Ein Frühlingsabend

An einem schönen Frühlingsabend war die Pfarrerstochter mit der Kleinen

im Freien. Sie war es von jeher gewohnt gewesen, sich am Abend eine

Weile draußen zu ergehen, und die Stiefmutter hatte sich dem nicht

widersetzt, sondern ihr nur befohlen, die Kleine mitzunehmen, weil es

sich für ein siebzehnjähriges Mädchen nicht schicke, allein auf der

Landstraße zu sein.

Wie immer ging sie auch jetzt in südlicher Richtung, denn da war der

beste Weg. Sie wanderte langsam dahin, und die Kleine konnte sich diesem

langsamen Tempo nur schwer anpassen. Bald lief sie voraus, bald blieb

sie eine große Strecke zurück, nur um sich wieder außer Atem laufen zu

können, bis sie die Pfarrerstochter einholte.

Der Weg führte den Waldhügel entlang, der die Grenze von Lövdala

bildete, und während nun die Pfarrerstochter so dahinwanderte, kam es

ihr ganz sonderbar vor, daß die Kleine auf der kurzen Wegstrecke, die

sie Abend um Abend hin und her wanderten, so viel Vergnügliches finden

konnte.

Da war zuerst das Echo. Die Kleine lief eiligst durch die Allee voraus,

um es hervorzulocken. Sie wußte, wo es sich fand. Ein kleines Stück auf

dem Weg draußen, gerade vor der Lövdaler Roggenscheune. Da blieb sie

stehen, drehte sich der Scheunenwand zu und begann zu rufen.

»Echo, Echo, sag' mir wahr!«

»Sag' mir wahr!« das Echo klang.

»Heirat ich in diesem Jahr?«

»Diesem Jahr!« das Echo klang.

»Ist mein Schatz ein schöner Mann?«

»Schöner Mann!« das Echo klang.

»Kommt mit vielen Gold er an?«

»Gold er an!« das Echo klang.

»Sprichst du Wahrheit? Lüg' nicht an!«

»Lüg' nicht an!« das Echo klang.

Die Pfarrerstochter selbst hatte vor ein paar Monaten die Kleine diese

Reime gelehrt; aber damals war eben alles ganz anders gewesen als heute.

Jetzt hatte sie keine Kraft, mit dem Echo zu scherzen.

Die Kleine blieb ihr nun an der Seite, bis sie eine Kiesgrube

erreichten, die links vom Wege dicht unter dem Bergabhang lag. Aber hier

verließ die Kleine die Pfarrerstochter und sprang in die Grube hinunter,

wo sie dann zwischen den heruntergefallenen Steinen eifrig nach

Katzengold suchte. Erst als sie die Pfarrerstochter an der Wegbiegung

aus den Augen verlor, jagte sie wieder hinter ihr her.

Dann gingen sie miteinander bis an den Bach. Der Kleinen war es ganz und

gar unbegreiflich, daß Mamsell Maja Lisa an dem Bach vorübergehen

konnte, ohne stehenzubleiben, ja ohne auch nur einen Blick auf ihn zu

werfen. Wildschäumend brauste er von der bewaldeten Höhe herab und

bildete einen Wasserfall um den andern, den einen immer großartiger als

den andern, bis er unten beim Wege angelangt war. Wenn er sich dann aber

brausend und schäumend unter der Brücke durchgezwängt hatte, wollte er

nicht mehr in dem alten Bett bleiben, sondern riß sich los und trat über

seine Ufer. Aber das konnte die Kleine nicht leiden. Sie eilte an den

Wegrand hin und begann zu graben und einzudämmen, um das Wasser in sein

altes Bett zurückzuzwingen.

Sie wäre sehr dankbar gewesen, wenn die Pfarrerstochter angehalten

hätte, um ihr zu helfen. Aber ach, die Pfarrerstochter konnte mit

knapper Not auf dem ebenen Weg weiterkommen! Sie hatte das Gefühl, als

schleppe sie sich nur noch dahin. In andern Jahren hatte sie auch beim

Eindämmen des Baches mitgeholfen, aber da war sie ja noch ein Kind

gewesen.

