Der Traumpfannenkuchen

Am Silvesterabend ging die Pfarrerstochter ganz spät die Anhöhe

hinunter, die zum Brauhaus führte, wo die Großmutter, Frau Beata Spaak,

seit vielen Jahren wohnte. Maja Lisa führte die Kleine an der Hand, und

man konnte schon von weitem hören, daß sie unterwegs waren, denn sooft

sie den Weg verfehlten und in den Schneewall einsanken, schrien sie laut

auf.

Es war neblig und stockdunkel, und am Himmel leuchtete weder Mond noch

Stern. Hätte es nicht hinter der Großmutter Fensterläden hell

hervorgeschimmert, dann hätten sich die beiden wohl kaum bis zum

Brauhaus zurechtfinden können.

In dieser Weihnachtszeit wurden unbeschreiblich viele Gesellschaften

gegeben, sowohl bei den Bauern als bei den Herrschaften, so viele, daß

die Tage fast nicht ausreichten, und so war den Pfarrleuten schließlich

nichts anderes übriggeblieben, als auch am Silvesterabend fortzufahren.

Aber Mamsell Maja Lisa war wie gewöhnlich zu Hause gelassen worden. Es

hieß, sie müsse daheim bleiben und dafür sorgen, daß das Gesinde eine

ordentliche Mahlzeit mit Fisch und Grütze ganz wie am heiligen Abend

bekomme. Als ob die alte Haushälterin das nicht ebensogut hätte besorgen

können!

Aber die Pfarrerstochter war deshalb doch in ausgezeichneter Laune. Am

Vormittag hatte sie der Kleinen Märchen erzählt und Lieder vorgesungen,

und die Kleine war sicherlich noch niemals so vergnügt gewesen.

Nach dem Abendbrot hatte Mamsell Maja Lisa erklärt, sie habe noch ganz

und gar keine Lust, schlafen zu gehen; heute am Silvesterabend wolle sie

wenigstens, ehe sie zu Bett gehe, einen Versuch machen, etwas von der

Zukunft zu erfahren. Und dann hatte sie die Kleine gefragt, ob sie einen

Traumpfannenkuchen mit ihr backen wolle.

Die Kleine wußte absolut nicht, was ein Traumpfannenkuchen war, hatte

aber sofort ja gesagt; und sie würde selbstverständlich auch ja gesagt

haben, wenn Mamsell Maja Lisa gefragt hätte, ob sie eine Suppe aus

Kreuzottern mit ihr kochen wolle.

»Aber du darfst die ganze Zeit über, während wir den Traumpfannenkuchen

machen, weder lachen noch sprechen«, sagte die Pfarrerstochter. »Und du

darfst auch nicht das kleinste bißchen davon auf den Boden fallen

lassen, weder vom Wasser, noch vom Mehl, noch vom Salz.«

Ach, wenn das alles sei, meinte die Kleine, sie könne schweigen und

ernsthaft sein, solange man es verlange.

Dann aber waren sie in großer Not gewesen. Denn der Traumpfannenkuchen

mußte von drei Personen gemacht werden, sonst war es nichts, und die

Pfarrerstochter wußte nicht, wo sie eine dritte Person dazu herbekommen

sollte.

Sie gingen in die Küche und fragten, ob eine von den Mägden einen

Traumpfannenkuchen mit ihnen backen wolle. Aber die Mägde schlugen nur

die Hände über dem Kopf zusammen und sagten rundweg nein, sobald sie

hörten, um was es sich handelte. Dieses Zeug hätten sie früher schon

probiert; aber wenn man diesen Pfannenkuchen gegessen habe, könne man

weder schlafen noch träumen; niemand solle sie verführen, ein solches

Gericht je wieder zu versuchen.

Die Pfarrerstochter überlegte erst eine Weile, dann sagte sie:

»Wir müssen zur Großmutter hinüber und sie bitten, uns zu helfen.«

Und aus diesem Anlaß waren die beiden in der finstern Neujahrsnacht

draußen und suchten den durch die Schneewehen geschaufelten Weg zu

finden.

Die Pfarrerstochter meinte, diese Nacht sei gerade so, wie sie sein

solle; eine Neujahrsnacht müsse dunkel und unergründlich sein, sie sei

wie die Zukunft, in die man auch nicht hineinsehen könne.

Großmutter wohnte in einer Giebelstube oben im Brauhaus. Das

schwierigste für die beiden war, sich die Treppe hinaufzutasten, die mit

schmalen, ausgetretenen, dichtbeschneiten Stufen in Absätzen außen an

der Mauer hinaufführte; es war fast lebensgefährlich.

Aber auf Lövdala mußte man sich an das Gehen in der Dunkelheit gewöhnen;

ausgenommen für Stall und Scheune durften für Laternen keine Kerzen von

der Pfarrfrau gefordert werden.

Großmutter mußte indes die Gäste gehört haben; denn als diese die Treppe

halb droben waren, kam sie heraus und machte die Türe auf. Und drinnen

brannte der dreiarmige Leuchter auf dem Tisch vor dem Sofa, und im Ofen

flackerte ein lustiges Feuer.

