Die Anklage

Alle Leute auf Lövdala waren so neugierig, daß sie es kaum aushalten

konnten. Konnte man sich aber auch so etwas denken! Der Verwalter von

Henriksberg war in Gesellschaft einer Frau angekommen, die kein Mensch

kannte; und die beiden waren nicht in den Saal hineingegangen, wie die

Leute, die zu Besuch kamen, doch sonst immer taten, sondern hatten den

Herrn Pfarrer in seinem Zimmer aufgesucht und verhandelten nun da schon

mehrere Stunden lang mit ihm.

Weder die Pfarrfrau noch die Pfarrerstochter, noch die Haushälterin,

noch irgendeine von den Mägden konnte sich denken, welche Angelegenheit

die beiden hergeführt haben mochte. Das Zimmermädchen, das ihnen beim

Aussteigen behilflich gewesen war, sagte, sie hätten ernst und traurig

ausgesehen; aber das war auch alles, was sie berichten konnte.

Die Pfarrfrau machte den Versuch, sich mit ihrer Arbeit in die gute

Stube zu setzen, die Wand an Wand mit dem Studierzimmer war, und wenn

sie da hätte bleiben dürfen, wäre sie wohl auch dahintergekommen,

welches Anliegen die Fremden hergeführt hatte. Aber sie war noch keine

zwei Minuten da drinnen gewesen, als der Pfarrer zur Tür hereinschaute

und sie bat, sich in ein anderes Zimmer zu begeben. Sie werde das, was

hier in seiner Stube verhandelt werde, später von ihm selbst erfahren.

Die beiden Gäste waren früh am Nachmittag angekommen, und so war die

Pfarrfrau in Sorge, sie hätten am Ende noch nicht zu Mittag gegessen.

Sie schickte also das Zimmermädchen hinein und ließ den Pfarrer fragen,

ob sie die Gäste zu Tisch erwarten dürfe; aber das Zimmermädchen brachte

den Bescheid, sie dankten, nein, sie wollten nichts haben.

Solange das Mädchen im Zimmer war, hatte keines von den dreien ein Wort

gesprochen. Das einzige, was sie, als sie wieder herauskam, berichten

konnte, war, daß die fremde Frau sich die Augen abgewischt habe, wie

wenn sie geweint hätte.

Der Knecht, der sie hergefahren hatte, wurde in die Küche geladen, um da

etwas zu essen. Er erzählte auch gerne alles, was er wußte, aber es war

nicht viel. Die Frau habe er noch nie gesehen. Sie sei gestern zu Fuß

nach Henriksberg gekommen und habe den Verwalter zu sprechen verlangt.

Heute in aller Frühe sei der Verwalter selbst im Stall erschienen und

habe einen Wagen nach Lövdala bestellt. Der Verwalter gehe auch sonst

wochenlang schweigend umher, und heute habe er auf der ganzen Fahrt

nicht ein einziges Wort gesprochen.

Die Pfarrfrau hatte seit der Ankunft dieser Gäste keine Ruhe mehr; sie

konnte bei keiner Arbeit sitzenbleiben, sondern wanderte nur immer von

Zimmer zu Zimmer. Einmal nahm sie die Kleine mit in den Saal und fragte

sie, ob sie irgend jemand gesagt habe, daß sie ihr im Lesen und

Schreiben Unterricht gebe.

Es wäre ja gar nicht schlimm, wenn sie davon gesprochen hätte, fuhr die

Pfarrfrau fort. Aber sie habe eben gedacht, es wäre so schön, wenn sie

selbst eines Tages zum Herrn Pfarrer sagen könnte, sie sei jetzt

imstand, in seinen Büchern zu lesen, und deshalb solle die Kleine noch

eine Weile darüber schweigen.

Die Kleine konnte sie beruhigen, nein, sie hatte mit niemand darüber

gesprochen. Im stillen dachte sie, sie habe ohnedies niemals die

geringste Lust verspürt, etwas von diesen Schreibübungen zu sagen, weder

zum Herrn Pfarrer noch zu sonst jemand. Es gab anderes genug, über das

zu schweigen ihr weit schwerer fiel. Sie konnte absolut nicht verstehen,

warum Mamsell Maja Lisa ihr aufs strengste befohlen hatte, ihrem Vater

nichts davon zu sagen, wie die Stiefmutter gegen sie war. Was hätte es

denn geschadet, wenn der Herr Pfarrer erfahren hätte, was er für eine

böse Hexe zur Frau hatte?

Maja Lisa zeigte sich am wenigsten neugierig von allen. In der letzten

Zeit war ihre Seele wie gelähmt. Sie konnte sich jetzt weder freuen noch

traurig sein und kümmerte sich nicht mehr darum, wie es ihr ging. Sie

war überzeugt, die Stiefmutter würde sie so lange quälen, bis sie

schließlich schwer krank würde. Aber auch das tat jetzt nicht mehr viel.

Vor dem Tode fürchtete sie sich am allerwenigsten. Es dünkte sie nur

schön und gut, erlöst zu sein und ruhen zu dürfen.

Sie hatte am Webstuhl gesessen, als die Kleine zu ihr gekommen war und

ihr mitteilte, der Verwalter von Henriksberg sei nach Lövdala gekommen;

aber sie hatte nur einen Augenblick im Weben innegehalten. Der Verwalter

von Henriksberg -- das klang ihr ganz fremd in den Ohren. Warum sollte

sein Kommen etwas für sie zu bedeuten haben? Ja, wenn es im Winter

gewesen wäre, da hätte sie alles mögliche von seiner Ankunft erwartet,

aber jetzt ...

Um fünf Uhr klingelte der Pfarrer und befahl, ein Brett mit Butter und

Brot und drei Gläser Milch in die gute Stube zu stellen.

Da er ausdrücklich drei Gläser gesagt hatte, merkte die Pfarrfrau, daß

sie ihnen nicht dabei Gesellschaft leisten sollte; sie blieb also an

ihrer Näharbeit im Saal sitzen und wartete, bis sie die Gäste in der

guten Stube wußte. Da legte sie ihre Arbeit zusammen und ging in die

Küche.