Plötzlich blieb sie stehen, denn auf einmal begriff sie, was ihr

widerfahren war: Ach, alt war sie geworden, die Jugend und die

Jugendlust waren von ihr genommen!

Die Pfarrerstochter wanderte langsam immer weiter, und schließlich mußte

die Kleine den Bach im Stich lassen und ihr folgen. Aber sie hielt sich

nicht lange auf dem geraden Wege.

Jetzt kamen sie an ein Gatter, das auf einen eingefriedigten Weideplatz

führte, wo man immer die ersten Anemonen fand. Sie waren noch nicht

aufgeblüht, aber jetzt war der Frühling so weit vorgeschritten, daß man

sie jeden Tag erwarten konnte. Die Kleine machte das Gatter auf, um ein

bißchen hineinzulugen. Sie hatte sich fest vorgenommen, die zu sein, die

in diesem Jahre die erste Anemone nach Hause brachte.

Aber die Pfarrerstochter ging weiter wie eine alte, alte Frau und zeigte

nicht die geringste Lust, Frühlingsblumen zu suchen.

Etwas weiterhin hatte die Kleine einen alten Freund, den sie nie zu

begrüßen vergaß. Das war ein Käuzchen, das in der großen hohlen Birke,

dem größten Baum auf ganz Lövdala, wohnte. Die Kleine nahm ein Hölzchen

und steckte es in die Behausung des Käuzchens hinein; sogleich streckte

der Vogel einen Fuß heraus und versuchte das Hölzchen hinauszuschieben.

Noch nie hatte die Kleine mehr von dem Käuzchen zu sehen bekommen als

diese großen Klauen. Das wußte die Pfarrerstochter wohl, denn sie war

früher auch bei dem Käuzchen stehengeblieben, um es zu necken. Jetzt

konnte sie nicht begreifen, daß ihr das je Vergnügen hatte machen

können.

Sobald sie an der Birke mit dem Käuzchen vorbei waren, kam die Kleine

eilig dahergelaufen, und nun, das wußte die Pfarrerstochter recht gut,

würde ihr das Mädchen eine Weile nicht von der Seite weichen. Denn nun

mußten sie an dem alten moosbewachsenen Feldmäuerchen vorüber, in dessen

Nähe es nicht ganz geheuer war. Ach, die Pfarrerstochter sehnte sich in

die Zeit zurück, wo auch sie sich vor dem schauerlichen Pfarrer ohne

Kopf gefürchtet hatte, der einem gerade hier bei dem Feldmäuerchen

begegnen konnte.

Es ging jetzt bergauf; und die Pfarrerstochter merkte, daß sie nicht nur

wie eine Schnecke dahinschlich, nein, es war ihr, als könne sie den

Gipfel des Hügels nie und nimmer erreichen.

Weiter als bis auf den Gipfel dieses Hügels pflegte sie nie zu gehen. Da

droben lag dicht am Wegrand ein großer Felsblock, und auf diesen setzte

sie sich dann eine Weile. Auf der Vorderseite des Felsens war ein

kleiner Sitzplatz ausgehauen, gerade groß genug, daß sie und die Kleine

zur Not darauf Platz hatten. Maja Lisa schloß die Augen und fühlte sich

so müde, daß sie nichts sagen konnte, und die Kleine verhielt sich auch

ganz still. Einmal öffnete die Pfarrerstochter die Augen und schaute

sich um, weil sie geglaubt hatte, die Kleine sei aufs neue

ausgeschwärmt. Aber sie saß noch neben ihr und strich sachte mit der

Hand über einen Zipfel von Mamsell Maja Lisas Kleid, der zufällig auf

ihrem Knie liegengeblieben war.

