In der nächsten Nacht erging es der Kleinen kein bißchen anders als in
der vorigen. Anna Brogren war nicht abgereist, wie es ihre Absicht
gewesen war, sondern hatte ihre Heimreise verschoben. Und kaum hatten
der Pfarrer und die Pfarrfrau am Abend gute Nacht gesagt, als Anna
Brogren auch schon aus dem Gastzimmer in die Küchenkammer
heruntergeschlichen kam, um mit ihrer Pflegeschwester zu plaudern.
Diesmal gaben sie sich gar nicht erst Mühe zu warten, bis die Kleine
eingeschlafen war. Die Pröpstin sagte sofort, sie sei nur dageblieben,
um die Fortsetzung des schönen Märchens vom Schneewittchen zu hören, das
Maja Lisa ihr in der vergangenen Nacht erzählt habe. Und zugleich sagte
sie auch, Maja Lisa solle nur ohne Verzug anfangen, damit sie heute
nacht gewiß fertig würden, denn länger als bis morgen könne sie durchaus
nicht dableiben.
Dann erzählte die Pfarrerstochter weiter.
»Wenn ich mich recht erinnere,« sagte sie, »so war Schneewittchen noch
nicht länger als acht Tage wieder daheim, als der Küster Moreus und
seine Frau Ulla zu Besuch kamen. Ich kann gar nicht sagen, wie vergnügt
Schneewittchen war, als sie ankamen. Es stand allerdings jetzt alles
wohl und gut zwischen ihr und der Stiefmutter, aber sie mußte immerfort
arbeiten. Den ganzen Tag hindurch trat sie den Webstuhl und ließ das
Schifflein an einem groben Drillgewebe hin und her fliegen, und wenn sie
sich am Abend zu Bett legte, tat ihr der Rücken bitter weh. Da war es
gut, wenn jemand zu Besuch kam, weil sie dann einige Stunden von der
Arbeit befreit war.
Ach, ach! Schneewittchen dachte im stillen, sie werde sicherlich niemals
solche Lust zum Arbeiten bekommen wie die Stiefmutter. Auch würde sie
wohl nie so fingerfertig und geschickt werden wie diese. Die Stiefmutter
konnte wundervollen Damast weben mit einer Bordüre, auf der die ganze
Arche Noah abgebildet war. Schneewittchen merkte wohl, daß die
Stiefmutter sie für eine rechte Stümperin hielt; aber sie hoffte
trotzdem, die Mutter werde verstehen, wie sehr sie sich Mühe gab, es ihr
recht zu machen.
Ulla Moreus kannte die Stiefmutter schon von der Zeit her, wo diese noch
Haushälterin auf Borg gewesen war, und die beiden verstanden sich gut
miteinander. Außerdem war Ulla mit ihrer Schwiegermutter vor ganz kurzem
zur Herbstbäckerei auf Borg gewesen, da hatte sie viel von der gnädigen
Frau Gräfin zu berichten! Schneewittchen merkte auch wohl, wie sehr
sich die Stiefmutter freute, von allen den tollen Streichen zu hören,
die die Gräfin wieder ausgeheckt hatte.
Wenn ich aber die Wahrheit sagen soll, so glaube ich: Wer am
vergnügtesten über den Besuch war, war doch ihr Herr Vater.
Schneewittchen sah mit Freude, wie er das würdevolle Benehmen, das er
seit seiner Verheiratung angenommen hatte, abwarf und wieder ganz wie
früher wurde. Und sie sagte sich: 'Ich weiß nicht, wo sich mein
Väterchen in der letzten Zeit aufgehalten hat, denn ich bin nicht mehr
mit ihm zusammen gewesen, seit wir miteinander nach dem südlichen Anger
gingen, um nach den Mähern zu sehen.'
Ach, Schneewittchen wußte es nur zu gut! Um ihretwillen wagte der Vater
nicht mehr zu lachen oder zu scherzen. Sein Gewissen machte ihm
Vorwürfe, weil er ihre Erziehung bisher so schlecht geleitet hatte.
Siehst du, er dachte, Schneewittchen wäre bei ihrer Rückkehr niemals so
auf ihn und die Mutter losgefahren, wenn er sie nicht verwöhnt gehabt
hätte; darum sollte sie von jetzt an streng gehalten werden, das hatte
er sich fest vorgenommen, und es war ihm so bitter Ernst damit, daß er,
wenn sich die Tochter jetzt im Zimmer befand, nie anders als streng und
ernsthaft zu sein wagte.
Noch vor wenigen Monaten dachte der Vater nicht anders, als seine
Tochter sei gerade so, wie sie sein sollte, jetzt aber taugte sie ganz
und gar nichts mehr, und der Vater wurde gewiß nicht wieder wie früher,
bis sie ein ganz neues Wesen bekommen hatte.
Als nun Küster Moreus kam, vergaß der Vater seine schwere Last und war
ganz wie früher. Da stieg in Schneewittchen unwillkürlich der Gedanke
auf, der Vater müsse sie doch recht liebhaben. Denn welchen Zwang legte
er sich ihretwegen alle Tage auf! Nein, sie war ihm gar nicht so
dankbar, wie sie es eigentlich hätte sein sollen.
Die Stiefmutter wollte das Abendessen selbst kochen, denn sie wollte
Ulla Moreus zeigen, daß man früher auf Lövdala nie so gut gespeist hatte
wie jetzt. Ulla war die geschickteste Kochfrau im ganzen Kirchspiel, das
wußte die Pfarrfrau wohl. Und da Ulla überdies beständig unterwegs war,
um bei Hochzeiten und Begräbnissen zu kochen, dachte die Mutter, es
lohne sich wohl, aufmerksam gegen Ulla zu sein. Während nun die
Pfarrfrau am Herd stand, schlug Ulla vor, sie und Schneewittchen könnten
indessen eine Weile zur Großmutter gehen.
Drüben bei der Großmutter machte Ulla ein Paket auf, das sie mitgebracht
hatte, um den andern ein Vergnügen zu bereiten. Es sei ein prachtvolles
Geschenk, das sie von der gnädigen Frau Gräfin erhalten habe, sagte sie.
Ach, nie mußte man so herzlich lachen, als wenn Ulla erzählte, wie wohl
angeschrieben sie bei der Gräfin sei, und welche schönen Geschenke sie
von ihr erhalte. Einmal hatte sie ihr einen Schoßhund verehrt, der nur
mit Sahne ernährt werden durfte. Ja, ja, das könnte man gutherzig
nennen, wenn man ein solches Tier einer Küstersfrau schenkte, die
gewißlich nicht immer eine Kuh zum Melken hatte!