»Komm mit mir«, sagte sie zu der Kleinen. »Ich muß des Herrn Pfarrers

Sonntagsanzug haben, daß er ausgebürstet wird, denn morgen ist ja

Sonntag; bis jetzt habe ich nicht in sein Zimmer hineingehen können,

aber nun sind sie im Wohnzimmer, und solange sie zu Abend essen, wollen

wir einen Versuch machen.«

Sie gingen miteinander auf den Zehen durch den Flur, und die Pfarrfrau

öffnete die Tür zum Studierzimmer so leise, daß es die drei in der guten

Stube unmöglich hören konnten. Und ebenso vorsichtig öffnete sie auch

die Tür des Kleiderschranks.

»Steig einmal hinein!« flüsterte sie der Kleinen zu. »Aber leise, ganz

leise!«

Die Kleine stieg in den Schrank, und sofort machte die Pfarrfrau die

Türe zu.

»Sie kommen, du mußt jetzt einstweilen drinbleiben!« flüsterte sie noch

durch den Türspalt. Dann hörte die Kleine, wie sie davonschlich.

Die Kleine blieb natürlich unbeweglich stehen, obgleich es noch eine

gute Weile dauerte, bis sie die andern wieder hereinkommen hörte.

Wenn aber die Pfarrfrau die Kleine in den Schrank sperrte, um zu

erfahren, welches Anliegen die Fremden hergeführt hatte, dann hatte sie

sich unnötige Mühe gegeben. Denn jetzt ließ der Pfarrer sie und Mamsell

Maja Lisa ins Zimmer hereinrufen und überdies auch noch die alte Frau

Beata aus dem Brauhausflügel herüberbitten.

Als sie eintraten, stand der Verwalter von Henriksberg mit über der

Brust gekreuzten Armen da und lehnte sich gegen das Bücherregal, die

Frau aber, die mit ihm gekommen war, saß auf dem kleinen Ecksofa. Sie

war nicht wie ein Dienstbote gekleidet, hatte aber zu große und zu grobe

Hände, um dem besseren Stand anzugehören. Doch war sie noch jung und

wäre auch hübsch gewesen, wenn sie nicht so furchtbar verweint

ausgesehen hätte.

Sooft eines von den Herbeigerufenen eintrat, stand der Pfarrer auf und

stellte die Gäste vor.

»Dies hier«, sagte er, »ist die Frau Pfarrer Liljecrona, die Frau des

Pfarrers von Finnerud. Und dies hier ist ihr Schwager, Hüttenverwalter

Liljecrona von Henriksberg.«

Mehr wurde nicht gesagt, bis die Pfarrfrau und Frau Beata sich in den

beiden großen Lehnstühlen niedergelassen hatten und die Pfarrerstochter

sich auf eine Fußbank gesetzt, wo sie früher, solange sie noch beständig

bei ihrem geliebten Herrn Vater drinnen war, immer gesessen hatte.

Alle fühlten, daß ein Gewitter im Anzug war; aber keines wußte, über wen

es losbrechen würde, bis der Pfarrer sich jetzt direkt an Maja Lisa

wendete.

»Du weißt wohl schon alles von der Frau Pastor Liljecrona, die hier

sitzt?« sagte er.

Maja Lisa saß mit niedergeschlagenen Augen da. Sie wagte nicht ihren

Vater anzusehen. Gleich als sie ins Zimmer trat, sah sie, daß ihm etwas

Furchtbares widerfahren sein mußte.

»Jetzt ist das eingetroffen, was Vater den Todesstoß versetzt«, dachte

sie; denn sein Gesicht war aschgrau, und er atmete schwer zwischen jedem

Wort, das er sagte. Da erschrak Maja Lisa bis ins tiefste Herz hinein,

und die Erschlaffung und Gleichgültigkeit waren mit einem Schlag

verschwunden. Ihre Hände begannen zu zittern, und sie mußte sie fest

zusammenpressen, daß sie nicht hörbar gegeneinander schlugen. Sie

erwartete jeden Augenblick, Vater werde, vom Schlag getroffen, vor ihren

Augen tot niederfallen.

Aber der Pfarrer verlangte eine Antwort, und endlich wurde sie so weit

Herr ihrer selbst, daß sie mit ziemlich ruhiger Stimme sagen konnte:

»Lieber Herr Vater, ich habe Frau Pastor Liljecrona noch nie gesehen und

verstehe nicht, was Ihr meinet.«

Der Vater zuckte die Achseln und sagte, sie verstehe ihn vielleicht

besser, wenn er ihr sage, daß dies die Frau Pfarrer sei, die vorher

viele Jahre lang Haushälterin bei Pastor Liljecrona gewesen war.

Vaters Stimme hatte dabei einen sonderbaren, ja verächtlichen, zornigen

Klang. Maja Lisa zwang sich aufzusehen. Vaters Stirne war finster

zusammengezogen, und er wurde abwechslungsweise blaß und rot. Da sah

Maja Lisa, daß ihr Vater über irgend etwas nicht allein tief

unglücklich, sondern auch über die Maßen empört war. Und obgleich sie

durchaus nicht begreifen konnte, wie das möglich war, mußte sie sich

sagen, daß er über sie selbst böse sei.

Da stand sie unwillkürlich von dem Fußbänkchen auf und stellte sich

schlank und aufrecht vor ihren Vater hin, wie um sich besser verteidigen

zu können.

»Der Herr Vater sieht doch wohl, daß ich jetzt nicht klüger bin als

vorher«, sagte sie.

Der Vater sah aus, als hätte er eine solche Widerspenstigkeit nicht

erwartet, und erwiderte: Er wisse zwar, daß sie die Geschichte kenne,

aber da sie sie noch einmal hören wolle, könne er sie ihr ja ebensogut

auch auf seine Weise erzählen. Tante Margareta in Svansskog habe ihr

vielleicht keine ganz richtige Schilderung gegeben.

Hier erkühnte sich Maja Lisa, den Vater zu unterbrechen, indem sie

sagte, die Tante in Svansskog habe ihr zwar viel von Pastor Liljecrona

erzählt, die Haushälterin aber mit keinem Wort erwähnt.

