Am Erscheinungsfest waren der Pfarrer und die Pfarrfrau in die Kirche
gefahren; jetzt nach Schluß des Gottesdienstes befanden sie sich auf dem
Heimweg. Die Pfarrfrau fror im Schlitten, nachdem sie zwei Stunden lang
ruhig in der kalten Kirche gesessen hatte, und mit Befriedigung dachte
sie daran, daß sie nicht gleich bis Lövdala fahren mußten, sondern die
Fahrt schon in Loby unterbrechen durften; denn dort sollten sie an einer
großen Bauernhochzeit teilnehmen, und sie hatten dadurch mindestens eine
Viertelmeile weniger vor sich.
Die Pfarrfrau mußte immerfort daran denken, wie ungeschickt es doch war,
daß das Pfarrhaus eine volle Meile von der Kirche entfernt ganz an der
Grenze des Kirchspiels lag. Die Kirche dagegen hatte eine sehr gute Lage
mitten im Dorfe, sie war von allen Seiten leicht zu erreichen. Beim
Pfarrhaus dagegen war es ganz anders; von den südlichst gelegenen Höfen
hatte man wohl ein paar Meilen bis zum Pfarrhaus zu fahren.
Und wie schwer war es für die Pfarrfrau, jeden Sonntag in die Kirche zu
kommen, wie es doch die gute Sitte verlangte. Vier Stunden gingen drauf,
bis man wieder daheim war, ja an dem Abendmahlsonntag zog sich die
Fahrt oft fünf bis sechs Stunden hinaus.
Wenn sie dann heimkam, hatte gewiß die alte Haushälterin das Essen zu
früh gekocht, das dann schon mehrere Stunden gestanden hatte und ganz
trocken und verbrannt war.
Sooft die Pfarrfrau so frierend und hungrig von der Kirche heimfuhr, kam
sie immer wieder auf dieselben Gedanken: Wenn man doch irgendeine
Möglichkeit ausfindig machen könnte, den Weg nach der Kirche zu
verkürzen.
Auch wenn es sich nur darum gehandelt hätte, die Dorfbewohner zu
überreden, den alten Pfarrhof zu verkaufen und einen neuen zu erwerben,
der etwas näher bei der Kirche lag, so wäre das schon an und für sich
recht schwierig gewesen; aber die Sache war noch viel verwickelter.
Liebster Himmel, wie verdrießlich war es doch! Fürs erste war Svartsjö
nur ein Annex des großen Broer Pastorats. Schon von alten Zeiten her war
der Propst in Bro der erste Geistliche von Svartsjö, und die halbe
Besoldung fiel von vornherein an ihn. Daran konnte natürlich nichts
geändert werden. Sonst hätte man es ja nur recht und billig finden
können, daß ihr Mann, der die ganze Arbeit versah, auch das ganze Gehalt
bekomme. Aber er war nur ein Hilfsgeistlicher und mußte sich mit der
Besoldung begnügen, die die Hilfsgeistlichen im allgemeinen bekamen.
Überdies war es auch eine kleine und arme Gemeinde, und wenn der Pfarrer
nur von dem hätte leben sollen, was er von der Gemeinde erhielt, wäre er
längst ein richtiger Herr von Habenichts geworden.
Nein, wenn der Pfarrer von Svartsjö es ein wenig besser hatte als andere
Hilfsgeistliche, kam dies daher, daß er außer seiner Amtswohnung noch
einen eigenen Hof besaß, von dem er seinen Unterhalt bezog. Wenn er den
nicht gehabt hätte, wäre es längst schief bei ihm gegangen.
Sie, die Pfarrfrau, mußte natürlich sehr froh über den Besitz von
Lövdala sein. Und sie war auch die letzte, die sich darüber beklagte. Es
war ein prächtiger Hof mit einem schönen Haus und gutem Ackerboden. Das
einzige, was sie daran auszusetzen hatte, war eben der weite Weg zur
Kirche.
Aber einen anderen Fehler hatte Lövdala außerdem auch noch. Wer immer da
wohnte, hielt sich stets für besser als andere Leute. Sie konnte
allerdings nur darüber lachen, sie, die wirklich vornehme Häuser gesehen
hatte! Aber hier im Kirchspiel hielt man es tatsächlich für vornehm,
wenn man auf Lövdala wohnte. Ja, sogar die Gräflichen auf Borg standen
nicht in so hohem Ansehen wie die Pfarrleute.
Was sie, die Pfarrfrau selbst, betraf, so hatte sie nie begreifen
können, woher das kam. Noch vor hundert Jahren war ganz Lövdala nichts
anderes als ein Bauernhof gewesen, allerdings vielleicht ein recht
großer und reicher, denn die prächtigen Felder auf dem alten Seegrund
gehörten ja dazu; aber es war eben doch nur ein echter und gerechter
Bauernhof gewesen, und sie konnte ihn auch heutigestags kaum für etwas
anderes erklären. Aber hier oben in Värmland fand sich natürlich
niemand, der gewußt hätte, wie ein richtiger Herrenhof aussah.
Besonders merkwürdig war es auch nicht, daß ein Bauernsohn aus diesem
reichen Hofe studiert hatte, daß er dann ein ärmliches Pfarrerexamen
machte und Hilfsgeistlicher in Svartsjö wurde. Und wenn er schließlich
die Tochter eines Propstes geheiratet hatte, so war das wirklich noch
nichts so Unerhörtes, mit dem man sich so schrecklich zu haben brauchte.