Ach, alles war so betrübt für die Pfarrerstochter, für sie, die Lövdala

und das ganze Kirchspiel hätte erben sollen! Es kam ihr vor, als sei

dieses Kind hier jetzt der einzige Mensch, der sie nicht verlassen

hatte.

Ja, gerade deshalb fühlte sie sich alt und schwach, weil sie von allen

verlassen worden war. Sie war ebenso einsam wie jemand, dem alle seine

Freunde gestorben und ins Grab gesenkt worden sind.

Seit jenem Tage in Svansskog war sie mit niemand mehr zusammengetroffen,

der ihr wohlwollte und sich ihrer annahm. Nachdem sie wieder daheim war,

hatte sie zuerst jeden Tag erwartet, es werde jemand kommen, der sie

von aller ihrer Not und Drangsal befreite. Sie wußte nicht, wer kommen

sollte, und wußte auch nicht, wie er es anstellen sollte, ihr zu helfen;

aber sie meinte, in jenen beiden Tagen habe sich soviel Merkwürdiges

zugetragen, und wenn es so gut angefangen hatte, müßte es auch so

weitergehen.

Aber seither war ein Tag um den andern vergangen, ohne daß sich irgend

etwas ereignet hatte. Woche folgte auf Woche, und eine war der andern so

ähnlich gewesen, daß Maja Lisa sie in ihrer Erinnerung nicht

auseinanderhalten konnte.

Ja, unbegreiflich und sonderbar war es, daß alles so ruhig um sie her

verblieb. Manchmal bildete sie sich ein, es müßten weit draußen in der

Welt Dinge geschehen, die sie angingen. Bisweilen fühlte sie sich von

Stimmen umgeben, die mit ihr sprachen, bisweilen auch überkam sie Angst,

weil sich niemand nach ihr sehnte und ihr zu Hilfe kam. Aber der ganze

Februar, der ganze März und fast der ganze April waren jetzt vergangen,

und bis zum heutigen Tag war weder Botschaft noch Brief zu ihr gedrungen

von denen, die frei waren, die sich bewegen konnten, wie sie wollten,

und die nicht in einem eisernen Käfig eingesperrt waren.

Nun wurde ihr allmählich klar: -- niemand würde kommen. Sie mußte ihren

Kampf allein auskämpfen, ohne irgendwelche Hilfe. Aber ach, es war so

schwer, alle Hoffnung aufzugeben! Nun hatte sie gemeint, recht starke

und gute Freunde gefunden zu haben, und sie konnte es noch nicht

fassen, daß sie sich gar nicht um sie kümmerten.

Der alte Felsblock, auf dem sie saß, sollte schon zu der Zeit hier am

Wegrand gelegen haben, als Lövdala nur eine Sennerei mitten im wilden

Walde gewesen war, zu der die Sennerinnen jeden Sommer mit ihren Kühen

und Geißen zogen. Da habe einmal ein junger Bursche einen Sitzplatz in

den Felsen gehauen, damit sein Schatz ein Plätzchen zum Ausruhen hätte.

Hier vom Gipfel des Berges, auf dem der Felsblock lag, konnte man bis

zum Lövsee und zur Kirche hinsehen, und sicher hatte von denen, die die

Herde hier weideten, gar oft ein Mädchen hier gesessen und nach jemand

ausgeschaut, der sie abholen und aus der Einöde zu den Menschen

zurückführen würde. Ja, Maja Lisa fühlte, wenn sie hier saß, ganz

deutlich, daß an diesem Platz oft mit bitterem Heimweh gekämpft worden

war.

Die Pfarrerstochter stützte den Kopf in die Hand und seufzte. Wer ihr

helfen wollte, mußte bald kommen, denn lange konnte sie es jetzt nicht

mehr aushalten. Sie litt zwar an keiner eigentlichen Krankheit, aber sie

siechte vor Kummer und Verlassenheit dahin.

Und nicht ihr allein tat Hilfe und Rettung not, nein, ganz Lövdala war

in Gefahr. Diese ihre Heimat, wo sie jeden Stein liebte, war dem

Verderben geweiht.

