VI

Es war ein glühheißer Nachmittag, und die Fliegen ließen keine Ruhe.

Katerina Lwowna schloß die Fenster des Schlafzimmers, verhängte es von

innen mit einem wollenen Tuche und legte sich mit Ssergej auf das

hochgetürmte Bett, um nach dem Essen auszuruhen. Katerina Lwowna weiß

nicht, ob sie schläft oder wacht, es ist aber so furchtbar heiß, der

Schweiß läuft ihr von der Stirne, und sie kann vor Hitze kaum atmen.

Katerina Lwowna fühlt, daß es nun Zeit ist, aufzuwachen; daß es Zeit

ist, in den Garten zu gehen, um Tee zu trinken; sie kann aber unmöglich

aufstehen. Endlich kommt die Köchin vor die Schlafzimmertüre und klopft:

»Der Samowar unter dem Apfelbaume wird kalt.« Katerina Lwowna erwacht

und beginnt den Kater zu tätscheln. Zwischen ihr und Ssergej wälzt sich

auf dem Bette ein prächtiger, grauer Kater; er ist groß und wohlgenährt

und hat einen so mächtigen Schnurrbart wie ein Amtmann. Katerina Lwowna

streichelt ihm das weiche Fell, und er schnuppert immer mit seiner

stumpfen Schnauze an ihrem prallen Busen und schnurrt ein leises Lied,

wie wenn er von der Liebe sprechen wollte. »Wie kommt nur der Kater

her?« fragt sich Katerina Lwowna. »Ich habe hier auf dem Fenster Sahne

stehen, er wird sie sicher fressen. Ich muß ihn hinauswerfen!« sagt sie

sich und greift nach dem Kater. Er ist aber unter ihren Fingern wie ein

Nebel verschwunden. »Wie kommt nur der Kater zu uns her?« denkt sich

Katerina Lwowna im Halbschlummer. »In unserm Schlafzimmer hat es doch

niemals einen Kater gegeben, und auf einmal ist so ein Vieh da!« Sie

will wieder nach dem Kater greifen, und er ist schon wieder weg. »Was

ist denn das? Ist es denn nur ein Kater?« fragt sich Katerina Lwowna

wieder. Sie bekommt Angst, und ihre ganze Schläfrigkeit ist auf einmal

wie weggeblasen. Sie sieht sich um -- es ist gar kein Kater in der

Stube, an ihrer Seite liegt nur der hübsche Ssergej und drückt mit

seiner starken Hand ihre Brust gegen sein glühendes Gesicht.

Katerina Lwowna stand auf, setzte sich auf das Bett und begann ihren

Ssergej zu küssen und zu liebkosen. Dann richtete sie die zerwühlten

Kissen und ging in den Garten, um Tee zu trinken. Die Sonne stand aber

schon tief am Himmel, und auf die warme Erde senkte sich ein märchenhaft

schöner Abend.

»Ich habe zu lange geschlafen,« sagte Katerina Lwowna zu Aksinja und

setzte sich auf den Teppich unter den blühenden Apfelbaum. »Aksinja, was

mag das bedeuten?« fragte sie die Köchin, die Tassen mit dem Handtuch

abwischend.

»Was denn, Mütterchen?«

»Es war kein Traum, ich sah es im Wachen, wie sich an mich irgendein

Kater schmiegte.«

»Was redest du?«

»Es war wirklich ein Kater.«

Und Katerina Lwowna erzählte ihr, was sie eben erlebt hatte.

»Was brauchtest du ihn zu streicheln?«

»Das weiß ich selbst nicht, warum ich ihn gestreichelt habe.«

»Es ist doch seltsam!« rief die Köchin aus.

»Es kommt auch mir seltsam vor.«

»Das bedeutet sicher, daß dir etwas zustößt.«

»Was soll mir zustoßen?«

»_Was_ dir zustoßen wird, kann dir, meine Liebe, niemand erklären. Es

wird dir aber sicher etwas zustoßen.«

»Ich habe den Mond im Traume gesehen, und dann kam dieser Kater,« fuhr

Katerina Lwowna fort.

»Der Mond bedeutet ein Kind.«

Katerina Lwowna errötete.

»Soll ich dir nicht den Ssergej herschicken?« fragte Aksinja mit der

Vertraulichkeit einer Freundin.