Die Großmutter war groß und mager und sah gebrechlich aus. Die

Pfarrerstochter sah ihr gar nicht ähnlich, und das war auch nicht

möglich, denn Großmutter war nur die Stiefmutter von Maja Lisas

verstorbener Mutter; aber sie hätte die Pfarrerstochter nicht lieber

haben können, wenn sie ihr eigenes Fleisch und Blut gewesen wäre.

Es war, als verstehe sich Frau Beata auf ganz besondere Künste, denn wie

es auch anderswo sein mochte, hier in ihrem Zimmer war es immer warm und

behaglich und immer wie ausgeblasen. Sie hatte nur ein Zimmer, in dem

sie schlief und auch kochte; aber ihr Bett mit dem weißen Vorhang, der

von einer vergoldeten Stange herunterhing, war nur ein weiterer Schmuck

für das Zimmer, und dasselbe konnte man auch von ihren glänzenden

Kupferkasserollen und Porzellantellern auf dem Geschirrbord sagen.

Und sie selbst sah auch zierlich und vornehm aus; aber ihre Hände hatte

die Gicht arg mitgenommen, die Finger waren gekrümmt, und sie konnte sie

nicht biegen. Wenn man ihr die Hand reichte, war das eine schwierige

Sache, und man wußte nicht recht, wie man es angreifen sollte.

Als die Pfarrerstochter ihr Anliegen vorbrachte, lachte die Großmutter

sie ein wenig aus, sagte aber doch gleich, ja, sie wolle mittun, sie

warte allerdings immer auf jemand und möchte wohl wissen, ob er in

diesem neuen Jahre komme.

Da war es natürlich am besten, sie blieben gleich bei der Großmutter und

backten da den Traumpfannenkuchen.

Zuerst nahmen sie von dem kleinen Bord hinter dem Herd eine Schüssel

herunter; alle drei hielten die Schüssel am Rand fest und stellten sie

so auf den kleinen Küchentisch.

Dann mußten sie einen hölzernen Löffel haben; und alle drei gingen

miteinander an das Eckschränkchen, das Großmutter als Speisekammer

diente, um den Löffel zu holen. Und alle drei hielten den Löffelstiel

fest, als sie ihn zum Tisch hintrugen und auf die Schüssel legten.

Dann gossen sie drei Löffel Wasser in die Schüssel; und alle drei holten

das Wasser aus Großmutters Kupfergelte, und keines sprach ein Wort,

keines lachte, während sie das taten.

Als dies getan war, schütteten sie drei Löffel voll Mehl in das Wasser;

dabei hielten alle drei den Löffel und steckten ihn miteinander in die

Mehltonne, alle drei hoben das Mehl heraus und schütteten es auch in das

Wasser. Keines ließ den Löffel los, keines sprach, keines lachte, und

keines ließ auch nur das kleinste Stäubchen Mehl auf den Boden fallen.

Dann schöpften sie drei Löffel voll Salz hinein.

Und auch jetzt sprach keines ein Wort, keines lachte, und keines

verstreute auch nur das kleinste Körnchen Salz.

Aber ist es zu glauben? Als sie soweit gekommen waren, fragte

Großmutter, ob man Schmalz in die Pfanne tun solle.

Im selben Augenblick jedoch, wo sie das sagte, schleuderte die

Pfarrerstochter den Löffel weg, warf sich auf einen Stuhl und brach in

lautes Lachen aus. Die Kleine hielt zwar den Löffel fest, bekam aber

einen so fürchterlichen Lachkrampf, daß sie nicht mehr stehen konnte,

sondern auf dem Boden kugelte und gar nicht wieder zu lachen aufhören

konnte.

Großmutter verzog nur den Mund ein wenig. Sie hätte sich vielleicht

nicht zu versprechen brauchen; aber sie dachte an alte Zeiten und wußte,

wenn beim Backen des Traumpfannenkuchen nicht irgendein kleines

Mißgeschick passierte, dann war kein Spaß dabei.

Ach, und es war ihr so lieb, wenn die Pfarrerstochter ihren Kummer

vergaß und ein wenig lachte.

Als die beiden sich endlich gefaßt hatten, beschlossen sie, wieder von

vorne anzufangen; denn jetzt taugte das, was bisher geschehen war,

nichts mehr, und sie mußten alles ganz von vorne an noch einmal machen.

Aber jetzt war es nicht mehr so leicht, denn nun waren sie schon in

lächerlicher Laune.

Zuerst gossen sie drei Löffel Wasser in die Schüssel.

Weiter kamen sie nicht, schon mußten sie wieder lachen. Und die

Pfarrerstochter war am schlimmsten; bei der Kleinen war es lange nicht

so gefährlich wie bei Maja Lisa.

Gute fünf Minuten lang konnte sie sich gar nicht wieder fassen.

Doch dann sagte die Pfarrerstochter, jetzt müßten sie aber ordentlich

sein, sonst würden sie mit dem Pfannenkuchen vor Mitternacht nicht

fertig.

»Oh, es würde ganz gut gehen, wenn nur du ernsthaft sein könntest«,

sagte die Großmutter.

