II.

»Nun bin ich draußen, und weiß nicht, wie ich herkam. Ich strich so lange

an den Wänden entlang im Dom, bis ich auf einmal herausschlüpfte. Die

Stelle könnte ich nicht wiederfinden. Ich begreife nicht, was mit mir

geschieht, und mir ist sehr bange. Habe ich nicht eben noch unserem Herrn

getrotzt? Jetzt sehe ich wohl, wie alles unsicher ist und voll von

Geheimnissen. Ist denn dies der Domplatz, auf dem am Mittag die Weißen und

die Schwarzen einander Hohnreden zurufen und die Händler die Bänder und

Kuchen feilbieten? Über den mit stolz gesenkten Augen die anständigen

Frauen wandeln? Jetzt ist Ginevra bange, wenn sie auf diese Quadern

hinabstiege, sie möchten unter ihren Füßen weggleiten, wie Wasser.

Wagen mußt du's, du willst dich doch nicht auf die Stufen legen, wie eine

Bettlerin. Trägt es mich? O! Es regt sich um San Giovanni her, auf den

alten Gräbern! . . . War's nicht's? Ich habe Furcht, ich, die selbst eine

Tote bin! Aber die in jenen Särgen sind Heiden . . . So also ist denen

zumute, die wiederkehren. Alles erschreckt sie, und sie wissen nicht, wozu

sie kamen. Ich fühle in mir ein helles, kaltes Licht, das wacht in der Welt

allein. Vom Turm schlägt es ein Uhr. Allein, ohne Zweck, und wer weiß, wie

lange. Erlösche ich nicht, zergehe ich nicht? Bin ich nicht bloß am

Mondlicht entzündet? Ich will in eine dunkle Gasse huschen, vielleicht

ist's dann aus.

Du bist noch da, Ginevra. Immer an der Mauer hin; -- dort geht eine Tür

auf. Wenn sie mich sehen! Da schau, es ist das Haus Messer Tibaldos, und

wer schleicht heraus? Messer Gino, -- und durch den Türspalt lugt Madonna

Eletta. Ist nicht Messer Tibaldo nach Pisa? Also hatte ich recht mit Messer

Gino und Madonna Eletta? Ich dachte es gar nicht. Und er, er läuft vor mir

davon! Ach ja, ein Geist. Was ein Geist alles sieht! . . . Da bin ich vor

Messer Faustos Haus. Es ist doch mein Haus, soll ich nicht klopfen dürfen?

Wie lange es währt! Mich friert. Mach auf! O! seine Nachtmütze.«

»Wer klopft?«

»Ginevra, Euer Weib.«

»Wer?«

»Ginevra degli Amieri.«

»Um Gottes willen, entweiche! Verschone mich! Ich schlug dich, ja; aber es

war mein Recht, denn ich war dein Mann. Du darfst mich dafür nicht

heimsuchen! Ich will Messen lesen lassen, damit du Ruhe bekommst.«

»Er hat das Fenster zugeworfen. Wie seine Stimme vor Angst sich brach!

Hätte er mich nicht einlassen sollen? Ich mag ein Geist sein, aber hat er

nicht auch meine Seele geheiratet? Wohl nicht. Wozu aber muß eine Tote

umhergehen? . . . Ich will's bei meinen Eltern versuchen; es ist nicht

weit.

Schon rühren sie sich. Ein Licht wandert durchs Haus. Die Mutter schläft

wieder einmal nicht und wirtschaftet umher. Ihr ist's wohl leid, daß ich

tot bin. Nun ist der Vater am Fenster, Vater!«

»Du schlechte Tochter! Warum erschrickst du deine arme Mutter. Du mußt wohl

sehr sündig sein und hast darum keine Ruhe gefunden. Morgen sollen die

Teufel gebannt werden aus dir. Aber tu deinen Eltern nichts an! Geh doch zu

deinem Mann! Wir haben dich ihm gegeben und Geld genug dazu, so daß wir dir

nichts mehr schulden!«

»Er hat den Laden angezogen und den Riegel vorgelegt. Die Mutter stand

hinter ihm und rang die Hände. Wie ihr das schrecklich sein muß, daß ihr

Kind, ihr so gehegtes, nun zu den Bösewichtern und irrenden Seelen in die

Nacht hinausgescheucht ist! Aber auch der Vater hat recht; er hat für mich

bezahlt, und ich habe keine Forderung an ihn. So allein ist man: ich wußte

das nicht. Ich dachte, sie könnten mich schlagen, aber ich würde immer ein

Bett haben. Sonst sperrten sie mich ein. Jetzt öffnet mir niemand . . .

O, wo bin ich? Dort schleichen sie schon, die Bösewichter, dort unter dem

Schwebebogen. Sie schleichen hinter einem, den eine Frau umschlingt. Sie

küßt ihn: da greifen sie ihn. Die Frau hält ihn fest, damit sie ihn töten

können. O, auch das war Liebe? Ich will schreien: Hilfe! Nun werden Sie

mich -- töten? Sie können's ja nicht mehr. Sie sehen mich: alle laufen

davon. Ich habe einen Menschen gerettet. War ich dazu gesandt? Guter

Mensch, höre! O, auch er läuft. Ich war ihm so dankbar, ich weiß nicht

wofür. Aber er läuft vor mir weg.

Und nun? Was ist dies für ein Haus? Kennst du es, Ginevra? Du gingst mit

Messer Fausto, deinem Manne vorbei, und er behauptete, du habest

hinaufgesehen, und versprach dir Schlimmes. Du hattest es nicht; aber

seither wußtest du, wo Messer Raniero wohnt, Übrigens, jetzt wüßtest du es

ohnedies; die Toten kennen alle Plätze . . . Dahin also sollte ich. Sonst

habe ich keine Zuflucht und keine Bestimmung. Ich will klopfen.«

Mnais und Ginevra · 第 4 / 5 题