»Wer ist es?«
»Mich friert, öffnet mir!«
»Wer seid Ihr?«
»Ginevra.«
»Ginevra ist tot. Geht in Frieden.«
»Sie ist tot, drum kommt sie zu Euch. Lebte sie, sie käme nicht . . . Ihr
schweigt?«
»Ich öffne Euch. Tretet ein und folgt mir über die Treppe. Ich hebe das
Licht ganz hoch, und Ihr seht, Madonna Ginevra, dies Haus ist Euer. Meine
alte Mutter ist taub und sie schläft. Wir sind allein.«
»Aber Ihr geht immer rückwärts vor mir her, Messer Raniero, und laßt mich
nicht aus dem Auge. Nun stellt Ihr die Kerze so hin, daß sie mir ins
Gesicht leuchtet, begebt Euch bis ans Ende das Zimmers und verschränkt die
Arme. Ihr habt Furcht vor mir, auch Ihr! O, ich bin müde, und so kalt.«
»Ich fürchte Euch nicht so sehr, als da Ihr lebtet. Arme Ginevra.«
»Was sagt Ihr? Warum bleibt Ihr also dort hinten? Alles flieht mich, weil
ich gestorben bin. Kann ich dafür, daß ich wiederkehre? Ich habe es nicht
gewollt. Wer das gedacht hätte, früher in den wimmelnden Gassen, im lauen
Gedränge der Kirchen, daß Menschennähe so kostbar werden würde!«
»Wollt Ihr mir die Hand reichen, Madonna Ginevra?«
»Eure Hand ist warm, Verzeiht: Ihr seid gut, daß Ihr mich zu Euch einließt.
Draußen war es schlimm. Wie geht es zu, daß Eltern und Gatte mich
fortschicken, Ihr aber, Messer Raniero, öffnet der Toten, die Euch doch
nichts erwidern kann. Ich habe nie gehört, daß jemand umsonst gibt. Was
wollt Ihr?«
»Ich will, Madonna Ginevra, daß Ihr Euch in meinen Stuhl setzt, so, und daß
Eure Blicke alle diese Dinge neu und wohltätig machen. Vielleicht wird sich
leichter leben lassen zwischen den Wänden, die Eure Stimme vernommen haben?
Und dann . . .«
»Warum sprecht Ihr zitternd und werdet so blaß?«
»Und dann laßt es Euch wohl sein im Frieden und kehrt nicht mehr wieder.
Denn lieber will ich Euch missen, als daß Ihr um meinetwillen dieselbe
Strafe erdulden solltet, wie im Pinienwald bei Ravenna jener nackte und
immer gehetzte Geist, der einst eine gegen Liebe grausame Frau war.«
»Das sind Lügen von Messer Giovanni Boccaccio, Ihr müßt ihm nicht glauben.
Was wißt Ihr, ob denen, die wiederkehren, hier nicht doch wohler ist als
drunten, Ihr habt mich ein wenig erwärmt. Dort ist's nicht gut sein. Mich
schaudert; ich will nicht wieder hinab.«
»Ihr wolltet lieber bei mir bleiben? Madonna Ginevra?«
»Wer hat das gesagt, Messer Raniero? Nur daß Ihr den Dichtern nicht alles
glauben müßt, sagte ich. Aber Ihr seid selbst einer, und Ihr stecktet mir
im Hof der heiligsten Annunziata, während Messer Fausto einen unverschämten
Bettler schalt, Verse in die Hand. Warum seid Ihr nicht eifriger im
Geschäft?«
»Ihr habt recht, denn die Verse waren schlecht.«
»Sie waren lügenhaft. Ihr schriebt darin von einer Sklavin, die Euch sehr
teuer sei, und die Ihr dennoch um meinetwillen verstoßet, und die darum
zugrunde gehe. Was für Lügen, Messer Raniero! Erstens, woher solltet Ihr
eine Sklavin haben? Ihr seid der Sohn Messers Guido, der zum Handwerk der
Wolle gehörte. Hättet Ihr noch eine Geliebte gehabt, die Frau eines Nobile,
und sie, mir zu gefallen, verlassen!«
»Was wißt Ihr, Madonna Ginevra, frage nun ich. Was könnt Ihr wissen. Hört
mich an: ich habe Euretwegen so Großes verlassen und verloren, daß niemand
Größers erträumen kann. Bevor ich Euch erblickte, waren mir Taten sicher,
die von Harnischen glänzten, und bemerkte ich in mir, wenn ich lauschte,
das Quellen wundervoller Worte. Keine Frau hatte sich mir verweigert, kein
Reich mir widerstanden; ich war ein nie besiegter Sänger und ein Held, dem
nichts verboten dünkte . . . Das alles endete, als Ihr mir erschient, in
