Ssergej trug ein rotes wollenes Halstuch und klagte über Halsschmerzen.
Ehe aber die Male von den Zähnen Sinowij Borissowitschs auf seinem Halse
vernarbt waren, fiel den Leuten die allzu lange Abwesenheit des
Hausherrn auf. Ssergej selbst sprach am häufigsten von ihm. Wenn er
abends mit den anderen Burschen auf der Bank vor dem Tore saß, brachte
er oft die Rede auf ihn: »Was bleibt unser Herr so lange aus?«
Auch die Burschen wunderten sich.
Von der Mühle kam aber die Nachricht, daß Sinowij Borissowitsch schon
längst einen Wagen gedungen hatte und nach Hause abgereist war. Der
Kutscher, der ihn gefahren hatte, berichtete, daß Sinowij Borissowitsch
in einer seltsamen Aufregung gewesen sei; am Kloster, etwa drei Werst
vor der Stadt, sei er mit seiner Reisetasche aus dem Wagen gestiegen und
hätte den Kutscher entlassen. Als die Leute diesen Bericht hörten,
staunten sie noch mehr.
Sinowij Borissowitsch schien spurlos verschwunden zu sein.
Man fing zu suchen an, konnte aber auch nicht die geringste Spur finden.
Der Kutscher, den man bald verhaftete, wußte nur zu berichten, daß der
Kaufmann vor dem Kloster den Wagen verlassen und zu Fuß weitergegangen
sei. Die Sache blieb rätselhaft. Katerina Lwowna erfreute sich indessen
ihrer Witwenfreiheit und lebte mit Ssergej ohne jede Scheu zusammen. Man
meldete zwar ab und zu, daß man Sinowij Borissowitsch bald hier und bald
dort gesehen hätte, er kam aber nicht zurück, und Katerina Lwowna wußte
am besten, daß er überhaupt nicht mehr zurückkehren konnte.
So verging ein Monat, ein zweiter und ein dritter, und Katerina Lwowna
fühlte sich in anderen Umständen.
»Das Kapital wird uns zufallen, Sserjoscha: ich habe jetzt einen Erben,«
sagte sie zu Ssergej. Sie ging auf das Kaufmannsgericht und meldete, daß
sie in Umständen sei; die Geschäfte lägen brach; man möchte ihr daher
die Vollmacht geben, das Geschäft selbständig zu führen.
Man durfte das alte Handelshaus doch nicht zugrunde gehen lassen;
Katerina Lwowna war ja die eheliche Gemahlin Sinowij Borissowitschs,
Schulden waren keine vorhanden, also konnte man ihr ohne Bedenken die
Vollmacht geben.
Katerina Lwowna ist nun unumschränkte Herrin, und Ssergej wird auf ihren
Wunsch von allen Ssergej Philippowitsch genannt. Plötzlich kommt eine
ganz neue Sorge. Man meldet dem Bürgermeister aus Liwny, daß Sinowij
Borissowitsch nicht bloß mit eigenem Kapital Handel getrieben habe; in
seinem Geschäft hätte auch das Geld seines minderjährigen Neffen Fjodor
Ignatjewitsch Ljamin gesteckt, das sein eigenes Kapital um ein
Beträchtliches überstiegen habe; diese Sache müsse noch genauer
untersucht werden, und man dürfe nicht das ganze Geschäft Katerina
Lwowna allein anvertrauen. Als diese Nachricht eintraf, ließ der
Bürgermeister Katerina Lwowna zu sich kommen und teilte ihr alles mit.
Nach acht Tagen kommt aber aus Liwny eine alte Frau mit einem
halbwüchsigen Jungen.
»Ich bin eine Base des seligen Boris Timofejitsch,« sagt sie, »und der
Junge ist mein Großneffe Fjodor Ljamin.«
Katerina Lwowna nahm sie huldvoll auf.
Als Ssergej die Gäste und den Empfang, den ihnen Katerina Lwowna
bereitete, sah, wurde er kreideblaß.
»Was hast du?« fragte ihn Katerina Lwowna, als er gleich nach den Gästen
ins Haus trat und aufgeregt im Vorzimmer stehen blieb.
»Nichts,« antwortete der Bursche, aus dem Vorzimmer wieder in den
Hausflur gehend. »Ich denke mir nur, was für eine wunderbare Stadt
dieses Liwny ist,« fügte er seufzend hinzu, die Haustüre hinter sich
schließend.