Weiter als bis zum Hilfsgeistlichen in Svartsjö hatte er es trotzdem
nicht gebracht, sondern er war seiner Lebtage dageblieben. Es hieß zwar,
er sei ein tüchtiger Mann gewesen, aber das konnte man nur schwer
begreifen.
Er hatte es allerdings gut gehabt, weil er Lövdala von seinen Eltern
geerbt hatte und da wohnen konnte. Da hatte er nicht den Bauern schöntun
müssen, um seine Abgaben oder die opferwilligen Beiträge zu bekommen; er
saß auf seinem eigenen Hof, tat, was er wollte, und war so gut wie einer
von ihnen -- und gerade das hatte ihnen wohlgefallen, den Bauern und
ihm!
Zur Zeit des ersten Lövdaler Pfarrers hatte die Gemeinde wahrscheinlich
noch kein eigenes Pfarrhaus für den Hilfsgeistlichen besessen; jetzt
aber war eines da, ein kleiner Hof, der dicht neben Lövdala lag.
Sie, die Pfarrfrau, dachte, die Bauern hatten so recht ihre bekannte
Bauernschlauheit bewiesen, als sie das Pfarrhaus da hingestellt hatten,
denn sie hatten ganz und gar nichts danach gefragt, wie weit der Pfarrer
da von der Kirche entfernt war. O nein, etwas ganz anderes hatten sie
dabei im Auge gehabt, und das war ihnen ja auch geglückt! Der zweite
Lövdaler Pfarrer hatte nämlich eine Tochter des ersten geheiratet,
dadurch Lövdala geerbt und dann da gewohnt. Auf diese Weise wurde auch
er ein Großbauer, der sein eigner Herr war und nicht nur ein ärmlicher
Hilfsgeistlicher. Und auch dieser war sein Leben lang in Svartsjö
geblieben. Er sollte indes ein außerordentlich guter Prediger gewesen
sein; aber auch das konnte sie, die Pfarrfrau, nicht glauben. Sie
dachte, nur weil er eine von ihren Pfarrerstöchtern geheiratet und auf
Lövdala gewohnt hatte, behaupteten die Svartsjöer, er habe ein großes
Talent zum Predigen gehabt.
Die Pfarrfrau hob den Muff in die Höhe und drückte ihn vors Gesicht. Der
Weg führte mitten durch den Seegrund, und der kalte Blasewind, der da
immer wehte, fegte ihr um die Ohren.
Aber dadurch kreisten ihre Gedanken nur noch schneller.
Ja, gerade das, daß die Pfarrer in diesem Dorfe notwendigerweise auf
Lövdala wohnen mußten, war der Grund, warum man unmöglich einen kürzeren
Weg zur Kirche bekommen konnte.
Der jetzige Pfarrer war nun in dieser Reihe der dritte, der da wohnte.
Er hatte es genau so gemacht wie seine Vorgänger, nämlich die
Pfarrerstochter geheiratet und dadurch den Hof geerbt. Auch dieser ließ
sich auf Lövdala nieder; die Amtswohnung lag ja ganz in der Nähe, da
konnte er allen seinen Pflichten leicht nachkommen, und mit seinen
beiden Höfen war er ein reicher Mann. Dies war eine ausgezeichnete
Einrichtung, und im ganzen Dorfe gab es niemand, der nicht wünschte, daß
es immer so bleibe, solange es einen Svartsjöer Pfarrer und eine
Svartsjöer Gemeinde gab.
Sie, die Pfarrfrau, wollte ja nicht leugnen, daß es für die andern
Pfarrer ganz gut so gewesen sein mochte, denn diese waren wohl nicht
mehr wert gewesen, als ihr Leben lang dazubleiben. Aber ewig schade war
es, daß sich ihr eigener Mann in den Hof und die Gemeinde verliebt hatte
und dageblieben war. Denn darauf wollte sie ihren Kopf zum Pfande
setzen, ihrem Manne wäre das größte Pastorat in der ganzen Diözese
sicher gewesen, sobald er nur gewollt hätte.
Oh, sie wußte wohl, warum es ihm hier gefiel! Nachdem ein und dasselbe
Pfarrersgeschlecht seit so vielen Jahren in demselben Dorfe war und die
Pfarrer sowie auch deren Frauen äußerst beliebt gewesen waren, hatten
sie da große Macht erlangt. Auch nicht das geringste wurde von den
Leuten allein getan oder beschlossen, immer mußten sie vorher ins
Pfarrhaus laufen und fragen, was man dort darüber dachte. Sie, die
Pfarrfrau, hatte schon einmal bei ihrem Manne darauf angespielt und
gesagt, er hätte doch wohl auch eine größere Pfarrei bekommen können,
und da hatte er geantwortet, ja, das glaube er auch, aber dort hätte er
dann vielleicht nicht soviel zu sagen gehabt, während er hier eigentlich
das ganze Dorf regiere.
Ja, das war sicher und gewiß, leicht war es nicht, hier eine Änderung
eintreten zu lassen. Für einen jungen Pfarrer war es ja überaus
vorteilhaft, wenn er eine Pfarrerstochter von Lövdala heiratete. Da
bekam er gleich sein gutes Auskommen und eine leichte Pfarrei dazu, und
in Beziehung auf die Frau sagten ja alle wie aus einem Munde, die
Pfarrerstöchter von Lövdala seien wunderschön und würden ausgezeichnete
Hausfrauen, und wer eine von ihnen heirate, ziehe das große Los.