Ich weiß nicht, ob es Ulla nicht geradezu leid getan hätte, wenn ihr von
der Gräfin einmal etwas Nützliches geschenkt worden wäre. Ach, wie
übermütig war sie, als sie das neue Geschenk auspackte!
'Da seht einmal her!' rief sie. 'So ausstaffiert werde ich künftig auf
die Bauernhöfe kommen, wenn ich zur Hochzeit koche.'
Die Gräfin dachte wohl, sie habe etwas ganz Besonderes getan, als sie
Ulla diesen Reitanzug schenkte. Es war der englische, den sie in den
letzten Jahren immer getragen hatte, ein langer schwarzer Rock, eine
enganliegende, mit Zobel verbrämte Jacke nebst einem kleinen
Zylinderhut. Der Anzug war aus ausgezeichnetem Stoff gearbeitet und
sicher noch nicht vertragen, aber es war doch ein ganz verrücktes
Geschenk. Der Rock war übermäßig lang, Ulla konnte keinen Schritt darin
machen, und in der roten Jacke sah sie rasend komisch aus. Doch nun
verlangte Ulla, Schneewittchen solle das Kleid jetzt auch anprobieren.
Und als sie es angezogen hatte, waren Großmutter und Ulla ganz entzückt.
'Ach, wie schade,' rief Ulla, 'daß nicht du dieses großartige Geschenk
bekommen hast! Das Kleid sitzt dir ja wie angegossen, gerade als sei es
für dich gemacht.'
Schneewittchen mußte sich vor den Spiegel setzen, Ulla lockerte ihr das
Haar ein wenig und drückte ihr den Hut darauf.
'Seht sie nur an', sagte sie zur Großmutter. 'Sieht sie nicht ganz aus
wie eine kleine gnädige Gräfin? Habt Ihr sie je so niedlich gesehen?'
Aber nun sagte Ulla, Schneewittchen dürfe das Reitkleid ja nicht wieder
ausziehen, bis sie ihr Vater und Moreus darin gesehen hätten.
Und nun muß ich eins sagen: Schneewittchen hätte sich nicht verkleiden
sollen; sie wurde jetzt gleich sehr ausgelassen und meinte, sie sei nun
jemand ganz anderes. Großmutter und Ulla lachten sich fast krank über
sie, als sie vollends anfing, die gnädige Gräfin im Sprechen und im
Gehen nachzuahmen.
Ulla sagte noch einmal, sie würde es ihr nie verzeihen, wenn ihr Mann
das Fräulein nicht als Gräfin sehen dürfte, und sie bestand darauf,
Schneewittchen müsse jetzt gleich ins Wohnhaus mit ihr hinübergehen.
Schneewittchen dachte wohl im stillen: 'Vielleicht hat Vater jetzt, wo
er so ernst geworden ist, keinen Gefallen daran, daß ich mich verkleide.
Früher durfte ich es tun, sooft ich Lust dazu hatte, aber jetzt ist
alles anders geworden.'
Jedoch sie war mutig, weil Ulla dabei war, und so redete sie sich selbst
zu und sagte: 'Es geht doch wirklich nicht an, daß du dich so ganz
unterdrücken läßt. Heute ist ja der Herr Vater wieder ganz wie früher,
und er kann doch nichts Unpassendes darin finden, wenn du das Kleid der
Gräfin angezogen hast.'
Außerdem hatte Schneewittchen noch einen weiteren Trost. Sie glaubte,
der Stiefmutter werde es nicht mißfallen, wenn sie sich auf Kosten der
Gräfin ein wenig ergötzten.
Als sie die Treppe hinuntergingen, kam Ulla ein neuer Gedanke. Sie nahm
Schneewittchen mit nach dem Stall und überredete da den langen Bengt,
den Rappen zu satteln. Der Rappe war ein dickes kleines Pferd, das den
großen Reitpferden auf Borg ganz und gar nicht glich; auch sahen die
Sättel des Pfarrhauses mit ihren gepolsterten Sitzen und Lehnen denen
der Gräfin Märta durchaus nicht ähnlich.
Als der Rappe gesattelt und Schneewittchen aufgestiegen war, lief Ulla
voraus. Mit lauter Stimme rief sie zur Saal- und zur Küchentüre hinein,
die Gräfin Märta komme durch die Allee dahergeritten.
Ei, ei, ei! Welcher Aufruhr entstand im Pfarrhaus! Die Pfarrfrau riß
sich die Küchenschürze so hastig vom Leib, daß der Bund abriß, und eilte
auf die Freitreppe hinaus. Der Pfarrer lief mit solcher Geschwindigkeit
herbei, daß ihm die Perücke ganz schief auf dem Kopf saß, und stellte
sich neben seine Frau. Ulla und der Küster Moreus pflanzten sich hinter
dem Pfarrpaar auf, und auf der untersten Stufe stand das Zimmermädchen
und knickste.
Nun hatte Schneewittchen allerdings eine Reitgerte in der Hand, und sie
gebrauchte sie auch tüchtig; aber deshalb ließ sich der Rappe doch nicht
aus seinem gemächlichen Schritt bringen, und Schneewittchen dachte, das
sei recht gut, denn dadurch würden ja Vater und Mutter sofort erkennen,
wer dahergeritten kam.
Aber war es nicht zu komisch! Die Stiefmutter war wohl von dem roten
Leibrock, in dem die Gräfin nun seit mehreren Jahren immer ausgeritten
war, ganz geblendet und merkte nichts. Kaum aber hatte Fräulein
Schneewittchen mit der Reitgerte gegrüßt und gerufen: '#Bon jour,
monsieur le pasteur!#' wie die Gräfin es zu tun pflegte, als die frühere
Jungfer Vabitz auch schon alle Stufen heruntereilte und eine Verbeugung
machte, als wollte sie in den Boden sinken.
Ach, wie soll ich alles beschreiben? Die Mutter war etwas kurzsichtig,
das wußte Schneewittchen wohl; überdies war es auch Abend und ein wenig
dämmerig, aber das konnte sie sich doch unmöglich denken, daß sie nicht
erkannt worden sein sollte.
Da dachte sie: 'Der Stiefmutter gefällt es, daß ich mich über die Gräfin
lustig mache', denn sie wußte ja, wie erbost sie auf ihre frühere Herrin
war. Nie, nie, nicht mit einem Gedanken fiel es Schneewittchen ein, daß
die Mutter sich vor ihr verneigen könnte. Und sie stand ja da und
strahlte mit dem ganzen Gesicht. So glücklich hatte sie noch niemals
ausgesehen.
Schneewittchen sprang ohne Hilfe aus dem Sattel, ganz wie die gnädige
Gräfin, und warf die Zügel dem langen Bengt zu. Dann wandte sie sich an
die Pfarrfrau, reichte ihr die Hand und sagte:
'#Eh bien#, Raclitz, wie geht es Ihr in der neuen Stellung?'
Aber denk' dir, kaum hatte Schneewittchen das gesagt, als sich die
Mutter auch schon niedergebeugt und ihr die Hand geküßt hatte!
Da endlich begriff Schneewittchen! Die Mutter hatte sich täuschen lassen
und glaubte, die Gräfin selbst sei gekommen, sie zu besuchen. Durch
diese Erkenntnis wurde Schneewittchen so bestürzt, daß sie ausrief:
'Aber Frau Mutter, ich bin es ja nur!'
Da richtete sich die Mutter blitzschnell auf und schleuderte
Schneewittchens Hand weg. Noch einen einzigen Blick warf sie der
Stieftochter zu, dann wendete sie sich jäh um, stürmte die Treppe hinauf
und eilte in die Küche hinein.
Nun versammelten sich die andern, der Vater, der Küster Moreus und Ulla
um Schneewittchen, und alle lachten herzlich über die Verkleidung. Ach,
ach! Ein kleines Weilchen noch mußte sie ihre Rolle weiterspielen, weil
ihr guter Vater so erfreut aussah. Aber eigentlich war sie wie
versteinert; der Blick der Stiefmutter hatte ihr eine furchtbare Angst
eingejagt, und sie dachte: 'Nun habe ich mir die Mutter zum Feind
gemacht. Sie macht sich zwar nichts daraus, wenn man sie ein bißchen
neckt, wenn sie aber jemand geradezu für Narren hält, wird sie es ihm
nie verzeihen.'«
Hier machte die Pfarrerstochter eine Pause, wie um zu hören, was die
Pflegeschwester über die Geschichte denke.
»Eigentlich sollte man nur herzlich darüber lachen,« sagte Anna Brogren,
»aber ich kann es doch nicht, es wird mir im Gegenteil angst und bang
dabei. Erzähle nur rasch weiter, damit ich erfahre, wie schlimm es dir
-- nein, ich meine, wie es Schneewittchen ergangen ist.«
Und die Pfarrerstochter erzählte weiter:
»Ja, ich muß dir wirklich erzählen, was sich Ende September Sonderbares
ereignete. Es ist zwar gar nichts Wichtiges, das wirst du gleich merken;
aber ich glaube, es hat Schneewittchen doch den Mut etwas gestärkt.
Sooft ihr nämlich dieses Erlebnis wieder in den Sinn kam, sagte sie
sich: 'Es ist doch gut, daß noch jemand auf dem Hofe ist, der keine
Angst vor der Stiefmutter hat.'
Denn alle andern, ihr Herr Vater nicht ausgenommen, hatten ja Angst vor
ihr, das sah sie nur zu deutlich, und eins mußte sie auch zugeben: Die
Stiefmutter war wirklich äußerst besorgt um den Vater und bewachte ihn
so sehr, daß er sich kaum noch zu rühren wagte. Aber ach, wie ängstlich
hütete sich der gute Vater auch, nein zu sagen, wenn die Stiefmutter
etwas wollte.
Ja, das war alle Tage deutlich zu erkennen, aber nie deutlicher als
damals, wo er ihr die Erlaubnis zum Branntweinbrennen gab. Jedermann auf
dem Hofe sagte, wenn jemand anders als die Stiefmutter ihn darum
angegangen hätte, würde er niemals eingewilligt haben, denn er sei von
jeher dagegen gewesen. Wenn ihm in früherer Zeit jemand mit diesem
Vorschlag gekommen sei, habe er immer ganz verdrießlich gesagt: 'In
einem Pfarrhaus solle man die Feldfrüchte zum Brotbacken und
Grützekochen verwenden, aber nicht zu diesem unglückseligen Getränke,
das nur allen Menschen zum Verderben erfunden worden ist.'
Der gute Vater hatte sicher dasselbe auch zu der Pfarrfrau gesagt, sie
aber hatte sich nicht abschrecken lassen. Sie sagte, wenn der Pfarrer
den Branntweingenuß in seinem Hause ein für allemal abschaffen wollte,
dann würde sie ihm gewiß beistimmen, da er nun aber doch Branntwein im
Hause habe, sowohl für die Gäste als auch fürs Gesinde, könnte man ihn
doch ebensowohl selbst herstellen, denn wenn man ihn zu Hause brenne,
koste er nur die Hälfte. So sprach sie, und sie quengelte so lange
darum, bis der Vater nachgab.
Als nun zum erstenmal Branntwein gebrannt werden sollte, entlehnte die
Pfarrfrau von einem Nachbarhof einen Kessel mitsamt Hut und Rohr, und
sobald er da war, machte sie sich an die Arbeit.
Während das Maischen und Gären im Gang war, ließ sie der Braumagd keinen
Augenblick Ruhe, und als destilliert wurde, stand sie die ganze Zeit
selbst im Brauhaus drüben. Nein, sicher hätte ihr niemand vorwerfen
können, sie schone sich in irgendeiner Weise!
Der Vater dagegen saß die ganze Zeit, solange die Branntweinbrennerei
dauerte, in seinem Zimmer und tat seiner Frau nicht ein einziges Mal die
Ehre an, den Kopf zur Brauhaustür hineinzustecken und um eine Probe von
dem Getränke zu bitten.
Daran merkte die Pfarrfrau wohl, daß er noch immer gegen die Sache war.
Und über etwas anderes war sie auch nicht im Zweifel: Sobald nur ein
einziger Mensch auf dem Hofe nur im geringsten beduselt wäre, würde er
sofort kommen und das ganze Verfahren einstellen und verbieten. Deshalb
wachte die Mutter mit Argusaugen darüber, daß keines von denen, die ihr
halfen, zu oft eine Kostprobe bekam; und da alle Leute einen
Riesenrespekt vor ihr hatten, gelang es ihr auch, die Ordnung die ganze
Zeit über aufrechtzuerhalten.
Nur ein einziges kleines Mißgeschick ereignete sich.
Die Mutter war mit der Klärung schon ganz fertig und hatte nichts mehr
zu tun als den Branntwein in große Flaschen und Krüge zu füllen.
Außerdem wollte sie auch noch den 'Nachtropfen' versorgen; da er aber
noch warm war, füllte sie ihn in einen Eimer und stellte diesen zum
Abkühlen vor die Brauhaustüre.
Gleich darauf kam der lange Bengt am Brauhaus vorüber. Es zog ihn mit
aller Macht zu dem Eimer hin; aber sofort stand die Mutter unter der
Tür.
'Lieber Bengt', sagte sie. 'Ihr werdet doch davon nicht trinken wollen?
Das ist nicht für Menschen, es ist nur das Spülicht.'
Der lange Bengt machte ein einfältiges Gesicht und ging weiter, indem er
sagte, er sei eben auf dem Wege nach dem Stall, und es sei doch wohl
nichts Strafbares, wenn er am Brauhaus vorbeigehe.
Danach ging er auch richtig in den Stall und holte eine Heugabel, die
die Stallmagd von ihm entlehnt hatte. Diese Heugabel wollte er in die
Scheune zurücktragen. Als nun aber der lange Bengt das Gittertor zum
Wirtschaftshofe öffnete, traf er mit dem großen Bock zusammen, der, die
Nase zwischen den Gitterstäben, nach dem Brauhaus hinüber schnupperte.
Es war ein schöner Tag, alle Ziegen waren im Freien, und die ganze
Schar hielt sich in der Nähe eines Reisighaufens auf, nur der große Bock
stand an dem Gatter.
Aber es ist ein wahres Rätsel, wie der lange Bengt so ungeschickt sein
konnte! Er machte das Gittertor gerade so weit auf, daß der große Bock
sich neben ihm durchdrängen konnte, und danach gab er sich gar keine
Mühe, ihn wieder zurückzutreiben, was er doch eigentlich hätte tun
müssen, sondern er sah nur nach, ob die andern Türen alle geschlossen
waren, damit der große Bock nicht in Vaters Obstgarten und nicht auf der
Mutter Kohlbeete kommen könnte. Wahrscheinlich dachte er, es könnte
nichts schaden, wenn der Bock ein bißchen auf dem Rasen im Hof weidete.
Und nun sollst du hören! Der große Bock würdigte das Gras nicht eines
einzigen Blickes, sondern sprang in kurzem Trab geradeswegs auf das
Brauhaus zu. Und er kam so leicht und elegant dahergetrippelt, daß die
Mutter ihn gar nicht hörte, obgleich die Brauhaustür angelehnt war.
Dieser Bock war von jeher ein richtiger Schlauberger gewesen. Beim
Saufen schlapperte er weder wie ein Hund, noch schlürfte er wie ein
Pferd, sondern er trank so leise, daß niemand merkte, was er tat. Auf
diese Weise hatte er manche Kanne Milch hinter dem Rücken der Viehmagd
ausgetrunken, und jetzt gelang es ihm, den ganzen 'Nachtropfen' in aller
Ruhe auszutrinken, ohne daß die Pfarrfrau auch nur eine Ahnung davon
hatte, was geschah.
Als er jedoch den ganzen Eimer ausgetrunken hatte, fing er nach seiner
Gewohnheit zu meckern an; denn wenn er einen losen Streich ausgeführt
hatte, dann wollte er auch sehen, wie ärgerlich und aufgebracht die
andern über das, was er angestellt hatte, waren, sonst machte es ihm
keine Freude. So meckerte er also lustig drauflos, und im nächsten
Augenblick stand die Mutter auf der Schwelle und sah, daß der Eimer leer
war.
Da ergriff sie eine lange schwarze Backschaufel, die immer in der Ecke
hinter der Brauhaustür stand, und wollte den großen Bock damit
züchtigen. Aber nach der großartigen Bewirtung, die diesem zuteil
geworden war, meinte er gewiß, die Mutter könnte nicht im Ernst böse
sein, und so stellte er sich auf die Hinterbeine vor ihr auf und begann
zu tanzen. Nun war ja der große Bock ein altes großes Tier, und es war
nicht immer so angenehm, wenn man mit ihm zusammentraf. Die Mutter
schlug mit der Backschaufel nach ihm, und wer den großen Bock kannte,
mußte nun glauben, die Sache würde kein gutes Ende nehmen. Auch eilten
nun alle, der Vater und Schneewittchen mitsamt den Mägden, eiligst aus
dem Wohnhaus herbei, um der Pfarrfrau beizustehen. Der große Bock tat
ihr indes nichts zuleide, sondern tanzte nur vor ihr auf und ab, und da
machte der Vater den andern ein Zeichen, sie sollten zurückbleiben und
sich nicht in das Spiel mischen.
Zugleich rief er der Mutter zu, sie solle sich rasch ins Brauhaus
zurückziehen, solange der Bock noch in seiner guten Laune sei.
Aber die Pfarrfrau kümmerte sich nicht um diese Warnung, und schließlich
gelang es ihr, dem Bock einen recht harten, empfindlichen Schlag zu
versetzen. Da ließ er sich auf alle viere nieder; aber damit war nicht
viel gewonnen, denn im nächsten Augenblick sprang er mit einem Satz ins
Brauhaus hinein und benützte da seine Hörner dazu, so viele von den mit
Branntwein gefüllten Flaschen und Krügen umzustoßen, als er nur
erreichen konnte. Und kaum war die Mutter hinter ihm hereingekommen, als
er auch schon wieder hinauswitschte.
Und der große Bock war schlau! Er wußte recht wohl, nun hatte die Mutter
mit dem Aufrichten aller der umgestoßenen Gefäße sehr viel zu tun, da
war er eine Weile sicher vor ihr und konnte in aller Ruhe seiner guten
Laune die Zügel schießen lassen. Zuerst blieb er vor der Brauhaustür ein
paar Sekunden lang ruhig stehen und schaute sich um, dann schritt er
langsam und ernst die Anhöhe zum Wohnhaus hinauf.
Der große Bock hatte meistens ein würdiges und feierliches Benehmen, und
das kam ihm wohl zustatten, denn man hätte von einem so stattlichen Tier
ja nie geglaubt, daß es je daran dächte, einen losen Streich
auszuhecken. Aber noch nie hatte man ihn so großartig gesehen wie jetzt.
Er hob einen Fuß um den andern langsam hoch auf, trug den Kopf stolz
zurückgelegt, streckte die Nase in die Luft und protzte gleichsam mit
seinem langen Bart und seinen großen Hörnern. Es blinkte allerdings
etwas unruhig in seinen Augen, und der hintere Teil seines Körpers
schlenkerte hin und her.
Der Vater glaubte, der Bock sei auf dem Wege zu seinen Ziegen im
Wirtschaftshof; deshalb rief er Schneewittchen und den andern
Frauenzimmern zu, sie sollten dem Bock aus dem Wege gehen und ihn nicht
scheuchen. Wenn aber der große Bock diese Absicht gehabt hatte, dann
änderte er sie jedenfalls, denn als er an der Freitreppe des Wohnhauses
vorüberkam, sah er, daß der, der zuletzt herausgeeilt war, um ihn
fortzujagen, die Haustür offen stehen gelassen hatte. Und war er eben
noch ganz ernsthaft dahingeschritten, so machte er jetzt plötzlich einen
Satz und sprang die Stufen hinauf geradeswegs ins Haus hinein.
Sofort stürzte die ganze Schar der Mägde hinter ihm drein, um ihn
hinauszujagen. Da floh der Bock die Bodentreppe hinauf; als sie ihn aber
auch auf den Bodenraum verfolgten, sprang er zum Bodenfenster hinaus.
Und als er diesen Sprung machte, gab er sich gar nicht erst Mühe, zu
sehen, wie weit es von da auf die Erde hinunterging.
Aber dieses Tier hatte immer Glück, und so war es auch gerade an das
Fenster gekommen, das direkt über dem Dach des Hauseingangs war.
Es war ein kleines, steil abfallendes Dach mit einem ganz schmalen
Giebelspieß in der Mitte, und auf diesen kam der Bock in seinem Sprung
zu stehen. Er konnte von da keinen Schritt machen, ohne
herunterzufallen, weder nach rechts noch nach links, und ebenso
unmöglich schien es auch, daß er wieder auf den Bodenraum zurückgelangen
könnte.
'Rasch hinein mit dir!' rief der Pfarrer und drohte ihm mit dem Stock.
Aber der Bock blieb da stehen, wo er stand. Die Mägde waren voller
Schrecken darüber, wie es nun gehen würde, wieder aus dem Haus
herausgelaufen. Aber der große Bock sah ganz vergnügt aus; er drehte nur
den Kopf und zwinkerte ihnen zu, und man konnte wohl sehen, wie sehr er
sich über ihr Entsetzen freute.
Indessen hatte die Pfarrfrau ihre Flaschen wieder aufgerichtet und trat
nun, mit der Backschaufel in der Hand, heraus, um den Bock zu
vertreiben. Aber als dieser sie sah, zwinkerte er nur noch lustiger als
zuvor; in diesem Augenblick hatte er nicht den geringsten Respekt vor
ihr.
Sie aber schwang die Backschaufel noch einmal gegen den Bock; in
demselben Augenblick zog dieser die Beine an, flog wie ein Pfeil durch
die Luft und landete dicht vor der Pfarrfrau auf dem Boden.
Kaum war er unten angelangt, als er sich auch schon auf die Hinterbeine
aufrichtete und der Mutter einen Stoß versetzte, daß sie umfiel. Darauf
sprang er nach dem Wirtschaftshof davon, war mit einem Satz übers Gatter
weg und tanzte dann seinen Ziegen noch mehrere Minuten lang etwas vor.
Aber im ersten Augenblick dachte niemand mehr an den Bock. Alle rannten
herbei, der Mutter aufzuhelfen. Und wer von allen zuerst zur Stelle war,
das war Schneewittchen. Aber die Mutter stieß sie heftig zurück und
rief:
'Verstelle dich nur nicht! Ich weiß wohl, wie du gegen mich gesinnt
bist, denn ich sehe, daß du dich über meinen Unfall freust! Ja, lache
nur, solange du kannst, ich weiß jemand, der dich zum Weinen bringen
wird!'
Und es ist allerdings wahr, Schneewittchen sah nicht so schrecklich
ängstlich aus. Sie hatte ja über den Bock lachen müssen, und da war ihr
Gesicht noch nicht wieder ganz ernsthaft geworden.
Aber die Worte ihrer Stiefmutter genügten, sie für den ganzen übrigen
Tag betrübt zu machen.
Und du, meine liebe Pflegeschwester, wirst wohl verstehen, daß dieses
dem Schneewittchen nicht gerade neuen Mut einflößte. Nein, das tat ein
Traum, den sie in der folgenden Nacht hatte.
Da sah Schneewittchen wieder den Bock vor sich, wie er da droben auf dem
Dachfirst des Hauseingangs stand; aber jetzt war es kein wirklicher Bock
mehr, sondern alle Freudigkeit und aller Humor, die von jeher in diesem
Hause gewohnt hatten, waren da auf das Dach hinausgestiegen und machten
sich über die Stiefmutter lustig. Und der Bock in Schneewittchens Traum
konnte sprechen, und er sagte zu der Stiefmutter, es werde ihr nicht
gelingen, dieses Haus zu einem kalten, harten Gefängnis zu machen, wie
sie es gerne möchte, denn es sei zuviel von dem alten Geiste da, der
leiste ihr Widerstand.
Und als Schneewittchen dann erwachte, dachte sie, das sei ganz wahr, und
nun war es ihr, als sei sie nicht mehr so ganz allein in ihrem Kampf
gegen die Stiefmutter.«
»Und du kannst dich darauf verlassen, sobald ich Schneewittchen wieder
besuche, werde ich dem großen Bock ein paar Brotlaibe mitbringen!« sagte
Anna Brogren, als die Pfarrerstochter eine Pause machte.
»Ach, ich fürchte, dieser Schmaus kommt zu spät«, versetzte die
Pfarrerstochter; »denn im letzten Brief, den ich von Schneewittchen
bekam, berichtete sie gerade, die Stiefmutter habe den großen Bock
schlachten lassen.«
»Ei, sieh, ei, sieh!« sagte die Pröpstin nachdenklich. »Aber tat denn
Schneewittchens Vater gar nichts dagegen und ließ den Bock einfach
schlachten? Ich sage dir, jetzt bekomme ich wirklich Angst, diese
Stiefmutter werde Schneewittchen noch einmal etwas Böses antun.«
Aber da entgegnete die Pfarrerstochter rasch: »Ach nein, dem
Schneewittchen tut sie wohl nichts zuleid; sie meint im Gegenteil,
Schneewittchen denke an nichts anderes, als wie sie die Stiefmutter
recht ärgern könnte.«
»Das müßte sie doch besser wissen.«
»Ach, es trifft sich auch immer so schlimm für Schneewittchen; und ich
will dir gleich noch eine Geschichte erzählen, damit du siehst, wie
unglücklich es Schneewittchen immer geht.«
»Ja, ich will die Geschichte bis zu Ende hören«, versetzte die Pröpstin;
»aber ich sehe eben doch, daß Schneewittchen in Gefahr ist und nicht
ihre Stiefmutter.«
»Du weißt doch,« fuhr die Pfarrerstochter fort, »daß Schneewittchens
Vater selbst den ganzen Garten des Pfarrhofs angelegt hat. Ihm allein
hatte man die Stachelbeeren und Johannisbeeren und die herrlichen
Erdbeerländer und die Gewürzbeete sowie auch den Rosengarten auf der
Westseite des Hauses zu verdanken.
Aber das prächtigste von allem waren doch die Apfelbäume. Der Vater
hatte alle selbst gepflanzt und gepfropft, und weit und breit gab es
gewiß keine so herrlichen Äpfel wie die des Pfarrgartens. Wenn
Schneewittchen von diesen Äpfeln aß, meinte sie immer, sie seien aus
lauter Sonnenschein und Sommerwärme bereitet.
So schöne Äpfel wie in diesem Sommer hatte Schneewittchen noch nie in
ihres Vaters Garten gesehen. Ach, die herrlichen Paradiesäpfel, die
Astrachaner und Goldparmänen, die Renetten und Winteräpfel! Die Bäume
hingen zwar vielleicht nicht ganz so voll wie sonst, aber die Früchte
waren darum um so schöner. Nicht ein einziger Apfel war wurmig; alle
waren gleich groß und schön geformt. Alle Astrachaner leuchteten
durchsichtig hell, alle Goldparmänen glänzten goldgelb, alle
Paradiesäpfel schimmerten dunkel grünlichrot, und alle Winteräpfel
hatten glühend rote Bäckchen.
Ja, wirklich, die Äpfel waren so wundervoll, daß man in der ganzen
Gegend davon sprach. Groß und schön glänzten sie bis auf die Straße
hinaus, und die Vorübergehenden kamen oft in den Hof herein und baten,
ob sie nicht in den Garten hineingehen und die Äpfel ansehen dürften.
Aber nun muß ich etwas sagen. So schön und gut die Äpfel auch waren, so
hatten die Pfarrleute doch auch ihren Ärger damit, und in den andern
Jahren war immer eine große Menge von den Äpfeln des Pfarrgartens
gestohlen worden. In diesem Jahr jedoch kam kaum ein einziger Apfel
weg, denn die Pfarrfrau hielt unermüdlich Wache darüber. Von Ende August
an, wo die Äpfel allmählich reif wurden, war sie immer draußen im
Obstgarten, und sie wachte auch jede Nacht dort.
Ja, sie tat sogar noch mehr als das. Sie hütete die Äpfel auch vor den
Hausbewohnern. Die Gattertüren wurden mit Vorlegschlössern versehen, und
die Schlüssel dazu verwahrte die Pfarrfrau in ihrer eigenen Tasche. Wenn
sie dann einen recht süßen schimmernden Astrachaner fand, brach sie ihn
wohl für den Vater; aber weder Großmutter Beata noch Schneewittchen
bekamen je auch nur einen einzigen Apfel zu kosten.
Ach, in den andern Jahren hatte man zwar keine so schönen Äpfel, aber
mehr Freude davon gehabt! Da war niemand auf den Hof gekommen, der seine
Lust nach einem Apfel nicht hätte stillen dürfen. Und man gab nicht nur
den eigenen Hausbewohnern, sondern wer nur zu Besuch kam, durfte die
Äpfel versuchen, und die meisten erhielten auch ein Bündelchen mit auf
den Weg.
Aber nicht einmal dann bekam irgend jemand einen davon zu essen, als die
Äpfel von den Bäumen gebrochen wurden, denn diese Arbeit besorgte die
Pfarrfrau ganz allein. Sie zog Handschuhe an und brach jeden einzelnen
Apfel sehr fürsorglich von seinem Ast, damit keiner angestoßen oder
verletzt wurde.
Schneewittchen kam es freilich ein wenig bitter vor, daß sie gar keine
von den Äpfeln bekam, während sie noch die erste Sommersüße hatten; aber
sie tröstete sich mit dem Gedanken, wie schön es dann sein würde, wenn
sie im Spätjahr und den ganzen Winter hindurch Äpfel zu essen hätten.
Die Stiefmutter verstand sie auch sicher so gut aufzubewahren, daß sie
nicht faulten.
Aber die Mutter hatte andere Pläne mit den Äpfeln, das mußte
Schneewittchen bald merken. Nein, nicht im Pfarrhaus sollte all das
schöne Obst gegessen werden, daran dachte die Pfarrfrau keinen
Augenblick.
Der Pfarrer hätte gewiß auch seine Äpfel gerne daheim behalten wie in
den andern Jahren. Aber die Pfarrfrau hatte ausgerechnet, daß man Geld
damit verdienen könnte, und so wollte sie die ganze schöne Obsternte auf
dem Brobyer Markt verkaufen.
Und es geschah, wie die Mutter es wollte. Mit zwei schwerbeladenen Wagen
voll Äpfel nebst einem Knecht und einer Magd, die ihr beim Verkauf
helfen sollten, fuhr sie zu Markte.
Als sie auf dem Marktplatz angekommen war, stellte sie einen Tisch auf,
öffnete die Kisten und Fässer und legte die Äpfel zum Verkauf aus. Nein,
sie fürchtete sich wirklich vor keiner Arbeit! Grobe Handschuhe an den
Händen und einen großen Schal umgebunden, stand sie hinter dem Tisch und
bot die Äpfel feil. Sie konnte sich einfach nicht dazu entschließen,
jemand anders mit dieser Sache zu betrauen. Und ich muß sagen, die Ware
konnte sich sehen lassen, und die Pfarrfrau konnte stolz darauf sein.
Wundervoll im herrlichsten Rot und Grün und Gelb und Weiß leuchtete es
von ihrem Stand, und die Leute strömten schon der Augenweide wegen
herbei. Auf den großen Brobyer Markt kamen immer die Gärtner von den
sörmländischen Schlössern und von den großen Herrenhöfen von Nässet;
aber keiner von allen konnte so schönes Obst auslegen wie die Pfarrfrau.
Sobald sie alles zum Verkauf bereit hatte, eilte auch gleich eine Menge
Leute herbei und fragte nach dem Preise der Äpfel. Aber da verlangte sie
einen so hohen Preis, daß die Leute ganz bestürzt wurden und nicht
kaufen wollten.
Und siehe, schließlich mußte die Pfarrfrau wirklich trotz ihrer
wundervollen Auslage sehen, wie die Marktbesucher ihre Einkäufe bei
ihren Nachbarn machten! Aber sie gab nicht nach und setzte ihren Preis
nicht um einen einzigen Heller herunter, ja, sie verlangte gerade
doppelt soviel wie alle andern. Sie dachte wohl, später am Tage, wenn
die Fremden ihr Obst verkauft hätten, würden ihre Äpfel schon an die
Reihe kommen.
Vielleicht rechnete sie auch noch mit etwas anderem. Sie wußte wohl,
wieviel Branntwein immer auf dem Brobyer Markt getrunken wurde, und daß
mittags um zwölf Uhr kaum noch ein nüchterner Mann da zu finden war, und
so meinte sie, die Bauersleute würden es am Nachmittag nicht mehr so
genau mit dem Gelde nehmen.
Und es sah auch aus, als sollte Schneewittchens Stiefmutter recht
behalten. Je später es wurde, desto mehr Leute versammelten sich um
ihren Stand. In erster Linie alle Kinder, Jungen und Mädchen, die auf
dem Markt waren. Diese standen um den Tisch herum, mit einem Finger im
Mund, und schauten gar sehnsüchtig nach den Äpfeln hinüber, es hätte
einem wirklich das Herz rühren können. Die Kinder hatten natürlich
nichts, um zu kaufen, aber es standen auch Erwachsene herum, die ihre
Augen nicht von dem schönen Obst abwenden konnten.
Immer wieder trat der eine oder der andere näher und fragte nach dem
Preis. Aber die Pfarrfrau blieb dabei und verlangte ebensoviel wie am
Morgen. Jetzt, wo alle andern Äpfel verkauft waren, wollte sie nicht
abschlagen, denn sie war fest überzeugt, daß sie nun doch noch an die
Reihe käme.
Schneewittchens Stiefmutter sah wohl, wie aller Gesichter um sie her vor
Verlangen nach den Äpfeln glühten, und jeden Augenblick dachte sie:
'Jetzt können sie nicht mehr widerstehen, es muß nur erst einer
anfangen.'
Aber es währte länger und immer länger, und schließlich glaubte sie
selbst, sie müsse am Ende mit ihren schönen Äpfeln wieder heimfahren.
Doch nun wollte sie einen letzten Versuch machen, und so trug sie der
Magd auf, Fräulein Schneewittchen zu holen, die zwischen den Marktbuden
umherging, um für alle daheim, die nicht mit auf den Jahrmarkt gedurft
hatten, kleine Geschenke einzukaufen.
Als Schneewittchen zu ihrer Stiefmutter hinkam, sagte diese,
Schneewittchen solle jetzt eine Weile ihre Stelle einnehmen und die
Äpfel verkaufen; sie habe nun solange auf einem Fleck gestanden und ganz
kalte Füße bekommen, sie müsse sich deshalb ein wenig Bewegung machen.
Ach, Schneewittchen war es außerordentlich zuwider, da auf dem Brobyer
Markt verkaufen zu sollen! Aber sie wagte sich der Mutter nicht zu
widersetzen. So zog sie denn deren Handschuhe an, band sich den Schal um
und nahm den Platz hinter dem Tisch ein. Und nach vielen Ermahnungen,
sich streng an den festgesetzten Preis zu halten, durchaus nicht mit
sich handeln zu lassen und selbst keine Äpfel zu essen, ging die
Stiefmutter ihres Wegs.
Aber wenn die Mutter gedacht hatte, die Leute würden von ihrer
Stieftochter eher kaufen als von ihr, dann hatte sie sich verrechnet.
Das Fräulein mußte hinter ihrem Tisch stehen und ihre Äpfel bewachen,
konnte jedoch nicht einen einzigen davon verkaufen. Es ging ihr genau
wie der Mutter; der dichte Kreis von großen und kleinen Leuten
verringerte sich zwar nicht, aber niemand kaufte.
Doch nun kamen zwei halbbetrunkene Bauernburschen mit ihren Mädchen am
Arm daher und drängten sich durch den Haufen der Herumstehenden vor. Es
war eine laute, ausgelassene Gesellschaft, die Burschen hatten Geld in
der Tasche, mit dem sie klimperten, und sie waren in der richtigen
Laune, etwas draufgehen zu lassen. Schneewittchen bekam zwar Angst vor
ihnen und wäre am liebsten davongelaufen, blieb dann aber doch stehen,
in der Hoffnung, nun endlich etwas zu verkaufen.
Die jungen Leute drängten sich auch ganz bis zum Tisch hin, und der
vorderste fragte gar nicht nach dem Preis, sondern legte sofort seine
große Faust auf einen Haufen der schönsten Äpfel. Zugleich sah er die
Pfarrerstochter an und versuchte so nüchtern und bieder wie nur möglich
auszusehen.
'Woher sind denn diese Äpfel?' fragte er.
Und die Pfarrerstochter antwortete, sie seien aus ihres Vaters Garten.
'Ja, da bin ich schon oft gewesen, ich kenne Euren Vater und auch Euch
recht wohl. Das ist ein guter Mann, Euer Vater.'
Schneewittchen erwiderte einige freundliche Worte, denn es gefiel ihr,
daß der Bursche so gut von ihrem Vater sprach.
'Ja, Ihr und Euer Vater seid alle beide gute Leute', fuhr der Bursche
fort. 'Ja, Ihr seid so gut, daß Ihr es einem armen Burschen wohl gönnet,
Eure Äpfel zu versuchen, ohne dafür zu bezahlen.'
Und ehe Schneewittchen recht begriff, was er im Schilde führte, hatte er
eine Handvoll der schönen Äpfel ergriffen und war auf und davon
gelaufen.
Und das Mädchen, das er am Arm gehabt hatte, packte auch rasch ein paar
Äpfel und lief hinter ihm drein. Ganz ebenso machte es dann auch das
nächste Paar.
Aber Schneewittchen war auf so etwas natürlich gar nicht gefaßt gewesen.
Wie hätte sie sich das denken können! Sie war ganz außer sich, als diese
Burschen und Mädel sich mit so vielen Äpfeln, für die sie kein Geld
bekommen hatte, aus dem Staube machten. Im ersten Augenblick wollte sie
ihnen nachlaufen, um ihnen die Äpfel wieder abzujagen; sie wagte es aber
doch nicht, sondern schickte den Knecht und die Magd nach, die hinter
ihr standen. Zugleich aber sah sie, daß der ganze Volkshaufen sich noch
näher an den Tisch herandrängte.
'Jetzt kaufen sie doch noch', dachte sie, und ihr gesunkener Mut hob
sich wieder.
Aber die und kaufen! Oh, kein Gedanke, sondern sie sprangen vor, packten
so viele Äpfel, als sie konnten, und riefen zugleich, sie und ihr Vater
seien ja so gut, da verlangten sie sicher nicht, daß arme Leute so ein
paar Äpfel bezahlten. Und alle die kleinen Jungen, die sich den ganzen
Tag lang an den Äpfeln fast blind gesehen hatten, rissen ihre Mützen
herunter und füllten sie sich; und alle die kleinen Mädchen, denen vor
lauter Begierde das Wasser im Munde zusammengelaufen war, stürzten auch
vor und strichen sich die Äpfel ungezählt in ihre Schürzen.
Schneewittchen legte sich weit über die Äpfel vor, um sie mit ihrem
Körper zu beschützen. Aber was half das? Sie weinte und bat und rief,
sie machten sie unglücklich. Aber wer fragte danach? Es waren nicht nur
kleine Buben und Mädel, die die Äpfel an sich rissen, sondern auch
Erwachsene, und alle lachten vergnügt und hielten die ganze Sache nur
für einen kleinen Jahrmarktsscherz. Und sooft wieder jemand einen Apfel
packte, rief er ihr zu, sie und ihr Vater seien ja so gute Leute, daß
sie ihnen wohl ein paar Äpfel gönnten.
Schneewittchen schlug um sich, und Schneewittchen rief nach Hilfe, aber
die Äpfel waren verloren. Die Marktleute stülpten den Tisch um, wälzten
die Kisten und Fässer herbei und rissen die Äpfel an sich. Es waren auch
viele Raufbolde auf dem Markt, die sich nun mit in den Tumult mischten.
Da gab es Streit und eine wilde Schlägerei, und Schneewittchen mußte
sich zurückziehen und ihre Äpfel im Stich lassen, sonst wäre sie
zertreten worden.
Gerade da kam die Mutter zurück und fand die Stieftochter ausgeplündert,
verlassen und vor Zorn und Entsetzen laut weinend. Die Stiefmutter faßte
sie am Arm und schüttelte sie. 'Warte nur, bis wir heute abend nach
Hause kommen,' sagte sie, 'da werde ich dich lehren, meine Äpfel zu
verschenken!'
Und man konnte sich ja über den Ärger der Stiefmutter nicht wundern;
aber Schneewittchen war es recht schwer, daß die Mutter glaubte, sie
habe es mit Absicht getan.
Ach, war das eine schwere Heimfahrt vom Markte! Sie saßen miteinander im
Wagen, der Vater, die Mutter und Schneewittchen. Im Anfang versuchte der
Vater, die andern wie sonst freundlich zu unterhalten. Aber die Mutter
saß stocksteif mit fest zusammengekniffenen Lippen in der Wagenecke und
erwiderte kein Wort. Schneewittchen aber weinte nur immerfort. Der gute
Vater konnte sich gar nicht einmal sosehr grämen; auch ergötzte er sich
wohl ein wenig darüber, daß die Leute gerufen hatten, er sei gar so gut
und gönne ihnen die Äpfel gewiß auch ohne Bezahlung. Außerdem versuchte
er wohl auch, sich den Mut aufrechtzuerhalten, indem er alle Marktleute,
an denen sie vorüberfuhren, anredete und sie fragte, ob sie ihre Kühe
gut verkauft, was sie für ihre Schafe bekommen und ob sie nicht auch
einige von seinen Äpfeln gesehen hätten.
Aber nach einiger Zeit wurde Vater sonderbar still; er wendete sich
nach der Mutter um und sah sie lange unverwandt an. Dann starrte er
wieder lange vor sich hin, und da sah er plötzlich alt und müde aus.
Wieder nach einer Weile merkte ich, daß Vater jetzt auch mich lange und
betrübt ansah. Es war, als wolle er mir ganz bis auf den Grund meines
Herzens sehen.
Dann sagte er plötzlich: 'Du wirst deiner Mutter sehr ähnlich', und er
nahm meine Hand zwischen seine beiden und streichelte sie ganz sachte.
Es war, als wollte mich der gute Vater beruhigen und mich fröhlich
machen. Und ich dachte: 'Der Herr Vater versteht, daß ich es nicht mit
Absicht getan habe; er weiß, daß ich nicht so bin.'
Er behielt meine Hand in der seinigen, bis wir zu Hause ankamen. Aber er
beugte sich immer weiter vor, und als wir daheim waren, sank er ganz
zusammen und machte keinen Versuch, auszusteigen, als Mutter und ich
aufstanden. Ich glaubte, er sei tot.
Aber so schlimm war es doch nicht, obgleich es wohl nahe genug daran
gewesen war.«
Hier machte die Pfarrerstochter eine Pause. Ihre Stimme bebte, und sie
brauchte Zeit, sich zu beruhigen, ehe sie weitersprechen konnte.
»So, nun weißt du, wie es mir hier geht«, sagte sie dann. »Die
Stiefmutter mag mit mir machen, was sie will, ich kann bei Vater nicht
klagen, denn ich fürchte, der Schlag könnte ihn dann wieder treffen wie
damals, als er vom Brobyer Markt nach Hause fuhr und an unseren
Unfrieden dachte.«
»Aber sieht er es denn nicht selbst?«
»Das ist wohl möglich, aber er kann nichts mehr tun. Es sieht jetzt aus,
als sei er wieder gesund, aber ich weiß wohl, wie schwach er ist.
Niemals kann Vater wieder so werden, wie er an jenem Morgen war, als wir
miteinander zu den Mähern auf den südlichen Anger hinausgingen.«