»Meinetwegen,« antwortete Katerina Lwowna. »Schick ihn mir wirklich her:

ich will mit ihm Tee trinken.«

»Darum frage ich auch, ob ich ihn herschicken soll,« sagte Aksinja und

wackelte wie eine Ente zum Gartentor.

Katerina Lwowna erzählte auch Ssergej das von dem Kater.

»Es ist nichts als Einbildung,« antwortete Ssergej.

»Warum habe ich aber früher diese Einbildung niemals gehabt,

Sserjoscha?«

»Ja, früher war manches anders! Früher verschmachtete mir das Herz, wenn

ich dich auch nur mit einem Auge ansah, und heute habe ich deinen ganzen

weißen Leib in meiner Gewalt.«

Ssergej nahm Katerina Lwowna auf die Arme, drehte sie einmal in der Luft

um und warf sie auf den weichen Teppich.

»Ach, es schwindelt mir!« sagte Katerina Lwowna.

»Sserjoscha, komm einmal her, setz dich zu mir,« rief sie, sich

wollüstig streckend.

Ssergej beugte sich, trat unter die tief herabhängenden, mit weißen

Blüten beladenen Äste des Apfelbaumes und setzte sich auf den Teppich

Katerina Lwowna zu Füßen.

»Hast du wirklich nach mir geschmachtet, Sserjoscha?«

»Gewiß, ich habe wohl geschmachtet.«

»Wie hast du geschmachtet? Erzähl es mir!«

»Kann man es denn erklären, wie man schmachtet? Ich habe mich halt nach

dir gesehnt.«

»Warum habe ich nicht gefühlt, daß du dich nach mir sehntest,

Sserjoscha? Es heißt ja, daß man so was immer fühlt.«

Ssergej gab keine Antwort.

»Warum hast du immer gesungen, wenn du dich wirklich nach mir gesehnt

hast? Ich hab ja gehört, wie du auf der Galerie deine Lieder sangst,«

fragte Katerina Lwowna unter Küssen und Liebkosungen.

»Was folgt daraus, daß ich gesungen habe? Auch die Mücke singt ihr Leben

lang, doch nicht vor Freude,« antwortete Ssergej trocken.

Es entstand eine Pause. Ssergejs Geständnis erfüllte Katerina Lwowna mit

höchster Freude.

Sie wollte noch mehr darüber sprechen, aber Ssergej runzelte die Stirne

und schwieg.

»Schau nur, Sserjoscha, was das für ein Paradies ist!« rief Katerina

Lwowna aus, durch die dichten Zweige des blühenden Apfelbaumes in den

heiteren blauen Himmel mit dem Vollmond blickend.

Das Mondlicht drang durch die Blüten und Blätter des Apfelbaumes und

überschüttete die Figur und das Gesicht der auf dem Rücken liegenden

Katerina Lwowna mit zauberhaften Lichtflecken. Ein leiser warmer

Windhauch bewegte kaum die schlafenden Blätter und brachte den feinen

Duft der blühenden Gräser und Bäume. Die Luft flößte eine süße

Mattigkeit, Wollust und dunkles Sehnen ein.

Ssergej sagte noch immer nichts, und Katerina Lwowna hielt wieder inne

und blickte durch die blaßrosa Apfelblüten zum Himmel empor. Auch

Ssergej schwieg; der Himmel schien ihn aber nicht zu interessieren. Er

saß, seine Knie mit beiden Armen umschlingend, und betrachtete

aufmerksam seine Stiefel.

Eine goldene Nacht! Stille, Licht, Duft und belebende Wärme. In der

Ferne hinter dem Garten stimmte jemand ein wohlklingendes Lied an. In

den dichten Faulbeersträuchern am Zaune begann eine Nachtigall zu

schlagen; im Bauer an der hohen Stange zwitscherte eine verschlafene

Wachtel. Man hörte das wohlgenährte Pferd im Stalle atmen und sah eine

lustige Hundeschar über die Wiese hinter dem Gartenzaune lautlos rennen

und in dem formlosen schwarzen Schatten der zerfallenen alten

Salzspeicher verschwinden.

Katerina Lwowna stützte sich auf einen Ellenbogen und blickte auf das

hohe Gras, das im Mondlichte schimmerte. Es sah wie vergoldet aus,

seltsame Mondflecken huschten wie leuchtende Falter durch die Halme, und

das Gras unter den Bäumen schien, in das Netz der Mondlichtstrahlen

verfangen, hin und her zu schwanken.

»Ach, Sserjoscha, schau nur, wie schön es ist!« rief Katerina Lwowna

aus.