Ja, von denen, die vor ihrer Zeit dagewesen waren, wollte es die
Pfarrfrau gerne glauben. Aber diese Maja Lisa, an der konnte sie gar
nichts Besonderes finden. Sie hielt sie nicht einmal für schön mit ihrem
länglichen Gesicht und konnte auch durchaus nicht von ihr sagen, daß sie
irgend etwas leistete.
Jetzt war sie, die Pfarrfrau, wohl hinter ihr her und paßte ihr auf;
aber niemand half ihr dabei, kaum der Vater, der doch wohl in erster
Linie den Wunsch haben sollte, daß aus seiner Tochter ein gesetztes
Frauenzimmer würde, die an anderes dachte, als allerlei Unsinn und
Kurzweil zu treiben. Aber sie wollte ihrer Pflicht trotzdem nachkommen;
es gab nicht viele, die es wagten, derjenigen, die Lövdala und das ganze
Dorf erben sollte, ordentlich Bescheid zu sagen. -- --
Heute tönte lautes Schellengeklingel durch die Luft. Von vier Seiten
kamen die Wagen dahergefahren und von allen Seiten auch Schlitten,
dichtbesetzt mit Gästen, die alle zu der Hochzeit geladen waren. Ja, es
würde sicherlich eine großartige Hochzeit, das war nicht anders zu
erwarten. Welch ein Glück, daß sie ihren Willen durchgesetzt hatte und
die Pfarrerstochter daheim hatte bleiben müssen! Gerade auf diesen alten
Bauernhöfen machte man am meisten Wesens aus ihr.
Da war es gar kein Wunder, wenn das Mädchen faul und hoffärtig wurde und
meinte, sie dürfe tun und lassen, was ihr beliebte. Oh, sie wußte wohl,
was für die Stieftochter am zuträglichsten wäre, aber vorderhand wollte
sie es nicht einmal in Gedanken aussprechen!
Vielleicht konnte sie auch zwei Fliegen mit einem Schlag treffen.
Vielleicht konnte sie einen kürzeren Kirchenweg herausschlagen und
zugleich der Stieftochter zeigen, daß sie nicht eine Prinzessin war,
sondern nur eine simple Pfarrmamsell -- -- --
Na ja, das hätte sie sich denken können, daß sie das durchmachen müßte!
Sie war noch nicht zur Türe hereingetreten, als auch schon alle Leute
anfingen zu fragen, ob denn die Pfarrerstochter nicht mitgekommen sei.
Ehe sie den Pelzmantel aufknöpfen konnte, hatte sie schon zehnmal
erklären müssen, wie bedauerlich es sei, daß Maja Lisa die alte
Großmutter nicht habe allein lassen wollen.
Die meisten gaben sich ja mit diesem Bescheid zufrieden. Aber die
Familie der Braut beruhigte sich nicht damit und wollte genauere
Auskunft haben.
Der alte Björn Hindriksson und seine Frau hatten mehrere Jahre
gebraucht, bis sie endlich ihre jüngste Enkelin, die den Hof erben
sollte, überreden konnten, den Mann zu heiraten, den sie für sie
ausgewählt hatten. Und zur Belohnung für ihre Nachgiebigkeit wollten sie
ihr nun eine so prächtige Hochzeit ausrichten, wie es ihnen überhaupt
möglich war.
Björn Hindriksson war ein sehr alter Mann, der sich noch an Herrn
Olavus, den ersten Lövdaler Pfarrer, sowie an dessen Gattin Frau Katrina
Hesselgren erinnern konnte; und die große Verehrung, die er für sie
empfunden hatte, war nie aus seinem Herzen verschwunden. Solange ein
Nachkomme von Herrn Olavus im Dorfe war, mußte er mit bei der Hochzeit
sein, sonst ging es nicht nach Björn Hindrikssons Wunsch und Willen.
Deshalb wollte er auch gar nicht als Grund gelten lassen, daß die
Pfarrerstochter der Großmutter wegen daheimbleiben müsse, und er fragte
sogleich, ob denn nicht an diesem Tag eine von den Mägden nach der
Großmutter hätte sehen können.
Man konnte seiner Stimme anhören, daß er wirklich betrübt war und seine
Worte nicht nur höfliche Redensarten waren. Er freute sich ja wohl, die
neue Pfarrfrau zu sehen, aber sie war eben nicht aus dem alten
Pfarrersgeschlecht, das ließ sich nicht leugnen.
Die Pfarrfrau antwortete ihm, sie habe ganz dasselbe gedacht und es auch
ausgesprochen; aber Maja Lisa sei sosehr besorgt um die Großmutter, man
bringe sie nicht von ihr weg, sobald der alten Frau nur das
allergeringste fehle.
Jetzt hatte die Pfarrfrau ihren Pelz abgelegt, und sie war sich wohl
bewußt, daß sie nicht allein stattlich aussah, sondern auch vornehm
gekleidet war, und daß man landauf und landab keine tüchtigere Pfarrfrau
finden könnte, ob man noch solange suchte; aber es war, als sähen die
Bauersleute einfach über sie weg.
Björn Hindrikssons Frau fragte überdies, ob denn Frau Beate nicht selbst
gewollt hätte, daß die Enkelin zur Hochzeit komme. Die Großmutter wisse
doch wohl, wie es zu ihrer Zeit gewesen sei. Da sei keine Hochzeit auf
diesem Hofe gefeiert worden, ohne daß jemand aus dem alten
Pfarrergeschlecht mit der Braut getanzt hätte.