Es war jetzt erst Ende April, und man fror beim Stillsitzen auf dem

kalten Stein. Sie machte sich langsam auf den Heimweg. Dabei dachte sie

aber nicht mehr an sich selbst, sondern nur noch an Lövdala.

Eines Sonntags, es war Ende März gewesen, war der Vater mit der

Nachricht von der Kirche heimgekommen, Pastor Liljecrona habe bei dem

König um die Erlaubnis nachgesucht, seine Bewerbung um die Propstei in

Sjöskoga zurückziehen zu dürfen.

Der Vater hatte beim Mittagessen davon gesprochen, und Maja Lisa war

sehr rot und erregt geworden. Sie hatte den Vater sofort gefragt, warum

Pastor Liljecrona denn die große Pfarrei nicht angenommen habe. Aber

darauf hatte der Vater keine Antwort geben können. Er wußte nur, daß

Pastor Liljecrona außerordentlich viel für seine Gemeindeglieder tue,

und sagte dann, Liljecrona müsse ein besonders edler Mann sein, wenn er

auf Wohlstand und eine hohe Stellung verzichten könne, um bei denen zu

bleiben, die ihn brauchten.

Auch die Stiefmutter hatte sich ganz auffallend für Vaters Neuigkeit

interessiert. Sie fragte, ob es denn auch wirklich wahr sei, daß

Liljecrona Sjöskoga ganz aufgegeben habe? Und als Vater ihr dies

bestimmt versicherte, war die Mutter in ihrer rücksichtslosen Weise

vorgegangen und hatte gesagt, sie meine, nun sollte sich Vater darum

melden.

Der gute Vater war gewiß nicht oft in seinem Leben sprachlos gewesen,

aber jetzt blieb er stumm und still sitzen und starrte die Mutter nur

an. Er sah fast entsetzt aus, wie wenn er es geradezu für ein Unglück

hielte, daß Mutter diesen Gedanken gefaßt hatte. Ach, er war wohl nicht

mehr recht sicher, ob er die Kraft hätte, ihr eine abschlägige Antwort

zu geben.

Auch Maja Lisa war ganz bestürzt. Fast hätte sie geglaubt, die

Stiefmutter scherze; aber dazu war diese nicht angetan. Es war auch gar

nicht so töricht gedacht -- Maja Lisa hatte selbst oft gemeint, ihr

Vater sollte von Rechts wegen mindestens Bischof werden --, aber seit er

den Schlaganfall gehabt hatte, wäre es ja das größte Unrecht, wenn man

ihn anspornen wollte, sich um ein großes, geschäftsvolles Amt zu

bewerben. Der Vater war allerdings in der letzten Zeit viel frischer und

jetzt wieder fast ganz wie früher, aber Mutter wußte doch recht gut, daß

er nicht mehr bei seiner vollen Kraft war.

Maja Lisa hatte sich gezwungen, zu schweigen. Wenn sie sich mit ihren

Einwendungen hervorgewagt hätte, wäre die Stiefmutter erst recht in

Eifer geraten. Als die Mutter dann weder von dem einen noch von dem

andern eine Antwort erhielt, hatte sie weiter über die Sache geredet.

»Wenn man zu lange auf einer Stelle sitzenbleibt,« sagte sie, »wird man

vor der Zeit alt. Nichts trägt sosehr dazu bei, die Bequemlichkeit

abzuschütteln, als in eine neue Arbeit hineinzukommen.«

Maja Lisa hatte gedacht, Vater sei schon zu weit in den Jahren

fortgeschritten, als daß er durch vermehrte Arbeit wieder frisch gemacht

werden könnte; aber immer noch gelang es ihr, zu schweigen. Darauf hatte

die Stiefmutter weitergesprochen, als ob es schon beschlossene Sache

sei, daß Vater auf ihren Vorschlag eingehe: Natürlich werde ja die ganze

Wahl noch einmal vorgenommen, und jedenfalls müsse Vater morgen nach

Karlstadt fahren, um sich danach zu erkundigen; ja, das beste wäre, er

führe gleich nach Stockholm und meldete sich persönlich bei Seiner

Majestät. Sie wisse, wie gelehrt Vater sei und wie leicht er gute

Empfehlungen bekommen könne, weil er ja mehrere Jahre bei den hohen

Herren, die jetzt an der Spitze standen, Hauslehrer gewesen sei.