Ssergej sah sich gleichgültig um.

»Was bist du heute so freudlos, Sserjoscha? Bist du vielleicht meiner

Liebe schon überdrüssig?«

»Sprich nicht solchen Unsinn!« antwortete Ssergej trocken. Er beugte

sich träge zu ihr und küßte sie.

»Du bist treulos, Sserjoscha,« sagte Katerina Lwowna, »du bist gar zu

unbeständig.«

»Ich kann diese Worte gar nicht auf mich beziehen,« antwortete Ssergej

ruhig.

»Warum küßt du mich dann so lässig?«

Ssergej gab keine Antwort.

»Nur die Ehemänner küssen ihre Frauen so,« fuhr Katerina Lwowna fort,

mit seinen Locken spielend, »wie wenn sie die Lippen nur abstauben

wollten. Küsse mich, daß die jungen Blüten vom Apfelbaume, unter dem wir

sitzen, herabfallen!«

»Siehst du, so!« flüsterte Katerina Lwowna, ihren Geliebten umschlingend

und mit leidenschaftlichen Küssen überschüttend.

»Hör einmal, Sserjoscha,« fuhr Katerina Lwowna nach einer Weile fort:

»warum sagen die Leute, daß du treulos bist?«

»Wer wird mich so verleumden?«

»Alle sagen es.«

»Es mag ja sein, daß ich gegen solche treulos war, die meine Liebe gar

nicht verdienten.«

»Warum hast du dich denn mit solchen eingelassen? Eine, die es nicht

verdient, soll man gar nicht lieben.«

»Ja, das ist leicht gesagt! Überlegt man sich denn so eine Sache zuvor?

In solchen Dingen wirkt die Versuchung allein. Kaum hat unsereiner so

ganz ohne jede Absicht sein Gebot übertreten, als sie sich ihm gleich an

den Hals hängt. Das ist die ganze Liebe!«

»Hör einmal, Sserjoscha! Wie die andern waren, weiß ich nicht und will

es auch gar nicht wissen. Zu unserer Liebe hast du mich aber selbst

verführt, du weißt, daß deine Verführungskünste ebenso stark waren wie

mein eigener Wille. Darum muß ich es dir sagen: und wenn du mir auch

einmal untreu wirst, und wenn du mir eine andere vorziehst, so werde

ich, nimm es mir nicht übel, solange ich lebe, nicht von dir lassen!«

Ssergej fuhr zusammen.

»Katerina Lwowna, du Licht meiner Seele!« sagte er. »Betrachte einmal

selbst, wie unsere Sache steht. Du siehst nur, daß ich heute

nachdenklich bin; du fragst dich gar nicht, warum ich es bin. Vielleicht

ertrinkt jetzt mein Herz in geronnenem Blut.«

»Sserjoscha, erzähle alles, was dich so bedrückt.«

»Was soll ich viel erzählen! Da wird bald mit Gottes Hilfe dein Mann

gefahren kommen, und es wird gleich heißen: Ssergej Philippowitsch, geh

jetzt auf den Hinterhof zu den Spielleuten und sieh hinter der Scheune

zu, wie im Schlafzimmer Katerina Lwownas ein Lichtlein brennt, wie sie

ihr Bett aufrüttelt und sich mit ihrem ehelichen Gemahl Sinowij

Borissowitsch zur Ruhe begibt.«

»Das wird niemals sein!« rief Katerina Lwowna voll ausgelassener Freude

und winkte mit der Hand.

»Warum sollte das nicht sein? Ich glaube, daß es unbedingt so sein wird.

Aber auch ich habe ein Herz, Katerina Lwowna, das jede Pein empfindet.«

»Genug davon!«

Ssergejs Eifersucht machte Katerina Lwowna großes Vergnügen. Sie lachte

auf und begann ihn wieder zu küssen.

»Und dann muß ich noch dieses sagen«, fuhr Ssergej fort, seinen Kopf

behutsam aus den nackten Armen Katerina Lwownas befreiend: »Und dann muß

ich noch dieses sagen: mein niederer Stand zwingt mich, mir die Sache

doppelt und zehnfach zu überlegen. Wäre ich Ihnen gleich, wäre ich ein

vornehmer Herr oder Kaufmann, so würde ich mich von Ihnen, Katerina

Lwowna, niemals trennen. Wie stehe ich aber vor Ihnen da? Wenn ich sehe,

wie man Sie bei Ihren weißen Händchen nimmt und ins Schlafzimmer führt,

wenn mein Herz das alles über sich ergehen lassen muß, so werde ich mir

selbst vielleicht mein ganzes Leben lang ein Ekel sein. Katerina Lwowna!