Da richtete sich die Pfarrfrau gerade auf, und ihre Stimme war rauh und
hart, als sie erwiderte, sie habe nicht gewußt, daß dies gar so wichtig
sei, sonst wäre sie selbst zu Hause geblieben. Aber sie könne ja wieder
zurückfahren, jetzt gleich in der Minute, damit Maja Lisa noch zu
rechter Zeit da sein könne.
Mit diesen Worten gewann die Pfarrfrau die Oberhand. Die Bauersleute
gerieten in große Verlegenheit, und schließlich baten sie die Pfarrfrau
inständig, doch ja dazubleiben.
Darauf ging die Pfarrfrau hinauf in den Festsaal. Aber auch da mußte sie
immer wieder dieselben Fragen hören und dieselbe Antwort geben, während
sie herumging und die Gäste begrüßte, die sich die Wände entlang
aufgestellt hatten und auf die Trauung warteten.
Da wurde es ihr plötzlich sehr heiß, nachdem sie den ganzen Tag gefroren
hatte. Erst als sie auf dem Sofa saß, bekam sie Ruhe vor allen den
Fragen nach Maja Lisa.
Zu ihrer Rechten und Linken saßen die beiden vornehmsten Bauernfrauen
des Kirchspiels; aber beide verhielten sich mäuschenstill. Wenn man auf
etwas so Feierliches wie eine Trauung wartet, ist es nicht passend, sich
zu unterhalten, das wußten sie wohl.
Die Pfarrfrau fühlte, daß ihr zwei rote Flecke auf den Wangen brannten.
War es nicht sonderbar? Alle hatten sich an sie gewendet, der Pfarrer
aber war mit allen diesen Fragen verschont geblieben. Meinten denn diese
Leute, er habe gar nichts mehr zu sagen?
Jetzt zeigte sich Ulla Moreus, die Frau des Küsters in der Tür. Sie trat
näher, um die Pfarrfrau zu begrüßen. Na, nun kamen natürlich wieder
dieselben Fragen aufs Tapet, Ulla gehörte ja zu Maja Lisas besten
Freunden. Aber sie schien gar nicht an Maja Lisa zu denken, sondern
sagte, sie und ihre Schwiegermutter hätten die Braut angekleidet. Jetzt
seien sie fertig, und sie möchten wissen -- -- ja, es wäre ihnen eine
Beruhigung, wenn Frau Raclitz ins Giebelzimmer kommen wollte, um zu
sehen, ob der Brautstaat ganz in Ordnung sei.
Nun war der Pfarrfrau recht wohl bekannt, daß in ganz Värmland niemand
besser wußte, wie eine Braut aus einem Bauernhofe gekleidet sein sollte,
als Ulla Moreus und ihre Schwiegermutter. Aber die Aufforderung, auch
noch ein Urteil abzugeben, war eine Artigkeit, die der Pfarrfrau erzeigt
wurde.
Sie ging also mit in das Zimmer, wo die Braut fertig angekleidet stand
und nur noch auf den Hochzeitszug wartete, der sie abholen sollte. Hier
dachte man nur an Schmucksachen und Blumen, und es war eine wahre
Erleichterung für die Pfarrfrau, die Fragen, die hier an sie gestellt
wurden, zu beantworten. Ob die goldene Kette richtig sitze? Ob sie der
Braut noch mehr Perlenschnüre umhängen sollten? Und ob die hohe
Brautkrone aus Pappe, derentwegen Ulla Moreus die ganze Nacht
aufgeblieben war, um sie mit rotem und grünem Seidenzeug und Goldpapier
zu überkleben, eine schöne Form habe? Sie habe bis zuletzt geglaubt, sie
könnten die alte Krone noch benützen; aber dann sei ihr gestern ganz
spät noch eingefallen, daß dies doch die größte Hochzeit sei, die in
diesem Winter gefeiert werde, und so habe sie ein neues Gestell
ausgeschnitten und überzogen.
Die Pfarrfrau lobte sowohl die Krone als auch alles übrige.
Aber die alte Mutter Moreus hatte einen bekümmerten Ausdruck, und nach
einer Weile vertraute sie der Pfarrfrau an, was sie bedrückte.
Sie sagte, es sei ja sehr schön, daß sich die liebe Frau Raclitz mit der
Braut zufrieden zeige, sie selbst aber habe das Gefühl, es werde alles
mißglücken, wenn man die Braut nicht dazu bringen könne, ein anderes
Gesicht aufzusetzen. Wenn die Braut aussehe, als müsse sie zum Schaffot
schreiten, dann sei es wirklich keine Freude, sie zu putzen.
Da wandte sich die Braut heftig ab und sagte ein paar Worte, die man
kaum verstehen konnte. Aber sie lauteten: Wenn Mamsell Maja Lisa nicht
auch bei der Hochzeit sei, mache sie sich gar nichts aus all dem Putz,
den man ihr anziehe. Tausendmal habe Maja Lisa ihr versprochen, zur
Hochzeit zu kommen, um sie in ihrem Brautstaat zu sehen.
Jetzt mischte sich Ulla Moreus darein; sie hatte eine frohe, frische
Stimme, wie die Leute sie zu haben pflegen, die gerne eingreifen und
alles gutmachen wollen.
Sie sagte, Maja Lisa werde die Großmutter wohl eine Weile allein lassen
können, man könnte ja leicht einen Wagen nach ihr schicken, es sei gar
nicht so weit.
Ja, auch die alte Mutter Moreus legte ein bittendes Wort ein.
»Maja Lisa und Britta sind miteinander in den Konfirmationsunterricht
gegangen und seither immer innig befreundet gewesen«, sagte sie.
Die Antwort der Pfarrfrau fiel nicht allzu freundlich aus.