Der Vater machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand. Es sei auch

einerlei, ob ihr die Tante oder jemand anders den Klatsch zugetragen

habe. Jedenfalls sei es ein Frauenzimmer gewesen, denn die Frauen seien

allemal am schlimmsten gegeneinander. Wenn ein Mann von der Sache

gesprochen hätte, würde er zugleich auch darauf hingewiesen haben, daß

man sich in die Lage eines andern versetzen müsse, ehe man ihn

verurteile. Wie viele von denen, die froh gewesen waren, daß es Pastor

Liljecrona so lange unter den Finnen ausgehalten und dort an ihrer

Aufklärung gearbeitet hatte, hätten sich wohl Gedanken darüber gemacht,

wie es ihm da droben ging? Er selbst habe erst heute erfahren, daß jener

in einer Finnenhütte wohnte, die nur eine einzige Stube hatte, und sich

mit einer Besoldung begnügte, die nicht über hundert Taler im Jahre

betrug. Welche ungeheure Arbeit also für die Person, die seinem Haus

vorstehen und die ärgste Not abwehren sollte! Sie habe nicht allein die

Kleider gewoben, sondern sie überdies auch genäht. Sie habe die Kühe und

die Schafe in den Wald auf die Weide geführt und da gehütet; und während

all der Jahre, die sie in seinem Dienst gestanden, sei sie ihm von viel

größerem Nutzen gewesen, als die verwöhnte Tochter eines Herrenhofs sich

vorstellen könnte. Und der Frau Pfarrer sei es gewissermaßen zu

verdanken, daß Pastor Liljecrona sein gutes Werk da droben habe

vollbringen können.

Jetzt fühlte sich die Pfarrerstochter auch etwas gereizt. Warum war der

Vater so aufgebracht? Meinte er, sie habe Pastor Liljecrona damals in

Svansskog an sich zu locken gesucht? Mit ihm zu sprechen, war doch wohl

nicht verboten gewesen?

Aber sie überwand sich und bat den Vater, ihr doch zu glauben, daß sie

von alledem nie ein Wort gehört habe.

Des Vaters Finger spielten ungeduldig mit einem zusammengerollten

Briefchen, das vor ihm auf dem Schreibtisch lag.

Ja, es sei ihm auch höchst merkwürdig, gab er zu, wie sie das

Verhältnis, in dem Pastor Liljecrona zu seiner Haushälterin stand,

erfahren hatte, da er es doch bis jetzt nach der Hochzeit sogar vor

seinem Bruder habe geheimhalten können. Aber auf irgendeine Weise müsse

sie es eben doch erfahren haben, und wie sie es dann übers Herz gebracht

habe, so rasch abzuurteilen, das sei ihm unerklärlich; ob sie denn gar

nicht begriffen habe, daß die andere die heiligsten Rechte hatte? Selbst

wenn sie nicht die rechtmäßige Gattin gewesen, ja selbst wenn sie von

niederer Herkunft war, hätte eine so lange Treue, eine so große

Aufopferung auch bei dem Hartherzigsten auf Erbarmen rechnen können.

Noch einmal mußte die Pfarrerstochter ihren Vater bitten, zu

entschuldigen, aber sie wisse immer noch nicht, was sie Böses getan

habe.

Dem Vater war es außerordentlich widerwärtig, so viele Erklärungen geben

zu müssen, das war nur zu deutlich; große Schweißtropfen perlten ihm

auf der Stirn.

Nun, wenn es eine Neuigkeit für sie sei, so wolle er ihr sagen, daß

Pastor Liljecrona vor vielen Jahren versprochen habe, die Frau, die

jetzt seine Gattin sei, zu heiraten. Es sei beschlossen gewesen, daß die

Hochzeit stattfinde, sobald er eine Stelle habe, auf der er eine Frau

versorgen könne, damit diese nicht mehr die Magd machen müsse. Sie habe

auch bis letzte Weihnachten nicht die allergeringste Angst gehabt, er

werde sein Wort nicht halten. Aber da hatte Pastor Liljecrona eine

kleine Reise gemacht -- vorgeblich, um mit seinem Bruder

zusammenzutreffen. Er war aber nur bis zur Svansskoger Herberge

gefahren, und nach seiner Rückkehr war er vollständig verändert,

trübsinnig und aufgeregt und von der Hochzeit war nie mehr die Rede

gewesen. Da hatte sich die Haushälterin erkundigt, mit wem er denn in

Svansskog zusammengetroffen sei.

Jetzt wendete sich der Pfarrer direkt an Maja Lisa. »Du weißt am Ende

nicht einmal, wen er da getroffen hat?«

»Doch, Herr Vater, das weiß ich, mich hat er dort getroffen. Und Pastor

Liljecrona hat den ganzen Tag sehr einfach und natürlich ganz wie ein

guter Bruder mit mir gesprochen.«

Wieder machte der Vater eine Bewegung, als sei er über ihre

Halsstarrigkeit ganz verzweifelt.

»Es kann ja sein, daß Pastor Liljecrona an jenem Tag nicht um dich

anhielt; aber du scheinst über seine Gefühle nicht im Zweifel gewesen

zu sein. Sonst hättest du doch keinen solchen Brief schreiben ...«

Aber hier unterbrach Maja Lisa ihren Vater ohne alle Umstände.

»Herr Vater,« sagte sie, »ich habe nicht an Pastor Liljecrona

geschrieben. Wenn die Frau Pastor das sagt ...«

»Von einem Brief an Pastor Liljecrona ist durchaus nicht die Rede,

sondern von dem Billett an seine Haushälterin.«

»Ach so, an die Haushälterin!« entgegnete Maja Lisa, und ihre Stimme

klang jetzt ebenso zornig und verächtlich wie die ihres Vaters. »Ach so,

der Herr Vater hat erfahren, daß ich an sie geschrieben habe! Dann habe

ich sie wohl gebeten, mir Pastor Liljecrona abzutreten?«

Der Vater sah sie kalt an. »Du weißt also doch, was du geschrieben

hast«, sagte er.

Aber jetzt war die Pfarrerstochter ernstlich böse. Sie dachte nicht mehr

daran, den Vater zu schonen, sondern nur noch, wie sie sich selbst

rechtfertigen könnte, und nun mußte sie wissen, wie alles zusammenhing.

