VIII

»Ach so! ... Ich danke dir, lieber Freund: nur darauf habe ich

gewartet!« schrie Katerina Lwowna auf. »Nun wird es wohl weder nach

meinem noch nach deinem Willen gehen ...«

Mit einem Ruck stieß sie Ssergej von sich, stürzte sich auf den Mann,

packte ihn, noch ehe Sinowij Borissowitsch das Fenster erreicht hatte,

mit ihren feinen Fingern an der Kehle und warf ihn wie eine Hanfgarbe zu

Boden.

Sinowij Borissowitsch schlug sich mit dem Nacken am Fußboden an und

wurde ganz wahnsinnig vor Entsetzen. Ein so schnelles Ende hatte er

nicht erwartet. Die erste Gewalttätigkeit seiner Frau gegen ihn zeigte

ihm, daß sie zu allem entschlossen sei, um ihn loszuwerden, und daß er

sich in höchster Gefahr befinde. Sinowij Borissowitsch hatte das alles

blitzartig im Augenblick seines Sturzes erfaßt; er schrie nicht einmal

auf, denn er wußte, daß seine Stimme kein Ohr erreichen und die Sache

nur noch beschleunigen würde. Er ließ seinen Blick schweigend um sich

schweifen, und richtete ihn zuletzt mit einem Ausdruck von Haß, Vorwurf

und Schmerz auf seine Frau, deren feine Finger seine Kehle

zusammenpreßten.

Sinowij Borissowitsch wehrte sich nicht, seine Arme mit den geballten

Fäusten lagen ausgestreckt da und zuckten wie in einem Krampfe. Der eine

Arm war frei, den andern hatte Katerina Lwowna mit dem Knie gegen den

Boden gedrückt.

»Halt ihn einmal fest,« flüsterte sie gleichgültig Ssergej zu und wandte

sich wieder zum Mann.

Ssergej setzte sich rittlings auf seinen Herrn und drückte dessen beide

Hände mit den Knien gegen den Boden. Er wollte ihn unter den Händen

Katerina Lwownas an der Kehle fassen, schrie aber in diesem selben

Augenblick selbst wahnsinnig auf. Als Sinowij Borissowitsch seinen

Todfeind so nahe vor sich sah, nahm er seine letzten Kräfte zusammen:

mit einem verzweifelten Ruck befreite er seine Hände unter Ssergejs

Knie, packte ihn an den schwarzen Locken und biß sich wie ein wildes

Tier in seine Kehle fest. Dies dauerte aber nur wenige Augenblicke;

Sinowij Borissowitsch stöhnte schwer auf, und sein Kopf fiel wieder

zurück.

Katerina Lwowna stand blaß, fast ohne zu atmen über den Mann und den

Geliebten gebeugt; in der rechten Hand hielt sie einen schweren

gegossenen Leuchter am oberen Ende, so daß der schwere Fuß nach unten

gerichtet war. Über die Schläfe und Wange Sinowij Borissowitschs

rieselte ein dünnes Bächlein hellroten Blutes.

»Einen Popen ...« stöhnte Sinowij Borissowitsch dumpf, den Kopf voller

Ekel so weit es ging vor dem auf ihm sitzenden Ssergej zurückwerfend.

»Beichten ...« sagte er noch dumpfer, am ganzen Leibe zitternd und auf

das über sein Gesicht fließende warme Blut schielend.

»Bist auch ohne Beichte gut,« flüsterte Katerina Lwowna.

»Mach keine langen Geschichten,« sagte sie zu Ssergej. »Pack ihn einmal

ordentlich an der Gurgel.«

Sinowij Borissowitsch röchelte.

Katerina Lwowna beugte sich über ihn, preßte mit ihren Händen Ssergejs

Hände, die die Kehle ihres Mannes umklammerten, noch fester zusammen und

drückte ihr Ohr an dessen Brust. Nach fünf stummen Minuten stand sie auf

und sagte:

»Es ist genug, er ist fertig.«

Ssergej stand ebenfalls auf und holte tief Atem. Sinowij Borissowitsch

lag leblos mit eingedrückter Kehle und zerschmetterter Schläfe da. Auf

dem Fußboden links von seinem Kopfe war ein kleiner Blutfleck; aus der

kleinen Wunde, an der schon die Haare klebten, kam aber kein neues Blut

mehr.

Ssergej trug die Leiche in den Keller unter der gemauerten

Vorratskammer, in die ihn vor nicht langer Zeit der selige Boris

Timofejitsch eingesperrt hatte, und kehrte bald ins Schlafzimmer zurück.

Katerina Lwowna hatte die Ärmel ihrer Jacke aufgekrempelt und den Saum

ihres Rockes gerafft und wusch mit Seife den Blutfleck, den Sinowij

Borissowitsch auf dem Fußboden seines Schlafzimmers hinterlassen hatte.

Der Samowar, aus dem er soeben den vergifteten Tee getrunken hatte, war

noch nicht erkaltet, und der Blutfleck ließ sich mit dem heißen Wasser

spurlos abwaschen.

Katerina Lwowna nahm die kupferne Spülschale und einen eingeseiften

Bastwisch in die Hand.

»Leuchte mir einmal,« sagte sie zu Ssergej, zu der Türe gehend. »Halte

die Kerze tiefer!« sagte sie, die Dielenbretter untersuchend, über die

Ssergej die Leiche in den Keller geschleppt hatte.

Nur an zwei Stellen waren auf der gestrichenen Diele zwei kirschengroße

Flecke zu sehen. Katerina Lwowna rieb sie mit dem Bastwisch, und sie

verschwanden spurlos.

»Nun wirst du nicht mehr wie ein Dieb zu deiner Frau schleichen und sie

belauern,« sagte Katerina Lwowna, sich aufrichtend und einen Blick zur

Vorratskammer werfend.

»Jetzt ist Schluß,« sagte Ssergej und fuhr vor dem Klange seiner eigenen

Stimme zusammen.

Als sie ins Schlafzimmer zurückkehrten, zeigte sich im Osten schon der

erste feine Streif des Morgenrots, das die blühenden Apfelbäume mit

schwachem goldenem Scheine übergoß und durch das grüne Gartengitter in

das Schlafzimmer Katerina Lwownas hereinblickte.

Über den Hof ging aus der Scheune in die Küche, den Schafspelz über die

Schultern geworfen, gähnend und sich bekreuzigend, der alte Verwalter.

Katerina Lwowna schloß leise den Fensterladen und warf einen

durchdringenden Blick auf Ssergej, als wollte sie ihm in die Tiefe

seiner Seele blicken.

»Nun bist du Kaufmann,« sagte sie, ihm ihre weißen Hände auf die

Schultern legend.

Ssergej erwiderte nichts.

Er zitterte wie im Fieber. Katerina Lwowna fühlte nur Kälte um die

Lippen.

Nach zwei Tagen hatte Ssergej an beiden Händen Schwielen, die vom

Brecheisen und dem schweren Spaten herrührten. Sinowij Borissowitsch war

dafür so gut verwahrt, daß ihn vor der allgemeinen Auferstehung wohl

niemand ohne Beihilfe Katerina Lwownas und ihres Geliebten finden würde.

Eine Teufelsaustreibung, und andere Geschichten · 第 46 / 74 题