Bis jetzt hatte sich Maja Lisa nur für den Vater geängstigt; aber nun

fiel ihr noch etwas anderes ein, und da konnte sie sich nicht länger

beherrschen, sondern sie unterbrach die Mutter und sagte:

»Wenn Vater nach Sjöskoga zieht, kann er ja Lövdala nicht behalten.«

Darauf hatte sich die Stiefmutter an Maja Lisa gewandt, und zugleich

hatten sich ihre Finger so gekrümmt, daß sie wie Krallen aussahen, und

mit ihrer rauhen Stimme, die durch den Haß und Widerwillen, den sie

gegen Maja Lisa hegte, fast undeutlich klang, erwiderte sie:

»Dein Vater ist doch nicht verpflichtet, sein Leben lang hier zu sitzen

und Lövdala für dich zu hüten. Lövdala könnte er leicht loswerden, dann

wäre er ein freier Mann und könnte eine Stellung einnehmen, die passend

für ihn ist.«

Der Vater war nun fertig mit essen, und so stand er rasch vom Tische

auf. Er war nur zu froh, diese Unterhaltung abbrechen zu können.

Aber jetzt wußte Maja Lisa, was die Stiefmutter damals gemeint hatte,

als sie sagte, sie wolle Maja Lisa schon noch weinen lehren. Der Vater

mußte sich um Sjöskoga bewerben, nur weil die Mutter wußte, daß Maja

Lisa ihre Heimat über alle Maßen liebte und daß ihr nichts ein so

unheilbares Herzeleid zufügen würde als der Verlust ihrer Kinderheimat.

Eine ganze Woche ungefähr mußte die Mutter den guten Vater bearbeiten,

ehe sie ihn einigermaßen gefügig gemacht hatte. Dann hatte aber auch die

Stiefmutter jeden Tag bitten und drohen und ihren ganzen Willen

einsetzen müssen, daß Vater wenigstens nach Karlstadt fahren sollte, um

sich nach der Lage der Dinge zu erkundigen. Aber bis zuletzt hatte es

ausgesehen, als sollte es ihr nicht gelingen, und sie hätte den Versuch

schließlich doch noch aufgeben müssen, wenn ihr nicht etwas zu Hilfe

gekommen wäre.

Der gute Vater war jetzt schon zwanzig Jahre Pfarrer in Svartsjö, und in

dieser ganzen Zeit hatte er viele Sorgen und vielen schweren Kummer

gehabt. Zuerst hatte die Kirche neugebaut werden müssen. Die alte war

nämlich abgebrannt, und da mußte er ja für die Wiederaufrichtung sorgen.

Der Vater hatte nicht allein beim König um Unterstützung bitten, sondern

auch die Hilfe vieler hoher Herren in Anspruch nehmen müssen, und er war

überdies von Kirchspiel zu Kirchspiel gereist, um Beiträge zu sammeln.

Als die Kirche endlich fertig dastand, war sie auch in erster Linie

Vaters Werk, und seine Gemeinde hatte ihm viel Dank und Ehre dafür

zuteil werden lassen.

Aber in der letzten Zeit war es Vater sicher aufgefallen, daß sich seine

Gemeindeglieder allmählich von ihm zurückzogen. Sie kamen nicht mehr

wie früher, ihn in allen Angelegenheiten zu Rate zu ziehen. Oh, Maja

Lisa wußte wohl, woher es kam! Die Leute glaubten, die Stiefmutter

diktiere jetzt Vaters Ratschläge; aber das wußte der gute Vater nicht,

er fühlte sich nur zurückgesetzt.