»Saget, Herr Vater, steht mein Name unter dem Brief?« fragte sie.

»Nein, es steht kein Name unter dem Brief, aber er ist von deiner Tante

in Svansskog nach Finnerud geschickt worden, mit dem Bescheid, er sei

von Lövdala gekommen und solle Pastor Liljecronas Haushälterin

zugestellt werden.«

Der Vater war gewiß überrascht, daß Maja Lisa nach diesem schlagenden

Beweis nicht nachgab, sondern nur weiter fragte:

»Bitte, Herr Vater, erzählet mir noch weiter, was ich getan habe. Es ist

so lustig anzuhören. Ich kann nicht alles erraten.«

»Was du weiter getan hast?« Der Vater schlug mit der Faust auf den

Tisch. »Ist es nicht genug, daß du den Brief geschrieben hast? Daß du

dir einen Mann aneignen wolltest, der einer andern gehört? Daß du ein

Weib beleidigt hast, das nur aus Liebe gesündigt hat? Was du getan hast?

Du hast dieses andere Weib so zur Verzweiflung gebracht, daß sie in

ihrer Desperation die wahnsinnigste Torheit begeht. Sie wandert nämlich

nach Karlstadt, sucht den Bischof auf, erzählt ihm alles und bittet um

Hilfe. Darauf nimmt sich der Bischof ihrer Sache an und schreibt an

Liljecrona, da er jetzt im Begriff stehe, eine große Pfarrei anzutreten,

müsse er größere Anforderungen an sich selbst stellen. Er gibt ihm zu

verstehen, daß er nicht zum Propst ernannt werden könne, ehe er seine

eigenen Angelegenheiten in zufriedenstellender Weise geordnet habe. Der

Bischof hat gewiß so freundlich und klug wie möglich geschrieben, aber

Pastor Liljecrona ist ein stolzer, heftiger Mann. Er hat sich

außerordentlich beschämt gefühlt und ist aufs tiefste verletzt gewesen.

Es ist anzunehmen, daß sein gutes Herz schließlich gesiegt hätte, wenn

nichts in der Sache geschehen wäre. Er würde die zufällige Leidenschaft,

die ihn ergriffen hatte, überwunden und freiwillig dem Gebot der Pflicht

gehorcht haben. Jetzt aber fühlt er sich gezwungen, er gerät in

Verzweiflung, und es bemächtigt sich seiner ein unauslöschlicher Haß

gerade gegen die, die so großes Recht auf seine zärtliche Fürsorge hat.