»Was sollen wir jetzt anfangen?« fragte Ssergej Philippowitsch nachts am
Teetisch Katerina Lwowna. »Unsere Sache steht jetzt wohl sehr schlecht.«
»Warum sollte sie schlecht stehen, Sserjoscha?«
»Weil die Erbschaft geteilt werden wird. Wie willst du wirtschaften,
wenn dir kein Geld im Geschäfte bleibt?«
»Glaubst du, daß es für dich nicht langen wird, Sserjoscha?«
»Ich spreche nicht von mir, ich glaube nur, daß wir beide jetzt nicht
mehr so glücklich werden leben können.«
»Warum glaubst du das, Sserjoscha?«
»Ich liebe Sie, Katerina Lwowna, und möchte Sie als wirkliche Dame sehen
und nicht in der Lage, in der Sie vor Ihrer Heirat gelebt haben,«
antwortete Ssergej Philippowitsch. »Nun wird aber das Kapital so sehr
verringert, daß Sie noch ärmer sein werden, als Sie es als Mädchen
waren.«
»Brauche ich denn das viele Geld, Sserjoscha?«
»Es ist wohl möglich, Katerina Lwowna, daß Sie für das Geld gar kein
Interesse haben. Ich achte Sie aber so sehr, daß es mir schmerzlich sein
wird, zu sehen, wie die gemeinen und neidischen Menschen Sie anschauen
werden. Sie können darüber natürlich urteilen, wie es Ihnen beliebt, ich
bin aber der Ansicht, daß ich dann unmöglich so glücklich sein kann, wie
ich es bisher gewesen.«
Und er redete in einem fort, daß dieser Fedja Ljamin ihn zum
unglücklichsten Menschen mache und daß er nicht mehr die Möglichkeit
habe, sie, Katerina Lwowna, vor den Augen der ganzen Kaufmannschaft zu
erhöhen und zu ehren. Wenn dieser Fedja nicht wäre, so bekäme Katerina
Lwowna, nachdem sie vor Ablauf der neunmonatlichen Frist nach dem
Verschwinden ihres Mannes ein Kind geboren haben würde, das ganze
Kapital; dann würde ihr gemeinsames Glück ganz grenzenlos sein.
X
Nach einiger Zeit hörte aber Ssergej ganz auf, von der Erbschaft zu
sprechen. Dafür nahm jetzt Fedja Ljamin alle Gedanken und Regungen
Katerina Lwownas gefangen. Sie war nun immer nachdenklich und gegen
Ssergej oft sogar unfreundlich. Ob sie schläft, oder den Geschäften
nachgeht, oder betet, -- immer denkt sie an das eine: »Wie ist es nun?
Warum muß ich seinetwegen das ganze Kapital verlieren? Ich habe so viel
durchgemacht, habe eine solche Sünde auf mich genommen, und er kommt
gefahren und nimmt mir ruhig alles ab ... Wenn er wenigstens ein
erwachsener Mensch wäre, aber er ist nur ein kleines Kind ...«
In diesem Jahre kamen die Fröste früh. Von Sinowij Borissowitsch war
natürlich nichts zu hören. Katerina Lwowna nahm von Tag zu Tag an
Leibesumfang zu und war immer nachdenklich. In der Stadt sprachen die
Leute nur noch von ihr: die junge Ismajlowa ist doch immer kinderlos und
mager gewesen, und nun ist sie plötzlich so aufgedunsen. Das ist doch
seltsam! Der junge Miterbe Fedja Ljamin ging aber indessen in einem
leichten Halbpelz aus Eichhornfellen auf dem Hofe herum und brach mit
den Absätzen das Eis in den Pfützen ein.
»Du, Fjodor Ignatjewitsch!« schrie ihm manchmal die Köchin Aksinja zu.
»Paßt es denn für dich, den Kaufmannssohn, in den Pfützen
herumzustapfen?«
Der Miterbe, der Katerina Lwowna und ihrem Geliebten solche Sorgen
machte, sprang aber so vergnügt wie ein Böcklein den ganzen Tag herum;
nachts schlief er ruhig und sorglos unter der Obhut seiner Großtante und
dachte gar nicht daran, daß jemand ihm in den Weg treten und sein
glückliches Dasein verdunkeln könnte.
Fedja lief so lange auf dem Hofe herum, bis er eines Tages die
Windpocken bekam. Zu den Windpocken gesellte sich auch eine
Lungenentzündung. Der Junge lag krank darnieder. Man behandelte ihn
zuerst mit allerlei Hausmitteln und ließ schließlich auch den Arzt
kommen.
Der Arzt kam alle paar Tage ins Haus und schrieb Arzneien auf. Der Junge
bekam sie alle paar Stunden nach der Uhr. Die Großtante selbst gab sie
ihm ein. Manchmal mußte es auch Katerina Lwowna tun.
»Bemühe dich einmal, Katerina,« sagte sie ihr. »Du bist gesegneten
Leibes, erwartest das Gericht Gottes, also kannst du dich auch einmal
bemühen.«
Katerina Lwowna tat der Alten den Gefallen. Wenn jene in die Kirche
ging, um »für den auf dem Krankenlager liegenden Knaben Fjodor« zu beten
oder ein Stückchen Hostie für ihn zu holen, saß Katerina Lwowna am Bette
des Kranken und gab ihm pünktlich seine Arzneien ein.