»Na ja, meine Liebe«, versetzte sie. »Es gibt gewiß im ganzen Kirchspiel
nicht ein einziges Mädchen, mit dem Maja Lisa nicht innig befreundet
wäre.«
Damit warf sie den Kopf in den Nacken und verließ die Giebelstube, und
die andern wagten nichts mehr zu sagen.
Der Pfarrfrau war das Blut wieder in den Kopf gestiegen. Diese Leute
sollten doch nicht glauben, sie habe nicht gemerkt, warum man sie in die
Giebelstube gelockt hatte! Aus keinem andern Grund, als um von Maja Lisa
anfangen zu können. -- --
Die Trauung war vorüber, und es war alles gut gegangen. Die Braut aber
wußte wohl, daß jetzt alle Leute miteinander darüber flüsterten, wie sie
während der Trauung ausgesehen hatte, und jetzt hätte sie sowohl ihrer
Eltern als auch der Großeltern wegen gewünscht, ihr Gesicht wäre weniger
verweint gewesen.
Wenn Mamsell Maja Lisa zur Hochzeit gekommen wäre, dann hätte sie alles
mit einem frohen Gesicht durchgemacht. Die Pfarrerstochter hatte gar
sooft gesagt, wie sehr sie sich freue, sie als Braut sehen zu dürfen.
Ach, vielleicht hatte sie es nur gesagt, um ihr ein wenig Mut zu machen!
Aber jetzt hatte sie das Gefühl, als sei ihr der einzige Grund zur
Freude, den sie gehabt hatte, entrissen worden.
Während der Trauung hatte sie mehrere Male den Kopf gewendet und nach
der Tür hingesehen. Sie hatte ja noch immer gehofft, Mamsell Maja Lisa
würde sicher im letzten Augenblick noch erscheinen, und so hatte sie es
nicht lassen können, sich immer wieder nach ihr umzusehen.
Ach, daß die Menschen so hart sein und ihr an einem solchen Tage das
einzige, was ihr Herz begehrte, verweigern konnten! Die Tränen traten
ihr in die Augen, sooft sie daran dachte.
Als der große in Hufeisenform aufgestellte Tisch gedeckt war, nahmen die
Leute Platz und fingen an zu essen. Da entwickelte sich plötzlich eine
frohe, lustige Stimmung ringsumher. Alle tranken und scherzten
miteinander: nur die junge Braut fühlte immerfort dieselbe Beklemmung,
und es war ihr unmöglich, auch nur einen Bissen hinunterzubringen.
Langsam zerschnitt sie ein paar Brotscheiben, um sich doch den Schein zu
geben, als esse sie.
»Wenn Mamsell Maja Lisa nur heute gekommen wäre,« dachte sie, »dann wäre
alles ganz anders! Sie hätte mir diesen Tag leicht gemacht.«
Plötzlich warf sie einen verwirrten Blick auf ihren Bräutigam an ihrer
Seite, und sie fragte sich, ob er am Ende etwas gehört habe. Es war ihr,
wie wenn sie laut gedacht hätte.
Und nach einer Weile ging es wieder geradeso. Sie merkte, daß sie vor
sich hinmurmelte: »Ach, ach, ach! Daß Maja Lisa nicht zu meiner Hochzeit
kommen durfte!«
»Was sagst du denn vor dich hin?« fragte jetzt der Bräutigam.
Da wiederholte sie fast gegen ihren Willen.
»Ach, ach, ach! Daß Mamsell Maja Lisa nicht zu meiner Hochzeit kommen
durfte!«
Der Bräutigam wußte wohl, wie sehr er hatte bitten und betteln müssen,
ehe die reiche Bauerntochter sich hatte entschließen können, ihm ihr
Jawort zu geben.
Es war auch da und dort getuschelt worden, die Großmutter hätte sie
schließlich gezwungen; und wenn sie jetzt mit diesem Gesicht an der
Hochzeitstafel saß, mußte ja das Gerücht wie ein Lauffeuer um sich
greifen.
So begann er denn, sie zu ermahnen, und sagte, es gehe doch wirklich
nicht an, daß sie so verdrießlich dasitze, sie könne ja an einem andern
Tag mit der Pfarrerstochter zusammen sein.
Aber die Braut hörte nicht auf ihn. Sie schnitt wieder an ihrem Stück
Brot herum, und nach einer Weile seufzte sie abermals: »Ach, ach, ach!
Daß mich Maja Lisa nicht als Braut sieht!«
Noch einmal versuchte der Bräutigam, sie zur Vernunft zu bringen.
»Daß du dich deswegen zum Gespött der Leute machen willst!« sagte er.
»Meinst du denn, Mamsell Maja Lisa mache sich soviel aus dir? Man weiß
doch, wie wenig die Herrschaften nach uns Bauern fragen.«
Doch diesmal wendete sich die Braut hastig an ihren Bräutigam.
»So würdest du nicht sprechen, wenn du etwas wüßtest. Du würdest nicht
da sitzen, wo du jetzt sitzest, wenn die Pfarrerstochter nicht für dich
eingetreten wäre und gesagt hätte, sie glaube, du werdest gut gegen mich
sein.«
Jetzt schwieg der Bräutigam, und zwar ganz beharrlich. Wenn die ihm
Gegenübersitzenden mit ihm reden wollten, mußten sie laut rufen, bis er
sie hörte.
Das konnte von den Hochzeitsgästen nicht unbemerkt bleiben. Auch sie
wurden still und verschüchtert und sahen nur noch verstohlen nach dem
Brautpaar hinüber.