Im Anfang läßt er indes nichts von diesem seinem Hasse merken, und

ebensowenig erwähnt er das Schreiben des Bischofs. Aber eines Tages,

ungefähr einen Monat, nachdem er das Schreiben empfangen hat, geht er in

den Stall, spannt sein Pferd ein, fährt an seiner Tür vor und fragt, ob

die Haushälterin ein Stück mitfahren wolle. Dies wird von ihr als eine

große Freundlichkeit aufgefaßt, an die sie nicht mehr gewöhnt ist. Sie

springt auf, nimmt rasch ein Kopftuch und setzt sich in der kurzen

Werktagspelzjacke und in den derben Stiefeln, gerade wie sie geht und

steht, in den Schlitten, der sogleich abfährt. Sie kommen an ein paar

größeren Höfen vorbei. Es sind allerdings nur Finnenhütten; aber sie

gerät doch wegen des Werktagskleides in Verlegenheit und will aussteigen

und heimgehen. Doch nein, der Pfarrer will nicht halten. So gibt sie

sich zufrieden; es geht in einen öden Wald hinein, die Fahrt wird immer

toller. Sie beginnt sich zu fürchten und bittet aufs neue, aussteigen zu

dürfen. Da wird ihr mit harter Stimme und zornigen Blicken erklärt, daß

sie sich auf der Hochzeitsfahrt befinde; sie sei auf dem Weg nach dem

Pfarrhof in Westmarken, um da getraut zu werden. Sie glaubt, es sei ein

Scherz, und bleibt eine Zeitlang sitzen, dann bittet sie noch einmal,

den Schlitten verlassen und heimgehen zu dürfen. Da wird das Pferd mit

einem Ruck angehalten, und sie erfährt, daß es ihr freistehe, den

Schlitten zu verlassen, wenn sie es durchaus wolle; tue sie es aber, so

verliere sie damit alle Aussicht, jemals getraut zu werden. Er habe

jetzt die Absicht, nach Westmarken zu reisen und sich mit ihr trauen zu

lassen, wenn sie aber diese Gelegenheit nicht benütze, werde sich eine

solche nicht zum zweitenmal bieten. Sie wendet ein, die Trauung sei ja

unmöglich, da noch kein Aufgebot stattgefunden habe. Da teilt er ihr

mit, daß dies ohne ihr Wissen in ihrer Heimatgemeinde geschehen sei, und

sein Gesicht hat dabei einen so erschreckenden Ausdruck, daß sie nahe

daran ist, auszusteigen. Aber da fällt ihr ein, daß sie damit ihrem

ganzen Lebensglück entsagen müßte, und so bleibt sie sitzen. Während der

ganzen weiteren Fahrt ist sie voller Zweifel; sie begreift, wie verhaßt

sie ihm sein muß, wenn sie auf diese Weise gezwungen wird, sich ohne ein

anständiges Hochzeitskleid trauen zu lassen. Noch vor dem Altar ist sie

auf dem Punkt, nein zu sagen; aber sie tut es doch nicht. Sie will den

Geliebten nicht der andern überlassen, ihr, die den Brief, jene

abscheulichen Zeilen, die das ganze Unglück verursacht haben,

geschrieben hat. Sie hofft wohl auch, den Haß mit der Zeit mildern,

hofft, zurückerobern und versöhnen zu können. Aber in dieser Beziehung

verrechnet sie sich; sie ist ihm wirklich so verhaßt, daß sie sich

entsetzt. Es wird ihr mitgeteilt, daß der Mann die große Pfarrei ganz

entschieden abgelehnt hat, und sie fühlt, daß er es getan hat, damit sie

sich weiter in der Armut wie ein Sklave abschinden soll. Geordnete

Verhältnisse und eine angesehene Stellung werden ihr nicht gegönnt. Doch

nicht genug damit. Sie entdeckt bald etwas noch viel Schlimmeres,

nämlich, daß er sich auf jede Weise zu schaden sucht; sie entdeckt, daß

er ohne Maß, ohne Beherrschung zu trinken anfängt. Sie bittet und

bettelt, aber es hilft nichts. Sie kann es sich nicht verhehlen, daß er

keine Freude mehr am Leben hat. Er fragt nicht einmal mehr nach seiner

armen Gemeinde; er will sich zugrunde richten, will untergehen. -- So

also ist eine prächtige Laufbahn abgebrochen, ein vortrefflicher Mann

ist in ein Ungeheuer verwandelt worden. Und alles infolge der

Unbedachtsamkeit eines unvernünftigen jungen Mädchens! Ob du jetzt wohl

begreifst, was du getan hast? Ob du vor allen Dingen verstehst, daß du

am besten daran tätest, zu gestehen, daß du das Briefchen in einer

flüchtigen Leidenschaft geschrieben hast? Denn wenn es nicht so wäre,

würdest du deinen Vater zwingen, zu glauben, daß du den Brief aus

teuflischer Berechnung geschrieben hast, um Liljecrona zu beseitigen,

damit sein Platz in Sjöskoga von einem andern, der dir etwa noch näher

steht, eingenommen werden könnte. Doch dann könnte dir nicht verziehen

werden -- da könnte ich dich nicht mehr meine Tochter nennen.«

Während dieser ganzen Rede hatte Maja Lisa immerfort überlegt, wie sie

den Vater überzeugen könnte, daß sie das Briefchen nicht geschrieben

habe. Ach, wenn ihr bei einer andern Gelegenheit diese Geschichte mit so

großer Beredsamkeit vorgetragen worden wäre, wie gerührt wäre sie da

gewesen! Jetzt aber drehten sich alle ihre Gedanken nur um die

Ungerechtigkeit, die ihr widerfuhr, und zwar nicht nur von ihrem Vater.

Sie dachte dabei nicht an die arme Frau, sondern an den Mann, der sie

hierher begleitet hatte, um sie anzuklagen. Er glaubte also die

Beschuldigung auch, glaubte, daß sie geschrieben habe, um sich einen

Mann zu erbetteln, der einer andern gehörte!

Da wendete sie sich plötzlich von dem Vater ab und sah Liljecrona an.

Seine Augen waren nicht auf sie gerichtet; trotzdem zuckte er zusammen,

als habe er ihren Blick gespürt. Er sah tief bekümmert aus; aber jetzt

flog mit einemmal das gütige Lächeln über sein Gesicht. Er warf ihr

einen beruhigenden Blick zu, gerade wie einem Kinde, das eine Torheit

begangen hat, und schien sie bitten zu wollen, gefaßt zu sein, es sei

keine große Gefahr vorhanden. Darauf sah er gleich wieder weg.

Ungeduldig wendete sich Maja Lisa von ihm ab; und während ihr Vater noch

weitersprach, richteten sich ihre Augen auf die Großmutter.

Großmutters Blick begegnete den ihrigen mit tiefem Ernst und hatte

beinahe denselben Ausdruck wie Liljecronas.

Offenbar dachte Großmutter ganz wie er: Hab' keine Angst, sondern fasse

dich! Und auch Großmutter sah gleich darauf nach einer andern Seite,

nach derselben wie Liljecrona.

Da schaute auch Maja Lisa dorthin, und da sah sie, wen die beiden

anderen betrachteten -- die Stiefmutter.

Diese schien merkwürdig erregt zu sein. Sie war totenblaß, und ihre

Augen schauten ganz irr und wirr, ungefähr wie an jenem Morgen, wo Maja

Lisa ihr zum erstenmal begegnet war. Man sah deutlich, Mutter war von

einem großen Schrecken erfüllt.

Einen Augenblick überlegte Maja Lisa, ob am Ende die Stiefmutter das

Briefchen geschrieben habe; aber sie verwarf den Gedanken wieder, da die

Mutter ja in der Schreibkunst nicht bewandert war. Überdies war es kein

Wunder, wenn Mutter Angst hatte, denn der Vater war jetzt unnatürlich

aufgeregt. Sie hatte alle Ursache, unruhig zu sein, wie das enden werde.

Was für ein Glück, daß Maja Lisa Mutter angesehen hatte! Dadurch war ihr

wieder eingefallen, daß sie sich hüten mußte, ihren Vater zu erzürnen.

Sie hörte ihm also ganz still bis zum Schlusse zu, und als er ausrief,

daß er sie nicht mehr seine Tochter nennen wolle, sagte sie ganz

demütig: »So tue der Herr Vater mit mir, wie er will. Wenn ich nicht

mehr unter seinem Dach leben darf, muß ich wohl ...«

Hier wurde sie von Pfarrer Liljecronas Frau unterbrochen, die jetzt

rasch auf sie zutrat.

Jetzt müsse es aber genug sein, rief sie, indem sie angstvoll nach Maja

Lisas Hand griff. Es habe weder in ihrer, noch in des Verwalters Absicht

gelegen, daß von diesem Briefe weiter die Rede sein solle. Sie hätten

ihn dem Pfarrer nur vorgelegt, um ihn zu überzeugen, daß seine Tochter

Liljecrona gern habe. Sie selbst habe sich gestern nach Henriksberg

begeben, weil sie ganz außer sich gewesen sei. Denn sie wolle nicht, daß

Pastor Liljecrona ihretwegen zugrunde gehe. Sie habe auch den Verwalter

nur fragen wollen, ob es denn keine Möglichkeit gebe, ihren Mann von

ihr zu befreien? Sie wolle ihm die Scheidung anbieten, wolle ihm nie

mehr unter die Augen treten, wenn sie nur die Gewißheit erhielte, daß er

dann die bekäme, die er liebte. Und nur um darüber zu sprechen, seien

sie und der Verwalter hierhergekommen. Sie hätten Maja Lisa nichts Böses

antun wollen, nein, sie wollten nur, sie solle ihnen helfen, den zu

retten, der im Begriffe stehe, sich zu verderben.

