und können es niemals
vergessen, deshalb, weil er auf seine Leute hofft. Wie es aber im
vorliegenden Falle sein wird, das können wir in einem Augenblick nicht
entscheiden, weil die englische Nation gleichfalls nicht dumm ist,
vielmehr sogar ziemlich schlau, und die Kunst in ihr mit großem
Verstande betrieben wird. Ihr gegenüber,« sprechen sie, »muß man sich
nach reiflicher Überlegung und mit Gottes Segen ans Werk machen. Du
aber, wenn deine Gnaden zu uns ebensolches Vertrauen hegt, wie unser
Zar, so fahre in deine Heimat nach dem stillen Don, uns aber hinterlasse
das Flöhchen, wie es ist, im Futteral und in der goldenen zarischen
Tabaksdose. Lustwandle am Don und heile die Wunden, die du fürs
Vaterland erhieltest. Wenn du aber durch Tula zurückkehren wirst -- so
mache Halt und laß uns rufen: Wir werden bis zu dieser Zeit, wenn Gott
es will, irgend etwas ausdenken«.
Platow war nicht völlig damit zufrieden, daß die Tulaer so viel Zeit
verlangten und dabei noch nicht einmal deutlich aussprachen, was sie
eigentlich zu tun gedächten. Er frug sie so und anders und sprach auf
jede Weise mit ihnen, schlau, auf Donsche Art. Die Tulaer gaben ihm aber
an Schläue nicht das Geringste nach, weil sie sogleich schon einen
solchen Gedanken hegten, von dem sie nicht einmal hofften, daß sogar
Platow ihnen glauben werde. Sie wollten vielmehr unmittelbar ihren
Gedanken ausführen, und dann auch die Sache übergeben.
Sie sprechen:
»Wir wissen selber noch nicht, was wir tun werden. Wir hoffen nur auf
Gott, und das Wort des Zaren wird wohl nicht durch uns zuschanden
werden.«
So versuchte es denn Platow mit Kniffen, die Tulaer aber gleichfalls.
Platow verstellte sich, verstellte sich lange und sah, daß er die Tulaer
nicht überlisten werde. Er gab ihnen endlich die Tabaksdose mit dem
»Nymphusorium« und sprach:
»Nun, da ist nichts zu machen; möge es«, spricht er, »nach eurem Willen
gehen. Ich kenne euch, was ihr für Leute seid, nun, gleichwohl, da ist
nichts zu machen. Ich vertraue euch, schaut nur zu, daß ihr den
Brillanten nicht umtauscht und verderbt nicht die feine englische Arbeit
und braucht auch nicht zulange Zeit, weil ich rasch reise; es werden
nicht zwei Wochen vergangen sein, so werde ich vom stillen Don wiederum
nach Petersburg zurückkehren -- daß dann unbedingt etwas dem Kaiser zu
zeigen da sei.«
Die Waffenschmiede beruhigten ihn vollauf:
»Der feinen Arbeit werden wir« -- sprechen sie -- »keinen Schaden tun,
und den Brillanten werden wir nicht umtauschen. Zwei Wochen ist uns aber
Zeit genug, und wann du zurückkehren wirst, wird dir _irgend etwas_
dargeboten, was würdig ist der Herrlichkeit des Zaren vorgelegt zu
werden!«
Aber _was_ eigentlich, das haben sie nicht gesagt!