Aber gerade als alles am betrübtesten aussah, wendete sich der Bräutigam
an die Braut.
»Wenn du nur darüber unglücklich bist, so kann abgeholfen werden«, sagte
er. »Mamsell Maja Lisa soll dich als Braut sehen, ich bin Manns genug,
das einzurichten.«
Die Braut richtete ihre Augen erstaunt auf sein Gesicht, und da sah sie,
daß es ihm Ernst war.
»Das werde ich dir nie vergessen,« sagte sie, »du mußt mich wirklich
liebhaben, wenn du mir in dieser Sache helfen willst.«
In demselben Augenblick klärte sich auch ihr Gesicht auf, und sie war
ganz wie ausgetauscht.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Die Pfarrerstochter saß daheim auf Lövdala in der Küchenkammer und
weinte.
Die Tränen liefen ihr in Strömen die Wangen herab, und sie konnte sie
nicht zurückhalten. Sie gab sich zwar alle Mühe, denn es war ihr höchst
widerwärtig, zu denken, daß die Dienstboten glauben könnten, sie weine
nur, weil sie allein daheim bleiben mußte, während die Eltern auswärts
waren und sich vergnügten.
Aber das war es nicht, was sie so unglücklich machte. Nein, was sie
sosehr bekümmerte, war, daß sie Britta ihr Wort nicht halten konnte.
Wenn sie bedachte, wie oft sie miteinander von dieser großen Hochzeit
gesprochen hatten! Es war ihr ja nicht möglich gewesen, die Braut ganz
mit dem ihr vorgeschlagenen Bräutigam auszusöhnen; aber es hatte sie
doch immer aufgemuntert, wenn Maja Lisa gesagt hatte, sie freue sich,
Britta im Hochzeitsstaat zu sehen.
Ja, Maja Lisa hatte Grund zu weinen, sie hatte Britta ihr Wort brechen
müssen; das war ihr zu schwer.
Plötzlich horchte sie auf! Wie sonderbar, es war ihr gewesen, als höre
sie Schellengeklingel! Ja und auch Geigenspiel! Sie konnte sich nicht
täuschen.
Deutlicher und deutlicher hörte sie es. So viel war sicher, irgend etwas
hörte sie. Aber woher in aller Welt mochte es kommen? Sie stand auf und
trat an das nach Osten gehende Fenster, wo sie auf die zum Pfarrhaus
führende Allee hinaussehen konnte.
Als sie vor etwa einer Stunde Feuer im Ofen angezündet hatte, war es
draußen schon dunkler Abend gewesen; jetzt war das Feuer niedergebrannt,
und es war dunkel in der Kammer, während es draußen heller geworden war.
Nun leuchtete eine klare, sternhelle Nacht draußen, der Schnee auf dem
Boden und der Rauhreif auf den Bäumen hatten von selbst zu leuchten
angefangen, und als die Pfarrerstochter ans Fenster trat, war es gerade,
als schaue sie in einen hellerleuchteten Raum hinein.
Jetzt sah sie ganz deutlich, daß ein Hochzeitszug durch die Allee und
zwischen den alten Wirtschaftsgebäuden des Hinterhofs dahergefahren kam.
Im ersten Schlitten saßen die Musikanten mit den Geigen unter dem Kinn
und fiedelten aus Leibeskräften auf den Saiten herum. Im nächsten saßen
Braut und Bräutigam; und die Braut hatte sich nicht einmal einen Schal
über den Kopf geworfen, sondern ließ die Krone im weißen Schneelicht
schimmern. Darauf kam Schlitten um Schlitten mit Hochzeitsgästen. Maja
Lisa erkannte den Schimmel des Küsters Moreus, den roten Schlitten des
Kirchenvorstehers und -- --
Es schwindelte ihr vor den Augen, und sie mußte sich auf einen Stuhl
neben dem Fenster niederlassen. Sie konnte nicht begreifen, was das
bedeuten sollte. Warum fuhr die Hochzeitsgesellschaft von Loby hierher
ins leere Pfarrhaus?
Aber vielleicht war es nur ein Wahngebilde, das vor ihr auftauchte, weil
sie den ganzen Tag hindurch mit allen ihren Gedanken bei der Hochzeit
gewesen war.
Jetzt hielt der Zug vor der Freitreppe; sie hörte es deutlich. Die
Haustüre ging auf, und die ganze Gesellschaft drängte in den Flur
herein. Sie aber blieb unbeweglich sitzen.
Nicht etwa, weil sie sich gefürchtet hätte! O nein, aber wie
jammerwürdig wäre es, wenn sie nun hinausginge, die Gäste zu begrüßen,
und dann niemand draußen vorfände!
Jetzt waren sie im Saal, und jetzt rissen sie die Küchenkammertüre weit
auf.
Die Spielleute voran. Dann Küster Moreus mit seiner Ulla am Arm. Dann
Braut und Bräutigam, von zwei Brautführern mit dreiarmigen Leuchtern
hell beleuchtet, und hinter diesen eine ganze Schar Jugend, Burschen und
Mädel.
Als alle hereingekommen waren, hörten Jan Öster und sein Kamerad auf zu
geigen. Der Küster Moreus trat vor die Pfarrerstochter und hielt eine
kleine Rede. Er sagte, Britta von Loby habe ausdrücklich verlangt, daß
die Pfarrerstochter sehe, wie schön sie als Braut sei; sie und ihr Mann
hätten allein hierherfahren wollen, aber dann hätte er und die andern
gedacht, die Freude sei nicht so groß für Mamsell Maja Lisa, wenn sie
nur die Braut und nicht auch den übrigen Hochzeitszug zu sehen bekäme,
deshalb hätten sich jetzt alle angeschlossen, die nach dem
Hochzeitsschmaus nicht zu schläfrig dazu gewesen wären.