Die Pfarrerstochter sah diese einfache Frau an. Und mit einem Male wurde

ihr klar, was für ein prächtiger junger Mann Pfarrer Liljecrona gewesen

war, und sie begriff, wie entsetzlich unglücklich sich seine Frau fühlen

mußte. Da gewannen bei Maja Lisa die gewohnte Freundlichkeit und

Teilnahme wieder die Oberhand, und sie erwiderte mit bebender Stimme:

»Ach, ich kann es nicht! Gewiß würde ich ihm helfen, wenn ich es

vermöchte; aber heiraten kann ich ihn niemals, denn er ist nicht der,

den ich liebe.«

Sie fühlte, wie ihr bei diesem Geständnis eine heiße Röte Hals und

Gesicht überflutete. Fast hätte sie geradezu den Namen dessen genannt,

den sie liebhatte.

Doch der Vater machte wieder eine ungeduldige Bewegung, als wolle er all

dies beiseiteschieben. »Du hast noch nicht ...«

Aber jetzt wurde der Pfarrer unterbrochen, und zwar von Großmutter

Beata, die von ihrem Lehnstuhl aus das Wort ergriff.

»Lieber Sohn!« sagte sie. »Mein lieber Sohn verfährt heute abend recht

hart mit Maja Lisa. Er weiß doch, daß eine Siebzehnjährige gewiß nie

zugeben wird, jemand liebzuhaben, am allerwenigsten im Beisein von so

vielen Leuten. Hätte mein lieber Sohn allein mit Maja Lisa gesprochen,

so würde sie sich wohl kaum geweigert haben zu sagen, wie alles

zusammenhängt!«

Maja Lisa richtete unwillkürlich ihren Blick auf Großmutter. Es klang

eine bestimmte Absicht aus ihrer Stimme, und es war ihr auch, als

blinzle ihr Großmutter ganz verstohlen zu.

»Mein lieber Sohn nimmt diese Sache so heftig,« fuhr Großmutter fort,

»weil er glaubt, er könne mit in sie hineingezogen werden; aber er soll

sich nicht einbilden, daß irgend jemand den Verdacht hege, er könne

seine Hand mit im Spiele haben. Jedermann weiß, daß mein lieber Sohn

nichts getan hat, um Pfarrer Liljecrona anzuschwärzen und ihn dadurch

zum Rücktritt zu zwingen, damit er selbst die große Pfarrei bekommen

könnte.«

Ringsumher blieb es still; keines wußte, was es antworten sollte.

»Ich denke,« fuhr die Großmutter fort, »Maja Lisa kann es ruhig auf sich

nehmen, den Brief geschrieben zu haben, und mein lieber Sohn kann ihr

ruhig verzeihen. Jedermann wird verstehen, daß sie aus jugendlichem

Unverstand so gehandelt hat. Daß es so schlimm ausfallen würde, konnte

sie sich doch nicht denken.«

Maja Lisa sah, daß ihr die Großmutter zublinzelte, sie solle die Schuld

auf sich nehmen; aber sie begriff nicht, warum Großmutter das wünschte.

Da machte die Alte endlich eine schwache Handbewegung und deutete auf

die Stiefmutter.

Diese saß noch ebenso von Schrecken erfüllt da wie vorher, und nun

verstand Maja Lisa Großmutters Gedanken. Großmutter glaubte, Mutter habe

das Briefchen abgeschickt, und da hielt sie es in Anbetracht des Vaters

für besser, wenn sich Maja Lisa, die es ja aus Liebe und Unvernunft

getan haben konnte, schuldig bekannte, als daß er erführe, daß die

Gattin, die doch nur die größte Bosheit dazu getrieben haben konnte, die

Schuldige war.

Ach, Maja Lisa kam dieses Verlangen zu schwer vor! In ihrer

Unentschlossenheit wendete sie sich um und warf einen verstohlenen Blick

auf den, der auch jetzt noch ganz still an dem Bücherregal stand. Ihr

war, als erwidere er ihren Blick liebevoll und teilnehmend; aber das war

wohl ein Irrtum, er mußte sie ja hassen.

»Lieber Herr Vater!« sagte dann Maja Lisa. »Verzeiht mir, daß ich

geleugnet habe. Aber der Herr Vater hat mir so große Angst ...«

Doch als sie fortfahren wollte, kam es ihr zum Bewußtsein, daß das, was

sie auf sich zu nehmen im Begriff stand, so gemein und erniedrigend, ja

ein zu großes Unrecht gegen sich selbst war. Sie brach in Tränen aus,

warf sich in die Arme der Großmutter und schluchzte:

»Es ist zu schwer! Ich kann nicht!«

»Gewiß ist es schwer, ich begreife es gut«, sagte Großmutter. »Aber nun

ist es ja gesagt. Jetzt kommst du hinüber zu mir, damit du dich

ausweinen kannst.«

Zugleich legte die Großmutter den Arm um sie, und während sie noch immer

schluchzte und versicherte, sie könne es nicht tun, führte Großmutter

sie nach der Tür.

»Du brauchst nichts mehr zu sagen«, tröstete sie. »Der Herr Vater

versteht alles. Du bist ja noch ein Kind.«

Da, als sie schon auf der Türschwelle standen, kam endlich Leben in

Liljecrona.

Er trat vor und machte Großmutter die Tür auf, und als er sah, daß die

Haustür auch eingeklinkt war, ging er mit hinaus und machte auch diese

auf.

Als er dann sah, daß die Stufen vor dem Hause steil und für einen alten

Menschen beschwerlich waren, und daß es überdies auch nach dem Brauhaus

ziemlich steil abwärts führte, ging er noch weiter mit und stützte die

Großmutter auf dem ganzen Wege. Dann kam noch die schwierige Treppe zu

Großmutters Zimmer hinauf. Da konnte er nicht umkehren, sondern

geleitete sie auch noch da hinauf.

Aber als sie dann in Großmutters Zimmer angelangt waren, schlang er

plötzlich, ohne ein Wort zu sagen, beide Arme um Großmutters Hals und

küßte sie auf die Wange. Und dann machte er es bei Maja Lisa geradeso.

Er zog sie in seine Arme und küßte sie.

Und ohne ein einziges Wort zu sagen, war er dann verschwunden.