Zuerst gossen sie das Wasser hinein, dann das Mehl, dann das Salz, und

dann rührten sie alles gut durcheinander. Und alle drei hielten den

Löffel, als sie alles umrührten, und keines lachte, keines sprach ein

Wort, keines verschüttete das kleinste bißchen auf den Boden.

Als nun der Teig gut verschafft war, legten sie ihn in die Bratpfanne.

Aber der Pfannenkuchen sah nicht appetitlicher aus als der Mischmasch,

den man den Hühnern und Schweinen zusammenrührt. Überdies war er ganz

steif und hart und glitzerte von dem vielen Salz, das darinnen war.

Nun stellten sie die Pfanne aufs Feuer und ließen den Pfannenkuchen auf

der einen Seite backen, dann wurde er umgedreht. Und immer hielten alle

miteinander den Löffel, alle drei halfen den Kuchen umwenden, und keines

ließ den Löffel fallen.

Dann war der Traumpfannenkuchen fertig und sollte gegessen werden.

Jetzt waren die Pfarrerstochter und die Kleine im höchsten Eifer, und es

war keine Gefahr mehr, daß sie losplatzen würden. Sie dachten nur noch

daran, daß sie vielleicht in die Zukunft sehen durften, und diese große

Gelegenheit wollten sie gewiß nicht verscherzen.

Der Traumpfannenkuchen glänzte vor lauter Salz, und es gehörte

ordentlich Mut dazu, hineinzubeißen. Aber sie teilten ihn in drei Teile,

und dann aßen sie, so gut es eben ging.

Die Kleine aß ihren Teil auf, weil sie begriff, daß es sein mußte, und

sie alle Vorschriften genau befolgen wollte. Großmutter nahm nur ein

ganz kleines Stückchen, und es ist nicht sicher, ob sie selbst dieses

hinunterwürgte. Die Pfarrerstochter aß einen Mund voll. Aber so gerne

sie auch die Zukunft sehen wollte, sie war nicht imstande, noch einen

einzigen weiteren Bissen hinunterzubringen.

Die beiden jungen Menschenkinder waren wie ein wenig enttäuscht von dem

Traumpfannenkuchen, aber jedenfalls sprach keines ein Wort. Sie winkten

der Großmutter nur gute Nacht zu, und diese stand schweigend oben an der

Tür und leuchtete ihnen die Treppe hinunter.

Die paar Schritte über den Hof liefen sie, so rasch sie konnten, denn

jetzt war es, als sei die Nacht gar nicht mehr so dunkel und

unergründlich. Sie war bereit, ihren Vorhang wegzuziehen und ihnen ihre

Geheimnisse zu zeigen; aber sie wagten nicht, stehenzubleiben, um zu

sehen.

Als die beiden sich durch die Küche schlichen, waren die Mägde schon zu

Bett; aber selbstverständlich riefen ihnen alle miteinander zu, wie es

gegangen sei: ob sie schon geträumt hätten, und wer ihnen im Traum

erschienen sei. Aber sie brachten kein Wort aus ihnen heraus, weder aus

Mamsell Maja Lisa noch aus der Kleinen.

Die Kleine schlief ein, sobald sie den Kopf aufs Kissen legte, und

schlief bis zum nächsten Morgen. Als sie erwachte, hatte sie einen

scharfen Geschmack im Munde; aber so große Mühe sie sich auch gab, sie

konnte sich doch nicht erinnern, ob sie etwas geträumt hatte.

Großmutter hatte die ganze Nacht nicht geschlafen, war aber dann das

ganze Neujahrsfest hindurch still und schweigsam und wie in einem Traum

befangen; es war, als habe jedenfalls sie etwas erfahren.

Die Pfarrerstochter konnte lange nicht einschlafen, weil sie brennenden

Durst litt; aber etwas trinken, ehe man geschlafen hatte, das durfte man

doch beileibe nicht, sonst war alles umsonst gewesen.

Als sie am Morgen erwachte, konnte sie sich zuerst nicht klar darüber

werden, ob ihr etwas geträumt hatte.

Aber später am Tage ging sie zufällig einmal durch den Flur und trat auf

die Freitreppe hinaus.

Und da hielt sie plötzlich an; denn nun fiel ihr ein, daß sie in der

Nacht im Traume ganz auf demselben Platz gestanden hatte. Und da waren

in ihrem Traume zwei Fremde, ein junger und ein alter, auf dem Sandweg

dahergekommen. Und der Alte hatte gesagt, er sei der Propst Liljecrona

und komme mit seinem Sohne, um sie zu fragen, ob sie durstig sei und

gerne einen Trunk Wasser wolle.

Und sofort war der junge Mann mit einem Glas hellem frischen Wasser in

der Hand vorgetreten und hatte es ihr angeboten.

Als aber die Pfarrerstochter sich daran erinnerte, erschrak sie, und sie

zitterte am ganzen Leibe.

Denn das ist sicher und gewiß: Wer einem, nachdem man einen

Traumpfannenkuchen gebacken hat, im Traum ein Glas Wasser anbietet, den

heiratet man.

Liljecronas Heimat · 第 13 / 28 题