So ging die Alte auch am Festtage der Darstellung Mariä in die Kirche
zur Abendmesse und Frühmesse und bat Katerina Lwowna wieder, nach dem
Jungen zu sehen. Fedja ging es schon viel besser.
Katerina Lwowna kommt zu Fedja ins Zimmer, er sitzt aber schon in seinem
Eichhornpelz auf dem Bette und liest.
»Was liest du, Fedja?« fragte Katerina Lwowna, sich in den Sessel vor
seinem Bette setzend.
»Ich lese im Heiligenleben, Tantchen.«
»Ist es interessant?«
»Sehr interessant, Tantchen.«
Katerina Lwowna stützt den Kopf in die Hand und blickt auf Fedja, der
lautlos die Lippen bewegt. Wie wenn sich alle Dämonen von den Ketten
losgerissen hätten, bemächtigt sich ihrer plötzlich wieder der alte
Gedanke, daß dieser Junge ihr soviel Böses zufüge und daß es viel besser
wäre, wenn es ihn gar nicht auf der Welt gäbe.
-- Er ist krank, -- dachte sich Katerina Lwowna. -- Er nimmt Arzneien
ein ... Einem kranken Kind kann ja manches zustoßen ... Hinterher kann
man sagen, daß der Arzt eine unrechte Medizin verordnet hat ...
»Ist es nicht Zeit, die Medizin zu nehmen, Fedja?«
»Bitte, Tantchen!« sagte der Junge. Er schluckte die Medizin herunter
und fügte hinzu: »Das Buch ist sehr interessant, Tantchen, es wird darin
das Leben der Heiligen beschrieben.«
»Lies nur, lies,« versetzte Katerina Lwowna. Sie sah sich kaltblütig im
Zimmer um und richtete den Blick auf das mit Eisblumen überzogene
Fenster.
»Man muß die Fenster schließen lassen,« sagte sie. Dann ging sie durch
das Gastzimmer in den Saal und von dort zu sich ins Schlafzimmer. Hier
setzte sie sich hin.
Nach etwa fünf Minuten trat ins Schlafzimmer in einem mit Seebärenfell
besetzten Halbpelz Ssergej.
»Hat man die Fenster geschlossen?« fragte ihn Katerina Lwowna.
»Man hat sie geschlossen,« antwortete Ssergej. Er putzte die Kerze und
stellte sich vor den Ofen.
Beide schwiegen.
»Heute geht die Abendmesse wohl nicht so bald zu Ende?« fragte Katerina
Lwowna.
»Morgen ist ein großer Feiertag, der Gottesdienst wird heute lange
dauern,« antwortete Ssergej.
Es entstand wieder eine Pause.
»Ich muß nach Fedja schauen, er ist allein,« sagte Katerina Lwowna, sich
erhebend.
»Allein?« fragte Ssergej, sie mürrisch anblickend.
»Ja, allein,« antwortete sie leise: »Warum?«
Von einem Augenpaar zum andern zuckten schnelle Blitze; aber keiner von
ihnen sagte ein Wort.
Katerina Lwowna ging hinunter und machte eine Runde durch die leeren
Zimmer. Überall war es still; vor den Heiligenbildern brannten ruhig die
Lämpchen; ihr eigener Schatten huschte über die Wände; die Außenläden
waren schon geschlossen, und die Fensterscheiben tauten auf und tränten.
Fedja saß auf dem Bett und las. Als er Katerina erblickte, sagte er ihr:
»Tantchen, legen Sie, bitte, dieses Buch weg und geben Sie mir das
andere, das auf dem Heiligenschrein liegt.«
Katerina Lwowna erfüllte die Bitte des Neffen und gab ihm das Buch.
»Willst du nicht einschlafen, Fedja?«
»Nein, Tantchen, ich möchte auf die Großtante warten.«
»Warum willst du auf sie warten?«
»Sie versprach mir, geweihtes Brot von der Abendmesse mitzubringen.«
Katerina Lwowna wurde plötzlich blaß: ihr eigenes Kind regte sich eben
zum erstenmal unter ihrem Herzen, und sie fühlte Kälte in der Brust. Sie
stand noch eine Weile mitten im Zimmer da und ging hinaus, die
erkaltenden Hände gegeneinander reibend.
»Nun!« flüsterte sie, leise ins Schlafzimmer tretend, wo Ssergej noch
immer vor dem Ofen stand.
»Was denn?« fragte Ssergej kaum hörbar. Ihm stockte der Atem.
»Er ist allein.«
Ssergej runzelte die Brauen und begann schwer zu atmen.
»Komm!« sagte Katerina Lwowna hastig, sich zur Türe wendend.
Ssergej zog sich schnell die Stiefel aus und fragte:
»Was soll ich mitnehmen?«
»Nichts!« hauchte Katerina Lwowna und führte ihn leise hinaus.