Aber alles, was dieser Mensch tat, kam plötzlich und überraschend,

gerade wenn man es am wenigsten erwartete, so daß man nicht sich dagegen

wehren konnte -- --

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Schließlich war es dann die Kleine und niemand anders, die die Sache zu

Ende führte.

Gleich nachdem Mamsell Maja Lisa die Großmutter in die Brauhauskammer

hinunterbegleitet hatte, verabschiedeten sich auch die Fremden und

fuhren sofort ab. Dem Pfarrer aber mußte es nicht ganz wohl sein, denn

er blieb in seinem Stuhl sitzen und begleitete sie nicht einmal auf die

Treppe hinaus. Sobald die Fremden fort waren, kam die Pfarrfrau zu ihm

herein und sagte, sie habe im Saal ein kleines Abendbrot hergerichtet.

Nach alledem, was er heute durchgemacht habe, müsse er sich ein wenig

stärken. Aber er sagte nur, man solle ihn jetzt in Frieden lassen. Es

sei Samstagabend, und er müsse seine Predigt noch fertigmachen.

Er nahm auch seine Papiere aus der Schreibtischschublade heraus und

kritzelte ein paar Zeilen nieder. Aber mehr wurde nicht daraus, und er

warf die Feder wieder weg.

Dann schob er den Stuhl zurück, ging eine Zeitlang im Zimmer hin und

her, und schließlich legte er sich auf das Ecksofa.

Nun war es ganz still geworden, so still, daß die Kleine sich fragte, ob

er am Ende eingeschlafen sei. Durch einen Spalt in der Schranktür konnte

sie sehen, daß er auf dem Sofa lag; aber es gelang ihr nicht,

herauszubringen, ob er die Augen geschlossen hatte.

Wenn sie ganz sicher sein dürfte, daß er schliefe, wollte sie jetzt den

Versuch machen, sich davonzuschleichen. Sie war unbeschreiblich müde von

dem langen Stehen in dem engen Schrank. Und dabei war es doch so

notwendig, daß sie herauskam, damit sie mit der Pfarrerstochter und Frau

Beata sprechen konnte! Sie, sie konnte ihnen ja etwas mitteilen, über

das sie sich sehr freuen würden.

Jetzt hatte der Pfarrer so lange stillgelegen, daß es gar nicht anders

möglich war, er mußte eingeschlafen sein. Sie meinte, sie dürfe die

Schranktür wohl ein klein wenig zurückschieben, um zu erfahren, wie es

stehe. Ganz leise ging die Tür auf; aber der Pfarrer schlief nicht,

sondern starrte regungslos auf die gegenüberliegende Wand. Gerade als

die Kleine die Tür wieder zuziehen wollte, sah er auf und erblickte sie.

Er richtete sich auf und ging auf den Schrank zu. Da blieb der Kleinen

nichts anderes übrig, als die Tür aufzustoßen und herauszusteigen.

»Was soll das heißen?« sagte der Pfarrer. »Was hast du in meinem Schrank

zu tun?«

Er sah so streng aus, daß das arme Ding Angst bekam. Aber der Pfarrer

und sie waren immer gute Freunde gewesen; sie hatte ihn am liebsten von

allen auf dem Hofe, nach seiner Tochter natürlich. Und da sie nicht

wollte, daß er etwas Schlechtes von ihr denken solle, beeilte sie sich,

zu erzählen, daß die Pfarrfrau sie hier in dem Schrank zurückgelassen

habe, während er und die Fremden im Wohnzimmer gewesen seien. Sie seien

nur hereingekommen, des Herrn Pfarrers Sonntagsanzug zu holen.

Der Pfarrer blieb nachdenklich stehen. Dann sagte er: »Du kannst ruhig

die Wahrheit sagen, denn schlimmer als es ist, kann es nicht mehr

werden. Nicht meine Frau, sondern Maja Lisa ist es wohl gewesen, die

dich hier in den Schrank gesperrt hat?«

Die Kleine war so außer sich, daß sie kaum die Worte herausbringen

konnte.

»Die Pfarrerstochter!« rief sie. »Sie sollte mich in einen Schrank

einsperren, um da zu horchen? Da ist sie sich wirklich zu gut dazu.«

Der Pfarrer seufzte. »Es gibt wohl nicht viel, für das sie sich zu gut

ist«, sagte er. »Glaube ja nicht, ich werde noch ärgerlicher über dich

werden, wenn du gestehst, daß dich Maja Lisa hier hineingestellt hat. Du

sollst weder wegen des einen noch wegen des andern gescholten werden,

wenn du nur die Wahrheit sagst.«

Die Kleine wußte ganz bestimmt, daß sie, seitdem sie nach Lövdala

gekommen war, auch nicht ein unwahres Wort gesprochen hatte, und das

sagte sie dem Herrn Pfarrer auch.

Aber das war dem Pfarrer jetzt höchst gleichgültig. »Ich begreife ja,

daß Maja Lisa allen Grund hatte, Angst zu haben«, sagte er. »Und deshalb

begreife ich auch, daß sie dich gebeten hat, hier hereinzugehen, um zu

erlauschen, was wir hier sprachen. Die Frau Pfarrer aber hat ja mit der

Sache gar nichts zu tun.«

Die Kleine stand still da und erwiderte kein Wort. Sie wußte nicht, was

sie sagen durfte. Von der Pfarrerstochter war ihr streng verboten, dem

Pfarrer irgendeine Klatscherei über die Pfarrfrau zu hinterbringen, und

ihre eigene Mutter hatte dasselbe gesagt. Es war hier nicht wie in

Svansskog; dort hatte sie alles, was es auch sein mochte, erzählen

dürfen.

Als sie schwieg, schien der Pfarrer bestimmt anzunehmen, daß alles sei,

wie er glaubte, und er gebot ihr, sich zu entfernen.

Sie kam auch bis zur Tür; aber da rief er sie zurück. Es war ihm noch

etwas in den Sinn gekommen, worüber er sie befragen wollte.

