Dann erst ging sie mit der Großmutter.«

»Das war schade«, sagte die Pflegeschwester. »Man hätte sie ruhig weiter

machen lassen sollen.«

»Nein, Großmutter führte sie fort, und sobald Schneewittchen in deren

Zimmer angekommen war, brach sie in Tränen aus. Das war wieder etwas

Neues. Noch nie hatte sie so bitterlich geweint. Sie weinte stundenlang

ununterbrochen fort, und die ganze Zeit hatte sie das Gefühl, als sei

etwas Fremdes, das sie in all den Jahren, die sie bisher gelebt hatte,

im tiefsten Herzen verborgen getragen, nun erwacht und habe Gewalt über

sie bekommen. Ja, sie fühlte es ganz deutlich: tief in ihrem Herzen

wohnte ein alter Drache oder ein unheimliches Raubtier. Ach, ach! Sie

fürchtete sich vor diesem Ungeheuer so sehr, daß sie das andere Unglück

fast darüber vergaß. Die Erkenntnis, daß etwas so Ungezähmtes und

Gefährliches in ihrem Herzen wohnte, jagte ihr einen furchtbaren

Schrecken ein; das heißt, eigentlich konnte sie ja nichts dafür, daß es

da war; sie durfte es nur nie, nie wieder zum Vorschein kommen lassen.«

»O du grundgütiger Himmel!« rief die Pflegeschwester mit zärtlicher

Stimme. »War denn das Schneewittchen noch nie zornig gewesen?«

»Schließlich sank sie in einen tiefen Schlaf,« fuhr die Pfarrerstochter

fort, »der ihr Vergessen brachte, und aus dem sie erst am nächsten

Morgen erwachte, als die Sonne hinter dem Berg aufging und ihr ins

Gesicht schien. Da fiel ihr das ganze Unglück wieder ein, und sie wußte

nicht, was sie tun sollte.

Aber sie brauchte sich nicht lange zu besinnen, denn ein paar Minuten

später trat das Zimmermädchen herein und richtete von der Frau Pfarrer

aus, das Fräulein solle aufstehen und sich an den Webstuhl setzen.

Es war noch nicht einmal ganz vier Uhr, so früh war Schneewittchen sonst

nie aufgestanden. Sie hatte freilich früher auch gearbeitet, aber nur

nach ihrem eigenen Gutdünken, und wie es ihr selbst beliebte. Schon

wollte sie wieder zornig werden; aber dann mußte sie an die Wildheit in

ihrem Herzen denken, und sie bekam Angst, diese könnte wieder

losbrechen.

Nachdem sie ein paar Stunden am Webstuhl gesessen hatte, verstand sie

besser, wie alles gekommen war. Nicht eingeschmeichelt hatte sich

Jungfer Vabitz bei ihrem Vater, sondern sie hatte ihm so lange die

Wahrheit gesagt, bis ihm die Augen dafür aufgegangen waren, welch eine

unschätzbare Stütze sie ihm und seiner Tochter sein würde. Und da ihr

guter Vater nun hatte sehen müssen, wie wenig die Tochter sein kluges

Vorgehen zu schätzen gewußt hatte, war er gewiß jetzt sehr empört über

sie.

Als es sieben Uhr war, wurde Schneewittchen zu ihrem Herrn Vater

hineingerufen, um verwarnt und ermahnt zu werden; und etwas anderes

hatte sie ja auch nicht erwartet. Der gute Vater war indes schrecklich

unbehilflich, als er sie ermahnte, und so wäre Schneewittchen fast aufs

neue zornig geworden. Sie ließ es aber nicht soweit kommen, sondern bat

die beiden herzlich um Verzeihung und küßte beiden, der Vabitz und dem

Vater, die Hand. Ach, sie sah wohl, wie leicht es dem Vater ums Herz

wurde, als dieses geordnet war und er wieder Frieden im Hause hatte!«

»Und so etwas kann geschehen, während andere Leute nur ein paar Meilen

entfernt sind und nichts davon wissen!« rief die Pflegeschwester mit

tränenerstickter Stimme. »Da hätte ich dabei sein sollen!«

»Oh, es war recht gut, daß niemand da war, der Schneewittchen

aufstachelte«, versetzte die Pfarrerstochter.

»Sie war recht froh, sich so versöhnlich gezeigt zu haben, denn als sie

die beiden beisammen sah, wurde ihr bald klar, wer am meisten zu

bedauern war. Nein, nicht sie war am unglücklichsten dran, denn sie war

jung, sie konnte sich verheiraten und eine eigene Heimat bekommen; aber

bei dem Vater war das ganz anders, er konnte Jungfer Vabitz jetzt nie

wieder loswerden, sondern mußte sie bis ans Ende seines Lebens behalten.

Das bedeutete so viel, als immerfort in grauem Winter ohne

Sommersonnenschein leben zu müssen. Ja, ihr Vater war zu bedauern, nicht

sie!

Aber so versöhnlich sie auch sein wollte, so konnte sie doch wieder

nicht anders als sich über ihren Vater ärgern, als dieser nach einer

Weile ans Küchenkammerfenster kam und sie fragte, ob sie mit ihm

spazierengehen wolle. Sie antwortete, es sei ihr unmöglich, weil die

Mutter befohlen habe, es müßten vor dem Frühstück so und so viele Ellen

Tuch fertig gewoben sein.

Im ersten Augenblick wollte der Vater sagen, sie solle trotzdem nur

mitkommen. Aber dann überlegte er sich wohl, daß es nicht anging, schon

am ersten Morgen die Befehle der Mutter umzustoßen. Und so ging er vom

Fenster weg und ließ Schneewittchen am Webstuhl sitzen. Das aber hatte

sie nie und nimmer erwartet! Ach, es war ihr, als müßte ihr das Herz

aufhören zu schlagen! Nun hatte sie ihren Vater verloren, das fühlte sie

deutlich.«

Hier wurde die Stimme der Pfarrerstochter von Tränen erstickt, und sie

verstummte. Auch Anna Brogren sagte nichts mehr, aber sie weinte ganz

vernehmlich. Und die Kleine hätte auch geweint, wenn sie nicht so große

Angst gehabt hätte, die andern würden es hören.

Liljecronas Heimat · 第 10 / 28 题