Und gerade wie mit der Gemeinde ging es mit dem eigenen Gesinde. Das

Lövdaler Wohnhaus war ja zu Vaters Zeiten damals mit der Kirche

abgebrannt, und er hatte schwere Sorgen und große Ausgaben gehabt, bis

es wieder aufgebaut war. Alle Leute auf dem Hofe, die schon lange vor

Vaters Zeiten da dienten, hatten sich von Herzen über alles gefreut, was

Vater als Baumeister und Landwirt zustande gebracht hatte, und wohin er

kam, begegnete er immer freundlichen Gesichtern. In der letzten Zeit

jedoch war das anders geworden. Vater sah mürrische Gesichter, sowohl im

Gesindehaus als in der Küche, und er wollte es durchaus nicht der zur

Last legen, die allein schuld daran war, sondern fragte sich nur immer,

warum sich denn die alten guten Dienstboten so undankbar und

unfreundlich zeigten?

Dies alles half der Stiefmutter in hohem Grad, als sie Vater wegen der

Meldung um Sjöskoga bearbeitete. Aber es wäre ihr sicher trotz allem

nicht geglückt, wenn nicht auch noch die ärgerliche Geschichte mit dem

Kätner Vetter dazugekommen wäre.

Die Pfarrerstochter fühlte sich so müde und matt, daß sie sich nicht

recht erinnern konnte, wann das eigentlich gewesen war. Aber sie meinte,

es sei wohl Mitte März gewesen, als die Stiefmutter sich vor Angst fast

nicht mehr lassen konnte -- weil Vetter aus dem Gefängnis entlassen

wieder heimkam.

Vetter wohnte in einer kleinen Kate, eine Strecke nördlich von Lövdala,

und eigentlich hätten alle erschrecken müssen, als es ruchbar wurde, daß

er wieder da sei, denn Vetter war ein Erzdieb. Aber nun war er schon

seit vielen Jahren der Nachbar von Lövdala, und so dachte man nicht

weiter darüber nach, ob er daheim war oder nicht, insbesondere nicht,

weil man wußte, daß er klug genug war, bei seinen nächsten Nachbarn

keinen Einbruch zu verüben.

Sooft Vetter aus dem Gefängnis entlassen wurde, gelobte er sich, nun

ordentlich daheim zu bleiben; aber er vermochte eben sein Gelübde doch

nicht zu halten. Er hatte Freude an seinem Handwerk und war ebenso stolz

auf seine Geschicklichkeit im Stehlen wie die Stiefmutter auf ihre

Kochkunst. Die Folge davon aber war, daß Vetter den größten Teil seines

Lebens im Gefängnis saß. Als Vater und Mutter heirateten, saß er eben

auch wieder hinter Schloß und Riegel, und die Stiefmutter hatte deshalb

keine Ahnung davon gehabt, daß ihr nächster Nachbar ein berüchtigter

Dieb war.

Jetzt aber wurde die Stiefmutter von einer übermäßigen Angst befallen,

die ihr fast den Verstand raubte. Sie glaubte ohnedies, alle Menschen,

Vater kaum ausgenommen, seien Diebe, und lebte in beständiger Angst um

ihr Eigentum. Während der vielen Jahre, die sie als Haushälterin in

vornehmen Häusern verbracht hatte, waren ihr eine Menge Silbersachen

geschenkt worden, und sie verwahrte diese in einem Schrein, den sie

jede Nacht unter ihr Bett stellte. Dieses Silber war ihr das Liebste,

was sie besaß, und jetzt, wo sich ein so berüchtigter Dieb in der Nähe

aufhielt, war sie der festen Überzeugung, es zu verlieren.

