II

In der nächsten Nacht erging es der Kleinen kein bißchen anders als in

der vorigen. Anna Brogren war nicht abgereist, wie es ihre Absicht

gewesen war, sondern hatte ihre Heimreise verschoben. Und kaum hatten

der Pfarrer und die Pfarrfrau am Abend gute Nacht gesagt, als Anna

Brogren auch schon aus dem Gastzimmer in die Küchenkammer

heruntergeschlichen kam, um mit ihrer Pflegeschwester zu plaudern.

Diesmal gaben sie sich gar nicht erst Mühe zu warten, bis die Kleine

eingeschlafen war. Die Pröpstin sagte sofort, sie sei nur dageblieben,

um die Fortsetzung des schönen Märchens vom Schneewittchen zu hören, das

Maja Lisa ihr in der vergangenen Nacht erzählt habe. Und zugleich sagte

sie auch, Maja Lisa solle nur ohne Verzug anfangen, damit sie heute

nacht gewiß fertig würden, denn länger als bis morgen könne sie durchaus

nicht dableiben.

Dann erzählte die Pfarrerstochter weiter.

»Wenn ich mich recht erinnere,« sagte sie, »so war Schneewittchen noch

nicht länger als acht Tage wieder daheim, als der Küster Moreus und

seine Frau Ulla zu Besuch kamen. Ich kann gar nicht sagen, wie vergnügt

Schneewittchen war, als sie ankamen. Es stand allerdings jetzt alles

wohl und gut zwischen ihr und der Stiefmutter, aber sie mußte immerfort

arbeiten. Den ganzen Tag hindurch trat sie den Webstuhl und ließ das

Schifflein an einem groben Drillgewebe hin und her fliegen, und wenn sie

sich am Abend zu Bett legte, tat ihr der Rücken bitter weh. Da war es

gut, wenn jemand zu Besuch kam, weil sie dann einige Stunden von der

Arbeit befreit war.

Ach, ach! Schneewittchen dachte im stillen, sie werde sicherlich niemals

solche Lust zum Arbeiten bekommen wie die Stiefmutter. Auch würde sie

wohl nie so fingerfertig und geschickt werden wie diese. Die Stiefmutter

konnte wundervollen Damast weben mit einer Bordüre, auf der die ganze

Arche Noah abgebildet war. Schneewittchen merkte wohl, daß die

Stiefmutter sie für eine rechte Stümperin hielt; aber sie hoffte

trotzdem, die Mutter werde verstehen, wie sehr sie sich Mühe gab, es ihr

recht zu machen.

Ulla Moreus kannte die Stiefmutter schon von der Zeit her, wo diese noch

Haushälterin auf Borg gewesen war, und die beiden verstanden sich gut

miteinander. Außerdem war Ulla mit ihrer Schwiegermutter vor ganz kurzem

zur Herbstbäckerei auf Borg gewesen, da hatte sie viel von der gnädigen

Frau Gräfin zu berichten! Schneewittchen merkte auch wohl, wie sehr

sich die Stiefmutter freute, von allen den tollen Streichen zu hören,

die die Gräfin wieder ausgeheckt hatte.

Wenn ich aber die Wahrheit sagen soll, so glaube ich: Wer am

vergnügtesten über den Besuch war, war doch ihr Herr Vater.

Schneewittchen sah mit Freude, wie er das würdevolle Benehmen, das er

seit seiner Verheiratung angenommen hatte, abwarf und wieder ganz wie

früher wurde. Und sie sagte sich: 'Ich weiß nicht, wo sich mein

Väterchen in der letzten Zeit aufgehalten hat, denn ich bin nicht mehr

mit ihm zusammen gewesen, seit wir miteinander nach dem südlichen Anger

gingen, um nach den Mähern zu sehen.'

Ach, Schneewittchen wußte es nur zu gut! Um ihretwillen wagte der Vater

nicht mehr zu lachen oder zu scherzen. Sein Gewissen machte ihm

Vorwürfe, weil er ihre Erziehung bisher so schlecht geleitet hatte.

Siehst du, er dachte, Schneewittchen wäre bei ihrer Rückkehr niemals so

auf ihn und die Mutter losgefahren, wenn er sie nicht verwöhnt gehabt

hätte; darum sollte sie von jetzt an streng gehalten werden, das hatte

er sich fest vorgenommen, und es war ihm so bitter Ernst damit, daß er,

wenn sich die Tochter jetzt im Zimmer befand, nie anders als streng und

ernsthaft zu sein wagte.

Noch vor wenigen Monaten dachte der Vater nicht anders, als seine

Tochter sei gerade so, wie sie sein sollte, jetzt aber taugte sie ganz

und gar nichts mehr, und der Vater wurde gewiß nicht wieder wie früher,

bis sie ein ganz neues Wesen bekommen hatte.

Als nun Küster Moreus kam, vergaß der Vater seine schwere Last und war

ganz wie früher. Da stieg in Schneewittchen unwillkürlich der Gedanke

auf, der Vater müsse sie doch recht liebhaben. Denn welchen Zwang legte

er sich ihretwegen alle Tage auf! Nein, sie war ihm gar nicht so

dankbar, wie sie es eigentlich hätte sein sollen.

Die Stiefmutter wollte das Abendessen selbst kochen, denn sie wollte

Ulla Moreus zeigen, daß man früher auf Lövdala nie so gut gespeist hatte

wie jetzt. Ulla war die geschickteste Kochfrau im ganzen Kirchspiel, das

wußte die Pfarrfrau wohl. Und da Ulla überdies beständig unterwegs war,

um bei Hochzeiten und Begräbnissen zu kochen, dachte die Mutter, es

lohne sich wohl, aufmerksam gegen Ulla zu sein. Während nun die

Pfarrfrau am Herd stand, schlug Ulla vor, sie und Schneewittchen könnten

indessen eine Weile zur Großmutter gehen.

Drüben bei der Großmutter machte Ulla ein Paket auf, das sie mitgebracht

hatte, um den andern ein Vergnügen zu bereiten. Es sei ein prachtvolles

Geschenk, das sie von der gnädigen Frau Gräfin erhalten habe, sagte sie.

Ach, nie mußte man so herzlich lachen, als wenn Ulla erzählte, wie wohl

angeschrieben sie bei der Gräfin sei, und welche schönen Geschenke sie

von ihr erhalte. Einmal hatte sie ihr einen Schoßhund verehrt, der nur

mit Sahne ernährt werden durfte. Ja, ja, das könnte man gutherzig

nennen, wenn man ein solches Tier einer Küstersfrau schenkte, die

gewißlich nicht immer eine Kuh zum Melken hatte!