»Hör' einmal!« begann er. »Da du solche Aufträge für Maja Lisa besorgt

hast, bist du vielleicht auch die, die ihr beim Schreiben dieses Briefes

geholfen hat? Denn er ist mit einer Kinderschrift geschrieben, und du

kannst ja lesen und schreiben.«

»Für Mamsell Maja Lisa habe ich nie einen Brief geschrieben«, sagte die

Kleine. »Aber für die Frau Pfarrer habe ich einmal einen geschrieben.«

»Ach so, du hast nur für die Frau Pfarrer geschrieben,« sagte der

Pfarrer, »aber für Maja Lisa nicht?« Man konnte es seinem Ton wohl

anmerken, daß er auch jetzt nicht glaubte, sie sage die Wahrheit.

»Vielleicht kannst du dich noch darauf besinnen, wovon der Brief

handelte, den du für die Frau Pfarrer geschrieben hast?«

Die Kleine erwiderte, sie könne ihn, wenn es der Herr Pfarrer wünsche,

Wort für Wort hersagen; und da befahl er ihr, es zu versuchen.

»Eigentlich bin ich des Schreibens nicht recht fähig,« fing nun die

Kleine an aufzusagen, »und so bitte ich, daß die geschätzte Jungfer

selbst nachdenken möge. Pfarrer Liljecrona hat jetzt eine gefunden, die

ihn glücklich machen würde, wenn Ihr nicht im Wege stündet. Wenn die

Jungfer gutwillig fortginge, so dürfte sie einer nie aufhörenden

Dankbarkeit gewiß sein, und für die Zukunft würde gesorgt werden.

Außerdem möge die Jungfer auch bedenken, daß man in der neuen Gemeinde

eine Pfarrfrau von unbescholtenem Lebenswandel verlangen würde ...«

Der Pfarrer winkte mit der Hand ab. »Das genügt«, sagte er, und dann sah

er die Kleine lange und prüfend an. »Und das soll in dem Brief gestanden

haben, den du für die Frau Pfarrer geschrieben hast?«

Ohne zu zögern, bejahte es die Kleine. Die Pfarrfrau habe ihr zwar

verboten, davon zu sprechen, daß sie lesen und schreiben bei ihr lernte,

aber von diesem Brief habe sie nie etwas gesagt.

Der Pfarrer zuckte nur die Achseln. »Jetzt siehst du selbst, wie du

lügst«, sagte er müden Tones. »Denn da du die ganze Zeit über in dem

Schrank dort gestanden hast, mußt du auch gehört haben, daß Maja Lisa

eingestanden hat, den Brief geschrieben zu haben.«

Die Kleine fühlte, daß sie rot wurde. Das konnte sie doch wirklich nicht

auf sich sitzenlassen. Es war zu schrecklich, daß der Herr Pfarrer

glaubte, sie lüge.

»Du kannst jetzt gehen«, sagte der Pfarrer. »Zuerst konnte ich nicht

begreifen, wie es gekommen sein könnte, daß der Brief nicht von Maja

Lisas Hand geschrieben war. Aber jetzt ist mir auch das klar. Du kannst

zu ihr gehen und ihr das sagen.«

Aber die Kleine ging nicht. »Es ist die Frau Pfarrer gewesen, die mich

den Brief hat schreiben lassen«, sagte sie. »Und sie ist es auch

gewesen, die mich in den Schrank eingesperrt hat.«

»Ihr beide, du und Maja Lisa, habt wohl miteinander ausgemacht, daß ihr

so sagen wollt?«

Der Pfarrer sah allmählich ernstlich böse aus, und die Kleine begriff,

daß sie fortgeschickt wurde, wenn sie ihn jetzt nicht durch irgend etwas

überzeugen konnte. Ratlos blickte sie sich nach allen Seiten um. Da fiel

ihr Blick auf die alte Einliegerin, die gerade am Fenster vorüberging.

»Sehet, Herr Pfarrer, da geht die vorbei, die mit dem Brief nach

Svansskog geschickt worden ist,« sagte sie, »und die könnte man gut

fragen, ob es die Pfarrerstochter oder die Pfarrfrau war, die sie damit

hingeschickt hat.«

Schon wollte der Pfarrer antworten, er wolle jetzt nichts mehr von der

Sache hören; aber in der Hartnäckigkeit der Kleinen lag etwas, was ihn

bezwang. Er stand auf und schritt auf die Tür zu. Als er diese dann aber

rasch öffnete, stieß er gegen jemand, der dicht, ganz dicht

davorgestanden hatte. Es war die Pfarrfrau.

Er warf einen Blick auf sie, blieb stehen und sah sie noch einmal an,

wie um sich zu vergewissern, daß sie es auch wirklich sei; darauf trat

er auf die Treppe hinaus und richtete ein paar Fragen an die Alte. Als

er zurückkehrte, war die Pfarrfrau verschwunden.

Nachdem er sich wieder auf seinen Stuhl am Schreibtisch niedergelassen

hatte, rief er die Kleine zu sich her. »Nun sollst du mir noch

erzählen, wie es zuging als du den Brief schriebst«, sagte er.

Und das Kind gab ihm so genaue Auskunft, daß ihm auch nicht der leiseste

Zweifel mehr blieb.

»Ich sehe, ich habe dir unrecht getan, Nora Sausewind«, sagte er dann.

»Zur Belohnung dafür darfst du jetzt zu Maja Lisa hinuntergehen und ihr

alles erzählen.«

Das brauchte er der Kleinen nicht zweimal zu sagen. Im nächsten

Augenblick schon war sie drüben in der Stube des Brauhauses, wo noch

großer Jammer herrschte, und erzählte alles, was vorgefallen war. Die

Pfarrerstochter hörte im Anfang kaum auf das, was sie sagte; aber

schließlich begriff sie doch, daß der geliebte Vater jetzt die Wahrheit

wußte, und da sprang sie auf und rief: »Großmutter, Großmutter! Ich muß

jetzt gleich zum Herrn Vater hinüber und sehen, wie es ihm geht!«

Aber im selben Augenblick ging die Tür auf, und der geliebte Vater stand

selbst auf der Schwelle.

Und es war nicht der Vater von gestern und heute, sondern vor ihr stand

der Vater der vergangenen Jahre, ein guter, liebevoller, treuer Vater,

der die Arme nach ihr ausbreitete!

Liljecronas Heimat · 第 22 / 28 题