Die Stiefmutter hatte zwar ihre Schränke und Truhen schon vorher so gut

verschlossen und verriegelt wie nur immer möglich; aber seit Vetter

zurück war, hatte sie kaum noch für etwas anderes Zeit, als die

Schlüssel an ihrem Schlüsselbund zu zählen. Abends holte sie eine große

Axt aus der Geschirrkammer und lehnte sie an ihr Bett, auch ließ sie

Vater keine Ruhe, bis er eine geladene Flinte über seinem Bett

aufhängte.

Vater versuchte sie zu beruhigen und sie zu überzeugen, daß Vetter bei

seinen Nachbarn niemals etwas stehle; aber auch er konnte ihr die

unvernünftige Angst nicht austreiben.

Nachdem Vetter indes ein paar Tage daheim war, machte er wie gewöhnlich

einen Besuch auf Lövdala. Mutter stand eben in der Küche, sah ihn am

Fenster vorbeigehen und fragte gleich, wer das sei.

»Das ist ja der Vetter«, sagte die Haushälterin, ohne eine Spur von

Verwunderung. »Er kommt natürlich, um dem Herrn Pfarrer seine Rückkehr

zu melden.«

Das hatte die Stiefmutter nicht erwartet, denn der Mann, der da in die

Studierstube hineingegangen war, hatte ja ganz wie ein ehrbarer,

biederer Bauersmann ausgesehen. Ihre Beine versagten ihr den Dienst, und

sie sank entsetzt auf einen Stuhl nieder.

So rasch sie es vermochte, raffte sie sich wieder auf, eilte ins Zimmer

hinein, ergriff ihren Silberkasten, setzte sich damit auf das Kanapee im

Saal und hielt ihn, solange Vetter beim Pfarrer drinnen war, fest

umschlungen.

Aber Mutter durfte recht lange mit ihrem Silberkasten im Arm da

sitzenbleiben, denn Vater hatte von jeher eine gewisse Schwäche für

Vetter gehabt und ließ ihn nicht gehen, bis er ihm alle seine Streiche

berichtet hatte. Und dann mußte ihn ja Vater auch noch ein wenig

ermahnen, damit es nicht aussah, als habe er Vetter nur zu seinem

Vergnügen schwatzen lassen.

Danach hatte sich Mutter wegen der Sachen, die sich im Wohnhaus

befanden, doch etwas beruhigt. Um so größere Angst hatte sie aber um

ihre Kisten in den Nebengebäuden und noch am allermeisten um das

Vorratshaus. Dieses hatte nur ein altes, schlechtes Schloß; wer nur

immer wollte, konnte es aufmachen. Wenn man den Schlüssel nicht bei sich

hatte, ließ es sich ganz leicht mit einem Hölzchen öffnen.

In derselben Woche nun, wo so viel über Sjöskoga verhandelt wurde, ließ

Mutter den Schmied Olaus kommen, der besonders geschickt in seinem

Handwerk war, und bestellte ein neues Schloß bei ihm, das so kunstreich

sein sollte, daß es jedem Dieb Widerstand leisten würde.

Und vier volle Tage hindurch stand Olaus in seiner Schmiede; aber dann

hatte er auch ein so großes und hartes Schloß hergestellt, daß selbst

Mutter den Schlüssel kaum umzudrehen vermochte.

Als dieses Schloß dann glücklich in der Tür des Vorratshauses saß, war

die Mutter ganz glücklich. Sie schloß es am Abend selbst zu, nahm den

Schlüssel mit in ihr Schlafzimmer und sagte, in dieser Nacht werde sie

ruhiger schlafen als seit vielen Tagen.

Am nächsten Morgen, als Mutter erwachte, lag der große Schlüssel

unberührt unter ihrem Kopfkissen; aber das hatte nicht verhindert, daß

im Vorratshaus etwas höchst Absonderliches vorgefallen war.

Dort war zwar die Tür ebenso fest verschlossen wie am vorhergehenden

Abend, aber nichtsdestoweniger waren alle beweglichen Gegenstände, die

darin gewesen waren -- Fleischbottiche und Bretter voll gebackenem Brot,

Schinken und Würste, Maße und Gewichte, Kübel und Säcke --,

hinausgetragen und auf den Stufen des Vorratshauses in Reih' und Glied

aufgestellt.