Ich bin nicht wie die andern, die bei der Frau nur Vergnügen suchen. Ich

weiß, was die Liebe ist, und fühle, wie sie als schwarze Schlange an

meinem Herzen saugt ...«

»Was redest du heute in einem fort?« unterbrach ihn Katerina Lwowna.

Sie hatte mit Ssergej Mitleid.

»Katerina Lwowna! Wie sollte ich davon nicht reden? Wenn es vielleicht

schon bestimmt und beschlossen ist, daß Ssergej nicht etwa in der

Zukunft, sondern schon morgen dieses Haus räumen muß ...«

»Nein, nein, sprich nicht davon, Sserjoscha! Es ist unmöglich, daß ich

ohne dich bleibe«, suchte ihn Katerina Lwowna zu beruhigen. »Wenn es

einmal so weit ist, so muß entweder er oder ich aus dem Leben scheiden.

Du aber bleibst in jedem Falle bei mir.«

»Das kann unmöglich sein, Katerina Lwowna«, sagte Ssergej, mit traurigem

Kopfschütteln. »Diese Liebe macht mich nicht froh. Wenn ich jemanden

liebte, der mir gleich wäre, so wäre ich zufrieden. Wie kann ich aber

daran auch nur denken, daß Sie immer mit mir bleiben? Ist es denn eine

Ehre für Sie, meine Geliebte zu sein? Ich wollte, ich könnte vor dem

heiligen Altar des ewigen Gottes Ihr Gatte werden; ich würde mich dann

zwar immer für geringer halten als Sie, wäre aber froh, den Leuten zu

zeigen, was für Ehren ich bei meiner Frau dank meiner Liebe genieße ...«

Katerina Lwowna war von diesen Worten Ssergejs, von seiner Eifersucht

und seinem Wunsche, sie zu heiraten, wie berauscht: solch ein Wunsch ist

der Frau stets angenehm, selbst wenn sie vor der Verheiratung ein noch

so kurzes Verhältnis mit dem Manne gehabt hat. Katerina Lwowna war jetzt

bereit, für Ssergej ins Feuer und Wasser zu gehen, Kerker und Kreuz zu

erdulden. Er hatte sie so verliebt gemacht, daß ihre Ergebenheit ganz

grenzenlos war. Sie war vor Glück wie wahnsinnig; ihr Blut siedete, und

sie konnte nichts mehr hören. Sie drückte ihm den Mund mit der Hand zu,

schmiegte seinen Kopf an ihre Brust und sagte:

»Ich weiß schon, wie ich es einrichte, daß du ein Kaufmann wirst und ich

mit dir in richtiger Ehe zusammenleben kann. Mache mir aber jetzt keinen

Kummer, solange wir noch nicht so weit sind.«

Und sie überschüttete ihn wieder mit ihren Küssen.

Der alte Verwalter, der in der Scheune schlief, hörte in der Stille der

Nacht bald ein Flüstern und Kichern, als ob ausgelassene Kinder sich

berieten, wie sie den Alten einen Streich spielen könnten; bald ein

helles lustiges Lachen, wie wenn die Nixen im See jemand kitzelten.

Katerina Lwowna wälzte sich, vom Mondlichte übergossen, auf dem weichen

Teppich und spielte mit dem jungen Burschen. Die weißen Blüten des

Apfelbaums regneten auf sie herab und hörten schließlich zu regnen auf.

Die kurze Sommernacht ging aber zu Ende, der Mond zog sich hinter den

steilen Giebel des hohen Speichers zurück und blickte auf die Erde immer

trüber herab; vom Küchendache herab erklang ein durchdringendes

Katzenduett; dann hörte man ein böses Fauchen, und gleich darauf rollten

zwei oder drei Katzen vom Dache herab.

»Komm schlafen«, sagte Katerina Lwowna, langsam, wie zerschlagen, stand

vom Teppich auf und ging im bloßen Hemd und Unterrock, so wie sie war,

durch den stillen, wie ausgestorbenen Hof. Ssergej trug ihr aber den

Teppich und die Jacke nach, die sie im mutwilligen Spiel von sich

geworfen hatte.

Eine Teufelsaustreibung, und andere Geschichten · 第 44 / 74 题