Die Pfarrerstochter war, seit sie eine Stiefmutter hatte, immer ärmlich
angezogen. Aber daran zu denken, vergaßen sie und die Hochzeitsgäste
vollständig, denn die Freude über dieses unerwartete Kommen hatte ihr
Gesicht so verklärt, daß sie ganz unwiderstehlich liebreizend aussah.
Ja, es war ganz wahr, was man von den Pfarrerstöchtern von Lövdala
sagte: sie seien imstande, alle Menschen zu bezaubern. Es war
unbegreiflich, wie sie es machte; aber als sie die Braut umarmte und
dann dem Bräutigam und den andern die Hand drückte, da war es allen, als
sei jetzt erst die rechte Hochzeitsfreude angebrochen.
Ja, die Pfarrerstochter konnte ihre Sorgen ganz abwerfen und so froh
werden, daß alle andern Menschen auch dachten: »Es gibt doch nichts
Schöneres als zu leben! Es ist nicht wahr, wenn es heißt, das Leben sei
schwer und traurig. Nur schön ist es.«
Die Pfarrerstochter brauchte die Braut nur anzusehen, ihre Brautkrone
und ihr Hochzeitskleid zu loben, da wurden aller Augen aufgetan. Vorher
hatten sie gar nicht gemerkt, wie schön sie in ihrem Staat war.
Als Maja Lisa sich dann auch an den Bräutigam wendete und ihm dankte,
daß er mit Britta gekommen sei, und ihm zugleich zu seiner Frau
beglückwünschte, da ging auch ihm gleichsam ein Licht auf, und nun
verstand er, daß er nicht allein den größten Hof in Loby, sondern auch
die beste Bauerntochter geheiratet hatte.
Was sie zu Britta sagte, konnte niemand verstehen; aber man sah Britta
nachher an, daß es gerade das gewesen war, was sie gebraucht hatte, um
den ganzen Tag froh und glücklich zu sein.
Sie hatten »Hochzeitsversucher« mitgebracht, die jetzt aufgedeckt
wurden, denn Maja Lisa mußte auch das Hochzeitsessen versuchen. Und man
sah ihr wohl an, wie sehr ihr alles gefiel; aber sie durfte nicht essen,
ehe die andern wieder fortgefahren waren. Lange könnten sie nicht
wegbleiben, das werde sie verstehen, es sei merkwürdig, daß sie
überhaupt fortgekommen wären.
Nun erzählte Ulla Moreus, wie sie sich gleich nach dem Essen
davongeschlichen hätten. Die Alten hätten ein bißchen ermattet
dagesessen und sich nach einem Mittagsschläfchen gesehnt. Sie hätten
auch gar nichts von der ganzen Sache gemerkt, bis die Jugend auf und
davon gegangen war; aber sie müßten natürlich gleich wieder
zurückfahren, sobald die Braut mit Maja Lisa getanzt hätte.
Darauf gingen sie in den Saal hinaus, und die Leute stellten sich den
Wänden entlang auf, um dem Tanz zuzusehen. Der Spielmann Jan Öster
stimmte eine Polka an, und die Braut tanzte mit der Pfarrerstochter im
Saal herum. Aber während die beiden noch zum ersten Male im Saal
herumtanzten, wurde die Pfarrerstochter ängstlich. Sie hatte vor lauter
Freude noch gar nicht an das übliche Tanzgeld gedacht. Am Hochzeitstag
mußten alle Menschen, große und kleine, mit der Braut tanzen, und wer
immer mit ihr tanzte, war verpflichtet, ihr das »Tanzgeld« zu geben.
Aber sie armes Mädchen besaß nicht einmal eine einzige Scheidemünze!
Die Braut dagegen hatte nichts vergessen. Drüben auf dem Tisch in der
Ecke des Saals stand die Flasche mit Riechwasser und der Brautschrein
mit Pastillen und Rosinen, die Brautgewürze, die die Braut nach dem
Tanze anbieten mußte.
Ach, das war das schwerste, was Maja Lisa durchmachen mußte! Die alten
Bräuche durften nicht gebrochen werden. Die Leute hätten geglaubt, das
bringe Unglück.
Britta mußte indes ihre Angst geahnt haben, denn sie flüsterte ihr
während des Tanzes zu, Mamsell Maja Lisa solle nur so tun, als lege sie
ihr etwas in die Hand. Wenn man sie so unerwartet überfalle, könne sie
selbstverständlich kein Tanzgeld bereit haben.
Die Pfarrerstochter besaß ein Paar goldene Ohrringe und eine goldene
Brosche, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte. Sie hätte Britta gern
eines von diesen beiden Schmuckstücken gegeben, wußte aber nicht, ob sie
durfte. Wie sollte es gehen, wenn es der Stiefmutter nachher zu Ohren
kam!
Es war nicht Sitte, mehr als einmal mit der Braut im Saal herumzutanzen,
aber die Pfarrerstochter machte, während sie so überlegte, zweimal, ja
dreimal die Runde durch den Saal. Eigentlich ist es indes unrichtig,
wenn man sagte, sie habe überlegt; sie war in zu großer Not, die
Gedanken wirbelten ihr nur so durch den Kopf.