Wie gesagt, alles miteinander war herausgetragen, aber nichts gestohlen;

und als man alles da vor der wohlverschlossenen Tür stehen sah, mußte

man sich wohl verwundert fragen, wie denn das zugegangen war.

Die Mutter dachte natürlich sofort -- und das dachten alle andern auch

--, Vetter sei da am Werk gewesen. Aber als sie nachsah und nachzählte

und fand, daß auch nicht ein einziges Stückchen Brot fehlte, konnte sie

diesen Dieb einfach nicht begreifen.

Als Vater später seinen Morgenspaziergang machte, begegnete er indes dem

Vetter, und da erhielt er die Erklärung.

»Vetter, Vetter!« sagte Vater. »Was hat Er da gemacht? Ist Er heute

nacht in meinem Vorratshaus gewesen?«

Vetter sah ganz gekränkt aus, und er antwortete: »Der Herr Pfarrer kann

die Frau Pfarrer von mir grüßen und sagen, ich stehle nie bei

Herrschaften. Aber sie solle doch ja nicht meinen, weil sie so gute

Schlösser habe, könnte ich mir das nicht holen, was ich haben möchte.«

Ach, ach! Wenn der gute Vater noch wie früher gewesen wäre, hätte er

sich lange Zeit an diesem Ausspruch ergötzt; jetzt aber nahm er Ärgernis

daran. Der Vater wußte wohl, daß diese Geschichte im ganzen Kirchspiel

bekannt wurde, und daß seine Frau, ja vielleicht auch er selbst, von

jedermann darüber ausgelacht würde.

Vater hatte Vetter offenbar kein Wort erwidert. Ach, in seinem Herzen

stieg wohl das Gefühl auf, er werde von allen hintergangen und habe

keinen Freund mehr in seiner Gemeinde. Und da dachte er, es wäre gewiß

am besten, wenn er von Svartsjö wegginge.

Als er auf den Hof zurückkam, sagte er zu Mutter, er wolle am nächsten

Tag nach Karlstadt fahren, um sich wegen Sjöskoga zu erkundigen.

Er war dann auch dort gewesen und wieder zurückgekommen, und es hatte

wirklich ausgesehen, als sollte die Stiefmutter recht behalten, denn bei

seiner Rückkehr war er ganz aufgeräumt. Er war nicht allein in

Karlstadt, sondern auch in Stockholm gewesen, wo man ihm alle Hoffnung

gemacht hatte, und nun zweifelte er gar nicht daran, daß er von Svartsjö

fortkommen werde.

Eine sonderbare Neuigkeit hatte Vater indes auf dieser Reise auch

gehört; Pastor Liljecrona in Finnerud hatte sich im Frühling

verheiratet. Es sollte eine ganz geringe Person sein, durchaus keine

gute Partie. Vater hatte auch gehört, dies sei die Veranlassung gewesen,

warum er in Finnerud geblieben war.

Maja Lisa hatte den Vater nicht genauer darüber auszufragen gewagt, weil

der Mutter Augen die ganze Zeit durchdringend auf sie gerichtet waren.

Aber nun hatte sie jedenfalls erfahren, warum ihre erhofften Nothelfer

nichts von sich hören ließen. Und diese Nachricht war der hauptsächliche

Grund, warum sie so mutlos geworden und alle Hoffnung verloren hatte.

Pastor Liljecrona war ihr damals kampftüchtig und entschlossen

vorgekommen; sie hatte sich auf ihn verlassen wie auf einen Bruder, und

bis dahin hatte sie auch immer erwartet gehabt, er werde in seiner

ganzen stürmischen Jugendkraft eines Tages angefahren kommen und alles

für sie recht und gut machen.

Liljecronas Heimat · 第 21 / 28 题