»Nun bin ich draußen, und weiß nicht, wie ich herkam. Ich strich so lange
an den Wänden entlang im Dom, bis ich auf einmal herausschlüpfte. Die
Stelle könnte ich nicht wiederfinden. Ich begreife nicht, was mit mir
geschieht, und mir ist sehr bange. Habe ich nicht eben noch unserem Herrn
getrotzt? Jetzt sehe ich wohl, wie alles unsicher ist und voll von
Geheimnissen. Ist denn dies der Domplatz, auf dem am Mittag die Weißen und
die Schwarzen einander Hohnreden zurufen und die Händler die Bänder und
Kuchen feilbieten? Über den mit stolz gesenkten Augen die anständigen
Frauen wandeln? Jetzt ist Ginevra bange, wenn sie auf diese Quadern
hinabstiege, sie möchten unter ihren Füßen weggleiten, wie Wasser.
Wagen mußt du's, du willst dich doch nicht auf die Stufen legen, wie eine
Bettlerin. Trägt es mich? O! Es regt sich um San Giovanni her, auf den
alten Gräbern! . . . War's nicht's? Ich habe Furcht, ich, die selbst eine
Tote bin! Aber die in jenen Särgen sind Heiden . . . So also ist denen
zumute, die wiederkehren. Alles erschreckt sie, und sie wissen nicht, wozu
sie kamen. Ich fühle in mir ein helles, kaltes Licht, das wacht in der Welt
allein. Vom Turm schlägt es ein Uhr. Allein, ohne Zweck, und wer weiß, wie
lange. Erlösche ich nicht, zergehe ich nicht? Bin ich nicht bloß am
Mondlicht entzündet? Ich will in eine dunkle Gasse huschen, vielleicht
ist's dann aus.
Du bist noch da, Ginevra. Immer an der Mauer hin; -- dort geht eine Tür
auf. Wenn sie mich sehen! Da schau, es ist das Haus Messer Tibaldos, und
wer schleicht heraus? Messer Gino, -- und durch den Türspalt lugt Madonna
Eletta. Ist nicht Messer Tibaldo nach Pisa? Also hatte ich recht mit Messer
Gino und Madonna Eletta? Ich dachte es gar nicht. Und er, er läuft vor mir
davon! Ach ja, ein Geist. Was ein Geist alles sieht! . . . Da bin ich vor
Messer Faustos Haus. Es ist doch mein Haus, soll ich nicht klopfen dürfen?
Wie lange es währt! Mich friert. Mach auf! O! seine Nachtmütze.«
»Wer klopft?«
»Ginevra, Euer Weib.«
»Wer?«
»Ginevra degli Amieri.«
»Um Gottes willen, entweiche! Verschone mich! Ich schlug dich, ja; aber es
war mein Recht, denn ich war dein Mann. Du darfst mich dafür nicht
heimsuchen! Ich will Messen lesen lassen, damit du Ruhe bekommst.«
»Er hat das Fenster zugeworfen. Wie seine Stimme vor Angst sich brach!
Hätte er mich nicht einlassen sollen? Ich mag ein Geist sein, aber hat er
nicht auch meine Seele geheiratet? Wohl nicht. Wozu aber muß eine Tote
umhergehen? . . . Ich will's bei meinen Eltern versuchen; es ist nicht
weit.
Schon rühren sie sich. Ein Licht wandert durchs Haus. Die Mutter schläft
wieder einmal nicht und wirtschaftet umher. Ihr ist's wohl leid, daß ich
tot bin. Nun ist der Vater am Fenster, Vater!«
»Du schlechte Tochter! Warum erschrickst du deine arme Mutter. Du mußt wohl
sehr sündig sein und hast darum keine Ruhe gefunden. Morgen sollen die
Teufel gebannt werden aus dir. Aber tu deinen Eltern nichts an! Geh doch zu
deinem Mann! Wir haben dich ihm gegeben und Geld genug dazu, so daß wir dir
nichts mehr schulden!«
»Er hat den Laden angezogen und den Riegel vorgelegt. Die Mutter stand
hinter ihm und rang die Hände. Wie ihr das schrecklich sein muß, daß ihr
Kind, ihr so gehegtes, nun zu den Bösewichtern und irrenden Seelen in die
Nacht hinausgescheucht ist! Aber auch der Vater hat recht; er hat für mich
bezahlt, und ich habe keine Forderung an ihn. So allein ist man: ich wußte
das nicht. Ich dachte, sie könnten mich schlagen, aber ich würde immer ein
Bett haben. Sonst sperrten sie mich ein. Jetzt öffnet mir niemand . . .
O, wo bin ich? Dort schleichen sie schon, die Bösewichter, dort unter dem
Schwebebogen. Sie schleichen hinter einem, den eine Frau umschlingt. Sie
küßt ihn: da greifen sie ihn. Die Frau hält ihn fest, damit sie ihn töten
können. O, auch das war Liebe? Ich will schreien: Hilfe! Nun werden Sie
mich -- töten? Sie können's ja nicht mehr. Sie sehen mich: alle laufen
davon. Ich habe einen Menschen gerettet. War ich dazu gesandt? Guter
Mensch, höre! O, auch er läuft. Ich war ihm so dankbar, ich weiß nicht
wofür. Aber er läuft vor mir weg.
Und nun? Was ist dies für ein Haus? Kennst du es, Ginevra? Du gingst mit
Messer Fausto, deinem Manne vorbei, und er behauptete, du habest
hinaufgesehen, und versprach dir Schlimmes. Du hattest es nicht; aber
seither wußtest du, wo Messer Raniero wohnt, Übrigens, jetzt wüßtest du es
ohnedies; die Toten kennen alle Plätze . . . Dahin also sollte ich. Sonst
habe ich keine Zuflucht und keine Bestimmung. Ich will klopfen.«