Kleinmut. Ihr waret endlich die, die meine Träume übertraf, vor der ich
sie, wie meine arme Magd, verstecken und vertreiben mußte. Ihr schicktet
mir das Fieber einer Begierde, so übermächtig, daß ich mich davor
fürchtete, sie zu stillen. Ich fühlte mich von einem Fluch geschlagen, lag
keuchend da und verwünschte Gott, weil Ihr am Leben waret! Das, Madonna
Ginevra, ist Liebe! In mir war's übervoll von vielem, das Euch
entgegenschlug, wie ein Herz, das von einer Armbrust flöge, wie ein
Blütenzweig, den eine Hand niedergebeugt hätte und plötzlich schnellen
ließe; -- aber ich war stumm. Und die heißesten Taten, die in mir
geschahen, regten draußen, jenseits meiner Brust, nicht einmal so viel
Staub auf, wie ein Hund, der über die Straße läuft. Manchmal trieb ich ein
verzweifeltes Spiel, mir selbst zum Hohn, und stellte mich tüchtig. So
forderte ich Euren Mann zum Kampf -- und ließ ihn unversehrt. Denn als ich
ihm gegenüberstand, vernichteten mich Zweifel: wer bin ich, und wie darf es
mir einfallen, an Dinge Eures Lebens zu rühren. Wie kann ich gegen Euren
Willen Euren Mann töten. Wie Euch meinen eigenen Tod zumuten, diese
lächerliche Beleidigung! Muß nur einer Eurer Atemzüge langsamer oder
schneller gehn, weil ich Euch liebe? Ich kam mir tot vor, hört Ihr's? ich,
und wie ein kraftloser Schatten. In Schattenspielen raubte ich Euch,
durchjagte mit Euch die Welt, tötete, wessen Atem Euch nur anwehte. Seht
Ihr den Boden dieses Zimmers etwa voll Blut? Und doch habe ich hier in
mancher Nacht gewütet, bis ich selbst, voll Wunden und röchelnd,
dahinsank!«
»Und so, Messer Raniero, habe auch ich ganz in irren Tränen abendelang die
große Puppe geherzt, die ein von Euch empfangenes Lebendiges sein sollte,
habe mich gesträubt und Euch in Sehnsucht gehaßt, bis Messer Fausto mir das
Gesicht aus einem Kissen riß und mich schlug. So haben wir dasselbe Leben
geführt, Messer Raniero. Ich höre Euch zu mit einer Freude, die mich
zerreißt. Ihr seid gewiß noch schlimmer daran gewesen als ich selbst? Ich
wähnte, Euch fechte nichts an, und ihr seiet nur dazu eingesetzt, mich zu
verderben. Und ich habe unsern Herrn gelästert, weil er mir, nur mir die
Liebe auferlegt hatte, für jetzt und ewig; und habe zu meiner Strafe Euch
nochmals wiedersehen müssen, als arme Tote. Aber, nicht wahr, auch im Leben
habt Ihr es recht schlecht, und nicht ich, die schon starb, bin die
Unglücklichere? Sagt mir das! Daß Ihr sehr leidet! Mehr als ich! Dann will
ich Barmherzigkeit an Euch üben und Euch lieb haben!«
»Es ist schön, mit Euch zu leiden, o Ginevra!«
»Ist mir das Leiden noch erlaubt? Einer Toten? Dann gebt es mir! O, Ihr
gebt es mir! Oder ist es Lust? Ich weiß nicht mehr; ich bin eine irrende
Seele.«
»Ihr lebt, Ginevra! Nun die Sonne sich nähert, kann ich es erkennen. Ihr
waret ein Schatten, jetzt aber seid Ihr dabei, erweckt zu werden. Ich weiß
nicht, wer Euch erweckt.«
»Die Liebe, Raniero, erweckt mich.«
»Ihr tragt, Ginevra, auf Euren Wangen, die sich röten, den Abglanz des
Ortes, woher Ihr zurückkehrt. Wie Ihr strahlt! Erzählt doch, was Euch dort
geschah!«
»Seine Stimme kam von jenseits eines Feuers, das irgendwie so köstlich
schien, daß das Herz darin zu baden wünschte; und er befahl mir,
zurückzukehren und sie auf mich zu nehmen, die Liebe. Und sein Urteil klang
wie Verheißung, und sang und harfte. Ich sehe das, Raniero! Gleichzeitig
sehe ich den Himmel und meinen Geliebten!«
»Nun fühle ich euer Herz schlagen, Ginevra, und Euren warmen Atem und
. . . auch das Fleisch Eurer Lippen haben meine gefühlt. Ginevra! So ist es