Ich weiß nicht, ob es Ulla nicht geradezu leid getan hätte, wenn ihr von

der Gräfin einmal etwas Nützliches geschenkt worden wäre. Ach, wie

übermütig war sie, als sie das neue Geschenk auspackte!

'Da seht einmal her!' rief sie. 'So ausstaffiert werde ich künftig auf

die Bauernhöfe kommen, wenn ich zur Hochzeit koche.'

Die Gräfin dachte wohl, sie habe etwas ganz Besonderes getan, als sie

Ulla diesen Reitanzug schenkte. Es war der englische, den sie in den

letzten Jahren immer getragen hatte, ein langer schwarzer Rock, eine

enganliegende, mit Zobel verbrämte Jacke nebst einem kleinen

Zylinderhut. Der Anzug war aus ausgezeichnetem Stoff gearbeitet und

sicher noch nicht vertragen, aber es war doch ein ganz verrücktes

Geschenk. Der Rock war übermäßig lang, Ulla konnte keinen Schritt darin

machen, und in der roten Jacke sah sie rasend komisch aus. Doch nun

verlangte Ulla, Schneewittchen solle das Kleid jetzt auch anprobieren.

Und als sie es angezogen hatte, waren Großmutter und Ulla ganz entzückt.

'Ach, wie schade,' rief Ulla, 'daß nicht du dieses großartige Geschenk

bekommen hast! Das Kleid sitzt dir ja wie angegossen, gerade als sei es

für dich gemacht.'

Schneewittchen mußte sich vor den Spiegel setzen, Ulla lockerte ihr das

Haar ein wenig und drückte ihr den Hut darauf.

'Seht sie nur an', sagte sie zur Großmutter. 'Sieht sie nicht ganz aus

wie eine kleine gnädige Gräfin? Habt Ihr sie je so niedlich gesehen?'

Aber nun sagte Ulla, Schneewittchen dürfe das Reitkleid ja nicht wieder

ausziehen, bis sie ihr Vater und Moreus darin gesehen hätten.

Und nun muß ich eins sagen: Schneewittchen hätte sich nicht verkleiden

sollen; sie wurde jetzt gleich sehr ausgelassen und meinte, sie sei nun

jemand ganz anderes. Großmutter und Ulla lachten sich fast krank über

sie, als sie vollends anfing, die gnädige Gräfin im Sprechen und im

Gehen nachzuahmen.

Ulla sagte noch einmal, sie würde es ihr nie verzeihen, wenn ihr Mann

das Fräulein nicht als Gräfin sehen dürfte, und sie bestand darauf,

Schneewittchen müsse jetzt gleich ins Wohnhaus mit ihr hinübergehen.

Schneewittchen dachte wohl im stillen: 'Vielleicht hat Vater jetzt, wo

er so ernst geworden ist, keinen Gefallen daran, daß ich mich verkleide.

Früher durfte ich es tun, sooft ich Lust dazu hatte, aber jetzt ist

alles anders geworden.'

Jedoch sie war mutig, weil Ulla dabei war, und so redete sie sich selbst

zu und sagte: 'Es geht doch wirklich nicht an, daß du dich so ganz

unterdrücken läßt. Heute ist ja der Herr Vater wieder ganz wie früher,

und er kann doch nichts Unpassendes darin finden, wenn du das Kleid der

Gräfin angezogen hast.'

Außerdem hatte Schneewittchen noch einen weiteren Trost. Sie glaubte,

der Stiefmutter werde es nicht mißfallen, wenn sie sich auf Kosten der

Gräfin ein wenig ergötzten.

Als sie die Treppe hinuntergingen, kam Ulla ein neuer Gedanke. Sie nahm

Schneewittchen mit nach dem Stall und überredete da den langen Bengt,

den Rappen zu satteln. Der Rappe war ein dickes kleines Pferd, das den

großen Reitpferden auf Borg ganz und gar nicht glich; auch sahen die

Sättel des Pfarrhauses mit ihren gepolsterten Sitzen und Lehnen denen

der Gräfin Märta durchaus nicht ähnlich.

Als der Rappe gesattelt und Schneewittchen aufgestiegen war, lief Ulla

voraus. Mit lauter Stimme rief sie zur Saal- und zur Küchentüre hinein,

die Gräfin Märta komme durch die Allee dahergeritten.

Ei, ei, ei! Welcher Aufruhr entstand im Pfarrhaus! Die Pfarrfrau riß

sich die Küchenschürze so hastig vom Leib, daß der Bund abriß, und eilte

auf die Freitreppe hinaus. Der Pfarrer lief mit solcher Geschwindigkeit

herbei, daß ihm die Perücke ganz schief auf dem Kopf saß, und stellte

sich neben seine Frau. Ulla und der Küster Moreus pflanzten sich hinter

dem Pfarrpaar auf, und auf der untersten Stufe stand das Zimmermädchen

und knickste.

Nun hatte Schneewittchen allerdings eine Reitgerte in der Hand, und sie

gebrauchte sie auch tüchtig; aber deshalb ließ sich der Rappe doch nicht

aus seinem gemächlichen Schritt bringen, und Schneewittchen dachte, das

sei recht gut, denn dadurch würden ja Vater und Mutter sofort erkennen,

wer dahergeritten kam.

Aber war es nicht zu komisch! Die Stiefmutter war wohl von dem roten

Leibrock, in dem die Gräfin nun seit mehreren Jahren immer ausgeritten

war, ganz geblendet und merkte nichts. Kaum aber hatte Fräulein

Schneewittchen mit der Reitgerte gegrüßt und gerufen: '#Bon jour,

monsieur le pasteur!#' wie die Gräfin es zu tun pflegte, als die frühere

Jungfer Vabitz auch schon alle Stufen heruntereilte und eine Verbeugung

machte, als wollte sie in den Boden sinken.

Ach, wie soll ich alles beschreiben? Die Mutter war etwas kurzsichtig,

das wußte Schneewittchen wohl; überdies war es auch Abend und ein wenig

dämmerig, aber das konnte sie sich doch unmöglich denken, daß sie nicht

erkannt worden sein sollte.