Sie tanzte so langsam, als sie konnte, und jetzt dachte sie an einen
silbernen Löffel, den sie als Patengeschenk erhalten hatte. Aber wenn
sie so etwas Kostbares verschenkte, war Raclitza am Ende imstande, am
nächsten Tag ins Hochzeitshaus zu gehen und es zurückzufordern.
»Es bleibt mir nichts anderes übrig, als Britta zu sagen, sie werde ihr
Tanzgeld ein anderes Mal bekommen«, dachte sie.
Aber plötzlich fuhr sie zusammen, und darauf tanzte sie das letzte Stück
rasch und vergnügt. Irgend jemand hatte die Gelegenheit wahrgenommen,
als sie an ihm vorübergetanzt war und ihr ein Geldstück in die Hand
gedrückt.
Und siehe! Als sie zu tanzen aufhörte, konnte sie einen ganzen blanken
Speziestaler in Brittas Hand legen.
Die Braut war darüber so verdutzt, daß sie ganz und gar vergaß, ihr die
Brautgewürze anzubieten, und die Pfarrerstochter mußte sie erst fragen,
ob sie nichts bekommen solle.
Während sie dann von dem Riechwasser nahm, ließ sie rasch ihren Blick im
Saal umherschweifen, um herauszubringen, wer ihr den Speziestaler
zugesteckt hatte.
Sie wußte, sie hatte ihn erhalten, als sie eben am Ofen vorbeigekommen
war; dann war es wohl der große dunkle Mann, der dort drüben zwischen
dem Ofen und dem Schrank stand, gewesen, der ihr geholfen hatte.
Jetzt beugte sie sich vor und nahm einige Pastillen aus der Lade.
Zugleich flüsterte sie der Braut zu, sie habe geglaubt, sie kenne jeden
Menschen im Dorfe, aber an den Mann, der dort drüben am Schranke stehe,
könne sie sich absolut nicht erinnern.
Die Braut antwortete halblaut, das sei nicht merkwürdig, denn dieser
Mann sei gar nicht aus dem Dorfe; es sei ein Schmied vom Henriksberger
Hüttenwerk in Västmarken, der gerade heute nach Loby gekommen sei, um
von ihrem Großvater Heu zu kaufen. Sie wisse nicht, warum er mit
hierhergekommen sei, er gehöre nicht zur Hochzeitsgesellschaft und sei
ja auch nicht im Hochzeitsstaat.
Und wirklich -- trug dieser Fremde nicht einen Rock aus schwarzem
Schaffell mit einem Ledergürtel um den Leib! Die Pfarrerstochter wußte
nicht recht, ob sie zu ihm hingehen und sich bedanken sollte; aber
jedenfalls fand sie keine Gelegenheit mehr dazu, denn jetzt brach die
Gesellschaft auf und verabschiedete sich. Maja Lisa dankte allen für ihr
Kommen, half ihnen in die Mäntel hinein, ging mit ihnen hinaus und
winkte ihnen dann noch von der Freitreppe aus zu.
Als sie darauf wieder eintrat, erschrak sie doch ein wenig, als sie den
großen fremden Mann noch mitten im Saal stehen sah.
Aber sie fand bald eine Erklärung, warum er zurückgeblieben war. Er
wollte wohl wissen, wann er den Speziestaler, den er ihr geliehen hatte,
wiederbekommen könnte. Wer weiß, vielleicht hatte er ihn von dem Gelde
genommen, das der Verwalter ihm zum Bezahlen des Heus mitgegeben hatte!
Offenbar hätte er indes am liebsten ganz abgeleugnet, was er getan
hatte. Und als die Pfarrerstochter darauf bestand, äußerte er, es sei
nicht der Mühe wert, davon zu reden.
Aber sie konnte doch wirklich nicht einen ganzen Speziestaler von einem
Fremden annehmen. Deshalb sagte sie, gleich morgen werde sie ihren Vater
um das Geld bitten und es nach dem Hochzeitshaus schicken, damit er das
Heu bezahlen könne.
Da flog ein gütiges Lächeln wie heller Sonnenschein über sein Gesicht.
Er sagte, sie solle es nur ganz so einrichten, wie es ihr am besten
passe, er habe Geld genug und könne auch ohne den Speziestaler
auskommen.
Die Pfarrerstochter sah ihn fragend an.
Ach so, fuhr er fort, sie meine wohl, er sei wegen des Geldes
zurückgeblieben?
Ja, warum denn sonst?
Da strich er sich eine lange Haarlocke aus der Stirn und sah an ihr
vorbei nach der gegenüberliegenden Wand.
»Ach, ich weiß es selbst nicht«, sagte er. »Vielleicht hab' ich noch
etwas sagen wollen.«
Die Pfarrerstochter schwieg und machte einen Schritt nach der Türe; sie
wurde ungeduldig.
Jetzt sah sie der Fremde wieder mit seinem gütigen Lächeln an.
»Ich kann die andern nicht begreifen, daß sie von hier fortgekommen
sind«, sagte er.
Bei diesem Wort errötete die Pfarrerstochter; sie machte noch einen
Schritt auf die Türe zu.
»Sie hätten Euch nicht hier allein lassen, sondern zum Tanze mitnehmen
sollen.«
Seine Stimme hatte dabei einen so wohlwollenden Klang, daß Maja Lisa
nicht ärgerlich werden konnte, und so wendete sie sich ihm wieder zu und
lachte.
»Ach, nun macht mir das Alleinsein nichts mehr aus, denn jetzt bin ich
glücklich. Gehet jetzt nur auch; ich bin so froh, daß sich meinetwegen
niemand zu beunruhigen braucht.«