Leben und grenzenlose Erfüllung und soll nicht mehr schwinden? Ihr werdet
immer in diesem Hause bleiben, kein Mensch wird wissen, daß Ihr auf Erden
seid.«
»Nein, alle sollen mich sehen, und wenn wir zur Kirche gehen, mich lästern
und verdammen! Ich trage alles, so will es die Liebe. Ich werde Euch
dienen, und Ihr könnt mich vertreiben, wenn Ihr meiner satt seid, wie Eure
Sklavin.«
»Hört doch, Ginevra, den klingenden Osterhimmel!«
»Mich töten, wie Eure Sklavin.«
»Vernehmt Ihr meine Stimme, Ginevra? O, lehnt nicht Euren Nacken in Eure
verschränkten Hände und haltet nicht Euer goldig überflossenes Gesicht den
Überirdischen hin! Seid nicht mit Ihnen, seid mit mir! Ich ängstige mich!«
»Ich weiß jetzt, warum er wiederkehrte, und ich folge ihm nach. Es ist
schwer und doch selig. Wir kommen wieder, um uns noch einmal kreuzigen zu
lassen; und kämen immer wieder, so oft die schwere und süße Liebe es will.«
»Ihr sinkt um! Ginevra, was ist Euch! Barmherzigkeit! Ihr verspracht sie
mir! Euer Herz steht still. Waren denn, die ich fühlte, seine ersten und
letzten Schläge? Seid Ihr nur gekommen, damit Ihr mich durch Fortgehen noch
elender machen könntet? Hütet Euch, Madonna Ginevra! . . . Wie denn? Ich
war von Sinnen, als ich soeben an ihr zweifelte. Ich wußte wohl, daß sie in
Tod zurückfallen werde. Sie ist mein, weil sie tot ist. Im Leben war sie
meine große Qual, aber ich bin der, dem ihr Schatten hold ist. Sie wird
wiederkehren, sich mir jede Nacht aufs neue beleben. Ich will sie nun
zurücktragen, bis zur Nacht; und will ganz frohen Mutes sein. Auf der
Straße sind Kirchgänger, im leuchtenden, jauchzenden Ostermorgen. Ihr
Mädchen, die ihr zum Dom geht! Ihr habt den gleichen Weg wie eine Frau, die
in diesem Hause wartet. Sie ist geschmückt, wie ihr; und wie glücklich
immer ihr sein mögt, ihr habt euch ihrer nicht zu schämen. Kommt herein und
nehmt sie mit!«
Doppelte Heimat von Heinrich Mann.
Man kann in einem Lande geboren werden, sich dieser Luft verbunden fühlen
wie der Baum im Garten, zwischen sich und den Menschen umher keinen
Unterschied machen: und allmählich steigen dennoch Zeichen herauf, daß man
anders ist als die meisten; daß die Sprache, mit der man aufwuchs, noch
nicht die ist, in der man sein Leben lang sich ausdrücken soll; daß hinter
diesem Land eine zweite Heimat wartet.
Die Knaben Carlos und Nicolàs[1] sind Argentinier, ihr junges Leben hat
argentinischen Inhalt und argentinisches Tempo. Mit ihren Eltern und einem
Gesinde von Gauchos, Neapolitanern, Deutschen und Mulatten bewohnen sie ein
Landgut in der Pampa. Die unabsehbare Ebene gehört ihnen und ihren Ponys.
Sechsjährig, klettern sie aufs Pferd, galoppieren, fallen, werden
geschleift und fangen von vorn an, ohne von Gefahr zu wissen. Sie setzen
ihr Vertrauen in Erde und Getier. Sie fangen Beutelratten, junge Strauße,
Kropfeidechsen, Rehe, und erfüllen die Salons mit Stallgeruch. In den
Sümpfen hat ein Tiger gebrüllt, und sie ruhen nicht, bis sie mit in das
lecke Boot dürfen, worin ein Tartarin sich auf die Jagd macht. Immer in
Bewegung, träumen sie selten, sehnen sich selten. Ihre Phantasie greift
gerade so rasch zu wie ihre Hände. Sie sehen auf dem Fluß ein Dampfschiff
vorbeifahren, und der Ältere nimmt es sich, um es für ein Fangseil dem
jüngeren zu schenken. Einmal im Zuge, schenkt er Land und Herden dazu,
soviel der Bruder mag. Alles, fällt ihm ein, hat er erobert. Stolz auf
seine Taten, besteigt er sein Pferd und reitet, hoch aufgerichtet, die
eingetauschten Riemen über seinem Haupte schwingend, davon.
