Der Lehnstuhl für den Onkel war auf einem kleinen Perserteppich in der
Mitte des Zimmers vor dem Weihnachtsbaum aufgestellt. Er setzte sich
schweigend in den Sessel und nahm aus Justins Händen das Tuch und die
Schnupftabaksdose. Die beiden Windspiele legten sich sofort zu seinen
Füßen nieder und streckten ihre langen Schnauzen vor sich aus.
Der Onkel trug einen blauseidenen, reichgestickten, mit silbernen
Filigranschnallen und großen Türkisen verzierten Hausrock. In der Hand
hatte er einen dünnen, doch kräftigen Stock aus kaukasischer Weichsel.
Diesen Stock brauchte er diesmal als Stütze: von der allgemeinen Panik,
mit der die Bärenjagd geendet hatte, war selbst die vorzüglich
zugerittene »Modedame« angesteckt worden; sie hatte sich in wilder Angst
auf die Seite geworfen und das Bein ihres Herrn fest gegen einen Baum
geklemmt.
Der Onkel fühlte heftigen Schmerz im Bein und hinkte sogar ein wenig.
Dieser neue Umstand war selbstverständlich nicht dazu angetan, um sein
ohnehin aufgebrachtes und erbostes Herz milder zu stimmen. Auch machte
es einen schlechten Eindruck, daß wir alle beim Erscheinen des Onkels
plötzlich verstummt waren. Wie alle argwöhnischen Menschen, konnte er so
etwas nicht leiden, und P. Alexej beeilte sich, das Wort zu ergreifen,
um die unheimliche Stille zu brechen.
Der Geistliche wandte sich an uns Kinder, die um ihn standen, mit der
Frage, ob wir den Sinn des Chorals »Christ wird geboren« auch
verstünden? Es stellte sich heraus, daß dieser Sinn nicht nur uns
Kindern, sondern auch den Erwachsenen nicht recht klar war. Der
Geistliche begann uns den Sinn der Worte »Preiset«, »Lobsinget« und
»Erhebet euch« zu erklären; als er bei diesem letzten Worte angelangt
war, »erhob er sich« selbst mit Herz und Geist. Er sprach von den
»Gaben«, die heute ebenso wie damals auch der Ärmste vor die Krippe des
göttlichen Knäbleins bringen könne und die würdiger und wertvoller
seien, als das Gold, der Weihrauch und die Myrrhen der heiligen drei
Könige. Die schönste Gabe sei ein durch seine Lehre bekehrtes Herz. Der
Alte sprach von Liebe, Verzeihung und von der Pflicht eines jeden,
Freund und Feind »im Namen Christi« zu trösten ... Seine Worte waren
wohl ungemein eindringlich ... Wir alle verstanden, was er damit
bezweckte und hörten ihm mit einem eigentümlichen Gefühl zu: wir beteten
gleichsam, daß seine Worte ihren Zweck erreichten, und manchem von uns
waren Tränen in die Augen getreten ...
Plötzlich fiel etwas hin ... Es war Onkels Stock ... Man hob ihn auf, er
rührte ihn aber nicht an: er saß tief gebückt, seine Hand hing über die
Sessellehne herab, und seine Finger hielten einen der großen Türkise ...
Er ließ den Stein fallen, doch niemand beeilte sich, ihn aufzuheben ...
Alle Blicke waren auf sein Gesicht gerichtet. Etwas Ungewöhnliches bot
sich unseren Augen: _er weinte_!
Der Geistliche schob uns Kinder sanft zur Seite, ging auf den Onkel zu
und erteilte ihm den Priestersegen.
Der Onkel hob das Gesicht, ergriff die Hand des Alten, küßte sie ganz
unerwartet und sagte leise: »Danke!«
Dann blickte er Justin an und ließ Ferapont rufen.
Dieser erschien, bleich, mit verbundenem Arm.
»Hierher!« befahl ihm der Onkel, auf den Teppich vor seinem Sessel
zeigend.
Chraposchka kam näher und fiel in die Knie.
»Steh auf!« sagte der Onkel. »Ich verzeihe dir.«
Chraposchka fiel wieder in die Knie. Der Onkel begann mit nervöser,
aufgeregter Stimme:
»Du liebtest das Tier so, wie nicht jedermann einen Menschen zu lieben
versteht. Du hast mich damit gerührt und in Großmütigkeit übertroffen.
Höre nun meine Gnade: ich lasse dich frei und gebe dir hundert Rubel auf
den Weg. Geh, wohin du willst.«
»Ich danke, werde aber nirgendwohin fortgehen,« rief Chraposchka aus.
»Was?«
»Ich gehe nirgendwohin fort,« wiederholte Ferapont.
»Was willst du denn?«
»Für Ihre Gnade will ich Ihnen jetzt als freier Mann noch treuer dienen,
als ich bisher als Leibeigener diente.«
Der Onkel drückte mit der einen Hand das weiße Foulardtuch an seine
Augen, durch die ein Zucken ging, und umarmte mit der anderen Ferapont
... Wir alle erhoben uns von unseren Plätzen und verhüllten gleichfalls
unsere Augen ... Uns genügte das Gefühl, daß hier dem höchsten Gott die
schönste Ehre erwiesen wurde und an Stelle der drückenden Angst der
Friede Christi erblühte.
Dasselbe fühlten auch alle Leute im Dorfe, denen der Onkel einige Fässer
Bier schicken ließ. Überall wurden Freudenfeuer angezündet, und die
Menschen sprachen im Scherze:
»Heute haben wir erlebt, daß auch das Tier in die heilige Stille
gegangen ist, um den Heiland zu preisen!«
* * * * *
Sganarells Spuren wurden nicht weiter verfolgt. Ferapont, der die
Freiheit bekommen hatte, ersetzte bald den alten Justin und war nicht
nur der treueste Diener, sondern auch der treueste Freund meines Onkels
bis an dessen Ende. Er drückte ihm mit eigenen Händen die Augen zu und
beerdigte ihn auf dem Waganjkow'schen Friedhofe zu Moskau, wo sich sein
Grabstein bis zum heutigen Tage erhalten hat. Zu seinen Füßen ruht
Ferapont.
Es gibt heute niemand, der diese Gräber mit Blumen schmücken könnte;
aber in den Moskauer Kellerwohnungen und Asylen gibt es noch Menschen,
die sich an einen schlanken, weißhaarigen Greis erinnern, der immer zu
erraten wußte, wo echtes Leid verborgen war und rechtzeitig zu Hilfe
eilte oder seinen guten Diener mit reichen Gaben schickte.
Diese beiden echten Wohltäter, von denen noch vieles zu sagen wäre,
waren mein Onkel und Ferapont, den er im Scherze den »Tierbändiger« zu
nennen pflegte.