Da dachte sie: 'Der Stiefmutter gefällt es, daß ich mich über die Gräfin

lustig mache', denn sie wußte ja, wie erbost sie auf ihre frühere Herrin

war. Nie, nie, nicht mit einem Gedanken fiel es Schneewittchen ein, daß

die Mutter sich vor ihr verneigen könnte. Und sie stand ja da und

strahlte mit dem ganzen Gesicht. So glücklich hatte sie noch niemals

ausgesehen.

Schneewittchen sprang ohne Hilfe aus dem Sattel, ganz wie die gnädige

Gräfin, und warf die Zügel dem langen Bengt zu. Dann wandte sie sich an

die Pfarrfrau, reichte ihr die Hand und sagte:

'#Eh bien#, Raclitz, wie geht es Ihr in der neuen Stellung?'

Aber denk' dir, kaum hatte Schneewittchen das gesagt, als sich die

Mutter auch schon niedergebeugt und ihr die Hand geküßt hatte!

Da endlich begriff Schneewittchen! Die Mutter hatte sich täuschen lassen

und glaubte, die Gräfin selbst sei gekommen, sie zu besuchen. Durch

diese Erkenntnis wurde Schneewittchen so bestürzt, daß sie ausrief:

'Aber Frau Mutter, ich bin es ja nur!'

Da richtete sich die Mutter blitzschnell auf und schleuderte

Schneewittchens Hand weg. Noch einen einzigen Blick warf sie der

Stieftochter zu, dann wendete sie sich jäh um, stürmte die Treppe hinauf

und eilte in die Küche hinein.

Nun versammelten sich die andern, der Vater, der Küster Moreus und Ulla

um Schneewittchen, und alle lachten herzlich über die Verkleidung. Ach,

ach! Ein kleines Weilchen noch mußte sie ihre Rolle weiterspielen, weil

ihr guter Vater so erfreut aussah. Aber eigentlich war sie wie

versteinert; der Blick der Stiefmutter hatte ihr eine furchtbare Angst

eingejagt, und sie dachte: 'Nun habe ich mir die Mutter zum Feind

gemacht. Sie macht sich zwar nichts daraus, wenn man sie ein bißchen

neckt, wenn sie aber jemand geradezu für Narren hält, wird sie es ihm

nie verzeihen.'«

Hier machte die Pfarrerstochter eine Pause, wie um zu hören, was die

Pflegeschwester über die Geschichte denke.

»Eigentlich sollte man nur herzlich darüber lachen,« sagte Anna Brogren,

»aber ich kann es doch nicht, es wird mir im Gegenteil angst und bang

dabei. Erzähle nur rasch weiter, damit ich erfahre, wie schlimm es dir

-- nein, ich meine, wie es Schneewittchen ergangen ist.«

Und die Pfarrerstochter erzählte weiter:

»Ja, ich muß dir wirklich erzählen, was sich Ende September Sonderbares

ereignete. Es ist zwar gar nichts Wichtiges, das wirst du gleich merken;

aber ich glaube, es hat Schneewittchen doch den Mut etwas gestärkt.

Sooft ihr nämlich dieses Erlebnis wieder in den Sinn kam, sagte sie

sich: 'Es ist doch gut, daß noch jemand auf dem Hofe ist, der keine

Angst vor der Stiefmutter hat.'

Denn alle andern, ihr Herr Vater nicht ausgenommen, hatten ja Angst vor

ihr, das sah sie nur zu deutlich, und eins mußte sie auch zugeben: Die

Stiefmutter war wirklich äußerst besorgt um den Vater und bewachte ihn

so sehr, daß er sich kaum noch zu rühren wagte. Aber ach, wie ängstlich

hütete sich der gute Vater auch, nein zu sagen, wenn die Stiefmutter

etwas wollte.

Ja, das war alle Tage deutlich zu erkennen, aber nie deutlicher als

damals, wo er ihr die Erlaubnis zum Branntweinbrennen gab. Jedermann auf

dem Hofe sagte, wenn jemand anders als die Stiefmutter ihn darum

angegangen hätte, würde er niemals eingewilligt haben, denn er sei von

jeher dagegen gewesen. Wenn ihm in früherer Zeit jemand mit diesem

Vorschlag gekommen sei, habe er immer ganz verdrießlich gesagt: 'In

einem Pfarrhaus solle man die Feldfrüchte zum Brotbacken und

Grützekochen verwenden, aber nicht zu diesem unglückseligen Getränke,

das nur allen Menschen zum Verderben erfunden worden ist.'

Der gute Vater hatte sicher dasselbe auch zu der Pfarrfrau gesagt, sie

aber hatte sich nicht abschrecken lassen. Sie sagte, wenn der Pfarrer

den Branntweingenuß in seinem Hause ein für allemal abschaffen wollte,

dann würde sie ihm gewiß beistimmen, da er nun aber doch Branntwein im

Hause habe, sowohl für die Gäste als auch fürs Gesinde, könnte man ihn

doch ebensowohl selbst herstellen, denn wenn man ihn zu Hause brenne,

koste er nur die Hälfte. So sprach sie, und sie quengelte so lange

darum, bis der Vater nachgab.

Als nun zum erstenmal Branntwein gebrannt werden sollte, entlehnte die

Pfarrfrau von einem Nachbarhof einen Kessel mitsamt Hut und Rohr, und

sobald er da war, machte sie sich an die Arbeit.

Während das Maischen und Gären im Gang war, ließ sie der Braumagd keinen

Augenblick Ruhe, und als destilliert wurde, stand sie die ganze Zeit

selbst im Brauhaus drüben. Nein, sicher hätte ihr niemand vorwerfen

können, sie schone sich in irgendeiner Weise!

Der Vater dagegen saß die ganze Zeit, solange die Branntweinbrennerei

dauerte, in seinem Zimmer und tat seiner Frau nicht ein einziges Mal die

Ehre an, den Kopf zur Brauhaustür hineinzustecken und um eine Probe von

dem Getränke zu bitten.

Daran merkte die Pfarrfrau wohl, daß er noch immer gegen die Sache war.

Und über etwas anderes war sie auch nicht im Zweifel: Sobald nur ein

einziger Mensch auf dem Hofe nur im geringsten beduselt wäre, würde er

sofort kommen und das ganze Verfahren einstellen und verbieten. Deshalb

wachte die Mutter mit Argusaugen darüber, daß keines von denen, die ihr

halfen, zu oft eine Kostprobe bekam; und da alle Leute einen

Riesenrespekt vor ihr hatten, gelang es ihr auch, die Ordnung die ganze

Zeit über aufrechtzuerhalten.

Nur ein einziges kleines Mißgeschick ereignete sich.

Die Mutter war mit der Klärung schon ganz fertig und hatte nichts mehr

zu tun als den Branntwein in große Flaschen und Krüge zu füllen.

Außerdem wollte sie auch noch den 'Nachtropfen' versorgen; da er aber

noch warm war, füllte sie ihn in einen Eimer und stellte diesen zum

Abkühlen vor die Brauhaustüre.

Gleich darauf kam der lange Bengt am Brauhaus vorüber. Es zog ihn mit

aller Macht zu dem Eimer hin; aber sofort stand die Mutter unter der

Tür.

'Lieber Bengt', sagte sie. 'Ihr werdet doch davon nicht trinken wollen?

Das ist nicht für Menschen, es ist nur das Spülicht.'

Der lange Bengt machte ein einfältiges Gesicht und ging weiter, indem er

sagte, er sei eben auf dem Wege nach dem Stall, und es sei doch wohl

nichts Strafbares, wenn er am Brauhaus vorbeigehe.

Danach ging er auch richtig in den Stall und holte eine Heugabel, die

die Stallmagd von ihm entlehnt hatte. Diese Heugabel wollte er in die

Scheune zurücktragen. Als nun aber der lange Bengt das Gittertor zum

Wirtschaftshofe öffnete, traf er mit dem großen Bock zusammen, der, die

Nase zwischen den Gitterstäben, nach dem Brauhaus hinüber schnupperte.

Es war ein schöner Tag, alle Ziegen waren im Freien, und die ganze

Schar hielt sich in der Nähe eines Reisighaufens auf, nur der große Bock

stand an dem Gatter.

Aber es ist ein wahres Rätsel, wie der lange Bengt so ungeschickt sein

konnte! Er machte das Gittertor gerade so weit auf, daß der große Bock

sich neben ihm durchdrängen konnte, und danach gab er sich gar keine

Mühe, ihn wieder zurückzutreiben, was er doch eigentlich hätte tun

müssen, sondern er sah nur nach, ob die andern Türen alle geschlossen

waren, damit der große Bock nicht in Vaters Obstgarten und nicht auf der

Mutter Kohlbeete kommen könnte. Wahrscheinlich dachte er, es könnte

nichts schaden, wenn der Bock ein bißchen auf dem Rasen im Hof weidete.

Und nun sollst du hören! Der große Bock würdigte das Gras nicht eines

einzigen Blickes, sondern sprang in kurzem Trab geradeswegs auf das

Brauhaus zu. Und er kam so leicht und elegant dahergetrippelt, daß die

Mutter ihn gar nicht hörte, obgleich die Brauhaustür angelehnt war.

Dieser Bock war von jeher ein richtiger Schlauberger gewesen. Beim

Saufen schlapperte er weder wie ein Hund, noch schlürfte er wie ein

Pferd, sondern er trank so leise, daß niemand merkte, was er tat. Auf

diese Weise hatte er manche Kanne Milch hinter dem Rücken der Viehmagd

ausgetrunken, und jetzt gelang es ihm, den ganzen 'Nachtropfen' in aller

Ruhe auszutrinken, ohne daß die Pfarrfrau auch nur eine Ahnung davon

hatte, was geschah.

Als er jedoch den ganzen Eimer ausgetrunken hatte, fing er nach seiner

Gewohnheit zu meckern an; denn wenn er einen losen Streich ausgeführt

hatte, dann wollte er auch sehen, wie ärgerlich und aufgebracht die

andern über das, was er angestellt hatte, waren, sonst machte es ihm

keine Freude. So meckerte er also lustig drauflos, und im nächsten

Augenblick stand die Mutter auf der Schwelle und sah, daß der Eimer leer

war.

Da ergriff sie eine lange schwarze Backschaufel, die immer in der Ecke

hinter der Brauhaustür stand, und wollte den großen Bock damit

züchtigen. Aber nach der großartigen Bewirtung, die diesem zuteil

geworden war, meinte er gewiß, die Mutter könnte nicht im Ernst böse

sein, und so stellte er sich auf die Hinterbeine vor ihr auf und begann

zu tanzen. Nun war ja der große Bock ein altes großes Tier, und es war

nicht immer so angenehm, wenn man mit ihm zusammentraf. Die Mutter

schlug mit der Backschaufel nach ihm, und wer den großen Bock kannte,

mußte nun glauben, die Sache würde kein gutes Ende nehmen. Auch eilten

nun alle, der Vater und Schneewittchen mitsamt den Mägden, eiligst aus

dem Wohnhaus herbei, um der Pfarrfrau beizustehen. Der große Bock tat

ihr indes nichts zuleide, sondern tanzte nur vor ihr auf und ab, und da

machte der Vater den andern ein Zeichen, sie sollten zurückbleiben und

sich nicht in das Spiel mischen.

Zugleich rief er der Mutter zu, sie solle sich rasch ins Brauhaus

zurückziehen, solange der Bock noch in seiner guten Laune sei.

Aber die Pfarrfrau kümmerte sich nicht um diese Warnung, und schließlich

gelang es ihr, dem Bock einen recht harten, empfindlichen Schlag zu

versetzen. Da ließ er sich auf alle viere nieder; aber damit war nicht

viel gewonnen, denn im nächsten Augenblick sprang er mit einem Satz ins

Brauhaus hinein und benützte da seine Hörner dazu, so viele von den mit

Branntwein gefüllten Flaschen und Krügen umzustoßen, als er nur

erreichen konnte. Und kaum war die Mutter hinter ihm hereingekommen, als

er auch schon wieder hinauswitschte.

Und der große Bock war schlau! Er wußte recht wohl, nun hatte die Mutter

mit dem Aufrichten aller der umgestoßenen Gefäße sehr viel zu tun, da

war er eine Weile sicher vor ihr und konnte in aller Ruhe seiner guten

Laune die Zügel schießen lassen. Zuerst blieb er vor der Brauhaustür ein

paar Sekunden lang ruhig stehen und schaute sich um, dann schritt er

langsam und ernst die Anhöhe zum Wohnhaus hinauf.

Der große Bock hatte meistens ein würdiges und feierliches Benehmen, und

das kam ihm wohl zustatten, denn man hätte von einem so stattlichen Tier

ja nie geglaubt, daß es je daran dächte, einen losen Streich

auszuhecken. Aber noch nie hatte man ihn so großartig gesehen wie jetzt.

Er hob einen Fuß um den andern langsam hoch auf, trug den Kopf stolz

zurückgelegt, streckte die Nase in die Luft und protzte gleichsam mit

seinem langen Bart und seinen großen Hörnern. Es blinkte allerdings

etwas unruhig in seinen Augen, und der hintere Teil seines Körpers

schlenkerte hin und her.

Der Vater glaubte, der Bock sei auf dem Wege zu seinen Ziegen im

Wirtschaftshof; deshalb rief er Schneewittchen und den andern

Frauenzimmern zu, sie sollten dem Bock aus dem Wege gehen und ihn nicht

scheuchen. Wenn aber der große Bock diese Absicht gehabt hatte, dann

änderte er sie jedenfalls, denn als er an der Freitreppe des Wohnhauses

vorüberkam, sah er, daß der, der zuletzt herausgeeilt war, um ihn

fortzujagen, die Haustür offen stehen gelassen hatte. Und war er eben

noch ganz ernsthaft dahingeschritten, so machte er jetzt plötzlich einen

Satz und sprang die Stufen hinauf geradeswegs ins Haus hinein.

Sofort stürzte die ganze Schar der Mägde hinter ihm drein, um ihn

hinauszujagen. Da floh der Bock die Bodentreppe hinauf; als sie ihn aber

auch auf den Bodenraum verfolgten, sprang er zum Bodenfenster hinaus.

Und als er diesen Sprung machte, gab er sich gar nicht erst Mühe, zu

sehen, wie weit es von da auf die Erde hinunterging.

Aber dieses Tier hatte immer Glück, und so war es auch gerade an das

Fenster gekommen, das direkt über dem Dach des Hauseingangs war.

Es war ein kleines, steil abfallendes Dach mit einem ganz schmalen

Giebelspieß in der Mitte, und auf diesen kam der Bock in seinem Sprung

zu stehen. Er konnte von da keinen Schritt machen, ohne

herunterzufallen, weder nach rechts noch nach links, und ebenso

unmöglich schien es auch, daß er wieder auf den Bodenraum zurückgelangen

könnte.

'Rasch hinein mit dir!' rief der Pfarrer und drohte ihm mit dem Stock.

Aber der Bock blieb da stehen, wo er stand. Die Mägde waren voller

Schrecken darüber, wie es nun gehen würde, wieder aus dem Haus

herausgelaufen. Aber der große Bock sah ganz vergnügt aus; er drehte nur

den Kopf und zwinkerte ihnen zu, und man konnte wohl sehen, wie sehr er

sich über ihr Entsetzen freute.

Indessen hatte die Pfarrfrau ihre Flaschen wieder aufgerichtet und trat

nun, mit der Backschaufel in der Hand, heraus, um den Bock zu

vertreiben. Aber als dieser sie sah, zwinkerte er nur noch lustiger als

zuvor; in diesem Augenblick hatte er nicht den geringsten Respekt vor

ihr.

Sie aber schwang die Backschaufel noch einmal gegen den Bock; in

demselben Augenblick zog dieser die Beine an, flog wie ein Pfeil durch

die Luft und landete dicht vor der Pfarrfrau auf dem Boden.

Kaum war er unten angelangt, als er sich auch schon auf die Hinterbeine

aufrichtete und der Mutter einen Stoß versetzte, daß sie umfiel. Darauf

sprang er nach dem Wirtschaftshof davon, war mit einem Satz übers Gatter

weg und tanzte dann seinen Ziegen noch mehrere Minuten lang etwas vor.

Aber im ersten Augenblick dachte niemand mehr an den Bock. Alle rannten

herbei, der Mutter aufzuhelfen. Und wer von allen zuerst zur Stelle war,

das war Schneewittchen. Aber die Mutter stieß sie heftig zurück und

rief:

'Verstelle dich nur nicht! Ich weiß wohl, wie du gegen mich gesinnt

bist, denn ich sehe, daß du dich über meinen Unfall freust! Ja, lache

nur, solange du kannst, ich weiß jemand, der dich zum Weinen bringen

wird!'

Und es ist allerdings wahr, Schneewittchen sah nicht so schrecklich

ängstlich aus. Sie hatte ja über den Bock lachen müssen, und da war ihr

Gesicht noch nicht wieder ganz ernsthaft geworden.

Aber die Worte ihrer Stiefmutter genügten, sie für den ganzen übrigen

Tag betrübt zu machen.

Und du, meine liebe Pflegeschwester, wirst wohl verstehen, daß dieses

dem Schneewittchen nicht gerade neuen Mut einflößte. Nein, das tat ein

Traum, den sie in der folgenden Nacht hatte.

Da sah Schneewittchen wieder den Bock vor sich, wie er da droben auf dem

Dachfirst des Hauseingangs stand; aber jetzt war es kein wirklicher Bock

mehr, sondern alle Freudigkeit und aller Humor, die von jeher in diesem

Hause gewohnt hatten, waren da auf das Dach hinausgestiegen und machten

sich über die Stiefmutter lustig. Und der Bock in Schneewittchens Traum

konnte sprechen, und er sagte zu der Stiefmutter, es werde ihr nicht

gelingen, dieses Haus zu einem kalten, harten Gefängnis zu machen, wie

sie es gerne möchte, denn es sei zuviel von dem alten Geiste da, der

leiste ihr Widerstand.

Und als Schneewittchen dann erwachte, dachte sie, das sei ganz wahr, und

nun war es ihr, als sei sie nicht mehr so ganz allein in ihrem Kampf

gegen die Stiefmutter.«

»Und du kannst dich darauf verlassen, sobald ich Schneewittchen wieder

besuche, werde ich dem großen Bock ein paar Brotlaibe mitbringen!« sagte

Anna Brogren, als die Pfarrerstochter eine Pause machte.

»Ach, ich fürchte, dieser Schmaus kommt zu spät«, versetzte die

Pfarrerstochter; »denn im letzten Brief, den ich von Schneewittchen

bekam, berichtete sie gerade, die Stiefmutter habe den großen Bock

schlachten lassen.«

»Ei, sieh, ei, sieh!« sagte die Pröpstin nachdenklich. »Aber tat denn

Schneewittchens Vater gar nichts dagegen und ließ den Bock einfach

schlachten? Ich sage dir, jetzt bekomme ich wirklich Angst, diese

Stiefmutter werde Schneewittchen noch einmal etwas Böses antun.«

Aber da entgegnete die Pfarrerstochter rasch: »Ach nein, dem

Schneewittchen tut sie wohl nichts zuleid; sie meint im Gegenteil,

Schneewittchen denke an nichts anderes, als wie sie die Stiefmutter

recht ärgern könnte.«

»Das müßte sie doch besser wissen.«

»Ach, es trifft sich auch immer so schlimm für Schneewittchen; und ich

will dir gleich noch eine Geschichte erzählen, damit du siehst, wie

unglücklich es Schneewittchen immer geht.«

»Ja, ich will die Geschichte bis zu Ende hören«, versetzte die Pröpstin;

»aber ich sehe eben doch, daß Schneewittchen in Gefahr ist und nicht

ihre Stiefmutter.«

»Du weißt doch,« fuhr die Pfarrerstochter fort, »daß Schneewittchens

Vater selbst den ganzen Garten des Pfarrhofs angelegt hat. Ihm allein

hatte man die Stachelbeeren und Johannisbeeren und die herrlichen

Erdbeerländer und die Gewürzbeete sowie auch den Rosengarten auf der

Westseite des Hauses zu verdanken.

Aber das prächtigste von allem waren doch die Apfelbäume. Der Vater

hatte alle selbst gepflanzt und gepfropft, und weit und breit gab es

gewiß keine so herrlichen Äpfel wie die des Pfarrgartens. Wenn

Schneewittchen von diesen Äpfeln aß, meinte sie immer, sie seien aus

lauter Sonnenschein und Sommerwärme bereitet.

So schöne Äpfel wie in diesem Sommer hatte Schneewittchen noch nie in

ihres Vaters Garten gesehen. Ach, die herrlichen Paradiesäpfel, die

Astrachaner und Goldparmänen, die Renetten und Winteräpfel! Die Bäume

hingen zwar vielleicht nicht ganz so voll wie sonst, aber die Früchte

waren darum um so schöner. Nicht ein einziger Apfel war wurmig; alle

waren gleich groß und schön geformt. Alle Astrachaner leuchteten

durchsichtig hell, alle Goldparmänen glänzten goldgelb, alle

Paradiesäpfel schimmerten dunkel grünlichrot, und alle Winteräpfel

hatten glühend rote Bäckchen.

Ja, wirklich, die Äpfel waren so wundervoll, daß man in der ganzen

Gegend davon sprach. Groß und schön glänzten sie bis auf die Straße

hinaus, und die Vorübergehenden kamen oft in den Hof herein und baten,

ob sie nicht in den Garten hineingehen und die Äpfel ansehen dürften.

Aber nun muß ich etwas sagen. So schön und gut die Äpfel auch waren, so

hatten die Pfarrleute doch auch ihren Ärger damit, und in den andern

Jahren war immer eine große Menge von den Äpfeln des Pfarrgartens

gestohlen worden. In diesem Jahr jedoch kam kaum ein einziger Apfel

weg, denn die Pfarrfrau hielt unermüdlich Wache darüber. Von Ende August

an, wo die Äpfel allmählich reif wurden, war sie immer draußen im

Obstgarten, und sie wachte auch jede Nacht dort.

Ja, sie tat sogar noch mehr als das. Sie hütete die Äpfel auch vor den

Hausbewohnern. Die Gattertüren wurden mit Vorlegschlössern versehen, und

die Schlüssel dazu verwahrte die Pfarrfrau in ihrer eigenen Tasche. Wenn

sie dann einen recht süßen schimmernden Astrachaner fand, brach sie ihn

wohl für den Vater; aber weder Großmutter Beata noch Schneewittchen

bekamen je auch nur einen einzigen Apfel zu kosten.

Ach, in den andern Jahren hatte man zwar keine so schönen Äpfel, aber

mehr Freude davon gehabt! Da war niemand auf den Hof gekommen, der seine

Lust nach einem Apfel nicht hätte stillen dürfen. Und man gab nicht nur

den eigenen Hausbewohnern, sondern wer nur zu Besuch kam, durfte die

Äpfel versuchen, und die meisten erhielten auch ein Bündelchen mit auf

den Weg.

Aber nicht einmal dann bekam irgend jemand einen davon zu essen, als die

Äpfel von den Bäumen gebrochen wurden, denn diese Arbeit besorgte die

Pfarrfrau ganz allein. Sie zog Handschuhe an und brach jeden einzelnen

Apfel sehr fürsorglich von seinem Ast, damit keiner angestoßen oder

verletzt wurde.

Schneewittchen kam es freilich ein wenig bitter vor, daß sie gar keine

von den Äpfeln bekam, während sie noch die erste Sommersüße hatten; aber

sie tröstete sich mit dem Gedanken, wie schön es dann sein würde, wenn

sie im Spätjahr und den ganzen Winter hindurch Äpfel zu essen hätten.

Die Stiefmutter verstand sie auch sicher so gut aufzubewahren, daß sie

nicht faulten.

Aber die Mutter hatte andere Pläne mit den Äpfeln, das mußte

Schneewittchen bald merken. Nein, nicht im Pfarrhaus sollte all das

schöne Obst gegessen werden, daran dachte die Pfarrfrau keinen

Augenblick.

Der Pfarrer hätte gewiß auch seine Äpfel gerne daheim behalten wie in

den andern Jahren. Aber die Pfarrfrau hatte ausgerechnet, daß man Geld

damit verdienen könnte, und so wollte sie die ganze schöne Obsternte auf

dem Brobyer Markt verkaufen.

Und es geschah, wie die Mutter es wollte. Mit zwei schwerbeladenen Wagen

voll Äpfel nebst einem Knecht und einer Magd, die ihr beim Verkauf

helfen sollten, fuhr sie zu Markte.

Als sie auf dem Marktplatz angekommen war, stellte sie einen Tisch auf,

öffnete die Kisten und Fässer und legte die Äpfel zum Verkauf aus. Nein,

sie fürchtete sich wirklich vor keiner Arbeit! Grobe Handschuhe an den

Händen und einen großen Schal umgebunden, stand sie hinter dem Tisch und

bot die Äpfel feil. Sie konnte sich einfach nicht dazu entschließen,

jemand anders mit dieser Sache zu betrauen. Und ich muß sagen, die Ware

konnte sich sehen lassen, und die Pfarrfrau konnte stolz darauf sein.

Wundervoll im herrlichsten Rot und Grün und Gelb und Weiß leuchtete es

von ihrem Stand, und die Leute strömten schon der Augenweide wegen

herbei. Auf den großen Brobyer Markt kamen immer die Gärtner von den

sörmländischen Schlössern und von den großen Herrenhöfen von Nässet;

aber keiner von allen konnte so schönes Obst auslegen wie die Pfarrfrau.

Sobald sie alles zum Verkauf bereit hatte, eilte auch gleich eine Menge

Leute herbei und fragte nach dem Preise der Äpfel. Aber da verlangte sie

einen so hohen Preis, daß die Leute ganz bestürzt wurden und nicht

kaufen wollten.

Und siehe, schließlich mußte die Pfarrfrau wirklich trotz ihrer

wundervollen Auslage sehen, wie die Marktbesucher ihre Einkäufe bei

ihren Nachbarn machten! Aber sie gab nicht nach und setzte ihren Preis

nicht um einen einzigen Heller herunter, ja, sie verlangte gerade

doppelt soviel wie alle andern. Sie dachte wohl, später am Tage, wenn

die Fremden ihr Obst verkauft hätten, würden ihre Äpfel schon an die

Reihe kommen.

Vielleicht rechnete sie auch noch mit etwas anderem. Sie wußte wohl,

wieviel Branntwein immer auf dem Brobyer Markt getrunken wurde, und daß

mittags um zwölf Uhr kaum noch ein nüchterner Mann da zu finden war, und

so meinte sie, die Bauersleute würden es am Nachmittag nicht mehr so

genau mit dem Gelde nehmen.

Und es sah auch aus, als sollte Schneewittchens Stiefmutter recht

behalten. Je später es wurde, desto mehr Leute versammelten sich um

ihren Stand. In erster Linie alle Kinder, Jungen und Mädchen, die auf

dem Markt waren. Diese standen um den Tisch herum, mit einem Finger im

Mund, und schauten gar sehnsüchtig nach den Äpfeln hinüber, es hätte

einem wirklich das Herz rühren können. Die Kinder hatten natürlich

nichts, um zu kaufen, aber es standen auch Erwachsene herum, die ihre

Augen nicht von dem schönen Obst abwenden konnten.

Immer wieder trat der eine oder der andere näher und fragte nach dem

Preis. Aber die Pfarrfrau blieb dabei und verlangte ebensoviel wie am

Morgen. Jetzt, wo alle andern Äpfel verkauft waren, wollte sie nicht

abschlagen, denn sie war fest überzeugt, daß sie nun doch noch an die

Reihe käme.

Schneewittchens Stiefmutter sah wohl, wie aller Gesichter um sie her vor

Verlangen nach den Äpfeln glühten, und jeden Augenblick dachte sie:

'Jetzt können sie nicht mehr widerstehen, es muß nur erst einer

anfangen.'

Aber es währte länger und immer länger, und schließlich glaubte sie

selbst, sie müsse am Ende mit ihren schönen Äpfeln wieder heimfahren.

Doch nun wollte sie einen letzten Versuch machen, und so trug sie der

Magd auf, Fräulein Schneewittchen zu holen, die zwischen den Marktbuden

umherging, um für alle daheim, die nicht mit auf den Jahrmarkt gedurft

hatten, kleine Geschenke einzukaufen.

Als Schneewittchen zu ihrer Stiefmutter hinkam, sagte diese,

Schneewittchen solle jetzt eine Weile ihre Stelle einnehmen und die

Äpfel verkaufen; sie habe nun solange auf einem Fleck gestanden und ganz

kalte Füße bekommen, sie müsse sich deshalb ein wenig Bewegung machen.

Ach, Schneewittchen war es außerordentlich zuwider, da auf dem Brobyer

Markt verkaufen zu sollen! Aber sie wagte sich der Mutter nicht zu

widersetzen. So zog sie denn deren Handschuhe an, band sich den Schal um

und nahm den Platz hinter dem Tisch ein. Und nach vielen Ermahnungen,

sich streng an den festgesetzten Preis zu halten, durchaus nicht mit

sich handeln zu lassen und selbst keine Äpfel zu essen, ging die

Stiefmutter ihres Wegs.

Aber wenn die Mutter gedacht hatte, die Leute würden von ihrer

Stieftochter eher kaufen als von ihr, dann hatte sie sich verrechnet.

Das Fräulein mußte hinter ihrem Tisch stehen und ihre Äpfel bewachen,

konnte jedoch nicht einen einzigen davon verkaufen. Es ging ihr genau

wie der Mutter; der dichte Kreis von großen und kleinen Leuten

verringerte sich zwar nicht, aber niemand kaufte.

Doch nun kamen zwei halbbetrunkene Bauernburschen mit ihren Mädchen am

Arm daher und drängten sich durch den Haufen der Herumstehenden vor. Es

war eine laute, ausgelassene Gesellschaft, die Burschen hatten Geld in

der Tasche, mit dem sie klimperten, und sie waren in der richtigen

Laune, etwas draufgehen zu lassen. Schneewittchen bekam zwar Angst vor

ihnen und wäre am liebsten davongelaufen, blieb dann aber doch stehen,

in der Hoffnung, nun endlich etwas zu verkaufen.

Die jungen Leute drängten sich auch ganz bis zum Tisch hin, und der

vorderste fragte gar nicht nach dem Preis, sondern legte sofort seine

große Faust auf einen Haufen der schönsten Äpfel. Zugleich sah er die

Pfarrerstochter an und versuchte so nüchtern und bieder wie nur möglich

auszusehen.

'Woher sind denn diese Äpfel?' fragte er.

Und die Pfarrerstochter antwortete, sie seien aus ihres Vaters Garten.

'Ja, da bin ich schon oft gewesen, ich kenne Euren Vater und auch Euch

recht wohl. Das ist ein guter Mann, Euer Vater.'

Schneewittchen erwiderte einige freundliche Worte, denn es gefiel ihr,

daß der Bursche so gut von ihrem Vater sprach.

'Ja, Ihr und Euer Vater seid alle beide gute Leute', fuhr der Bursche

fort. 'Ja, Ihr seid so gut, daß Ihr es einem armen Burschen wohl gönnet,

Eure Äpfel zu versuchen, ohne dafür zu bezahlen.'

Und ehe Schneewittchen recht begriff, was er im Schilde führte, hatte er

eine Handvoll der schönen Äpfel ergriffen und war auf und davon

gelaufen.

Und das Mädchen, das er am Arm gehabt hatte, packte auch rasch ein paar

Äpfel und lief hinter ihm drein. Ganz ebenso machte es dann auch das

nächste Paar.

Aber Schneewittchen war auf so etwas natürlich gar nicht gefaßt gewesen.

Wie hätte sie sich das denken können! Sie war ganz außer sich, als diese

Burschen und Mädel sich mit so vielen Äpfeln, für die sie kein Geld

bekommen hatte, aus dem Staube machten. Im ersten Augenblick wollte sie

ihnen nachlaufen, um ihnen die Äpfel wieder abzujagen; sie wagte es aber

doch nicht, sondern schickte den Knecht und die Magd nach, die hinter

ihr standen. Zugleich aber sah sie, daß der ganze Volkshaufen sich noch

näher an den Tisch herandrängte.

'Jetzt kaufen sie doch noch', dachte sie, und ihr gesunkener Mut hob

sich wieder.

Aber die und kaufen! Oh, kein Gedanke, sondern sie sprangen vor, packten

so viele Äpfel, als sie konnten, und riefen zugleich, sie und ihr Vater

seien ja so gut, da verlangten sie sicher nicht, daß arme Leute so ein

paar Äpfel bezahlten. Und alle die kleinen Jungen, die sich den ganzen

Tag lang an den Äpfeln fast blind gesehen hatten, rissen ihre Mützen

herunter und füllten sie sich; und alle die kleinen Mädchen, denen vor

lauter Begierde das Wasser im Munde zusammengelaufen war, stürzten auch

vor und strichen sich die Äpfel ungezählt in ihre Schürzen.

Schneewittchen legte sich weit über die Äpfel vor, um sie mit ihrem

Körper zu beschützen. Aber was half das? Sie weinte und bat und rief,

sie machten sie unglücklich. Aber wer fragte danach? Es waren nicht nur

kleine Buben und Mädel, die die Äpfel an sich rissen, sondern auch

Erwachsene, und alle lachten vergnügt und hielten die ganze Sache nur

für einen kleinen Jahrmarktsscherz. Und sooft wieder jemand einen Apfel

packte, rief er ihr zu, sie und ihr Vater seien ja so gute Leute, daß

sie ihnen wohl ein paar Äpfel gönnten.

Schneewittchen schlug um sich, und Schneewittchen rief nach Hilfe, aber

die Äpfel waren verloren. Die Marktleute stülpten den Tisch um, wälzten

die Kisten und Fässer herbei und rissen die Äpfel an sich. Es waren auch

viele Raufbolde auf dem Markt, die sich nun mit in den Tumult mischten.

Da gab es Streit und eine wilde Schlägerei, und Schneewittchen mußte

sich zurückziehen und ihre Äpfel im Stich lassen, sonst wäre sie

zertreten worden.

Gerade da kam die Mutter zurück und fand die Stieftochter ausgeplündert,

verlassen und vor Zorn und Entsetzen laut weinend. Die Stiefmutter faßte

sie am Arm und schüttelte sie. 'Warte nur, bis wir heute abend nach

Hause kommen,' sagte sie, 'da werde ich dich lehren, meine Äpfel zu

verschenken!'

Und man konnte sich ja über den Ärger der Stiefmutter nicht wundern;

aber Schneewittchen war es recht schwer, daß die Mutter glaubte, sie

habe es mit Absicht getan.

Ach, war das eine schwere Heimfahrt vom Markte! Sie saßen miteinander im

Wagen, der Vater, die Mutter und Schneewittchen. Im Anfang versuchte der

Vater, die andern wie sonst freundlich zu unterhalten. Aber die Mutter

saß stocksteif mit fest zusammengekniffenen Lippen in der Wagenecke und

erwiderte kein Wort. Schneewittchen aber weinte nur immerfort. Der gute

Vater konnte sich gar nicht einmal sosehr grämen; auch ergötzte er sich

wohl ein wenig darüber, daß die Leute gerufen hatten, er sei gar so gut

und gönne ihnen die Äpfel gewiß auch ohne Bezahlung. Außerdem versuchte

er wohl auch, sich den Mut aufrechtzuerhalten, indem er alle Marktleute,

an denen sie vorüberfuhren, anredete und sie fragte, ob sie ihre Kühe

gut verkauft, was sie für ihre Schafe bekommen und ob sie nicht auch

einige von seinen Äpfeln gesehen hätten.

Aber nach einiger Zeit wurde Vater sonderbar still; er wendete sich

nach der Mutter um und sah sie lange unverwandt an. Dann starrte er

wieder lange vor sich hin, und da sah er plötzlich alt und müde aus.

Wieder nach einer Weile merkte ich, daß Vater jetzt auch mich lange und

betrübt ansah. Es war, als wolle er mir ganz bis auf den Grund meines

Herzens sehen.

Dann sagte er plötzlich: 'Du wirst deiner Mutter sehr ähnlich', und er

nahm meine Hand zwischen seine beiden und streichelte sie ganz sachte.

Es war, als wollte mich der gute Vater beruhigen und mich fröhlich

machen. Und ich dachte: 'Der Herr Vater versteht, daß ich es nicht mit

Absicht getan habe; er weiß, daß ich nicht so bin.'

Er behielt meine Hand in der seinigen, bis wir zu Hause ankamen. Aber er

beugte sich immer weiter vor, und als wir daheim waren, sank er ganz

zusammen und machte keinen Versuch, auszusteigen, als Mutter und ich

aufstanden. Ich glaubte, er sei tot.

Aber so schlimm war es doch nicht, obgleich es wohl nahe genug daran

gewesen war.«

Hier machte die Pfarrerstochter eine Pause. Ihre Stimme bebte, und sie

brauchte Zeit, sich zu beruhigen, ehe sie weitersprechen konnte.

»So, nun weißt du, wie es mir hier geht«, sagte sie dann. »Die

Stiefmutter mag mit mir machen, was sie will, ich kann bei Vater nicht

klagen, denn ich fürchte, der Schlag könnte ihn dann wieder treffen wie

damals, als er vom Brobyer Markt nach Hause fuhr und an unseren

Unfrieden dachte.«

»Aber sieht er es denn nicht selbst?«

»Das ist wohl möglich, aber er kann nichts mehr tun. Es sieht jetzt aus,

als sei er wieder gesund, aber ich weiß wohl, wie schwach er ist.

Niemals kann Vater wieder so werden, wie er an jenem Morgen war, als wir

miteinander zu den Mähern auf den südlichen Anger hinausgingen.«

Liljecronas Heimat · 第 11 / 28 题