Nur daß ihm, mit der Besinnung, ein Gefühl kommt, das seine kleinen
Landsleute kaum berührt hätte: Reue. Eine der frühesten Regungen ist's des
anderen, das die Knaben in sich tragen, des unter diesem Himmel fremden
Keimes. Und eines Tages stellt, nach unheimlicher Erwartung, der sich ein,
der diesen Keim in ihnen pflegen soll: der deutsche Hauslehrer. Seine
Mittel sind Musik und Milde, Pedanterie und Wohlanständigkeit. Er
verlangsamt ihr Tempo: nicht nur, wenn er zu Fuß zwischen ihren Ponys geht,
auch indem er ihre Phantasie am Zügel hält. Ihr unbefangenes Verhältnis zur
Welt umgarnt er mit Bedenken. Erfinden, Lügen, das ganz natürlich war, ist
auf einmal zum schlimmsten Laster geworden und betrübt den Lehrer tödlich.
Er hat Furcht, und sie müssen sich hüten; er hat einen schlechten Magen,
und sie müssen Diät halten. Er ist der Schwächere; und eigentlich aus
Generosität willigen sie ein, »gute Deutsche« zu werden. Selbstüberwindung
ist nötig; denn die Fremden werden herzlich verachtet, und man macht sich
lächerlich, wenn man mit Botanisiertrommel, Apotheke und Feldflaschen auf
Märsche auszieht. Manchmal lassen sie den Lehrer fühlen, wie viel sie vor
ihm voraus haben, und daß sie auf ihrem Grund und Boden sind. In eine der
elegantesten Straßen von Buenos Aires mündet eine sehr kotige, und ein
totes Pferd mit gedunsenem Bauch liegt darin. Dem Lehrer, der sich die Nase
zuhält, versetzt Carlos Schrecken dadurch, daß er sich nach einem
Ziegelstein bückt. Den Gestank des Pferdes, wenn es durch einen Wurf zum
Platzen gebracht sein wird, kann sich dieser Fremde gewiß nicht vorstellen!
Aber es kommen ihnen, spielt er Klavier, so weiche Gedanken. Und als ein
alter General, eine gutromantische Mischung aus Eleganz, Burleske und
Grausamkeit, sie zu einem Streich gegen den Lehrer aufstacheln möchte, da
können sie ihn nicht tun; und sie schämen sich vor dem General und schämen
sich, daß sie niemals gute Argentinier werden können. Der unter diesem
Himmel fremde Keim geht mächtig in ihnen auf. Ein verwundetes Pferd, das
nicht sterben kann, stürzt sie in Aufregungen des Mitleids, des Dranges,
seine Qual zu enden, und der Unfähigkeit, das erlösende Beil fallen zu
lassen. Wie Carlos einst von einem Pfirsichbaum mehr Früchte ißt, als der
Lehrer erlaubt hat, entsteht eine Tragödie des schlechten Gewissens.
Die Starknervigkeit und die Unbefangenheit ist gebrochen. Carlos und
Nicolàs sind reif, übers Meer nach ihrer anderen Heimat zu fahren. Sie
werden immer behutsamer empfinden; moderne Ideen werden sie gefangen
nehmen. So sehr sie anfangs sich in Freiheit zurückgesehnt haben, bald
würden sie die kleinen, wilden Pferde dort drüben nicht mehr besteigen, mit
den Menschen wohl noch sprachlich, aber kaum mehr seelisch sich
verständigen können. Mit Mühe werden sie die Brücke suchen zu so fremden
und erstaunlichen Erinnerungen wie das Erdbeben in jener sonderbaren
kleinen Gebirgsstadt mit ihren trägen, verkommenen Bewohnern, oder die
Revolution in der Hauptstadt, als sie des Nachts einem in ihr Haus
geflüchteten Polizisten die Knöpfe abschnitten, damit er nicht erkannt und
von den Dächern herab erschossen werde.
Anders als die hier Landläufigen erhält einen solche Vergangenheit immer.
Carlos und Nicolàs werden schlagfertiger und mit fremdem Akzent sprechen,
bildlicher denken, bunter leben -- und schreibt einer von ihnen ein Buch,
wird er seine deutschen Gedanken und Stimmungen in romanische Knappheit
fassen. Er wird dem Ahnungsvollen der einen Rasse das klar Sinnliche der
anderen verbinden, Groteske und Humor, Phantasie und Seele haben, und wird
ein kleines, sehr unterhaltendes, sehr reizvolles, durch ein ungewöhnliches
Schicksal und seinen eigentümlichen Ausdruck bemerkenswertes Buch
hervorbringen.
[Footnote 1: Rudolf Schmied: Carlos & Nicolàs. Kinderjahre in Argentinien.
München 1906. R. Piper & Co. Inhalt: Die Boleadoras. Der Chinese. Das
Brüderchen. Die Tigerjagd. Herr Dr. Bürstenfeger. Ein Tag mit Herrn Dr.
Bürstenfeger. Die Reise nach Mendoza. Die Stadt Mendoza. In den
Cordilleren. Nach Paraguay. Die Revolution. 3. Tausend. Geh. 2 Mark, geb. 3
Mark.]
Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig.